Valenzstrukturen im russisch-deutschen Sprachkontakt.

Werbung
Valenzstrukturen im russisch-deutschen Sprachkontakt.
Magisterarbeit
In der Philosophischen Fakultät IV
(Sprach- und Literaturwissenschaften)
der Universität Regensburg
vorgelegt von
Veronika Wald
aus Regensburg
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung………………………………………………………………………..…3
2. Theorie………………………………………………………………………….…4
2.1. Valenztheorie………………………………………………………………….…4
2.1.1. Valenz………………………………………………………………….4
2.1.2. Obligatorische und fakultative Ergänzungen…………………………..9
2.1.3. Semantische Rollen..………………………………………………….13
2.2. Sprachkontakt und Zweisprachigkeit…………….……………………………..14
2.2.1. Sprachkontaktforschung………………………………………………14
2.2.2. Sprachkontakt und Zweisprachigkeit…………………………………17
2.2.3. Wirkungen des Sprachkontaktes……………………………………...20
3. Besonderheiten der Sprachsituation der russischsprachigen Aussiedler……25
4. Datengrundlagen………………………………………………………………...28
4.1. Beschreibung der Forschung…………………………………………... 28
4.2. Datengrundlage und Probandenbeschreibung…………………………..30
4.3. Beschreibung des Valenzwörterbuchs von Apresjan und Pall………… 34
5. Analyse der Forschungsergebnisse……………………………………………..38
5.1. Schwierigkeiten bei der Auswertung der Daten………………………..38
5.2. Syntaktische Valenzabweichungen……………………………………..41
5.2.1. Transfer……………………………………………………….42
5.2.2. Abweichungen unbekannter Herkunft………………………..53
5.3. Semantische Valenzabweichungen……………………………………..67
5.3.1. Das Verb „делать (machen)“.………………………………...67
5.3.2. Das Verb „получить (bekommen)“.……………………….…71
5.3.3. Andere semantische Abweichungen……………………….…73
5.4. Ergebnisse und Auswertung der Daten……………………………..…..77
6. Zusammenfassung………………………………………………………….…...82
7. Bibliographie………………………………………………………………..…...84
2
1. Einleitung
Heutzutage leben in Deutschland viele Emigranten, die aus den Staaten der
ehemaligen Sowjetunion kommen. In der vorliegenden Arbeit wird betrachtet und
erläutert, wie der alltäglichen russisch-deutschen Sprachkontakt auf das Russische
der russischen Minderheit in Deutschland wirkt. Deutsch gilt als Kontaktsprache und
Russisch als Minderheitssprache, die von der Kontaktsprache sehr stark beeinflusst
wird. Das Thema des Sprachkontaktes ist nicht neu und sogar den russisch-deutschen
Sprachkontakt wurde schon von einigen Linguisten erforscht und beschrieben. Aber
im Mittelpunkt vorliegender Arbeit befinden sich Valenzstrukturen des Russischen.
Keiner von Linguisten hat das Problem der Valenz im russisch-deutschen
Sprachkontakt beschrieben. Deswegen ist es sinnvoll nur das Thema der Valenz zu
erforschen und festzustellen, wie sich die Valenz im Sprachkontakt benimmt. Da das
Thema Valenz sehr breit ist, werden in der Arbeit nur die Abweichungen, die bei der
Valenz des Verbs vorkommen, betrachtet.
Im nächsten Teil dieser Arbeit werden theoretische Fragen erörtert, die
hauptsächlich zwei linguistische Felder überlappen, nämlich Valenztheorie und
Sprachkontaktforschung. In dem theoretischen Teil der Arbeit sollen alle wichtigsten
Begriffe auseinandergesetzt und Definitionen gegeben.
In dem dritten Kapitel werden die Besonderheiten der sprachlichen Situation
der russischsprechenden Emigranten skizziert. Da wird auch kurz beschrieben, zu
welcher Emigrationswelle der russischsprachigen in Deutschland gehören und in
welcher Sprachsituation sie leben. In dem Kapitel werden auch verschiedene
Faktoren aufgezählt, nach denen die russophonen Einwanderer gemischte Sprache
sprechen.
Der vierte Teil wird der Beschreibung der Forschung gewidmet, in dem auch
Forschungsziele und Hypothese dargestellt werden. In einem Kapitel dieses Teils
erfolgt Information zu den Probanden und es wird auch das Wörterbuch von
Apresjan und Pall beschrieben, das in der Arbeit als Hauptinstrument für die Analyse
der Abweichungen dient.
Der fünfte Abschnitt der vorliegenden Arbeit befasst sich mit der Analyse der
bei den Probanden gefundenen Valenzabweichungen. Alle Valenzabweichungen
werden in den Tabellen als Ergebnisse der Forschung zusammengefasst und am Ende
werden auch bestimmte Schlussfolgerungen gegeben.
3
2. Theorie
In diesem Teil erfolgt ein Überblick über die für diese Arbeit wichtigen Gebiete der
Linguistik. Dies sind im Einzelnen die Valenztheorie (Syntaxbereich), die
Sprachkontaktforschung
und
damit
eng
zusammenhängendes
Thema
der
Zweisprachigkeit. Hier wird für diese Teilbereiche jeweils ein Begriffsüberblick
gegeben und für diese Forschung relevante Termini formuliert.
2.1. Valenztheorie
In ersten Teil dieses Kapitels wird zuerst der Begriff der Valenz erörtert und zwei
Valenzarten beschrieben und diskutiert. Im zweiten Teil werden obligatorische und
fakultative Argumenten bzw. Ergänzungen erläutern. Am Ende dieses Kapitel wird
ein Forschungsüberblick gegeben, nämlich i welchen Teil des Bereichs Valenz für
diese Forschung relevant ist.
2.1.1. Valenz
Alle Menschen reden miteinander um Information zu überliefern und sie zu
bekommen, mit einem Wort gesagt um zu kommunizieren. Unsere Rede besteht aus
Phrasen bzw. Sätzen. Die Sätze, die wir einander sagen, sollen gegenseitig
verständlich sein, ansonsten ist keine normale Unterhaltung möglich. Damit die
Information eines Satzes verständlich wäre, sollen alle Lexeme im Satz miteinander
verbunden werden. Jedes Lexem hat seine selektiven Eigenschaften bzw.
Merkmahle, die im Satz mit den selektiven Eigenschaften der anderen Wörter
kongruieren werden sollen. Solche selektive Eigenschaften werden in der
Sprachwissenschaft Valenz genannt (Testelec 2001, 156-157).
Das Thema Valenz ist an sich sehr breit. Im Jahre 1988 stellte Helmut
Schumacher in seinem Werk „Valenzbibliographie“ 2377 Arbeiten, in denen das
Thema Valenz diskutiert wurde. Zwölf Jahre später merkte Vilmos Ágel in seinem
Buch „Valenztheorie“ (2000) an, dass es schon mehr als 3000 Arbeiten gibt, die der
4
Valenztheorie gewidmet sind (Coene 2006, 90). Deswegen ist es sehr wichtig weiter
alle für die vorliegende Arbeit nötigen Begriffe zu formulieren.
Der Begriff Valenz wurde in die Linguistik aus der Chemie übernommen und
wurde zum ersten Mal im Jahre 1948 von Kacnel’son eingeführt1. Vilmos Ágel
(2000, 15) behauptet, dass die Valenzidee noch früher existierte, was bei der
Unterscheidung von transitiven und intransitiven Verben zu sehen ist. Sowohl
transitive als auch intransitive Verben können „ihre Umgebung organisieren“ (Ágel
2000, 15).
Laut Ágel (2000, 32) wird der Franzose Lucien Tesnière für Begründer der
modernen Valenztheorie gehalten. Es gibt mehrere Valenztheorien und Definitionen
der Valenz. Angelika Storrer (1992) in ihrem Buch schildert einige Valenztheorien,
bzw. Valenzdefinitionen von verschiedenen Linguisten, wie z.B. Tesnière,
Brockhaus-Wahring, Helbig-Schenkel u.a..2
Gisela Zifonun (2003, 352) behauptet, dass unter Valenz vornehmlich „ein
komplexes Organisationsprinzip natürlicher Sprache“ zu verstehen ist.
Nach Jacobs (2003, 378) erfasst man mit dem Valenzkonzept spezifische
Informationen, die in bestimmten Satzumgebungen und unter bestimmten
inhaltlichen Bedingungen vorkommen können. Diese Informationen werden mit
einzelnen Wörtern verbunden. Die wortspezifischen Informationen über mögliche
Satzumgebungen können sich in Sprechurteilen ausdrücken darüber, welche Verben
unter welchen semantischen Voraussetzungen in bestimmte Umgebungen einsetzen
werden können.
Jacobs
(2003,
379)
behauptet,
dass
„Valenz
auf
mehreren
Repräsentationsebenen des Lexikons angesiedelt werden muss“. Er unterscheidet
zwischen der kategorialen (KR) und der semantischen Repräsentation (SR). KR
informiert über Wortart und Flexionsmerkmale, über Konstituentenstruktur des
Ausdrucks. SR charakterisiert die grammatisch festgelegte Bedeutung des Wortes.
Helbig (1992, 3) nennt außer syntaktische und semantische Valenz auch
pragmatische3. Er behauptet, dass man semantische Valenz von pragmatische
unterscheiden muss. Jede Sprache kann man als Zeichensystem vorzustellen, das
1
http://www.classes.ru/grammar/128.Arnold-research/html/6.html, Zugriff am 15.11.2009
Boszák (2009) fasst die Monographien von einigen Wissenschaftlern wie Pütz (1975), Hyvärinen
(1982), Colliander (1983), Marx-Moyse (1983), Breindl (1989), Bausewein (1990), Oppenrieder
(1991), Sonneberg (1992), Sandberg (1998), Zitterbart (2002) zusammen.
3
Pragmatische Valenz wird sehr umfangsreich bei Majorin (2008, 55-130) beschrieben.
2
5
nicht nur für jede einzelne Person verständlich ist, sondern auch für alle Personen,
die zu dieser oder jener Gesellschaft (bzw. Kultur, Nationalität usw.) gehören. Die
pragmatische Valenz realisiert sich bei der Kommunikation zwischen den Menschen
(Helbig 1992, 4). Eine Seite weiter schreibt Helbig (1992, 5), dass die Valenz auf
mehreren Ebenen präsent ist, nämlich auf „einer morphosyntaktischen, semantischen
und/oder kommunikativen“. Die Konjunktionen „und/oder“ bedeutet, dass diese zwei
Ebenen einander sehr stark überlappen. Deswegen werden in dieser Arbeit nur zwei
Valenzebenen beschrieben und diskutiert, nämlich semantische und syntaktische
Valenz. Als Grundwerk für verschiedene Definitionen und theoretische Ansätze gilt
in dieser Arbeit das Buch von Ja. G. Testelec „Vvedenie v obščij sintaksis“ (2001).
Die Wahl fiel auf dieses Buch, weil der Autor im Buch einige Besonderheiten der
russischen Verben beschreibt (z.B. Aspekt) uns russische Beispiel anführt.
Testelec (2001, 157) unterscheidet auch wie Jacobs zwischen zwei
Valenztypen, nämlich zwischen der semantischen und der syntaktischen Valenz.
Die Bedeutung jedes Wortes wird im Wörterbuch mit Hilfe anderer Wörter
beschrieben. In der Semantik wird die Bedeutung der Wörter mit Hilfe von
Ausdrücken beschrieben, in denen Variablen X, Y, Z u.a. für die Deutung des
Wortes verwendet werden. Zum Beispiel die Bedeutung des Wortes догонять (einbzw. nachholen) kann folgenderweise gedeutet werden: „X догоняет Y-а = ‚ X и Y
перемещаются в одном направлении, причем Y находится впереди X-а, и
расстояние между X-ом и Y-ом уменьшается’“ (Testelec 2001, 158).
Die Ausdrücke, die solche Variablen (X, Y, Z) erhalten, sind unvollständig.
Aber diese Unvollständigkeit übereinstimmt der Unvollständigkeit der Bedeutung
des Wortes. Zum Beispiel aus der Bedeutung des Verbs рубить (hauen) ist es nicht
klar wer was und womit haut (Testelec 2001, 158).
Laut Apresjan (1974, 120) kristallisieren sich semantische Valenzen aus der
Bedeutung bzw. Deutung des Wortes heraus und charakterisieren dieses Wortes als
eine konkrete lexikalische Einheit, die von anderen Einheiten sich unterscheidet.
Als semantische Valenz bzw. Partizipant des Lexems L nennt man beliebige
Variable X, die in der Wortdeutung dieses Lexems präsent ist. Jedes Lexem, das
einige Partizipanten hat, nennt man das Prädikatwort bzw. Prädikat (Testelec 2001,
158). Prädikat wird als Valenzträger betrachtet, der durch seine Valenz einen
Rahmen erteilt. Diesen Rahmen soll bzw. muss durch konkrete Bedeutungseinheiten
ausgefühlt werden (Lehmann 2000, 118).
6
Als zweiter Valenztyp bezeichnet Testelec (2001, 157) die syntaktische
Valenz, die Jacobs kategoriale nennt. Syntaktische Valenz ist ein selektives
Merkmal, das zeigt, dass das Lexem L als Kopf („вершина“)4 oder als abhängiges
Wort das Wort W („зависимое слово“) besitzen kann. Die syntaktische Valenz auf
das abhängige Wort nennt der Autor aktive bzw. innere Valenz und auf den Kopf
passive bzw. äußere Valenz. Die Einheiten, die aktiven und passiven syntaktischen
Valenzen eines Lexems füllen, können seine Partizipanten entweder übereinstimmen
oder nicht (Testelec 2001, 162). Testelec (2001, 163) erläutert vier mögliche
Variante mit den Beispielen, die hier in der Tabelle 1 dargestellt sind. Die Wörter,
die unterstrichen sind, füllen die Valenzstellen.
Tabelle 1.
übereinstimmt dem
Partizipant
nicht übereinstimmt
dem Partizipant
лучше меня / besser (als) ich пишет хорошо / schreibt gut
aktive Valenz
passive Valenz
Иван уходит / Ivan geht weg очень красивый / sehr schön
вид на / Aussicht auf
разговаривают в / (sie) reden in
пишет хорошо / schreibt gut
Иван уходит / Ivan geht weg
красивый конверт / schöner разговаривают в / sie reden in
Umschlag
что уходит / dass weggeht
источник шума / Quelle des
Lärms
Es ist bekannt, dass einige Lexeme immer als Köpfe (bzw. als Kern eines Satzes)
auftreten können oder als abhängige Wörter. Das hängt auch von der Wortart ab, z.B.
Verben und Präpositionen sind normalerweise Kopf und Präpositionen sind auch
gleichzeitig abhängig (mindestens in vollen Sätzen). Die syntaktischen Valenzen, die
den Wortarten eignen, nennt Testelec (2001, 163) kategoriale Valenzen. Es gibt auch
solche syntaktische Valenzen, die nicht alle Wörter einer bestimmten Wortart haben.
Diese Valenzen werden als subkategoriale definiert (z.B. nicht alle Verben sind
transitiv).
4
Heuer (1977, 27) benutzt dafür den Ausdruck „Zentrum des Satzes“.
7
Semantische und syntaktische Kombinierbarkeit der Wörter sind meistens
kongruiert. D.h. wenn ein Lexem Partizipant (semantische Valenz) hat, dann ist es
höchstwahrscheinlich, dass es eine syntaktische Valenz X’ hat, die mit dem
semantischen Aktant, der X entspricht, gefüllt wird (Testelec 2001, 163). Aber das ist
nicht immer so, d.h., dass die Quantität von semantischen und syntaktischen
Aktanten unterschiedlich sein kann. Zum Beispiel das russische Verb промахнуться
(danebenschießen, das Ziel verfehlen, danebenwerfen) wird normalerweise ohne
Objekte verwendet. Man kann nicht sagen: Он промахнулся в окно бутылкой*. (Er
warf eine Flasche dem Fenster daneben*). Aber das Verb промахнуться enthält drei
oder sogar vier Partizipanten. Das Verb промахнуться bedeutet ungefähr
Folgendes: ‚A kausiert B (vielleicht durch D) zu C sich zu bewegen und hat das Ziel
den Kontakt zwischen B und C zu kausieren, aber die Strecke B geht an C vorbei’.
Die Partizipanten B, C und D werden normalerweise nicht wiedergegeben. Solche
Partizipanten nennt man als unrealisierte Valenz (Testelec 2001, 167).
Die Beispiele aus der Tabelle 1 beweisen, dass einige Lexemen der
verschiedenen Wortarten Valenzstellen eröffnen können. In Dependenzgrammatik
wird das Verb ins Zentrum des Satzes gestellt und einem Atom verglichen, das
Leerstellen für andere Elemente eröffnet, die mit ihm eine Bindung zu einem Satz
eingehen können (Birkmann 1998, 3). Im Rahmen dieser Arbeit wird nur auf
Verbvalenz eingegangen und werden dazugehörige Abweichungen analysiert.
Laut Apresjan (1974, 120) die Mehrheit der Wörter eröffnet nicht viele
Valenzstellen, normalerweise eins bis drei, selten vier und mehr. Besonders wichtige
subkategoriale Valenzen eines Lexems sollen in einem Wörterbuch in der Form eines
Rektionsmodels wiedergegeben werden. Jedes Verb besitzt sein Rektions- bzw.
Valenzmodel („модель управления“), das die syntaktische Information des Verbs
enthält (Testelec 2001, 163). Das bedeutet, dass in dem Modell alle Informationen
über die Aktanten des Verbs geschrieben werden, z.B. wie viele Aktanten das Verb
verlangt, mit welchen Präpositionen sie zum Verb angeschlossen sein sollen und
welche Kasus sollen die Aktanten haben.
Testelec (2001, 165) ist der Ansicht, dass im Valenzmodel des Verbs nicht
alle syntaktische Valenzen wiedergegeben werden sollen, sondern nur ein
bestimmter Teil davon. Es ist aber notwendig aktive, subkategoriale und den
semantischen
widerspiegeln.
Aktanten
Ein
entsprechende
Wort
kann
Valenzen
mehrere
im
Verbvalenzmodell
Valenzmodelle
besitzen.
zu
Diese
8
Valenzmodelle
können
entweder
verschiedenen
Bedeutungen
des
Wortes
übereinstimmen oder werden bei einer Bedeutung frei variiert.
Kurz befasst, wird in einem Valenzmodel die Information über die
Ergänzungen bzw. Aktanten des Verbs vorhanden, die entweder valenzgebunden
oder weglassbar sein können. Weiter wird das Thema genauer erläutert.
2.1.2. Obligatorische und fakultative Ergänzungen
Man unterscheidet zwei Gruppen von Ergänzungen, nämlich zwischen Aktanten
(actants) und Zirkonstanten (cirkonstans)5. Aktante sind obligatirische bzw.
valenzgebundene Argumente, die die Leerstellen vom Verb füllen (Birkmann 1997,
3). Majorin (2008, 37) bezeichnet Aktanten als obligatorische Ergänzungen, die
„nicht ausgespart bleiben, weil ihr Fehlen zu einem grammatisch nicht korrekten
Satz führt“. Fakultative Ergänzungen nennt sie auch als valenzgebundene, aber sie
dürfen weggelassen werden, weil sie nicht valenznotwendig sind. Wenn fakultative
Ergänzungen wegfallen werden, bleibt die Grammatikalität des Satzes trotzdem
richtig (Majorin 2008, 37). Weiter werden diese zwei Typen von Argumenten
genauer betrachtet.
Welke (1988, 24-26) unterscheidet auch zwischen absolut obligatorische und
relativ obligatorische Ergänzungen. Welke In seinem Buch erörtert, unter welchen
Bedingungen relativ obligatorische Ergänzungen weglassbar sind. Das kann in drei
Situationen vorkommen, die er als „lexikalisierte Ellipse“, „Modalisierung“ und
„Kontrast“ bezeichnet. Lexikalisierte Ellipse bedeutet, dass es keine obligatorischen
Ergänzungen nötig sind, weil aus dem Kontext alles zu verstehen ist (Welke 1988,
25). Die zweite Situation der Weglassbarkeit des Verbs heißt Modalisierung, d.h.
wenn man die Bedeutung des Verbs so verstehen kann, dass das Verb nicht über eine
aktuelle, sondern über eine potentielle Bedeutung berichtet, z.B. Er kann (gut)
beobachten (Welke 188, 26). Mit dem Adverb ist die Bedeutung anders, als ohne und
charakterisiert denjenigen, als guter Beobachter. Es wird praktisch die Fähigkeit
beschrieben, aber B. Hansen (2008) nennt diese Erscheinung „semantische
Verschiebung“. In der Situation des Kontrasts kann das Verb weglassbar sein, wenn
5
Storrer (2003, 766) schreibt: „Das deutsche Lehnübersetzung zu ‚actant’ ist bis heute der Terminus
‚Aktant’ gebräuchlich, […]. ‚Circonstant’ wurde mit ‚Zirkumstant’ übersetzt.“
9
„das betreffende Verb im Kontrast zu einem anderen Verb verwendet wird“, z.B. Er
schenkt nicht, sondern empfängt (Welke 1988, 26).
Bei der Bestimmung der obligatorischen Ergänzungen bzw. Aktanten gibt es
nicht sehr viele Diskussionen und Wissenschaftler sind ziemlich einig in dieser
Frage. In dieser Arbeit werden wir die Definition von Testelec verwenden, der
Aktant als die Einheit bezeichnet, die aktive syntaktische Valenz im Satz füllt und
einem Partizipant entspricht (Testelec 2001, 166).
Wenn Wissenschaftler ziemlich eindeutig den Begriff Aktant bzw.
obligatorische Ergänzung, als notwendige valenzgebundene Einheit bezeichnen, ist
das bei der Definierung der fakultativen Ergänzung bzw. des Zirkonstants6 anders. Es
gibt viele Diskussionen über die Definierung der fakultativen Ergänzungen, bzw.
freien Angaben. Welke (1988, 36) schreibt, dass die obligatorische Ergänzungen,
bzw. Aktanten subkategorisierend wirken und die freie Angaben nicht, weil sie nicht
beliebig zu jedem Verb angeschlossen sein werden. Er schlägt vor, die
Kombinierbarkeit des Arguments mit anderen Verben zu überprüfen. Wenn ein Verb
relativ beliebig mit anderen Verben kombinierbar ist, so geht es um eine Angabe. Die
von Welke vorgeschlagene Definition von Angaben ist unklar. Was bedeutet „relativ
beliebig kombinierbar“? Mit wie vielen Verben soll das überprüft werden? Mehr
klarer Definition von Angaben bzw. Zirkonstanten findet man bei Testelec (2001,
166): Die Einheit, die aktive syntaktische Valenz füllt, aber keinem Partizipant
(semantische Valenz) entspricht, nennt man Zirkonstant.
Die Anzahl der Aktanten im Satz wird vom Verb begrenzt, aber die Anzahl
der Zirkonstanten nicht (Birkmann 1997, 3). Nach Heuer (1977, 8) können freie
Angaben bzw. Zirkonstanten „in jedem Satz beliebig weggelassen und hinzugefügt
werden“.
Ein Aktant kann meistens in der Form eines Substantivs oder eines Äquivalents (z.B.
eines Pronomens), als Subjekt, direktes oder indirektes Objekt vorkommen
(Birkmann 1997, 3) und selten als Adverbialen und Attributen (Testelec 2001, 179).
Als Aktanten können auch Nebensätze auftreten, die zu dem Hauptsatz mit den
verschiedenen
Konjunktionen
angeschlossen
(angeordnet)
werden.
Aber
Zirkonstanten sind meistens Adverbialen oder Attributen (Testelec 2001, 179).
6
Zirkonstanten werden von einigen Wissenschaftlern auch Angaben bzw. freie Angaben genannt, vgl:
Heuer 1977, 8; Welke 1988, 37; Helbig 1992, 72 u.a.
10
Die Nullstellen eines Prädikats können nicht von allen beliebigen Aktanten
gefüllt werden, weil die Kombinierbarkeit der Aktanten mit den Prädikaten von
semantischen Valenzen der Prädikate abhängt. Zirkonstanten können auch nicht mit
jedem Prädikat verbunden werden, weil man gegen die Regeln der semantischen
Kombinierbarkeit nicht verstoßen darf (Testelec 2001, 181-182). Es gibt bestimmte
semantische Restriktionen, die erfüllt sein müssen (Jacobs 2002, 380).
Es gibt Zirkonstanten, die breite Distribution haben und diejenige, die
beschränkte Distribution haben. Manchmal ist die Kombinierbarkeit einiger
Zirkonstanten so wählerisch, dass sie feste Wortverbindung (сочетание) mit dem
Verb bilden, z.B. столкнуться нос к носу (? Stirn gegen Stirn zusammenstoßen)
(Testelec 2002, 182-183). Die Eigenschaften der Kombinierbarkeit hängen nicht nur
von den lexikalischen, sondern auch von den grammatischen Eigenschaften des
Prädikats ab. So, z.B. Adverbialen mit der Bedeutung „wiederholte Handlung“
werden schlecht mit einem vollendeten Verb kombiniert. Es gibt auch Fälle, wann
die morphologische Form ein Zirkonstant einer bestimmten Art verlangt. Zu solchen
Fällen gehört die präventive Imperativform im Russischen, die mit vollendeten
Verben auszudrücken ist. Diese präventive Imperativform ist mit den Verben der
kontrollierten zielgerichteten Handlung unmöglich. Aber wenn da ein Zirkonstant
auftaucht, der die Bedeutung der Kontrollität löscht, dann ist solche präventive
Imperativform möglich. Andererseits ist das Subjekt ein unbestrittener Aktant, aber
kann mit fast allen Verben kombiniert werden. Daraus folgt, dass der Unterschied
zwischen Aktanten und Zirkonstanten undeutlich sein kann (Testelec 2002, 184).
Es gibt auch Einheiten, die sich in der Zwischenposition zwischen Aktanten
und Zirkonstanten befinden. Testelec (2001, 187-188) erörtert das auf folgenden
zwei Beispielen:
(1) Конференция начнется завтра утром в 10 часов.
Die Konferenz fängt morgen früh um 10 Uhr an.
(2) Конференция состоится в Москве на факультете лингвистики РГГУ7.
Die Konferenz findet in Moskau am Institut für Linguistik von RGGU.
7
РГГУ - Российский Государственный Гуманитарный Университет / Russlands
geisteswissenschaftliche Staatuniversität
11
Welche Aktanten haben die Verben начнется (fängt an) und состоится (findet
statt) außer dem gleichen Subjekt Konferenz? Das Verb начнется hat anscheinend
noch einen Aktant, der Zeitangabe bezeichnet, und das Verb состоится einen
Aktant – Ortsangabe. Jeder von diesen zwei Parametern ist nicht mit der Bedeutung
des entsprechenden Verbs zu trennen. Wie kann man dann das Vorhandensein von
drei Aktanten mit den Zeitangaben (завтра, утром, und в 10 часов) und von zwei
Aktanten mit den Ortsangaben (в Москве und на факультете лингвистики РГГУ)
erklären. Man kann annehmen, dass es in jedem Beispiel nicht mehrere Aktanten
gibt, sondern ein Aktant mit einer komplizierten Struktur. Das erklärt jedoch nicht,
warum beispielsweise man eine Frage zu einer Orts- bzw. Zeitangabe stellen kann,
z.B. Wann morgen fängt die Konferenz an? Oder Um wie viel Uhr fängt die
Konferenz morgen früh an? usw. Es ist evident, dass solche Einheiten
Zwischenposition zwischen Aktanten und Zirkonstanten nehmen. Höchstvollständige
Charakteristik dieser Erscheinung gibt der französische Wissenschaftler Lazard
(Testelec 2001, 188).
Lazard unterscheidet vom Prädikat Abhängigen zwischen „regierten“ und
„notwendigen“ Elementen. Als Regiertes wird ein Abhängiges genannt, dessen Form
(Kasus, Präposition, Position usw.) von dem Prädikat bestimmt wird, wobei das
Abhängige nur einmal mit dem Prädikat vorkommen darf. Aktanten, nach Lazard,
sind immer regiert. Ein Aktant kann notwendig sein oder nicht notwendig. Die
Abhängigen, die nicht notwendig und nicht regiert sind, nennt Lazard als
Zirkonstanten. Das allergrößte Interesse in der Lazards Klassifikation sind die Fälle
von Interesse, in denen das Abhängige dem Partizipant dem Kopf übereinstimmt.
Das sind notwendige, aber unregierte Abhängige, die bei einem Prädikat mehrmals
vorkommen können. Zum Beispiel das Verb wohnen verlangt mindestens einen
Aktant mit einer Ortsangabe, aber mehrere solche Aktanten auch möglich sind.
Solche Einheiten nennt Lazar Adjekten (адъект). Adjekten sind Einheiten mit einer
syntaktisch obligatorischen adverbialen Valenz. Testelec schreibt, dass es im
Russischen wenige Adjekte zu finden sind, z.B. проживать (wohnen), обитать
(bewohnen), селиться (sich ansiedeln) usw. (Testelec 2002, 189).
12
2.1.3. Semantische Rollen
Wie es schon oben erwähnt wurde, werden die Leerstellen bzw. Positionen bei
Verben eröffnet, die bestimmte Ergänzungen bzw. Argumente fordern. Solche
Positionen werden oft mit Rollenforderungen verbunden. Nach Testelec (2002, 209)
darf jedes Prädikat nur einen Aktant mit bestimmter Rolle besitzen, d.h. jeder Aktant
kann nur eine semantische Rolle ausdrücken. In dieser Arbeit wird das Thema der
semantischen Rollen nicht sehr viel beschrieben, weil es hier nicht sehr Tief in die
Semantik der Wörter eingegangen wird. Die Analyse der Beispiele wird
hauptsächlich auf dem Wörterbuch von Apresjan/Pall basieren.
Testelec (2002, 213-214) stellt folgende mögliche Rollen vor: Agens ist ein
belebter Initiator einer Aktion, der diese Aktion kontrolliert, d.h. ist fähig nach seiner
Wille diese Aktion anfangen und beenden. Patiens ist mehr als andere Teilnehmern
der Aktion in sie herangezogen und macht höchstwesentliche Veränderungen im
Vergleich mit anderen Teilnehmern durch. Benefizient bzw. Rezipient ist
normalerweise belebter Teilnehmer der Situation, dessen Interessen auf irgendwelche
Weise berührt werden. Experiencer ist ein Empfänger der Information bei der
Verben der Wahrnehmung und ein Träger unwillkürliches Gefühls. Man kann
Experiencer auch als der Teilnehmer bezeichnen, der einen (agenslosen) Zustand
erlebt. Instrument ist ein unbelebtes Objekt, mit dessen Hilfe die Aktion realisiert
wird, aber es wird keinen Wandel durchmachen. Quelle ist ein Ort von dem eine
Bewegung realisiert wird. Ziel ist ein Zielpunkt einer gerichteten Aktion. Das sind
wichtigste semantische Rollen, die Testelec nennt.
Aktanten können manchmal mit gleichen Rollen verbunden werden, als folge
kommt eine Rolle, die Testelec (2002, 212) als komplizierte bezeichnet. Es ist eine
schwierige Aufgabe die Valenzen tausender Verben in beliebiger Sprache nach
semantischen Rollen zu charakterisieren. Deswegen ist es sinnvoll alle Verben in
verschiedenen Gruppen nach dem Set ihrer semantischen Rollen zu ordnen. Testelec
(2002, 223-227) beschreibt kurz einige Verbgruppen. Hier werden alle diese
Gruppen nicht dargestellt werden, weil für diese Arbeit es nicht sehr relevant ist. Nur
eine Gruppe wird hier kurz erwähnt.
13
Testelec (2002, 224-225) erörtert kurz die Gruppe der Agensverben8, die auch
Patiensvalenz besitzen und nennt diese Verbgruppe „semantisch transitiv“. Zu dieser
Gruppe gehören auch Verben, die intellektuelle Operationen über das Patiens
bedeuten, z.B. обдумывать (überlegen), читать (lesen), считать (halten für),
измерять (messen)9.
In dieser Arbeit werden Valenzabweichungen der gesprochenen Sprache
analysiert, was in dem praktischen Teil der Arbeit genauer beschrieben und
dargestellt wird. In der vorliegenden Arbeit werden nur die Abweichungen bei den
Verben beschrieben, die in dem theoretischen Teil der Arbeit als obligatorische und
fakultative genannt wurden.
2.2. Sprachkontakt und Zweisprachigkeit
In diesem Kapitel wird zuerst ein Überblick über Sprachkontaktforschung gegeben
und werden knapp vier Emigrationswellen beschrieben. Dann werden die Begriffe,
Sprachkontakt und Zweisprachigkeit diskutiert. Am Ende dieses Kapitels werden
Wirkungen des Sprachkontaktes behandelt und Definitionen für Termini Interferenz
und Transferenz gegeben.
2.2.1. Sprachkontaktforschung
Die Sprachkontaktforschung stellt heutzutage sehr breite Palette von Untersuchungen
dar. Die Forschungen können auf verschiedenen Ebenen durchgeführt werden,
nämlich auf der soziologischen, politischen, kulturologischen, wirtschaftlichen und
auch linguistischen (Oksaar 1996, 1).
Die Sprachkontaktforschung kann sowohl diachrone als auch synchrone
Fragestellungen im Fokus haben. Frühere Sprachkontaktforschungen hatten eher eine
diachronische Hinsicht auf den Sprachkontakt (historischer Sprachkontakt), d.h. die
8
9
Agensverben sind Verben, die Agensvalenz haben (Testelec 2002, 223).
Diese Verbgruppe ist wichtig in dieser Arbeit, weil in dem empirischen Teil eine Abweichung bei
dem Verb считать (halten für) beschrieben wird, die wegen der Verwechslung der semantischen
Rollen geschehen wurde.
14
Wissenschaftler waren auf der Sprachgeschichte bezogen und betrachteten, wie eine
Sprache sich durch Jahrzehnte und Jahrhunderte wandelten. E. Oksaar (1996, 1-5)
gibt einen ziemlich umfangreichen Überblick von solchen Arbeiten.
In dieser Arbeit wird den Sprachkontakt synchronisch betrachtet. In der
Literatur wird die Entwicklung der neueren Sprachkontaktforschung oft mit den
Arbeiten von U. Weinreich (1953/1967) „Language contact“ und E. Haugen „The
Norwegian Language in America“ verbunden10. Diese Werken werden oft auch für
das Fundament der theoretischen Fragen der Sprachkontaktsforschung gehalten. K.
Anders (1993, 7) nennt die Theorien von U. Weinreich als klassische.
Erste Forschungen zum russisch-deutschen Sprachkontakt wurden nach
Goldbach (2005, 13) in den 20-er und 30-er Jahren durchgeführt, die meistens an den
lexikalischen Entlehnungen lagen. In der Zeit wurden die Beeinflussungen des
Russischen auf das Deutsche erforscht. Im Jahre 1941 wurden die Deutschen nach
Sibirien und Mittelasien vertrieben, was natürlich die Sprachsituation geändert hat.
Viele Deutschmuttersprachler geraten in der russischen Umgebung, was natürlich
ihre Sprache sehr stark beeinflusste. Alle Deutschmuttersprachler sollten viel mehr
Russisch reden. Das rief verschiedene Änderungen sowohl in ihrem Deutschen, als
auch in ihrem Russischen hervor (Goldbach 2005, 14-15). Solche Sprachänderungen
wurden von einigen Linguisten, wie z.B. Nina Berend und Hugo Jedig (1991),
Renate Blankenhorn (2003)11, Olga Trenina (2004) beschrieben. Es gibt auch andere
Arbeiten zu diesem Thema, z.B. die Arbeit von Kerstin Anders (1993). Die Autorin
beschreibt die Einflüsse des Russischen auf das Deutsche und unterscheidet
zwischen phonetisch-phonologischen, lexikalischen, morphologischen, syntaktischen
und phraseologischen Einfluss.
Später nach der Umsiedlung sogenannten Aussiedler bzw. Spätaussiedler
wurden die Arbeiten erschienen, in denen das Russische der Aussiedler untersucht
und beschrieben wurde.12 Elena Zemskaja (2001) in ihrem Werk „Jazyk russkogo
zarubež’ja“ beschreibt vier Wellen der Emigration und konzentriert sich auf der
ersten Emigrationswelle. Heinrich Pfandl (2000, 21) beschreibt auch die vier Wellen,
10
Clyne 1975, 2, Oksaar 1980, 44, Bechert/Wildgen 1991, 1, Blankenhorn 2003, 41 Goldbach 2005,
13.
11
Auch frühere Arbeiten von Blankenhorn
12
Arbeiten von Pfandl 2000, Meng 2001, Goldbach 2005, Meng/Protassova 2005, Pabst 2007 u.a.
15
aber im Mittelpunkt seiner Habilitationsschrift steht die dritte und vierte Welle der
Emigration. Weiter werden die vier Emigrationswellen kurz beschrieben.
Die erste Emigrationswelle erfolgt nach der Revolution des Jahres 1917. Das
sind meistens hoch gebildete Menschen und für sie ist Mehrsprachigkeit typisch
(Zemskaja 2001, 36). Die zweite Welle ist mit dem zweiten Weltkrieg verbunden.
Unter den Emigranten der zweiten Welle sind viele, die im besetzten Territorium
oder in Gefangenschaft waren. Die dritte Welle von Emigranten war in 70-er Jahren
und bestand hauptsächlich aus Dissidenten (Intellektuellen Personen) und Juden, die
Möglichkeit hatten, nach Israel zu emigrieren (Zemskaja 2001, 34; Pfandl 2000, 1017). Die letzte vierte Emigrationswelle fiel auf 80-er Jahren. Die Grenze zwischen
der dritten und der vierten Wellen ist es zeitlich schwer zu ziehen (Pfandl 2000, 15).
Pfandl (2000, 21) schlägt vor, das Jahr 1986 für das Ende der dritten Welle zu halten.
Die vierte Emigrationswelle wurde ökonomische Emigration oder auch „колбасная
эмиграция“ (Wurstsemmelemigration) genannt, weil sie hauptsächlich ökonomische
Gründe trat (Pfandl 2000, 15).
In seiner Mehrheit besteht die vierte Emigrationswelle aus Personen, die aus
Russland für immer weggefahren sind. Diese Emigranten wollen nicht nach Russland
zurückkehren und deswegen ihr Ziel ist alles in ihrer neuen Heimat zu erreichen. Sie
möchten in dem neuen Land eine Arbeit finden, wohl leben und glücklich sein.
Solche Menschen möchten so schnell wie möglich sich integrieren. Als
Haupthindernis dieses Ziel zu erreichen, tritt die Fremdsprache auf. Deswegen viele
Emigranten versuchen so viel wie möglich die Fremdsprache zu reden und als
Folgerung sie sprechen wenig Russisch (Zemskaja 2000, 772).
Die Emigranten der vierten Welle sind in einigen Ländern, wie z.B. in USA,
Frankreich, Italien und Finnland. Die Mehrheit von Emigranten der vierten Welle
befindet sich in Deutschland (Zemskaja 2000, 772) und sie nennen sich selbst
„русские немцы“ (wörtlich: russische Deutschen), wobei in Russland werden sie als
„российские немцы“ und in Deutschland von Deutschen als „Russlandsdeutsche“
genannt. Zu den Aussiedlern bzw. Russlandsdeutschen gehören diejenigen Personen,
die deutsche Verfahren haben bzw. hatten. Solche Menschen mit ihren Nachkommen
bekamen eine Möglichkeit nach ihrer historischen Heimat zurückzukehren. Viele
von denen können kein Deutsch und in dem neuen Land sollen sie alles vom Anfang
an anfangen (Zemskaja 2000, 772). Ihr Russisch wird sehr schnell von dem
Deutschen beeinflusst und deswegen bietet ihre Sprache ein großes Interesse für die
16
Linguisten. In vorliegender Arbeit wird die Sprache der Emigranten der vierten
Emigrationswelle erforscht und im Fokus der Arbeit wird das Problem der
Valenzstrukturen gelegt.
2.2.2. Sprachkontakt und Zweisprachigkeit
Jedes Individuum als soziales Wesen kontaktiert immer mit anderen Personen. Da sie
alle Sprachen besitzen, werden ihre Sprachen auch in Kontakt zueinander gestanden
(Frantzen 2004, 6). Weiter werden die Begriffe Sprachkontakt und Zweisprachigkeit
genauer betrachtet.
Es gibt mehrere Definitionen und verschiedene Ansätze des Sprachkontaktes.
Die klassische, meistzitierte Definition gehört zu U. Weinreich. Laut Weinreich
(1977, 15) befinden sich zwei oder mehrere Sprachen im Kontakt miteinander, wenn
sie abwechselnd von demselben Menschen verwendet werden. Der Mensch stellt
somit
den
Ort
des
Kontaktes
dar
(Weinreich
1977,
15).
Zu
dieser
psycholinguistischen Definition fügt Riehl (2004, 11) eine soziolinguistische, die sie
bei Nelde13 übernahm:
„Zwei oder mehr Sprachen stehen im Kontakt miteinander, wenn sie
in derselben Gruppe gebraucht werden. […] Dabei ist es nicht
notwendig, dass jedes einzelne Mitglied der Gruppe beide Sprachen
spricht, Ort des Sprachkontakts ist dann sozusagen die Gruppe im
Ganzen.“ (Riehl 2004, 11-12).
Kolde (1981, 9) nennt solche Gruppe als „gemischtsprachige Gruppe“, wobei nicht
alle Mitglieder dieser Gruppe die gleiche Hauptsprache bzw. Hauptsprachen
sprechen. In einer solchen gemischtsprachigen Gruppe, gibt es kleinere Gruppen, die
Kolde (1981, 10) als Sprachgruppen bezeichnet. Die Hauptsprache bzw.
Hauptsprachen der Mitglieder der Sprachgruppen soll(en) gleich sein. In einer
gemischtsprachigen Gruppe kann nicht jedes Mitglied zweisprachig sein (Kolde
1981, 10).
13
Nelde Peter H. (1983) Plädoyer für eine Linguistik von Sprachen in Kontakt. In: ders. (Hg.)
Theorie, Methoden und Modelle der Kontaktlinguistik. Bonn, 3-13.
17
Mixajlov (1972, 197) betont, dass der Sprachkontakt nur durch die zweibzw. mehrsprachigen Menschen möglich ist und dass die Beeinflussung der
Sprachen fängt in der Rede der Menschen an.
Mit den oben genannten Definitionen des Sprachkontaktes hängt eng der
Begriff ‚Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit’ zusammen. Weinreich (1977, 15) bezeichnet
die Zweisprachigkeit als abwechselnden Gebrauch von zwei Sprachen und die
Personen, die abwechselnd zwei Sprachen verwenden, nennt er als Zweisprachige.
Goldbach (2005, 15) versteht unter der Zweisprachigkeit sowohl Ausgang als auch
Ergebnis von Sprachkontakt.
C. Riehl (2004, 11) weist jedoch darauf hin, dass Sprachkontakt im Grunde
genommen ein Resultat von Zweisprachigkeit ist. Sie ist der Ansicht, dass der
Begriff des Sprachkontaktes sehr oft getrennt von dem Begriff der Mehrsprachigkeit
gegeben wird, was ihrer Meinung nach, den Fokus von Menschen auf die Sprachen
verschiebt. Bei der Definition von U. Weinreich liegt der Akzent auf den beteiligten
Sprachen. Riehl (2004, 11) verbindet in ihrer Definition von Sprachkontakt diese
zwei
Begriffe
und
definiert
den
Sprachkontakt
als
ein
Ergebnis
von
Mehrsprachigkeit. Weiter geht sie in die Sprachsysteme der beteiligten Sprachen und
betont, wenn Sprecher einer Sprachgemeinschaft mehrere Sprachen gleichzeitig
verwenden,
das
ruft
auch
bestimmte
Veränderungen
in
den
beteiligten
Sprachsystemen hervor. Wenn man davon auszugehen ist, dann wird nach Riehl
(2004, 11) unter dem Sprachkontakt „gegenseitige Beeinflussung von zwei oder
mehreren Sprachen“ verstanden.
Um die Termini Sprachkontakt und Zweisprachigkeit voneinander abgrenzen
zu können, schlägt Goldbach (2005, 15) vor, dass der Fokus bei Zweisprachigkeit auf
die Eigenschaften eines Menschen gelegt wird, der die beteiligten Sprachen spricht,
oder einer Gruppe, in der diese Sprachen gesprochen werden. Beim Sprachkontakt
werden die beteiligten Sprachen ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.
Georges Lüdi (1996, 234) nennt in ihrem Artikel vier Typen von
Mehrsprachigkeit, nämlich individuelle, territoriale, soziale und institutionelle
Mehrsprachigkeit. Für diese Arbeit spielt eine wichtige Rolle die individuelle
Mehrsprachigkeit, die Lüdi (1996, 235) als Bilingualität bezeichnet.
Dešeriev Ju. D. und Protčenko I.F. (1972, 33), Pabst (2007, 15), Goldbach
(2005, 15) und andere Wissenschaftler merken an, dass der Begriff „Bilingualität“
keine einheitliche Definition hat. Dešeriev Ju. D., Protčenko I.F. (1972, 33) fügen
18
eine Zitat aus dem berühmten „Wörterbuch der linguistischen Termini“ von O.S.
Axmanova an, in dem die Zweisprachigkeit als gleich vollkommene Beherrschung
der beiden Sprachen bezeichnet wird. Es ist mit Dešeriev und Protčenko (1972, 34)
zuzustimmen, dass es unmöglich ist, beide Sprachen gleich vollkommen zu können.
Selbst das Wort vollkommen ist ein bisschen abstrakt und wird von verschiedenen
Personen unterschiedlich verstanden. Dešeriev und Protčenko (1972, 34) sind der
Auffassung, dass es nicht alle Muttersprachler ihre Muttersprache vollkommen mit
allen Stilen und allen Bereichen des Wortschatzes beherrschen. Die vollkommene
Beherrschung von zwei Sprachen ist ein Ideal, zu dem man zustreben soll (Dešeriev,
Protčenko 1972, 34).
Laut Pabst (2007, 15) widersprechen sich einige Definitionen von
Zweisprachigkeit bzw. Bilingualität gar, was damit zu erklären ist, dass sich jede
Definition mit anderen Aspekten und Merkmalen der Zweisprachigkeit beschäftigt,
zum Beispiel mit dem Grad der Sprachbeherrschung oder der Funktion der
Zweitsprache.
Einige
Wissenschaftler
kategorisieren
Zweisprachigkeit
in
verschiedene Typen. Pabst (2007, 17-19) beschreibt z.B. simultane, sukzessive,
natürliche, kulturelle, additive und subtraktive Zweisprachigkeit. In dieser Arbeit
wird das Thema Zweisprachigkeit nicht sehr stark diskutiert und wird die minimale
Begriffsbestimmung von Haugen (1956, 10) verwendet. Nach ihm beginnt die
Bilingualität “at the point where the speaker of one language can produce complete,
meaningful utterances in the other language.”
Wenn ein Individuum mehr als eine Sprache redet, dann ist die Frage nach
seiner Muttersprache oder Fremdsprache sinnvoll. Einige Wissenschaftler
14
diskutieren in ihren Arbeiten solche Begriffe wie Muttersprache, Vatersprache,
Familiensprache, Umgebungssprache, Fremdsprache, Erstsprache, Zweitsprache,
Schulsprache, schwache und starke Sprache usw. Rozencvejg (1972, 3) hält auch den
Begriff „Kontaktsprache“ für wertvoll. Kolde (1981, 5-9) behandelt solche Begriffe
wie Primärsprache, Sekundärsprache, Hauptsprache und Nebensprache. In dieser
Arbeit wird diese Frage nicht viel diskutiert.
Unter Muttersprache wird die Sprache verstanden, die ein Kind über seine
Mutter bzw. Eltern, wenn sie die gleiche Sprache sprechen, erwirbt. Als Synonym
von Muttersprache wird den Begriff Erstsprache genannt. Erstsprache ist die
14
Wie z.B. Pabst 2007, 14-22; Zemskaja 2000, 769; Kolde 1981, 5-9 u.a.
19
Sprache, die das Kind in ersten Jahren seines Lebens hört und redet. Wie es oben
erwähnt wurde, gibt es auch die Termini starke und schwache Sprachen (Pabst 2007,
19). Aber im verschiedenen Alter kann eine Sprache aus der starken in die schwache
verwandeln und umgekehrt.
Riehl (2004, 160) ist die Auffassung, dass der Sprachwechsel beim
Individuum beginnt, aber Auswirkungen auf die gesamte Sprachgemeinschaft hat.
Wenn viele Sprecher die Sprache nicht mehr verwenden, dann können diejenigen,
die die Sprache noch sprechen weniger Kommunikationspartner finden, mit denen
sie diese Sprache reden können. In vielen Fällen findet ein Generationenwechsel
statt, d.h. die jüngeren Generationen sprechen die Sprache schon nicht sehr oft (Riehl
2004, 160). Deswegen kann der Sprachwechsel stattfinden und eine Sprache, die als
Muttersprache zu betrachten ist, wird selten gesprochen und die Person schlechte
Kenntnisse der „Muttersprache“ mit der Zeit besitzen kann.
In dieser Arbeit ist es nicht sehr wichtig, welche Sprache als Muttersprache
bezeichnet wird und welche als Fremdsprache. Ist es auch nicht relevant, ob eine
Sprache stärker oder schwächer anderer Sprache ist. Alle Probanden verweisen
verschiedene Sprachkenntnisse, sowohl im Deutschen, als auch im Russischen. Aber
bei allen Probanden gilt das Russische als Erstsprache, d.h. ist die Sprache, die sie in
den ersten Jahren ihres Lebens erworben haben. Aber um weiter bei der
Datenanalyse die Verwirrung zu vermeiden wird das Russische als L1 und das
Deutsche als L2 bezeichnet.
2.2.3. Wirkungen des Sprachkontaktes
Dieses Kapitel wird den Auswirkungen des Sprachkontaktes gewidmet, d.h. man
wird aufgezählt, welche Sprachveränderung ein Sprachkontakt verursachen kann.
Zweisprachige Menschen schalten sich von einer in die andere Sprache um.
Das bedeutet, dass beide Sprachen immer in ihrem Gedächtnis präsent sind,
deswegen wenn ein Bilingualer eine Sprache spricht, dann ist die zweite nicht ganz
ausgeschaltet. So bleibt die zweite Sprache immer im Hintergrund und kann in jedem
Moment aktiviert werden. Diese Feststellung kann nicht ohne Auswirkungen für die
beteiligten Sprachen bleiben (Riehl 2004, 28). Als Folgen eines Sprachkontaktes
20
gelten folgende Sprachphänomene wie Code-switching, Code-mixing, Interferenz,
Transferenz,
Importation,
Ad-hoc-Entlehnung,
Sprachwechsel
und
sogar
Sprachverlust. Weiter werden nur einige Begriffe diskutiert, weil in dieser Arbeit
nicht alle diese Sprachphänomene gebraucht werden.
Viele Wissenschaftler15 beschrieben in ihren Arbeiten, wie eine Sprache eine
andere Sprache beeinflussen kann und zu welchen Sprachkontaktphänomenen das
führen kann. Panfilov (1972, 103) stellt die These auf, dass der Prozess des
Zusammenwirkens der Sprachen bei Zweisprachigkeit zur Annäherung der in dem
Sprachkontakt beteiligten Sprachsystemen führt.
Es ist zuzustimmen, dass ein Sprachkontakt verschiedene Veränderengen in
Sprachsystemen hervorruft. Solche Änderungen können einseitig oder gegenseitig
sein und dann werden die Sprachsysteme von beiden beteiligten Sprachen
beeinflusst. Diese Änderungen gelten als Abweichungen von den Sprachnormen, die
Weinreich (1977, 15) als Interferenz bezeichnete.
Riehl (2004, 28) ist der Ansicht, dass der Begriff Interferenz kritisiert wurde
und negativ sei, weil er „Einmischung“ bedeutet. Laut Clyne (1975, 16) wird den
Terminus Interferenz von verschiedenen Wissenschaftlern nicht einheitlich
verwendet. Er meint auch, dass mit dem Begriff Interferenz „sowohl Sache als auch
Ursache“ (Clyne 1975, 16) bezeichnet wird, was bei der Beschreibung der
Sprachsysteme zur Verwirrung führen kann. Spillner (1996, 145) ist auch der
Meinung,
dass
der
Begriff
Interferenz
zu
breit
ist
und
verschiedene
Sprachphänomene bezeichnen kann.
Bei Thomason (2001) ist die „Interference“ ein Resultat von „Imperfekt
learning“, wobei ein Individuum einige Strukturen aus der eigenen Sprache in die
Zielsprache übernimmt. Wenn es um die so genannten Entlehnungen handelt,
dann bezeichnet sie Thomason als Importationen. Bei der Importation
(„borrowing“) geht es um Entlehnungen, d.h., dass Entlehnungen die sprachlichen
Elemente sind, die aus einer Fremdsprache in die Muttersprache übernommen
werden.
Clyne (1975, 16) schlägt vor, „die Übernahme von Elementen, Merkmalen
und Regeln aus einer anderen Sprache“ als „Transferenz“ zu bezeichnen. Unter
15
Wie z.B. Weinreich (1953/1967/1977), Haugen (1956), Žluktenko (1974), Clyne (1975), Anders
(1993), Pfandl (2000), Thomason (2001), Gregor (2003), Riehl (2004), Goldbach (2005), Pabst
(2007) usw.
21
der Transferenz versteht Clyne (1975, 16) einen Prozess und einzelne
Erscheinungen nennt er als Transfer. Diese Termini bekamen auch sehr große
Verbreitung bei Wissenschaftlern.16 Riehl (2004) benutzt die zwei Termini
manchmal als Synonyme.
Goldbach (2005, 16) betont, dass „der Begriff Transferenz scheinbar nicht
alle Effekte von Sprachkontakt erfasst, da diese nicht immer wirkliche Übernamen
darstellen“ (Goldbach 2005, 16). Rozencvejg (1963, 61) vertritt die These, dass
bei Zweisprachigen ein drittes Sprachsystem entstehen kann. Und deswegen es
kann nicht um die Übernahmen bzw. Entlehnungen gehen.
Bei einigen zweisprachigen Personen ist es nicht leicht zu definieren,
welche Sprache für sie als Muttersprache und welche als Fremdsprache zu
bezeichnet sind. Deswegen die Begriffe Importation und Interferenz nach
Thomason (2001) werden in dieser Arbeit nicht relevant.
Insofern ist es sinnvoller in dieser Arbeit den Begriff Interferenz von
Weinreich (1977, 15) als Hauptbegriff zu benutzen. Im Mittelpunkt dieser
Forschung steht das Russische und deswegen unter Interferenz werden
verschiedene Änderungen des Russischen bezeichnen, die als Abweichungen von
den Normen zu sehen sind. Als sogenannte Norme gilt zweibändiges
Valenzwörterbuch von Apresjan-Pall (1982). Die Struktur des Wörterbuches wird
in nächsten Kapiteln dargestellt. Für die Fälle, die im Wörterbuch nicht
beschrieben wurden, werden Texten aus dem russischen Nationalkorpus
verwendet17 oder andere Wörterbücher, die in der Literaturverzeichnis präsent
sind. Während den Begriff Interferenz als Abweichung von den Normen gilt,
werden die Begriffe Transferenz und Transfer als Bezeichnung für Übertragung
aus dem Deutschen ins Russische.
Weinreich (1977, 18) behauptet, dass die gegenseitige Beeinflussung der
beiden Sprachen und Änderungen, die nach dem Sprachkontakt folgen, stärker
sein werden, wenn sich der Kontakt innerhalb ganzer Gruppe von Zweisprachigen
ereignen soll. In unserem Fall ist es aktual, weil Russlandsdeutsche eine ziemlich
große Gruppe ist.
Thomason (2001,?59-60) vertritt die These, dass jeder kontaktinduzierte
Sprachwandel außerhalb einer Sprachkontaktsituation kaum geschehen wird und
16
17
Wie z.B. Anders 1993, Riehl 2004, Goldbach 2005 usw.
http://www.ruscorpora.ru/
22
zumindest teilweise durch Sprachkontakt verursacht. Diese Definition schließt in
sich zwei Kategorien ein. Die erste Kategorie ist die direkte Übernahme entweder
nur von Morphemen, oder zusammen von Morphemen und Strukturen oder nur von
Strukturen. Dabei können die sprachlichen Elemente der Quellsprachestruktur
sowohl ändern als auch nicht. Zur zweiten Kategorie gehören indirekte Effekte von
Sprachkontakt. Diese Kategorie wird auch in zwei Subkategorien unterteilt. Die erste
Subkategorie fasst so genannte „Zerreibungsprozesse“ um, die zum Sterben einer
Sprache führen. Die zweite Subkategorie enthält spätere Änderungen, die durch
direkte Importationen hervorgerufen werden. Diese späteren Änderungen werden
von inneren sprachlichen Prozessen bewirkt. Aber es ist niedrig wahrscheinlich, dass
die Prozesse ohne kontaktinduzierten Sprachwandel stattgefunden hätten (Thomason
2001).
Juhász (1980, 646) schreibt, dass Interferenz drei Erscheinungsformen hat,
nämlich phonetische, grammatische und lexikalisch-semantische, wobei die
grammatische Erscheinungsformen morphologische und syntaktische erfassen.
Anders beschreibt in ihrer Arbeit fünf Einflüsse: phonetisch-phonologische,
Lexikalische, morphologische, syntaktische und phraseologische. U. Weinreich
(1977, 15) ist der Ansicht, dass die Interferenz in vier Bereiche eingeführt werden
kann und zu solchen Bereichen sind folgende zu zählen, nämlich ein großer Teil des
phonologischen Systems, der Morphologie, der Syntax und einige Felder des
Wortschatzes. Er behauptet, dass es eine Übervereinfachung wäre, nur von
Entlehnung oder Hinzufügungen zu einem Inventar zu reden.
Bei dem kontaktinduzierten Sprachwandel spielen soziale Faktoren eine sehr
wichtige Rolle. Soziale Faktoren beziehen sich auf die Intensität der Sprachkontakt.
Je intensiver der Kontakt ist, desto mehr Arten der Interferenz sind möglich. Bei der
Intensität der Sprachkontakt sind nach Thomason (2001) zwei Komponenten
wichtig: die Dauer des Kontakts (je länger Sprachkontakt dauernd, desto größer die
Wahrscheinlichkeit von Entlehnungen ist und desto mehr Zeit haben die Sprecher um
bilingual zu werden) und die Größe der Gruppe.
Thomason (2001, 70-71) stellt in ihrer Arbeit sogenannte „Borrowing scale“
(die Entlehnbarkeitsskala) dar. Diese Skala zeigt die Intensität der Entlehnungen, die
sehr stark von der Intensität des Sprachkontaktes abhängt. Beim gelegentlichen
Sprachkontakt wird die Lexik (meistens Substantive, aber keinen Grundwortschatz)
entliehen. Beim geringfügig intensiven Sprachkontakt werden Entlehnungen in
23
folgenden Bereichen vorhanden: in Lexik (Inhaltswörter und Funktionswörter,
nämlich Konjunktion und Partikel), in Phonologie (neue Phoneme in Lehnwörter)
und in Syntax (neue Funktionen und funktionale Einschränkungen oder häufiges
benutzen zwar seltener Wortstellung). Beim stärker intensiven Kontakt werden
Lexika
(zunehmend
Grundwortschatz,
Funktionswörter
Ableitungsaffixe),
(Pronomen,
Phonologie
niedrige
(Verlust
Numerale),
mancher
in
der
Quellsprache nicht existenter Phoneme, Ersetzung von Phonemen auch bei
einheimischen Wörtern, Entlehnung der Betonung, Veränderung der Silbenstruktur
und der morphophonemischen Regeln), Syntax (Wortfolge, Parataxe und Hypotaxe)
und Morphologie (entlehnte flektierbare Affixe) übernommen. Beim intensiven
Sprachkontakt kommen starke lexikalische Entlehnungen (in allen Bereichen der
Lexik) und starke strukturelle Entlehnungen vor.
Es ist zu sehen, dass ein Sprachkontakt wirklich alle linguistischen Bereiche
beeinflussen kann. In weiteren Kapiteln wird es beschrieben, auf welche Stufe sich
der russisch-deutsche Sprachkontakt befindet und wie das sich auf die
Valenzkategorie auswirkt.
In weiteren Kapiteln wird die Forschung beschrieben, die die Position der
Valenz im russisch-deutschen Sprachkontakt darstellt. Weiter werden auch die
Beispiele, bei denen verschiedene Abweichungen von den Normen des Russischen
im Bezug auf die Valenzstrukturen dargestellt werden, angeschaut und analysiert.
24
3. Besonderheiten der Sprachsituation der russischsprachigen
Aussiedler
Karaulov (1992, 5) in seinem Artikel betrachtet die Sprache des Auslandsrussentums
als selbständige Existenz der russischen Sprache und als ein extra Bereich ihres
Funktionierens. Das Russische im Ausland ist seiner Meinung nach ein schwieriges
Thema, weil die russische Sprache des Auslandsrussentums verschiedene historische
Voraussetzungen hatten und zu vier Emigrationswellen zugeordnet sind (Karaulov
1992,
5).
Das
Russische
jeder
Emigrationswelle
besitzt
seine
eigenen
Besonderheiten. Es wurde schon oben betont, dass in dieser Arbeit im Mittelpunkt
das Russische der vierten Emigrationswelle stehen wird.
Die Emigranten der vierten Welle der Emigration werden Aussiedler genannt.
Als Aussiedler bzw. Spätaussiedler werden Menschen bezeichnet, die nach
Deutschland emigriert sind und deutscher Herkunft haben. Solche Menschen können
aus Polen, Ungarn, Jugoslawien, Rumänien, der Länder der ehemaligen Sowjetunion
kommen (Meng/Protassova 2005, 230). Es wurde schon oben erwähnt, dass in dieser
Arbeit das Russische der russischsprachigen Aussiedler bzw. russlanddeutscher
Aussiedler analysiert wird, deswegen ist es wichtig kurz die Lebenssituation der
Aussiedler und Motiven, nach denen sie nach Deutschland umgezogen sind, zu
behandeln.
Das Hauptmotiv, warum Russlanddeutschen der vierten Emigrationswelle
nach Deutschland kommen, war ökonomisch, sie wollten im Wohlstand leben. Die
Emigranten der vierten Welle reisten für immer ab, deswegen ihr Ziel war so schnell
wie möglich in Deutschland sich zu adaptieren und finanzielle Wohlstand zu
erreichen, nämlich ein Haus, eine Arbeitsstelle, das Geld usw. haben (Zemskaja
2001, 43). Um das alles zu erreichen, brauchen sie erstens das Deutsche zu können.
Deswegen war für die Emigranten der vierten Welle, sehr wichtig das Erlernen des
Deutschen. Diejenigen, die kein Deutsch konnten, sollten von Anfang an das
Deutsche lernen (Zemskaja 2001, 44). Zemskaja (2001, 63) betont, dass das
Russische bei der vierten Emigrationswelle nicht gepflegt wird, weil die Emigranten
25
sich auf dem Erlernen der deutsche Sprache konzentrieren und als Konsequenz wird
das Russische sehr stark vom Deutschen beeinflusst.
Ein sehr wichtiger Moment ist auch die Einstellung zu der russischen
Sprache. Nach Nina Berend (1998, 63) sind die Erwachsene einig, dass Russisch zu
können nur Vorteile hat und deswegen möchten sie ihren Kinder die russische
Sprache beibringen. Achterberg (2005, 252) behauptet, dass das Russische das
höchste Sprachvitalität18 der slawischen Sprachen in Deutschland hat, weil es für die
Familiensprache gehalten wird. D.h., dass das Russische am häufigsten in den
Familien gesprochen wird.
Aber manchmal das Problem ist das, dass sich die Kinder selbst nicht immer
Mühe geben um Russisch zu lernen. Die Erwachsenen beschweren sich, dass sie mit
den Kindern Russisch reden und die Kinder ihnen auf Deutsch antworten (Berend
1998, 63).
Es gibt aber solche Eltern, bzw. Familien, in denen mit den Kindern nur
Deutsch gesprochen wird. Es ist selbstverständlich, wenn die Kinder kein Russisch
mehr brauchen, dann können sie das Russische nicht und im besseren Fall verstehen
sie etwas auf Russisch.
Meng und Protassova (2005, 230) betonen, dass sich die Aussiedler im
Gespräch immer zwischen dem Russischen und dem Deutschen umschalten, womit
„die sprachlichen Grenzen zwischen Deutsch und Russisch überspringen“ (Meng /
Protassova 2005, 230). Sie behaupten, dass bei Russladdeutschen nicht nur wörtliche
Transferenz zu beobachten ist, sondern sie verknüpfen auch sowohl russische, als
auch deutsche Elemente miteinander. Solche Äußerungen nennen Meng und
Protassova (2005, 230) als „deutsch-russisch gemischtsprachige Äußerungen“.
Einige Wissenschaftler haben schon ihre Arbeiten der Besonderheiten des
Russischen in Deutschland gewidmet, wie z.B. Pfandl (2000), Meng (2001),
Goldbach (2005), Grillborzer (2008) usw. Obwohl jedes Werk eigenen Fokus hat,
bezeichnen alle, dass es Abweichungen in mehreren Bereichen zu finden sind,
nämlich bei Lexik, Morphosyntax, Phonologie und Semantik. Hier werden alle
möglichen Abweichungen von der russischen Standardsprache nicht beschrieben,
weil es nicht das Ziel der vorliegenden Arbeit ist.
18
Unter Vitalität versteht Achterberg (2005, 24) in seinem Buch „die Lebens- und Widerstandskraft
sowie die Leistungs- und Entwicklungsfähigkeit von Minderheitensprachen in Konkurrenz mit
dominanten Sprachen in multilingualen Gesellschadten.“
26
Meng und Protassova (2005, 246-251) zählen in ihrem Artikel viele Faktoren
für gemischtsprachiges Sprechen auf, die weiter kurz vorgestellt werden: Als erstes
Motiv nennen Probanden die Bezeichnung von Realien, die in Russland nicht
existieren. Das zweite Motiv ist die Bezeichnung von Situationen oder wichtige
Sachverhalte in Deutschland. Hier kann man gewisse Phrasen nennen, die Aussiedler
z.B. oft von den Beamten oder Arbeitsgebern hören. Als ein weiterer Grund gilt das,
dass es ein entlehnendes Wort im Deutschen andere Konnotation hat, als im
Russischen. Als viertes Motiv wird das genannt, dass die Sprecher mit dem
Sprachwechsel persönliche lexikalische Lücken sowohl im Russischen als auch im
Deutschen ausgleichen wollen. Wenn die Probanden irgendeinen russischen
Ausdruck komisch oder seltsam finden, dann verwenden sie ein Äquivalent aus dem
Deutschen. Das gilt als fünfter Faktor für das gemischtsprachige Sprechen. Als
sechstes Motiv nennen die Autorinnen die Geschwindigkeit der gegenseitigen
Verständigung und behaupten, dass die Sprecher um sich zu verständigen selber
nicht merken, dass sie teilweise deutsche Lexik benutzen. Noch ein Motiv ist, dass
die Sprecher einfach bestimmte deutsche Phrasen oder Wörter üben wollen und
deswegen verwenden sie in ihrer Sprache. Als vorletzter Grund der Sprachmischung
ist das, dass die Sprecher einander demonstrieren möchten, dass man das Deutsche
einigermaßen angeeignet hat. Das letzte bezeichnete Motiv ist der Gebrauch des
Deutschen im Russischen aus humoristischen Gründen.
Die Sprecher haben viele Motive die gemischte Sprache zu sprechen. In dem
theoretischen Teil dieser Arbeit wurde die Entlehnbarkeitsskala von Thomason
(2001, 70-71) dargestellt. Die russischsprachigen Aussiedler befinden sich im
intensiven Sprachkontakt, bei dem starke lexikalische Entlehnungen (in allen
Bereichen der Lexik) und starke strukturelle Entlehnungen vorkommen.
In weiteren Kapiteln wird der Untersuchung des Russischen in Deutschland
vorgestellt, im deren Mittelpunkt die Verbvalenz steht.
27
4. Forschungsstand
In diesem Kapitel soll einen Überblick auf die Forschung gegebnen werden. Erst
wird der Überblick auf den Forschungsverlauf skizziert. Weiter wird die
Datenerhebung beschrieben. Dann kommt Information zu den Probanden. Als letztes
wird in diesem Kapitel das Instrument für Auswertung der Daten erläutert.
4.1. Beschreibung der Forschung
Das Untersuchungsgebiet des Sprachkontaktes ist nicht neu. Wie es schon oben
erwähnt wurde, haben viele Wissenschaftler diesem Thema ihre Forschungen
gewidmet. Sogar der russisch-deutsche Sprachkontakt wurde von einigen
Wissenschaftlern untersucht und beschrieben. Aber keiner von Linguisten, die den
russisch-deutschen Sprachkontakt beschrieben haben, hat bis jetzt in seinen
Untersuchungen extra erforscht, wie die Valenz der Verben von dem Sprachkontakt
beeinflusst und durch den Sprachkontakt verändert wird. Zum Beispiel Pfandl (2000)
erörtert in seiner Habilitationsschrift kurz das Thema „Rektion der Verben“ und
beschreibt in seiner Untersuchung vorkommende Abweichungen. Außerdem
erläutert er die Abweichungen, die bei den Präpositionen auftauchen. Es ist
selbstverständlich, dass diese Themen das Thema der Valenz überlappen, aber nicht
komplett. Deswegen ist es sinnvoll speziell zu erforschen, wie sich die Verbvalenz in
dem russisch-deutschen Sprachkontakt benimmt.
Diese Forschung hat drei Ziele. Erstes Ziel ist zu zeigen, dass die
Valenzstrukturen in dem russisch-deutschen Sprachkontakt verändert werden. Das
zweite Ziel ist versuchen zu erklären, welche Gründe die Valenzveränderungen
haben können. Das dritte Ziel ist zu bestimmen unter welchen Bedingungen die
Verbalenz beeinflusst und verändert wird.
Um diese Ziele zu erreichen, braucht man Daten. Als Datenbasis kommen
vierzehn Gespräche, die von verschiedenen Studenten aus Universität Regensburg
aufgenommen und transkribiert wurden. Im nächsten Kapitel wird die Durchführung
28
der Interviews beschrieben und die Information zu den Probanden gegeben. Hier soll
man sagen, warum eigentlich Interviews. Nur im Gespräch kann man richtig
einzuschätzen, welches Sprachniveau der Proband hat: Spricht er sicher oder nicht,
besitzt seine Rede viele Pause oder nicht, denkt viel nach oder reagiert schnell auf
die Fragen usw. Nur während des Redens kann jede Testperson ihre tatsächlichen
Sprachkenntnisse zu demonstrieren.
Es gibt viele Faktoren, die sehr wichtige Rolle bei dem Sprachkontakt
spielen, weil sie die Veränderung der im Kontakt stehenden Sprachen beeinflussen.
Der erste Faktor ist die Intensität der Sprachkontakt. Wie es schon erwähnt wurde,
hält Thomason (2001) zwei Komponenten der Intensität des Sprachkontaktes für
wichtig, nämlich die Dauer des Sprachkontaktes und die Größe der Gruppe. D.h. je
länger der Sprachkontakt ist und je größer die Gruppe ist, desto intensiver der
Sprachkontakt ist und mehr Interferenzen (Abweichungen) möglich sind. Daraus
folgt, dass die Russlanddeutschen bzw. russischsprachigen Aussiedler sich im
intensiven Sprachkontakt befinden. Das bedeutet, dass es verschiedene strukturelle
Interferenzen möglich sind.
Als weiterer Faktor kann man auch Einreisealter nennen. Polinsky (1997,
374) in seinem Artikel beschreibt bestimmte Prozesse, die „American Russian“
betreffen. Unter anderen Variablen bestimmt er auch das Einreisealter. In der
vorliegenden Arbeit gilt als Hypothese die Vermutung, dass das Kriterium der
Einreisealter eine sehr wichtige Rolle bei den Valenzabweichungen spielt. Es wird
auch das angenommen, dass es mehr Valenzabweichungen bei den Testpersonen zu
finden sind, die im jungeren Alter nach Deutschland gekommen sind. D.h., dass je
junger eine Person nach Deutschland kam, desto unstabiler seine Erstsprache ist und
deswegen wird seine Sprache, in dem Fall das Russische sehr stark von dem
Deutschen beeinflusst. Hieraus ergibt sich, dass man bei solchen Personen mehr
Valenzabweichungen zu finden sind.
Selbstverständlich werden die Fakten auch für wichtig gehalten, ob der
Sprecher noch irgendwelchen Kontakt zu den Personen hat, die Standardrussisch
reden und ob die Probanden Russisch in ihren Familien reden.
Im vorigen Kapitel wurde Motive des gemischtsprachigen Sprechens bei den
Aussiedlern erläutert. Das vierte Motiv des gemischten Sprachgebrauchs ist sehr
relevant für die vorliegende Arbeit. Im Fokus dieser Arbeit stehen Valenzstrukturen.
Da der Sprecher etwas im Russischen fehlt, sei es ein Wort oder eine Struktur, dann
29
entweder übernimmt er das Fehlende aus dem Deutsche oder kreiert selber etwas
anderes. Damit will er die Lücken im Russischen füllen. Im Kapitel 5 werden alle in
den Interviews vorkommenden Abweichungen analysiert, wobei für Ursache solcher
Abweichungen hauptsächlich der Bedarf bestimmte Lücken im Russischen zu füllen
gehalten werden.
Im Kapitel fünf werden die Abweichungen bei der Verbvalenz dargestellt und
analysiert. In dem letzten Teil des fünften Kapitels werden alle in der Arbeit
vorkommenden Abweichungen gezählt und in Tabellen gebracht. Am Ende werden
alle nötigen Folgerungen gemacht und je nach Möglichkeit erklärt.
4.2. Datengrundlagen und Probandenbeschreibung
In Rahmen von zwei Seminaren, die Professor Hansen (Universität Regensburg)
geleitet hat, wurden 14 Interviews von verschiedenen Studenten durchgeführt.
Während der Interviews wurden Menschen befragt, die ursprünglich aus Russland
bzw. aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion kommen. Das Ziel der Interviews war
zu bestimmen, wie das Russische sich durch den Sprachkontakt ändert. Damit die
Probanden nicht besonders auf ihre Sprache achten, es wurde ihnen gesagt, dass die
Befragung kulturwissenschaftlichen Hintergrund hat. Während der Interviews sollte
jede Testperson zum möglichst freien und natürlichen Gespräch gebracht werden.
Die Fragen waren nicht bei allen Interviews gleich. Man legte nur bestimmte
Themenbereiche und allgemeine Leitfaden fest (Grillborzer 2008, 14). In einigen
Interviews fehlt auch wichtige Information, wie z.B. Einreisealter. Aber nach
bestimmter Information, die in den Interviews auftaucht, kann man die Einreisealter
entweder genau rechnen oder ungefähr sagen, wie alt ein Mensch war, als er nach
Deutschland kam. Man hält auch für wichtige Information die Tatsache, ob eine
Testperson intensive Kontakte zu ihrem Heimatland pflegt. Als für diese Arbeit
relevante Information über den Probanden wird die Information bezeichnet, wie die
Probanden Russisch reden, wann, mit wem usw. Alle Informationen gelten zur Zeit
des jeweiligen Interviews.
Obwohl man nicht alle Testpersonen als Aussiedler bezeichnen kann, gehören
alle Probanden zu den Emigranten der vierten Welle, die aus Staaten der ehemaligen
30
Sowjetunion kommen. Alle Namen der Probanden wurden geändert und codiert
aufgrund von Datenschutz. Alle Probanden wurden für diese Forschung in zwei
Gruppen geteilt. In jeder Gruppe sind sieben Personen präsent. Zu der ersten Gruppe
gehören diejenigen, die älter als 18 Jahre alt waren, als sie nach Deutschland
gekommen sind. In der Gruppe werden die Testpersonen nach seinem Einreisealter
absteigend vorgestellt. Alle Angaben von Personen gelten zur Zeit des Interviews.
Das sind: Ta. (w.), Wa.(m.), N. (w.), Pe. (m.), Sa.(m), Ad.(m.), Na. (w.). Weiter folgt
eine kurze Beschreibung der Testpersonen. Aber es wird ihre Sprache nicht
detailliert beschrieben und es wird nicht die ganze Information zu den Personen
dargestellt. Da es nicht das Ziel dieser Arbeit ist, einzelne Sprachporträte zu
beschreiben, werden alle wichtigen Ergebnisse dieser Forschung am Ende dieser
Arbeit vorgestellt und nötige Schlussfolgerungen gemacht.
Die Probandin Ta. war 45 Jahre alt, als sie nach Deutschland kam. Sie lebt in
Deutschland seit vier Jahren. Sie kommt aus Russland und ist Russin. In Russland
arbeitete sie als Deutschlehrerin. Sie heiratete einen Deutschen und dann ist sie nach
Deutschland umgezogen. Ihr Russisch ist sehr gut, aber sie umschaltet sich
manchmal ins Deutsche. Sie mischt zwei Sprachen nicht. Zuhause redet die
Probandin nur Deutsch, weil sein Mann Deutsche ist. Sie unterhält Beziehungen mit
Russischsprachigen, sie ruft regelmäßig nach Russland und regelmäßig reist hin.
Der Proband Wa. ist nach Deutschland aus Kasachstan umgezogen. Er war 44
Jahre alt, als er mit seiner Familie nach Deutschland emigrierte. In Deutschland ist er
seit acht Jahren und ist Spätaussiedler. Bis zur ersten Klasse redete er Deutsch und
erst in der Schule hat er Russisch gelernt. Sein Russisch ist gut. Er hat nicht sehr viel
Kontakt zu Einheimischen. Er und seine Frau lesen nur russische Literatur und
schauen sehr oft russisches Fernsehen. Sie rufen regelmäßig nach Russland an, weil
dort die Verwandten von der Frau der Testperson leben. Der Proband verwendet
kaum deutsche Wörter im Gespräch.
Die Probandin N. ist mit ungefähr 36 Jahren aus Kasachstan nach
Deutschland umgezogen. Sie lebt in Deutschland seit 12 Jahren. In Kasachstan
arbeitete sie als Russischlehrerin. In ihrem Russischen kann man einige
Besonderheiten des Russischen in Kasachstan finden, die aber für vorliegende Arbeit
irrelevant sind. Sie unterhält sich in dem Verwandtenkreis, in dem nicht immer
Russisch gesprochen wird. Sie hat Enkelkinder und bringt ihnen das Russische bei,
nämlich sie redet mit ihnen auf Russisch, liest russische Märchen vor usw. Sie hat
31
auch Verwandten in Russland und in Kasachstan, mit denen sie regelmäßig
kommuniziert. Sie hat russisches Fernsehen, aber wenn sie allein zuhause ist, dann
schaut sie kaum Fernseher. Sie schaut russisches Fernsehen, wenn ihr Mann zuhause
ist, der nur das russische Fernsehen schaut. Sie liest die Literatur hauptsächlich auf
Deutsch.
Der Proband Pe. war 34 Jahre alt, als er nach Deutschland kam. Er gehört zu
der Gruppe der Aussiedler und lebt in Deutschland seit 1992. Er ist in Sibirien
geboren, aber mit 20 Jahren ist er nach Kasachstan umgezogen. In Deutschland lebt
er seit 15 Jahren. Sein Russisch ist ziemlich gut. Er verwendet nur einige deutsche
Wörter. Er und seine Frau fahren oft nach Karaganda (Kasachstan), weil dort die
Verwandten seiner Frau leben. Sie rufen regelmäßig diese Verwandten an. In
Deutschland hat der Proband mehr Kontakt zu Russischsprachigen.
Der Proband Sa. kommt aus Weißrussland. Er war 22 als er nach Deutschland
umgezogen ist. Er lebt in Deutschland zehn Jahre. Er hat keine deutschen Vorfahren,
sondern er verheiratete eine Aussiedlerin. Sein Russisch ist ziemlich gut. Er hat sehr
engeren Kontakt mit seiner Heimat. Der Proband fährt 4-5 Mal pro Jahr nach
Weißrussland, außerdem er telefoniert regelmäßig und unterhaltet sich mit
Landleuten durch Internet.
Der Proband Ad. kam nach Deutschland aus Kasachstan mit 20 Jahren. Er
lebt in Deutschland seit 14 Jahren. In Kasachstan hat er drei Jahre lang an der
Universität studiert und dann ist er nach Deutschland umgezogen. Sein Russisch ist
sehr gut. Er vermeidet deutsche Wörter in seiner Rede. Er hat nur russische Freunde.
Er redet Deutsch nur in der Arbeit. Er mag russisches Fernsehen, aber er hat keine
Kontakte zu russischsprachigen in Russland.
Die Probandin Na. kam nach Deutschland aus Kasachstan im Jahr 2001. In
dem Interview ist es nicht genau klar, wie alt sie war, als sie nach Deutschland
gekommen ist. Sie erzählt, dass sie mit ihrem Mann nach Deutschland umgezogen
ist, deswegen kann man annehmen, dass sie über 18 Jahre alt war. Die Probandin
verwendet deutsche Wörter, die hauptsächlich deutsche Realien widerspiegeln. Ihr
Russisch ist nicht schlecht, aber sie benutzt auch umgangssprachliche Wörter bzw.
Slang. Sie fährt ab und an nach Kasachstan. Fast alle Freunde sind
Russischsprechende. Ihr Mann ist Russe, deswegen sie haben Kontakte zu seinen
Verwandten in Kasachstan.
32
Zu der zweiten Gruppe gehören Personen, die Junger als 12 Jahre alt waren,
als sie nach Deutschland gekommen sind. Das sind folgende Probanden: A. (w.), O.
(w.), Al. (m.), X. (m.), Z. (w.), Ma. (w.), An. (w.).
Die Probandin A. ist die Älteste, die zu dieser Gruppe gehört. Sie war 12, als
sie nach Deutschland kam und lebt hier seit neun Jahren. Sie ist der Ansicht, dass sie
Deutsch besser spricht als Russisch. Sie verwendet deutsche Wörter und bei
manchen russischen Wörtern ist sie unsicher. Sie hat viele russischsprachige
Freunde, mit denen sie aber Deutsch spricht. In der Arbeit spricht sie nur Deutsch
und in der Familie normalerweise auch Deutsch, weil ihre Mama von ich Deutsch
lernen will. Sie schaut manchmal (nur bei den Eltern) russisches Fernsehen. Sie liest
Bücher nur auf Deutsch und bei ihr Zuhause schaut sie nur deutsches Fernsehen. Sie
fühlt sich als Deutsche.
Die Probandin O. ist mit 11 Jahren nach Deutschland umgezogen. Sie kommt
aus Kasachstan. Sie lebt in Deutschland seit 13 Jahren. Am Anfang des Interviews
redet sie nicht sehr viel, aber dann mehr. Ihre Sprache besitzt einige Abweichungen
und deutsche Wörter. In Russland lebt ihre Großmutter und andere Verwandten. Sie
schickt E-Mails zu ihrer Tante. Zuhause redet sie mit ihren Eltern meistens Deutsch.
Die Mehrheit ihrer Freunde ist Deutschen. Sie hat auch russischsprachige Freunde,
aber mit ihnen redet sie meistens Deutsch, weil es für sie leichter ist. Sie würde gern
mehr Russisch reden um die Sprache besser zu pflegen.
Der Proband X. war 9 Jahre alt, als er nach Deutschland umgezogen ist. Er
wohnt in Deutschland seit 19 Jahre. Er hält das Deutsche für seine Muttersprache. Er
ist der Ansicht, dass er kein gutes Russisch spricht. Er redet mehr Deutsch als
Russisch. Sein Russisch hat viele Abweichungen und er ist manchmal unsicher. Er
macht viele Pausen zwischen den Wörtern, denkt viel nach, sucht vermutlich nach
richtigen Wörtern und Endungen. Er hat keine Kontakte nach Russland. Er spricht
Russisch fast nur innerhalb der Familie. Er redet in sehr einfachen Sätzen, kurz und
knapp. Der Proband schaltet sich oft ins Deutsche um.
Der Proband Al. war neun Jahre alt, als er nach Deutschland kam und lebt
hier seit 15 Jahren. Er ist der Meinung, dass er besser Russisch redet als Deutsch.
Sein Russisch enthält ziemlich viele deutsche Wörter. Er selber meint, dass sein
Russisch besser als Deutsch ist. Er kann Russisch lesen und nur in Blockschrift
schreiben. Die Mehrheit seiner Freunde ist russischsprachig. Aber bei diesem
Proband wurden ziemlich viele Valenzabweichungen gefunden.
33
Die Probandin Z. kam nach Deutschland mit 9 Jahren und lebt hier seit 13
Jahren. Sie ist aus Novosibirsk, Russland. Sie hat wenige Kontakte zu ihrer Heimat.
Sie telefoniert ab und zu nach Russland, aber sie schreibt keine Briefe mehr, weil sie
Probleme mit dem Schreiben hat. In Deutschland hat sie viele russischsprechenden
Freunde. Sie liest nur die Literatur auf Deutsch und schaut meistens deutsches
Fernsehen. Sie ist Friseurin von Beruf und ist gezwungen mit russischsprachigen
Kunden Russisch zu sprechen, was für Sie schwierig ist. Ihr Russisch enthält einige
Abweichungen, manchmal verwendet sie deutsche Wörter.
Die Probandin Ma. ist mit neun nach Deutschland umgezogen und lebt in
Deutschland seit neun Jahren. Sie kommt aus Kasachstan. Sie redet Russisch
ziemlich gut und benutzt nicht sehr viele deutsche Wörter. Im Alltag redet sie nur
Deutsch, nur am Wochenende, wenn sie nach Hause zu ihren Eltern fährt, redet sie
Russisch. Sie liest russische Bücher und kann schreiben. Nach ihrer Aussagen hat sie
Probleme mit russischer Grammatik. Für sie sind Russischkenntnisse sehr wichtig.
Die Probandin An. war drei Jahre alt, als sie nach Deutschland kam. Sie
wurde in Kasachstan geboren. Sie wohnt in Deutschland seit 13 Jahre. Sie redet öfter
Deutsch als Russisch. Ihr Russisch enthält deutsche Wörter und Strukturen. Sie redet
nur mit ihrem Vater Russisch. Sie hat keine Beziehungen zu ihrem ehemaligen
Heimatland. Sie hat auch keine russischsprachigen Freunde in Deutsachland.
4.3. Beschreibung des Valenzwörterbuches von Apresjan und Páll
Um die Sprache zu analysieren und Abweichungen als Abweichungen bezeichnen zu
können, braucht man etwas als Vorbild zu haben, mit dem man vergleichen kann.
Als Vorbild bei der Analyse der Beispiele werden die Normen der russischen
Sprache schöner Literatur (русский литературный язык) genommen. Natürlich ist
es schwierig gesprochene Sprache mit den Normen des Standardrussischen zu
vergleichen, weil bei der gesprochene Sprache auch umgangssprachliche Varianten
erscheinen können.
Es gibt kein Russisch-deutsches Valenzwörterbuch, deswegen wird als
Hauptinstrument das zweibändige Wörterbuch von Aprasjan und Pall (1982)
„Russkij glagol – vengerskij glagol“ verwendet, das in nächsten Absätzen
34
beschrieben wird. Außerdem wird sehr viel das russischen Nationalkorpus und
andere Wörterbücher, die in der Literaturliste vorhanden sind, angewendet.
Als Hauptinstrument, bei der Datenanalyse wird das zweibändige Wörterbuch
von Jurij Apresjan und Erna Páll, das „Russkij glagol – vengerskij glagol. Upravlenie
i sočetaemost’“19 heißt, verwendet. Das Wörterbuch ist zweisprachig, nämlich
Russisch-Ungarisch. Das Ungarische ist für die vorliegende Arbeit irrelevant,
deswegen wird das Wörterbuch ohne Rücksicht auf das Ungarische beschrieben.
Um das Wörterbuch vollständig wäre, braucht man viele unterschiedliche
Informationen zusammenzustellen. Um diese Informationen kompakt darzustellen,
wurden ins Wörterbuch verschiedene Abkürzungen eingefügt. Das System der
Abkürzungen ist nicht traditionell und deswegen ungewohnt. Aber die Autoren sind
der Meinung, wenn der Leser das System erlernt, dann kann er die ganze
Information, die es im Wörterbuch gibt, optimal anzuwenden (Apresjan/Pall 1982,
13).
Im Wörterbuch gibt es sehr viele Abkürzungen und Symbolen, die hier nicht
erläutert werden, weil in der Arbeit nicht alle Information gebraucht wird. Alle
nötige Information wird in der Arbeit entziffert und ohne Abkürzungen dargestellt.
Bei der Schaffung des Wörterbuches versuchten die Autoren drei Prinzipien
bzw. Aufforderungen zu erfüllen. Der erste Aufforderung heißt Vollständigkeit, d.h.
die Autoren versuchten vollständige Information über jedes Verb zu sammeln,
nämlich die ganze Information über die Rektion, Valenz und über anderen
Eigenschaften des Verbs, die nicht Muttersprachlern helfen sollen, das Verb richtig
zu verwenden (Apresjan/Pall 1982, 38). Als zweites Prinzip gilt die Genügendheit
der Beschreibung eines Verbs, d.h. dass es keine unnötige bzw. nutzlose Information
über das Verb zugeschrieben werden soll. Und als letzte Aufforderung wird eine
Einheit der Verbbeschreibung bezeichnet. Darunter ist die gleiche Beschreibung von
den gleichen Eigenschaften der Verben zu verstehen. Aber nicht gleiche
Eigenschaften der Verben sollen unterschiedlich beschrieben werden. Daraus folgt,
dass die Metasprache keine Homonyme und Synonyme erhalten soll (Apresjan/Pall
1982, 39).
19
Auf Ungarisch heißt das Wörterbuch „Orosz ige – magyar ige. Vonzatok és kapcsolódások“.
35
In dem Wörterbuch wird das Verb, das Verblexem20, Verbkonstruktion und
Phraseologische Einheit eines Verbs beschrieben. Im Wörterbuch werden
verschiedene Informationstypen gegeben, nämlich syntaktische, semantische,
morphologische,
stilistische
Information
und
die
Information
über
die
Kombinierbarkeit der Wörter (Apresjan/Pall 1982, 40).
Jeder Wortartikel besitzt vier Hauptzonen, nämlich das Verb selbst, die
Bedeutung des Verbs (Lexem des Verbs), Konstruktionen und Transformationen und
als letzte Zone Phraseologische Einheiten (Apresjan/Pall 1982, 61). In jedem Artikel
wird ein Verb behandelt.
Am Anfang jedes Artikels wird ein Verb entweder in der vollendeten oder
unvollendeten Form geschrieben. Die am Anfang gegebene Form hängt davon ab,
welche Verbform für lexikografisch Ausgangsform gehalten wird. Wenn ein Verb im
Rahmen dieses Wörterbuches Homonyme hat, besitzt dann das Verb einen
hochstehenden Index, der die Nummer von Homonym enthält, z.B. стать¹
<‚встать’> und стать² <‚начать’>. Weiter wird die Information über den Aspekt des
Verbs gegeben (Apresjan/Pall 1982, 61).
Weiter wird die systematische Beschreibung von syntaktischen und
Kombinierbarkeitseigenschaften jeder Bedeutung gegeben. Die Beschreibung fängt
mit der Nummer der Bedeutung (arabische Zahl mit dem Punkt) an. Weiter in
eckigen Klammern folgen stilistische, morphologische, syntaktische und semantische
Kennzeichnungen und Kommentaren, falls sie nötig sind (Apresjan/Pall 1982, 61).
Nach
den
möglichen
Kommentaren
werden
Konstruktionen
und
Transformationen gegeben, in denen das gegebene Verb in einer gegebenen
Bedeutung verwendet werden kann. Solche Konstruktionen und Transformationen
beschreiben auch Valenz- und Kombinierbarkeitseigenschaften des Verbs. Die
Konstruktionen und Transformationen innen einer Bedeutung des Verbs werden in
folgender Weise gegeben: Zuerst werden elementare Konstruktionen gegeben, dann
nicht elementare und weiter werden Transformationen geschrieben. Je komplizierter
Konstruktion und Transformation sind, desto näher bis zum Ende sie gegeben
werden.
Jede
Konstruktion
und
Transformation
kann
nötige
stilistische,
morphologische, Kombinierbarkeits-, semantische und syntaktische Kommentaren
enthalten. Nach jeder Konstruktion und Transformation sind Beispiele vorhanden.
20
Der Begriff „Verblexem“ bedeutet das Verb in einer bestimmten Bedeutung (Apresjan/Pall 1982,
40)
36
Konstruktionen beschreiben solche Klassen von Wortformen, die mit dem Verb
syntaktisch verbunden sein sollen. Aber die Beispiele sollen nicht künstlich klingen,
deswegen werden in den Beispielen entweder einige Wörter weggelassen oder
andere Wörter zugefügt. Nach dem werden die Kombinierbarkeit der Konstruktionen
dargestellt. Weiter werden Bedeutungen im übertragenen Sinne gegeben. Wenn
syntaktische Eigenschaften eines Verbs im übertragenen Sinne anders sind als die
Bedeutung des Verbs im nicht übertragenen Sinne, dann wird das Verb extra unter
einer arabischen Zahl beschrieben. Die Beschreibung der Bedeutung endet mit den
Hinweisen für die Aspektform des gegebenen Lexems, falls sie von Aspektformen
anderer Lexemen zu unterscheiden ist (Apresjan/Pall 1982, 61-65).
Am Ende jedes Artikels werden phraseologischen Einheiten angeführt.
Phraseologische
Einheiten
werden
mit
den
stilistischen,
morphologischen,
syntaktischen und Kombinierbarkeitskommentaren versehen, wenn es nötig ist
(Apresjan/Pall 1982, 65-66).
Dieses Wörterbuch ist nicht ganz gut für diese Forschung geeignet, weil im
Wörterbuch nicht alle semantischen Restriktionen gegeben wurden, zum Beispiel die
Kategorie der Belebtheit wurde in dem Wörterbuch überhaupt nicht erwähnt.
In dieser Arbeit wird das Wörterbuch von Apresjan/Pall als erste Quelle für
die Analyse verwendet. Deswegen wird es für sinnvoll gehalten, bei der Analyse
keine Fußnoten mit der Quelleangaben zu schreiben. Wenn andere Quellen für die
Analyse benutzen werden, dann werden gewisse Hinweise dazu geben.
37
5. Empirie
In dem theoretischen Tel dieser Arbeit wurden schon nötige Begriffe diskutiert und
Definitionen gegeben. In diesem Kapitel werden alle Beispiele behandelt, in denen
Abweichungen festzustellen sind. Alle Abweichungen werden in zwei großen
Gruppen geordnet, nämlich syntaktische und semantische Abweichungen. Bei
einigen Abweichungen war es nicht so einfach zu definieren warum sie geschehen
sind. Im Kapitel 5.2. werden syntaktische Valenzabweichungen betrachtet und
analysiert, wobei da es auch zwei Gruppen von syntaktischen Abweichungen gibt,
nämlich Abweichungen, die man als Transfer bezeichnen kann und Abweichungen,
die keine Transfer sind. Das Kapitel 5.3. wird den semantischen Abweichungen
gewidmet, die auch unter verschiedenen Bedingungen entstehen. Am Ende des
fünften Kapitels werden alle Daten analysiert und ausgewertet. Bevor man
Abweichungen
erörtert
werden,
wird
einen
kurzen
Überblick
auf
die
Schwierigkeiten, die bei der Datenauswertung entstanden haben.
5.1. Schwierigkeiten bei der Auswertung der Daten
Wenn eine Abweichung mehrmals bei demselben Proband(in) vorkommt, dann wird
sie trotzdem für eine Abweichung gerechnet.
Bei der Auswertung der Daten tauchten verschiedene Schwierigkeiten auf.
Erstens. Als Basis hat man Interviews, die selbstverständlich mündliche
Beherrschung der Sprache präsentieren. Aber die gesprochene Sprache wird anders
gebaut, als schriftliche Sprache. Man muss bemerken, dass es noch kein einziges
deutsch-russischen Valenzwörterbuch existiert. Es gibt sogar kein Valenzwörterbuch
der russischen Verben, das die Valenzstrukturen aller russischen Verben beschreibt
und alle nötige semantische Restriktionen enthält. Als Instrument bzw. Norm, womit
38
es verglichen wird, gilt das russisch-ungarische Wörterbuch von Apresjan und Pall
(1982) „Russkij glagol – vengerskij glagol. Upravlenie i sočetaemost´“, die im
übernächsten Kapitel genauer beschrieben wird. Aber nicht alle bei den Probanden
aufgetauchte Abweichungen kann man mit diesem Wörterbuch erklären. Als weitere
Mittel treten andere kleine Valenzwörterbücher auf, die in der Bibliographieangabe
stehen. Noch ein Mittel bei einigen Beispielen wurde das russische Nationalkorpus
verwendet.
Zweitens. Interviews wurden von den Studenten aufgenommen. Einige dieser
Studenten haben manchmal auch Abweichungen in ihrer Sprache, die aber nicht
analysiert wurden. Es ist wichtig hier zu merken, dass wenn bei jemandem das
Russische stabil und dominant ist, dann wiederholen die Probanden die unkorrekten
Formen der Interviewführer nicht und maximal wozu es führen kann ist
Unverständnis, z.B.:
I:
Pe.:
I:
Pe.:
I:
Ну. А каким поводом; эм; вы уехали, ну, тогда в Германию?
Как каким поводом?
Ну как
Почему мы уехали!
Да, почему?
Dieses Beispiel zeigt, dass der Proband (Pe.) nicht richtig verstanden hat, was die
Interviewerin ihn fragt, deswegen fragt er erst zurück und dann ist er darauf
gekommen, was sie fragt und unformuliert die Frage der Interviewerin. In diesem
Fall wird die Sprache der Probanden nicht beeinflusst, weil seine Russischkenntnisse
viel besser sind, als bei der Interviewerin.
Aber wenn eine Testperson schwache Russischkenntnisse beweist, dann
können sie von dem Interviewer beeinflussen werden. Das ist beim folgenden
Beispiel zu sehen:
Т:
Х:
С кем вы приехали ;;; ммм ;;; ты приехал в Германии?
Я приехал в Германии с моим ;;; с моим папей, с моей мамей и с
моей сестрой.
In diesem Beispiel sieht man, dass die Abweichung der Interviewerin von dem
Proband bei der Antwort übernommen wurde. Für unsichere Sprachkenntnisse
39
sprechen auch zahlreiche und lange Pause, die mit dem Semikolon gezeigt wurden.
Je länger die Pause ist, desto mehr Semikolons präsent sind.
Drittens. Einige Interviews enthalten viele Pausen, die sogar zwischen den
sprachlichen Einheiten erscheinen. Das verkompliziert die Analyse, weil es unklar
ist, ob der Mensch bloß z. B. bei der Endung unsicher ist oder ob er während des
Sprechens sich erst für eine Konstruktion entscheidet und dann plötzlich für die
andere. Im nächsten Beispiel kann man beides beobachten:
Аn: Ну, мы целый год встречаемся один раз в неделю и думаем, что мы
этот год ;; покажем людям, и ;; потом мы это играем ; перед
людей.
Die erst markierte Phrase enthält drin eine Pause, obwohl man anscheinend diese
Phrase als eine Spracheinheit bezeichnen kann. Diese Phrase besitzt keine
Abweichungen, aber wenn es da eine gäbe, dann wäre unklar, wie das analysiert
werden soll. In dem zweiten markierten Satzteil kommt wieder eine Pause, die
wahrscheinlich als Überlegung über die Endung gelten kann.
Viertens. Es ist sinnvoll hier zu besprechen, dass es in den Daten auch
deutsche Verben mit den russischen Aktanten vorkommen, die deutsche Strukturen
haben, z.B.:
Al.. Они как-то вот ну, их можно leicht beeinflussen там чё-нибудь ну
может ихние родители там тоже как да там работу сволочи забирают,
они это как ну повторяется так и идёт, не знау.
In diesem Beispiel kann man Transferübersetzung beobachten, nämlich man kann sie
beeinflussen anstatt на них влиять. Wenn das Verb auf Deutsch gesprochen wird,
werden bei ihm vorkommende Abweichungen in der Arbeit nicht analysiert und in
die Statistik nicht angeschlossen.
Fünftens. In den Interviews kommen manchmal umgangssprachliche
Varianten, die im Wörterbuch von Apresjan/Pall (1982) nicht erwähnt wurden,
deswegen
sollen
als
unkorrekte
bezeichnet
werden,
aber
im
russischen
Nationalkorpus ist es zu finden. Wenn es im Korpus existiert, dann darf man solche
„Abweichungen“ als Abweichungen nicht bezeichnen. Das Problem erscheint
hauptsächlich bei dem Verb говорить (sprechen) oder спорить (sich streiten über)
z.B.
40
Al.: Нет, я не знал про чё с ними говорить21, хотя они в одном со мной
в классе учатся.
Al.: […] с Христофом про политику там часто спорю.
Das Verb говорить(sprechen) kann nach Apresjan/Pall (1982 a, 308-313)
zweistellig oder dreistellig sein. Ein Argument wird mit der Präposition о (über)
eingefügt. Im russischen Nationalkorpus sind aber viele Beispiele mit Präposition
про zu finden. Man kann die Variante mit der Präposition про als umgangssprachlich
bezeichnen. Deswegen enthält dieses Beispiel keine Abweichung, obwohl nach
Wörterbüchern es für einen Abweichung gehalten würde.
Im zweiten Beispiel kommt ein Satz vor, in dem die Valenzabweichung nicht
eindeutig festzustellen ist. Das Verb спорить (sich streiten über) ist nach
Apresjan/Pall
(1982
b,
470)
zweistellig
und
soll
ein
Nominativ-
und
Akkusativargument besitzen, wobei das letztgenannte Argument mit der Präposition
о (über) in die Konstruktion eingeführt sein soll. In anderen Wörterbücher, z.B.
Demidova (1969, 231), Rozental’ (1986, 207), Krasnych (2005, 193-194),
Andreyeva-Georg/Tolmacheva (1975, 375) wird beim Verb спорить die Präposition
про auch gar nicht erwähnt als eine Möglichkeit das zweite Argument ins Struktur
einzuführen. Aber in dem russischen Nationalkorpus findet man sechs Beispiele zum
Wortverbindung „спорить про“, wobei zu „спорить о“ mehr als 500 Treffer
erscheinen. Deswegen ist es nicht so leicht zu definieren, ob in diesem Beispiel eine
richtige Abweichung präsent ist.
Das alles beweist die Aussage, dass die mündliche Sprache anders
funktioniert und nicht so leicht zu analysieren ist.
5.2. Syntaktische Valenzabweichungen
In diesem Kapitel werden zwei Gruppen von syntaktischen Abweichungen erörtert.
Zu der ersten Gruppe der syntaktischen Abweichungen gehören Abweichungen, die
man als Transfer bezeichnen kann, weil die Strukturen der Verbvalenz aus dem
Deutschen ins Russische übertragen wurden. Die zweite Gruppe wurde
21
Diese Abweichung kommt bei dem Proband oft vor.
41
„Abweichungen unbekannter Herkunft“ genannt, weil es nicht klar ist, was solche
Abweichungen verursacht hat.
5.2.1. Transfer
Nach Mühlner/Sommerfeld (1981:10) wird die Muttersprache auf Grund ihrer
besonderen Rolle im Prozess der Aneignung der Fremdsprache (s.o.) stets Ausgangsund Orientierungspunkt des Sprachvergleichs sein. Bei einigen Aussiedlern,
besonders deren Einreisealter klein war, kann man feststellen, dass sie als ihre
Muttersprache schon das Deutsche halten, obwohl in ihren Herkunftsland ihre
Muttersprache
Russisch
war.
Hier
kann
man
Mutter-
im
Sinne
Dominantsprachwechsel beobachten. Deswegen als Ausgangspunkt gilt bei
bestimmten schwierigen Fällen das Deutsche. Wenn einem Proband auf Russisch
etwas nicht bekannt ist (allgemein oder in dem Moment), dann übernimmt er das,
was es ihm fehlt, manchmal aus dem Deutschen. Das Beweisen uns folgende
Beispiele.
In dem ersten Beispiel kommt die Phrase этот вопрос можно ответить
(diese Frage kann man beantworten) vor.
(1) Аn.: Думаю, что русский надо больше смотреть, чтоб этот вопрос
можно ответить […]
Ich denke, dass man den russischen (ist gemeint Fernsehkanal) mehr schauen
muss um die Frage zu beantworten […]
In dieser Phrase verlangt das Verb antworten die Präposition на (auf), weil in der
Phrase das Wort вопрос (Frage) auftaucht. Deswegen es wäre richtig: ответить на
этот вопрос (auf diese Frage antworten)22. Im Deutschen gibt es das Verb
beantworten, bei dem die Konstruktion anders ist, nämlich beantworten etwas. Dann
gilt für richtig die Phrase diese Frage beantworten. Die russische Variante wird für
Transfer (aus dem Deutschen) gehalten.
22
Apresjan, Pall 1982, Band I s. 779.
42
Im zweiten Beispiel kommt das Verb говорит (sprechen), bei dem eine
Abweichung auftaucht.
(2) Аn.: Это всегда лучше больше Sprachen (Pause 4s) ээ ; Sprachen
говорить, чем […]
Es ist immer besser mehrere Sprachen (Pause 4s) äh; Sprachen zu sprechen,
als […]
Nach Apresjan und Pall (1982 a, 309) wird das Verb говорить mit dem Wort
Sprache mit der Präposition на verwendet. Und normalerweise zwischen der
Präposition und dem Wort Sprache steht ein Adjektiv, z.B. говорить на немецком
языке. In dem Fall wäre richtig говорить на многих языках. Im Deutschen ist die
Valenzstruktur des Verbs sprechen im Anwendung des Wortes Sprache anders,
deswegen die Phrase Sprachen sprechen als richtige gehalten wird.23. Dieses Beispiel
verweist uns, dass die Struktur aus dem Deutschen ins Russische übernommen wurde
und als Transfer zu bezeichnen ist. Sogar das deutsche Wort Sprachen verknüpft den
Sprecher mit der deutschen Struktur.
Es wurde schon in dem theoretischen Teil (Riehl 2004, 28) erwähnt, dass bei
Bilingualer, die sich zwischen den Sprachen umschalten müsse, wird keine von
beiden Sprachen ausgeblendet, weil beide Sprachen immer im Gedächtnis bleiben.
Dieses ständige Umschalten kann natürlich zu Verwirrungen führen und so lange
Pause (vier Sekunden Pause) und die Erscheinung der deutschen und russischen
Wörter nacheinander zeigen uns, dass die Probandin immer beides im Kopf hat und
deswegen ein bisschen unsicher ist.
Im Beispiel (3) kommt noch ein Transfer vor. Das Verb зависеть
(abhängen) ist zweiwertig und hat einen Nominativ- und einen Genetivaktant, wobei
der Aktant im Genetiv mit der Präposition от (von) zum Verb anzuschließen ist
(Apresjan/Pall 1982 a, 425).
(3) Al.: […], но наверное это не так, но мне кажется это чаще зависит с
Bildungsstand.
[…], aber es ist wahrscheinlich nicht so, aber es scheint mir, dass es oft von
dem Bildungsstand abhängt. / […] […], dass es oft mit dem Bildungsstand
zusammenhängt.
23
Vgl. Duden, in ParaSol nach der Suchfrage [lemma="говорить"] [word="на"] wird im Deutschen
immer als sprechen + Akk. Übersetzt.
43
Als zweiter Aktant kommt in dem Beispiel (3) das deutsche Wort Bildungsstand, das
nicht im Satz integriert ist. Die Normabweichung ist aber bei der Präposition. Die
Verknüpfung des Aktants Bildungsstand mit dem Verb ist auf Russisch mit der
falschen Präposition gemacht. Deswegen ist dieses Beispiel als Valenzabweichung
zu sehen. Das Beispiel (3) zeigt auch, dass es vermutlich eine Vermischung von zwei
deutschen Ausdrücken vorhanden ist, nämlich „hängt damit (mit dem Bildungsstand)
zusammen“ und „hängt davon ab“. Wenn diese Vermutung gerecht ist, dann kann
man das Beispiel als Transfer bezeichnen.
Im Beispiel (4) ist eine weitere Valenzabweichung zu sehen. Das Verb
забирать (wegnehmen) ist im Russischen dreiwertig. Die ersten zwei Stellen
werden mit einem Nominativ- und einem Akkusativargument besetzt und die dritte
Stelle wird mit der Präposition у (bei) eingefügt, die ein Genetivobjekt verlangt.
(4) О.: […] мы не токо им деньги забираем потому что, […]
[…] wir nehmen ihnen nicht nur das Geld weg, weil […]
Die Struktur der Phrase им деньги забираем kann man für einen Transfer aus dem
Deutschen halten, weil sie dem deutschen Ausdruck jdm. Geld wegnehmen ähnlich
ist.
Im folgenden Beispiel (5) ist wieder ein Transfer aus dem Deutschen
vorhanden.
(5) Z.: […] Я буквы знаю, записку, например, написать я смогу, а вот
письмо уже нет […] Я уже бросила с этим […]
[…] Ich kenne die Buchstaben, eine Zettel, zum Beispiel kann ich schreiben,
aber einen Brief, schon nicht mehr […] Ich habe schon damit aufgehört […].
Zuerst erzählt die Probandin über die Schwierigkeiten, die sie im Russischen hat. In
dem zweiten Satz kann man einen Transfer aus dem Deutschen sehen. Der zweite
Satz gilt als wörtliche Übersetzung bzw. Übertragung der deutschen Struktur
aufhören mit + Dativ (Schumacher 2004, 176). Im Russischen ist das Verb бросать
zweiwertig und fordert ein Nominativ- und ein Akkusativdependenz. Der richtige
Satz wäre: Я уже этo (всё) бросила.
44
Im Beispiel (6) ist eine Valenzabweichung bei dem Verb добиться
(erreichen erlangen) zu finden.
(6) Z.: […], им помогали да, но вот если они хотели что-то добиться,
выучиться или […].
Ihnen wurde geholfen, aber wenn sie etwas erreichen wollten, einen Beruf
erlernen oder […].
Das Verb добиться ist zweistellig. Diese Bedingung ist erfüllt, aber als zweites
Argument soll ein Genetivobjekt sein. Die Probandin füllt die zweite Stelle mit
einem Akkusativobjekt, was dem Wörterbuch von Apressjan/Pall (1982 a, 365) nicht
entspricht. Das deutsche Äquivalent des Verbs добиваться ist das Verb erreichen,
das nach Schumacher u.a. (2004, 357) auch zweiwertig ist und ein Nominativ- und
ein Akkusativargument verlangt. Deswegen kann man das Beispiel (6) auch für einen
Transfer halten.
Im folgenden Beispiel (7) kann man mehrere Abweichungen finden. Obwohl
in der markierten Phrase eine Pause vorkommt, wird diese Phrase trotzdem als eine
Einheit genommen und analysiert.
(7) Аn.: Я думаю, что мне не хватает ;; запас русского слов, […]
Ich glaube, dass mir den Wortschatz der russischen Wörter fehlt, […]
In der Aussage мне не хватает запас русского слов kommt das Verb хватать
(reichen, genügen) in einer unpersönlichen Form vor, deswegen sieht die Struktur
der Aussage nach Apresjan/Pall (1982 b, 652) so aus: Das Verb ist zweiwertig und
besitzt einen Dativ- und einen Genetivaktant. Als zweiter Aktant in diesem Beispiel
soll eine Ergänzung im Genetiv vorkommen. Aber die Probandin verwendet im Satz
ein Argument entweder im Nominativ oder im Akkusativ24. Wenn man annimmt,
dass das zweite Argument im Nominativ steht, dann kann der Satz als Transfer
gelten, weil er dem deutschen Schema, nämlich mir fehlt etwas (Nom.), ähnlich ist.
Ein weiteres Problem ist bei den Genetivformen der Wortverbindung nach dem Wort
запас. Die richtige Genetivform wäre запас русских слов. Aber die Probandin hat
sich vielleicht verwirrt, was auch für unsicheres Umgehen mit dem Russischen
24
Das Wort запас kann in dem Fall sowohl im Nominativ, als auch im Akkusativ stehen, weil im
Russischen bei unbelebten Objekten Nominativ und Akkusativ gleich sind.
45
sprechen kann, wovon auch eine kleine Pause zeugt. Also die richtige Variante ist
мне не хватает запаса русских слов.
In dem Beispiel (8) ist eine Valenzabweichung bei dem Verb считать
(halten für) vorhanden.
(8) О.: […] Я такое считаю нормально[...]
[…] Ich halte solches für normal […]
Das Verb считать hat mehrere Bedeutungen und deswegen auch viele
Valenzkonstruktionen. Das Verb считать im Sinne halten für ist im Russischen
dreistellig und fordert ein Argument im Nominativ, ein im Akkusativ und ein im
Instrumental. Im Instrumental soll nach Apresjan/Pall (1982 b, 520) ein
Adjektivargument sein. Aber in dem Beispiel tritt als drittes Argument das Adverb
нормально (normal) auf. Dieses Beispiel gilt auch als Transfer, weil die Struktur
bzw. die Konstruktion aus dem Deutschen übernommen wurde: Ich halte solches für
normal. Im Deutschen wird als drittes Argument das Adverb normal verwendet.
In dem nächsten Beispiel kommt eine Valenzabweichung bei dem Verb
учить vor.
(9) О.: […], например, она нам всё равно нам немножко учила.
[…], zum Beispiel, sie brachte uns etwas / ein bisschen bei
Das Verb учить hat mehrere Bedeutungen im Russischen, in dieser Phrasebedeutet
das Verb jemanden lehren bzw. jemandem etwas beibringen. Das Verb учить kann
im Russischen zweistellig sein und fordert dann eine Dependenz im Nominativ und
eine im Akkusativ (Apreszjan/Pall 1982 b, 643). Die Struktur im Beispiel (9) ist
ähnlich der deutschen Konstruktion jemandem etwas beibringen (Götz 2003, 141), in
der ein Dativargument präsent ist. Im Russischen gibt es das Verb преподавать
(unterrichten), das eine andere Valenzstruktur hat, als das Verb учить. Die
Valenzstruktur des Verbs преподавать (Rozental’ 1986, 173) ist gleich wie die
Valenzstruktur des deutschen Verbs beibringen. Obwohl es so ist, wird das Beispiel
(9) trotzdem für einen Transfer aus dem Deutschen gehalten.
In dem Beispiel (10) ist eine Valenzabweichung bei dem Reflexivverb
выучиться (erlernen) zu sehen.
46
(10) Z.: […] у тебя здеся больше шансов, дальше чё-нибудь выучитъся, или
дальше чё-нибудь выучить […].
[…] Man hat hier mehr Chancen, weiter etwas erlernen oder weiter etwas zu
lernen.
Bei Apresjan und Pall findet man nicht sehr viel Information über dieses Verb. Aber
bei Rozental’ (1986, 36) ist das Reflexivverb выучиться (lernen, erlernen)
zweiwertig. Die Valenzkonstruktion dieses Verbs enthält ein Nominativ- und ein
Akkusativargument, wobei das Akkusativargument mit der Präposition на (auf) mit
dem Verb verknüpft wird. Die zweite Restriktion für das Akkusativargument ist das,
dass das zweite Argument des Verbs выучиться belebt sein soll, weil laut Rozental’
(1986, 36) das zweite Argument des Verbs выучиться die Frage „на кого?“
(wörtlich: auf wen?) beantworten soll. Als Beweis führt der Autor das folgende
Beispiel an:
(10’) Саша уже год работал учеником в депо, чтобы выучиться на слесаря.
Saša arbeitete schon seit einem Jahr als ein Lehrling in einem Depot, um
Schlosser zu lernen.
Im Deutschen ist das Verb erlernen nicht reflexiv und verlangt ein Akkusativobjekt
als zweites Element (Götz 2003, 312). Deswegen wird der Satz in dem Beispiel (10)
für einen Transfer gehalten.
Im Beispiel (11) ist ein Transfer bei dem Verb научиться, das er- bzw.
lernen übersetzt wird. Das Verb ist im Russischen zweistellig und soll einen
Nominativ- und einen Dativaktant besitzen.
(11) Al: Mы язык буквально за полгода уже все знали Umgangssprache,
очень быстро научились язык.
Wir alle konnten die Sprache schon in halbes Jahr Umgangsprache, wir
erlernten die Sprache sehr schnell.
Im Beispiel (11) tritt als zweiter Aktant eine Akkusativergänzung, was für eine
Normabweichung zu halten ist. Die richtige Variante ist: […] очень быстро
научились языку. Im Deutschen ist das Verb auch zweistellig, aber der zweite
47
Aktant soll im Akkusativ sein (Götz 2003, 312). Deswegen ist der Satz im Beispiel
(11) als ein Transfer zu sehen.
Das Beispiel (12) demonstriert uns eine weitere Valenzabweichung, die als
Transfer gelten kann.
(12) А.: Also, auf die Piste кого-нибудь kennenlernen. […] А так никого, мне
кажется, в барах можно лучше кого-нибудь ; познакомиться чем на
дискотеке.
Also, auf die Piste jemanden kennenlernen. […] Und so niemanden, es
scheint mir, in Baren kann man besser jemanden kennenlernen, als in der
Diskothek.
In der ersten fettgedrückten Wortgruppe kommt das deutsche Verb kennenlernen.
Dieses Verb hat nach der Regel als zweites Argument ein Akkusativaktant, was in
der Struktur zu sehen ist. Dann ist in diesem Satz keine Valenzabweichung, in dem
Fall im Deutschen, zu sehen. Aber weiter kommt ein anderer Satz, in dem das
russische Verb познакомиться (kennenlernen) präsent ist. Die Probandin verwendet
wieder die gleiche deutsche Struktur, obwohl schon das russische Verb erscheint.
Das Verb познакомиться ist auch zweiwertig, aber hat andere Valenzstruktur. Als
erstes Argument gilt nach Apresjan/Pall (1982 a, 492) einen Nominativ- und als
zweites einen Instrumentalaktant, wobei das Instrumentalargument mit der
Präposition с (mit) zu dem Verb angeschlossen sein soll. Also, richtig wäre: […] в
барах можно лучше с кем-нибудь познакомиться чем на дискотеке. Zwischen
Wörter кого-нибудь und познакомиться gibt es eine kleine Pause, was vermutlich
Unsicherheit der Probandin zeigt. Aber das Beispiel (12) kann man trotzdem als ein
Transfer bezeichnen.
Im Beispiel (13) ist eine Valenzabweichung bei dem Verb взять (nehmen) zu
finden, die als Transfer bezeichnen kann.
(13) Аn.: Это;; мы взяли рассказ от одного фильма, мы чуть-чуть
переделали и […]
[…] wir haben eine Geschichte von einem Film genommen, wir haben sie ein
bisschen umgearbeitet und […]
Bei Apresjan/Pall (1982, 133-141) wird das Verb брать/взять (nehmen)
beschrieben, aber dort ist die Konstruktion mit der Präposition от (von) nicht zu
48
finden. Aber Rozental’ (1986, 17) erwähnt diese Konstruktion, wobei bei ihm das
Verb eine Restriktion der Belebtheit enthält. Dieses Argument soll die Frage от
кого? (von wem?) beantworten, was auch Korpusuntersuchungen beweisen. Das
Verb брать (nehmen) kann mit der Präposition от (von) verwenden werden, aber
nach der Präposition от (von) entweder ein belebtes Objekt vorkommen soll oder ist
das eine Redewendung взять/брать от жизни всё (alles vom Leben nehmen).
Wenn die Probandin meint, dass es eine Erzählung bzw. Geschichte in einem Film
vorkommt, die sie aus dem Film genommen haben, dann richtiger wäre взять
рассказ из одного фильма (eine Erzählung aus einem Film nehmen). Wenn die
Probandin unter der Phrase „мы взяли рассказ от одного фильма“ den ganzen
Film meint, dann wäre richtig по мотивам одного фильма (nach Motiven eines
Filmes). Im Deutschen besitzt das Verb nehmen auch drei Aktanten, aber der dritte
Aktant wird mit der Präposition von in die Struktur eingeführt. Deswegen ist die
Abweichung in dem Beispiel (13) als für Transfer zu halten.
Im nächsten Beispiel (14) kommt eine Abweichung bei dem Verb знать
(wissen, kennen) vor, die auch als Transfer gilt.
(14) Аn.: У меня так и нету особенных друзей, которые могут русский ;; так
; никакого не знаю.
Ich habe so keine besonderen Freunde, die Russisch können ;; so ; ich kenne
keinen.
Im Russischen kann das Verb знать zweiwertig sein und fordert nach Apresjan/Pall
(1982 a, 492-494) eine Nominativ- und eine Akkusativ- oder bei der Verneinung eine
Genetivdependenz. Die Probandin hat richtig ein Genetivobjekt gesetzt, aber sie hat
ein Negativpronomen angewendet, das ohne ein Substantiv nicht verwendbar ist. Das
ist möglich nur in einer Situation der kontextuellen Ellipse, was in dem Fall nicht
aktuell ist (was für den Fall nicht relevant ist). Die Phrase никакого не знаю ist
anscheinend der Transfer aus dem Deutschen des deutschen Satzes ich kenne keinen.
Im folgenden Beispiel kann man eine Valenzabweichung bei dem Verb быть
(sein) finden:
(15) Z.: […] во вторых; ээ ты как Außenseiter, если ты языка не знаешь, и
если уже ты по-другому чем все остальные дети.
49
zweitens, du bist wie ein Außenseiter, wenn du die Sprache nicht kannst und
wenn du anders als alle übrigen Kinder bist.
Das Verb быть (sein) wird im Russischen in Gegenwart ausgelassen, wie in dem
Beispiel (15) zu sehen ist. Laut Apresjan/Pall (1982 a, 156) soll in dieser
Konstruktion ein Adjektiv vorkommen, nämlich ты другой, по сравнению с
остальными детьми. Die Probandin verwendet aber in dem Satz ein Adverb, was
nach der russischen Sprachnorm nicht erlaubt ist. Im Deutschen ist das Benutzen
eines Adverbs in der Konstruktion ganz normal, deswegen kann man diese
Abweichung als Transfer bezeichnen.
Im folgenden Beispiel (16) kommt ein Argument auf Deutsch vor. Das Wort
Abitur bedeutet nach Duden „Reifeprüfung an einer höheren Schule“. Um die
Situation richtig darzustellen, sucht die Probandin ein richtiges Verb, nämlich
сдавать (ablegen).
(16) Ma.: Abitur я буду сдавать в моём ; главном уроке; это Darstellung.
Ich werde das Abitur in meinem Hauptfach machen.
Das Verb сдавать im Sinne Prüfungen und Examens ablegen verwendet man im
Russischen mit der Präposition по, wenn Fächer gemeint sind, was viele Beispiele in
dem russischen Nationalkorpus beweisen. Im Deutschen wird in dem Fall die
Präposition in angewendet, was in dem Beispiel zu sehen ist. Deswegen wird diese
Abweichung als Transfer bezeichnet.
Weiter kommen zwei ähnliche Beispiele vor, die bei derselben Probandin
auftauchen.
In nächsten Beispielen (17) und (17’) ist die Abweichung bei der feste
Redewendung идти на пенсию zu sehen.
(17) О.: Он сказал, когда он пойдёт в пенсию.
Er sagte, wann er in Rente geht.
(17’) О.: И потом он пошёл в пенсию, потом они переехали.
Und danach ging er in Rente, dann sind sie umgezogen.
50
Bei
festen
Redewendungen
ist
die
Verbvalenz
auch
fest.
Nach
Korpusuntersuchungen ist das Prädikat идти (gehen) zweistellig und fordert eine
Dependenz im Nominativ und andere im Akkusativ, die fest ist, nämlich на пенсию.
Die Konstruktion, die in den Beispielen vorkommt, soll aus dem Deuschen
übertragen zu sein. Die russische feste Redewendung идти на пенсию heißt im
Deutschen in bzw. auf Rente gehen. Im Russischen benutzt man nach
Korpusuntersuchungen nur die Präposition на (auf), um dieselben Bedeutung
auszudrucken. So gelten die Beispiele als eine Valenzabweichung, weil sie bei
derselben Person auftauchen.
In nächsten zwei Beispielen (18,19) erscheint eine ähnliche Abweichung in
der Konstruktion von dem Verb мочь (können). Bei zwei Probanden kommt eine
ähnliche Abweichung bei der Verwendung des Verbs мочь (können) in Verbindung
mit den Sprachbezeichnungen vor.
(18) Аn.: У меня так и нету особенных друзей, которые могут русский ;
Ich habe so keine besonderen Freunde, die Russisch können
Das Verb мочь (können) ist zweistellig und verlangt einen Nominativaktant und
einen Aktatnt, der mit der Infinitivform eines Verbs ausgedrückt sein soll. In dem
Beispiel (18) taucht als zweite Ergänzung eine substantivierte Adjektiv русский
(Russisch) auf. Im Deutschen entspricht die Phrase Russisch können der deutschen
Sprachnormen, deswegen wird diese Abweichung für Transfer gehalten.
(19) Al.: […] и даже был удивлён сколько много еще по-английски могу.
Und ich war sogar überrascht, wie viel ich auf Englisch kann
Der Satz im Beispiel (19) sieht ein bisschen anders aus. Im Unterschied zu dem
Beispiel (18) tritt im Beispiel (19) als zweite Ergänzung des Verbs мочь ein Adverb
auf, was auch für eine Abweichung gehalten wird. In der richtigen deutschen Phrase
soll als zweiter Aktant ein substantiviertes Substantiv erscheinen. Im Deutschen in
manchen Ohrasen klingen substantivierte Adjektive und Adverbien gleich, z.B.
Englisch und englisch. Das Wort englisch kann im Deutschen sowohl Adjektiv, als
auch Adverb sein, je nach dem Satz. Wenn man annimmt, dass der Sprecher die
51
Phrase Englisch können ins Russische mit dem Adverb по-английски übersetzt hat,
dann kann man das Beispiel (19) auch für einen Transfer halten.
Im letzten Beispiel dieses Kapitels erscheint eine Abweichung bei dem Verb
говорить (sprechen, reden):
(20) Аn.: Мы щас больше говорим ;; там про моральных темы […]
Wir reden jetzt mehr über moralische Themen […]
Nach Apresjan und Pall wird das Verb говорить (sprechen) normalerweise
zweistellig und die zweite Ergänzung wird in die Struktur mit der Präposition о
(über) eingeführt. Im russischen Nationalkorpus kann man viele Beispiele finden, in
denen das zweite Argument mit der Präposition про, die Akkusativ verlangt, zum
Verb angeschlossen wird. Aber im Beispiel (20) geht es nicht nur um dieses Verb,
sondern es geht um eine feste Redewendung говорить на какую-либо тему. In dem
russischen Nationalkorpus sind mehr als 170 Beispiele mit der Struktur говорить на
какую-либо тему zu finden. Wenn man im Korpus nach der Wortverbindung
говорить про темы angeschaut wird, dann sind nur zwei Beispiele zu finden.
Deswegen kann man feststellen, dass der Satz eine Abweichung enthält. In diesem
Fall geht es wieder um einen Transfer, weil es im Deutschen ähnliche feste
Redewendung gibt, nämlich über dies Thema sprechen. Wenn die Konstruktion mit
der Präposition про möglich wäre, dann solle das Adjektiv моральных bei dem
Aktant про моральных темы die korrekte Akkusativendung haben, nämlich про
моральныe темы.
Bei Apresjan/Pall (1982 b, 527) wird die Konstruktion im Beispiel (21) als
umgangssprachlich bezeichnet. Das Verb таскать (schleppen) ist in diesem Fall
dreiwertig und verlangt ein Nominativ- und zwei Akkusativargumente, wobei das
zweite Akkusativargument wird in die Konstruktion mit einer Präposition eingeführt
und soll eine Zielangabe bezeichnen.
(21) Al.: И он все время Алекса таскал в фильмы, которые он не любит
смотреть и наоборот.
Und er hat die ganze Zeit Alex in die Filme geschleppt, die er nicht sehen
mag und umgekehrt.
52
In dem Beispiel (21) liegt das Problem bei der Präposition. Im Russischen wird in
der Phrase die Präposition на (auf) verwendet. Es gibt eine ähnliche
Wortverbindung, die mit der Präposition в (in) anzuwenden ist, nämlich таскать в
кино (ins Kino schleppen). Die Konstruktion in den Film schleppen ist auf Deutsch
möglich. Im Deutschen kann man sehr umgangssprachlich sagen in die Filme
schleppen, wenn es mehrmals passierte. Normalerweise wird im Deutschen die
Konstruktion mit dem Wort Kino verwendet, nämlich ins Kino schleppen. Da es
Äquivalent im Deutschen gibt, wird diese Abweichung als Transfer bezeichnet.
In diesem Kapitel wurden die Valenzabweichungen analysiert, die durch die
Übertragung aus dem Deutschen entstanden wurden. Im nächsten Kapitel werden
Abweichungen vorgestellt, die unklare Herkunft haben und nicht aus dem Deutschen
vorkommen.
5.2.2. Abweichungen unbekannter Herkunft
In diesem Kapitel werden Beispiele dargestellt und analysiert, die nicht als Transfer
zu bezeichnen sind. Solche Abweichungen kommen öfter als Transfers vor.
Möglicher Grund dafür wäre Spracherosion. Polinsky (1997) in seinem Artikel
beschreibt die Erosion von Kasussystem, die man in „American Russian“ beobachten
kann. Aber in American Russian werden die Kasus mit der Zeit nicht mehr
gebraucht. Aber bei der russischsprachigen in Deutschland ist es nicht so relevant.
Ein anderer Grund wäre vielleicht das Sprachvergessen bzw. das Vergessen einiger
sprachlicher Einheiten, die nicht oft von dem Sprecher verwendet werden. Wenn ein
Sprecher im Allgemeinen nicht sehr oft Russisch redet, dann ist es vorstellbar, dass
er einige Einheiten nicht mehr aktiv hat und deswegen nicht richtig sie produzieren
kann.
Im ersten Beispiel (22) dieses Kapitels taucht eine Valenzabweichung bei
dem Verb приглашать (einladen) auf.
(22) Ma.: Ну только вот в школе вот так, иногда, когда какие-нибудь ; дни
рождения меня приглашают там, из старых знакомых тоже ктонибудь пригласит.
Nun nur manchmal in der Schule, wenn irgendwelche ; zu den Geburtstagen
werde ich eingeladen, jemand von alten Bekannten lädt mich auch ein.
53
Die Probandin hat eine Pause zwischen dem Wort какие-нибудь (irgendwelche) und
dem Wort дни рождения (Geburtstage) gemacht, deswegen ist es vielleicht möglich
die Phrase „дни рождения меня приглашают“ für eine Einheit halten. Wenn es so
ist, dann ist eine Valenzabweichung in der Phrase zu finden. Wenn es um eine
Veranstaltung handelt, dann verlangt das Verb пригласить (einladen) nach
Apresjan/Pall (1982 b, 175) normalerweise außer einer Nominativ- und einer
Akkusativergänzung noch eine Akkusativergänzung, die das Ziel bezeichnen soll.
Diese im Akkusativ stehende Ergänzung soll mit einer Präposition eingeführt
werden, in dem Fall ist es die Präposition на (auf). Aber in dem Satz kommt diese
Akkusativergänzung (дни рождения) ohne Präposition. Im Deutschen sieht die
Konstruktion ähnlich aus, nämlich ist das Verb einladen in dem Fall auch dreistellig
und verlangt ein Nominativ-, ein Akkusativ- und ein Dativargument, wobei das
Dativargument mit der Präposition zu in die Phrase einzuführen ist. Man kann daraus
schließen, dass die Abweichung in dem Beispiel (22) kein Transfer ist.
Aus der oberen Beschreibung des Verbs зависеть (abhängen), dass im
Beispiel (3) vorkommt, folgt, dass auch eine Abweichung beim gleichen Proband
festzustellen ist, aber diese Abweichung ist anders. Das Beispiel (23) demonstriert
eine falsche Verknüpfung von einem syntaktischen Aktant.
(23) Al.: […] может из-за этого зависит, что у меня все время были
русские в классе […].
Vielleicht hängt es davon ab, dass ich immer Russen in der Klasse hatte.
Das Verb зависеть (abhängen) ist nach Apresjan/Pall (1982 a, 425) zweiwertig und
hat einen Nominativ- und einen Genetivaktant, wobei der Aktant im Genetiv mit der
Präposition от (von) zum Verb anzuschließen ist. Bei dem Proband kommt den
gleichen Fehler noch einmal vor, was man im Beispiel (23’) sehen kann.
(23’) Al.: [...] но это может, еще может из-за характера зависит.
[...] aber das kann noch von dem Charakter abhängen
Die Beispiele (23) und (23’) werden für eine Abweichung gehalten, weil die
Abweichungen gleich sind und bei derselben Person auftauchen.
54
Im Beispiel (24) ist eine Valenzabweichung bei dem freien Ergänzung des
Verbs преподавать (unterrichten) vorhanden.
(24) О.: И там был сначала один класс, который преподавал один учитель.
Und dort war zuerst eine Klasse, in der ein Lehrer unterrichtet hat.
Das Verb преподавать (unterrichten) wird bei Apresjan/Pall nicht beschrieben.
Kurze Beschreibung des Verbs findet man bei Demidova (1969, 170) und bei
Andreyeva-Georg/Tolmacheva (1975, 276). In beiden Quellen kann das Verb außer
einem Nominativaktant noch drei Aktanten haben, nämlich преподавать что, кому,
где (unterrichten was, wem, wo). In diesem Satz besitzt das Verb преподавать zwei
Aktanten, nämlich einen Nominativ- und einen Lokativaktant. Der Lokativaktant, der
Ortsangabe bezeichnet, soll mit einer Lokativpräposition verwendet werden. In
dieser Phrase soll mit dem Wort класс (Klasse) die Präposition в (in) benutzt
werden. Den Beweis dazu kann man im russischen Nationalkorpus finden, in dem es
mehrere Beispiele zum Verb преподавать und dem Wort класс vorkommen.
Deswegen wäre richtig класс, в котором преподавал один учитель (eine Klasse,
in der ein Lehrer unterrichtete). Das Verb kann auch einen Aktant im Akkusativ
haben, aber dann bedeutet das, was man unterrichtet, z.B. Он преподавал физику.
(Er unterrichtete Physik). Aber in dem Fall beschreibt die Probandin eine Klasse, in
dem ein Lehrer unterrichtet hat. Im Deutschen wird laut Schumacher u.a. (2004, 755)
die freie Ergänzung Klasse (in Verbindung mit dem Verb unterrichten und bei der
Unterrichtsstufenhinweis) in den Satz mit der Präposition in eingefügt. Das Verb
kann auch einstellig sein, dann führt es aber zu der semantischen Verschiebung und
bedeutet, dass der Mann eine Lehrtätigkeit geübt hat. Aber in dem Beispiel (24) ist es
nicht der Fall.
Im Beispiel (25) ist die Valenzabweichung bei dem Verb смотреть
(schauen)
(25) О.: Если семья на этом, всё-таки, за это смотрит, то25 чтобы дети
развивались.
Wenn die Familie jedoch darauf aufpasst, dass die Kinder sich entwickeln.
25
Das Pronomen то ist übrig in dem Satz. Die Sprache von dieser Probandin ist gekennzeichnet
durch die übrige Nutzung dieses Pronomens.
55
Das Verb смотреть (schauen) mit dem Präposition за (auf) verlangt nach
Apresjan/Pall (1982 b, 409) ein Argument im Instrumental. Im Deutschen wird die
zweite Ergänzung des Verbs aufpassen mit der Präposition auf, die Akkusativ
verlangt, in Phrase eingefügt. Vielleicht deswegen hat die Probandin bei dem zweiten
Argument за это (darauf) Akkusativ benutzt.
Im Beispiel (26) sehen wir eine Normabweichung der Valenz des Verbs
сожалеть (bedauern, leid tun).
(26) О.: Я этому сожалею, потому что […].
Es tut mir leid, weil […].
Das Verb сожалеть ist zweistellig. Der erste Aktant ist im Nominativ und der
zweite kann entweder mit der Präposition o (über), die Lokativ verlangt, eingeführt
werden, oder als zweites Argument kann ein Nebensatz auftreten, den mit der
Konjunktion что (dass) eingefügt wird (Apresjan/Pall 1982 b, 438). Aber in der
Phrase steht das Pronomen это (es, dieses) im Dativ, was der russischen
Sprachnormen nicht entspricht. Die richtige Phrase in dem Beispiel wäre „я об этом
сожалею, потому что[…]“. Die fettgedrückte Phrase im Beispiel (26) kann ins
Deutsche entweder mit dem Verb bedauern oder mit der unpersönlichen Wendung es
tut leid übersetzt werden. Deswegen hat die Abweichung im Beispiel (26) mit dem
Deutschen nichts zu tun.
Im Kapitel 4.1.1. wurde schon eine Abweichung bei dem Verb зависеть
(abhängen) dargestellt, aber im folgenden Beispiel (27) sieht die Abweichung anders
aus.
(27) О.: […] ну конечно зависит от какой иностранец, если ты
американец […]
[…] das hängt natürlich davon ab, was für Ausländer, wenn du ein
Amerikaner bist […]
Wie es schon oben erwähnt wurde, ist das Verb зависеть (abhängen) zweistellig
und
besitzt
eine
Nominativ-
und
eine
Genetivergänzung,
wobei
die
Genetivergänzung mit der Präposition от (von) in die Struktur eingeführt sein soll.
Aber in dem Fall wird für den zweiten Aktant die richtige Präposition от (von)
verwendet. Die Präposition soll ein Argument im Genetiv zum Verb anschließen,
56
aber in dem Satz fehlt das Argument, das im Genetiv sein soll. Mehrere Beispiele aus
dem russischen Nationalkorpus zeigen, dass in der markierten Phrase das im Genetiv
stehende Possessivpronomen тот (dieser) fehlt. Der richtige Ausdruck wäre
зависит от того, какой иностранец. Den Beispielsatz darf man nicht als ein
Transfer bezeichnen, weil die deutsche Konstruktion der russischen ähnlich ist, und
zwar hängt davon ab, […].
Im Beispiel (28) wird eine Valenzabweichung des Verbs смотреть
(schauen) demonstriert. Die Probandin hat erst über die Reisen erzählt und das im
Akkusativ stehende Pronomen него (wörtlich: es) bezieht sich auf das Wort
путешествие (Reise), deswegen wurde das ins Deutsche als sie übersetzt.
(28) О.: По-моему, это можно теперь смотреть на него как хобби.
Meiner Meinung nach kann man das jetzt auf sie wie auf ein Hobby schauen.
Das Verb смотреть (schauen) kann mit der Konjunktion как (wie) benutzt werden,
aber dann soll nach der Konjunktion как die Präposition на folgen. Die Konstruktion
sieht folgendermaßen aus: смотреть на + Akk. + как на + Akk.. Nur wenn die
Präposition на (auf) wiederholt wird, wird die Konstruktion bzw. den Satz für
abweichungslos gehalten (Apresjan/Pall 1982 b, 408, 410). Im Deutschen kann in
dem Fall das Verb beobachten vorkommen, das als zweites Argument eine im
Akkusativstehende Ergänzung verlangt. Dann braucht man in der Phrase keine
Präposition. Die Probandin hat aber erst die russische Struktur mit der Präposition на
(auf) verwendet. Vielleicht hat sie einfach vergessen die Präposition das zweite Mal
wiederholen oder die Probandin hat weiter doch das deutsche Variante gesagt. Weil
es nicht deutlich klar ist, welche Ursache die Abweichung hat, wird dieses Beispiel
für eine Abweichung unbekannter Herkunft gehalten.
Im nächsten Beispiel (29) kann man zwei Abweichungen beobachten.
(29) Z.: А другие, которые […], они не добиваются вообще, не стремятся.
Und die Anderen, die […], sie erreichen überhaupt nicht, streben nicht.
Das Verb добиваться (erreichen) hat im Russischen, wie es schon oben erwähnt
wurde, mindestens die Valenz zwei, dann soll die Struktur mit einem Nominativ- und
einem Genetivelement gefüllt werden (Apresjan/Pall 1982 a, 365). In dem Satz fehlt
57
ein Genetivobjekt, das in dem Fall ein Verneinungspronomen im Genetiv sein soll,
nämlich они ничего не добиваются. Diese Abweichung darf man nicht als Transfer
behandeln, weil im Deutschen ist das Verb erreichen laut Schumacher u.a. (2004,
357) auch zweistellig.
Das zweite Verb in dem Satz ist auch zweiwertig. Als zweites Argument soll
entweder ein Dativobjekt sein, das zum Verb mit der Präposition к + Dativ (zu)
angeschlossen wird, oder ein Infinitivverb (Apresjan/Pall 1982 a, 507). Das Verb
streben (стремиться) ist auch zweistellig, aber den zweiten Aktant wird mit der
Präposition nach zum Verb angeschlossen und einen Dativaktant verlangt (Götz
2003, 988). Deswegen wird diese Abweichung für einen Transfer nicht gehalten.
Im nächsten Beispiel (30) kommt wieder das Verb считать (halten für) vor.
Aber die Valenzstruktur ist anders. Nach Apresjan/Pall (1982, 520) besitzt die
Konstruktion ein Nominativ- und zwei Akkusativargumente, wobei das zweite
Akkusativargument in die Konstruktion mit der Präposition за (für) eingeführt wird.
(30) А.: Мне кажется это от Gesellschaft самое mehr отвисит, потому что ;
как-то ; Gesellschaft тебя всё равно немцы если они даже узнают, что ты
русская была, они всё равно тебя считают как за русскую. Не как за
немку или за переселённую там ; немку.
Mir scheint, dass es von der Gesellschaft mehr abhängt, weil die Gesellschaft
dich trotzdem, Deutschen, wenn sie sogar erfahren, dass du Russin war, sie
halten dich trotzdem für eine Russin. Nicht für eine Deutsche oder für eine
Aussiedlerin.
Im Beispiel wird die Abweichung bei der Konjunktion как (wie) festgestellt. Die
Konjunktion как (wie) ist nach Korpusuntersuchungen möglich, aber in dem Fall,
wenn sie einen Nebensatz als Argument einführt, was in diesem Beispiel nicht der
Fall ist. So kann man feststellen, dass das Wort как (wie) in diesem Beispiel zuviel
ist. Diese Abweichung kann man nicht für einen Transfer halten, weil in der deutsche
Phrase auch keine Konjunktion wie vorkommt.
Bei der Probandin taucht die ähnliche Abweichung noch einmal auf, was im
nächsten Beispiel (31) zu sehen ist.
(31) А.: Сначала, конечно, было сложно, если ; чё-нибудь ;; эээ даже по
улицам идёшь и все немцы тебя это ;;; на тебя смотрят как на дуру
’tschuldigung, aber что все разговаривают по-не эмм по-русски ; иии как-
58
то себя считался как Außenseiter trotzdem, ; что ты сюда даже не
gehörst, nach Deutschland, obwohl du Deutsche bist.
Am Anfang war natürlich schwer, wenn etwas :: äh wenn du sogar durch die
Straßen gehst und alle Deutsche schauen auf dich wie auf eine Närrin
‚tschildigung, aber dass alle Russisch reden ; und man hält sich trotzdem für
Außenseiter, ; dass du hier nicht gehörst, nach Deutschland, obwohl du
Deutsche bist.
In dem Beispiel ist das Reflexivmorphem –ся übrig. Aber die Valenzabweichung ist
wieder bei der Konjunktion как (wie) zu finden. Wie es schon oben erwähnt wurde,
ist das Verb считать (halten für) dreistellig. Der dritte Aktant soll im Instrumental
vorkommen, was in dem Beispiel anders ist. Um den dritten Aktant in den Satz
einzuführen, verwendet die Probandin wieder die Konjunktion как (wie). Die
Abweichung in dem Beispiel (31) wird auch nicht als ein Transfer bezeichnet, weil
im Deutschen besitzt das Verb halten für zwei Argumente, nämlich ein Nominativund ein Akkusativargument, das mit der Präposition für ins Satz eingeführt wird.
Im folgenden Beispiel (32) sind wieder zwei Abweichungen vorhanden.
(32) Ma.: А некоторые никогда здесь не чувствуют на Родине.
Und manche fühlen sich hier nie in der Heimat.
Apresjan/Pall beschreiben in ihrem Wörterbuch verschiedene Valenzkonstruktionen
von dem Verb чувствовать (fühlen). Das Verb чувствовать (fühlen) benötigt
mindestens
zwei
obligatorische
Ergänzungen.
Erste
Ergänzung
soll
ein
Nominativaktant sein. Der zweite Aktant kann entweder im Akkusativ vorkommen
oder als ein Nebensatz auftauchen. Dann fehlt in dem Satz ein Akkusativargument.
Um die Phrase richtig zu machen soll die zweite Ergänzung ohne Präposition und im
Akkusativ vorkommen, nämlich некоторые не чувствуют родину (manche fühlen
die Heimat nicht). Aber im Satz stehen auch solche Ergänzungen wie никогда (nie)
und здесь (hier). Diese Orts- und Zeitangaben ändern den Sinn des Satzes. Aus dem
Kontext dieses Beispiels ist es offensichtlich, dass es die reflexive Form des Verbs
gemeint ist und deswegen soll als Akkusativargument das Reflexivpronomen себя
(sich) vorkommen. Wenn im Beispiel (31) die Verbreflexivität zwei Mal gezeigt
wurde, wird in dem Beispiel (32) überhaupt nicht gezeigt. Also, sowohl im
59
Russischen, als auch im Deutschen bedarf das Verb чувствовать (fühlen) in dem
Fall das Reflexivpronomen себя (sich). Das war die erste Normabweichung.
Das zweite Problem in diesem Beispiel ist das, dass es trotzdem nicht genug
ist, das Reflexivpronomen anzuführen um den Satz richtig zu machen. Nach dem
Reflexivpronomen soll noch ein Aktant stehen. In diesem Fall sind das zwei Wörter
„на Родине“ (in der Heimat). Apresjan/Pall erläutern einige Strukturen mit dem
Reflexivpronomen себя (sich), unter denen eine Konstruktion vorhanden ist, die das
zweite Argument mit der Konjunktion как (wie) in die Struktur einfügt
(Apresjan/Pall 1982 b, 676). Die richtige Variante wäre: а некоторые никогда
здесь не чувствуют себя как на Родине (Und einige fühlen sich hier nie wie in der
Heimat). Die russische Struktur und die deutsche sind gleich, deswegen kann man
die Abweichung für einen Transfer halten.
Das Beispiel (33) enthält das Verb переименовать (umbenennen), das
einwertig sein kann. Aber in diesem Fall, wenn die zweite Ergänzung steht, soll sie
richtig in dem Satz eingeführt werden.
(33) Ma.: […] Его здесь переименовали на Эдгара.
[...] Er wurde hier in Edgar umbenannt.
Die
Abweichung
ist
bei
der
Präposition
zu
sehen.
Die
fakultative
Akkusativergänzung на Эдгара (auf Edgar*) soll nach Andreyeva-Georg und
Tolmacheva (1975, 221) im Russischen mit der Präposition в (in) im Satz auftreten.
Nach Götz u.a. (2003, 1058) ist es im Deutschen genau so: umbenennen in + Akk.
Deswegen ist dieses Beispiel nicht als Transfer zu bezeichnen.
Im Beispiel (34) kommt wieder eine Valenzabweichung vor, die nicht als
Transfer zu bezeichnen ist.
(34) Na.: Сбор документов идет, но это работники занимаются.
Man sammelt die Unterlagen, aber damit beschäftigen sich die Mitarbeiter.
Das Verb заниматься (sich beschäftigen) ist in dem Fall zweistellig, was richtig ist.
Aber der zweite Aktant, in diesem Beispiel das Pronomen это (das), soll im
Instrumental vorkommen. Das deutsche Verb sich beschäftigen hat auch die Valenz
60
zwei, aber der zweite Aktant wird mit der Präposition mit in die Struktur eingefügt
(Schumacher 2004, 244).
Im Beispiel (35) kommt eine Abweichung bei dem Verb заселять
(besiedeln) vor.
(35) Na.: Ну и родственники им помогают ;; полностью все делается, а если
у кого некому помочь, то такие вот в общежитие заселяют.
Nun die Verwandten helfen ihnen, es wird alles vollständig gemacht, und
wenn jemand niemanden hat, der ihm helfen kann, dann werden sie ein
Übergangswohnheim besiedeln.
Das Verb заселить (besiedeln) besitzt nach Rozental’ (1986, 60) ein Akkusativ- und
ein Instrumentalargument, wobei bei den Argumenten gelten einige Restriktionen.
Die Argumente sollen die Fragen was? und mit wem? beantworten. D.h., dass das als
Akkusativargument soll ein unbelebtes Objekt auftreten und als Instrumental ein
belebtes. Rozental’ fügt das folgende Beispiel an:
(35’) Заселить дом новыми жильцами.
Das Haus mit neuen Bewohnern besiedeln.
Dann in dem Beispiel (35) wäre richtig: […], то такими вот общежитие
заселяют. Aber einige Beispiele aus dem russischen Nationalkorpus beweisen, dass
das Verb заселить (besiedeln) auch andere Valenzstruktur besitzt. Die andere
Valenzstruktur des Verbs verlangt zwei Akkusativargumente, wobei das erste
Akkusativargument ein lebendiges Wesen bezeichnen soll und das zweite eine
Ortsangabe, wohin dieses lebendige Wesen besiedelt wird, z.B.:
(35’’) Лучше всего справились с задачей как можно скорее заселить
пострадавших в новые дома Адыгея, Кабардино-Балкария и Северная
Осетия.26
Adygeja, Kabardino-Balkarien und Nordossetien meisterten am besten die
Aufgabe, so schnell wie möglich die neue Häuser mit den Geschädigten zu
besiedeln.
26
www.ruscorpora .ru [Светлана Турьялай. Шойгу просит считать наводнение
ликвидированным // «Известия», 2003.01.21]
61
Das Beispiel (35’’) aus dem Korpus zeigt, dass es andere Valenzstruktur des Verbs
заселить (besiedeln) gibt. Wenn man das Beispiel (35) mit dem Beispiel (35’’)
vergleicht, dann kann man nur eine Abweichung feststellen, nämlich der belebte
Aktant такиe (solche) im Akkusativ stehen soll. Richtig ist: […] то такиx вот в
общежитие заселяют. Das Verb besiedeln wird bei Schumacher u.a. (2004) nicht
beschrieben. Aber im Duden werden einige Strukturen des Verbs besiedeln
beschrieben. In unserem Fall soll das Verb besiedeln zweistellig sein und ein
Nominativ- und ein Dativargument verlangen, wobei das letzte mit der Präposition
mit in die Struktur eingeführt werden soll, z.B. das neue Land mit Flüchtlingen
besiedeln. Daraus folgt, dass die Abweichung im Beispiel (35) nicht als Transfer
bezeichnen kann.
In
dem
Beispiel
(36)
kommt
eine
Abweichung
bei
dem
Verb
присматриваться (genau betrachten).
(36) Na.: Потом, когда не нужно было никуда присматриваться, так чисто
интересно было посмотреть на Германию.
Danach, als man nirgendwohin genau betrachten soll, es war einfach
interessant Deutschland anzuschauen.
Das Verb присматриваться (sich näher ansehen) beschreiben Apresjan und Pall
nicht. Aber bei Andreyeva-Georg und Tolmacheva (1975, 292) findet man dieses
Verb, das eine Nominativ- und eine Dativergänzung besitzen soll, wobei ein
Dativargument mit der Präposition к (zu) zum Verb angeschlossen wird. Deswegen
soll das Negativpronomen никуда (nirgendwohin) in Dativ mit der Präposition к (zu)
umgewandelt werden, nämlich ни к чему (zu nichts). Im Deutschen ist das Verb
betrachten zweistellig und besitzt ein Nominativ- und ein Akkusativargument.
Im Bespiel (37) findet man eine Valenzabweichung bei dem Verb стать
(werden).
(37) Al.: […] вместе сидим ну как и общаемся, друг друга kennenlernst,
сразу сдружаешься, ну как друзья становишься.
[…] wir sitzen zusammen und unterhalten uns, kennen uns lernen, man
befreundet sich sofort, man wird Freunden.
62
Das Verb стать (werden) besitzt im Russischen viele Bedeutungen und deswegen
auch viele Valenzkonstruktionen. Die Konstruktion, die zu diesem Fall passt, ist
zweiwertig und hat einen Nominativ- und einen Instrumentalaktant. Im Beispiel (37)
ist der Satz unpersönlich, deswegen besitzt der Satz keinen Nominativaktant. Aber
das ist keine Abweichung von den Normen. Der zweite Aktant ist im Nominativ, was
für eine Abweichung von den Normen zu halten ist. Sowohl bei Apresjan/Pall, als
auch im Korpus sind keine Beispiele mit der Konstruktion „становиться как
(друзья)“ zu finden. Daraus folgt, dass das Beispiel (37) eine Normabweichung hat.
Wenn man den Satz nach Normen schreibt, dann wird er so geschrieben: […] ну
становишься друзьями. Im Deutschen ist das Verb werden zweistellig und verlangt
entweder
zwei
Nominativargumenten
oder
eine
Nominativ-
und
eine
Dativergänzung, die mit der Präposition zu zum Verb angeschlossen werden soll.
Beide Valenzkonstruktionen des Verbs werden sind anders, als die Konstruktion des
Satzes im Beispiel (37). Deswegen darf die Abweichung in dem Beispiel (37) nicht
für einen Transfer halten.
Im Beispiel (38) ist wieder eine Abweichung zu sehen, die unklare Gründe
hat.
(38) Al.: В Fachhochschule учусь на информатику, ну Wirtschaftsinformatik.
In der Fachhochschule studiere ich Informatik, nun Wirtschaftinformatik.
Das Verb учиться (lernen, studieren) ist bei Apresjan/Pall. zweiwertig und erfordert
zwei Argumente, nämlich ein im Nominativ und ein im Lokativ. In der Struktur
verlangt das zweite Argument die Lokativpräposition на (auf). Wenn in dem Satz
kein Fach gemeint ist, sondern einen Beruf, dann soll das zweite Argument im
Akkusativ stehen, aber grammatikalische Belebtheitsrestriktion erfüllen, nämlich
учусь на информатикa, was in dem Beispiel nicht der Fall ist. Im Deutschen sagt
man einen Beruf erlernen, was bedeutet, dass das Verb auch zweistellig ist, aber das
zweite Argument nicht mit einer Präposition einzuführen ist. Das bedeutet, dass die
Abweichung in dem Beispiel nicht als Transfer bezeichnet werden darf.
Im nächsten Beispiel (39) wird die Abweichung bei dem Verb идти (gehen)
zu sehen, die nicht für einen Transfer gehalten wird.
63
(39) Аn.: […] иногда у меня грамматика also ;; в грамматике не очень
хорошо идёт
[…] manchmal bei mir die Grammatik also ;; in der Grammatik geht es nicht
sehr gut.
Bei Apresjan/Pall (1982 a, 506) kann das Verb идти (gehen) in mehreren
Konstruktionen vorkommen. In dem Fall ist das Verb zweistellig. Das erste
Argument soll im Nominativ stehen und das zweite Argument soll ein Adverb bzw.
eine Gruppe der Wörter sein, die nach ihrer syntaktischen Funktion einem Adverb
äquivalent ist. Apresjan/Pall (1982 a, 506) führen folgendes Beispiel an: Лекция шла
удачно (wörtlich: Die Vorlesung ging erfolgreich).
Im russischen Nationalkorpus ist es ein ähnliches Beispiel zu finden, nämlich:
(39’) Антон слушал ее и думал, что у него самого тоже не идет английский.
Anton hörte sie und dachte, dass er mit dem Englischen auch Problem hatte.
Die Konstruktion der Aussage von der Probandin ist anders. Bei ihr besitzt die
Konstruktion ein Akkusativargument, das mit der Präposition в (in) zum Verb
angeschlossen ist. Im Russischen gibt es die Struktur „es geht in + Dativ + Adverb“
nicht. Diese Struktur existiert im Deutschen auch nicht, deswegen hält man die se
Abweichung nicht für einen Transfer.
Im Beispiel (40) ist eine Abweichung bei dem Kasus des Substantivs zu
sehen. Der Proband verwendet eine richtige Präposition bei der Ortsangabe. Aber das
Verb приехать (an-, kommen) verlangt als zweites Argument eine Ergänzung im
Akkusativ (Apresjan/Pall 1982 b, 178), und zwar приехал в Германию. Der Proband
stellt das zweite Argument in Dativ. Obwohl die zweite Ergänzung im Deutschen im
Dativ vorkommen soll, wird die Abweichung nicht als Transfer bezeichnet, weil im
Deutschen das zweite Argument mit einer anderen Präposition in die Struktur
eingeführt sein soll, nämlich mit der Präposition nach.
(40) Х: Я приехал в Германии с моим ;;; с моим папей, с моей мамей и с
моей сестрой.
Ich kam nach Deutschland mit meinem ;;; mit meinem Vater, mit meiner
Mutter und mit meiner Schwester.
64
Falsche Endungen bei den Instrumentalobjekten und lange Pause sprechen vor allem
für unsichere Kenntnisse des Russischen. Aber die falschen Endungen von im
Instrumental stehenden freien Angaben werden nicht als Valenzabweichungen
bezeichnet.
Im nächsten Beispiel (41) erzählt der Proband über seinen Umzug nach
Deutschland und erwähnt, dass sie (er und seine Verwandten) als Deutsche anerkannt
wurden.
(41) Х: Нет. Потому что у нас признали как настоящих немцов сразу,
сначала ;; Проблем никаких не было.
Nein. Da wir sofort, am Anfang an als richtige Deutsche anerkannt wurden.
Das war kein Problem.
Eine zu diesem Beispiel passende Valenzstruktur des Verbs признать (anerkennen)
ist bei Andreyeva-Georg/Tolmacheva (1975, 284) zu finden. In dieser Konstruktion
verlangt das Verb zwei Aktanten, ein davon im Akkusativ und ein anderer im
Instrumental erscheinen sollen. Dann ist im Satz die Präposition у (bei) und die
Konjunktion как (wie, als) übrig. Die Konjunktion как im Sinne als wurde aus dem
Deutschen übernommen (Götz 2003, 46) und kann als ein Transfer gelten. Aber die
Abweichung bei der Präposition у (bei) wurde nicht aus dem Deutschen
übernommen, deswegen gilt nicht als ein Transfer. Abweichungslose Phrase soll so
sein: Потому что нас признали немцaми (Da wir als Deutsche anerkannt
wurden).
Im Beispiel (42) kommt das Wort нет (es ist nicht vorhanden, nicht haben)
vor. Nach Ušakov27 vertritt das Wort нет die unpersönliche Verneinungsform des
Verbs быть (sein) in Gegenwart. Wennschon das Wort нет das Verb vertritt, wird
dieses Beispiel auch behandelt.
(42) Х: Ааа, настоящих русские друзья вообще нету.
Ah so, ich habe keine russischen echte Freunde.
Das Wort нет verlangt laut Ušakov ein Genetivobjekt, was im Beispiel (42)
teilweise bei dem Adjektiv настоящих (echt) zu sehen ist. Aber das Adjektiv
настоящих (echt) ist nur ein Teil des ganzen Aktants, der im Genetiv auftreten soll.
27
http://slovari.yandex.ru/dict/ushakov
65
Zwischen den Wörtern gibt es in diesem Satz keine Pause, deswegen ist es nicht sehr
klar, warum der Proband weiter einen anderen Kasus verwendet hat. Richtig wäre so:
русских друзей вообще нет (ich habe keine russischen Freunde). Im Deutschen
wird diese Phrase mit dem Verb haben übersetzt. Das Verb haben besitzt im
Deutschen eine Nominativ- und eine Akkusativergänzung. Die Abweichung in dem
Beispiel (42) konnte man für einen Transfer halten, wenn das erste Wort des zweiten
Aktants auch im Akkusativ wäre, aber das Wort steht im Genetiv, nach russischen
Regeln. Also der zweite Aktant in der Phrase des Beispiels (42) entspricht teilweise
der Regeln des Russischen, teilweise des Deutschen.
Im nächsten Beispiel (43) erzählt die Probandin, was sie bei dem deutschen
Fernseher schaut.
(43) Na.: Ну я там смотрю про животных че-нибудь и про райзы всякие.
Ich schaue da etwas (Sendung) über Tiere und über verschiedene Reisen.
Die Abweichung liegt in dem Satz bei der zweiten Ergänzung des Verbs смотреть
(schauen).
Nach
dem
russischen
Nationalkorpus
und
den
verschiedenen
Wörterbüchern, die in der Literaturliste dieser Arbeit aufgezählt sind, soll das zweite
Argument im Akkusativ vorkommen. Diese Voraussetzung wird erfühlt, aber das
soll nicht mit der Präposition про (über) gemacht werden. Es ist zu vermuten, dass
die Sprecherin bloß das Wort передача (Sendung) weggelassen hat. Im russischen
Nationalkorpus sind 53 Beispiele zu смотреть передачи про (Sendungen schauen
über etw.). Im Deutschen funktioniert das Verb genau so wie im Russischen,
deswegen kann man die Abweichung im Beispiel (43) nicht für einen Transfer
halten.
Im folgenden Beispiel kommt eine Abweichung bei dem Verb сидеть
(sitzen) vor.
(44) Al.: […] там где-нибудь по- в бар сидим и как-то не знал даже про чё
говорить […]
[…] wir sitzen dort irgendwo in einem Bar und ich habe irgendwie nicht
gewusst, worüber mit ihnen zu reden ist.
Das Verb сидеть (sitzen) kann zweistellig sein und soll eine Nominativ- und eine
Lokativergänzung besitzen (Apresjan/Pall 1982 b, 377). In diesem Satz wird die
66
Präposition в (in) richtig ausgesucht, aber das nach der Präposition folgende Wort
wurde im Akkusativ verwendet. Vielleicht kommt diese Abweichung deswegen vor,
weil der Sprecher nach der Wortverbindung в бар (in Bar) ein anderes Verb
verwenden wollte, z.B. ходить в бар (in eine Bar gehen). Im Deutschen ist das Verb
sitzen auch zweiwertig und verlangt ein Nominativ- und ein Dativargument, was in
dem Beispiel anders ist. Deswegen ist die Abweichung in dem Beispiel (44) als
Transfer nicht zu bezeichnen.
Weiter werden in den Daten vorkommende semantische Abweichungen
dargestellt und analysiert.
5.3. Semantische Valenzabweichungen
In dem theoretischen Teil dieser Arbeit wurde schon erläutert, dass die Valenz auf
mehreren Ebenen erscheint. In diesem Kapitel sollen die Abweichungen, die auf der
semantischen Ebene auftauchen, erörtert werden. Jacobs (2003, 381) betont, dass die
Valenz sich nicht nur auf syntaktische Ebene sich konzentrieren soll, weil es dazu
führen kann, dass nicht alle Kombinationsrestriktionen von Verben erfassen werden.
Deswegen werden in diesem Kapitel die Abweichungen analysiert, bei denen die
Bedeutungen im Satz kommende Wörter semantisch nicht kombinierbar sind. Fast
alle in diesem Kapitel vorkommenden Abweichungen kann man als Transfer
bezeichnen.
Bei semantischen Abweichungen sind alle formalen Rahmen erfüllt, d.h. alle
nötigen Argumente sind dabei, aber nach der Semantik passen Wörter einander nicht.
Alle in den Interviews gefundenen semantischen Abweichungen wurden in drei
Gruppen geteilt. In die erste Gruppe kommen semantische Abweichungen vor, die
bei dem Verb делать (machen) erscheinen. Die zweite Gruppe enthält die
Abweichungen, die bei dem Verb получать (bekommen) auftauchen. Die dritte
Gruppe enthält semantische Valenzabweichungen, die bei anderen Verben
vorkommen.
67
5.3.1. Das Verb „делать (machen)“
In diesem Kapitel werden die Beispiele vorgestellt, die eine semantische
Abweichung bei dem Verb делать (machen) zeugen. Es gibt einige Beispiele, die
beweisen, dass das Verb sehr oft von Probanden benutzt wird, aber in solchen
Situationen, in denen im Russischen ein anderes Verb verwendet sein soll. Sehr oft
wird das Verb делать (machen) in Verbindung mit folgenden Wörtern angewendet:
курсы (Kurse), профессия (Beruf), Ausbildung, Zivildienst, Fachabitur, Realschule,
Umschulung usw. Oft passiert die Übertragung deswegen, weil es in den Sätzen ein
Argument auf Deutsch vorkommt. Weiter werden solche Beispiele genauer
diskutiert.
Im Beispiel (45) ist die Konstruktion делать курсы (Kurse machen)
vorhanden. Im Russischen kann man Kurse nicht machen im Sinne „etwas neues
lernen“, dazu sind im Russischen nach Korpusuntersuchungen andere Verben
anzuwenden, nämlich посещать (besuchen), проходить/пройти (durchgehen,
durchmachen), ходить на курсы (in die Kurse gehen).
(45) Аd.: Ну я повышаю себе квалификацию, делаю там-то там-то такие-то
курсы ;; Там месяц, там одну неделю.
Ich erhöhe meine Qualifikation, mache hin und da verschiedene Kurse ;; Da
einen Monat, da eine Woche.
Wenn man sagt делать курс (Kurs machen), dann ist die Bedeutung anders, nämlich
unter dem Wort курс wird eine Kur verstanden. Im russischen Nationalkorpus sind
einige Beispiele zu finden, und zwar делать курс похудения (einen Kkurs zum
Abnehmen machen), делать курс лечения (eine Kur durchmachen ), делать курс
на морщины вокруг глаз (einen Anti-Aging Kurs machen). Deswegen wird die
Wortverbindung делать курс(ы) (Kurs(e) machen) für eine semantische
Valenzabweichungen gehalten, weil auf der semantischen Ebene diese Konstruktion
andere Bedeutung im Russischen hat, als im Deutschen. Die Struktur ist aus dem
Deutschen übertragen und wird für Transfer gehalten.
Im Beispiel (46) wird das Verb делать (machen) mit dem Wort профессия
(Beruf) verwendet. Im Korpus sind keine Beispiele zu finden, in denen solche
Wortverbindung vorhanden ist.
68
(46) О.: Потому что они не собираются же, после этого, например, обратно
переехать в Россию и там далее какую-то профессию делать за чего
тогда это.
Da sie nachdem nicht beabsichtigen zum Beispiel zurück nach Russland
umzuziehen und dort irgendeinen Beruf machen, wozu denn das.
Das Wort профессия (Beruf) kann mit Verben приобретать (erwerben, gewinnen)
und получать (bekommen) benutzt werden.28 Deswegen kann man im Beispiel ()
eine Valenzabweichung auf der semantischen Ebene festzustellen und für einen
Transfer halten.
Im Beispiel (47) wird das Verb делать (machen) in Verbindung mit dem
Wort Ausbildung verwendet. Es ist zu vermuten dass das Beispiel (46) und das
folgende Beispiel (47) den gleichen Sinn haben.
(47) X.: Я сделал Ausbildung у Мерцедесом.29
Ich habe Ausbildung bei Mercedes gemacht.
Im Russischen gibt es natürlich das Wort Ausbildung nicht, aber das Wort
Ausbildung heißt im Russischen „образование, обучение“. Dann besitzt die Phrase
eine semantische Valenzabweichung, weil im Russischen man образование nicht
machen kann, sondern получать (bekommen). Im Deutschen ist solche
Wortverbindung wie Ausbildung machen üblich, deswegen kann man diese
Abweichung als Transfer bezeichnen. Die gleiche Abweichung kommt auch bei
anderen Testpersonen vor, was in den Beispielen (48) und (49) zu sehen ist.
(48) Z.: […] у тебя здеся больше шансов, дальше чё-нибудь выучитъся, или
дальше чё-нибудь выучить, Ausbildung сделать.
Du hast hier mehr Chancen etwas zu erlernen oder etwas zu lernen,
Ausbildung machen.
(49) Ad.: Я делаю там Ausbildung.
Ich mache dort Ausbildung.
28
29
Vgl. das russische Nationalkorpus.
Dieses Beispiel enthält natürlich auch eine syntaktische Abweichung, die durch Transfer sich
ermöglicht hat (Vgl.: Ich habe Ausbildung bei Mercedes gemacht). Aber da das Verb in der Phrase
unkorrekt verwendet wurde, kann man hier die syntaktische Abweichung nicht ganz analysieren.
69
Die gleiche Abweichung kommt bei der Probandin N., was folgenden Beispiel
demonstriert:
(50) N. […] если нет учителя, то никакого языка нет, а так всё-таки немцы
были в селе, кто-то Ausbildung делал, вот и э немецкий как-то больше
подошёл.
[…] wenn es kein Lehrer gibt, dann gibt es keine Sprache, aber es gab jedoch
Deutschen im Dorf, jemand hat Ausbildung gemacht, so passte das Deutsche
einigermaßen besser.
Weitere Abweichung bei dem Verb делать (machen) findet man im nächsten
Beispiel (51).
(51) X: […] потом мне надо было в армию, но я решил, что я Zivildienst буду
делать.
[…] danach musste ich in die Armee gehen, aber ich habe entschlossen, dass
ich Zivildienst machen werde.
Im Beispiel (51) kommt das deutsche Wort Zivildienst. Im Russischen bedeutet es
гражданская служба. Wenn man das Wort Zivildienst für eine Entlehnung hält,
dann stimmt die Phrase semantisch nicht. Im Russischen kann man гражданская
служба nicht machen. Im Russischen verwendet man mit der Wortverbindung
гражданская служба das Verb проходить (durchgehen). Da im Deutschen die
Phrase Zivildienst machen üblich ist, wird die Abweichung im Beispiel (51) als
Transfer bezeichnet.
Im Beispiel (52) kommt wieder das Verb делать (machen), aber in
Verbindung mit den Wörtern Realschule und Fachabitur.
(52) X.: Потом я дальше работал один год и пошёл в школу ;;; Realschule
делать и Fachabitur.
Dann habe ich ein Jahr weiter gearbeitet und bin in die Schule gegangen ;;;
Realschule machen und Faschabitur.
Das Wort Realschule heißt auf Russisch реальное училище. Nach Duden bedeutet
das Wort Realschule eine „Schule, die auf der Grundschule aufbaut und zur mittleren
Reife führt“. Im Russischen wird es einfach mit dem Wort Schule bezeichnet. Nach
70
Korpusuntersuchungen kann man feststellen, dass solche Wortverbindung im
Russischen nicht möglich ist. Im Deutschen ist die Phrase Realschule machen
möglich, deswegen wird diese Abweichung für einen Transfer gehalten. Das Wort
Fachabitur bzw. Abitur bedeutet nach Duden Reifeprüfung an einer höheren Schule.
Auf Russisch heißt die Phrase das Abitur machen (ablegen) — сдавать экзамены
на аттестат зрелости. Deswegen wird diese Abweichung auch als Transfer
bezeichnet.
Das Beispiel (53) kann man auch zu Transferabweichungen anrechnen.
(53) Ma.: Я лучше делаю активный отпуск.
Ich mache lieber einen aktiven Urlaub.
Die Abwesenheit der Beispiele im Korpus zeugen davon, dass das Verb делать
(machen) im Russischen mit dem Wort отпуск (Urlaub) nicht verbunden werden
kann. Es gibt sogar keine Wortverbindung активный отпуск (aktiver Urlaub). Hier
ist auch ein semantischer Valenzfehler zu sehen. Dafür gibt es aber einen anderen
Ausdruck, und zwar активный отдых (aktive Freizeit bzw. Erholung). Im
Russischen wird normalerweise für das Wort отпуск ein anderes Verb verwendet,
nämlich проводить (verbringen), was uns zahlreiche Beispiele aus dem Korpus
demonstrieren.
Die Probandin Z. verwendet mit dem Verb делать (machen) auch das
deutsche Wort Umschulung, was im Beispiel (54) zu sehen ist.
(54) Z.: […] но вот если они хотели што-то добиться, выучиться, или
Umschulung сделать, aber […]
[…] aber wenn sie etwas erreichen wollten, etwas erlernen oder Umschulung
machen, aber […]
Im
Russischen
bedeutet
das
Wort
Umschulung
переквалификация,
переподготовка.30 Die Wörter переквалификация, переподготовка werden mit
den Verben проходить bzw. пройти verwendet. Im Deutschen ist der Ausdruck
Umschulung machen gebräuchlich, deswegen wird diese Abweichung auch für einen
Transfer gehalten.
30
Das Wort Umschulung kann auch перевод в другую школу (in eine andere Schule schicke bzw.
einweisen) bedeuten, aber für dieses Beispiel ist diese Bedeutung irrelevant.
71
5.3.2. Das Verb „получить (bekommen)“
In den Beispielen, die in diesem Kapitel erörtert werden, sind einige Abweichungen
auf der semantischen Ebene bei dem Verb получить (bekommen) zu finden.
Im ersten Beispiel dieses Kapitels taucht wieder das Substantiv Umschulung
bei der gleichen Probandin, aber in dem Fall in Verbindung mit dem Verb получить
(bekommen).
(55) Z.: Э, да, мама она получила как Umschulung, это, папа, нуу, как он там
работал на стройке, так он здесь работал, а потом […]
Äh, ja, Mama hat eine Umschulung bekommen, Papa nun, wie er dort bei
einer Baustele gearbeitet hat, so hat er auch hier gearbeitet, und danach […]
Es wurde schon oben erklärt, welche Äquivalenten das Wort Umschulung im
Russischen hat, nämlich переквалификация, переподготовка. Die Abwesenheit der
Beispiele im Korpus beweisen, dass es im Russischen die Wortkombination
получить переквалификацию bzw. переподготовку nicht korrekt ist. Im
Deutschen ist die Phrase Umschulung bekommen möglich, deswegen ist der Satz als
Transfer zu bezeichnen.
Im Beispiel (56) taucht das Verb получить bzw. получать (bekommen) mit
dem Wort ребенок (Kind) auf, im Sinne, dass jemand ein Kind bekommt bzw.
gebärt.
(56) Х: Она получает второго ребёнка в марте.
Sie bekommt ihr zweites Kind im März.
Im Russischen ist diese Wortkombination sehr ungewöhnlich. Im russischen
Nationalkorpus kann man dazu kein einziges Beispiel finden, was uns bestätigt, dass
es solche Kombination nicht korrekt ist und eine Abweichung hat. Im Deutschen ist
die Phrase ein Kind bekommen sehr gebräuchlich, deswegen kann man dieses
Beispiel als Transfer bezeichnen.
Das nächste Beispiel zeigt uns eine andere semantische Valenzabweichung
bei der Bedeutung des Verbs получать (kriegen, bekommen).
72
(57) Al.: Неет, это как ну, но вообще-то это запрещено делать, если чтонибудь случится, очень сильный Ärger бы получили, потому-что ну,
поэтому мы и очень так locker все так делали.
Nein, es ist eigentlich verboten, das zu machen, wenn etwas passiert, dann
kriegen wir einen großen Ärger, weil nun, deswegen haben wir alles so locker
gemacht.
Das Wort Ärger heißt im Russischen гнев, досада, раздражение, неприятность,
огорчение. Kein von diesen Wörtern kann mit dem Verb получать (kriegen,
bekommen) verbunden werden. Der Sprecher übersetzte wörtlich die deutsche Phrase
„Ärger kriegen“ und übertrag die Hälfte von der Phrase ins Russische. Deswegen
kann man diese Abweichung als eine Valenzabweichung auf der semantischen Ebene
bezeichnen, die auch als Transfer gilt.
5.3.3. Andere semantische Abweichungen
In diesem Kapitel werden Beispiele beschrieben, die semantische Abweichungen
haben und auch einige, die sowohl semantischen, als auch syntaktischen Ebenen
betreffen. Im ersten Beispiel dieses Kapitels kommt eine Valenzabweichung auf der
semantischen Ebene bei dem Verb работать (arbeiten).
(58) X.: По профессии я бы хотел быть студентом, но я работаю у Боша.
Ich möchte Student von Beruf sein, aber ich arbeite bei Bosch.
Viele Beispiele im russischen Nationalkorpus zeugen, dass die Konstruktion
работать у (arbeiten bei) im Russischen existiert, aber die eine Restriktion der
Belebtheit enthält. Das heißt, dass die Phrase я работаю у Боша (ich arbeite bei
Bosch) bedeutet, dass die Person, die im Satz als ich bezeichnet wird, bei einem
Mann arbeitet, der Bosch heißt. Im Deutschen entspricht die Phrase ich arbeite bei
Bosch allen Normen des Deutschen und bedeutet, dass eine Person bei der Firma
Bosch arbeitet. Deswegen kann man dieses Beispiel als eine Valenzabweichung auf
der semantischen Ebene bezeichnen, die auch als Transfer gilt.
73
Im Beispiel (59) kommt eine ähnliche Abweichung, aber bei dem Verb
познакомиться vor.
(59) Al.: Я с ним в Армии познакомился, но я с ним как бы че- чер- то что
через армию хорошо познакомился.
Ich habe ihn in der Armee kennengelernt, aber ich habe ihn durch die Armee
gut kennengelernt.
Das Verb познакомиться ist normalerweise zweistellig, aber kann auch eine
fakultative Ergänzung besitzen. In diesem Beispiel gilt al fakultative Ergänzung das
Substantiv армия (Armee), das in dem Beispiel mit der Präposition через (durch)
zum Verb angeschlossen ist. Rein syntaktisch wäre es möglich, weil das Verb einen
solchen Aktant haben kann. Aber die Präposition через liegt unter bestimmten
semantischen Restriktionen, nämlich die Belebtheit oder mit der Präposition через
kann man Aktante anknüpfen, mittels wessen die Bekanntschaft möglich war, z.B.
познакомиться через газету, объявление в газете, через интернет usw. Armee
ist aber eine Institution und kann nicht als Mittel gelten und ist nicht eine Person (ist
nicht belebt). Am Anfang des Satzes kommt die richtige Variante vor, nämlich
познакомиться в Армии (in der Armee kennenlernen) oder ein bisschen anders
formuliert знакомы по армии wäre auch möglich. Im Deutschen ist es üblich durch
etwas bzw. durch jemand kennenlernen, deswegen wird das Beispiel als Transfer
bezeichnet. Um Semantik korrekt zu machen, soll die Syntax verändert werden,
nämlich познакомиться в Армии. Das Beispiel zeigt, wenn eine Abweichung auf
einer Ebene vorkommt, dann kann es auch zur Änderung auf anderer Ebene führen.
Deswegen gelten die Abweichungen in den Beispielen (58) und (59) als
Abweichungen auf zwei Ebenen.
Eine seltsame Abweichung kann man im Beispiel (60) bei dem Verb
считать (halten für) beobachten:
(60) Х: Мой родной язык, я считаю немецким.
*Für Deutsch halte ich meine Muttersprache.
In dem theoretischen Teil, der dem Thema „Valenz“ gewidmet wurde, wurde das
Thema der semantischen Rollen kurz erläutert. Das Verb считать ist dreistellig und
fordert eine Nominativ-, eine Akkusativ- und eine Instrumentaldependenz. Formal
74
besitzt das Verb im Beispiel (60) alle drei Aktanten, aber nach dem Sinn werden sie
falsch verwendet. Der Proband hat die Aktanten verwechselt. Das Argument
немецкий (das Deutsche) soll als Patiens auftreten, weil es von der Handlung des
Agens я betroffen und verändert wird. Das Agens schließt den Schluss über Patiens
und bestimmt bzw. bewertet es als родной язык (Muttersprache). Deswegen soll als
Akkusativergänzung das Wort немецкий (Deutsch) vorkommen und als im
Instrumentalstehende Bewertungsergänzung die Wortverbindung мой родной язык.
Richtig ist: немецкий я считаю моим родным языком.
Eine andere Abweichung bei dem Verb работать (arbeiten) demonstriert
das Beispiel (61):
(61) Pe.: […] Вот этой профессией и работаю.
[…] Das ist mein Beruf.
Das Verb работать fordert als zweiter Aktant ein Instrumentalobjekt, wenn es um
die Berufe geht. Alle formalen Rahmen des Verbs работать sind erfüllt, aber in der
Phrase des Beispiels (61) erscheint keine Berufsbezeichnung, sondern selbst das
Wort профессия (Beruf). Im Russischen gibt es eine feste Wortverbindung
работать по профессии. Im Korpus kommt die Phrase работать по профессии elf
Mal vor und die Wortverbindung работать профессией erscheint gar nicht. Diese
Abweichung kann man auch als eine Abweichung an der Grenze von zwei Ebenen
betrachten.
Nächste zwei Beispiele (62) und (63) kann man auch als Transfer bezeichnen,
weil sie aus dem Deutschen übertragen wurden. Im Beispiel (62) kommt das Verb
висеть (hängen) vor.
(62) Al.: Мне кажется большинство так аусидлеров, которые приехали они в
таком как Zwischenstadium все висят.
Mir scheint es, dass die Mehrheit der Aussiedler, die hierher gekommen sind,
in so einem Zwischenstadium schwebt.
Das Verb висеть ist normalerweise zweistellig und verlangt ein Nominativargument
und ein Argument, das Ort bzw. Platz zeigt, wo etwas hängt. In diesem Beispiel als
zweites Argument tritt das deutsche Wort Zwischenstadium auf. Im Russischen heißt
es „промежуточная стадия“. Im Russischen gibt es keinen Ausdruck висеть в
75
промежуточной стадии. Das, was der Sprecher mit dem Satz des Beispiels (62)
ausdrücken wollte, soll im Russischen anders ausgedruckt werden, nämlich быть
(находиться, оказываться) в подвешенном состоянии. Die Struktur des Satzes
im Beispiel (62) soll aus dem Deutschen übertragen zu sein, nämlich schweben in
einem Zwischenstadium. In dem Beispiel (62) ist wieder eine semantischsyntaktische Abweichung zu sehen, die man für Transfer halten kann.
Im Beispiel (63) kann man eine ähnliche Abweichung wie im vorigen Beispiel
beobachten:
(63) О: […]я не знаю, в Sozialamt ходим или куда-нибудь ещё, просто, чтоб
просто ээ Bewusstsein, мне это слово на русском не входит.
[…] ich weiß nicht, wir gehen ins Sozialamt oder sonst irgendwo noch, dass
einfach äh Bewusstsein, mir fällt das Wort auf Russisch nicht ein.
Das Verb входить besitzt solche Struktur, welche im Beispiel (63) präsent ist,
nicht.31 In der markierten Phrase in dem Beispiel (63) handelt es sich um die
deutsche Redewendung mir fällt das Wort nicht ein. Das russische Äquivalent wäre
entweder мне не приходит на ум oder мне не приходит в голову32. Diese
Abweichung gilt auch als Transfer, obwohl das Wort einfallen als входить nicht
übersetzen sein kann. Der Sprecher hat einfach gerade Bedeutung des Wortes
einfallen genommen und übersetzt. Das Wort einfallen kann mit den Wörtern
вторгаться, врываться übersetzt werden. Die Wörter вторгаться und входить
können als semantisch identisch betrachtet werden. Die Wörter вторгаться und
входить bedeuten проникать куда-либо, aber mit dem Unterschied, dass das Wort
вторгаться ein bisschen stärker ist und bedeutet насильственно, с силой войти
(Ožegov/Švedova 2005, 97). Deswegen wird dieses Beispiel als Transfer behandelt.
Im folgenden Beleg kommt das Verb ставить (stellen) vor. Das Verb ist
zweistellig und eine Nominativ- und Akkusativdependenz fordert.
(64) Pe.: […] из-за того, что я не знал и никто не объяснил толком мы не
пошли на эти курсы оттобеники сразу, ну не поставили антраг, попали
на простые курсы, которые нам практически ничего не давали.
[…] da ich nicht gewusst habe und niemand uns erklärt hat, haben wir nicht
die Otto Benecke-Sprachkurse sofort besucht, wir haben keinen Antrag
31
32
Vgl. Apresjan/Pall (1982), Andreyeva-Georg/Tolmacheva (1975), Demidova (1969).
http://www.lingvo.ru/
76
gestellt, dann sind wir in die andere Kurse geraten, die uns fast nichts
gebracht haben.
Als zweite Ergänzung tritt das deutsche Wort Antrag auf, was im Russischen
заявление heißt. Im Russischen existiert die Wortverbindung ставить заявление
nicht. Man sagt normalerweise подавать заявление. Diese Abweichung wird für
eine semantische Abweichung und für einen Transfer gehalten, weil es im Deutschen
die Wortverbindung Antrag stellen korrekt ist und sehr breit verwendet wird.
Im nächsten Kapitel werden Ergebnisse gegeben und Auswertung der Daten
dargestellt.
5.4. Ergebnisse und Auswertung der Daten
Im vierten Kapitel der Arbeit wurden drei Ziele dieser Forschung skizziert. Erstes
Ziel war zu beweisen, dass die Valenzstrukturen des Russischen von dem russischdeutschen Sprachkontakt beeinflusst und verändert werden. Es ist auf mehreren
Beispiele die oben dargestellt und analysiert wurden, zu sehen. Um die Ergebnisse
übersichtlicher zu machen werden alle Abweichungen in zwei Tabellen präsentiert.
In jeder Tabelle wird die wichtigste Information zu den Probanden gegeben, nämlich
Einreisealter, Aufenthaltsdauer in Deutschland, dann kommen Spalten, in denen die
Zahl verschiedener Abweichungen angegeben wird. Syntaktische Abweichungen
werden in den Tabellen in zwei Gruppen geteilt, und zwar „Transfer“ und „nicht
Transfer“. Unter „nicht Transfer“ werden Abweichungen unbekannter Herkunft
verstanden. In der letzten Spalte werden alle semantischen Abweichungen gezählt
und vorgestellt. In der letzten Zeile jeder Tabelle werden alle Abweichungen je nach
Spalten gerechnet und die Summe geschrieben. Bei den zweiten und dritten Spalten
wird der Durchschnitt gerechnet.
In der ersten Tabelle, die als Gruppe 1 bezeichnet wurde, werden die
Abweichungen gezählt, die bei den Probanden vorkommen, die als Erwachsenen
nach Deutschland kamen.
Tabelle 2: Gruppe 1 (Einreisealter über 18 Jahre alt)
Proband
Einreisealter Aufenthaltsdauer
Syntaktische VA
Semantische
VA
77
Transfer nicht Transfer
Ta. (w)
Wa. (m)
N. (w)
Pe. (m)
Sa. (m)
Ad. (m)
Na. (w)
45
44
36
34
22
20
>18
4
8
12
15
10
14
>4
--------
------4
--1
2
-2
--
SUMME
~31
~9,6
0
4
5
In der Tabelle 3 sind Ergebnisse der zweiten Gruppe vorgestellt. Zu der zweite
Gruppe gehören Probanden, die im jungeren Alter ihre Heimat verlassen haben.
Tabelle 3: Gruppe 2 (Einreisealter zwischen zwölf und drei Jahre alt)
Proband
Einreisealter Aufenthaltsdauer
Syntaktische VA
Transfer nicht Transfer
Semantische
VA
A. (w)
O. (w)
X. (m)
Al. (m)
Z. (w)
Ma. (w)
An. (w)
12
11
9
9
9
9
3
9
13
19
15
13
9
13
1
4
-4
4
1
7
2
5
3
4
2
3
1
-2
6
3
3
1
--
SUMME
~9
~13
21
20
15
Wenn man beide Tabellen vergleicht, dann ist es deutlich zu sehen, dass bei der
zweiten Gruppe mehr Abweichungen vorkommen, als bei der ersten.
Das zweite Ziel dieser Arbeit war versuchen zu erklären, welche Gründe die
Valenzveränderungen haben können. Bei den Abweichungen, die Transfer genannt
wurden ist es deutlich klar, dass diese Abweichungen von dem Sprachkontakt
hervorgerufen wurden. Diese Transfers wurden aus dem Deutschen genommen und
ins Russische übertragen. Es ist bekannt, dass je junger der Sprecher ist, desto besser
kann er eine Fremdsprache beherrschen und nach einiger Zeit kann die Fremdsprache
78
als Hauptsprache verwendet werden. Solches Phänomen wird von Wissenschaftlern
Sprachwechsel genant. Die eigene Sprache benutzt der Sprecher auch, aber sie ist
durch die Fremdsprache beeinflusst. Nach Thomason (2001) beim Sprachwechsel
werden wenige Wörter und mehr Struktur in die Fremdsprache übertragen. Bei der
Entlehnung werden dagegen mehr Wörter und weniger Struktur in die eigene
Sprache übernommen.
Mit den semantischen Abweichungen ist es auch meistens klar, dass sie aus
dem Deutschen übernommen wurden. Semantische Abweichungen kommen oft dann
vor, wenn die Probanden irgendwelche Realien beschreiben möchten. Sie
übernehmen dann nicht nur das Lexem, sondern auch die ganze Struktur, z. B.
Ausbildung machen. Im Russischen gibt es natürlich das Äquivalent für das Wort
Ausbildung, z.B. das Wort образование. Aber das russische Wort hat ein bisschen
andere Konnotationen, als das deutsche Wort Ausbildung. Die Probanden
übernehmen oft solche Konstruktionen. Aber diese Erklärung überlappt nicht alle in
der Arbeit aufgetauchte Abweichungen. Aber einzelne Beispiele wurden schon
erläutert und hier will man nur allgemeine Tendenzen schildern. Viele
Abweichungen kommen bei dem Verb делать (machen). Das deutsche Verb machen
hat größere semantische Distribution, als das russische Verb делать.
Bei den syntaktischen Abweichungen unbekannter Herkunft, die häufiger als
Transfers vorkommen, ist es nicht so eindeutig. Der Sprachkontakt zerstört die erste
Sprache und der Sprecher ist manchmal unsicher, manchmal trägt er die deutsche
Strukturen über. Manchmal sagt er etwas, was im Russischen falsch ist und im
Deutschen auch nicht existiert, d.h. dass der Sprachkontakt beeinflusst die Sprache
des Sprechers und seine Sprachkompetenz wird schwächer. Solche Abweichungen
zeigen vielleicht Unsicherheit bei dem Umgehen mit der Sprache. Wenn der Mensch
eine Sprache nicht sehr oft benutzt und andere Sprache sehr oft spricht, dann vergisst
er einige Strukturen und Wörter der ersten Sprache. Polinsky (1997) beschreibt das
American Russian und redet über die Erosion des Kasussystems. Vielleicht können
auch in dieser Arbeit vorkommende Abweichungen für Erosion des Russischen
sprechen.
Das dritte Ziel dieser Forschung war zu bestimmen unter welchen
Bedingungen die Verbvalenz beeinflusst und verändert wird. Aus der Tabellen 2 und
3 folgt, dass mehr Valenzabweichungen bei Probanden der zweiten Gruppe
erscheinen. Man konnte angenommen werden, dass die Aufenthaltsdauer in
79
Deutschland sehr stark die Zahl der Valenzabweichungen beeinflusst. Aber die
durchschnittliche Aufenthaltsdauer in beiden Gruppen nicht so rasant anders ist. Zum
Beispiel enthält Rede der Probandin Na. vier Valenzabweichungen, aber sie lebt in
Deutschland weniger als andere Probanden der ersten Gruppe.
Als weiterer Faktor kann man auch Einreisealter nennen. Im Kapitel vier
wurde als Forschungshypothese der vorliegenden Arbeit die Vermutung genannt,
dass das Kriterium der Einreisealter eine sehr wichtige Rolle bei den
Valenzabweichungen spielt. Nach Ergebnissen, die in der Tabellen 2 und 3
dargestellt sind, stimmt die Hypothese vollständig, nämlich je kleiner die
Einreisealter einer Proband ist, desto unstabiler seine Erstsprache ist und deswegen
wird seine Sprache, in dem Fall das Russische sehr stark von dem Deutschen
beeinflusst. Aber gibt es vielleicht noch irgendwelche Variabeln, die die Verbvalenz
des Russischen beeinflussen, z.B. die Tatsache welche Sprache die Testperson öfter
spricht und ob die Testperson auch Kontakte zu den Menschen aus ihrem Heimatland
noch hat. In der Tabellen 4 und 5 sind diese zwei Variabeln dargestellt und die Zahl
der syntaktischen und semantischen Valenzabweichungen gerechnet und für
Übersichtlichkeit gegeben. In der Tabelle 4 kommen die Ergebnisse der ersten
Gruppe und in der fünften Tabelle sind die Daten der zweiten Gruppe präsent.
Tabelle 4 Dominantsprache/Kontakte zur Heimat (Gruppe 1)
Probanden
Ta. (w)
Wa. (m)
N. (w)
Pe. (m)
Sa. (m)
Ad. (m)
Na. (w)
Welche Sprache wird
öfter verwendet
Kontakt zu
ehemaliger Heimat
Syntakt.
VA
Semant.
VA
Deutsch/Russisch
Russisch
Russisch
Russisch
Russisch
Russisch
Russisch
regelmäßig
regelmäßig
regelmäßig
regelmäßig
sehr oft
–
regelmäßig
–
–
–
–
–
–
4
–
–
1
2
–
2
–
Syntakt.
Semant.
Tabelle 5 Dominantsprache/Kontakte zur Heimat (Gruppe 2)
Probanden
Welche Sprache wird
Kontakt zu
80
A. (w)
O. (w)
X. (m)
Al. (m)
Z. (w)
Ma. (w)
An. (w)
öfter verwendet
ehemaliger Heima
VA
VA
Deutsch
Deutsch
Deutsch
Russisch
Russisch
Deutsch/Russisch
Deutsch
–
regelmäßig
–
unbekannt
wenig
unbekannt
–
3
9
3
8
6
4
8
–
2
6
3
3
1
–
Es ist wirklich zu sehen, dass die Probanden der ersten Gruppe häufiger
Russisch reden und mit den Menschen aus ihrem Heimatland regelmäßig
kontaktieren. Die Mehrheit der Testpersonen aus der zweiten Gruppe redet öfter
Deutsch als Russisch und insgesamt deutlich weniger Kontakten zu ihren
Verwandten bzw. Freunden in ihrem Heimatlant haben. Es ist klar, dass die
Bezeichnungen wie regelmäßig, oft und wenig sehr subjektiv sind und werden sich
von einer Person zu einer anderen Person unterscheiden. Aber solche Einschätzungen
können allgemeine Vorstellung liefern, wie oft und wie stark eine Person was mit
dem Russischen zu tun hat. Also, man kann feststellen, dass die Variablen, die in der
Tabellen 4 und 5 dargestellt sind, auch sehr stark die Verbvalenz der Sprecher
beeinflussen.
Aus dem Voraufgehenden folgt, dass die Valenz der Verben von dem
Sprachkontakt beeinflusst wird, wobei die Aufenthaltsdauer spielt nicht sehr große
Rolle. Die wichtigste Bedeutung haben solche Variablen wie Einreisealter,
Dominantsprache, welche Sprache öfter gesprochen wird und die Häufigkeit der
Kontakte zu den Menschen aus der ehemaligen Heimat.
81
6. Zusammenfassung
Das Russische der russischsprachigen Minderheit in Deutschland ruft sehr großes
Interesse bei verschiedenen Linguisten hervor. Die Daten der russischen Sprache
liefern viele Informationen über die Sprachphänomene, die von dem Sprachkontakt
verursacht werden. Das Russische der Russischsprechenden in Deutschland wird
sehr stark von dem Deutschen beeinflusst, weil diese zwei Sprachen in einem
engeren und intensiven Sprachkontakt stehen.
Diese Arbeit befasste sich mit den Valenzstrukturen des Russischen, die
durch den Sprachkontakt beeinflusst wurden. Zuerst wurde theoretische Themen
sowie Valenz und Sprachkontakt diskutiert und wichtige Begriffe definiert. Weiter
wurden
einige
Besonderheiten
der
sprachlichen
Situation,
in
der
die
Russischsprachige leben, dargestellt und einige Motive beschrieben, die die
Sprachmischung bedingen. In dem vierten Teil der Arbeit wurde die Forschung
beschrieben. Als Datengrundlagen galten 14 Interviews, die von Studenten der
Universität Regensburg aufgenommen wurden. Weiter wurden auch Probanden und
ihre Russischkenntnisse beschrieben. Alle Probanden wurden in zwei Gruppen
geteilt. Als Hauptfaktor der Unterteilung gilt Einreisealter. Zu der ersten Gruppe
gehören diejenigen Testpersonen, die nach Deutschland als Erwachsene umgezogen
sin. Die zweite Gruppe bilden Personen, die als Kinder nach Deutschland kamen und
nicht älter als 12 Jahre alt waren. Alle bei den Probanden gefundenen Abweichungen
wurden im fünften Kapitel dargestellt und analysiert. Alle Valenzabweichungen
wurden in zwei Gruppen geteilt, nämlich syntaktische und semantische
82
Valenzabweichungen. Ihrerseits wurden syntaktische Abweichungen auch in zwei
Gruppen geteilt, eine von denen „Transfer“ heißt und die andere Abweichungen
unbekannter Herkunft enthält. Semantische Abweichungen wurden in drei Gruppen
geteilt. In der ersten Gruppe kommen semantische Abweichungen bei dem Verb
делать (machen) vor. Die zweite Gruppe enthält semantische Valenzabweichungen,
die bei dem Verb получать (bekommen) auftauchen. Die dritte Gruppe besitzt alle
anderen semantischen Valenzabweichungen. In dieser dritten Gruppe kommen auch
einige Beispiele, die Abweichungen nicht nur auf der semantischen Ebene haben,
sondern auch auf der syntaktischen Ebene. Am Ende der Arbeit wurden alle
Abweichungen in Tabellen zusammengefasst und Schlussfolgerungen gegeben.
In der vorliegenden Forschung wurde festgestellt, dass die Valenzstrukturen
des Russischen durch den Sprachkontakt verändert werden, aber das passiert nicht so
schnell, wie z.B. lexikalische Entlehnungen. Die bei den Probanden vorkommenden
Valenzabweichungen zeigen, dass die Russischkenntnisse der Probanden nicht so
stabil sind und dass sie manchmal deutsche Strukturen übernehmen oder etwas
Eigenes kreieren um die Lücken im Russischen zu füllen. Wie es schon erwähnt
wurde, viele Abweichungen erscheinen nicht durch die Übertragung von deutschen
Valenzstrukturen, sondern nach unbekannten Gründen. Das Vorhandensein der
Abweichungen unbekannter Herkunft spricht dafür, dass die Erosion des Russischen
vorhanden ist.
Diese Beispiele zeigen uns, dass die Russischkenntnisse der Probanden nicht
so stabil sind und dass sie manchmal deutsche Strukturen übernehmen und ins
Russische übertragen. Manchmal geht es nicht über die Übertragung, aber die falsche
Verwendung der russischen Strukturen zeugt davon, dass die Erosion oder das
Vergessen des Russischen vorhanden ist.
Der alltägliche Sprachkontakt beeinflusst die individuelle Sprachkompetenz
der Probanden, aber nicht gleichmäßig. Das gilt vor allem für die Verbvalenz. Die
Valenzstrukturen
werden
von
dem
Sprachkontakt
beeinflusst,
wobei
die
Aufenthaltsdauer nicht sehr große Bedeutung hat. Die wichtigste Rolle spielt das
Einreisealter. Bei den Probanden der zweiten Gruppe sind mehr Abweichungen zu
finden. Außer der Variable des Einreisealters werden auch solche Variablen wie
Dominantsprache und die Häufigkeit der Kontakte zu den Menschen aus der
ehemaligen Heimat für wichtig gehalten. Unter der Dominantsprache wird die
Sprache verstanden, die der Sprecher häufiger spricht.
83
Die in der vorliegenden Arbeit vorgestellte Forschung hat bewiesen, dass der
russisch-deutschen Sprachkontakt die Valenzstrukturen des Russischen beeinflusst
und als Hauptfaktor das Einreisealter gilt.
7. Bibliographie
Achterberg J. (2005) Zur Vitalität slavischer Idiome in Deutschland. Eine empirische
Studie zum Sprachverhalten slavophoner Immigranten. München.
Ágel V. (2000) Valenztheorie.Tübingen.
Anders K. (1993) Einflüsse der russischen Sprache bei deutschsprachigen
Aussiedlern. Untersuchungen zum Sprachkontakt Deutsch-Russisch
(Arbeiten zur Mehrsprachigkeit 44). Hamburg.
Apresjan Ju.D. (1974) Leksičeskaja semantika. Sinonimičeskie sredstva jazyka.
Moskva.
Auer J.C.P. (1983) Zweisprachige Konversationen. Code-Switching und Transfer bei
italienischen Migrantenkindern in Konstanz. Konstanz.
Bechert J., Wildgen W. (1991) Einführung in die Sprachkontaktforschung.
Darmstadt.
Berend N. (1998) Sprachliche Anpassung. Eine soziolinguistisch-dialektologische
Untersuchung zum Russlanddeutsche. Tübingen.
Berend N., Jedig H. (1991) Deutsche Mundarten in der Sowjetunion. Geschichte der
Forschung und Bibliographie. Marburg.
Birkmann P. (1998) Verbvalenz und Sprachökonomie. Die deutschen Verben und
ihre Ausstattung in Verbindung und System. Frankfurt am Main.
Blankenhorn
R. (2003) Pragmatische Spezifika der Kommunikation
Russlanddeutschen in Sibirien. Frankfurt am Main.
von
Boszák G. (2009) Realisierung der valenzbestimmten Korrelate des Deutschen.
Frankfurt am Main.
84
Clyne M. (1975) Forschungsbericht. Sprachkontakt. Kronberg.
Coene A. (2006) Lexikalische Bedeutung, Valenz und Koersion. Hildesheim, Zürich,
New York.
Dešeriev Ju. D., Protčenko I.F. (1972) Osnovnye aspekty issledovanija dvujazyčija i
mnogojazyčija. In: Azimov P.A., Dešeriev Ju.D., Filin F.P. Problemy
dvujazyčija I mnogojazyčija. Moskva, 26-103.
Frantzen P. (2004) Die strategische Sprachwahl. Sprachwechsel unter bilingualen
Puertoricanern in Denver/Colorado. Wilhelmsfeld.
Goldbach A. (2005) Deutsch-russischer Sprachkontakt. Deutsche Transferenzen und
Code-switching in der Rede Russischsprachiger in Berlin.
Frankfurt/Main.
Gregor E. (2003) Russian-English Code-switching in New York City. Frankfurt am
Main.
Grillborzer Ch. (2008) Morphosyntaktischer Wandel beim deutsch-russischen
Sprachkontakt. Eine korpusbasierte Untersuchung der Sprache
russophoner Einwanderer. Regensburg.
Haugen E. (1956) Bilingualism in the Americas: A bibliography and research guide.
Alabama.
Helbig G. (1992) Probleme der Valenz und Kasustheorie. Tübingen.
Heuer K. (1977) Untersuchung zur Abgrenzung der obligatorischen und fakultativen
Valenz des Verbs. Frankfurt am Mein.
Jacobs J. (2003) Die Problematik der Valenzebenen. In Ágel V./ Eichinger L.M./
Eroms H-W/ Hellwig P./ Heringer H.J./ Lobin H. (Hrsg.) Dependenz
und Valenz – ein internationales Handbuch der zeitgenössischen
Forschung. Bd.1. Berlin, New York, 378-399.
Juhász J. (1980) Interferenzlinguistik. In: Althaus, H.P. et al. (Hg.) Lexikon der
germanistischen Linguistik. Tübingen, 641-646.
Karaulov Ju.N. (1992) O russkom jazyke zarubež’ja. In: Voprosy jazykoznanija, 6.
Moskva, 5-18.
Lehmann S. (2000) Zur Semantik und Valenz von Funktionsverbgefügen im
Russischen. Germersheim.
Lüdi G. (1996) Mehrsprqachigkeit. In: H. Goebl, P. H. Nelde, Z. Starý, W. Wölck
Kontaktlinguistik. 1. Halbband. Berlin, New York, 233-245.
85
Majorin M. (2008) Zur Sättigung der Valenz in den „Kleinen Meldungen“ des Typus
Notiz. Frankfurt am Mein.
Meng
Meng
K.
K.,
(2001) Russlanddeutsche Sprachbiografien. Untersuchungen
sprachlichen Integration von Aussiedlerfamilien. Tübingen.
zur
Protassova E. (2005) „Aussiedlerisch“. Deutsch-russische
Sprachmischungen im Verständnis ihrer Sprecher. In: U. Haß, W.
Kallmeyer, U. Waßner Sprachgrenzen überspringen. Sprachliche
Hybridität und polykulturelles Selbstverständnis. Tübingen, 229-266.
Mixajlov M.M. (1972) Dvijazyčie i vzaimovlijanie jazykov. In: Azimov P.A.,
Dešeriev Ju.D., Filin F.P. Problemy dvujazyčija I mnogojazyčija.
Moskva, 197-318.
Mühlner W., Sommerfeld K-E. (1981) Zu den Beziehungen zwischen Semantik,
Valenz und Sprachkonfrontation. In: Werner Mühlner & Karl-Ernst
Sommerfeld, Semantik, Valenz und Sprachkonfrontation des Russischen
mit dem Deutschen. Leipzig, 9-14.
Oksaar E. (1980) Mehrsprachigkeit, Sprachkontakt, Sprachkonflikt. In: P. Nelde
(ed.) Sprachkontakt und Sprachkonflikt. Wiesbaden, 43-52.
Oksaar E. (1996) The history of contact linguistics as a discipline. In: Hans Goebl, P.
H. Nelde, Z. Starý, W. Wölck Kontaktlinguistik. 1. Halbband. Berlin,
New York, 1-12.
Pabst
B.
(2007) Russisch-deutsche Zweisprachigkeit als Phänomen
multikulturellen Gesellschaft in Deutschland. Frankfurt am Main.
der
Panfilov V. Z. (1972) Vzaimootnošenie kategorij jazyka i myšlenija pri dvujazyčii.
In: Azimov P.A., Dešeriev Ju.D., Filin F.P. Problemy dvujazyčija I
mnogojazyčija. Moskva, 103-111.
Pfandl H. (2000) Erstsprachenverwendung und kulturelle Einstellungen von
russischsprachigen Emigranten mit frühem Ausreisealter in
deutschsprachiger Umgebung. Graz.
Polinsky M. (1997) American Russian: Language Loss Meets Language Acquisition.
In: Browne, W. et al. (Hrsg.) Annual Workshop on Formal Approaches
to Slavic Linguistics. The Cornell Meeting 1995. Ann Arbor, 370-406.
Riehl C. M. (2004) Sprachkontaktforschung: eine Einführung. Tübingen.
Rozencvejg V. Ju. (1972) Jazykovye kontakty. Leningrad.
Spillner B. (1996) Stilistik. In: H. Goebl, P. H. Nelde, Z. Starý, W. Wölck
Kontaktlinguistik. 1. Halbband. Berlin, New York, 144-153.
86
Storrer A. (1992) Verbvalenz. Theoretische und methodische Grundlagen ihrer
Beschreibung in Grammatikographie und Lexikographie. Tübingen.
Storrer A. (2003) Ergänzungen und Angaben. In Ágel V./ Eichinger L.M./ Eroms HW/ Hellwig P./ Heringer H.J./ Lobin H. (Hrsg.) Dependenz und Valenz
– ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung. Bd.1.
Berlin, New York, 764-780.
Testelec Ja. G. (2001) Vvedenie v obščij sintaksis. Moskva.
Thomason S. G. (2001) Language contact. An introduction. Edinburgh.
Trenina O. (2004) Zum Russlanddeutschen im Mittleren Ural. In: Sprachreport, 1.
Mahnheim, 9-14.
Weinreich U. (1967) Languages in contact. The Hague. [Zuerst ersch. 1953]
Weinreich U. (1977) Sprachen in Kontakt. München.
Welke K.M. (1988) Einführung in die Valenz- und Kasustheorie. Leipzig.
Zemskaja E. (2000) O jazyke russkogo zarubež'ja. In: Lew Zybatow (Hrsg.)
Sprachwandel in der Slavia. Frankfurt am Mein, 767-785.
Zemskaja E. (2001) Jazyk russkogo zarubež'ja. Moskva.
Zifonun G. (2003) Grundlagen der Valenz. In Ágel V./ Eichinger L.M./ Eroms H-W/
Hellwig P./ Heringer H.J./ Lobin H. (Hrsg.) Dependenz und Valenz –
ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung. Bd.1.
Berlin, New York, 352-377.
Žluktenko Ju. A. (1974) Lingvističeskie aspekty dvujazyčija. Kiev.
Wörterbücher
Andreyeva-Geopg V., Tolmacheva V. (1975) The russian verb. Prepositional and
Non-Prepositional Goverment. Moscow.
Apreszjan Ju. D., Páll ö. (1982 a) Russkij glagol – vengerskij glagol. Upravlenie i
sočetaemost´ 1. Budapešt. / Orosz ige- magyar ige. Vonzatok és
kapcsolódások 1, Budapest.
Apresjan Ju. D., Pall ö. (1982 b) Russkij glagol – vengerskij glagol. Upravlenie i
sočetaemost´ 2. Budapešt. / Orosz ige- magyar ige. Vonzatok és
kapcsolódások 1, Budapest.
87
Demidova A.K. (1969) Upravlenie naibolee upotrebitel´nych glagolov v
sovremennom russkom jazyke. Moskva.
Götz D., Haensch G., Wellmann H. (Hrsg.) (2003) Großwörterbuch Deutsch als
Fremdsprache. Berlin u.a.
Krasnych V.I. (2005) Slovar‘ sočetaemosti. Glagoly, predikativy, prilagatel’nye i
pričastija. Moskva.
Ožegov S.I., Švedova N. Ju. (2005) Tolkovyj slovar‘ russkogo jazyka. Moskva.
Schumacher H., Kubczak J., Schmidt R., Ruiter V. (2004) VALBU Valenzwörterbuch. Tübingen.
Elektronische Hilfsmittel
Duden - Deutsches Universalwörterbuch, 5. Aufl. Mannheim 2003 [CD-ROM]
http://slovari.yandex.ru/dict/ushakov
http://www.lingvo.ru/
http://www.uni-regensburg.de/Fakultaeten/phil_Fak_IV/Slavistik/RPC/
http://www.ruscorpora.ru/
88
Herunterladen
Random flashcards
Literaturepochen

2 Karten oauth2_google_55780ed8-d9a3-433e-81ef-5cfc413e35b4

Erstellen Lernkarten