1 Gerhard Heim Schon mal von Sokrates gehört ...? – Eine

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Gerhard Heim
Schon mal von Sokrates geh€rt ...? – Eine Einf‚hrung in die sokratische
Widerlegungskunst
[Hinweis: Es handelt sich um eine €berarbeitete Version des in der ZDPE (Zeitschrift f€r
Didaktik der Philosophie und Ethik) Heft 3/2003 erschienen Artikels]
Vorbemerkung
Der folgende Praxisbericht zeigt einen Weg, Sch€lerinnen und Sch€ler der Klasse 10 mit der Person und
der Methode des Philosophen Sokrates bekannt zu machen. Ich habe versucht, die Arbeitsmaterialien
durch ein- und €berleitende Texte so aufzubereiten, dass die Sch€lerinnen und Sch€ler weitgehend
selbst•ndig arbeiten k‚nnen. Wie das im einzelnen geschieht (Gruppen-, Partner- oder Einzelarbeit)
h•ngt nat€rlich von der konkreten Unterrichtssituation ab. Mit etwas zus•tzlichem Arbeitsaufwand
k‚nnte man die Materialien auch zu einem Lernzirkel erweitern. Weitere Hinweise zur praktischen
Durchf€hrung finden sich in den Kommentaren im Anschluss an die Materialien.
Materialien
I. Der Zitterrochen
M1 „Bereit f‚r einen kleinen sokratischen Dialog?“
Der Thrillerautor Philip Kerr greift in seinen B€chern philosophische und aktuelle Wissenschaftsthemen auf, die er in spannende Kriminal- bzw. Sciencefictiongeschichten verpackt. Die folgende
eigenwillige Kurzcharakteristik des Philosophen Sokrates aus dem Munde eines Ganoven findet sich
ein seinem Kriminalroman „Der Plan“.
„Na, wie geht’s, Langer? Schon bereit f€r einen kleinen sokratischen Dialog? Das bedeutet, ich sag was,
du sagst was, und ich gelange zu einem Schluss. Schon mal von Sokrates geh‚rt, Langer? Das war ein
griechischer Philosoph, der zum Tode verurteilt wurde, weil er die Jugend Athens verdarb. Das Ganze
war nat€rlich vor der Erfindung des Fernsehens. Heute haben die Kids Kabel, also sind sie bereits
verdorben, stimmt’s? Dieser Sokrates wurde dazu gebracht, den Schierlingsbecher zu nehmen.
Schierling ist so eine Art Gift. Verwandt mit Petersilie, nebenbei bemerkt, also Vorsicht beim
Garnieren. Na, jedenfalls, als ich das gelesen habe, in einem Buch von einem gewissen Platon, hab ich
gefragt, wie zum Teufel man jemanden dazu bringt, freiwillig Gift zu nehmen.“1
1
Der Philosoph Sokrates, von dem hier
die Rede ist, hat – wie die Abbildung
zeigt – eine eindr€ckliche
Physiognomie. Einfach gekleidet und
barf€„ig trifft man ihn auf den
…ffentlichen Pl†tzen seiner
Heimatstadt Athen, meistens in
endlose Gespr†che vertieft. Begierig,
seine eigene Unwissenheit zu €berwinden, stellt er Fragen. Es sind
einfache Frage zu scheinbar einfachen
Themen – meistens Fragen der Moral,
der Erziehung oder der Religion, €ber
die die Griechen viel diskutieren.
Sokrates’ Gespr†chspartner sind
deshalb gerne bereit, ihr Wissen
weiterzugeben. Auf seine Nachfragen
verstricken sie sich jedoch h†ufig in
Widerspr€che und m€ssen
eingestehen, dass ihr Wissen eine
T†uschung ist: sie glauben zu wissen
und wissen doch nichts. Der junge
Menon in dem gleichnamigen Dialog,
den Sokrates’ Sch€ler Platon (428 –
348) verfasst hat, spricht f€r sie, wenn
er mitten im Gespr†ch kapituliert.
M2 Der Zitterrochen in Aktion
Der Dialog Menon besch†ftigt sich mit der Frage, ob Tugenden wie Gerechtigkeit, Tapferkeit,
Besonnenheit usw. lehrbar sind wie etwa die Reit- oder Fechtkunst. Dazu muss vorab nat€rlich
gekl†rt werden, worum es sich bei diesen Tugenden €berhaupt handelt. Sokrates’ Gespr†chspartner
Menon muss schnell einsehen, dass sein Wissen €ber diese ethischen Grundbegriffe konfus und
unzusammenh†ngend ist. Die folgenden kommentierten Textausz€ge geben einen Eindruck davon,
welche Wirkung Sokrates auf seine Gespr†chspartner hatte.
O Sokrates, noch ehe ich mit dir zusammengekommen bin, habe ich schon geh‚rt, dass du nichts
kannst, als, wie du selbst immer ratlos bist, so auch andere in Ratlosigkeit setzen. Und nun [...] hast
du mich verhext und bezaubert und recht eigentlich verblendet, so dass ich ganz voll von Ratlosigkeit
geworden bin. Und wenn ich ein wenig scherzen darf, so scheinst du mir vollkommen sowohl nach
Gestalt als auch in anderen Beziehungen jenem Meerfisch, dem breiten Zitterrochen, •hnlich zu sein.
Denn dieser macht auch jeden, der ihm nahe und in Ber€hrung mit ihm kommt, erzittern. Und so,
kommt es mir vor, hast du mit mir etwas †hnliches, n•mlich mich erzittern gemacht.
[PLATON: Menon, 79e – 80a]2
Nat€rlich stellen Philosophen Fragen. Aber man erwartet von ihnen auch Antworten. Worauf man
sicher nicht gefasst ist, sind Verhexung und Zauberei. Menon warnt deshalb Sokrates: Er solle es
mit seinem Tun nicht €bertreiben. In einer fremden Stadt h†tte man ihm wahrscheinlich schon den
Prozess gemacht. Die Sorge des Menon ist nicht unbegr€ndet. Sokrates wird im Jahr 399 anklagt.
Aber nicht wegen Verhexung und Zauberei, sondern wegen Gottlosigkeit und Verf€hrung der
Jugend. Der Prozess, der mit dem Todesurteil endet, findet in Athen und nicht etwa in einer fremden
Stadt statt. Darin irrt sich Menon.
Sokrates €bergeht die Warnung des Menon. H†lt er sie f€r €bertrieben? Hat er keine Angst, dass
seine T†tigkeit ihm schaden k…nnte? Er stimmt dem Vergleich mit dem Zitterrochen nur bedingt zu:
Ich aber gleiche dem Zitterrochen nur in dem Falle, wenn er, indem er andere erzittern macht, auch
2
selbst erzittert, wenn nicht, nicht. Denn mitnichten bin ich selbst wohl beraten, wenn ich andere ratlos
mache; sondern nur weil ich selbst €ber alles ratlos bin, mache ich auch andere so ratlos. Auch jetzt
von der Tugend weiˆ ich nicht, was sie ist; du aber hast es vielleicht vorher gewusst, ehe du mich
ber€hrt hast; jetzt aber bist du dem, der es nicht weiˆ, gleich. Doch ich will es jetzt mit dir erw•gen
und gemeinschaftlich untersuchen, was sie wohl sei. [PLATON: Menon, 80c – 80d]
Eine paradoxe Situation: ein Philosoph, der den Sinn seiner T†tigkeit darin sieht, anderen ihre
eigene Unwissenheit vor Augen zu f€hren, selbst aber ratlos ist – zumindest gibt er das vor.
Welchen Sinn kann eine ˆberpr€fung von ˆberzeugungen haben, wenn man durch das Fragen in
eine ausweglose Situation ger†t? Dabei geht es doch eigentlich nicht um komplizierte Sachverhalte.
Sokrates fragt Menon nicht €ber die Bewegung der Gestirne oder die Entstehung der Welt aus. Es
sind Fragen der Moral oder Ethik, €ber die jeder mehr oder weniger schon nachgedacht hat.
Sokrates hat, wie es der r…mische Philosoph Cicero in den „Gespr†chen in Tusculum“ formuliert,
„zuerst die Philosophie vom Himmel heruntergeholt, in den St†dten angesiedelt, sie sogar in die
H†user eingef€hrt und sie gezwungen, nach dem Leben, den Sitten und dem Guten und dem B…sen
zu fragen“. Im Dialog Menon wird nach der Tugend gefragt. Der junge Menon scheint keine
Schwierigkeiten mit solchen Fragen zu haben. Er f€hlt sich geschmeichelt, scheint er doch der erste
zu sein, der Sokrates €ber den Begriff der Tugend aufkl†ren darf. Nichts scheint leichter als diese
einfache Was-Ist-Frage zu beantworten:
Aber das ist ja nicht schwer zu sagen, Sokrates. F€rs erste, wenn du die Tugend des Mannes meinst,
so ist sie leicht zu bestimmen: Die Tugend des Mannes n•mlich ist, dass er geschickt sei, die
Angelegenheiten des Staates zu verwalten und mittelst ihrer Verwaltung seinen Freunden Gutes zu tun,
seinen Feinden aber B‚ses, und dabei selbst auf der Hut zu sein, dass ihm nichts dergleichen
widerfahre. [PLATON: Menon, 71e]
Und so weiter. Was so vielversprechend beginnt, endet jedoch mit einem Desaster. Einige Seiten
weiter ist Menon mit seinem Latein am Ende. Er war wohl etwas voreilig und muss sich eingestehen,
dass er eigentlich nicht wei„, wovon er redet:
Denn wahrhaftig, ich zittere an Seele und Leib, und ich weiˆ nicht, was ich dir antworten soll. Und
doch habe ich schon tausendmal €ber die Tugend gar viele Reden und vor vielen Menschen gehalten
und dabei recht brav gesprochen, wie es mir wenigstens d€nkte. Nun aber weiˆ ich nicht einmal zu
sagen, was sie [die Tugend] ist. [PLATON: Menon, 80b]
Verhexung? Zauberei? Verblendung? Wohl kaum. Der folgende Auszug aus dem Dialog „Laches“
zeigt, dass Sokrates in seiner Gespr†chsf€hrung und Fragetechnik †u„erst methodisch vorgeht. Man
spricht in diesem Zusammenhang von der „Widerlegungskunst“ (Elenktik) des Sokrates. Das Wort
Elenktik geht auf das griechische Verb elenchein zur€ck, was meistens mit „pr€fen“ €bersetzt wird,
aber auch „besch†men“, „blo„stellen“ oder „erniedrigen“ bedeuten kann. Auf Menon d€rften
beide Bedeutungen zutreffen: er f€hlt sich nicht blo„ gepr€ft sondern sicher auch blo„gestellt. Dass
sich Sokrates mit dieser Art der Gespr†chsf€hrung nicht nur Freunde gemacht hat, wird uns nicht
wundern.
Aufgaben
1. Erstellen Sie eine Zeittafel zu Sokrates’ Leben, die auch Hinweise auf wichtige kulturelle und
politische Ereignisse enth†lt. Erg†nzen Sie diese Zeittafel durch entsprechende Abbildungen
(Karten, Ausschnitte/Zitate aus literarischen Werken, ˆbersichtsskizzen zur politischen
Verfassung etc.). Hier bietet sich auch eine Recherche im Internet an.
Literaturhinweis: EVA-MARIA KAUFMANN: Sokrates. M€nchen (dtv), 2000.
2. Das Interesse an der Figur des Sokrates h†lt bis heute an. Gestalten Sie eine Stunde mit Texten,
Musik und Bildern zum Thema „Sokrates“. M…glich ist hier auch eine f†cher€bergreifende
Zusammenarbeit mit Latein, Griechisch, Deutsch, Kunst und Musik.
3
Dazu einige Anregungen:
BERTOLT BRECHT: „Der verwundete Sokrates“ (Erz•hlung) in: Gesammelte Werke, Bd. 5,
Frankfurt a. Main, 1967, S. 286-303.
FRIEDRICH D‰RRENMATT: „Der Tod des Sokrates“ (Erz•hlung) in: Turmbau. Stoffe IV-IX, Z€rich
1990, S. 143-156.
ARISTOPHANES: Die Wolken (Kom‚die). Stuttgart (Reclam).
XENOPHON: Erinnerungen an Sokrates. Stuttgart (Reclam).
GEORG PHILIP TELEMANN: „Der geduldige Sokrates“ (Musikalisches Lustspiel, uraufgef€hrt 1721).
ERNST KRENEK : „Pallas Athene weint“ (Oper, uraufgef€hrt 1955).
3. H…rvorschlag: Inzwischen gibt es verschiedene H…rfassungen der „Apologie“, der
Verteidigungsrede des Sokrates vor Gericht, wie sie von seinem Sch€ler Platon €berliefert worden
ist. Die wohl bekannteste Aufnahme mit dem Schauspieler Werner Krauss stammt aus dem Jahre
1955. Die Aufnahme ist inzwischen auch als CD verf€gbar.
II. Die sokratische Widerlegungskunst
M3 Was ist eigentlich „Tugend“? – Eine Er€rterung im „Laches“
Im Dialog „Laches“ pr€ft Sokrates die ˆberzeugungen der Gener†le Laches und Nikias hinsichtlich
des Begriffs Tugend. Zwei besorgte V†ter hatten die beiden um Rat in einer Erziehungssache gefragt:
Ist der Unterricht im Waffenkampf f€r Jugendliche ein passender Unterrichtsgegenstand?
Die beiden Gener†le m€ssten als Experten doch eine Antwort wissen. Man ist sich nicht einig und
zieht Sokrates hinzu. Der jedoch stellt seinerseits Fragen: Worum geht es bei der Ausbildung der
Jugendlichen letzten Endes? Doch wohl um die Bildung ihres Geistes, darum, sie zu moralisch
t€chtigen Menschen zu erziehen. Das griechische Wort f€r „T€chtigkeit“ (gr. Arete) wird auch mit
Tugend €bersetzt. Wer also Jugendliche erziehen will, sollte etwas von den Tugenden und somit auch
von der Tugend der Tapferkeit verstehen. Die Anmerkungen in der Randspalte sollen Ihnen bei der
Lekt€re helfen und Hinweise geben, wie man einen solchen Text inhaltlich gliedern kann.3
Nikias: Du scheinst mir ja gar nicht zu wissen, dass, wer einmal mit dem
Sokrates auch nur sozusagen gespr•chlich verwandt geworden und auf eine
Unterredung mit ihm eingegangen ist, unvermeidlich [...] von ihm so lange im
Gespr•ch herumgef€hrt und nicht eher in Ruhe gelassen wird, bis er in die
Falle gegangen ist [...]. Ich bin nun mit ihm n•her bekannt und weiˆ, dass
man sich das von ihm unumg•nglich gefallen lassen muss; auch weiˆ ich
ganz gut, dass ich selbst es mir werde gefallen lassen. Denn es macht mir
Freude, Lysimachos, mich mit dem Manne einzulassen, und ich halte es f€r
gar nicht schlimm, sich so an die Fehler, welche man gemacht hat oder noch
macht, erinnern zu lassen, glaube vielmehr, dass derjenige f€r sein k€nftiges
Leben notwendig kl€ger werden muss, der sich dem nicht entzieht, sondern
nach dem Ausspruche Solons Neigung und Willen hat zu lernen, solange er
lebt, und sich nicht einbildet, dass der Verstand mit dem Alter schon von
selbst komme. Mir also ist es weder unge€bt noch aber auch unbeliebt, mich
von Sokrates auf die Probe stellen zu lassen; vielmehr habe ich es eigentlich
schon l•ngst gewusst, dass, wenn Sokrates dabei ist, nicht von unseren
jungen Leuten die Rede sein w€rde, sondern von uns selbst.
Nikias hat also schon seine Erfahrungen mit Sokrates gemacht und
€berl†sst Laches gerne den Vortritt, der nur darauf wartet, sein Wissen
€ber die Tapferkeit mitzuteilen. Er z…gert nicht, sich den Fragen des
Sokrates zu stellen:
Sokrates: Wir behaupten also, Laches, zu wissen, was Tapferkeit sei?
4
Laches: Das behaupten wir freilich.
Sokrates: Und nicht wahr, was wir wissen, davon können wir doch auch
aussprechen, was es ist?
Laches: Wie sollten wir nicht? [...]
Sokrates: Wohlan, versuche es einmal, wie ich sage, auszusprechen, was
Tapferkeit ist!
Laches: Beim Zeus, Sokrates, das auszusprechen ist nicht schwierig: Wenn
einer entschlossen ist, in Reih und Glied standzuhalten, die Feinde
abzuwehren und nicht zu fliehen, der wird, wie du wohl weißt, ein Tapferer
sein.
Sokrates muss Laches entt†uschen: einfach nur ein Beispiel anzuf€hren,
reiche nicht aus, um eine Sache zu definieren. Tapferkeit trete doch sicher
auch in anderen Zusammenh†ngen auf. Tapfer k…nne man nicht nur in
einer Schlacht sein. Es gebe auch den Kranken, der sein Leiden tapfer
ertr†gt.
Sokrates: Nicht wahr, tapfer sind diese alle? Aber die einen besitzen die
Tapferkeit in der Lust, andere in Schmerzen, einige bei Begierden, andere bei
Befürchtungen, [...] versuche es also noch einmal, zu bestimmen, was das in
allen diesen Umständen gleichartige Wesen der Tapferkeit sei! [...]
Laches: Nun, so scheint sie mir eine gewisse Beharrlichkeit der Seele zu sein,
wenn ich also von der Tapferkeit, was sie in allen ihren Fällen ihrem Wesen
nach ist, angeben soll.
Sokrates: Das sollst du allerdings [...]. So viel indessen wird einleuchten,
dass dir, denke ich, nicht jede Beharrlichkeit Tapferkeit zu sein scheint. Ich
schließe dies hieraus: Soviel ich nämlich ziemlich gewiss weiß, Laches, bist
du überzeugt, dass die Tapferkeit unter die besonders schönen Gegenstände
gehöre.
Laches: Ja, unter die schönsten, musst du wohl wissen.
Sokrates: Und nicht wahr, die mit Klugheit verbundene Beharrlichkeit ist
etwas Schönes und Gutes?
Laches: Allerdings.
Sokrates: Wie aber die mit Unklugheit verbundene? Ist sie nicht im
Gegensatz zu jener schädlich und verderblich?
Laches: Ja.
Sokrates: Wirst du nun behaupten, das etwas schön sei, was verderblich und
schädlich ist?
Laches: Gewiss mit Recht nicht, Sokrates!
Sokrates: Du wirst also nicht zugeben, dass eine solche Art von
Beharrlichkeit Tapferkeit sei, da sie ja nicht schön ist, die Tapferkeit aber
etwas Schönes ist.
Laches: Ganz wahr!
Sokrates: Die kluge Beharrlichkeit also wird wohl nach deiner Behauptung
Tapferkeit sein.
Laches: Es scheint so.
Laches’ erster Versuch:
er gibt Sokrates ein
Beispiel f€r Tapferkeit.
Man kann einen Begriff
erl†utern, indem man
ein Beispiel anf€hrt.
Laches’ erste Definition
ist zu eng gefasst!
Laches’ zweiter
Versuch: Tapferkeit ist
die Beharrlichkeit der
Seele.
Die Definition ist
noch zu weit gefasst!
Sokrates und Laches
sind sich dar€ber einig,
dass die Tapferkeit zu
den sch…nen und guten
Dingen z†hlt.
Dritter Versuch:
Tapferkeit ist kluge
Beharrlichkeit.
Laches muss ihm zustimmen. Beharrlichkeit kann auch ein Ausdruck von
Dummheit sein. Man m€sste also irgendwie Beharrlichkeit mit Klugheit
kombinieren. Das ist es! Aber was bedeutet hier Klugheit?
Sokrates: Wir wollen nun sehen, in welcher Beziehung diese Tapferkeit klug
ist [...]. Zum Beispiel, wenn einer in kluger Verwendung seines Geldes
Erneute Pr€fung:
5
beharrlich ist, da er weiˆ, dass er durch diese Verwendung gewinne, –
w€rdest du diesen tapfer nennen?
Laches: Nein, beim Zeus!
Sokrates: Wie aber, wenn ein Arzt, der seinen Sohn oder einen anderen an
der Lungenkrankheit zu behandeln hat und nun gebeten wird, ihm zu essen
und zu trinken zu geben, sich mit Beharrlichkeit nicht erbitten lieˆe?
Laches: Auch diese Art in keinerlei Weise.
Sokrates: Aber ein Mann, der im Kriege beharrlich und zu k•mpfen
entschlossen ist, weil er mit Klugheit berechnet, indem er weiˆ, dass ihm
andere helfen werden, seine Gegner aber weniger und schlechter sind als
seine Mitk•mpfer, auˆerdem auch, dass er noch das bessere Terrain hat, –
w€rdest du wohl behaupten, dass dieser, der mit solcher Klugheit und
solchen Hilfsmitteln sich beharrlich zeigt, der Tapfere sei, oder der, welcher
in dem entgegenstehenden Heere noch entschlossen ist, standzuhalten und
auszuharren?
Laches: Der im entgegenstehenden Heere, wie mir d€nkt, Sokrates.
Sokrates: Und doch ist seine Beharrlichkeit unkl€ger als die des anderen.
Laches: Das ist wahr.
Die Klugheit des Tapferen liegt also nicht in seinem Expertenwissen
begr€ndet. Im weiteren Verlauf des Dialogs wird sich herausstellen, dass
der Tapfere „Experte“ in Fragen der Moral ist. Er wei„, was gut oder
schlecht f€r den Menschen ist.
[PLATON: Laches, S. 185-192.]
Ist jedes Beispiel f€r
kluges und beharrliches
Verhalten ein Fall von
Tapferkeit?
Ein aktuelles Beispiel:
Ist ein Aktienh†ndler,
der aufgrund seiner
Erfahrung und seines
Insiderwissens den
Verkauf von Aktien
beharrlich hinausz…gert,
um seinen Gewinn zu
maximieren, tapfer?
Dieser Feldherr verh†lt
sich eher unklug;
trotzdem kann sein
Verhalten ein Ausdruck
von Tapferkeit sein.
Tapferkeit setzt nicht
notwendig Klugheit im
Sinne von
Expertenwissen
voraus.
M4 CHRISTOPHER C. W. TAYLOR: Muss man alles definieren k€nnen?
„[...] im Fall eines allgemeinen Begriffs wie dem der Tugend besteht nur [die] minimale Anforderung, zu
wissen wovon wir reden, wenn wir das Wort verwenden; dies impliziert jedoch nicht die F•higkeit, eine
genaue Bestimmung des allgemeinen Begriffs formulieren zu k‚nnen (d.h. eine Definition zu geben) [...]
Ich kann wissen wovon ich spreche, wenn ich das Wort „Geld“ verwende, auch wenn ich keine
Definition des Geldes angeben kann; es ist eindeutig ausreichend, wenn ich z.B. Standardbeispiele
erkennen kann.“4
Aufgaben
1. Notieren Sie Beispiele daf€r, dass blo„e Beharrlichkeit in einer Sache nicht unbedingt ein
Ausdruck von Tapferkeit sein muss.
2. Sokrates f€hrt in diesem Textabschnitt (M3) vor, wie mit Hilfe von Beispielen und Gegenbeispielen
ein Definitionsversuch €berpr€ft werden kann.
Erl†utern Sie, warum dabei das Finden von Gegenbeispielen besonders effizient ist.
3. Er…rtern Sie, inwieweit sich ausgehend von M4 eine Kritik an der sokratischen Vorgehensweise
entwickeln l†sst.
III. Sokrates vor Gericht – Das Pr‚fen einer Entscheidung im „Kriton“
M5 Kritons Argumente f‚r die Flucht
In Platons Dialog „Kriton“ legt Sokrates seinem Freund Kriton die Gr€nde f€r seine Weigerung zu
fliehen dar. Sokrates gelangt nach eingehender Pr€fung im Gespr†ch mit Kriton zu dem Schluss, dass
Vergeltung unrecht und damit die Flucht verwerflich ist. Dass ein sokratisches Gespr†ch mit einem
Ergebnis endet, ist eher untypisch. Die meisten Diskussionen €ber ethische Fragen, die wir in den
sokratischen Dialogen nachlesen k…nnen, enden gerade nicht mit einer klaren Entscheidung. Die
Griechen gebrauchten daf€r das Wort aporia (= gr. Ausweglosigkeit), worauf unser Fremdwort
6
Aporie zur€ckzuf€hren ist. Am Ende dieser – aporetischen – Dialoge ist also im Allgemeinen nicht
klar, wie das in Frage stehende ethische Problem zu l…sen ist. Anders im Dialog „Kriton“. Sokrates
hat diesmal zumindest f€r sich eine Entscheidung gefunden: Er wird im Gef†ngnis bleiben und die
Hinrichtung abwarten. Damit stellt er sich bewusst gegen die moralischen ˆberzeugungen seiner
Zeitgenossen (dass man Unrecht mit Unrecht vergelten kann, dass man f€r seine Kinder und Freunde
Sorge tragen muss, dass man auf seinen Ruf zu achten habe usw.). Sokrates ist damit der erste
Philosoph, der sich in ethischen Fragen unbeeindruckt von Sitte und Konvention, von dem, was alle
oder die meisten meinen, eine eigene Meinung bildet und diese Meinung mit Argumenten verteidigt,
die allerdings bestimmten Anforderungen gen€gen m€ssen.
Der folgende Auszug aus dem Dialog gibt Kritons Hauptargument f€r die Flucht wieder. Das
Gespr†ch zwischen Sokrates und seinem Freund Kriton findet in der Gef†ngniszelle des Sokrates
statt. Die Hinrichtung steht unmittelbar bevor. Die Zeit dr†ngt also, und Kriton unternimmt einen
letzten Versuch, seinen Freund zur Flucht zu €berreden.5
Kriton Auˆerdem glaube ich, Sokrates, dass du
im Begriff stehst, etwas Unrechtes zu tun: dich
selbst preiszugeben, obwohl du dich in Sicherheit
bringen kannst, und du legst es darauf an, dass dir
das zust‚ˆt, worauf es auch deine Feinde anlegen
und schon angelegt haben – sie, die dich verderben
wollen. ‰berdies glaube ich, dass du auch deine
eigenen Kinder preisgibst, die du, obwohl du f€r
ihre Aufzucht und Ausbildung sorgen k‚nntest,
bei deinem Fortgang im Stich lassen w€rdest –
und es wird ihnen, soviel an dir liegt, gehen, wie’s
der Zufall will. Der Zufall aber wird ihnen
wahrscheinlich eben das bringen, was den Waisen
in den Waisenh•usern zu widerfahren pflegt. Man
muss n•mlich entweder auf Kinder verzichten
oder ihre Aufzucht und Ausbildung zu Ende
f€hren; du aber w•hlst, glaube ich, den
bequemsten Weg. Du musst jedoch das w•hlen,
was ein anst•ndiger und mutiger Mann w•hlen
w€rde, zumal wenn er behauptet, dass er sich in
seinem ganzen Leben um feste Grunds•tze
bem€ht. Daher sch•me ich mich um deinet- und
um unsretwillen, die wir deine Freunde sind; es
k‚nnte so aussehen, als habe sich die ganze
Geschichte mit dir wegen einer Art von Feigheit
unsrerseits so abgespielt: das Zustandekommen
der Klage vor Gericht, die zustande kam, obwohl
sie nicht h•tte zustande kommen m€ssen, und
auch die Verhandlung der Klage, wie sie verlaufen
ist, und schlieˆlich scheint uns dies hier, wie ein
Hohn auf die ganze Sache, wegen unserer
Unt€chtigkeit und Feigheit entglitten zu sein, da
wir dich nicht in Sicherheit gebracht haben, und
du nicht dich selbst, obwohl das m‚glich und
durchf€hrbar gewesen w•re, wenn wir nur ein
bisschen was getaugt h•tten. Dies alles, Sokrates,
ist doch gewiss nicht nur schlimm, sondern auch
sch•ndlich – f€r dich wie f€r uns. Entschlieˆe
dich also, oder besser: daf€r ist gar keine Zeit
mehr, dein Entschluss muss schon gefasst sein,
und da gibt es nur einen. Denn in der kommenden
Nacht muss dies alles passiert sein; wenn wir
noch warten, dann ist es unm‚glich und nicht
mehr durchzuf€hren. Also, Sokrates, befolge
unter allen Umst•nden meinen Rat und tu ja nicht
etwas anderes. [PLATON: Kriton, 48b – 50c]
Aufgaben
1. Notieren Sie die Gr€nde, die Kriton f€r eine Flucht vorbringt.
2. Arbeiten Sie heraus, welche Wertvorstellungen bzw. Vorstellungen vom richtigen Tun Kritons
Argumenten zugrunde liegen und bewerten Sie seine Argumentation.
3. Formulieren Sie im Anschluss an ihre ˆberlegungen zu 1) und 2) Kritons moralisches
Grundprinzip.
M6 Wie gehen wir bei der Prüfung der Argumente vor?
Zum besseren Verst†ndnis des folgenden Argumentationsschrittes eine Vorbemerkung:
„Ich halte es ja nicht erst jetzt, sondern schon immer so, dass ich nichts anderem in mir folge als dem
Gedanken, der sich mir beim Nachdenken als der beste erweist“ (s.u.) – in diesem ber€hmten Satz des
Sokrates, der €brigens auch in den Sockel einer bekannten Sokratesb€ste eingemei„elt ist, wird
„Gedanke“ als ˆbersetzung f€r das griechische Wort logos gew†hlt. Das Wort logos hat im
Griechischen eine gro„e Bedeutungsbreite. Der Kontext l†sst weitere ˆbersetzungen zu, etwa
Erw†gung, vern€nftige Rede, ˆberlegung, Argument.
7
Sokrates Mein lieber Kriton, deine Hilfsbereitschaft ist viel wert – wenn es nur einige
Richtigkeit damit hat: wenn nicht, dann ist sie je
gr‚ˆer, desto peinlicher. Wir m€ssen also pr€fen,
ob wir dies tun sollen oder nicht. Ich halte es ja
nicht erst jetzt, sondern schon immer so, dass ich
nichts anderem in mir folge als dem Gedanken,
der sich mir beim Nachdenken als der beste
erweist. Und die Gedanken, die ich fr€her
ausgesprochen habe, kann ich jetzt nicht von mir
werfen, nur weil mir dieses Missgeschick
zugestoˆen ist; sie kommen mir vielmehr im
wesentlichen noch ebenso vor, und ich sch•tze
und achte sie ebenso wie fr€her. Wenn wir jetzt
nichts Besseres vorzubringen wissen als sie, dann
sei €berzeugt, dass ich dir nicht nachgeben werde,
auch nicht, wenn die Macht der Menge uns wie
Kindern mit noch Schlimmerem als bisher Angst
einzujagen sucht, indem sie uns Kerker- und
Todesstrafen und Verm‚genseinziehungen auf den
Hals schickt.
Wie k‚nne wir das am passendsten untersuchen?
Vielleicht wenden wir uns zuerst dem Gedanken
zu, auf den du dich berufst: dem von den
Meinungen. Haben wir mit Recht immer wieder
gesagt oder nicht, dass man bestimmte Meinungen
beachten solle, andere hingegen nicht? [...]
Brauchbar sind die der Vern€nftigen, verkehrt die
der Unvern€nftigen, nicht wahr?
Kriton So ist es. [...]
Sokrates Folglich, mein Bester, haben wir uns
durchaus nicht so sehr um die Menge zu
k€mmern, was sie von uns sagen wird, sondern
vielmehr um den Sachverst•ndigen f€r das
Gerechte und das Ungerechte, um den einen und
um die Wahrheit selber. Demnach machst du
schon am Anfang einen unrichtigen Vorschlag,
indem du vorschl•gst, wir sollten uns um die
Meinung der Menge k€mmern, was sie vom
Gerechten, vom Sch‚nen und Guten und von
deren Gegenteil h•lt. „Aber“, k‚nnte man
einwenden, „die Menge ist immerhin imstande,
uns zu t‚ten.“
Kriton So ist’s ganz offensichtlich: dies k‚nnte
man einwenden, Sokrates, du hast recht.
[PLATON: Kriton, 48b – 50c]
M7 Sokrates’ Ablehnung der Flucht
Sokrates Aber, du sonderbarer Mensch, von
diesem Gedanken [dass man bestimmte
Meinungen beachten soll, andere hingegen nicht,
G.H.], den wir bisher besprochen haben, kommt
es mir so vor, als sei er noch derselbe wie fr€her.
Pr€fe nun auch den folgenden, ob er uns noch
bestehen bleibt oder nicht: dass man nicht einfach
dem Leben den gr‚ˆten Wert beimessen soll,
sondern dem Recht-Leben.
Kriton Ja, der bleibt bestehen.
Sokrates Dann m€ssen wir also – da wir hierin
€bereinstimmen – untersuchen, ob es gerecht ist,
wenn ich von hier ohne Erlaubnis der Athener
wegzugehen versuche, oder ungerecht. Und wenn
es sich als gerecht erweist, dann wollen wir’s
versuchen, wenn aber nicht, dann lassen wir’s.
Doch die Gesichtspunkte, die du nennst – die des
Geldausgebens, der €blen Meinung und der
Kinderaufzucht –, die sind ja wohl wirklich [...]
Gesichtspunkte der Menge? Wir aber haben, da
uns der Gedanke so lenkt, nichts anderes zu
pr€fen, als was wir soeben sagten: ob wir gerecht
handeln, wenn wir denen Geld zahlen, die mich
von hier wegschaffen, und noch Dank wissen dazu
– indem wir das Wegschaffen selber betreiben und
uns wegschaffen lassen –, oder ob wir uns in
Wahrheit ins Unrecht setzen, wenn wir all das tun.
Und wenn sich herausstellt, dass wir damit ein
Unrecht begingen, dann d€rfen wir ganz gewiss
nicht in Betracht ziehen, dass wir, wenn wir hier
bleiben und nichts unternehmen, sterben oder
sonst etwas erleiden m€ssen – wenn wir nur kein
Unrecht begehen.
Kriton Du hast wohl recht Sokrates; Sieh zu, wie
wir jetzt vorgehen sollen.
Sokrates Wir wollen die Sache gemeinsam
untersuchen, mein Bester, und wenn du etwas
widerlegen kannst von dem, was ich sage, dann
widerlege es, und ich werde dir folgen. Wenn du
es nicht kannst, dann h‚re endlich auf, du
Redlicher, mir immer wieder mit demselben
Gedanken zu kommen, dass ich gegen den Willen
der Athener von hier weggehen soll. Denn ich lege
groˆen Wert darauf, mich mit deinem Einverst•ndnis so zu verhalten, und nicht gegen deinen
Willen. Fass jetzt den Anfang der Untersuchung
ins Auge, ob meine Worte dich befriedigen, und
versuche, mir auf meine Fragen nach bestem
Wissen zu antworten.
Kriton Ja, das will ich tun.
Sokrates Wir behaupten doch, man d€rfe in
keinem Falle willentlich Unrecht tun, oder darf
8
man’s in dem einen Falle wohl, in dem anderen
nicht? Oder ist das Unrechttun unter keinen
Umst•nden etwas Gutes oder Sch‚nes, wie wir in
der fr€heren Zeit schon oft €bereinstimmend
festgestellt haben? Oder sind alle unsere fr€heren
Feststellungen in diesen wenigen Tagen zu nichts
zerronnen, und haben wir, Kriton, in unserem
hohen Alter seit langem ernsthafte Reden
miteinander gef€hrt, ohne gewahr zu werden, dass
wir uns in nichts von Kindern unterscheiden?
Oder bleibt unbedingt g€ltig, was wir damals
gesagt haben? Ob die Menge nun ja dazu sagt
oder nicht, und ob wir noch Schlimmeres erleiden
m€ssen als dies hier oder auch weniger
Schlimmes: das Unrechttun ist trotzdem f€r den,
der es tut, in jedem Falle etwas Schlechtes und
H•ssliches – ja oder nein?
Kriton Ja.
Sokrates Man darf also unter keinen Umst•nden
Unrecht tun.
Kriton Ganz gewiss nicht.
Sokrates Man darf also auch nicht erlittenes
Unrecht mit Unrecht vergelten, wie die Menge
glaubt: da man ja unter keinen Umst•nden
Unrecht tun darf.
Kriton Allem Anschein nach nicht. [...]
Sokrates Man darf also kein Unrecht vergelten
noch einem Menschen B‚ses tun, und wenn man
noch so schwer von ihm zu leiden hatte. Und sieh
dich vor, Kriton: wenn du hierin mit mir €bereinstimmst, dann darfst du das nicht gegen deine
‰berzeugung tun; denn ich weiˆ, dass nur wenige
hiervon €berzeugt sind, jetzt und in Zukunft.
Zwischen denen aber, die diese ‰berzeugung
haben, und denen, die sie nicht haben, gibt es
keine Gemeinsamkeit des Standpunktes, und mit
Notwendigkeit verachten sie einander, wenn sie
ihre beiderseitigen Standpunkte betrachten. Sieh
also ganz genau zu, ob du hier mitmachen kannst
und derselben Meinung bist wie ich und wir bei
unserer Beratung davon ausgehen d€rfen, dass es
niemals richtig ist, Unrecht zu tun oder Unrecht
zu vergelten oder sich, wenn man B‚ses erlitten
hat, zur Wehr zu setzen, indem man selbst wieder
B‚ses tut – oder wirst du abtr€nnig und machst
du schon bei diesem Ausgangspunkt nicht mit?
Denn ich war schon immer davon €berzeugt und
bin es auch jetzt noch, doch du, wenn du eine
andere ‰berzeugung hast: sprich und gib
Auskunft. Wenn du aber an deiner fr€heren
Ansicht festh•ltst, dann h‚re das weitere.
Kriton Ich halte daran fest und bin derselben Meinung wie du. Fahre fort!
Sokrates Ich will dir also das weiteren sagen, oder
vielmehr: ich frage dich: Man stimmt mit
jemandem darin €berein, dass etwas gerecht ist:
soll man sich daran halten, oder darf man sich
tr€gerisch dar€ber hinwegsetzen?
Kriton Man soll sich daran halten.
Sokrates Betrachte nun die Sache so: wenn wir
von hier weggehen, ohne dass wir die Stadt f€r
uns gewonnen haben, tun wir dann irgendwem
B‚ses, und zwar gerade denen, die es am
wenigsten verdient h•tten, oder nicht? Und halten
wir noch an dem fest, was wie wir
€bereinstimmend festgestellt haben, gerecht ist,
oder nicht? [...]
Sieh dir die Sache so an. Gesetzt, wir w•ren
willens, von hier davonzulaufen, oder wie man es
nennen soll, und da k•men die Gesetze und das
Gemeinwesen dieser Stadt, tr•ten uns entgegen
und sagten: „Sag uns, Sokrates, was hast du im
Sinne? Hat dein jetziges Vorhaben ein anderes
Ziel, als uns, die Gesetze, zu vernichten, und mit
uns die ganze Stadt [...] ? Oder h•ltst du es f€r
m‚glich, dass eine Stadt bestehen bleibt und nicht
untergeht, in der Gerichtsurteile keine Geltung
haben, in der sie vielmehr durch Privatpersonen
ihrer Kraft beraubt und €ber den Haufen
geworfen werden?“ – was w€rden wir antworten,
Kriton, auf diese und •hnliche Fragen? [...] sollen
wir diesen Leuten sagen: „Die Stadt hat uns doch
Unrecht getan und den Prozess nicht richtig
entschieden“ – sollen wir das sagen, oder was
sonst?
[PLATON: Kriton, 48b – 50c]
M8 „W‚rde es Dir gefallen, wenn ein anderer Dir das antun w‚rde?“ (Thomas Nagel)
Thomas Nagel, 1937 in Belgrad geboren, kam 1939 in die Vereinigten Staaten. Er ist Professor der
Philosophie in New York und besch†ftigt sich vor allem mit Themen der politischen Philosophie. Mit
seinem Buch „Was bedeutet das alles“ hat er eine viel beachtete Einf€hrung in die Philosophie
geschrieben. Der folgende Textauszug ist dem Kapitel „Recht und Unrecht“ entnommen.
[...] es gibt ein allgemeines Argument dagegen,
anderen Schaden zuzuf€gen, das jedem zug•nglich
ist, der Deutsch (oder eine andere Sprache) ver-
steht, und das zu zeigen scheint, dass er auch dann
einen Grund hat, auf andere R€cksicht zu nehmen, wenn seine egoistischen Motive so stark
9
sind, dass er auch weiterhin mit anderen schlecht
umgehen wird. Sie haben es sicherlich schon einmal geh‚rt. Es lautet ungef•hr folgendermaˆen:
„W€rde es Dir gefallen, wenn ein anderer Dir das
antun w€rde?“
Es ist nicht leicht zu erkl•ren, wie dieses Argument funktionieren soll. Angenommen, Sie sind
dabei, jemandes Regenschirm mitzunehmen, w•hrend Sie bei einem Gewitter ein Restaurant verlassen, und ein Augenzeuge sagt: „W€rde es Ihnen
Spaˆ machen, wenn Ihnen jemand das antun
w€rde?“. Warum sollten Sie aufgrund dieser †uˆerung z‚gern oder sich schuldig f€hlen?
Die direkt Antwort auf diese Frage sollte nat€rlich
lauten: „Es w€rde mir €berhaupt nicht gefallen!“.
Doch wie geht es weiter? Angenommen Sie
sagten: „Es w€rde mir nicht gefallen, wenn mir
jemand das antun w€rde. Doch gl€cklicherweise
tut es mir niemand an. Ich tue es jemand anderem
an, und das st‚rt mich nicht im geringsten!“
Diese Antwort geht am Ziel der Frage vorbei.
Wenn man Sie fragt, wie es Ihnen gefallen w€rde,
wenn ein anderer Ihnen das ant•te, so will man,
dass Sie €ber die Gef€hle nachdenken, die Sie
h•tten, wenn jemand Ihren Schirm stehlen w€rde.
Diese Gef€hle beinhalten mehr als ein bloˆes
‘nicht gern haben’ – wie Sie es etwa ‘nicht gern’
h•tten, sich an der Zehe zu stoˆen. W€rde jemand
Ihren Schirm stehlen, so w€rden Sie etwas gegen
diese Tat haben. Und zwar w€rden Sie etwas
gegen den Dieb haben, nicht bloˆ gegen den Verlust des Schirms.
[...] wenn Sie zugeben, dass Sie etwas dagegen
h†tten, wenn ein anderer Ihnen das ant•te, was
Sie ihm gerade antun, so geben Sie zu, dass er
einen Grund h•tte, es Ihnen nicht anzutun. Und
wenn Sie dies zugeben, so m€ssen Sie sich die
Frage vorlegen, worin dieser Grund besteht. Er
kann nicht einfach darin bestehen, dass
ausgerechnet Sie es sind, der gesch•digt wird. Der
andere hat keinen speziellen Grund, ausgerechnet
Ihren Schirm nicht zu stehlen, im Unterschied zu
den Regenschirmen der anderen Leute. An Ihnen
ist nichts besonderes dran. Wie auch immer der
Grund lauten mag, es muss ein Grund sein, der
auch dagegen spricht, jedem anderen auf diese
Weise Schaden zuzuf€gen. Und es muss ein
Grund sein, den auch jeder andere in dieser Situation dagegen haben w€rde, Ihnen oder einem anderen auf diese Weise Schaden zuzuf€gen.
Wenn es sich jedoch um einen Grund gegen eine
solche Tat handelt, den jeder haben w€rde, dann
handelt es sich auch um einen Grund, den Sie
dagegen haben, einen anderen auf diese Weise zu
sch•digen. Also ist es ein Grund, auch jetzt nicht
den Regenschirm des anderen zu stehlen.6
Aufgaben
1. Fassen Sie die Gr€nde, die Sokrates gegen eine Flucht vorbringt, thesenartig zusammen.
2. Vergleichen Sie die Argumentation des Sokrates mit Thomas Nagels Begr€ndungsversuch in „Was
bedeutet das alles? Eine ganz kurze Einf€hrung in die Philosophie“(M8).
Arbeiten Sie die wesentlichen Unterschiede zu Sokrates’ Vorgehensweise heraus.
3. Schreiben Sie den Dialog M7 weiter, indem Sie ein Gedankenexperiment durchf€hren: Versetzen
Sie sich in die Lage der Stadt/der Gesetze. Welche Antwort w€rden Sie Sokrates geben?
Hinweis: Die Argumentation der Stadt k…nnen Sie in Platon: Apologie des Sokrates – Kriton,
Stuttgart (Reclam) 1987, S. 49ff., nachlesen.
10
IV. Zur Kritik des sokratischen Ansatzes
M9
Viele sehen in Sokrates den Begr€nder der abendl•ndischen Ethik. Seine Art der rationalen Pr€fung
ethischer ‰berzeugungen ist nach wie vor ein Modell ethischen Argumentierens. Die von Sokrates
formulierten Anforderungen an den ethischen Dialog sind jedoch nicht Selbstzweck. Sie m€ssen im
Kontext der Frage nach dem „guten Leben“ gesehen werden, die die antike Ethik – und inzwischen
wieder weite Teile der modernen Ethik – bestimmt. Eine kritische Auseinandersetzung mit Sokrates
k‚nnte deshalb pr€fen, inwieweit sich die sokratischen Vorstellungen mit den Wechself•llen und
Konflikten des Lebens vereinbaren lassen, die ja nicht nur f€r eine eudaimonistische Ethik eine
Herausforderung darstellen.
1. Sokrates und das Problem der Kontingenz
“Doch auch ihr dürft, ihr Richter [...] diese eine Tatsache für wahr halten, dass einem guten
Menschen kein Übel widerfahren kann.“ [Sokrates in PLATONS „Apologie“]
Mit diesem Satz begr€ndet Sokrates eine
ganze Denktradition, die sich durch eine
bestimmte heroische Einstellung den
Dingen gegen€ber, €ber die man nicht
verf€gen kann, auszeichnet. Eine
pl‚tzlich auftretende Krankheit, der
Verlust eines geliebten Menschen,
politische Verfolgung usw. machen dem
Menschen klar, dass nicht alles in seiner
Hand liegt – die Philosophen sprechen in
diesem Zusammenhang von der
Erfahrung der Kontingenz des Lebens.
Sokrates zufolge ist es ein Fehler, diesen
Dingen einen allzu hohen Stellenwert einzur•umen. Das einzig wirkliche ‰bel ist f€r ihn das unrechte
Handeln. Da jeder f€r sein Handeln allein verantwortlich ist, liegt es allein an jedem einzelnen, ob sein
Leben ein „gutes“ oder gegl€cktes Leben ist. Jeder, der dieses sokratische Ideal vom „guten“ Leben
verteidigt, sieht sich mit den folgenden beiden Einw•nden konfrontiert:
Zum einen l•sst sich das sokratische Ideal – dass die wesentlichen Dinge des Lebens der eigenen
Kontrolle unterliegen – nur schwer mit den Tatsachen des Lebens in Einklang bringen: Ob ein Leben ein
„gegl€cktes“ Leben ist, h•ngt eben nicht nur von der F•higkeit ab, die moralisch richtige Entscheidung
zu f•llen. Bestimmte •uˆere Umst•nde (Armut, Krankheit, Krieg etc.) k‚nnen sich der Verwirklichung
der Lebensziele in den Weg stellen. Wie soll jemand ein „gutes“ Leben f€hren, wenn es ihm an den
einfachsten Dingen fehlt? Gemeint sind hier weniger vor€bergehende Einschr•nkungen, die sich im
Wissen dar€ber, dass die Dinge wieder besser werden, €berwinden lassen, sondern andauernde und
ernsthafte Beeintr•chtigungen.
Der zweite Punkt h•ngt eng mit dem ersten zusammen. Wenn man das sokratische Ideal wirklich ernst
nimmt, sind Reaktionen wie Mitleid und Bedauern unangemessene Formen der Anteilnahme. Nicht
zuf•llig haben die Stoiker, f€r die Sokrates ein Vorbild war, sich gegen solche „Affekte“ gewandt.
Wirkliche ‰bel sind f€r die Stoiker nicht Armut, Tod oder Krankheit, sondern unrechte Handlungen.
Eine „Mitleidsethik“, wie sie sich bei Arthur Schopenhauer oder in Ans•tzen auch im Buddhismus
findet, scheint f€r diese Tradition (zu der auch Friedrich Nietzsche und Immanuel Kant z•hlen)
undenkbar. Wer einen anderen bedauert oder gar mit ihm leidet, zeigt, dass er bestimmten Dingen einen
Stellenwert einr•umt, der ihnen in moralischer Hinsicht nicht zukommt. Kant spricht in diesem
Zusammenhang sogar von „Weichherzigkeit“. Die moderne Mitleidsethik, die sich nicht zuletzt auch auf
Schopenhauer beruft, unterzieht diese Ansicht einer heftigen Kritik. Man betrachte das Gem•lde
Davids: Sokrates bleibt vom „Mit-Leiden“ seiner Sch€ler merkw€rdig unber€hrt.
2. Sokrates und das Problem des moralischen Konflikts
“Denn nicht nur jetzt, sondern schon immer bin ich so beschaffen, dass ich keiner anderen Regung
11
folge als der Überzeugung, die sich mir beim Überlegen als die beste herausstellt.“ [Sokrates in
PLATONS „Kriton“]
Moralische Probleme entstehen vor allem dann, wenn bestimmte moralische Prinzipien im Widerstreit
miteinander liegen. Aktuelle Beispiele daf€r liefern die Diskussionen im Bereich der Medizin- und
Bioethik. Auch wenn es darum geht, verschiedene, sich widersprechende Lebenskonzeption oder
Vorstellungen vom „Guten“ innerhalb einer Gesellschaft miteinander in Einklang zu bringen, wird nicht
selten €ber grundlegende moralische Prinzipien gestritten. Nun stellen moralische Dilemmata bzw.
Konfliktsituationen f€r jeden ethischen Ansatz eine Herausforderung dar. M€sste aber nicht gerade eine
rationale Ethik, wie sie Sokrates vertritt, einen Weg zur L‚sung solcher Probleme weisen? Sokrates
wurde selbst mit einen solchen „Widerstreit der Pflichten“ konfrontiert:
“Tats•chlich entstehen die meisten moralischen Probleme in Situationen, in denen ein „Widerstreit der
Pflichten“ vorliegt, d.h. wo ein moralisches Prinzip in die eine Richtung weist und ein anderes in eine
andere Richtung. In seiner „Apologie“ l•sst Platon Sokrates sagen, dass er nicht gehorchen werde, wenn
der Staat sein Leben unter der Bedingung schont, dass er seine bisherige Weise zu lehren aufgibt, denn
(1) die Pflicht zu lehren sei ihm vom Gott Apollon auferlegt worden, und (2) sein Lehren sei zum
wahren Wohl des Staates notwendig. Damit w•re er in einen Pflichtenkonflikt verwickelt. Denn
einerseits hat er die Pflicht, dem Staat zu gehorchen, andererseits aber die beiden Pflichten (1) und (2),
und diese haben nach seinem Urteil den Vorrang vor seiner Pflicht, den Geboten des Staates zu
gehorchen. Hier l‚st er also das Problem nicht einfach durch Berufung auf Regeln, denn das gen€gt
nicht, sondern durch die Entscheidung, welche Regeln den Vorrang haben. Dies ist ein weiteres Muster
ethischer Argumentation.“7
Sokrates l‚st also den Konflikt, indem er eine Entscheidung f•llt, die sich nicht weiter im R€ckgriff auf
andere, €bergeordnete Prinzipien begr€nden l•sst. Selbst f€r Sokrates lassen sich also nicht alle
moralischen Urteile aus allgemeinen Prinzipien herleiten. Mitunter kann das starre Festhalten an einem
moralischen Prinzip auch ein Fehler sein. Trifft dies nicht zum Beispiel auf Sokrates’ Weigerung zu
fliehen zu? Man k‚nnte sich durchaus auf die Seite seiner Freunde schlagen und der Meinung sein, dass
in diesem Fall der Wert der Freundschaft h‚her anzusetzen sei als Prinzipientreue. Die Tatsachen des
Lebens lassen sich eben nicht immer mit den Prinzipien der Moral vereinbaren. Wer stur an Prinzipien
festh•lt, muss sich mitunter den Vorwurf gefallen lassen, dass er es sich allzu einfach macht. Ist
Sokrates also der typische Philosoph, „der die Schwierigkeiten des Lebens flieht, um sich auf sein gutes
Gewissen zur€ckzuziehen?“ (Pierre Hadot) Bezeichnenderweise nennt der Kom‚diendichter
Aristophanes, ein Zeitgenosse des Sokrates, seine bissige Satire €ber Sokrates „Die Wolken“. Auch
wenn Aristophanes in seiner Kritik €ber das Ziel hinausschieˆt, so steckt, wie in jeder ‰bertreibung,
auch in dieser ein K‚rnchen Wahrheit. Der Maler Asmus Jakob Carstens bringt es in einer Illustration
zu diesem St€ck auf den Punkt: Der Philosoph schwebt in einer an der Zimmerdecke befestigten
H•ngematte €ber den Dingen des Alltags.
3. Sokrates’ Intellektualismus
„Wer sich einmal anschaulich macht, wie nach Sokrates, dem Mystagogen der Wissenschaft, eine
Philosophenschule nach der anderen, wie Welle auf Welle, sich ablöst, [...] wer dies Alles samt der
erstaunlich hohen Wissenspyramide der Gegenwart, sich vergegenwärtigt, der kann sich nicht
entbrechen, in Sokrates den Wendepunkt und Wirbel der sogenannten Weltgeschichte zu sehen.“
[Aus „Die Geburt der Trag‚die“ (1872) von FRIEDRICH NIETZSCHE.]
Mystagoge = in die Mysterien Eingeweihter
F€r Nietzsche ist Sokrates der Prototyp eines Philosophen, f€r den die Welt rational durchschaubar und
erkl•rbar ist. Die Welt erscheint ihm vern€nftig geordnet und deshalb auch der Vernunft zug•nglich.
Der Mensch ist das „animal rationale“, das vernunftbegabte Tier, das sich sein Handeln nicht von
irrationale Strebungen diktieren lassen muss. Wer in moralischer Hinsicht scheitert, so Sokrates,
scheitert aus einem Mangel an Einsicht oder Wissen. Wer das Richtige nicht tut, irrt sich, und w€rde
man ihn €ber seinen Irrtum aufkl•ren, w•re dies ein ausreichendes Motiv f€r ihn, von seinem Tun
12
abzulassen. Kurz: Tugend ist Wissen, und dieses Wissen f€hrt zur Gl€ckseligkeit (eudaimonia).
Sokrates glaubte, dass es in Fragen der Moral durchaus m‚glich ist zu richtigen Entscheidungen zu
kommen, die jedem vern€nftigen Menschen einleuchten m€ssen. Wer weiˆ, wovon er redet, also im
sokratischen Sinne seine Begriffe definieren kann, wird Sokrates zufolge die moralisch richtige
Entscheidung treffen k‚nnen. Wie ein Architekt, der hinsichtlich des Hausbaus Bescheid weiˆ, nach
g€nstigen L‚sungen f€r ein bautechnisches Problem suchen und sie als Experte auch finden wird, findet
der Weise oder Experte in Sachen Moral die richtigen Entscheidungen hinsichtlich des individuellen
guten Lebens. Allerdings ist nicht von vornherein klar, worin nun genau das gute Leben besteht – und
hier endet die Parallele zur Fertigkeit des Architekten oder des Handwerkers, die ja in der Regel eine
sehr genaue Vorstellung davon haben, was sie herstellen wollen.
Reicht aber Wissen allein aus, uns zum Handeln zu bewegen? Viele halten den Versuch, die Ethik in
diesem Sinne zu „intellektualisieren“, f€r wenig Erfolg versprechend. Entsteht nicht jedes Handeln erst
aus einer Kombination von Wissen und Wollen? Auch in dieser Hinsicht geht Arthur Schopenhauer
einen anderen Weg, wenn er die aus seiner Sicht einseitige Orientierung an der Vernunft, am „Logos“,
kritisiert und den irrationalen Kr•ften wieder einen Platz in seinem Denken einr•umt. Wenn die Einsicht
in das Gute wirklich die motivierende Kraft hat, von der Sokrates so €berzeugt ist, warum gibt es dann
soviel Grausamkeit und Bosheit auf der Welt? Sokrates’ Antwort ist bekanntlich, dass niemand
absichtlich Schlechtes tut. Thomas Hobbes und Schopenhauer erheben gegen diese Interpretation des
‰belwollens ihre Einw•nde und nehmen ein ihrer Meinung nach realistischeres Menschenbild zum
Ausgangspunkt ihrer ‰berlegungen zur Moral.
Kommentare zu den Arbeitsmaterialien
M1 – M2: Die Materialien regen zu einer ersten Auseinandersetzung mit dem „fremdartigen, nicht
klassifizierbaren“ (Hadot) Sokrates an. In dieser Phase ist die Initiative der Sch€ler besonders gefragt.
Wie aus den Aufgaben unschwer zu erkennen ist, k‚nnen sie sich in der Kunst des Recherchierens und
Pr•sentierens €ben. Nicht verzichten sollte man auf Werner Krauss’ Interpretation der „Apologie“ (s. 3.
Aufgabe „H‚rbeispiel“).
M3 – M4: Die Anmerkungen in der Randspalte k‚nnen nat€rlich entfallen. Der einleitende Text m€sste
dann entsprechend abge•ndert werden. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass die vorgeschlagenen
Strukturierungshilfen eine selbst•ndige Auseinandersetzung mit dem Text erm‚glichen und zudem zu
eigenen Kommentierungen anregen. Das anschlieˆende Unterrichtsgespr•ch k‚nnte mit einer ersten
Bestimmung der sokratischen Widerlegungskunst abschlieˆen: Sokrates’ Widerlegungskunst (Elenktik)
richtet sich auf die Konsistenz (Widerspruchsfreiheit) moralischer ‰berzeugungen. Indem er anhand von
Gegenbeispielen die im Kontext solcher ‰berzeugungen verwendeten Definitionen moralischer
Ausdr€cke pr€ft und die mitunter versteckten logischen Konsequenzen solcher ‰berzeugungen
herausarbeitet, zwingt Sokrates seine Gespr•chspartner, ihre Unwissenheit bez€glich ihres
(moralischen) ‰berzeugungssystems zu erkennen: ihre Definitionen sind zu weit oder zu eng gefasst,
und sie sind sich unklar dar€ber, welche logischen Konsequenzen ihre Behauptungen nach sich ziehen.
Die Pointe des sokratischen Verfahrens besteht also darin, den Gespr•chspartner zur sokratischen Form
des Nichtwissens zu f€hren – schlieˆlich weiˆ auch er jetzt, dass er kein Wissen in moralischen Fragen
beanspruchen kann: er weiˆ, dass er nichts weiˆ.
Taylors Einwand (M4) leuchtet zun•chst ein, sollte aber kritisch hinterfragt werden: nat€rlich kommt es
auf den Kontext an. Ein Student der Wirtschaftswissenschaften wird im Examen mit bloˆen
Standardbeispielen der Verwendung des Begriffs Geld nicht weit kommen. Er weiˆ erst dann, wovon er
redet, wenn er Geld im Zusammenhang mit einer Theorie des Geldes verwenden kann. In der
Diskussion €ber die Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen reicht es sicher nicht aus,
auf den allgemeinen Gebrauch des W€rdebegriffs zur€ckzugreifen. Im Gegenteil: man muss sehr genau
darlegen, was mit diesem Begriff gemeint sein k‚nnte und welche moralisch-rechtlichen Implikationen
sich daraus ergeben – man denke etwa an die Unterscheidung zwischen der individuellen Würde einer
Person und der W€rde des Menschen als Gattungswesen. Eine sokratische Pr€fung der verwendeten
Begriffe oder „Konzepte“ kann hier sicher zur Kl•rung beitragen.
13
M5 – M7: Wie man sieht, stellt Sokrates bestimmte formale Mindestanforderungen an eine ethische
Auseinandersetzung. Man w€rde allerdings das Anliegen des Sokrates missverstehen, wenn man meinte,
f€r ihn bestehe die Diskussion ethischer Sachverhalte im Prinzip darin, Ungereimtheiten zwischen einer
allgemeinen Regel und ihrer konkreten Anwendung aufzudecken und begriffliche Kl•rungen
herbeizuf€hren. Diese T•tigkeit ist f€r ihn nicht Selbstzweck, sondern muss vor dem Hintergrund seiner
Ausgangsfrage nach dem „richtigen“ oder „guten“ Leben gesehen werden. Die existentielle Relevanz
und Dramatik dieser Frage ist Thema des „Kriton“. Die ausgew•hlten Texte (M5 – M7) stellen die
Pr€fung moralischer Prinzipien ins Zentrum. Die Diskussion im Unterricht wird sich dabei auf die
Beantwortung zweier Kernfragen konzentrieren, die zwei wesentliche Aspekte des moralischen
Argumentierens betreffen: die Explikation und die Anwendung moralischer Prinzipien. Die sokratische
Vorgehensweise ist hier nach wie vor zwingend. Zun•chst wird gekl•rt, welche moralischen Grunds•tze
bei der Untersuchung als g€ltig vorausgesetzt werden – die sokratische Pr€fung ist also nicht
voraussetzungslos. Dann wird gepr€ft, inwieweit die konkrete Situation bzw. die in Frage stehende
Handlung so gesehen werden kann, dass das moralische Prinzip Anwendung findet. „Diebstahl ist
verwerflich“ – richtig. Aber habe ich gestohlen, wenn ich mir aus Nachbars Garten eine Handvoll
Kirschen hole? Wenn mich mein Nachbar zur Rede stellt, werde ich ihm vermutlich klar machen, dass
ich die Sache nicht so sehe. Zwar bin ich mit ihm einer Meinung, was die moralische Verwerflichkeit
des Diebstahls angeht; aber als Diebstahl w€rde ich meine Handlung nicht bezeichnen. Das Problem,
das Sokrates mit Kriton er‚rtert, hat – wenn auch ungleich komplexer – genau diese Struktur. Es wird
die Frage gestellt, ob ein moralisches Prinzip in einem konkreten Fall Anwendung findet.
Kriton (M5) wagt einen ersten Vorstoˆ. Mit seiner Weigerung zu fliehen verstoˆe Sokrates gegen das
moralisches Prinzip, „das (zu) w†hlen, was ein anst†ndiger und mutiger Mann w†hlen w€rde, zumal
wenn er behauptet, dass er sich in seinem ganzen Leben um feste Grunds†tze bem€ht.“ Unter diesem
Aspekt w•re seine Flucht ein Ausdruck von Feigheit.
Wie €berzeugt nun Sokrates Kriton davon, dass er die Dinge falsch sieht und seine (Sokrates’) Sicht die
richtige ist? Zun•chst stellt er eine „Metaregel“ f€r die sich anschlieˆende Pr€fung der Argumente auf,
der auch Kriton ohne Bedenken zustimmen kann (M6):
LOGOS-REGEL
Ich halte es ja nicht erst jetzt, sondern schon immer so, dass ich nichts anderem in mir folge
als dem Gedanken, der sich mir beim Nachdenken als der beste erweist.
Die eigentliche Untersuchung konzentriert sich auf die beiden folgenden Prinzipien (M7):
P1: Man darf unter keinen Umst†nden Unrecht tun
P2: Vereinbarungen – sofern sie gerecht sind – sind einzuhalten
Bekanntlich kommt Sokrates zu dem Schluss, dass seine Flucht der Stadt schade (vgl. P1) und ein
Bruch mit den Vereinbarungen der Stadt bedeute (vgl. P2); er verstoˆe damit gegen zwei grundlegende
Prinzipien, die sich unter Anwendung der „Logos-Regel“ als richtig erwiesen haben.
Nat€rlich w•re es reizvoll, den sokratischen Gedankengang anhand der sich an M7 anschlieˆenden
ber€hmten „Ansprache der Gesetze“ im einzelnen herauszuarbeiten bzw. von den Sch€lern die AntwortRede selbst formulieren zu lassen (vgl. 3.Aufgabe). Die von Sokrates vorgeschlagenen und akzeptierten
Regeln bergen jedoch einigen Z€ndstoff, den man f€r die Diskussion im Unterricht nutzen sollte. Hier
nur einige Anregungen: Muss sich diesem Argument auch der Insasse eines Konzentrationslagers
beugen, der eine Flucht plant? Wie praktikabel ist eigentlich eine Norm, die keine Ausnahme zul•sst?
W•re es nicht eher irrational – und damit gegen die Logos-Regel gerichtet – anzunehmen, es gebe keine
Situation, in der man nicht eine Ausnahme von der Regel machen m€sste? Muss man nicht manchmal
Unrecht tun, um ein moralisches Gut zu verwirklichen? Man denke an die Diskussion um die
sogenannten „Kollateralsch•den“ bei einer milit•rischen Intervention, die sich anl•sslich des Irak-Kriegs
entz€ndete. Absichtlich hat man die Zivilisten sicher nicht get‚tet bzw. verletzt, man hat es „in Kauf
14
genommen“. Lassen sich Bedingungen formulieren unter denen eine Handlung erlaubt ist, die auch
verwerfliche Konsequenzen hat?
M8: Wenn die Griechen €ber ethische Fragen diskutierten, ging es vor allem um Fragen der Tugend
(Tapferkeit, Besonnenheit, Klugheit, Gerechtigkeit etc.), also um die Lebenshaltungen, die ihrer Ansicht
nach f€r ein gl€ckliches Leben notwendig sind. Eine Handlung ist dann gut, wenn der Handelnde damit
zum Gelingen seines Lebens, der eigenen eudaimonia beitr•gt. Sokrates teilt damit eine Grundannahme
der gesamten antiken Ethik. Wenn aber letzten Endes das Selbstinteresse das (letzte) Handlungsmotiv
darstellt, wie l•sst sich dann eine Moral begr€nden, die die Rechte und Interessen des anderen
ber€cksichtigt? Sokrates versucht im Kriton zu zeigen, dass derjenige, der anderen schadet, auch und
vor allem sich selbst schadet. Wer glaubt, sich durch Betrug o.•. einen Vorteil zu verschaffen, t•uscht
sich und handelt im Grunde gegen sein eigenes Interesse. Unmoralisches Handeln ist f€r ihn immer ein
Zeichen von Unwissenheit hinsichtlich dessen, was f€r einen selbst das Beste w•re. Eine sokratische
Pr€fung w€rde zeigen, dass ein solches Tun sich gegen das eigene Selbstinteresse richtet.
Thomas Nagel m‚chte dagegen mit seiner nicht zuf•llig an Kant erinnernden ‰berlegung zeigen, dass in
die Struktur praktischer ‰berlegungen gewissermaˆen schon die Ber€cksichtigung anderer mit
eingebaut ist. Entscheidend an seiner Argumentation ist die Behauptung, dass ich mich mit der
†uˆerung „Es w€rde mir nicht gefallen, wenn mir jemand das antun w€rde“ darauf festlege, Gründe
gegen diese Tat zu haben. Diese Gr€nde haben nichts mit meiner Person zu tun: etwas Nachdenken
zeigt, dass jeder diese Gr€nde haben wird. Mit dem Diebstahl des Regenschirms w€rde ich also eine
Handlung vollziehen, gegen deren Ausf€hrung ich (jeder!) gute Gr€nde habe (hat). Ich w€rde mir in
gewisser Weise selbst widersprechen und w•re damit in meinem Handeln nicht konsistent.
M9: Der Text wurde als Lehr- bzw. Informationstext f€r die Sch€ler geschrieben. Er diente zum einen
als Ergebnissicherung bzw. Vertiefung, zum anderen sollte der sokratische Ansatz im Kontext der noch
zu behandelnden bzw. schon behandelten Autoren (Hume und Hobbes) gesehen werden. Wenn mehr
Zeit zur Verf€gung steht, kann die Kritik des sokratischen Ansatzes auch mit Hilfe entsprechender
Texte entwickelt werden. Pierre Hadot8 geht in seinem Buch Wege zur Weisheit u.a. der Frage nach,
ob die antike Auffassung von Philosophie auch heute noch lebensf•hig ist. Auch das sokratische Modell
steht dabei auf dem Pr€fstand. F€r Hadot trifft auf Sokrates das zu, was Merleau-Ponty einmal von der
Philosophie insgesamt behauptet hat: sie befinde sich „weder ganz innerhalb noch ganz auˆerhalb der
Welt“. – Die Philosophin Annemarie Pieper9 pr€ft in ihrem Buch Gibt es eine feministische Ethik?,
inwieweit moralischen Theorien eine geschlechtsspezifische Konzeption zugrunde liegt. Sokrates (Sohn
einer Hebamme) sieht sich selbst als „Geburtshelfer“ – f€r sie ein typisches Beispiel daf€r, wie
„m•nnliche“ Erkenntnisinteressen die ethische Reflexion bestimmt haben und noch bestimmen.
„Ironisch k‚nnte man vermerken, dass es eine Art Geburtsneid ist, die den Philosophen zur Erfindung
von geistigen Ausgeburten veranlasst, um seine Unf•higkeit, leibliche Kinder auszutragen, zu
kompensieren.“ [Pieper 1998, S.55ff.]
1
Kerr, Philip: Der Plan.- Reinbek b. Hamburg [:Rowohlt] 1998, S. 49f.
Platon: Menon. In: Platon: S•mtliche Werke. 5.A. Bd. 1.- K‚ln u. Olten [Hegner] 1967, S. 411-457.
3
Platon: Laches. In: Platon: S•mtliche Werke. 5.A. Bd. 1.- K‚ln u. Olten [Hegner] 1967, S. 171-204.
4
Taylor, Christopher C. W.: Sokrates.- Freiburg i.Br. [Herder] 1999, S. 70.
5
Platon: Kriton. In: Apologie des Sokrates. Kriton. Hg. v. M. Fuhrmann.- Stuttgart [Reclam] 1987, S. 39-57.
6
Nagel, Thomas: Was bedeutet das alles? Eine ganz kurze Einf€hrung in die Philosophie.- Stuttgart [Reclam]
1990, S.55-57.
7
Frankena, William K.: Analytische Ethik. Eine Einf€hrung. Hg. v. N. Hoerster.- M€nchen [dtv] 1972, S.18f.
8
Hadot, Pierre: Wege zur Weisheit oder Was lehrt uns die antike Philosophie?- Frankfurt a.M. [Eichborn]
1999.
9
Pieper, Annemarie: Gibt es eine feministische Ethik?- M€nchen [Fink] 1998.
2
15
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