Klaus Peter Rippe Die Verführung der Jugend durch

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Klaus Peter Rippe
Die Verführung der Jugend durch Philosophie
Antrittsvorlesung an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe
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Sokrates wurde wegen zweier Delikte angeklagt: der Gottlosigkeit und der Verführung der
Jugend. So jedenfalls der Wortlaut der üblichen deutschen Übersetzungen. Wenn von
Verführung der Jugend die Rede ist, geht es um den Vorwurf, die hergebrachten Werte der
Gemeinschaft in Frage zu stellen und dadurch die Jugend zu verderben. Sokrates war nicht
der erste Philosoph, der sich diesen Vorwürfen ausgesetzt sah - und beileibe nicht der letzte.
Auch in Neuzeit und Moderne, ja bis in die Gegenwart hinein, wurden Philosophen der
Gottlosigkeit und Verführung der Jugend angeklagt. Ich beginne bei einigen Beispielen aus
dem 20. Jahrhundert und werde erst später auf den Prozess gegen Sokrates eingehen.
Der damals 68jährige Bertrand Russell wurde im Jahre 1940 am City College of New York
zum Professur für Logik und Mathematik ernannt. Der konservative evangelische Bischof
Manning veröffentlichte daraufhin einen scharfen öffentlichen Brief in der New York Times.
In seinen Schriften hätte sich Russell gegen die Religion und für die Unmoral ausgesprochen.
Hauptsächlich bezog sich die Kritik auf das Buch „Marriage and Morals“. In diesem weit
verbreiteten Buch hatte Russell vorehelichen Geschlechtsverkehr, Ehen auf Probe und die
Möglichkeit der Scheidung gutgeheißen, für Verhütungsmittel und Sexualerziehung plädiert.
In einer anderen Schrift wäre Russell, so Manning, sogar noch unmoralischer gewesen. Dort
hatte er sich für die Legalisierung homosexueller Beziehungen ausgesprochen. Nach
Erscheinen des Briefes entflammten heftige Proteste gegen Russell. Eine Vielzahl von
Kollegen, Studierenden, liberalen Christen und Bürgerrechtlern verteidigten die Berufung.
Egal, was Russell auch zur Ehe, Scheidung oder Empfängnisverhütung gesagt haben möge,
habe er ein Recht auf Meinungsfreiheit. Nichts spreche gegen die Berufung, ja, Russels
Wirken wäre ein großer Gewinn für das City College. Die Auseinandersetzungen mündeten
letztlich in einem Gerichtsverfahren. Eine Mutter hatte geklagt, die Berufung Russells schade
ihrer Tochter und gefährde ihre Tugend; sprich, verderbe sie moralisch.
Der Richter entsprach der Klage. Russell sei moralisch ungeeignet, Philosophie zu lehren.
Russells Vertrag wurde mit der Begründung aufgehoben, seine Lehre gefährde die öffentliche
Gesundheit, Sicherheit und Moral der Gemeinschaft. Der Richter ging sogar noch weiter:
Seine Berufung habe einen „Lehrstuhl für Unanständigkeit“ (chair of indencency) geschaffen
und sei eine Beleidigung für das Volk von New York.
Eine Rekursmöglichkeit wurde von mehreren Gerichten verneint, bald darauf wurde sie auch
überflüssig. Der New Yorker Bürgermeister strich kurzerhand den Etatposten für den
Lehrstuhl. Russell hebt später hervor, gegen ihn seien dieselben Anklagen wie gegen Sokrates
erhoben worden, jene der Gottlosigkeit und der Verführung der Jugend. Der Unterschied war
jedoch: Es konnte keine Verteidigungsrede halten. Da sich die Klage gegen die Stadt New
York richtete, wurde ihm beschieden, er sei nicht durch den Prozess betroffen und dürfe daher
nicht gehört werden. Nach dem Prozess wurde Russell in Amerika zur Unperson. Eine
Vortragsreise wurde annulliert, weil die Veranstalter Proteste befürchteten; keine Zeitung
veröffentlichte seine Artikel, keine Universität verpflichtete ihn. Da es 1940 rechtlich nicht
möglich war, Gelder aus England in die Staaten zu transferieren, befand sich Russells Familie
plötzlich in empfindlichen finanziellen Schwierigkeiten – ein Umstand, der selbst seinen
Befürwortern entging. Immerhin war er doch ein englischer Earl.1
Der Vorwurf der Jugendverführung spielt noch in einem anderen Prozess dieser Zeit hinein.
Allerdings wurde hier nicht der Philosoph angeklagt, sondern vielmehr geprüft, ob dessen die
Jugend verführendes und verderbendes Wirken Motiv seiner Ermordung war. Der
Hintergrund: Der Wiener Philosoph Moritz Schlick wurde 1937 von seinem ehemaligen
Schüler Johann Nelböck auf den Treppen vor der Universität erschossen. Bei der Frage, ob
weltanschauliche Gründe bei der Ermordung eine Rolle spielten, nahm die Anklage eine
Position auf, die schon zuvor in der Wiener Öffentlichkeit diskutiert wurde. Drei Wochen
nach der Tat war in der Zeitschrift „Schönere Zukunft“ ein Aufsatz eines „Prof. Dr.
Austriacus“ erschienen. Unter diesem Pseudonym schrieb der Philosoph Johann Sauter zum
Thema „Der Fall des Wiener Professors Moritz Schlick – Eine Mahnung zur
Gewissensforschung.“ Er ging dabei auf die von der Wiener Presse berichtete Tatsache ein,
dass Nelböck bereits dreimal in die Psychiatrie eingewiesen worden sei – stets auf
Veranlassung Moritz Schlicks, der Morddrohungen erhalten hatte. Prof. Dr. Österreicher gab
der psychiatrischen Vorgeschichte eine andere Deutung. Es lohnt sich, sie ausführlicher zu
zitieren:
„Und was diesem Schuss auf der Feststiege der Wiener Universität einen wahrhaft
unheimlichen Charakter verleiht, ist der Umstand, dass der 33jährige Dr. Nelböck
nicht etwa ein geborener Psychopath war, sondern dass er es manchen Anzeichen nach
erst unter dem Einfluss der radikal niederreißenden Philosophie, wie sie Dr. Schlick
seit 1922 an der Wiener Universität vortrug, geworden ist; dass also diese Kugel nicht
mit der Logik eines Irrsinnigen nach einem Opfer gesucht hat, sondern vermutlich mit
der Logik einer um den Sinn des Lebens betrogenen Seele, und dass schließlich dieser
Fall nicht vereinzelt, eben als "psychopathischer" dasteht, sondern "nur" als ein
Symptom, als "ein" katastrophenartiger Ausdruck von jener weltanschaulichen Not
und Verzweiflung, in welche eine gewisse Universitätsphilosophie die akademische
Jugend stürzt. Ich selbst weiß mehrere Fälle, wo junge Studenten unter dem Einfluss
der Schlickschen Philosophie an Gott, der Welt und der Menschheit verzweifelt sind.
(...) Wie viele Studenten sind durch Schlick in große Seelennot gekommen!
Offenkundig wurde auch Dr. Nelböck immer aufs höchste erregt und verwirrt, wenn
Schlick seine nihilistischen Lehren vortrug, freilich dann seine Getreuen immer
ermahnte: ‚Aber, seien Sie vorsichtig!’“2
Man könnte die Reihe der Philosophen, denen Gottlosigkeit und Verführung der Jugend
vorgeworfen wurde, noch fortsetzen. Natürlich wurde auch gegen Sartre der Vorwurf der
Jugendverführung erhoben. Konservative Kreise skandierten „Tötet Sartre“ und nur knapp
entkam Sartre zwei Bombenanschläge auf seine Pariser Wohnung. Deren Anlass: Seine
scharfe Kritik am französischen Algerien-Krieg. Und deren Ursache: die Ablehnung der
etablierten Moral und aller Anpassung. Zur selben Zeit – 1961 erschienen Artikel gegen den
Nestor der australischen Philosophen John Anderson. Auch hier ging es um den Vorwurf der
Jugendverführung. Wozu verführte er: Zur freie Liebe, zum Pazifismus und zur Trennung
von Kirche und Staat. Der Philosophiehistoriker John Franklin nennt seine Geschichte der
1
2
Vgl Russell, Autobiography, S. 460f.
Prof. Dr. Austracius, Der Fall des Wiener Professors Schlicks – eine Gewissensforschung
2
australischen Philosophie „Corrupting the Youth.“ Noch nicht enthalten ist in diesem Buch
Peter Singer. Die Berufung dieses australischen Philosophen an die Princeton University
ergab ein Echo, der die amerikanischen Zeitungen 1999 fast an die Zeiten von Russell
erinnerte. Demonstranten hatten sich an den Zaun des Rektorats gefesselt, um gegen die
Berufung zu protestieren. Grund: Singers Eintreten für Tierrechte und der Gedanke, es sei
humaner, schwerstbehinderte Neugeborene aktiv zu töten, denn sie sterben zu lassen. All dies
zerstöre die moralischen Grundsätze, zu denen sich die Princeton University bekannt habe:
nämlich die Anerkennung der Menschenwürde und des Verbot der Diskriminierung
Behinderter. Aber genug der Beispiele.
2
Das Muster sollte sich abgezeichnet haben.
Erstens: Wenn von einer Verführung der Jugend durch Philosophen gesprochen wird, geht es
um den Vorwurf, die Jugend auf den Weg der Unmoral zu führen. Bezüglich dieses ersten
Punktes kann Philosophie in einer Reihe mit anderen die Jugend vermeintlich verderbenden
Einflüssen genannt werden. Googelt man „Verführung der Jugend“, „Jugend verderben“,
„Corrupting the Youth“ oder verwandte Ausdrücke, findet sich schnell eine Liste der üblichen
Verdächtigen. In Reihenfolge der Hits sind dies die Rock Musik, Horrorfilme, Videospiele,
Fernsehen im Allgemeinen und Castingshows im Besonderen, Videoclips, Werbung,
Jugendzeitschriften wie die „Bravo“, Heidi Klum, Comics. Ungewöhnliches folgt eher am
Ende der Suchanzeigen. So werden auch Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen bezichtigt,
die Jugend zu verführen. Wen letzteres überrascht: Den Hörspielreihen wird vorgeworfen, die
„Entwicklung politisch mündiger Bürger und Bürgerinnen“ zu behindern. Im Fokus dabei:
das gezeichnete Bild von Politikern oder Wirtschaftsführern wie Herrn Schmeichler und
Ulrich Umsatz. Mit Abstand häufigster Hit der Google-Suche ist jedoch die Philosophie.
Zweitens: Philosophie hebt sich nicht nur in der Häufigkeit der Nennung als
Jugendverführung ab. Dadurch, dass hier vermeintliche Experten der Moral sprechen,
vermeintliche Erzieher der Jugend wirken, gewinnt der Vorwurf, die „öffentliche Gesundheit,
Sicherheit und Moral der Gemeinschaft“ zu bedrohen, eine besondere Qualität. Potenziert
wird dies dadurch. dass Philosophen eben nicht einfach sagen, was gut oder richtig sei. Die
genannten Philosophen hinterfragen die moralische Tradition kritisch, bestreiten ihre
Berechtigung, je nennen Gründe, warum sie keine Berechtigung hat. Bertrand Russell hält
viele traditionelle Positionen zur Sexualmoral schlicht für „rubbish“, für Blödsinn – und er
sagt, warum. Genauso stark ist die Kritik von Moritz Schlick. Für ihn war die Annahme,
gewisse Naturrechte gelten evidentermassen, wären jedem gewiss, einfach eine Behauptung.
Da die Aussage im Prinzip nicht bewiesen werden kann, nicht verifizierbar ist, ist es sogar
eine sinnlose Behauptung. Die besondere Qualität der philosophischen Jugendverführung
spiegelt sich auch in der Wortwahl des Prof. Dr. Austriacus. Er spricht von einer „radikal
niederreißenden Philosophie.“
Auch wenn bei einigen Prozessen von Gottlosigkeit die Rede ist, geht es bei den
Anklagen, die Jugend zu verführen, nicht um das Verhältnis von Religion und Philosophie,
Glaube und Vernunft, sondern um jenes zwischen moralischer Tradition und philosophischer
Ethik. Nur dort, wo traditionelle Moral und Religion als unauflösbar verflochten betrachtet
werden, kann überhaupt von Gottlosigkeit gesprochen werden. Aber religiöse Ethik ist nicht
notwendig konservativ. In den moralischen Debatten der Vergangenheit fanden sich
christlich, jüdisch oder islamisch Argumentierende stets auf beiden Seiten, für und wider die
Sklaverei, für und wider Eugenik, für und wider Bertrand Russells Berufung. Nicht nur die
Philosophie, auch die Theologie muss stets klären, warum man sich dieser oder jener Seite
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anschließen soll. Zudem gibt es stets auch Philosophen, die auf Seiten der Tradition stehen.
Wie etwa Johann Sauter. Geht es allein um moralische Tradition, dehnt sich der Vorwurf
gegen die Philosophie notwendig auf säkulare Gesellschaften aus und erhält zudem eine
aktuelle Brisanz. Denn in unserer Gesellschaft ginge es um die Treue zu den Grundsätzen
unserer Verfassung, um Verfassungspatriotismus.
Drittens geht es aber auch um das Verhältnis zwischen moralischer Tradition und ethischen
Theorien. Dies kann man an einem interessanten Widerspruch sehen, der sich im Aufsatz des
Dr. Austracius findet. Auf der einen Seite spricht er von Schlicks „nihilistischen Lehren“, an
anderer Stelle referiert er, dass Schlick eine epikuräische Philosophie vertrat. Er lehre seinen
Schülern, dass
„Zweck des Lebens nichts anderes sei, als zu genießen, sich zu freuen und möglichst
viel Lust einzuheimsen. Die sinnliche Lust im Sinne Epikurs, wie er immer
ausdrücklich hinzusetzte, war sein ethischer Zentralbegriff. Begriffe wie ‚Gebot’,
‚Pflicht’, angeborene Sittenerkenntnis waren ihm ein Greuel.“
Aber der Epikureer ist kein Nihilist. Lust ist ein Wert. Doch Sauter nimmt Schlick eben nicht
als Verteidiger einer konkurrierenden Position, sondern spricht ihm diesen Anspruch schlicht
ab. Dasselbe geschieht Russell in New York. Es wird nicht gesagt, dass seine Auffassung
falsch sei, Moral sei ein Mittel, das Wohlergehen des Menschen zu heben, nicht es zu
schmälern. Es wird nur gesagt, er lehrt die Unmoral. Auffallend ist dabei die
Selbstverständlichkeit des Urteils. Keiner der Ankläger zweifelt eine Sekunde, hält es für
notwendig, auf die Kritik einzugehen, sie beziehen einfach Stellung und weisen die
Abweichler schlicht zurecht. Die moralische Tradition braucht keine theoretische Stütze, sie
gilt unbefragt. Sie zu hinterfragen, gilt bereits als falsch, was auch heisst: Ethische Theorie
gilt als gefährlich.
Viertens wird betont, dass die Lehren nicht nur der Gemeinschaft, sondern auch den
Jugendlichen selbst schaden. Ihre Tugend wird verletzt und ihre Gesundheit steht auf dem
Spiel. Am deutlichsten formuliert dies erneut Sauter:
„Die höhere Seelenkunde hat nachgewiesen, dass die moderne Zerrüttung der Nerven
zum großen Teil auf die Zerrüttung in der Weltanschauung zurückgeht. Vollends von
den jugendlichen Akademikern muss jeder, wenn er nicht die Anlage und das Geld zu
einem Epikuräer hat, unter dem Einfluss solch destruktiver Lehren zerrüttet werden,
wenn es ihm mit seiner Weltanschauung auch nur halbwegs ernst ist.
Fünftens: Dabei geht es nie allein um das Wirken in der akademischen Lehre, sondern immer
um das Wirken in der breiten Öffentlichkeit. Am deutlichsten wird dies im Falle Russells. Er
war in New York auf einen Lehrstuhl für Logik und Mathematik berufen worden. Es mag ja
eine Frage der Moral sein, diesbezüglichen Vorlesungen zu folgen und zu verstehen. Zumal
wenn sie sich den Grundprinzipien der Mathematik zuwendet im Falle Russells. Aber es sind
kaum die Themen, von denen Gefahr für „öffentliche Gesundheit, Sicherheit und Moral der
Gemeinschaft“ droht. Die Studentin, deren moralische Gesundheit per Gerichtsbeschluss
geschützt wurde, studierte nicht einmal am City College. Es ging allein um die öffentliche
Tätigkeit Russells, seine Bücher, Vorträge und Radiobeiträge.
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Man mag sagen, dass diese Befürchtung vor einer Verführung durch Philosophie doch ein
alter Hut sei. Heute sei die Meinungsfreiheit doch anerkannt. Selbst Peter Singer hatte ja
nichts zu befürchten. Rektorat und Kollegen der Princeton University standen hinter seiner
Berufung. Ja, sie wankten nicht einmal, als der Milliardärs Steven Forbes öffentlich
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ankündigte, seine bisherige Förderung einzustellen, sollte Singer in Princeton unterrichten.
Noch klarer scheint, dass kein Philosoph mehr wegen Verführung der Jugend angeklagt
werden könnte, geschweige denn verurteilt würde wie Sokrates. Aber man sollte hier
vorsichtig sein. Nehmen wir den Fall Sokrates.
Sicher würden wir heute dulden, wenn ein Philosoph Führungspersönlichkeiten öffentlich
befragte und ihr Unwissen und Scheinwissen bloßstellte. Vielleicht würden wir dies als gute
Show ansehen, die im Fernsehen gerne aufgegriffen würde. Ähnliches wurde ja schon
angestrebt, ohne dass je die Sokratische Gedankenschärfe erreicht worden wäre. Allerdings
muss bei der Einschätzung des Prozesses gegen Sokrates der politische Hintergrund bedacht
werden. Gegen ihn wurde ein Asebie-Verfahren eingeleitet. „A sebios“ heißt Mangel an
Frömmigkeit – wobei Frömmigkeit den Einsatz für die gemeinschaftliche Grundordnung
bedeutet, das Akzeptieren und aktive Engagement für gewisse moralische Grundwerte. Heute
gilt als nahezu unbestritten, dass alle Asebie-Prozesse Athens im Wesentlichen politische
Prozesse waren. Dies gilt auch für jenen gegen Sokrates. Die Vorwürfe gegen seine
Philosophie, die Religion und Tradition missachte und ohne Skrupel Recht zu Unrecht
verdrehe, waren schon lange vor dem Prozess erhoben worden. Aristophanes hatte ihnen
bereits 24 Jahre zuvor im Stück „Die Wolken“ Ausdruck gegeben. Aber 399 v. Chr. hatten
diese alten Anklagen eine neue Brisanz erhalten. Kritias, einer seiner Schüler, gehörte zu den
Führern jener dreissig Adligen, welche im Jahr 404 v. Chr. die demokratische
Volksversammlung mit Gewalt ihrer Macht beraubt, die Führer der demokratischen Kräfte
verhaftet und eine mehrmonatige Terrorherrschaft ausgeübt hatten. Mehr als 1500 Athener
wurden in den neun Monaten ihrer Herrschaft ermordet. Der Prozess gegen Sokrates fand also
gut drei Jahre nach Ende der Tyrannei der Dreissig statt.
Kritias hatte sich schon vor dem Umsturzversuch mit Sokrates zerstritten. Während seiner
kurzen Herrschaft wollte er Sokrates, so eine Legende, gar per Gesetz verbieten, mit
jemanden zu sprechen, der jünger als Dreissig war. Sokrates hätte so selbst beim Brotkaufen
ältere Passanten fragen müssen, ob der Verkäufer bereits Dreissig war. - Aber trotz der
Entfremdung zwischen Kritias und Sokrates blieben die beiden in den Augen der Athener eng
miteinander verbunden. Die Herrschaft der Dreissig schien manchem auch Folge der
philosophischen Erziehung des Sokrates. Eine der wenigen historischen Quellen über den
Prozess, der nicht von Sokrates Schülern stammt, sagt ganz knapp, Sokrates sei verurteilt
worden, weil er Lehrer des Kritias war.
Das Verhalten eines anderen Schülers wurde Sokrates negativ angerechnet, das von
Alkibiades. Dieser ehemalige Schüler, eine zentrale Figur in Platons Dialog „Symposion“,
hatte in einem berüchtigten Akt die Statuen des Hermes zerstören lassen und war wiederholt
zum Feind Athens übergelaufen. Die Karrieren der Schüler spielten eine wichtige Rolle beim
Vorwurf der Jugendverführung. Ganz nach dem Rat des Mattthäus-Evangeliums: „An ihren
Früchten werdet ihr sie erkennen.“ - In politisch stabilen Zeiten hätten die Athener den Lehrer
Sokrates vielleicht weiter geduldet wie sie ihn vierzig Jahre geduldet hatten. In der
Restaurationsphase der athenischen Demokratie sah dies anders aus. Sokrates stand im
Verdacht, verfassungsfeindliche Ansichten zu vertreten. Dass der klügste Kopf unter Sokrates
Schülern, Platon, noch dazu der Neffe des Kritias war, machte alles nicht besser.
Würde man aber heute Sokrates freisprechen? Man stelle sich vor, die Bundesrepublik hätte
gerade einen Umsturzversuch erlebt. Nach zehn chaotischen leidvollen Monaten hätte man
die Umstürzler überwältigt und wäre gerade dabei, die Demokratie wieder zu stabilisieren.
Die Anführer von damals wären verurteilt, und das alte Leben kehrte langsam zurück. Immer
noch steht ein alter Herr am Brandenburger Tor, der als Erzieher der Umstürzler bekannt ist.
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Er verwickelt jene ins Gespräch, welche demokratische Werte zu verteidigen suchen, und
erschüttert deren Sicherheit, bis sie glauben, Scheinwahrheiten aufgesessen zu sein. Die
Behörden beobachten zudem, dass sich immer mehr junge Leute aus einflussreichen Familien
um ihn versammeln. Diese hängen an seinen Lippen und scheinen ihm und nur ihm zu
vertrauen und zu folgen. Auch wenn es noch so wünschenswert ist, ist wohl nahezu
ausgeschlossen, dass deutsche Politiker das Wirken des alten Mannes in einer solch
angespannten Zeit duldeten. Ist der Erzieher durch blosse Warnungen nicht zu stoppen, ist
anzunehmen, dass man rechtliche Schritte einleitete, ihn am Ende sogar öffentlich verklagte.
So unterschiedlich wäre wohl die Anklagen nicht zu jener des Sokrates. Statt von
Gottlosigkeit und Verführung der Jugend würde man von verfassungsfeindlichen Lehren und
Aktivitäten sprechen. Hätte sich der Erzieher vor Gericht so verhalten wie es Platon schildert,
hätte er betont, dass er im Recht ist, hätte er alle lebenden Politiker als untauglich bezeichnet
und implizit aufgefordert, dass man nicht ihnen, sondern ihm folgen sollte, ja, ihn feiern
sollte, für das, was er lehrt und vollbringt. Er wäre wohl schuldig gesprochen worden.
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Man mag einwenden, hier handele es sich – wie wohl auch beim Prozess gegen Sokrates –
um ein Ausnahmeszenario. Nehmen wir daher noch ein zweites, reales und lokales Beispiel.
Selbst die Behandlung moralischer Fragen im Umgang mit Sexualität, der eigenen wie der
von anderen ist wie zu Russells Zeiten geeignet, Unruhe zu stiften. Eine hiesige
Zulassungsarbeit wollte sich vor kurzem mit dem Thema Homosexualität befassen, genauer
mit dem Thema „Coming Out - Homophobie auf dem Schulhof.“ Teil der Arbeit war eine IstAnalyse und dafür sollte eine Schülerumfrage erfolgen. Erhalten Regierungspräsidien
Dutzende Anfragen auf Bewilligung solcher Umfragen, so hatte diese ein besonderes
Schicksal. Über ihre Bewilligung wurde auf allen Ebenen, bis hin zur Amtsleitung, diskutiert,
und sie wurde untersagt. Offizieller Grund: Das Thema sei für minderjährige Jugendliche
ungeeignet. Nicht die gewählte Methode der Umfrage war unzulässig, auch nicht eine
Umfrage zu diesem Thema, sondern das Thema selbst. Wir haben in diesem Fall nachgefasst.
Das Thema sei für Jugendliche doch unzweifelhaft aktuell und brisant, Homosexualität
darüber hinaus doch in Realität und Medien mehr als präsent. Wann solle man das Thema
behandeln, wenn nicht zu dem Zeitpunkt, wo sich das Thema der Homosexualität – das der
eigenen oder der von Freunden - Jugendliche konkret stellt. Die Natur wartet mit der
Entwicklung der eigenen Sexualität ja leider nicht, bis das Thema für die Jugendlichen
offiziell geeignet ist.
Auf die schriftlichen Rückfragen wurde der eigentliche Grund für die Absage mündlich und
nur mündlich genannt: Durch die Umfrage würde der Klassenfrieden gefährdet. Da die
Zustimmung auch der Eltern erforderlich sei, könne es in den Klassen zu unterschiedlichen
Gruppierungen kommen - einige Jugendliche dürfen den Fragebogen ausfüllen, andere nicht;
einige wollen dasselbe wie ihre Eltern, andere nicht -, dadurch könne aber der Klassenfrieden
nachhaltig gestört werden. Mit der Herausbildung unterschiedlicher Gruppierungen muss man
natürlich notwendig rechnen, wenn Elterneinwilligungen erbeten werden. Ebenfalls muss man
notwendig damit rechnen, dass Schüler bezüglich der Einwilligung anders denken als die
Eltern. Das Problem mit der Umfrage kann also nicht hier liegen, es entsteht erst dadurch,
dass das Thema Homosexualität moralisch besetzt ist. Mit anderen Worten: Zu diesem Thema
darf keine Befragung stattfinden, weil einzelne Jugendliche oder Eltern Homosexualität
moralisch ablehnen.
Dass homophobe Äußerungen fallen könnten, war schon bei Konzeption der Befragung
berücksichtigt worden. Die Befragung sollte im Klassenverband besprochen werden und auf
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mögliche Sprüche eines Schülers angemessen eingegangen werden. Es wurde aber nicht
einmal gefragt, ob das diesbezügliche Konzept sinnvoll war oder nicht, es bestand keine
Chance, den Entscheid des Regierungspräsidiums zu kippen. Man müsse mit diesem Thema
eben besonders vorsichtig sein. Auf Rückfrage, wann und wo das Thema Homosexualität in
der Schule behandelt werden sollte, wurde der Biologieunterricht genannt. Aber leider müsse
Homosexualität auch dort als Abnormalität behandelt werden. Meine letzte Frage war, ob
man sich vor möglichen Elternprotesten schützen wolle. Dass man sich hier der Intoleranz
anderer beuge, sei thematisiert worden. Aber es ändere sich nichts am Beschluss. –
Es geht hier nicht darum, den Beschluss selbst zu diskutieren. Wichtig ist allein, dass wir hier
quasi den Keim aller obigen Punkte sehen: Bestimmte Fragen dürfen nicht gestellt werden,
denn die Beantwortung könnte für Unfrieden sorgen. Ist dies so, muss Ethikunterricht aber
notwendig den Klassenfrieden stören.
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Die Aktualität und Brisanz des Vorwurfs der Jugendverführung liegt darin begründet, dass
Praktische Philosophie von ihrer Profession her genau durch jene fünf Aspekte
gekennzeichnet ist, welche den Vorwurf der Verführung der Jugend kennzeichnen.
1. Die Suche nach richtigen Antworten auf konkrete praktische Probleme muss
ergebnisoffen sein. Damit ergibt sich aber zwangsläufig die Möglichkeit, dass eine
Philosophin auch zu moralischen Handlungen rät, welche in der moralischen Tradition
verboten sind, und dass sie dazu rät, solche Handlungen zu unterlassen, die bisher als
erlaubt gelten. - Diesen Punkt wird kaum ein Philosoph bestreiten, nur in der Praxis
erweist es oft schwer, so weit zu gehen, wie ein Gedanke trägt.
2. Die moralische Tradition kann und darf bei der Wahrheitssuche kein Leitfaden sein.
Dass etwas traditionell für wahr und richtig gehalten wird, ist schlichtweg kein Grund,
dass es wahr und richtig ist. Dies klingt sehr einfach, ist aber bisher der erste
kontroverse Punkt. Allerdings wird in der Kontroverse nicht von Tradition
gesprochen, sondern von Intuitionen. In die Ethik-Diskussion eingeführt wurde der
Gedanke der „Intuition“ als moralische Wahrnehmung, ein dem Menschen
angeborenes Vermögen, Richtiges und Falsches zu erkennen. Heute stehen Intuitionen
für vortheoretische Überzeugungen oder, was auf dasselbe hinausläuft, „für tief
verwurzelte Vorstellungen und Einstellungen“. Aber auch wenn man den Begriff hier
wechselt, bleibt das logische Problem: Dass etwas wie selbstverständlich für richtig
gehalten wird, ist kein Beleg, dass etwas richtig ist. Auch die Ansicht, dass Eltern und
Lehrer Kinder schlagen dürfen, galt jahrtausendelang wie selbstverständlich als
richtig. - Dass wir heute anders darüber denken, ist allerdings auch nur eine IstAussage, aus der kein Sollen folgt. Wir müssen die Gründe formulieren können,
warum es nicht erlaubt ist.
3. Um diese Gründe formulieren zu können, bedarf es notwendig ethischer Theorien.
Praktische Philosophie darf sich nicht darauf beschränken, nur das wiederzugeben,
was die Mehrheit eh schon denkt. Sie muss theoretisch nach Antworten suchen oder
muss, gibt es keine wahre Theorie, Lösungen anbieten, wie mit dem Faktum der
Pluralität umzugehen ist. Würde sie nur die Aufgabe haben, gegenwärtige
Überzeugungen nachzuzeichnen, könnte man moralische Überzeugungen per Umfrage
erfassen. Alle Ansichten hätte dann die gleiche Bedeutung, denn man müsste und
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dürfte ja nicht nach deren Richtigkeit fragen. In diesem Fall bräuchte es schlicht keine
praktische Philosophie.
4. Bei diesem systematischen Vorgehen muss die praktische Philosophie in Kauf
nehmen, dass feste moralische Überzeugungen erschüttert werden. Dies kann
einzelnen Personen „die Seelenruhe“ nehmen. Es gibt aber kein moralisches Recht
darauf, dass die eigene moralische Position nicht kritisiert und damit erschüttert
werden darf. Würde man ein solches moralisches Recht einräumen, höbe man nämlich
die soziale Institution der Moral auf. Diese erlaubt und fordert uns auf, andere für das
zu kritisieren, was sie taten, unterließen oder sagten.
Genau aus diesem Sachverhalt nimmt der Verweis auf die moralische Tradition ja
seine vermeintliche Stärke. Denn nur dann hilft uns die Moral, uns vor Übergriffen
durch andere zu schützen, wenn unsere Erziehung uns lehrt, diese zu unterlassen und
wenn wir als Gesellschaft bereit sind, andere zu kritisieren. Aber, und hier liegt die
Schwäche des Verweises auf die moralische Tradition, diese Kritik muss sich auch auf
tradierte Auffassungen oder üblich gewordene Handlungen beziehen. Denn es geht ja
nicht darum, irgendeine Moral zu haben, sondern die richtige. Der Vertreter der
Tradition meint natürlich im Besitz der Richtigen zu sein. Aber dies ist eine bloße
Behauptung. Wie können wir anderen aber sicher sein, dass dem so ist? Nur wenn
Kritik zugelassen ist.
Man mag einwenden, dass es im Kontext der Jugendverführung um das Recht der
Eltern geht, dass ihre Kinder in einer bestimmten moralischen Tradition erzogen
werden. Aber dieses Recht kann nicht bestehen, wenn das Schadensprinzip gilt. Keine
Person hat dann ein Recht, anderen zu schaden; wobei schaden bedeutet, dass
gerechtfertigte moralische Rechte anderer missachtet werden. Dies ist der Kern
dessen, was durch die Formel ausgedrückt wird: „Die Freiheit des einen endet dort, wo
die Freiheit des anderen beginnt.“ Dieser gut begründbare Grundsatz beschränkt die
Reichweite der elterlichen Moralerziehung. Sie dürfen Kindern daher nicht selbst
schaden. Und für diesen Kontext wichtiger: Greift das Kind auf Grund seiner
moralischen Erziehung in Rechte anderer ein und schadet ihnen, ist dies nicht als
Ausdruck einer anderer Kultur zu tolerieren, sondern muss moralisch kritisiert werden.
Endet die Freiheit dort, wo die Freiheit des anderen beginnt, so ist der Homosexuelle
vor dem Homophoben zu schützen, aber nicht der Homophobe vor der Begegnung mit
Homosexualität.
5. Und letztens: Die praktische Philosophie darf sich nicht auf akademische
Diskussionen beschränken. Es wäre schließlich seltsam, wenn jemand sagte, er denke
darüber nach, wie konkrete praktische Probleme zu lösen sind, würde die gefundenen
Antworten aber nicht außerhalb der Akademie bekannt geben und zur Diskussion
stellen. Praktische Philosophie verfehlte ihr Ziel, würde sie öffentlichen Debatten
ausweichen, sie muss Standpunkt und Stellung beziehen.
Zeichnen diese fünf Aspekte die „Verführung der Jugend“ aus, so muss praktische
Philosophie die Jugend verführen. Sie muss im Kleinen den Klassenfrieden und im Grossen
die Gesundheit, Sicherheit und Moral der Gemeinschaft gefährden. Das wäre keineswegs ein
angenehmes Urteil – schon gar nicht, wenn man an einer Pädagogischen Hochschule lehrt.
Denn was wollte man mit Verführern, wo es doch um Bildung geht? Allerdings müssen wir
hier zunächst noch prüfen, ob diese Fremdbeurteilung korrekt ist. Verführt Philosophie
überhaupt oder widerspricht dies diametral dem Wesen praktischer Philosophie?
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In der Anklageschrift gegen Sokrates, die uns unabhängig von Platon überliefert ist, wird das
Wort διαφθείρω (diaphtheiro) benutzt. Das griechische Wort ist mehrdeutig. Mögliche
Übersetzungen im Deutschen sind: jemanden auf Abwege bringen, verderben, vom rechten
Weg abbringen und verführen.
Die ersten drei Ausdrücke „auf Abwege bringen“, „verderben“ und vom „rechten Weg
abbringen“ setzen ein gewisses Referenzsystem, einen Bewertungsrahmen voraus. Mit dessen
Hilfe kann dann bestimmt werden, was der „rechte Weg“ ist. Zudem hilft das Referenzsystem
uns, zu unterscheiden, was eine Jugendliche fördert und was sie verdirbt. Bei den Vorwürfen
gegen Sokrates, Russell und Schlick ist dieses Referenzsystem eine traditionelle Moral, die
man wie selbstverständlich als gültig voraussetzt. Alle drei Philosophen bestritten, dass man
dieses Referenzsystem zugrunde legen darf und nannten die neuen Koordinaten für den
rechten Weg. Jeder von ihnen konnte damit guten Gewissens sagen, dass er Gutes bewirkte
und die Jugend förderte. Um zu prüfen, wer im Recht ist, müsste man prüfen, welches
Referenzsystem genutzt werden sollte. Erst dann könnte man zu Recht sagen, was die Jugend
verdirbt und was sie fördert.
Die im Deutschen übliche Übersetzung, Sokrates sei der Verführung der Jugend angeklagt,
sagt nicht nur etwas vom Wegführen vom rechten Weg, sondern auch etwas über die Art, wie
dies geschieht. Der Begriff „Verführung“ hat eine besondere Bedeutung. Hier soll es nicht
darum gehen, ob es aus diesem Grunde klug ist, in der Übersetzung überhaupt das Wort der
Verführung zu gebrauchen. Vielmehr geht es darum, ob man überhaupt sagen darf, dass
Jugend durch Philosophie verführt werden kann. Nehmen wir die eingespielte Redeweise
einmal als Fakt und fragen danach, was „Verführung“ heißt. Wenn wir nach der Bedeutung
des Begriffs fragen, ist dies natürlich genau jene Frageweise, welche das Sokratische
Vorgehen laut Platon kennzeichnet. Im Gegenteil zu Platon soll hier aber nicht vorausgesetzt
werden, dass Begriffe sich auf etwas beziehen, das wahrhaft existiert. Ebenfalls soll nicht
vorausgesetzt werden, dass im etymologischen Ursprung eines Begriffs dessen eigentliche,
wahre“ Bedeutung liegt. Vielmehr soll davon ausgegangen werden, dass die Bedeutung eines
Wortes sein Gebrauch in seiner Sprache ist. Wie gebrauchen wir aber den Begriff
„Verführung“?
Eine Verführung zielt a) darauf, dass jemand etwas tut, was er sonst nicht getan hätte. Man
kann nicht sagen „Ich wollte es tun, aber Du hast mich dazu verführt.“ Einzig denkbar ist zu
sagen „Ich habe mich verführen lassen.“ Weiß der Verführer jedoch, dass der andere sich
verführen lassen will, würden wir dies ebenfalls nicht mehr Verführung nennen. Von Sicht
des Verführers aus, zielt seine Handlung immer darauf, etwas zu erreichen, dass der andere
nicht oder nur widerwillig tun will.
Vom Standpunkt des Verführten kann es dagegen so sein, dass er sich verführt sieht, ohne
dass es einen Verführer gibt. Dies wäre z.B. dann der Fall, wenn jemand einen anderen, ohne
es zu wollen, zu etwas verführt. Den Begriff „verführt werden“ gebrauchen wir also dann,
wenn überhaupt niemand eine Verführung versucht. Dies erlaubt es denn auch, davon zu
sprechen, dass man von Dingen zu etwas verführt wird. Man kann also sagen: „Diese Tapas
rochen so verführerisch aus, dass ich es essen musste.“ - So hoffe ich sehr, dass man nachher
sagen wird: Dieser Apéro sieht wirklich verführerisch zu.
In einer Verführung geht es b) darum, emotionale oder moralische Barrieren zu überwinden,
die eine andere Person davon abhalten, das zu tun, von dem der Verführer möchte, dass sie es
tut. Dies geschieht auf gewaltfreie Weise. Im Standardfall der Verführung wird beim anderen
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kein neues Bedürfnis und kein neuer Wunsch erweckt, sondern etwas getan, damit der andere
ein (zumindest latent) bestehendes Bedürfnis oder einen bestehenden Wunsch auslebt.
Nehmen wir ein harmloses Beispiel: Eine Person wird von einer anderen Person durch
Schmeicheleien dazu gebracht, ein Dessert zu nehmen, obwohl sie dies eigentlich nicht tun
wollte. Hier wird die Person nicht dazu gebracht, etwas Süßes essen zu wollen, sie wird
vielmehr dazu gebracht, einen Wunsch auszuleben, dem andere, für sie sonst gewichtigere
Wünsche entgegenstehen.
Geht es darum, dass Personen zu etwas verführt werden, was sie nicht tun wollen, ist sie eine
Spielform der Manipulation. Es gibt Formen der Manipulationen, die darauf ausgerichtet sind,
dass Personen etwas für wahr halten, was nicht wahr ist. Allerdings gebrauchen wir den
Begriff der Verführung, dies ist c), nicht in Bezug auf Überzeugungen, sondern auf das Tun.
Wir können sagen „Sie hat mich verführt, noch zu bleiben.“ oder „Die Werbung hat mich
dazu verführt, diesen Film anzuschauen. “ Aber es klingt seltsam zu sagen: „Sie hat mich
dazu verführt, diesen Film gut zu finden.“ Man wird verführt, etwas zu tun, zuzulassen oder
zu unterlassen, aber nicht, etwas zu glauben.
Eine Verführung muss dem Verführten d) nicht notwendig schaden. Unser Sprachgebrauch
erlaubt es zu sagen. „Ich bin Dir dankbar, dass Du mich verführt hast, dieses vegane
Fingerfoot zu essen. Es war gut.“ Aber selbst in diesen Fällen darf man nicht einfach sagen,
es sei moralisch gut, jemanden verführt zu haben. Denn wer zu etwas verführt wird, wird dazu
gebracht etwas zu tun, was er eigentlich nicht tun wollte. Hier liegt der moralisch sensible
Punkt. Der Begriff des Verführens ist auch heute moralisch negativ belegt.
Dies heißt nicht notwendig, dass jede Verführung moralisch zu verurteilen ist. Es gibt
Situationen, in denen eine Verführung moralisch weder gut noch schlecht ist. Hierzu gehören
wechselseitige Verführungen innerhalb einvernehmlicher intimer Beziehungen. Mitunter mag
es sogar gut sein, jemanden zu verführen, Nehmen wir nur den Fall, dass ein momentan nicht
urteilsfähiger Mensch nur durch ein verführerisches Versprechen dazu gebracht werden kann,
ein brennendes Haus zu verlassen.
e) Auch wenn Verführung andere dazu bringen will, etwas zu tun, was sie nicht tun wollten,
ist eine Verführung nicht mit Zwang gleichzusetzen. Zwingt man eine Person etwas zu tun, ist
sie für diese Handlung nicht moralisch verantwortlich. Bei einer Verführung kann die Person
aber stets dafür verantwortlich sein, dass sie sich verführen ließ. Nehmen wir ein einfaches
Beispiel, Es ist eine Sache, wenn ein Kind sein Taschengeld weggab, weil ihn die
Klassenbullys Schläge androhten, eine andere aber, wenn es sein Geld ausgab, weil es den
verführerischen Düften der Zuckerwatte nicht widerstehen konnte oder weil es von einem
anderen Kind verführt wurde, das Taschengeld ihm zu schenken. Im ersten Fall wäre es
prinzipiell falsch, das Kind zu tadeln, im zweiten und dritten eine mögliche Option. Das heißt
nicht, dass der Umstand, verführt worden zu sein, nicht Schuld mindernd sein könnte. Aber
dies hängt dann davon ab, inwiefern man der Verführung hätte widerstehen können. Man mag
einwenden, dasselbe könne doch auch beim Zwang der Fall sein. Man könnte moralisch dafür
verantwortlich sein, dass man sich zu etwas zwingen ließ. Dies ist aber unmöglich. Es
zeichnet Zwang ja aus, dass die betroffene Person subjektiv keine Möglichkeit hat, sich gegen
den Zwang zu wehren.
Es gibt allerdings auch Verführungen, gegen die man sich nicht wehren kann. So wie
Kierkegaard „Don Juan“ beschreibt, könnte er in diese Rubrik fallen. Sicher gilt dies für einen
anderen Mythos: Den Gesang der Sirenen. Hier ist die verführerische Kraft des Gesangs so
stark, dass niemand ihr widerstehen kann. Ebenfalls gilt dies für gewisse verführerischen
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Angebote: zum Beispiel wenn man Strafgefangenen Straferlass verspricht, sollten sie an einer
klinischen Studie teilnimmt. Ein verführerisches Angebot oder Verführung kann eine Form
des Zwangs sein, muss es aber nicht.
Kann man, wenn diese Begriffsbestimmung aber korrekt ist, wirklich sagen, dass Philosophen
wie Sokrates, Russell oder Schlick die Jugend verführten? Schon die Frage, welche Mittel sie
bei der Verführung verwenden, ist schwer zu beantworten. Die charismatische Persönlichkeit?
Aber wer außer Sokrates hat diese von den erwähnten Philosophen. Moritz Schlick sicherlich
nicht. Das verführerische Angebot, dass die verbotenen süßen Früchte plötzlich erlaubt sind?
Aber man muss hier nicht spekulieren. Denn es gibt zwei Gründe, warum die Suche nach dem
Medium der Verführung überflüssig ist:
Zum einen geht der Vorwurf der Kritiker über das hinaus, was wir als Verführung
bezeichnen. Sokrates bringt, so der Vorwurf, seine Schüler nicht nur dazu, das Falsche zu tun,
sondern auch, das Richtige für das Falsche und das Falsche für das Richtige anzusehen. Durch
eine Reihe von geschickten Fragen steuert er seine Redepartner, so diese Sichtweise, zu dem
Punkt, an dem sie etwas glauben, was sie sonst nicht glauben würden. In Platons Sprache ist
dieser Versuch jener, ein Sophist zu sein.
Derselbe Vorwurf wird gegen Schlick erhoben. Die Philosophie des Wiener Kreises wird
nicht als ernsthafte Philosophie angesehen. Durch kleine logische Spielereien und sprachliche
Spitzfindigkeiten, die niemand durchschauen kann, wird die akademische Jugend dazu
gebracht, etwas zu glauben, was sie ansonsten nicht geglaubt hätte. Auch der Wiener Kreis
gilt als Sophistenschule. – Und noch deutlicher wird der Anklagevertreter im Fall Russell. In
seinem Plädoyer bringt er genau diesen Punkt explizit vor. Ich zitiere:
„Die Schlussfolgerung ist, dass (Russell) kein Philosoph im eigentlichen Sinne des
Wortes ist, denn er sucht nicht nach Weisheit und universeller Wahrheit (...). Nach
Ansicht der Klägerin und einer Vielzahl anderer Personen ist er ein Sophist. Er übt
seine Sophistik aus, indem er durch geschickte Erfindungen, Tricks, Täuschungen und
bloße Spitzfindigkeiten Argumente in den Raum stellt, die durch keine vernünftigen
Überlegungen getragen werden. Er entwickelt fehlerhafte Argumente und nimmt
unkorrekte logische Schlüsse aus ungültigen Prämissen vor. Die Auffassungen, die er
Philosophie nennt, sind nichts anderes als billige, geschmacklose, abgetragene,
zusammengeflickte Götzenbilder, die nur mit der Absicht erschaffen wurden,
Menschen in die Irre zu führen.“
Der Vorwurf geht also dahin, dass Sokrates, Schlick und Russell eine besonders böse Form
der Manipulation vornehmen. Denn was geschieht nach der Beschreibung der Kritiker: Alles,
was bisher geglaubt wird, wird in einem ersten Akt zerstört, um dann in einem zweiten durch
neue Überzeugungen ersetzt zu werden. Dies ist nichts anderes als der Vorwurf der
Hirnwäsche.
Zum anderen muss aber betont werden, dass diese Fremdbeschreibung schlicht an dem
vorbeigeht, was die beteiligten Philosophen tun. Der Vorwurf der Manipulation scheitert
schon an der Offenheit der philosophischen Methode. Die Kritik an traditionellen
Überzeugungen geschieht offen, nicht verdeckt. Zudem sind Manipulation wie bewusste
Verführungen stets zielorientiert. Eine Person will andere dazu bringen, etwas zu glauben
oder zu tun, was sie sonst nicht glauben oder tun würde. Genau diese Zielrichtung hat der
Philosoph jedoch nicht. Es geht in der Philosophie darum ergebnisoffen zu klären, warum und
wenn ja, wie weit man tolerant sein sollte, ob und wenn ja, wann verführerische Versprechen
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erlaubt sind. Alle Philosophen entwickeln dabei eigene Positionen. Aber stets sind die
Positionen durch eine gewisse Vorläufigkeit gekennzeichnet, sind sie für Argumente offen,
die zu einer Revision der bisherigen Meinungen auffordert. Aber dies ist nicht die Haltung
eines Verführers. Man stelle sich einen Verführer vor, der sagt: „Ich weiß nicht, ob ich Tapas
oder einen Spieß will, denke eher, Tapas ist das bessere, höre mir aber gerne an, was Deiner
Ansicht nach für die Spieße spricht. Auf jeden Fall möchte ich Dich dazu verführen, Tapas zu
essen. “ - Der Zauber der Verführung ist sicher weg. Der Vorwurf der Kritiker, Philosophen
verfolgten eine „hidden agenda“, um bestimmte Auffassungen durchzusetzen, geht am Wesen
der Philosophie vorbei.
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Aus dieser Ergebnisoffenheit und Vorläufigkeit, wegen dessen eine „Verführung der Jugend
durch Philosophie“ schlicht unmöglich ist, ergibt sich freilich ein anderes Problem. Was
sollen Philosophen dann überhaupt in der moralischen Erziehung? Sie sind sie doch stets
„unsichere Kantonisten“. Man weiß nie, was sie für richtig finden. Zudem ist moralische
Erziehung doch eine Erziehung auf gewisse Werte hin: Toleranz und Respekt sollen gefördert
werden, Homophobie und andere Vorurteile sollen abgebaut werden. Es gilt doch, eine
moralische Tradition fortzusetzen und zu bewirken, dass Jugendliche gewisse Werte
internalisieren. Sie sollen wie von selbst das Richtige tun. Um dies zu erreichen, braucht man
aber Personen, die diese Auffassungen authentisch vorleben, Vorbild sind und andere auf den
rechten Weg führen.
Dieser Ansatz ist jedoch nur richtig, wenn man sicher ist, was der rechte Weg ist. Aber wenn
wir der Gültigkeit unserer Werte sicher sind, müssen wir die Fragen der Philosophen ja nicht
fürchten. Im Gegenteil erinnerte man sich dadurch nur, warum man diese Werte haben muss.
Dies stärkte die soziale Institution der Moral. Und darin läge auch ein Vorteil in der
schulischen Praxis. Denn was sagt man, wenn Schüler über Coming Out diskutieren und einer
dabei homophobe Sprüche macht? Diese Ansichten kann man nur dann angemessen
beantworten, wenn man Gründe kennt und zu formulieren vermag, warum Homosexualität
nicht moralisch abzulehnen, sondern anzuerkennen ist. Haben wir die richtigen Werte, sind
die Philosophen eben doch keine „unsicheren Kantonisten.“ Man kann sich verlassen, dass sie
jene Werte lehren, die man lehren sollte.
Anders sehe es aus, wenn unsere Werte den Fragen des Philosophen also nicht standhalten.
Dann würden die Philosophen sicher nicht das lehren, was die Mehrheit möchte. Sie würde
Mehrheitsmeinungen erschüttern. Aber was wäre falsch daran? Es wäre nur falsch, wenn es
richtig sein könnte, das Falsche zu lehren. Da auch dies schlichtweg unsinnig wäre, bleibt:
Sollen jene Werte gelehrt werden, die man lehren sollt, bedarf es der praktischen Philosophie.
Dies ist jedenfalls dann gegeben, wenn praktische Philosophie genau jene fünf Punkte
beachtet, von denen oben die Rede war:
1. Ihre Suche nach Antworten auf konkrete praktische Probleme muss ergebnisoffen
sein.
2. Es gehört schlichtweg zum Handwerk praktischer Philosophie, bestehende
Auffassungen auf ihre Geltung zu hinterfragen. Die moralische Tradition kann und
darf in der Philosophie kein Leitfaden sein.
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3. Praktische Philosophie muss nach der richtigen Theorie suchen oder gelingt dies nicht,
Lösungen anbieten, wie mit dem Faktum der Pluralität unterschiedlicher
Überzeugungen umzugehen ist.
4. Bei diesem systematischen Vorgehen muss sie in Kauf nehmen, dass feste moralische
Überzeugungen anderer erschüttert werden. Es gibt kein moralisches Recht darauf,
dass die eigene Position nicht kritisiert werden darf.
5. Die praktische Philosophie darf sich nicht auf akademische Diskussionen beschränken.
Sie muss auch öffentlich Stellung und Standpunkt beziehen.
Dies sind genau die fünf Aspekte, welche Philosophen in der Geschichte den Vorwurf
einbrachten, die Jugend zu verführen. Aber von einer Verführung der Jugend kann dann keine
Rede sind, wenn die praktische Philosophie philosophisch radikal ist.
Der Ort für Verführungen liegt dann außerhalb der Philosophie. Um damit zu beginnen: Nach
den sicher spannenden Rückfragen möchte ich gerne sie zu Umtrunk und Imbiss verführen
oder um es mit dem verführerischen Schweizer Wort zu sagen, zu einem Apéro einladen. Ich
freue mich, nachher mit Ihnen anstoßen zu dürfen.
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
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