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2 Grundlagen der historischen Entwicklung Afghanistans
Ein- und Durchzugsgebiet der Steppenvölker Asiens
Das Gebiet des heutigen Afghanistan schaut auf eine
mehrere tausend Jahre alte Geschichte zurück, wobei es
besonders durch immer wieder neue durchziehende
Völker und Kulturen aus den zentralasiatischen Steppen
in Richtung Süden geprägt wurde. Erste hochstehende
Kulturen lassen sich bereits für das 4. Jahrtausend v. Chr.
nachweisen. Früh wurde die Region zu einer wichtigen
Drehscheibe von Handelsgütern des östlichen Mittelmeeres und Persien, von China und Indien.
Im 6. Jahrhundert v. Chr. gerieten die afghanischen
Oasenstädte wie Herat und der wichtige Khaiber-Pass
unter die Herrschaft der Perserreiches.
Teil der hellenistischen Welt
In den Jahren 330/329 v. Chr. stieß der Makedonenkönig
Alexander mit seinem Heer über den Hindukusch in das
Gebiet des heutigen Usbekistan und Tadschikistan vor.
Im Zuge seiner Eroberungen gründeten die Griechen
mehrere Städte, darunter auch das spätere Kandahar.
Die Herrschaft Alexanders währte allerdings nur wenige
Jahre. Alexander starb 323 v. Chr. und sein Reich zerfiel
(Diadochen-Reiche). Allerdings hatte sich in diesen Jahren die hellenistische Kultur beiderseits des Hindukusch
fest­gesetzt. Als eines der Nachfolgereiche entstand das
Grie­chisch-Baktrische Reich, welches bis Mitte des
1. Jahr­hunderts v. Chr. Bestand haben sollte und sich
zeitweise bis nach Indien ausdehnte. Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. erlebte der Hellenismus in Mittelasien
seine größte Blütezeit.
Ein Schicksal, das vielen Reichen zuvor und danach
wiederfuhr, ereilte letztlich auch das Griechisch-Baktrische Reich, das dem Druck einfallender Völker aus
Zentralasien Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. zum Opfer
fiel. Die Region blieb jedoch auch in den nachfolgenden
Jahrhunderten Bestandteil wichtiger Reiche wie dem
der Parther, der Kuschan oder der Sassaniden. Als solches war sie auch weiterhin ein Bindeglied der Handelsrouten zwischen dem Römischen Reich und China.
Die islamisch-arabische Expansion
Einen tiefgreifenden Einfluss sollte die rasche Expansion
der Araber und mit ihnen des Islam im 7. Jahrhundert
haben. Die persischen Lokalfürsten beiderseits des Hindukusch gerieten in Abhängigkeit des arabischen Kalifen. Bis zum Ende des 10. Jahrhunderts setzte sich der
Islam schrittweise als dominierende Religion unter den
dortigen Stämmen durch. Die Stadt Masar-e Scharif
stieg sogar zu einem wichtigen Wallfahrtsort des Islam
auf, da dort angeblich die Grabstätte des 4. Kalifen Ali
ibn Abi Talib, Schwiegersohn Mohammeds, zu finden sei.
Über die Frage seiner Nachfolge sollte es letztlich zur
Spaltung des Islam in Sunniten und Schiiten kommen.
Turkstämme und Mongolen
Den Arabern folgten im 10., 11. und 12. Jahrhundert verschiedene Turkdynastien, verbunden mit der Einwanderung von Turkstämmen, aus denen später die ­Turkmenen
und Usbeken hervorgehen sollten.
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M 1  Afghanistan (Baktrien) wird durch die Eroberungen des Makedonenkönigs Alexander Teil
der hellenistischen Welt
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2 Grundlagen der historischen Entwicklung Afghanistans
den Indischen Ozean (Folge der sogenannten „Entdeckungsfahrten“ der Portugiesen und Niederländer), taten
ein Übriges. Afghanistan geriet zunehmend ins Abseits.
Eine weitere gravierende Zäsur stellte für Mittelasien
der sogenannte Mongolensturm ab 1220 dar, der große
Zerstörungen mit sich brachte (die Zerstörung alter Bewässerungsanlagen führte u. a. zur Versandung großer
Gebiete im Südwesten), jedoch auch die Region in das
mongolische Großreich vom Chinesischen bis zum
Schwarzen Meer einband. Dies ermöglichte bald schon
wieder eine neue wirtschaftliche Blüte als Durchgangsstation des Fernhandels zwischen China, Indien und
dem Mittelmeerraum.
Zu den besonders begehrtesten Handelsgütern sowohl im Westen als auch im Osten zählte der blaue Halb­
edelstein Lapislazuli aus dem Nordwesten des Gebiets
des heutigen Afghanistan, aus dem die Farbe Ultramarin gewonnen wurde. Als teuerste Farbe ihrer Zeit wurde
der zermalende Lapislazuli seit dem 15. Jahrhunderts zur
Farbe der Jungfrau Maria auf allen sakralen Gemälden
der Christenheit und gewann damit enorme Bedeutung
für die Malerei der Renaissance.
Das paschtunische Reich der Durrani
Als im 18. Jahrhundert die Macht der Perser und der Groß­
moguln schwand, entstand ein Machtvakuum, welches
den Aufstieg der Paschtunen ermöglichte. 1747 gelang
es erstmals, die mehrere Paschtunenfürsten in einem
föderativen Reich unter einem Herrscher, Ahmad-Schah,
zu einen. Das sog. Durrani-Reich, das bald darauf seine
Hauptstadt nach Kabul verlegen und zeitweise weit nach
Indien, Kashmir und Persien hineinreichen sollte, wurde
zur Grund­lage des späteren afghanischen Staates.
Emir Ahmad-Schah hinterließ bei seinem Tod 1773
nicht weniger als 24 Söhne, die sich bald um die Macht
stritten. Die Zeit der inneren Wirren dauerte bis 1834.
Erst Emir Dost Mohammed gelang es, die Stämme wieder teilweise zu einen. Doch allein schon dadurch, dass
ein nicht unbeträchtlicher Teil der Bevölkerung als
­Nomaden ohne festes Siedlungsgebiet lebte, blieb es
schwierig, Ansätze einer modernern Staatlichkeit durchzusetzen.
Verlagerung der Welthandelsströme –
Afghanistan gerät ins Abseits
Die Region beiderseits des Hindukusch geriet allerdings
im 16. Jahrhundert ins Fadenkreuz des persischen Safawiden-Reiches im Westen, des Mogul-Reiches im Süd­
osten sowie der turkstämmigen Khanate im Norden und
erlebte so einen schleichenden Niedergang. Der Verlagerung der Fernhandelsströme zwischen Ostasien und
Europa infolge des Bedeutungsverlusts der ­Seidenstraße,
hervorgerufen durch den neuen Seeweg von Europa in
Zeit des Imperialismus –
Das „Great Game“ am Hindukusch
In dieser Situation geriet die Region ins Fadenkreuz von
zwei expandierenden, imperialistischen Mächte: das
Zaren­reich Russland und Großbritannien. Seit Ende des
18. Jahrhunderts begann die britische East India Compa-
M 2  Der föderative Zusammenschluss paschtunischer Stämme Mitte des 18. Jahrhunderts legte
die ersten Grundlagen für den späteren Staat Afghanistan
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MGFA
Arabisches Meer
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600
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ny ihren politischen und wirtschaftlichen Einfluss immer
offensiver auszuweiten. Im Kampf um Absatzmärkte und
Handelswege schreckte die Handelsgesellschaft auch
vor Kriegen nicht zurück, was 1838–1842 zum 1. AngloAfghanischen-Krieg führte. Nachdem Russland Persien
1837 ermuntert hatte, den Westen Afghanistans zu besetzen, intervenierte die East India Company militärisch.
Der Versuch, Afghanistan unter britische Kontrolle zu be­
kommen, scheiterte jedoch vorerst. Angesichts der wach­
senden Einflussnahme Russlands in Mittelasien blieb
aber Afghanistan fest im Blickfeld der britischen Außenpolitik.
Die Rivalität der beiden europäischen Großmächte
spitzte sich Ende des 19. Jahrhunderts zu. Nach der Niederlage Russlands im Krimkrieg 1853–1956 konzentrierte
das Russische Reich seine Expansionspolitik auf Zentral­
asien. In den 1860er- und 1870er-Jahren unterwarf Russ­
land die lokalen turkmenischen und usbekischen Fürs­
tentümer und drang anschließend in das Pamir-Gebirge
ein.
Briten und Russen ziehen die afghanischen Grenzen
In Indien hatte nach dem Sepoy-Aufstand 1857–1858 die
britische Regierung die East India Company aufgelöst
und deren Besitzungen direkt der britischen Krone unterstellt. Sie war entschlossen, dem weiteren Vordringen
Russlands in der Region einen Riegel vorzuschieben.
Unter keinen Umständen sollte Russland die Kontrolle
über die Pässe des Hindukuschs und damit den Zugang
nach Indien erhalten.
Afghanistan wurde dadurch zum Interessensgebiet
der internationalen imperialistischen Politik der europäischen Großmächte. Als in Kabul ein eher prorussischer
Emir den Thron bestieg, intervenierte Großbritannien.
Es kam zum 2. Anglo-Afghanischen Krieg (1878–1880).
Diesmal setzten sich die Briten durch und erlangten die
Kontrolle über die zukünftige afghanische Außenpolitik.
1893 erzwang Großbritannien die Abtretung von rund
einem Drittel des afghanischen Reiches. Die sogenannte
Durrand-Linie, benannt nach dem britischen Außenminis­
ter Henry Mortimer Durrand, wurde quer durch das
Stammes­gebiet der Paschtunen gezogen, um dauerhaft
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M 3  Im 19. Jahrhundert geriet das Gebiet Afghanistans zwischen die Fronten der europäischen
Imperialmächte Großbritannien und Russland
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Einfluss auf die inneren Verhältnisse Afghanis­tans nehmen zu können. Der östlichste Zipfel Wakhan in der Provinz Badakshan, der an China angrenzt, wurde be­wusst
belassen, um eine gemeinsame Grenze zwischen Russland und Britisch-Indien zu verhindern. Nach der Jahr­
hundertwende entspannte sich das britisch-russische
Verhältnis. 1907 einigten sich Russland und Großbritannien über eine Aufteilung der jeweiligen Einflusssphären in Persien, Afghanistan und Tibet. Afghanistan war
dabei als neutrale Pufferzone vorgesehen, wobei das
Land wirtschaftlich und militärisch in britischer Abhängigkeit verblieb.
Erste Strukturen eines modernen Staates
Die beständige Bedrohung durch die beiden imperialistischen Mächte trug letztlich entscheidend zur Herausbildung eines afghanischen Staates bei. Nicht zuletzt
mit britischer Unterstützung gelang es dem afghanischen Emir in Kabul ein eigenes, von den Stämmen
unabhängiges modernes Heer und erste Ansätze eines
staatlichen Steuerwesens aufzubauen. Allerdings unterstützte Großbritannien geschickt verschiedene afghanische Stämme, um eine zu große Festigung einer Zentralgewalt zu verhindern. Trotzdem wuchsen die verschie­
denen regionalen Herrschaften der Stämme allmäh­lich
zu einem zumindest teilweise zentral organi­sierten Staat
zusammen. Im 1. Weltkrieg geriet Afghanistan auch in
den Blick der deutschen Politik (Abschluss eines deutschafghanischen Freundschaftsvertrages 1916), auch wenn
diese Afghanistan nicht zum Kriegseintritt gegen Britisch-Indien bewegen konnte. Nach Ende des 1. Weltkrieges setzte schließlich der neue Emir (seit 1926 König)
Amanullah (1919–1929) im 3. Anglo-Afghanischen Krieg
(1919) die volle Souveränität des Landes durch.
1923–1928: Versuche einer Modernisierung
In den 1920er-Jahren forcierte König Amanullah eine
Modernisierung des Landes. Als Vorbild nahm er sich
dabei u. a. die junge türkische Republik unter Kemal Atatürk. Anders als in der Türkei gelang es jedoch dem afghanischen Staat nicht, die starken antimodernistischen
Widerstände der alten Eliten der Provinzen und Stämme
zu überwinden. Der Versuch einer bürgerlichen Verfassung, Einführung der Schulpflicht, Stärkung der Frauenrechte und einer Trennung von Staat und Religion scheiterten an der Gegenwehr der traditionellen Kräfte und
führten schließlich zu Aufständen. König Amanullah
musste schließlich ins Exil fliehen. 1930 bestieg ein Militär als neuer König den Thron (Nadir Schah 1930–1933),
der die meisten Reformansätze wieder rückgängig
machte. In den wenigen Ausnahmen, z. B. der eingeführ­
ten Schulpflicht für Jungen, erhielten paschtunische
Stämme einen Sonderstatus.
Gute deutsch-afghanische Beziehungen
Erfolge gab es aber bei der Modernisierung der Infrastruktur, bei der besonders deutsche Ingenieure und
­Architekten mitwirkten. Seit 1924 kamen vermehrt deutsche Fachkräfte ins Land. Später unterstützte Deutsch-
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land Afghanistan mit Krediten. Es kam zu Hochschul­
kooperationen und 1938 richtete die Lufthansa eine Flug­
linie Berlin-Kabul-Shanghai ein. Im 2. Weltkrieg hoffte
das Deutsche Reich vergeblich Afghanistan zu einem
Kriegseintritt gegen Großbritannien bewegen zu können.
Die guten (bundes)deutsch-afghanischen Beziehungen
blieben bis in die 1970er-Jahre bestehen.
„Geschmeidige“ Neutralitätspolitik im Kalten Krieg
Afghanistan blieb ein armes Land. Außer in einigen
städtischen Zentren gelang es nicht, die Infrastruktur
und das Bildungswesen spürbar zu entwickeln.
Außenpolitisch behielt Afghanistan seine neutrale
Stellung zwischen den Machtblöcken. Dadurch profitier­
te es im Kalten Krieg nachhaltig von der Entwicklungshilfe aus Ost und West. Die 1950er- und 1960er-Jahre galten später als die „Goldenen Jahre“. Seit Ende der 1960erJahre wurde das Land zu einem beliebten Ziel der europäischen und US-amerikanischen Hippiebewegung. Zu
den beliebtesten Zielen zählten die Buddha-Statuen von
Bamian, was ein Grund für die spätere Zerstörung durch
die fundamentalistischen Taliban war.
Außenpolitische Probleme gab es allein gegenüber
dem Nachbarn Pakistan, da Kabul die Unabhängigkeit
der dortigen Paschtunenstämme forderte und den im
19. Jahrhundert aufoktroyierten Grenzverlauf nicht akzeptierte.
Übereilte Modernisierungspolitik
Seit Ende der 1960er-Jahre begann der durch ausländische Kredite finanzierte Wirtschaftsaufschwung zu
stagnieren. Die innenpolitischen Spannungen mehr­ten
sich. Die 1964 von König Sahir Schah (1933–1973) eingeführte Verfassung, die Afghanistan zu einer konstitutionellen Monarchie umwandelte, vertiefte die Konflikte
im Land. Der ambitionierte Modernisierungs- und Demokratisierungskurs war zu schnell und führte stattdessen zu einer Destabilisierung des Landes. Ganz ähnlich
wie zur selben Zeit im benachbarten Iran, entstanden
zahlreiche extremistische Gruppierungen, in erster Linie
Kommunisten, unterstützt von der UdSSR und radikalislamische Gruppen, protegiert von Pakistan und SaudiArabien. Die verheerende Dürrekatastrophe 1970/71 und
die sinkenden Budgets der Entwicklungshilfe infolge
der Ölkrise 1973 verschärften die Spannungen zusätzlich.
1973–1978: Autoritäre Reformregierung Daud
Die Sowjetunion gewann zunehmend an Einfluss. Diese
unterstützte den Putsch des Prinzen und ehemaligen
Ministerpräsidenten Daud am 17. Juli 1973, der die Monarchie abschaffte und sich zum Präsidenten der „Republik Afghanistan“ erklärte. Mit Hilfe einer neuen Präsidialverfassung regierte Daud äußerst autoritär und schlug,
gestützt auf prokommunistische Kräfte im Land, einen
radikalen Reformkurs ein. Besonders der Versuch einer
Landreform rief aber erbitterten Widerstand der alten
Eliten in den Provinzen hervor.
Seit 1975 begann sich Daud von der politischen Linken
zu distanzieren und stärker auf die konservativ, isla-
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mischen Kreise zuzugehen. Außenpolitisch wendete er
sich zunehmend Persien und den USA zu.
Linksputsch – Bürgerkrieg – sowjetische Intervention
1978 putschten die kommunistischen Kräfte in Kabul, ermordeten Präsident Daud und erklärten den Kommunisten Mohammed Taraki zum Staatspräsidenten. Der
Putsch führte zu Kämpfen zwischen linksorientierten
Truppen und islamistischen Stammesmilizen auf dem
Land. Während im Iran die islamische Revolution die
Monarchie zum Einsturz brachte, gewannen in Afghanistan die islamistischen Milizen zunehmend an Boden.
Inwieweit diese bereits zu diesem Zeitpunkt auch durch
die USA unterstützt wurden, ist umstritten. Die schwache
kommunistische Regierung wurde hingegen durch innere Rivalitäten geschwächt. Taraki fiel einem Mordanschlag zum Opfer. Der neue Präsident, Hafisullah Amin,
bekam die Lage nicht in den Griff, woraufhin sich im Dezember 1979 die sowjetische Regierung widerstrebend
zum militärischen Eingreifen entschloss. Sowjetische
Truppen marschierten in das Nachbarland ein, um ein
Erstarken der radikalislamischen Kräfte in der Region
einzudämmen und deren Ausbreitung auf die zentralasiatischen Sowjetrepubliken zu verhindern.
Die Besetzung des Landes gab den Auftakt für einen
neun Jahre dauernden Krieg zwischen den sowjetischen
Besatzungstruppen sowie der Armee des neu installierten kommunistischen Regimes gegen eine wachsende Zahl von Rebellen. Letztere waren sowohl Stammeskrieger, die sich gegen die fremden Besatzer und die viel
zu ambitionierte, übereilte Modernisierungspolitik der
Kommunisten wehrten, als auch radikalislamische Mudschaheddin, die ihren Widerstand als „Heiligen Krieg“
gegen die gottlosen Okkupanten ansahen. Es zeigte sich
bald, dass die sowjetischen Truppen auch mit moderns­
ter Waffentechnologie nicht in der Lage waren, die sehr
heterogenen Guerillagruppen, die wechselweise Allian­
zen eingingen, in den entlegenen Bergregionen des
Hindukusch zu besiegen. Darüber hinaus entwickelte
sich bald schon der Konflikt zu einem Stellvertreterkrieg
zwischen Ost und West.
Flüchtlingselend als Nährboden für radikale Kräfte
Der Krieg hatte katastrophale Folgen für das Land mit
etwa 15 Millionen Einwohnern. Etwa 1–1,3 Millionen Afghanen verloren ihr Leben. Rund fünf Millionen Afghanen flohen in die Nachbarländer, etwa zwei Millionen als
Binnenflüchtlinge in die urbanen Zentren des Landes.
Tausende Dörfer wurden zerstört, ganze Regionen in riesige Minenfelder verwandelt. In einem Krieg, der bald
auch selbst mit und gegen Kinder geführt wurde (z. B.
mittels als Spielzeug getarnte, aus der Luft abgeworfene
Sprengsätze sowie durch die Zwangsrekrutierung tausender Minderjähriger), wuchs eine ganze Generation
mit Gewalt, Flucht, Hunger und ohne Bildung auf. Familien- und Stammesbeziehungen wurden vielerorts zerstört. Viele jüngere, entwurzelte Flüchtlinge gerieten
besonders in den Flüchtlingslagern in Pakistan unter
den Einfluss islamistischer Bildungsinstitutionen. Korrup­
tion, Rechtsunsicherheit, blutige Fraktionskämpfe inner­
M 3  Das nach dem Abzug der sowjetischen Truppen entstandene Machtvakuum wurde Anfang
der 1990er-Jahre durch einzelne Warlords ausgefüllt.
Regionale Machtverteilung
in Afghanistan 1994
DUSCHANBE
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KABUL
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ISLAMABAD
Einflussgebiet
einzelner Warlords
Staatsgrenze
von Afghanistan
andere Staatsgrenzen
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MGFA
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halb der regierenden, kommunistischen Regierung und
fortwährende Repressionen diskreditierten die Staats­
ge­walt nachhaltig.
Spätestens als 1986 der ehemalige Chef der afghanischen Geheimpolizei, Mohammed Nadschibullah, an
die Staatsspitze trat, suchte das kommunistische Regime
die Kooperation mit lokalen Machthabern in den Provinzen und gemäßigten, religiösen Führern des Landes.
Abzug der sowjetischen Armee und Krieg der Warlords
Mit der Politik von Glasnost und Perestroika des neuen
sowjetischen Generalsekretärs Michail Gorbatschow
sowie das 1988 nach sechsjährigen Verhandlungen zwischen den Regierungen der UdSSR, Afghanistan und Pakistan unterzeichnete Genfer Afghanistan-Abkommen
wurde schließlich die Grundlage dafür geschaffen, dass
die Sow­jetunion ihre Truppen bis Februar 1989 aus
Afgha­nistan abzog.
Dies führte aber nicht zum Ende des Bürgerkriegs. Das
Chaos im Land wurde vielmehr größer. Die Mudschaheddin hatten keine klaren Vorstellungen über die Zukunft
des Landes. Ihre Führer waren untereinander zerstritten, oft tief verfeindet. So dauerte es noch bis 1992, bis
die kommunistische Regierung Nadschibullah abtreten
musste und sich eine provisorische Übergangsregierung
unter dem, vom pakistanischen Geheimdienst ISI unterstützten, radikalislamischen Milizenführer Gulbuddin
Hekmatyar bildete. Es gelang ihm jedoch nicht, alle
wichtigen Bürgerkriegsparteien an einen Tisch zu bekommen. Gleichzeitig verfolgten Staaten wie der Iran,
Saudi-Arabien, Usbekistan oder Pakistan durch Förderung einzelner Warlords eigene Interessen. Bewaffnete
und einflussreiche kriminelle Organisationen aus dem
Drogen- und Waffenhandel oder dem lukrativen Transportgeschäft verfolgten wiederum eigene Ziele, indem
sie ihre Einnahmequellen verteidigten. Schon bald brachen Kämpfe zwischen den einzelnen Fraktionen aus.
In blutigen Kämpfen bildeten sich schließlich autonome Hoheitsgebiete einzelner Milizenführer heraus. In
der Region Kabul standen sich die radikalislamischen
Gruppierungen von Hekmatyar und dem Tadschiken
Burhanuddin Rabbani gegenüber. In Zentralafghanistan
dominierte der schiitische Mudschaheddin Abdul Ali
Masari, im Norden der Usbeke Raschid Dostum, im Nordosten Ahmed Massud, während im Südwesten Ismail
Khan paschtunische Stämme an sich binden konnte.
Wachsende Sehnsucht nach einer klaren Ordnung …
egal welcher!
Der Hauptmachtkampf wurde jedoch um die Kontrolle
der Hauptstadt Kabul ausgetragen, welche bald in Trümmern lag. Zehntausende Menschen kamen bei den
Kämpfen um Kabul ums Leben, Hunderttausende flohen.
Während des Bürgerkrieges kam es immer wieder zu
wechselnden Allianzen und Bündnissen der heterogenen Kriegsparteien, die sich größtenteils durch Raub,
Opiumanbau und dem Verkauf natürlicher Rohstoffe finanzierten. Den Preis zahlte die Zivilbevölkerung, die
sich bald nach einer Ordnungsmacht sehnte, die Frieden
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und eine verlässliche Ordnung durchsetzen würde.
Diese Sehnsucht bildete einen Grund für den Siegeszug der Taliban. Diese tauchten erstmals im Spätsommer 1994 auf. Die Taliban gingen aus radikalen Koranschulen in Pakistan hervor und rekrutierten sich überwiegend aus Koranschülern der afghanischen Flüchtlingslager sowie aus radikalen Mudschaheddin der
1980er-Jahre. Viele kamen aus sozial schwachen Verhältnissen, besaßen geringe Bildung und hatten in den Koranschulen das Ziel eines Gottesstaates nach Vorbild der
angeblichen islamischen Frühzeit verinnerlicht. Früh erhielten sie Unterstützung durch den pakistanischen Geheimdienst. Ihren Erfolg verdankten sie jedoch ihrem
wachsenden Rückhalt in der Bevölkerung Südafghanistans. Die Taliban forderten die Entwaffnung der vielen Milizen, bekämpften die vielerorts bestehende Wegelagerei und die ausufernde Kriminalität. Ihre gesellschaftlichen Moralvorstellungen basierten meist auf
dem traditionellen Ehr- und Sittenbegriffe der paschtunischen Dorfbevölkerung. Urbane Milieus blieben ihnen
stets als Hort der Sünde verdächtig. Entsprechend versuchten sie Großstädte wie Herat oder Kabul ebenso zu
verwalten wie ein Dorf in einer ländlichen Stammesstruktur.
Siegeszug der Taliban
Die Taliban durchdrangen sehr schnell die paschtunischen Regionen in Südafghanistan. Im Herbst 1995
eroberten sie Herat und im September 1996 schließlich
Kabul. Umgehend wurde sie als legitime Regierung Afghanistan sowohl von Pakistan als auch von Saudi-Arabien anerkannt.
Die Eroberung Kabuls durch die Taliban führte die bislang verfeindeten Regionalfürsten in Gestalt der sog.
Nordallianz zusammen. Trotzdem konnten sie nicht verhindern, dass sie 1998 auch Zentral- und Nordwestafghanistan an die Taliban verloren. Es kam zu blutigen Massakern an der schiitischen Minderheit der Hazari.
Allein der Nordosten mit dem schwer zugänglichen
Pandschir-Tal blieb unter Kontrolle der Nordallianz, nunmehr geführt von dem charismatischen Ahmed Massud.
Internationale Isolation und Bündnis mit dem
­islamistischen Terrorismus
In den darauf folgenden Jahren wurde das Afghanistan
der Taliban zu einem wichtigen Stützpunkt islamistischer
Terrororganisationen wie Al-Quida und isolierte sich fast
ganz von der internationalen Staatengemeinschaft. Islamisten aus Saudi-Arabien, Usbekistan und Pakistan gewannen zunehmend Einfluss unter den Taliban. Die Forderung der UNO, mutmaßliche Terroristen wie Osama
bin Laden auszuliefern, lehnten die Taliban unter Berufung auf das Gastrecht ab.
Am 9. September 2001 wurde Ahmed Massud durch
ein Attentat getötet. Zwei Tage später erfolgten die Terroranschläge in New York und Washington. Die Folge
war schließlich am 7. Oktober 2001 die Operation „Enduring Freedom“ gegen die Talibanstellungen in Afghanistan.
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M 5  Afghanistan als imperialistisches Ziel
Russlands
Der Osteuropahistoriker Jörg Baberowski über die Motive
des russischen Imperialismus in Mittelasien in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts.
In der Zentralasienpolitik beider Großmächte spielte
Afghanistan […] eine wichtige Rolle. Doch waren unfruchtbare Wüsten- und Steppengebiete und unzugäng­
liche Hochgebirgsregionen ökonomisch wertlos, die mi­
­li­­tärischen Kosten der Expansion ließen sich also kaum
rechtfertigen. Hinzu kam, dass es in den wirtschaftlich
unterentwickelten Gegenden Afghanistans nur wenige
Möglichkeiten gab, profitable Geschäfte abzuschließen.
Die russischen Eroberungen in Asien standen ohnehin
nicht im ökonomischen Interesse. Sie dienten ­vielmehr
dem Zweck, das Zarenreich als eine gleichberechtigte
europäische Macht mit dem Anspruch auf koloniale
Er­werbungen zu präsentieren. Dieses Motiv gewann erst
recht nach dem verlorenen Krimkrieg (1853–1856) an
Be­deutung. Militärische Erfolge aber konnte das russi­
sche Militär nur gegen unterlegene Gegner in den militärisch wie wirtschaftlich rückständigen Gebieten Zen­
tralasiens erringen. Und auch das Gefühl der eigenen
Minderwertigkeit gegenüber den Europäern war ein
Motiv für die aggressive Expansionspolitik der russischen Regierung. Der russische Dichter Fjodor Dostojewski sprach davon, dass die Russen in Europa ­Sklaven
gewesen seien, in Asien dagegen als Herren auftreten
könnten. Mit diesem Verweis auf eine zivilisatorische
Mission rechtfertigte auch die Regierung des Zaren den
Vormarsch nach Asien: Die „wilden“ Völker Asiens soll­
ten nach Meinung der herrschenden russischen Klasse
Jörg Baberowski, Afghanistan als Objekt britischer und russischer Fremd­
herrschaft im 19. Jahrhundert. In: Afghanistan. Wegweiser zur Geschichte,
im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes hrsg. von Bernhard
Chiari, 3., durchges. und erw. Aufl., Schöningh, Paderborn [u. a.] 2009,
S. 28f.
M 6  Ein deutscher Diplomat in Kabul
1915–1917 entsandte das Deutsche Reich unter Leitung
des Diplomaten Werner Otto von Hentig (1886–1984)
eine Mission nach Afghanistan. Ihr Ziel war es, Afghanis­
tan zum Kriegseintritt gegen Britisch-Indien zu bewegen,
was jedoch nicht zustande kam. 1928 veröffentlichte
­Hentig seine Erinnerungen über diese Reise, in der er auch
den herrschenden Emir Habibullah Chan (1872–1919)
beschrieb.
Der damalige Beherrscher von Afghanistan war der Emir
Habibullah. Sein alter Familienbesitz, wenn man da­
von in einem Land wie Afghanistan überhaupt reden
kann, war die Burg, die hinter ihren Gräben, Wällen
und riesigen Lehmmauern nur noch den Harem, das
Arsenal und den Staatsschatz beherbergte. Rings um
die alte Burg auf braungebranntem Gelände standen
die Bungalows (Villen in englisch-indischem Stil) des
Hofes und die Jurten (Zelte) der Dienerschaft. Noch
etwas weiter abseits lag das Neue Palais, das Privat­
schloß des Emirs, das mit Landeserzeugnissen, vor
allem Tributteppichen, prächtigen europäischen Möbeln und alten Kunstschätzen gefüllt war. Das Neue
Palais war eine Sehenswürdigkeit ganz Innerasiens,
denn es war dort das einzige Gebäude, dessen hohe
Fenster und Flügeltüren mit riesigen Scheiben verglast
waren. Jede dieser kostbaren Scheiben hatte auf höchst
mühseligen, langen Wegen auf Tierrücken von Indien
heraufgebracht werden müssen. Selbst zwischen den
einzelnen Gebäuden seiner Burgstadt bewegte sich der
Emir kaum zu Fuß: er fuhr Auto. Er hatte dort nach
den vier Himmelsrichtungen vier gut erhaltene Straßen anlegen lassen. Bei seinen Ausfahrten saß er gern
auf dem Vorderplatz neben dem Fahrer. […]
Der Emir stand 1915 im sechsundvierzigsten Lebensjahre. Er war von gedrungener Gestalt. Seinen klugen,
mit einer goldenen Brille bewehrten Augen sah man
einen weitreichenden Intellekt an. Er war rasch in den
Bewegungen, deutlich in seiner Sprache und hatte in
seinem Gebaren einen lehrhaften Zug; doch verriet er
auch eine ungewöhnlich hohe Bildung. Ganz eigenartig war seine Stellung als Staatsoberhaupt. Wohl kaum
ein Monarch der älteren Geschichte, jedenfalls keiner
der modernen, verkörperte das Staatswesen in seiner
Person so ausschließlich wie der König von Afghanistan. Er war für das Land alles: der Herrscher, dessen
Befehle in den Glutwüsten Beludschistans, vierzig Tagereisen von Kabul, in dem unwegsamen Hochgebirge
des Hindukusch und des Pamir, in der trostlosen Turkmenensteppe mit einer Achtung befolgt wurden, als
ob Seine Majestät mit gezogenem Schwerte dabei stün-
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ebenso zivilisiert werden, wie einst Russland von Europa zivilisiert worden war. In dieser Frage entwickelten
die russischen Eliten den Europäern gegenüber ein
moralisches Überlegenheitsgefühl, weil ihre Eroberungen im Dienst der zivilisatorischen Mission standen. Russlands Eliten berauschten sich an ihrer Expansion. Hierbei brauchten sie weder auf wirtschaftliche
Zwänge noch auf die öffentliche Meinung Rücksicht
zu nehmen. Aus diesen Gründen war Russlands Expan­
sion am Hindukusch unkalkulierbar, vor allem für die
britische Regierung, welche diese Entwicklung als Bedrohung wahrzunehmen begann. […] Die britische
Kolonialverwaltung sah sich gezwungen, da sie ihre in­
dischen Besitzungen gegen die angrenzenden Gebiete
im Norden nicht abgesichert hatte, den Pandschab unter
ihre Kontrolle bringen.
Beide Staaten, Großbritannien wie Russland, verstanden sich als moderne europäische Großmächte, deren
Aufgabe darin bestand, Ordnung zu schaffen, wo schein­
bar Unordnung herrschte, und Afghanistan, das als
Pufferzone zwischen den britischen und russischen Interessenzonen lag, widersprach allen Vorstellungen
europäischer Staatlichkeit. Es war ein wirtschaftlich
und militärisch rückständiges Gebiet mit „offenen“
Gren­zen und einer Bevölkerung von Nomaden und
Stammeskriegern, die Staatsgrenzen weder kannten
noch respektierten. Dieses staatenlose Gebilde nahmen die Kolonialmächte als Bedrohung wahr.
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de, die Ausführung zu überwachen, Ihm gehörte sozusagen das ganze Land […]. Die einzige Zeitung des
Landes, den „Seraj-ul-ekbar“, die „Leuchte der Zeitun­
gen“, besaß der Emir. Die einzige Apotheke des Landes
war sein Eigentum. Rezepte wurden nur mit seiner persönlichen Genehmigung verabfolgt. Photographieren
konnte und durfte nur der Emir. Da er Postmarken
sammelte, war es außerordentlich schwer, solche im
Handel zu erhalten. […]
Als einen nicht unwichtigen Erfolg unserer Anwesenheit konnten wir die Zusammenrufung der Landesver-
M 7  Die Taliban – Versuch einer Beschreibung
Der in Pakistan lebende Journalist Ahmed Rashid schreibt
u. a. für die britische Tageszeitung Daily Telegraph.
Die Taliban haben mit ihrer Sturheit eindeutig die
Deo­bandi-Tradition des Lernens und der Reform verlassen, denn sie akzeptieren kein Konzept von Zweifel,
es sei denn als Sünde, und erachten Debatten fast als
Ketzerei. Dadurch haben sie ein neues, radikales und
für die Regierungen der Region extrem bedrohliches
Modell für eine islamische Revolution entwickelt. Hekmatyar und Masud stehen der westlichen Moderne
keinesfalls ablehnend gegenüber. Im Gegensatz dazu
bekämpfen die Taliban alles Moderne und verspüren
nicht den geringsten Wunsch, moderne Fortschritts­
ideen oder wirtschaftliche Entwicklungspläne anzunehmen.
Von islamischer und afghanischer Geschichte, der
Scharia, dem Koran und den politischen Entwicklungen der islamischen Welt im 20. Jahrhundert haben
die Taliban so gut wie keine Ahnung. Während islamischer Radikalismus im 20. Jahrhundert auf eine lange
Geschichte gelehrter Schriften und Debatten zurückblicken kann, sind den Taliban solche historischen
Perspektiven und Traditionen gänzlich fremd. Es gibt
kein Taliban-Manifest und keine intellektuelle Analyse
islamischer oder afghanischer Geschichte. Sie haben
mit den weltweiten radikalen islamischen Debatten
kaum Kontakt, […]
Die Taliban und ihre Unterstützer präsentieren der mus­
limischen Welt und dem Westen einen neuen Stil des
islamischen Extremismus, bei dem muslimische Mäßigung und Annäherung an den Westen abgelehnt werden. Die Weigerung der Taliban, mit den humanitären
Organisationen der UNO oder ausländischen ­Spendern
Kompromisse einzugehen oder für eine internationale
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treter aus allen Teilen des absoluten Königreichs betrachten. Der kluge Monarch hatte die Zeichen der
Zeit wohl verstanden und war aus eigenem Entschluß
gern gewillt, den Menschen des jung in die Völkergemeinschaft tretenden Afghanistan für die Opfer, die
auch ihnen der Krieg bisher auferlegt hatte und noch
weiter aufzuerlegen drohte, einen Anteil an der Bestimmung der Landesgeschicke einzuräumen.
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Werner-Otto von Hentig, Ins verschlossene Land. Ein Kampf mit Mensch
und Meile, Der Weiße Ritter Verlag L. Voggenreiter, Potsdam 1928, zit. aus
5. Auflage 1943, S. 86ff.
Anerkennung ihre Prinzipien zu mäßigen, und die Ablehnung einer herrschenden Elite, die sie als korrupt
ansehen, hat in der muslimischen Welt eine heftige
Debatte entfacht und eine jüngere Generation militanter Islamisten inspiriert. Die Taliban haben dem islamischen Fundamentalismus des kommenden Jahrtausends ein neues Gesicht und eine neue Identität
gegeben – eine Identität, die jeden Kompromiss und
jedes politische System, abgesehen vom eigenen, strikt
ablehnt. […]
Das Erscheinen der Taliban fand zu einem historisch
günstigen Zeitpunkt statt: der Zerfall der kommunis­
tischen Machtstruktur war abgeschlossen, die Mudscha­
heddin-Führer waren unglaubwürdig und die traditionellen Stammesführer ausgemerzt worden. Es war da­
her für die Taliban relativ leicht, das Wenige, was von
der alten Paschtunen-Führerschaft übriggeblieben war,
aus dem Weg zu räumen. Danach stellte sich der Taliban-Herrschaft kein politischer Herausforderer mehr.
Sie hatten die Gelegenheit, eine eher stammesgebunden-demokratische, dörfliche Organisation zu bilden.
Erfüllt vom legitimierenden Faktor Islam, hätte eine
solche den Bedürfnissen der Bevölkerung entsprechen
können, aber die Taliban erwiesen sich als unfähig und
unwillig.
Sie weigerten sich sich, Vertreter von Volksgruppen,
die nicht den Paschtunen angehörten, mit einzubeziehen. Im Gegenteil, sie entwickelten eine Geheimgesell­
schaft, die vorwiegend von Leuten aus Kandahar geleitet wurde und auf ihre Art ebenso mysteriös, geheimnisvoll und diktatorisch war wie Kambodschas Rote
Khmer oder Saddam Husseins Irak.
Ahmed Rashid, Taliban, Afghanistans Gotteskämpfer und der neue Krieg
am Hindukusch, Verlag C. H. Beck, München 2011, 2. Auflage, S. 169ff.,
S. 175f.
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M 8  Die Folgeprobleme von zwei Jahrzehnten
Krieg: Beispiel Kindersoldaten
a) Der Krieg gegen Kinder in der neuen Kriegsführung
Der Terror gegen die Zivilbevölkerung ist weltweit zu
einem wesentlichen Bestandteil der Kriegstaktik geworden. Innerhalb weniger Jahrzehnte stieg der Anteil
der Zivilisten unter den Kriegstoten von fünf Prozent
auf über 90 Prozent. In Afrika sind neun von zehn
Kriegstoten Frauen und Kinder.
Die Chancen auf den Sieg wachsen, wenn die Bevölkerung des Kriegsgegners demoralisiert und entmutigt
ist. Vielfältige Techniken haben die Strategen ersonnen, um das zu erreichen: Das Niederbrennen von
Dörfern, Plünderungen, Vertreibungen, Massaker bis
hin zu Völkermord. All das sind heute keine zufälligen,
vereinzelten Exzesse, sondern Belege für ein zielgerichtet brutalisiertes Kriegsgeschehen. Bevölkerungen werden in lähmende Verzweiflung versetzt – systematisch.
Seit den Balkankriegen kennen wir dazu ein neues
Wort: Vergewaltigungslager.
Kriegsherren haben die Bedeutung der Kinder in ­diesem
grausamen Kalkül erkannt. Etwa zwei Millionen ­Kinder
wurden während der letzten zehn Jahre [1988–1998].
Zehn Millionen Kinder, so wird geschätzt, wurden
durch Kriegserlebnisse traumatisiert. Zwölf Millionen
Kinder verloren ihr Zuhause, fünf Millionen leben in
Flüchtlingslagern. Um die großen Ratten zu vernichten,
mußt Du die kleinen Ratten töten – lautete die Parole des
Hutu-Senders Radio Libre Mille Collines, mit der zum
Mord an Tutsi-Kindern in Ruanda aufgefordert wurde.
Hunderttausende kamen ums Leben. Die gleiche simple Logik verrät ein kolumbianischer Offizier: „Es ist
doch besser, die Kinder zu töten, bevor sie zur Guerilla
gehen können!“
Stephan Stolze, Krieg gegen Kinder. In: „Ich will endlich Frieden“. Kinder
im Krieg, hrsg. von Hans-Martin Große Oetringhaus, Verlag Westfälisches
Dampfboot, Münster 1998, S. 21f.
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b) Kinder als Akteure und Opfer
Der gegenwärtige zu beobachtende Typ Kindersoldaten
entsteht aus gewaltförmig geregelten wirtschaftlichen
und sozialen Strukturen heraus, in denen weder Staat
noch Gegenstaat eine hinreichende Rechtssicherheit für
einen überwiegend marktregulierten Wirtschaftskreislauf bieten. Daher muss eine Bearbeitung des Problems
die für den Zerfall der Staatlichkeit und damit Rechtssicherheit bestimmende Faktoren einbeziehen. […]
Aber die Kindersoldaten sind nur eine besonders tragische Gruppe der Kinderopfer in Kriegen. Seit die Parteien des Kalten Krieges aufgehört haben, konkurrierend jedweden gewaltsamen Konflikt zu ursurpieren
und damit den Anspruch auf Staatlichkeit aller Kriegsparteien mit Waffen und wirtschaftlicher Hilfe zu fördern, scheint eine neue Unordnung mit zahlreichen
gewaltsamen innergesellschaftlichen Konflikten zu expandieren. Diese kriegerischen Konflikte sind meist
von langer Dauer. Sie werden auf eher niedrigem Niveau ausgetragen. Kleinwaffen sind das vorherrschende
Kampfmittel. Allerdings werden Normen des Kriegs-
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völkerrechts systematisch missachtet, das gilt besonders für den Schutz der Zivilbevölkerung. Die Kriegsführung ist entgrenzt und grausamste Formen personaler Gewalt bestimmen das Konfliktgeschehen. Der
verantwortungslose Einsatz von Minen, Vergewaltigungen und wahllosen Morden als Mittel der Kriegsführung und absolute Disziplinlosigkeit der Kämpfenden gehören zu den Merkmalen des gegenwärtig
vorherrschenden Kriegstyps.
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Peter Lock, Vom Wandel bewaffneter Konflikte – Kinder und Gewehre.
In: „Ich will endlich Frieden“. Kinder im Krieg, hrsg. von Hans-Martin
Große Oetringhaus, Münster 1998, Verlag Westfälisches Dampfboot, S. 28f.
c) Afghanistan: Demobilisierung von Kindersoldaten
Zu den zahlreichen Problemen, mit denen Afghanistan nach
zwanzig Jahren Krieg zu kämpfen hatte, war die Rückfüh­
rung einer militarisierten Gesellschaft, darunter tausende
Kindersoldaten, ins zivile Leben. Am 17. Dezember 2004
berichtete darüber UNICEF in einer Presseerklärung:
Rund 4.000 Kindersoldaten in Afghanistan sind nach
Angaben von UNICEF in diesem Jahr demobilisiert wor­
den. Damit hat das von UNICEF zusammen mit nationalen und internationalen Organisationen durchgeführte Wiedereingliederungsprogramm seit seinem Start
im Februar 2004 etwa die Hälfte aller minderjährigen
Kämpfer erreicht. Insgesamt 3.998 Jungen im Alter von
14 bis 17 Jahren aus 15 Provinzen Afghanistans wurden in ihren Städten und Gemeinden zunächst registriert und durchliefen dann ein spezielles Ausbildungsprogramm, das sie auf die Rückkehr in das zivile Leben
vorbereitete. Für viele wurden bereits Arbeitsmöglichkeiten gefunden.
In dem mehr als zwei Jahrzehnte dauernden Bürgerkrieg in Afghanistan setzten alle Kriegsparteien Kinder
und Jugendliche ein. Die meisten wurden zwangsrekru­
tiert. Fast 90 Prozent von ihnen haben nie eine Schule
besucht oder einen Beruf gelernt.
Mit Unterstützung von UNICEF, lokalen Behörden und
Nichtregierungsorganisationen wurden in den nörd­
lichen, östlichen sowie zentralen Provinzen so genannte Demobilisierungskomitees eingerichtet. Diese
sorgten in einem ersten Schritt für die Registrierung
der Heranwachsenden und eine medizinische und
psy­chologische Untersuchung. Außerdem klärten sie
über Drogenmissbrauch und HIV/AIDS auf. Die meis­
ten der ehemaligen Kämpfer erhielten zum ersten Mal
in ihrem Leben einen Ausweis. Dann leisteten sie einen
Eid, dass sie bereit sind, ihre Verantwortung im zivilen
Leben zu übernehmen.
In der zweiten Phase konnten die Jugendlichen wählen, ob sie entweder zur Schule gehen oder einen Kurs
zur Berufsausbildung in der Landwirtschaft, als Schneider, Zimmermann, Maurer oder Elektriker besuchen
wollten. In einigen Orten besuchen die ehemaligen
Kämpfer die Kurse gemeinsam mit anderen benachteiligten Heranwachsenden wie Straßenkindern oder
Schulabbrechern.
http://www.unicef.de/presse/pm/2004/afghanistan-kindersoldaten/
© 2011 UNICEF Deutschland (Stand 10.10.2010, gekürzt)
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Arbeitsvorschläge:
1. Skizzieren Sie die Entwicklung Afghanistans im 19. und 20. Jahrhundert.
2. Analysieren Sie die britische Afghanistanpolitik im 19. Jahrhundert und
diskutieren Sie deren Auswirkungen auf die Herausbildung des afghanischen Staates.
3. Arbeiten Sie aus der Quelle die Motivation der britischen und russischen
­Afghanistanpolitik im 19. Jahrhundert heraus. (M4, M5)
4. Diskutieren Sie, wieso Herrschaftsgebiete mit „offenen“ Grenzen, wie
beispielsweise in Zentralasien, aus europäischer Perspektive des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein Problem darstellten.
5. Informieren Sie sich über die Person Habibullah Khan und seine Politik
als Emir von Afghanistan. Analysieren Sie, welches Bild der deutsche
­Diplomat in M6, der neun Monate in Kabul weilte, von der Herrschaft des
Emirs zeichnet.
6. Stellen Sie die unterschiedlichen Konfliktlinien in Afghanistan nach
1979 grafisch dar. Unterscheiden Sie dabei nach äußeren und inneren
­Akteuren.
7. Beurteilen Sie, warum die Talibanbewegung in der zweiten Hälfte der
1990er-Jahre so erfolgreich waren.
8. Erarbeiten Sie exemplarisch am Beispiel Kindersoldaten, mit welchen
Folgeproblemen die afghanische Gesellschaft infolge der Kriegswirren
seit 1980 zu kämpfen hat (M8).
Weiterführende Literaturtipps
Afghanistan
Ahmed Rashid: Sturz ins Chaos. Afghanistan, Pakistan und die Rückkehr der Taliban, Berlin 2010.
Ahmed Rashid: Heiliger Krieg am Hindukusch. Der Kampf um Macht und Glauben in Zentralasien, München 2002.
Ahmed Rashid: Taliban. Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad, München 2001.
Susanne Koebl / Olaf Ihlau: Geliebtes, dunkles Land. Menschen und Mächte in Afghanistan, München 2007.
Martha Vogel: Roter Teufel – mächtiger muğhid. Widerstandsbilder im sowjetisch-afghanischen Krieg 1979–1989,
Köln 2008.
Aufsatzsammlungen
Pakistan und Afghanistan. Aus Politik und Zeitgeschichte 21-22/2010 (25. Mai 2010), hrsg. von der Bundeszentrale für
politische Bildung.
Wegweiser zur Geschichte: Afghanistan. Hrsg. im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes von ­Bernhard
Chiari, Paderborn 2009³ (Aufsatzsammlung)
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