1.5. Halogenkohlenwasserstoffe

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1.5. Halogenkohlenwasserstoffe
Kohlenwasserstoffe, in denen ein oder mehrere H-Atome
durch Halogenatome substituiert sind, bezeichnet man als
Halogenkohlenwasserstoffe.
Nomenklatur
Die Halogensubstituenten werden als PrÄfixe vor den Stammnamen gesetzt. Viele Halogenkohlenwasserstoffe tragen zudem Trivialnamen. Auch die radikofunktionelle Nomenklatur ist
in gewissen FÄllen Åblich. Dabei werden die Bezeichnungen aus dem Namen des KWRestes und der Endung des Halogens gebildet.
CH3Cl
CH2Cl2
CHCl3
CCl4
ClCH2 CH2Cl
CH2 CHCl
CH2 CH CH2Br
Chlormethan
Dichlormethan
Trichlormethan
Tertrachlormethan
1,2-Dichlorethan
Chlorethen
3-Brompropen
Methylchlorid
Methylenchlorid
Chloroform
Tetrachlorkohlenst.
Ethenylchlorid
Vinylchlorid
Allylbromid
I
I
CH3
CH3
C Cl
CH3
CH2Cl
1,1-Diiodbenzen
2-Chlor-2-methylpropan
tert. Butylchlorid
Chlormethylbenzen
Benzylchlorid
Eigenschaften
Die Halogen-KW sind schwach polare, lipophile FlÅssigkeiten. Chlormethan, Brommethan
und Chlorethan sind gasig.
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Der Siedepunkt der Halogen-KW steigt mit zunehmender Molarer Masse. Die FlÅssigkeiten
haben relativ hohe Dichten.
Die Verbindungen sind wasserunlÇslich, lÇsen sich aber in den meisten organischen
LÇsemit-teln und sind selbst gute LÇsemittel fÅr organische Substanzen.
Je mehr Halogenatome ein MolekÅl aufweist, desto schwerer entflammbar ist der Stoff.
Ist Chloroform wÄhrend lÄngerer Zeit feuchter Luft und Sonnenlicht ausgesetzt, so bildet
sich das Äusserst giftige Phosgen. HandelsÅbliches Chloroform ist mit wenig Ethanol stabilisiert.
Der Einsatz von halogenierten KW ist so weit als mÇglich einzuschrÄnken:
 Sie sind biologisch schwer abbaubar.
 Ihre DÄmpfe stÅren unter Einwirkung ultravioletter Strahlung das Ozongleichgewicht in den hÅheren Schichten der
AtmosphÄre (FCKW).
 Die Entsorgung von nicht mehr verwendbaren Halogen-KW
ist noch nicht zufriedenstellend gelÅst (Verbrennung verursacht sauren Regen, Dioxinbildung etc.).
 Einige Halogen-KW sind cancerogen und mutagen (Chloroform, Tertrachlorkohlenstoff).
 Aromatische Halogen-KW sind fettlÅslich und reichern sich
Çber die Nahrungskette zu gefÄhrlichen Konzentrationen an
(DDT, Dioxine, PCB).
Verwendung
LÇsemittel:
KÅhlmittel/Treibgase:
LÇschmittel:
Insektizide/Herbizide:
Dichlormethan, Trichlormethan
Dichlorethan, Chlorbenzen
polychlorierte Biphenyle (PCB), Freone
(CCl2F2), Frigene (FCl2C-CClF2)
Bromchlordifluormethan
Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT),
DichlorphenoxyessigsÄure
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Desinfektionsmittel:
Kunststoffe:
Alkylierungsreagenzien:
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Hexachlorophen
Polyvinylchlorid, Polytetrafluorethan
Iodmethan, Bromethan
Herstellung
Halogenkohlenwasserstoffe kommen in der Natur nicht vor. Sie sind synthetisch leicht zugÄnglich durch Halogenierung von gesÄttigten und ungesÄttigten Kohlenwasserstoffen oder
von Alkoholen.
Halogenierung von gesÄttigten KW
Diese ist nur bei Methan und alkylierten Aromaten wirtschaftlich. Bei hÇheren Alkanen entstehen schwer trennbare Gemische von Stellungsisomeren und verschieden stark halogenierten KW. Die Substituierbarkeit der H-Atome nimmt von den primÄren zu den tertiÄren CAtomen allerdings deutlich zu.
Beispiel: Herstellung von Tribrommethan
CH4 + 3 Br2
UV
CHBr3 + 3 HBr
Beispiel: Einfache Chlorierung von Propan
CH3 CH2 CH3 + Cl2
UV
Cl
CH3 CH CH3 + HCl
Addition von Halogenen an Alkene
Beispiel: Addition von Brom an Propen
CH3 CH CH2 + Br2
Br Br
CH3 CH CH2
Addition von Halogenwasserstoff an Alkene
Die Addition erfolgt gemÄss der Regel nach Markownikow.
Beispiel: Addition von Chlorwasserstoff an Propen
CH3 CH CH2 + HCl
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Cl
CH3 CH CH3
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Substitution der Hydroxygruppe aus Alkoholen
Geeignet sind Chlorierungsmittel wie Thionylchlorid SOCl2 und Phosphorpentachlorid PCl5.
Beispiel: Herstellung von Chlorethan aus Ethanol mit Thionylchlorid
CH3 CH2 OH + SOCl2
CH3 CH2 Cl + SO2 + HCl
Beispiel: Chlorierung von Ethanol mit Phosphorpentachlorid
CH3 CH2 OH + PCl5
CH3 CH2 Cl + POCl3 + HCl
TertiÄre Alkohole reagieren bereits mit Halogenwasserstoff in einer Gleichgewichtsreaktion.
Beispiel: Reaktion von 2-Methyl-2-propanol mit Chlorwasserstoff
CH3
CH3 C OH + HCl
CH3
CH3
CH3 C Cl + H2O
CH3
Reaktionen
Die Halogenalkane sind reaktionsfÄhig, wobei die ReaktivitÄt von den Iod- zu den Chloralkanen abnimmt. Die wichtigsten Umsetzungen sind Eliminations- und Substitutionsreaktionen
sowie Organometallreaktionen.
Eliminationsreaktionen
Durch Elimination von Halogen oder Halogenwasserstoff entstehen Alkene. Es bilden sich
die am stÄrksten substituierten Alkene, also in der Regel nicht die 1-Alkene.
Beispiel: Elimination von Brom aus 1,2-Dibromcyclopentan
Br
Br
+ Zn
+ ZnBr2
Beispiel: Elimination von Chlorwasserstoff aus 2-Chlorbutan
Cl
CH3 CH CH2 CH3 + KOH
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Alkohol/ 
CH3 CH CH CH3 + KCl + H2O
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Wurtz-Reaktion
Bringt man Halogenalkane mit metallischem Natrium in Ether zur Reaktion, verbindet sich
das Natrium mit dem Halogen zum Halogenid und die Alkylradikale vereinigen sich zu einem
Alkan. Auf diese Weise kÇnnen auch Halogenbenzene untereinander oder mit Halogenalkanen verbunden werden (Wurtz-Fittig-Reaktion).
Beispiel: Synthese von Octan aus Brombutan
2 C4H9 Br + 2 Na
C8H18 + 2 NaBr
Beispiel: Herstellung von Cyclohexan aus 1,6-Dibromhexan
Br C6H12 Br + 2 Na
+ 2 NaBr
Beispiel: Wurtz-Fittig-Reaktion mit Brombenzen
Br
2
+ 2 Na
+ 2 NaBr
Substitutionsreaktionen
Halogenkohlenwasserstoffe sind vielverwendete Zwischenstufen fÅr Alkohole, Ether, Amine
und Nitrile.
Beispiel: Herstellung von Ethanol durch Hydrolyse von Bromethan
CH3 CH2 Br + NaOH
H2O
CH3 CH2 OH + NaBr
Beispiel: Herstellung von Methylphenylether durch O-Alkylierung von Natriumphenolat
O- Na+
O CH3
+ CH3 I
+ NaI
Beispiel: Herstellung von Dimethylbenzylamin durch N-Alkylierung von Dimethylamin
CH3
CH2 Br + HN
CH3
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-
OH
CH2 N
CH3
HBr
CH3 +
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Beispiel: Herstellung von Butannitril aus Iodpropan
CH3 CH2 CH2 I + KCN
CH3 CH2 CH2 CN + KI
Metallorganische Verbindungen
Halogen-KW reagieren in trockenen, inerten oganischen LÇsemitteln mit nicht allzu reaktiven Metallen zu metallorganischen Verbindungen. Darunter versteht man Substanzen, in
denen mehr oder minder stark polare kovalente Bindungen zwischen Kohlenstoff- und Metallatomen auftreten. Ihre ReaktionsfÄhigkeit wÄchst mit zunehmendem Ionencharakter der
Bindung. Sie sind z.T. selbstentzÅndlich.
Beispiel: Herstellung von Methyllithium
CH3 Br + 2 Li
CH3 Li + LiBr
ReaktionsfÄhige Metalle reagieren sehr heftig mit Halogenalkanen. Ihre metallorganischen
Verbindungen werden durch Austauschreaktionen gewonnen.
Beispiel: Herstellung von Ethylnatrium aus Ethyllithium
CH3 CH2 Li + NaCl
CH3 CH2 Na + LiCl
Die Addition von Hydriden an Alkene und Alkine fÅhrt in gewissen FÄllen ebenfalls zu metallorganischen verbindungen.
Beispiel: Addition von Borhydrid an Ethen
BH3 + 3 CH2 CH2
B(CH2 CH3)3
Eine besondere und wichtige Gruppe von metallorganischen Verbindungen sind die Grignard-Verbindungen. Sie bilden sich aus Halogenalkanen und metallischem Magnesium in
Ether oder Tetrahydrofuran.
Beispiel: Umsetzung von Bromethan mit Magnesium zu Ethylmagnesiumbromid
CH3 CH2 Br + Mg
CH3 CH2 Mg Br
Grignard-Reagenzien sind Äusserst empfindlich gegen Feuchtigkeit, Sauerstoff und Kohlendioxid. Es sind wichtige Reagenzien zur Herstellung von Alkoholen, Aldehyden, Ketonen
und CarbonsÄuren. Ihre Reaktionen werden in den entsprechenden Kapiteln ausfÅhrlich behandelt.
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