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Daoistische innere Kultivierung und Heilkunde
Vortrag im Rahmen der Denkwerkstatt am 7. März 2014
Friedrich Kofler
Bei der Beschäftigung mit „Lebensenergie“ kommt dem Daoismus eine entscheidende
Rolle zu. In einer mehr als 2000 Jahre dauernden Tradition haben die Daoisten im
Umgang mit Qi eine Meisterschaft entwickelt, die sowohl zur Entwicklung außergewöhnlicher Fähigkeiten als auch zu einer sehr wirksamen Heilkunde führte.
Im vorliegenden Referat werden in der gebotenen Kürze die philosophischen Grundlagen, die Methoden der Kultivierung und deren Anwendung in der Heilkunde
dargestellt.
Wikipedia definiert Daoismus in folgender Weise:
Der Daoismus (chinesisch 道教, Pinyin dàojiào ‚Lehre des Weges‘), gemäß
anderen Umschriften auch Taoismus, ist eine chinesische Philosophie und
Weltanschauung und wird als Chinas eigene und authentische Religion
angesehen. Seine historisch gesicherten Ursprünge liegen im 4. Jahrhundert
v. Chr., als das Daodejing (in älteren Umschriften: Tao te king, Tao te ching,
u.a.) des Laozi (Laotse, Lao-tzu) entstand.
Neben Konfuzianismus und Buddhismus ist der Daoismus eine der Drei
Lehren (三教, sānjiào), durch die China maßgeblich geprägt wurde. Auch
über China hinaus haben die Drei Lehren wesentlichen Einfluss auf Religion
und Geisteswelt der Menschen ausgeübt. In China beeinflusste der Daoismus
die Kultur in den Bereichen der Politik, Wirtschaft, Philosophie, Literatur,
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Kunst, Musik, Ernährungskunde, Medizin, Chemie, Kampfkunst und
Geographie.
Das Dao wird in Wikipedia weiter dann so definiert:
Das Wort „Daoismus“ leitet sich ab von „Dao“ (Tao), einem Begriff der
chinesischen Philosophie, der bereits vor dem Daodejing verwendet wurde,
aber erst in diesem Text seine zentrale Stellung und besondere, universale
Bedeutung erhielt. „Dao“ bedeutete ursprünglich „Weg“, im klassischen
Chinesisch aber bereits „Methode“, „Prinzip“, „der rechte Weg“. Bei Laozi
nimmt dann der Begriff des Dao die Bedeutung eines der ganzen Welt
zugrunde liegenden, alldurchdringenden Prinzips an. Es ist die höchste
Wirklichkeit und das höchste Mysterium, die uranfängliche Einheit, das
kosmische Gesetz und Absolute. Aus dem Dao entstehen die „zehntausend
Dinge“, also der Kosmos, und auch die Ordnung der Dinge entsteht aus ihm,
ähnlich einem Naturgesetz, doch ist dem Dao selbst kein omnipotentes
Wesen zuzuschreiben, sondern es ist Ursprung und Vereinigung der
Gegensätze, womit es letztlich undefinierbar ist.
Einerseits gab es einen regen Austausch daoistischer Ideen mit dem Buddhismus und
dem Konfuzianismus, andererseits legten die Daoisten immer auf Abgrenzung wert.
Ihre Lebensführung und die Realisierung ihrer Ansprüche in der inneren Kultivierung
machte sie oft zu Außenseitern, die auch als Einsiedler und eher im Verborgenen
wirkten. Insbesonders in der Zeit des Maoismus wurden die daoistischen Meister und
Adepten verfolgt und viele ermordet, so dass sehr viel dieser Kultur verloren ging. Auch
bei der Verbreitung der Fähigkeiten in den Westen verfügten nicht alle, die sich als Qi
Gong Meister ausgaben, über die wahre Meisterschaft, die sie für sich in Anspruch
nahmen und wirtschaftlich verwerten wollten.
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Zum besseren Verständnis der Grundlagen der daoistischen Heilkunde sollen einige
Merkmale der daoistischen Philosophie skizziert werden:
1) Der leere Raum
Ewig ist lediglich der leere Raum, dem im Daoismus daher eine besondere Bedeutung
zukommt. Alle Dinge sind vergänglich, selbst die Erde und die anderen Himmelskörper
sind zwar sehr langlebig, aber nicht ewig. Der Raum, in dem sich etwas manifestiert ist
somit von besonderer Bedeutung, das Ding (oder die physische Gestalt des Lebendigen)
an sich ist weniger wichtig. Dieser ursprüngliche leere Raum ist auch nach der
Erschaffung der 10.000 Dinge (also der gesamten Welt) weiterhin in Form des
Universums präsent und eine wichtige unerschöpfliche Energiequelle.
2) Das Natürliche
Das Dao bestimmt die Abläufe der Welt. Das „von sich aus so Seiende“ und das „sich
von sich aus so Entwickelnde“ sind Fundamente der daoistischen Weltanschauung. Der
Kluge wird im Einklang mit dem Dao handeln und nicht versuchen, dagegen
anzukämpfen. Der Mensch ist Teil des Natürlichen und hat keine bevorzugte Stellung,
der Daoismus ist somit nicht anthropozentrisch.
3) Wandel und Relationalität
Alle Dinge unterliegen einem permanenten Wandel und definieren sich aus ihrer
Beziehung zu anderen Dingen. Die Zeit hat keinen linearen Verlauf sondern besteht aus
einer Vielzahl sich wiederholender Zyklen. Diese ständige Veränderung bestimmt auch
das Lebendige und seine Rolle in der Natur.
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4) Makrokosmos gleich Mikrokosmos
China war ein agrarisch geprägtes Land, sodass der Himmelsbeobachtung seit jeher
eine wichtige Rolle zukam. Die himmlischen Zyklen fanden sich auch im Alltag durch
Jahreszeiten, Wetter und andere Abläufe wieder und wurden auch auf die Abläufe des
Lebens übertragen.
5) Handeln durch Nichthandeln
Das „Handeln durch Nichthandeln“ ergibt sich unmittelbar aus dem Gebot, „dem Dao zu
folgen“. Einerseits bedeutet es, sich nicht gegen „natürliche“ Entwicklungen zu stellen
und dabei seine Kräfte zu vergeuden, andererseits aber durchaus auch, die Kräfte der
Natur in intelligenter Weise für sich zu nutzen. Ein bekanntes Gleichnis aus dem
Zhuangzi1 ist der Fleischer, der das Fleisch so geschickt zerteilt, dass sein Messer
niemals stumpf wird.
1
Der „Zhuangzi“ (siehe Literaturverzeichnis [18]) ist neben dem Tao de King die zweite
klassische Schrift des Daoismus.
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Das Wuji beschreibt die Leere, die sich auf einen Zustand der Existenz vor der
Differenzierung bezieht. Es repräsentiert die „Eins“, als Ergebnis eines Prozesses, der in
der Leere beginnt und der alle anderen umfasst.
Der Punkt, an dem der Übergang von Nichts zu Etwas geschieht, wird als ein Moment
beschrieben, an dem das Qi zu vibrieren beginnt.
Dieser dynamische Zustand der Existenz wird durch das Taiji symbolisiert, in dem sich
eine statische Kraft zu einer dynamischen Kraft differenziert. Das Resultat ist die
Bildung von yin und yang, aus deren Zusammenspiel alle Dinge, alles Leben und jede
Form von Existenz entstehen.
Taiji beschreibt somit die Reduktion allen Seins auf die Grundelemente Materie und
Energie.
Das Zeichen beschreibt die dynamische wechselseitige Abhängigkeit und Bedingung, die
jeweils ein Ganzes bilden. Das dunkel gezeichnete Yin entspringt der Erde (dem reinen
Yin) und bildet die Formen. Das hell gezeichnete Yang kommt vom Himmel (dem reinen
Yang) und bringt die Energie in die Materie, die z.B. für die Aufrichtung sorgt.
Diese wechselseitige Abhängigkeit und Komplementarität zwischen Materie und Energie,
Struktur und Aktion, Form und Inhalt bestimmt in hohem Maß das daoistische
Weltverständnis.
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Die Dreiheit von Himmel – Mensch – Erde ist ein immer wiederkehrendes Bild der
daoistischen Weltsicht. Die Menschen sind mit Himmel und Erde verbunden und
beziehen von dort die Energie: Das Yang des Himmels und das Yin der Erde. 2
Innerhalb des Menschen und aller seiner Teile (von der Zelle bis zum gesamten
Menschen) manifestiert sich dieses Kontinuum in Shen, Qi und Jing, die gemeinsam als
die „3 Schätze“ des Menschen bezeichnet werden.
Shen bedeutet zunächst „Geist“, ist aber ein sehr umfassender Begriff aller
emotionalen, intellektuellen und spirituellen Lebensäußerungen. Shen ist auch die
dominierende Qualität, die Qi und Jing lenkt.
Qi bezeichnet das vitale und transformative Potenzial in seiner funktionalen Ausprägung
als funktionale Kraft aller Teile des Körpers. Es steht zwischen den körperlichen und den
geistig- spirituellen Aspekten des Lebens. Im nächsten Abschnitt wird das genauer
ausgeführt.
Jing bezeichnet die fundamentalen Substanzen, die den Körper bilden. Ganz besonders
bezeichnet es auch die reproduktiven Essenzen Ei und Samen. Jing bezeichnet die
Ursubstanz, die das Leben und die Körperfunktionen aufrecht erhält.
Die Drei Schätze (San Bao) sind ein gemeinsamer Begriff für Jing, Qi und Shen, der
die konstituierende Gesamtheit dieser 3 Elemente betont und insbesonders in den
Praktiken der Inneren Kultivierung eine Rolle spielt.
2
„Der gelbe Kaiser“ [9] ist ein Klassiker der chinesischen Medizin, ca. 200 v. Chr.
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Qi3 wird im Chinesischen sehr umfassend verwendet und hat eine Vielzahl von
Bedeutungen, die eine Übersetzung mit einem Wort unmöglich machen. Die
gebräuchlichen Übersetzungen als „Energie“ oder „Lebenskraft“ erfassen nur
Teilaspekte des Begriffs. Nachfolgend sind einige Definitionen von Qi angeführt, um das
Spektrum des Begriffs deutlicher zu machen:
The Encyclopedia of Taoism [15]
Qi is positioned between essence and spirit and therefore at the intersection
point between matter and mind. Whereas jing is a carrier of life and has a
nourishing function, qi is a dynamic force and has a transforming function.
The term originally means “vapor.”
Manfred Porkert: Die Chinesische Medizin [14]
In der Vorstellung der Chinesen ist der Mensch ein „Qi“, eine bestimmte
energetische Konstellation, und nicht – wie im Westen – ein Körper, dem
Geist und Seele innewohnen.
Ge Hong (Baopuzi) im Werk „Yangshen“ (aus U. Olvedi: Das stille Qi Gong nach Meister
Zhi Chang Li“) [4]:
Der Mensch ist von Qi umgeben und das Qi ist im Menschen. Himmel und
Erde sind erfüllt von Qi und von allen Lebewesen der Welt gibt es keines, das
ohne Qi leben könnte. Wer das Qi meistert, nährt den Körper von innen.
3
„Gelber Kaiser“ [9]; „Health and Long Life: The Chinese Way“ by Livia Kohn in co-operation
with Stephen Jackowicz, Three Pines Press 2005
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In der Folie sind 2 Schriftzeichen für Qi angeführt, wobei das linke Zeichen das bei
weitem bekanntere und gebräuchlichere ist. Das Schriftzeichen könnte als „Dampf über
Reis“ gedeutet werden und bezeichnet das Qi im Körper. Also jene Kräfte, die durch
Atmung und Nahrung dem Körper zugeführt werden und die Lebensfunktionen aufrecht
erhalten. Die bekannten Methoden zur Pflege des Qi (z.B. Qi Gong, Tai Ji) und in der
chinesischen Medizin (z.B. Akupunktur) beziehen sich auf diese Form des Qi.
Daneben gibt es noch eine zweite Form des Qi, dessen Schriftzeichen aus „Leere über
Feuer“ gebildet wird, und das sowohl als „vorgeburtliches Qi“ oder als „Qi des frühen
Himmels“ oder als konstitutionelles Qi bezeichnet werden kann. Dieses Qi wird jedem
Menschen bei seiner Geburt mitgegeben und verbraucht sich im Lauf der Zeit. Der Tod
tritt ein, sobald es aufgebraucht ist.
Durch Methoden der inneren Kultivierung und in der Heilkunde kann dieses Qi
eingesetzt, regeneriert und vermehrt werden. Damit kann eine Verlängerung des
eigenen Lebens oder es können in der daoistischen Heilkunde ungewöhnliche
Heilerfolge erreicht werden.
„The Enzyklopedia of Taoism“ [15] schreibt dazu:
Similarly, qi exists as “precelestial breath (or pneuma)” (xiantian zhi qi 先天之
氣), also called Original Breath or Original Pneuma (*yuanqi), and as “postcelestial breath (or pneuma)” (houtian zhi qi 後天之氣). These different aspects
are represented by two different forms of the word qi: the graph for precelestial qi (炁) is explicated as breath or pneuma “without the fire (of desire).”
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Qi Gong ist ein Begriff, der erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts eingeführt wurde und
eine breite Palette von körperlichen, mentalen und spirituellen Übungen beschreibt. Die
traditionelle Bezeichnung war „Daoyin“ (Übungen des Dehnens und Leitens) und es
werden dabei äußere Übungen (Wai Dan) und innere bzw. stille Übungen unterschieden
(Nai Dan).
Zu Wai Dan gehören auch die Kampfkünste und Bewegungsübungen im Qi Gong wie
etwa die 8 Brokate oder die 5 Tiere. Auch bei diesen Übungen steht der energetische
und mentale Aspekt im Vordergrund und nicht die körperlichen Bewegungen. Trainiert
wird primär die Verbesserung des Qi- Flusses (氣) im Körper aber auch die Fähigkeit zur
Wahrnehmung von Qi. Gedehnt wird in erster Linie die Aufmerksamkeit in der
bewussten Ausführung dieser Übungen und der Wahrnehmung der erreichten QiBewegungen. In diesem Sinne sind die Übungen des Wai Dan auch Voraussetzung und
ständige Begleitung für die innere Kultivierung.
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Die innere Kultivierung umfasst die Atemübungen und die inneren Qi Gong Übungen
des „Stillen Qi Gong“. Die Übungen reichen zurück ins erste vorchristliche Jahrtausend
und dienen der Verbesserung der Gesundheit und der Verlängerung des Lebens.
In daoistischer Auffassung gibt es eine dem Dao entsprechende Lebensdauer des
Menschen von 100 (bzw. 120 Jahren), die bei einem dem Dao entsprechendem
Lebenswandel erreicht werden. Durch die Belastungen des Lebens wird diese
Lebensspanne aber nicht erreicht. Ziel der Übungen ist zunächst vorzeitiges Sterben zu
verhindern, in weiterer Folge geht es um das Erreichen einer spirituellen
Unsterblichkeit.
In den meditativen Übungen wird Kontrolle über den Qi-Fluss und die Wahrnehmung
der Bewegungen des Qi erlernt. Das Qi wird im Körper angereichert und dadurch die
Gesundheit verbessert. Voraussetzung für das Gelingen der Übungen ist das Erreichen
von mentaler Stille und einer bewegungslosen Wachheit.
„ The Enzyklopedia of Taoism“ [15] dazu:
Neidan. The idea of transmuting jing, qi, and shen is especially important in
neidan, where the phrases “refining essence into pneuma” (lianjing huaqi 鍊精
化氣), “refining pneuma into spirit” (lianqi huashen 鍊氣化神), and “refining
spirit and reverting to Emptiness” (lianshen huanxu 鍊神還虛) define the three
main stages of the inner alchemical practice.
In neidan, jing is refined by repeatedly making it ascend along the back of the
body and then descend along the front of the body (see *zhoutian). Qi is
cultivated through meditation, stillness of mind, and breathing practices such
as “embryonic breathing” (*taixi).
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Grundlegend für das Gelingen von Übungen des Stillen Qi Gong und der internen
Alchemie ist die Beherrschung energetischer Atemmethoden. In den chinesischen
Texten wird nicht zwischen „normaler“ Lungen- bzw. Luftatmung und energetischem
Atem unterschieden, gelegentlich werde für den energetischen Atem ausdrücke wie
„wahrer Atem“ verwendet. Viele der in den alten Schriften beschriebenen Übungen
können nur bei entsprechender Kenntnis der energetischen Atemmethoden ausgeführt
werden, die Teil der mündlichen Überlieferung sind.
In der oben angeführten Aufzählung sind die tiefe Bauchatmung, die Ganzkörper- und
die Embryonalatmung Methoden des energetischen Atmens, wobei die Lotusblüte das
mentale Öffnen und Schliessen im Unterbauch symbolisiert, das die Basis für den
energetischen Atem ist.
In unserem Kontext ist der energetische Atem eine unverzichtbare Voraussetzung, um
wirksam und ohne Belastung des eigenen Qi-Feldes im Zuge von Heilmethoden Qi
kontrolliert abgeben zu können.
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Auch wenn die Grenze zwischen „Innerer Kultivierung“ und „Innerer Alchemie“ fließend
ist, so wird hier darunter eine anspruchsvolle Übungsform verstanden, bei der
Meisterschaft im inneren Umgang mit Qi (炁 ) erlangt wird. In „Awakening to Reality“4
heißt es dazu:
The Taoist ideal is calling the wind and summoning the rain, transforming the
four seasons, giving commands to the spirits and returning to life after death.
Dabei wird der Ablauf der Entstehung der Welt umgekehrt: Aus Drei wird Zwei und aus
Zwei wird Eins – also die Leerheit und ursprüngliche Harmonie.
Die Grafik, das Nei Jing Tu, entstammt einem Steinabrieb aus dem Weiße Wolke Tempel
in Beijing (Baiyun guan ) und stellt nicht nur eine energetische innere Landkarte des
Menschen dar, sondern gibt eine sehr genaue Anleitung für eine alchemistische Praxis
wieder.
Die Methoden der inneren Alchemie können nur in direkter Weitergabe von einem
Lehrer erlernt werden. Die Beschreibungen in den alten Texten sind von Wissenden für
Wissende geschrieben und reichen als Anleitungen nicht aus.
Bei Needham „Science and Civilisation in China“ [13] steht:
For an earlier volume of Science and Civilisation in China I had studied the
theoretical foundations of alchemy. […...] Their aims turned out to be, not
learning about the properties, composition and reactions of substances, but
using known chemical processes to create small models of cosmic cycles and
using them for spiritual selfcultivation, or else manufacturing elixirs of
immortality to ingest themselves or to provide to others.
4
„Awakening to Reality – The „Reulated Verses“ of teh Whuzen pian, a Taoist Classic of
Internal Alchemy. Translated […] by Fabrizio Pregadio, Golden Elixir Press 2009
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Die chinesische Medizin setzt in hohem Maß auf Prävention. Abweichungen vom
ausgeglichenen Qi- Fluss frühzeitig zu erkennen und zu korrigieren ist vorrangiges Ziel.
Im gelben Kaiser [9] heißt es dazu:
„Der Mustergültige heilt nicht Krankheit, die bereits ausgebrochen ist, sondern
Krankheit, die noch nicht ausgebrochen ist;[...]. Denn eine Krankheit verarzten,
die sich bereits voll entfaltet hat, [..] das ist, als wenn man einen Brunnen zu
graben anfängt, sobald man Durst verspürt, als ob man Waffen zu schmieden
beginnt, wenn man bereits in den Kampf verwickelt ist. Ist es da nicht schon zu
spät?“
Die oben angeführten Ursachen von Krankheiten zeigen auch, dass solche Faktoren
angeführt sind, die die Widerstandskraft schwächen und ein dynamisches Gleichgewicht
des Qi stören können.
Dem entspricht auch die Vorgangsweise in der daoistischen Heilkunde. Es geht nicht um
die Korrektur einzelner Symptome und der Ausdrucksformen einer Erkrankung, sondern
um das Erkennen der grundlegenden Ursachen und um die Wiederherstellung eines
stabilen und ausgeglichenen Qi- Flusses. Die daoistische Heilkunde abstrahiert hier sehr
stark und interessiert sich nicht für die Details der Auswirkungen. Es werden aber
immer alle 3 Ebenen von Körper, Energie und Geist behandelt.
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Der wesentliche Unterschied der daoistischen Heilkunde von allen anderen
Vorgangsweisen auch in der chinesischen Medizin ist die Behandlung auf Basis der
energetischen Entwicklung des/der TherapeutIn.
Entscheidend ist nicht das technische Wissen über Körperfunktionen und energetische
Zusammenhänge, sondern die Fähigkeit zur Wahrnehmung von Qi und zur
kontrollierten Abgabe unterschiedlicher Ausprägungen des Qi. Je besser die innere
Kultivierung ausgebildet und je größer die methodische Vielfalt in der Adressierung des
Qi der KlientIn ist, umso höher wird die therapeutische Wirksamkeit ausfallen.
Für die Behandlung nimmt der/die TherapeutIn den selben mentalen Zustand ein, der
auch Voraussetzung für die Übungen in der inneren Kultivierung ist. Der Behandlungsverlauf ist dann eine weitgehend mentale Tätigkeit, bei der die Berührungen über die
Handflächen oder Fingerspitzen nur Werkzeug, aber nicht entscheidend sind. Aus der
äußeren Beobachtung lassen sich keine Erkenntnisse über die tatsächlichen Abläufe
gewinnen.
Dies gilt auch für die eher körperorientierten Methoden wie An Mo (drücken – reiben)
bzw. Tuina (schieben - greifen), die energetisch weit intensiver ausgeführt werden, als
es der äußere Anschein vermuten lässt.
Nach Abschluss einer Behandlung muss der/die TherpeutIn bewusst in das
Alltagsbewusstsein zurückkehren.
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Das menschliche Energiesystem ist durch eine Reihe von Kreisläufen geprägt, die
innerhalb und außerhalb der Grenzen des physischen Körpers verlaufen.
Der grundlegende Energiefluss geht – vom Himmel kommend – entlang des Rückens zu
den Beinen und gegenläufig – von der Erde kommend – Richtung Kopf. Nur wenn diese
Grundströmung ausreichend intensiv und ungestört verläuft, ist Gesundheit möglich.
Für einen guten Heilungsverlauf muss bei allen Erkrankungen dieser Energiefluss
stabilisiert und gestärkt werden.
In dieser chinesischen Sicht gibt es ein sehr plausibles Bild für die Funktion dieses
Kreislaufs. „Wasser“ ist eine der zahlreichen Metaphern für Yin, „Feuer“ die
Entsprechung für Yang. Aufgabe dieses Kreislaufs ist es, das Feuer unter den
Wasserkessel zu bringen, damit das Wasser gut gewärmt wird und seine nahrhafte Rolle
erfüllen kann. Das entspricht auch dem anfangs (in Folie 3) gezeichneten Bild des vom
Himmel kommenden Yang, das das von der Erde kommende Yin belebt. Ist dieser
Kreislauf gestört, so bleibt das Feuer oberhalb des Wassers und es kommt zur „leeren
Hitze“ im oberen Bereich des Körpers bzw. zu Kälte und Nässe im unteren Bereich.
Beides bewirkt sehr vertraute Krankheitsbilder.
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Innerhalb des menschlichen Körpers gibt es eine Vielzahl energetischer Ströme. Am
bekanntesten ist das in der TCM verwendete (mittlere) Bild der 12 Leitbahnen als
Verbindung der (ca.) 360 Akupunkturpunkte. Diese Struktur wird auch in der
daoistischen Heilkunde mit weitgehend den selben Bedeutungen verwendet. Die
Meridiane werden aber weniger in der durch die Darstellung nahegelegten Sicht als
lineare Verbindungen des Energieflusses zwischen Punkten betrachtet, sondern sie
werden als Indikatoren für eine organspezifische Gewichtung der Energieströme im
Körper gesehen (rechtes Bild).
In der Akupunktur haben die 8 außerordentlichen Gefäße (oder „Wundermeridiane“)
weniger Bedeutung, sie sind jedoch als Energiespeicher und „Ausgleichsgefäße“ von
besonderer Bedeutung. In der daoistischen Heilkunde kommt ihnen eine mehrfache
Wichtigkeit zu: Die außerordentlichen Gefäße sind sowohl Träger des konstitutionellen
Qi (炁) als auch des körpereigenen Qi (氣)und haben daher eine wichtige Vermittlerrolle
zwischen den beiden Qi- Qualitäten.
Techniken der daoistischen Heilkunde ermöglichen das Nähren der außerordentlichen
Gefäße und somit die Zuführung von neuem Qi, wenn eine Störung durch einen QiMangel begründet ist. Dieses „Auffüllen“ mit frischem Qi bildet einen wesentlichen
Unterschied zur Akupunktur, wo das Ansprechen der Wundermeridiane immer mit dem
Risiko einer Schwächung verbunden ist.
Bereits in der Beschreibung der inneren Kultivierung und Alchemie wurde deutlich, dass
der gesamte Körper und seine Umgebung durch Energieflüsse bestimmt sind. Auch die
daoistische Heilkunde bezieht sich auf dieses umfassende Verständnis der Energieflüsse
und beschränkt sich bei den energetischen Interventionen nicht auf die durch die
Meridiane vorgegebenen Strukturen.
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In der daoistischen Heilkunde erfolgt die Behandlung eines/r Kranken in einem sehr
gesamthaften Ansatz.
Zunächst muss sich der/die TherapeutIn in einen für die Behandlung geeigneten
Zustand der „ursprünglichen Harmonie“ versetzen. Dazu gehören die vollständige
Entspannung und das Besänftigen des „denkenden Geistes“. In diesem höchst
konzentrierten Zustand werden dann Methoden der Energiewahrnehmung und der
Energieabgabe eingesetzt. Die korrekte Ausführung dieser Methoden gewährleistet
auch, dass der/die TherapeutIn nicht die eigenen Energien verbraucht und in kürzester
Zeit selbst geschwächt wäre.
Die Intervention erfolgt auf allen energetischen Ebene aufgrund der Einschätzung des
aktuellen energetischen Zustands durch den/die TherapeutIn. Im Umgang mit Punkten
der Leitbahnen werden ausschließlich energetische Methoden eingesetzt, indem
vorwiegend über die Fingerspitzen der Zustand wahrgenommen und Energie abgegeben
wird. Neben diesen bekannten Ebenen werden Energiebereiche mit besonderer
Bedeutung für das gesamte Energiebild angesprochen oder ein Energieausgleich
zwischen Körperstellen durchgeführt. Weiters werden Methoden eingesetzt, die ohne
Berührung Einfluss auf das Energiefeld innerhalb und außerhalb des Körpers des/der
KlientIn nehmen.
Bei allen Behandlungen sollen alle 3 Ebenen des energetischen Systems angesprochen
werden. Die Leitbahnen und Punkte zählen zur körperlichen Ebene, auf Qi Ebene
werden die grundsätzlichen Energieströme angesprochen während (ebenfalls)
berührungslose Methoden eingesetzt werden, um die Shen- Ebene zu erreichen. Die
Intensität und Verteilung, in der diese Ebenen einbezogen werden, variiert nach
aktueller Einschätzung des energetischen Zustands.
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Die daoistische Philosophie lehrt den Respekt vor den natürlichen Abläufen und dem
„von selbst so Seienden“. Daoistisches Verhalten empfiehlt die Reduktion auf das
Wesentliche und die Konzentration auf die inneren Empfindungen. In der Ausführung
der Praktiken wird die Aufmerksamkeit der Sinne nach Innen gerichtet und dabei
kommen Empfindungen zu Tage und können Fähigkeiten entwickelt werden, die weit
jenseits des normalen Alltagsbewusstseins liegen.
Daraus ergibt sich ein Bild einer durch Energien bestimmten Welt, wo die körperlichen
Erscheinungen der Dinge und des Lebens in den Hintergrund treten und der
permanente Wandel aller Erscheinungsformen wichtig wird. Die Praxis der inneren
Kultivierung ermöglicht ein unerwartet intensives Ausmaß der Sensibilität und der
Möglichkeiten zur Beeinflussung dieser energetischen Vorgänge, wobei Meisterschaft
nur mit sehr ausdauernder Praxis und unter kluger Anleitung eines/r LehrerIn erreicht
werden kann.
Die daoistische Heilkunde ist ein integraler Bestandteil dieser Kultur. Das Erfordernis zur
eigenen inneren Kultivierung und zur Entwicklung energetischer Fähigkeiten des/der
TherapeutIn unterscheidet diese Methode von (fast) allen anderen (modernen)
Heilmethoden. Nicht das medizinische und technische Fachwissen stehen im
Vordergrund, sondern die Intensität und Empathie des energetischen Dialogs zwischen
Behandelndem und Behandeltem bestimmen den Heilerfolg.
5
Tao de King, Vers 48: siehe [3]
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Empfohlene Literatur
[1] Cohen, Kenneth: „Qi Gong“, Weltbild Verlag 2006 (Originaltitel: „Qigong. Art and
Science of Chinese Energy Healing“)
[2] Kaptchuk, Ted J.: „Das große Buch der chinesischen Medizin“, Fischer Taschenbuch
2006 (Originaltitel: „The Web That Has No Weaver“)
[3] Laotse: „Tao te King“, unterschiedliche Übersetzungen, z.B. „Eine zeitgemäße
Version für westliche Leser“, Übersetzung von Peter Kobbe, Goldmann 21628, 2003
[4] Olvedi, Uli: „Das stille Qi Gong nach Meister Zhi-Chang Li“, Ullstein Taschenbuch
74107, 2004 (verschiedene Ausgaben verfügbar)
[5] Williams, Tom: „Was das Qi zum Fließen bringt“, Aurum Verlag 1996
[6] Zhang Yu Huan/ Ken Rose: „Den Drachen reiten – Die kulturellen Wurzeln der
trditionellen chinesischen Medizin“, O. W. Barth 2001
Weitere Literatur
[7] Bertschinger, Richard: „Cantong Qi – Das Dao der Unsterblichkeit“, Wolfgang Krüger
Verlag, 1997 (Originaltitel: „The Secret of Everlasting Life“)
[8] Chia, Mantak: „Tao Yoga der inneren Alchemie“, Heyne 1990
[9] „Der gelbe Kaiser“ (Huang Di nei jing su wen) - unterschiedliche Ausgaben, z.B.
herausgegeben von Dr. Maoshing Ni, O. W. Barth 1995
[10] Kohn, Livia: „Introducing Daoism“, Routledge 2008
[11] Lade, Arnie: „Selbtsheilung mit Qi“, O. W. Barth 2004
[12] Mayor, David and Micozzi, Mark S.: „Energy Medicine East and West – A Natural
History of Qi“, Elsevier 2011
[13] Needham, Joseph: „SCIENCE AND CIVILISATION IN CHINA , VOLUME  , BIOLOGY
AND BIOLOGICAL TECHNOLOGY “, PART VI: MEDICINE , Cambridge University
Press 2004 (auch als eBook)
[14] Porkert, Manfred: „Die chinesische Medizin“, Econ Verlag 1982
[15] Pregadio , Fabrizio (edited by): THE ENCYCLOPEDIA OF TAOISM , The Golden Elixir
, Routledge 2008
[16] Unschuld, Paul U.: „Medizin in China – Eine Ideengeschichte“, Verlag C. H. Beck
1980
[17] Wang Mu: „Foundations of Internal Alchemy“, Translated and edited by Fabrizio
Pregadio, Golden Elixir Press 2011
[18] Zhuangzi Auswahl, Reclam 18256, 2003
Einige Webadressen
http://www.zhichangli-akademie.at
http://www.qigong-zentrum-muc.de
http://www.classicalchinesemedicine.org/
http://www.goldenelixir.com
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