Körperlich krank? seelisch krank? oder doch simuliert?

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Körperlich krank?
seelisch krank?
oder doch simuliert?
Wertigkeit und Funktion
des klinischen Befundes
in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Begutachtung
Matthias Fabra
Medizinisches Gutachteninstitut Hamburg
[email protected]
200
200
150
150
100
1997
2004
100
50
50
0
0
In den Jahren 1997 bis 2004
sinkt der Gesamtkrankenstand
der GKV von 4,19 auf 3,39
Prozent (d.h. um ca. 20 % ).
1997
2004
In den Jahren 1997 bis 2004
steigt der Anteil der AU-Tage
aufgrund psychischer Erkrankungen in der DAK um 70%.
Weber, A., G.Hörmann, V. Köllner (2006): Psychische und Verhaltensstörungen, die Epidemie des 21. Jahrhunderts?
Deutsches Ärzteblatt, 103, 13, B713-B715Medizinisches Gutachteninstitut
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Frage: Wieviel Prozent aller Frühberentungen
im Bereich der Deutschen Rentenversicherung
erfolgen aufgrund psychischer Störungen?
11 %
31%
51%
71%
91%
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3
Frage: Wieviel Prozent aller Frühberentungen ...
???
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Frage: Wieviel Prozent aller Frühberentungen ...
!!!!
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5
Frage: Wieviel Prozent aller Frühberentungen ...
11 %
! 31% richtig, es sind fast ein Drittel;
psychische Störungen sind
die häufigste Ursache vorzeitigen Renteneintritts
infolge krankheitsbedingter Erwerbsminderung
in Deutschland
51%
71%
91%
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6
Was ist Sinn und Zweck sozialmedizinischer
bzw. versicherungsrechtlicher Begutachtung ?
•Solidaritätsprinzip der Versichertengemeinschaft
•Interessenkonflikt Antragsteller ./. Gemeinschaft
•Die Begutachtung hat Mittlerfunktion
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7
Zwei richtige Aussagen ...
"
Es kann sein, dass ein Tierarzt, der nach einem
lebensgefährlichen Angriff durch einen Stier eine phobische
Störung entwickelt, deswegen berufsunfähig ist.
"
Nicht jeder Tierarzt, der nach einem lebensgefährlichen Angriff
durch einen Stier eine phobische Störung entwickelt, ist
deswegen berufsunfähig
nur, ist er jetzt berufsunfähig oder nicht?
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Inhaltsübersicht:
I.
Das Bio-Psycho-Soziale Krankheitsmodell
Impairment => Disability => Handicap
II.
Wirbelsäule und Nervensystem
Anatomie -- Physiologie -- Pathophysiologie
III.
Beschwerden und klinisch-neurologischer Befund
IV.
Befunde apparativer Zusatzuntersuchungen
•
neurophysiologische Befunde
•
Befunde bildgebender Verfahren
V.
Konversion -- Dissoziation -- Somatoforme Störung
VI.
Willensfähigkeit, komplexe Ich-Funktionen
und psychischer Querschnittsbefund
VII.
„Wirbelsäulenschmerz“
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Inhaltsübersicht:
I.
Das Bio-Psycho-Soziale Krankheitsmodell
Impairment => Disability => Handicap
II.
Wirbelsäule und Nervensystem
Anatomie -- Physiologie -- Pathophysiologie
III.
Beschwerden und klinisch-neurologischer Befund
IV.
Befunde apparativer Zusatzuntersuchungen
•
neurophysiologische Befunde
•
Befunde bildgebender Verfahren
V.
Konversion -- Dissoziation -- Somatoforme Störung
VI.
Willensfähigkeit, komplexe Ich-Funktionen
und psychischer Querschnittsbefund
VII.
„Wirbelsäulenschmerz“
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6 Konsequenzen der Aussage
„er/sie ist krank“:
1. empfindet Leiden und Leistungsminderung
2. erhält Mitleid und Unterstützung
3. steht befristet oder auf die Dauer
Leistungsanforderungen der Gesellschaft
außerhalb
der
4. ist berechtigt, Leistungen der Versicherungssysteme zu
empfangen
5. wird als Kranke/r abgestempelt („gelabelt“)
6. wird von der Leistungs- und Spaßgesellschaft ausgestoßen und
abgeschoben
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Die beiden Dimensionen des „Krankseins“:
a. Leiden
b. Herabsenkung des psychosozialen
Funktionsniveaus
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Gutachtliche Betrachtungen zielen in aller Regel auf die
Leistungsminderung ( = Herabsenkung des
psycho-sozialen Funktionsniveaus) ab!
(1) Leiden:
a) sog. immaterieller Schaden in der Privat- und Sachversicherung,
Schmerzensgeld
(2) Herabsenkung des psychosozialen Funktionsniveaus (Beispiele):
a) MdE der Gesetzlichen Unfallversicherung (GUV)
b) Erwerbsminderung der (KFZ-)Haftpflichtversicherung
c) Grad der Behinderung des Schwerbehindertenrechts
d) MdE-Grad des Versorgungsrechtes (KVG, SVG, OEG u.a)
e) Invalidität (dauerhafte Leistungsminderung) der PUV
f) teilweise und vollständige Erwerbsminderung der GRV
g) (völlige) Arbeitsunfähigkeit, Berufsunfähigkeit der Privaten
Krankentagegeldversicherung, Privaten Berufsunfähigkeits(zusatz)Versicherung , u.a.m.
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Leistungsminderung
Kompensationspotenziale ./.
Kompensationsschwächen
Funktionsstörung
Krankheitszeichen
(Symptome)
Leiden
Matthesius, R.G.: ICIDH International Classification of impairment, disability and handicap, Teil 1 und 2, WHO:
Geneva, Verlag Ullstein Mosby 1995
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Persönlichkeit
Symptome
Funktionsstörung
+ Kompensationsstrategien
Leistungsminderung
Bochnik, H.J.: Grundsätze und begriffliche Werkzeuge zur ärztlichen Ganzheitsorientierung. In: Bochnik, H.J., W.
Hackhausen (Hrsg.): Personenorientierte Diagnostik und Begutachtung. Urban und Fischer, 1. Auflage 1999, Seite 3
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Zumutbarkeit schadensmindernder Willensanspannung
in der Gesetzlichen Rentenversicherung:
• Krankheitswert hat eine seelische Störung,
wenn sie aus eigener Kraft nicht überwunden werden kann.
• Zu berenten ist der Versicherte, wenn er bei zumutbarer
Willensanspannung aus eigener Kraft seine Störung nicht
überwinden kann.
• Zumutbar ist eine Willensanspannung, wenn diese ohne
gesundheitliches Risiko einer Verschlimmerung möglich ist.
BSG 01.07.1964, AZ 11 – 1 RA 158/1961
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Frage: Woraus also ergibt sich die Minderung der
Leistungsfähigkeit infolge Erkrankung?
1. Aus dem Symptom selbst
Beispiele:
a) Bewegungseinschränkung nach Wirbelkörperfraktur
b) allgemeine Schwäche bei Herzinsuffizienz
c) Antriebsminderung bei Depression
d) Verkennung der Realität bei Wahn
e) Zwangshandlungen bei Zwangsstörung
f) u.v.a.m.
2. Aus der krankheitsbedingten Herabsenkung der
Willensfähigkeit infolge seelischer Erkrankung
3. Aus dem Zusammenwirken von 1. und 2.
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Inhaltsübersicht:
I.
Das Bio-Psycho-Soziale Krankheitsmodell
Impairment => Disability => Handicap
II.
Wirbelsäule und Nervensystem
Anatomie -- Physiologie -- Pathophysiologie
III.
Beschwerden und klinisch-neurologischer Befund
IV.
Befunde apparativer Zusatzuntersuchungen
•
neurophysiologische Befunde
•
Befunde bildgebender Verfahren
V.
Konversion -- Dissoziation -- Somatoforme Störung
VI.
Willensfähigkeit, komplexe Ich-Funktionen
und psychischer Querschnittsbefund
VII.
„Wirbelsäulenschmerz“
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IV. Lendenwirbelkörper von unten gesehen
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Inhaltsübersicht:
I.
Das Bio-Psycho-Soziale Krankheitsmodell
Impairment => Disability => Handicap
II.
Wirbelsäule und Nervensystem
Anatomie -- Physiologie -- Pathophysiologie
III.
Beschwerden und klinisch-neurologischer Befund
IV.
Befunde apparativer Zusatzuntersuchungen
•
neurophysiologische Befunde
•
Befunde bildgebender Verfahren
V.
Konversion -- Dissoziation -- Somatoforme Störung
VI.
Willensfähigkeit, komplexe Ich-Funktionen
und psychischer Querschnittsbefund
VII.
„Wirbelsäulenschmerz“
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Genügt für den Nachweis einer Erkrankung
die Beschwerdeschilderung?
Entscheidung des BGH vom 14.04.1999 (IV ZR 289/97,
Frankfurt(M.): „ ... dass bei einer Krankheit wie der
Generalisierten Tendomyopathie, die gerade durch das
Fehlen naturwissenschaftlich gewonnener Untersuchungsbefunde charakterisiert wird, der ärztliche Nachweis der
Erkrankung auch dadurch geführt werden kann, daß ein
Arzt seine Diagnose auf die Beschwerdeschilderung des
Patienten stützt...“
Stevens, A., K. Foerster (2000): Genügt für den Nachweis einer Erkrankung die Beschwerdeschilderung? Zum Verhältnis
von Beschwerden, Befund, Diagnose und Beeinträchtigung. Versicherungsmedizin 52,2, 76-80
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Rollenkonfusion des Arztes,
hier: der Arzt als Heiler
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Rollenkonfusion des Arztes,
hier: der Arzt als Gutachter
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A) Anamnese
und
B) Befund :
gegensätzliche oder
einander ergänzende Strategien
der Erkenntnisgewinnung in der Medizin?
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Beispiel:
Anamnese:
59 jähriger Mann, berichtet über morgens beim Aufstehen bemerkte Lähmung des
rechten Beines
Befund:
zieht das rechte Bein nach beim Gehen, knickt ein.
Möglichkeit a): Erhöhung der Muskelspannung, Reflexsteigerung,
Pyramidenbahnzeichen;
Schlußfolgerung: spastische Parese: vom ZNS ausgehend,
DD Hirn- oder Rückenmarkstumor, MS, Schlaganfall u.a.m.
Möglichkeit b): Minderung der Muskelspannung, Reflexabschwächung, fehlende
Pyramidenbahnzeichen;
Schlußfolgerung: schlaffe Parese, i.d.R. vom peripheren NS ausgehend,
DD Nerven(wurzel)kompression, Nervenentzündung, Nervenspitzenschädigung
(Mononeuropathie) u.a.m.
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Merke:
In der neurologischen Anamnese- und Befunderhebung
müssen alle Systeme abgefragt und dann untersucht
werden!
I.
Hirnnerven
II. Motorik
III. Sensibilität
IV. Koordination
V. Eigen- und Fremdreflexe,
Pyramidenbahnzeichen
VI. Autonome Funktionen
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Befund / Hirnnerven:
I.
N. Olfactorius (Riechen)
II.
N. Opticus (Sehen)
III.
N. Oculomotorius (Augapfelbeweglichkeit, Pupillenweite)
IV.
N. Trochlearis (Augapfelbeweglichkeit => Blick n. schräg unten)
V.
N. Trigeminus (Gesichts- und Mundsensibilität, Geschmack, Kauen
VI.
N. Abducens (Augapfelbeweglichkeit => Blick nach außen)
VII. N. Facialis (Gesichtsmuskulatur)
VIII. N. Vestibulocochlearis (Statoacusticus) (Hören, Gleichgewicht)
IX.
N. Glossopharyngeus (Zungen- und Schlundmuskeln, Geschmack)
X.
N. Vagus (innere Organe, Parasympathikus)
XI.
N. Accessorius (Halsmuskeln)
XII. N. Hypoglossus (Zungenmuskeln)
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Befund: Motorik
1) Allgemeine Schwäche, Muskelabmagerungen, Muskeltonus
2) Gangbild (aufrecht, gebückt, propulsiv, kleinschrittig, schlurfend usw.)
3) Zehen- und Hackengang, Hüpfen auf einem Bein, Hocke, Pendeln
4) Schwächen und Abmagerungen einzelner Muskeln (Muskelgruppen)
an Armen und Händen – Körperstamm – Beinen und Füßen
5) Händedruck, Greiffunktionen, Feinmotorik, Beugung und Streckung im
Ellenbogengelenk, Funktion der Schultergürtelmuskulatur
6) Aufrichten aus dem Liegen, Bauchdecken, Beckenboden,
Atemhilfsmuskulatur, Zwischenrippenmuskulatur, Halsmuskeln
7) Fuß-, Fußrand-, Zehenheber- und –beugerschwäche, Zehenspreizer,
Schwäche und Abmagerung d. Fußsohlenmuskeln, Fußgewölbe,
Kniebeuger- und –strecker, Beckengürtelmuskeln
8) [Hautbeschaffenheit, Beschwielung, Arbeitsspuren]
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Befund: Sensibilität
1) Berührung
2) Zweipunktediskrimination
3) Schmerz
4) Warm/Kalt
5) Vibration
6) Tiefensensibilität
Aus: Claus, D.: Nervenwurzelläsionen. In: In: B. Neundörfer,
E. Schneider, V. Dittmann, W. Pöldinger (Hrsg.):
Atlas der Nervenheilkunde. G. Braun Fachverlage 1996, 80
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34
Befund / Koordination:
1) Sicherheit von Bewegungen
(Unsicherheit = Ataxie)
2) Sicherheit von Zielbewegungen
3) Sprechkoordination
4) Gangprovokationen
Seiltänzergang
vorwärts ./. rückwärts
Augen geöffnet ./. geschlossen
5) Einbeinstand
6) Romberg-Versuch
7) Unterberger-Versuch
8) Wendebewegungen
(Diadochokinese)
Engelhardt, A.: Klinischer Untersuchungsgang
In: B. Neundörfer, E. Schneider, V. Dittmann,
W. Pöldinger (Hrsg.): Atlas der Nervenheilkunde.
G. Braun Fachverlage 1996, 17
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35
Befund / Eigen- und Fremdreflexe, Pyramidenbahnzeichen:
1) Armeigenreflexe
2) Beineigenreflexe
3) Fremdreflexe (Cornealreflex,
Bauchhautreflexe, Analreflex,
Cremasterreflex u.a.m.)
4) Pyramidenbahnzeichen, Kloni
Aus: Engelhardt, A.: Klinischer Untersuchungsgang In: B. Neundörfer, E.
Schneider, V. Dittmann, W. Pöldinger (Hrsg.): Atlas der Nervenheilkunde.
G. Braun Fachverlage 1996, 15
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Beispiel eines Neurologischen Befundes infolge Hohen Querschnittes
bei HWK 6/7 und Wurzelkompression C7 rechts:
An den Hirnnerven keine Auffälligkeiten.
Seitens der Motorik findet sich eine Abmagerung des M. Triceps brachii und weniger auch
der Streckmuskulatur am Unterarm rechts gegenüber links.
Es findet sich eine Schwäche für die Streckung des Unterarmes im Ellenbogengelenk sowie
die Beugung der Finger I – III in Mittel- und Endgelenk des Kraftgrades IV und der Handund Fingerstrecker des Kraftgrades IV+ . Der Schlüssel- und Spitzgriff sind rechts kraftgemindert, die Kuppen der Langfinger können jedoch sämtlich mit der Daumenkuppe zur
Deckung gebracht werden. Die Schulterkappenmuskulatur, der M. Biceps brachii und die
Muskulatur an der Hand sind seitengleich kräftig ohne Abmagerung.
Die Feinmotorik rechts ist gemindert, der Betroffene ist nicht in der Lage einhändig eine
Sicherheitsnadel unter Sichtkontrolle zu öffnen.
Die Muskelspannung an Armen und Beinen ist regelhaft, insbesondere findet sich kein
spastisches Gangbild. Einbeinhüpfen bds. infolge Schmerzes nicht möglich. Rechts
vermindertes Mitpendeln des Armes unter Schmerzangabe.
Seitens der Sensibilität findet sich eine Herabminderung für Berührungs- und Schmerzreize
am I. bis III. Strahl an der rechten Hand, gleichzeitig besteht eine Überempfindlichkeit
(Allodynie) der Haut beim Darüberstreichen. Die Zweipunktediskrimination ist an den
Fingerkuppen I bis III mit 6-8mm erhöht.
Das Hoffmann-Tinel‘sche Zeichen über dem Carpaltunnel ist negativ, negativr Phalen-Test.
Keine Sensibilitätsstörung an den Beinen und am Körperstamm, Tiefensensibilität unauff..
Koordinationsstörungen finden sich nicht.
Der Tricepsreflex und Brachioradialisreflex sind rechts abgeschwächt, mittleres
Reflexniveau. Seitengleiche Bauchhautreflexe, keine Pyramidenbahnzeichen.
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37
Inhaltsübersicht:
I.
Das Bio-Psycho-Soziale Krankheitsmodell
Impairment => Disability => Handicap
II.
Wirbelsäule und Nervensystem
Anatomie -- Physiologie -- Pathophysiologie
III.
Beschwerden und klinisch-neurologischer Befund
IV.
Befunde apparativer Zusatzuntersuchungen
•
neurophysiologische Befunde
•
Befunde bildgebender Verfahren
V.
Konversion -- Dissoziation -- Somatoforme Störung
VI.
Willensfähigkeit, komplexe Ich-Funktionen
und psychischer Querschnittsbefund
VII.
„Wirbelsäulenschmerz“
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Neurophysiologische Untersuchungsmethoden
bei Wirbelsäulenerkrankungen:
•Nadelmyographie (EMG)
•Motorische Neurographie incl. F-Wellen-Latenz
•Sensible Neurographie incl. H-Reflex
•Magnetstimulation der Motorischen Hirnrinde und der spinalen Nervenwurzeln (MEP)
•Somatosensorisch evozierte Potentiale
•SSR resp. autonome evozierte Potentiale
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Nadelmyographie (EMG) des Schultergürtels:
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Nadelmyographie (EMG):
Veränderung der Potentiale Motorischer Einheiten (Motor Unit
Potentials, „MUP‘s“)
MUP‘s“ bei Nerven- und Muskelerkrankungen
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Nadelmyographie (EMG):
Veränderung der „MUP‘s“
nach Nervenschaden
im Zeitverlauf
frühes...
Beachte:
das Alter einer Verletzung des
peripheren Nervensystems z.B.
durch Unfall lässt sich im EMG
einigermaßen genau nur bis zum
Ende des Zweiten Unfalljahres
bestimmen, danach kann man
nicht mehr sagen, ob eine
Veränderung 2, 4, 10, 20 oder
mehr Jahre besteht.
mittleres...
Spätes
Reiinervationsstadium,
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42
Motorische Neurographie:
Bsp.: Ulnaris-Rinnen-Syndrom
Beachte:
•Das Ulnaris-Rinnen-Syndrom ist
wichtigste Differentialdiagnose
einer Beschädigung der
Nervenwurzel C8,
•das Carpaltunnelsyndrom für C7
•Die Peronaeuslähmung für L5
+
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43
Motorische Neurographie: Veränderung des Muskelsummenpotentials
bei Engpassyndrom (z.B. Ulnaris-Rinnen-Syndrom)
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44
Motorische Neurographie:
Bsp.: Peronaeusparese
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45
Sensible Neurographie:
Bsp.: Carpaltunnel-Syndrom
orthodrome vs . antidrome Technik
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46
Somatosoensorisch evozierte Potentiale
(Erb-Potential, Nackenpotential, SkalpPotential):
Claus, D.: Neurophysiologische Untersuchungsverfahren; . In: B. Neundörfer, E. Schneider, V. Dittmann,W.
Pöldinger (Hrsg.): Atlas der Nervenheilkunde., G.Braun Fachverlage 1996, 26
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47
Magnetstimulation der Motorischen Hirnrinde
oder spinaler Nervenwurzeln:
Claus, D.: Neurophysiologische Untersuchungsverfahren; . In: B. Neundörfer, E. Schneider, V. Dittmann,W.
Pöldinger (Hrsg.): Atlas der Nervenheilkunde., G.Braun Fachverlage 1996, 26
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Bildgebende Verfahren bei Wirbelsäulenerkrankungen:
•Röntgen Nativdiagnostik
•Computertomographie (CT)
•Magnetresonanztomographie (MRT)
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50
Inhaltsübersicht:
I.
Das Bio-Psycho-Soziale Krankheitsmodell
Impairment => Disability => Handicap
II.
Wirbelsäule und Nervensystem
Anatomie -- Physiologie -- Pathophysiologie
III.
Beschwerden und klinisch-neurologischer Befund
IV.
Befunde apparativer Zusatzuntersuchungen
•
neurophysiologische Befunde
•
Befunde bildgebender Verfahren
V.
Konversion -- Dissoziation -- Somatoforme Störung
VI.
Willensfähigkeit, komplexe Ich-Funktionen
und psychischer Querschnittsbefund
VII.
„Wirbelsäulenschmerz“
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51
Somatoforme Störungen nach DSM-IV-TR
Definition:
„... Vorhandensein von körperlichen Symptomen, die einen medizinischen
Krankheitsfaktor nahelegen [...], und die durch einen medizinischen
Krankheitsfaktor, durch die direkte Wirkung einer Substanz oder durch eine andere
psychische Störung [...] nicht [bzw. nicht] vollständig erklärt werden können.“ ... „im
Gegensatz zur Vorgetäuschten Störung (DSM-IV 300.16 oder 300.19, ICD-10 F68.1)
und zur Simulation (DSM-IV-TR V65.2, ICD-110 Z76.5) sind die körperlichen
Symptome nicht absichtlich erzeugt (d.h. [sie stehen] nicht unter willentlicher
Kontrolle) ...“
Somatoforme Störungen:
•Somatisierungsstörung
•Undifferenzierte Somatoforme Störung
•Konversionsstörung (DSM-IV-TR 300.11, ICD-10 F44.NN)
•Somatoforme Schmerzstörung (DSM-IV-TR 307.8N, ICD-10 F45.4)
•Hypochondrie
•Körperdysmorphe Störung
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Unterschied DSM-IV-TR ./. ICD 10:
Die Konversionsstörung in der ICD-10 wird nicht den Somtoformen Störungen
zugerechnet, sondern ist synonym mit den Dissoziativen Störungen
Dissoziative Störungen:
•Dissoziative Amnesie
•Dissoziative Fugue
•Dissoziativer Stupor
•Dissoziative Bewegungsstörung
•Dissoziative Krampfanfälle
•Dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen
•Gemischte Dissoziative Störungen
•Ganser Syndrom
•Dissoziative Identitätsstörung (Multiple Persönlichkeitsstörung)
•Andere und nicht näher bezeichnete Dissoziative Störungen
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Psychodynamisches Verständnis von Konversion
und somatoformem Schmerz:
•„Ausdruckskrankheiten“: eine für das Ich unerträgliche Belastung, ein innerseelischer Konflikt oder eine überaus
gewünschte, jedoch nicht lebbare Beziehung werden durch ein dem Willen nicht unterworfenes scheinbar
körperliches Symptom dargestellt.
•Wahrnehmungseinengung mit der Folge einer Bewusstseinsänderung (Dissoziation), Störung der Realitätskontrolle
und Selbstkritik
•Hyperemotionalität: emotionale Labilisierung, vermehrte Ansprechbarkeit Angst, „hysterisches Aufgebrachtsein.“
•Veränderung der Selbstwahrnehmung und des Selbstbildes, regressive Selbstbildveränderung mit Symbolisierung
von Schwäche, Hilflosigkeit, Unschuld, Anlehnungsbedürftigkeit usw. (siehe auch in der Partnerbeziehung).
•Kommuniklativer Aspekt, „Krankheit als Bühne“
•Identifizierungsvorgänge: Übernahme von Symptomen von dem Betroffenen wichtigen Dritten
•Symbolisierung im Symptom
-- Bsp.: psychogener Rückenschmerz: „kann es nicht mehr (er)tragen“, „kann den Rücken nicht immer steif halten“
-- Bsp.: psychogene Lähmung: „kann nicht mehr“ ... „es geht nicht weiter“
-- Bsp.: psychogene Blindhei: „kann es nicht mehr mit ansehen“
-- Bsp.: psychogene Ertaubung. „kann es nicht mehr hören“
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Psychogene Bewegungsstörung dokumentiert: Verschwinden der Symptome
oder anhaltende Besserung infolge Psychotherapie, Suggestion oder Placebo,
unterstützt durch Physiotherapie, oder wenn der Patient symptomfrei wird, sobald
er sich unbeobachtet fühlt.
Psychogene Bewegungsstörung klinisch festgestellt: Die auf Befundebene
festgestellten Symptome der Bewegungsstörung passen nicht zu einem der
bekannten neurologischen Störungsbilder (incongruency), zuzüglich wenigstens
eines der drei folgenden Merkmale:
• Vorhandensein weiterer psychogener Symptome abseits der
Bewegungsstörung
• Mehrörtliche Somatisierungen
• Erkennbare seelische Erkrankung abseits der Bewegungsstörung
Psychogene Bewegungsstörung wahrscheinlich: Die auf Befundebene
festgestellten Symptome der Bewegungsstörung passen nicht zu einem der
bekannten neurologischen Störungsbilder (incongruency), sie passen nicht
zueinander und sind im Zeitverlauf nicht konstant (inconsistency), oder es finden
sich weitere psychogene Symptome abseits der Bewegungsstörung oder
mehrörtliche Somatisierungen
Psychogene Bewegungsstörung möglich: Es liegt außerdem eine emotionale
Störung vor
Diagnosekriterien psychogener Bewegungsstörungen (nach Schrag, A.: Psychogenic dystonia and reflex
sympathetic dystrophy. In: Hallett, M., S. Fahn, J. Jankovic et al.: Psychogenic Movement Disorders:
Neurology and Neuropsychiatry. Philadelphia; Lippincott, Williams and Wilkins 2006, 53 – 61)
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55
Argumente, die für eine nicht organisch begründete Störung sprechen...
(1)
Nach anamnestischen Angaben
•Offensichtliche psychiatrische Erkrankung [aber: eine Vielzahl organischer
Bewegungsstörungen weist psychiatrische Begleiterkrankungen auf]
•Vielörtliche Somatisierungen [aber: Koinzidenz zu organischer Bewegungsstörung möglich]
•Der/die Betroffene ist berufstätig im Gesundheitswesen [aber: statistische Häufung]
•Anstehende rechtliche Auseinandersetzung um Entschädigung oder andere finanzielle
Ansprüche [aber: auch organisch Kranke streiten um finanzielle Ansprüche]
•Sekundärer Krankheitsgewinn (z.B. durch die Sorge von Angehörigen) [aber: wenig verlässlich]
•Junges Lebensalter bei weiblichem Geschlecht [aber: statistische Häufung, auch unter den von
organischen Bewegungsstörungen betroffenen finden sich junge Frauen]
Nach: Lang, A.E.: General overview of psychogenic movement disorders: epidemiology, diagnosis
and prognosis. In Hallett, M., S. Fahn, J. Jankovic et al.: Psychogenic Movement Disorders:
Neurology and Neuropsychiatry. Philadelphia; Lippincott, Williams and Wilkins 2006, 35 - 41
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Argumente, die für eine nicht organisch begründete Störung sprechen...
(2)
Nach klinischen Befunden:
•Nicht zueinander passende und im Zeitverlauf inkonstante Befunde (Verteilung der Bewegungsmuster,
nicht schlüssige Behinderung bei speziellen Tätigkeiten)
•Paroxysmales Auftreten [aber: seltene paroxysmale Bewegungsstörungen bspw. Dystonien]
•Die Bewegungsstörung nimmt zu bei Aufmerksamkeitszuwendung und ab bei Aufmerksamkeitsentzug
[aber: Tic, bestimmte Tremorarten]
•Unerwartete Handlungsweisen des Untersuchers triggern die Bewegungsstörung, z.B. Erschrecken,
passive Bewegung der betroffenen Gliedmaße, Berühren von Triggerpunkten irgendwo am Körper)
[aber: Suggestibilität bei organischer Bewegungsstörung]
•Nicht organisch begründbare Schwächen der Gliedmaßen
•Nicht organisch begründbare Sensibilitätsstörungen, z.B. halbseitige Sensibilitätsminderung mit mittiger
Begrenzung
•Spuren von Selbstverletzung [aber: Tourette-Syndrom]
•Unphysiologisch langsame oder schnelle Bewegungsmuster
•Funktionsstörungen die durch das Ausmaß der Bewegungsstörung nicht begründet werden
•Hochabnorme Bewegungsmuster (Bizarre, vielfältige und schlecht zu klassifizierende Bewegungen
[aber: M.Wilson, Thalamische Läsionen, einige vererbbare Dystonien, andere]
Nach: Lang, A.E., a.a.O (2006)
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Argumente, die für eine nicht organisch begründete Störung sprechen...
(3)
Nach therapeutischer Beeinflussbarkeit:
•Fehlende Beeinflussbarkeit durch die gängigen Therapeutika [aber: Dystonien und manche
Tremorformen sind auch schlecht zu beeinflussen]
•Besserung nach Placebogabe [aber: im Einzelfall auch bei organischen Störungen möglich]
•Besserung oder Verschwinden unter Psychotherapie
Nach: Lang, A.E., a.a.O (2006)
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Inhaltsübersicht:
I.
Das Bio-Psycho-Soziale Krankheitsmodell
Impairment => Disability => Handicap
II.
Wirbelsäule und Nervensystem
Anatomie -- Physiologie -- Pathophysiologie
III.
Beschwerden und klinisch-neurologischer Befund
IV.
Befunde apparativer Zusatzuntersuchungen
•
neurophysiologische Befunde
•
Befunde bildgebender Verfahren
V.
Konversion -- Dissoziation -- Somatoforme Störung
VI.
Willensfähigkeit, komplexe Ich-Funktionen
und psychischer Querschnittsbefund
VII.
„Wirbelsäulenschmerz“
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Zwei richtige Aussagen ...
"
Es kann sein, dass ein Tierarzt, der nach einem
lebensgefährlichen Angriff durch einen Stier eine phobische
Störung entwickelt, deswegen berufsunfähig ist.
"
Nicht jeder Tierarzt, der nach einem lebensgefährlichen Angriff
durch einen Stier eine phobische Störung entwickelt, ist
deswegen berufsunfähig
nur, ist er jetzt berufsunfähig oder nicht?
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Widder, B., Aschoff, J. (1995): Somatoforme Störung und Rentenantrag: Erstellen einer Indizienliste zur quantitativen
Beurteilung des beruflichen Leistungsvermögens, Med. Sach. 91, 1, 14 ff.
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Die Skala Global Assessment of Functionning
Arbeitskreis OPD (Hrsg): Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik OPD-2;
Verlag Hans Huber 1. Aufl. 2006
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Die Skala EQ-5D (EuroQol-five-dimension) zur standardisierten
Erfassung des Psychosozialen Funktionsniveaus
aus: OPD-2 und DSM-IV-TR a.a.O:
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Bausteine des psychischen Befundes (I):
A) nach dem AMDP-System:
• Bewußtseinsstörungen
• Orientierungsstörungen
• Aufmerksamkeits- und
Gedächtnisstörungen
• Formale Denkstörungen
• Befürchtungen und
Zwänge
• Wahn
•
•
•
•
Sinnestäuschungen
Ich-Störungen
Störungen der Affektivität
Störungen des Antriebs und
psychomotorische Störungen
• Tageszeitliche Besonderheiten
• Andere Störungen
• [Somatischer Befund]
Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Psychiatrie (AMDP):
Das AMDP-System. Manual zur Dokumentation psychischer Befunde. 7. unveränd. Aufl.1995, 52 - 158
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Bausteine des gutachtlichen psychischen Befundes (III):
C) eigener Vorschlag einer Systematik:
Befunde analog dem AMDP (s.o.), und außerdem:
•
•
•
•
•
•
•
•
Äußeres Erscheinungsbild unabhängig
von Verhalten (beobachtbar)
Verhalten (bewusst/nicht bewusst;
beobachtbar)
Direktes Erleben während der
Untersuchung (beobachtbar, erlebbar)
Beziehung und Bindung (beobachtbar,
erlebbar)
Selbstwahrnehmung [u.-einschätzung]
Fremdwahrnehmung [u.-einschätzung]
Diskrepanz zwischen Selbst- und
Fremdwahrnehmung [u.-einschätzung]
Diskrepanz zwischen getanen und
zu erwartenden Äußerungen
•
•
•
•
•
•
Einsichts- und Urteilsfähigkeit
Introspektionsfähigkeit
Konstanz der Symptome während des
Untersuchungszeitraumes und in Bezug
zur Anamnese
Konsistenz der Symptome, unter
Einbezug körperlicher Befunde und
anamnestischer Angaben
Übertragungsgefühle (Gefühle auf seiten
des Untersuchten)
Gegenübertragungsgefühle (Gefühle auf
seiten des Untersuchers)
Fabra, M. (2004): Der psychische Querschnittsbefund, Dreh- und Angelpunkt psychiatrischpsychotherapeutischer Begutachtung. Versicherungsmedizin, 56, 3, 115 - 122
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Einschätzung der Krankheitsschwere und der
verbliebenen Willensfähigkeit anhand der sog.
komplexen Ich-Funktionen
#Realitätsprüfung und Urteilsbildung
#Beziehungsfähigkeit und Kontaktgestaltung
#Affektsteuerung und Impulskontrolle
#Selbstwertregulation und Regressionsfähigkeit
#Intentionalität und Antrieb
#Abwehrorganisation
Heigl, F.: Indikation und Prognose in Psychoanalyse und Psychotherapie. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 3. Aufl. 1987,
S. 137 f.;
Foerster, K. (2001): Stellenwert psychischer Störungen in der Begutachtung - Grundlagen der Begutachtung.
Med. Sach. 97, 2, 33 – 35; Franz, M., D. Schellberg, H. Schepank (1995): Indikatoren und Einflussfaktoren des Langzeitspontanverlaufs psychogener Erkrankugnen, ein Extremgruppenvergleich, PPmP Psychother., Psychosmom. Med. Psychol. 45, 41 –51;
Fabra, M. (2005): So genannte komplexe Ich-Funktionen, psychischer Querschnittsbefund und Einschätzung des
Leistungsvermögens in der Begutachtung psychogener Erkrankungen. I: Versicherungsmedizin, 57, 3, 133-136; II:
Versicherungsmedizin 57, 4, 178-181
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Abwehrmechanismen und zugeordnete Adaptationsniveaus
(mod. n. OPD-2)
•
•
•
•
•
•
•
•
•
•
•
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•
•
•
•
•
•
•
•
• Verleugnungsniveau:
Hochadaptives Niveau:
• Projektion
Affiliation
• Rationalisierung
Altruismus
• Verleugnung
Antizipation
• Niveau mit schwerer
Humor
Vorstellungsverzerrung:
Selbstbehauptung
Autistische Phantasie
Selbstbeobachtung
Projektive Identifikation
Sublimation
Spalten des Selbstbildes und des Bildes
Unterdrückung
anderer
Niveau mit psychischen
• Handlungsniveau:
Hemmungen
• Apathischer Rückzug
(Kompromissbildungen):
• Ausagieren
Affektisolation
• Hilfe zurückweisendes Klagen
Dissoziation
• Passive Aggression
Intellektualisierung
• Niveau mit Abwehrdysregulation und
Reaktionsbildung
(psychotischem) Bruch der Realität:
Ungeschehenmachen
• Psychotische Leugnung
Verdrängung
• Psychotische Verzerrung
Verschiebung
• Wahnhafte Projektion
Niveau mit leichter
Vorstellungsverzerrung:
Entwertung
Idealisierung
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Omnipotenz
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Beispiel eines psychischen Querschnittsbefundes bei psychogener
Bewegungsstörung (Konversionsstörung) oder somatoformer Schmerzstörung
hier zusätzlich mit willensgebundenen Anteilen (Rechtsgebiet: PBUZ) (I):
Der Betroffene ist mit eher hochwertigen Kleidungsstücken, jedoch wenig sorgfältig gekleidet, mit Stoppelbart
und grau-gelblichem Teint. Er nimmt in der Wartezone einen mürrischen Kontakt auf, erhebt sich unter
Signalisieren von Schmerz mit einem Stöhnen, und macht sich langsam unter Schmerz- und Unwillensäußerungen mit schlurfendem Gang auf seinen rechts geführten Handstock gestützt auf den Weg zum
Untersuchungsraum; dabei lehnt er sich zwischendurch mehrfach an der Wand an, schließt die Augen und atmet
tief durch. Er lässt sich dann schwerfällig auf dem dargebotenen Sessel nieder, rückt darauf mehrfach hin und her
und erklärt, dass er schmerzbedingt nicht lange sitzen könne. Die zunächst eingenommene Schonhaltung verliert
er jedoch mehr und mehr, je umfassender er von den Inhalten des gutachtlichen Interviews in Anspruch
genommen wird.
Der Betroffene hat sich genau überlegt was er sagen will und was nicht. Es ist ihm angelegen, seine
Rückenschmerzen und die dadurch bedingten Funktionsstörungen und Leistungsbehinderungen möglichst ins
rechte Licht zu rücken, so wie dies in einer Gutachtensituation ganz angemessen ist. Darüber hinaus ist er
bedacht darauf, an seinen Einschränkungen in seinem Gegenüber möglichst keinen Zweifel aufkommen zu lassen;
gewinnt er den Eindruck, dass solche Zweifel entstehen könnten, nimmt er sie bereits vorweg und sucht sie im
Vorwege durch Gegenargumente zu zerstreuen. Der Betroffene vermittelt Leidensdruck eines Ausmaßes wie es
den geschilderten Einschränkungen angemessen wäre, nicht. Erlebte Hilf- oder Hoffnungslosigkeit vermitteln sich
im Interview zu keinem Zeitpunkt, auch keine katastrophisierenden Kognitionen.
Der Betroffene gestaltet die Beziehung zum Untersucher eigenständig, eigenaktiv, vermeidet Blickkontakt nicht
und erhält eine einmal erreichte Intensität im Kontakt über den gesamten verbleibenden Verlauf der
Untersuchung aufrecht. Der Betroffene kennzeichnet sich im beruflichen und privaten Kontext als
„Führungspersönlichkeit“ und legt auch in der Gutachtensituation großen Wert auf Achtung und Anerkennung
seitens des Untersuchers, mit dem er möglichst „auf Augenhöhe“ zu kommunizieren sucht. Als sich in diesem
Punkt akzeptiert fühlen kann, lassen das Drängende und Fordernde in seinem Verhalten fühlbar nach. Gerade in
Kenntnis seiner Biographie hat man eher den Eindruck eines primär selbstunsicheren Menschen, der sich mit
hoher Willenskraft und entgegen den ihn abwertenden Vorwürfen seines Vaters an die Spitze des ehemals
elterlichen Betriebes gekämpft hat, dessen von ihm unverschuldeter Konkurs ihm erheblich zusetzt. ...
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Beispiel eines psychischen Querschnittsbefundes bei psychogener
Bewegungsstörung (Konversionsstörung) oder somatoformer Schmerzstörung
hier zusätzlich mit willensgebundenen Anteilen (Rechtsgebiet: PBUZ) (II):
Seitens des inhaltlichen Denkens findet sich der Betroffene gefangen in seinem Leiden, kann sich einerseits nur
schlecht daraus lösen und sich anderen Inhalten zuwenden, lässt sich auf der anderen Seite aber in dieses Leiden
auch willensgebunden ein Stückweit hineingleiten. Trotzdem gelingt es ihm nicht, etwa bei der Schilderung seiner
momentanen Lebenssituation zusammenhängend von den Unternehmungen mit seinen Söhnen zu berichten,
sondern er wird immer wieder von Gedanken und Gefühlen von Leiden, Missgunst anderer und subjektivem
Übervorteiltwerden, eingeholt.
Der Betroffene hat wenig Sinn für Körper-Seele-Zusammenhänge sondern ein ausgeprägt körperliches
(somatisches) Krankheitsverständnis, zieht verschiedentlich Analogien zwischen seinem Körper und seinem PKW,
den er zur Reparatur gebe, wonach er wieder funktionieren müsse. Er äußert sein Unverständnis darüber „...dass
die Ärzte dies bei mir nicht hinbekommen“. Wahnhaftes findet sich nicht, kein Hinweis für Trugwahrnehmungen
in der Gutachtensituation oder für die Vergangenheit, regelhaftes Ich-Erleben, keine eigenständig krankhafte
Neigung hypochondrischer Selbstbeobachtung.
Das formale Denken ist nicht gestört, einzelne Gedanken bauen logisch aufeinander auf, der Gedankengang ist
flüssig, normal schnell, regelhafter Sprechduktus.
Kognitive und mnestische Funktionen sind nicht gestört, der Betroffene ist nicht umstellerschwert, weiß wichtiges
von unwichtigem gut zu unterscheiden und verliert sich nicht in Details. Er ermüdet wärhrend des 2 Stunden
währenden Interviews nicht vorschnell und beweis angemessene Erinnerungsstrategien.
Affektiv ist der Betroffene häufig am Rande der Contenance, er beherrscht sich in seinen Unmutsäußerungen nur
mit Mühe, wobei er auch den Untersucher mit Kritik und persönlichen Angriffen nicht ausspart. Affektsteuerung
und Impulskontrolle sind gemindert. Der Untersuchte ist überwiegend in einem moros-vorwürflichen Affekt
gefangen, in diesem Rahmen aber moduliert. Er ist erhöht affizierbar, von verminderter affektiver Reserve, jedoch
nicht erhöht affektdurchlässig. Die Stimmung ist herabgesenkt, der Antrieb eher vermehrt und wird zielgerichtet
eingesetzt. Eine depressive Hemmung der Ausdrucksbewegungen besteht nicht, im gegenteil begleitet der
Betroffene was er sagt mit lebhafter angemessener Mimik und Gestik. Kein Hinweis aktueller Suicidalität.
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„...Puhhh, das war schwere Kost, jetzt ist aber Schluss!“
Körperlich krank?
seelisch krank?
oder simuliert?
Wertigkeit und Funktion
des klinischen Befundes
in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Begutachtung
--- Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit !
Matthias Fabra
Medizinisches Gutachteninstitut Hamburg
[email protected]
Ende!!!
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