Elektrische Synapse - Ruhr

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Neuroanatomie
Medizin
NEUROrubin 2003
„Aschenputtel“ unter den
Zellkontakten: Elektrische Synapse
Abb. 1
R. Dermietzel
C. Meier
G. Zoidl
D
as weitverbreitete Verständnis des
Übertragungsmechanismus von
elektrischen Impulsen in Nervenzellen
schließt chemische Botenstoffe ein, die
an bestimmten Kontakten (Synapsen)
abgegeben werden. Diese sog. Neurotransmitter vermitteln das Signal an
nachgeschaltete Nervenzellen weiter.
Heute weiß man, dass zahlreiche solcher Botenstoffe existieren und für
fundamentale Prozesse der Signalverarbeitung im Nervensystem verantwortlich sind. Eine ganze Reihe von Erkrankungen des zentralen Nervensystems beruhen auf dem Verlust eines bestimmten Botenstoffes, z. B. des Dopamins bei der Parkinson-Erkrankung.
Die meisten Neuropharmaka wie Beruhigungsmittel und Antidepressiva greifen in den Stoffwechsel der Neurotransmitter ein, indem sie Veränderun-
Prof. Dr. Rolf Dermietzel, Dr. Carola
Meier, Dr. Georg Zoidl, Institut für Anatomie, Neuroanatomie und Molekulare
Hirnforschung, Medizinische Fakultät
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gen des Erregungszustandes in ganz
bestimmten Hirnregionen dämpfen oder
stimulieren. Die Möglichkeit in den
Haushalt der Botenstoffe einzugreifen
und über Störungen ihres Stoffwechsels neurologische und psychiatrische
Erkrankungen erklären zu können, hat
chemische Synapsen zu einem Schwerpunkt neurowissenschaftlicher Forschung werden lassen.
Erst in jüngster Zeit wird deutlich,
dass alternativ zu den chemischen
Synapsen Membrankontakte im Nervensystem existieren, die keine Botenstoffe benutzen, und an denen elektrische Impulse direkt übertragen werden:
Der grundlegende physikalische Vorgang der Signalvermittlung zwischen
Neuronen – die Änderung der Spannung an der Nervenzellmembran und
der daraus resultierende Stromfluss an
den Synapsen – kommt hier ohne die
Helfershelfer Neurotransmitter aus (s.
Abb. 1 u. 2). Erst in den letzten Jahren
hat sich die elektrische Synapse als
ebenbürtiger Partner der chemischen
Synapse erwiesen. Sie ist für bestimmte elementare Verarbeitungsmechanismen im zentralen Nervensystem sogar
von erheblicher Bedeutung.
Ein wesentlicher Vorteil elektrischer Synapsen, auch Gap Junctions
genannt, ist die hohe Geschwindigkeit
ihrer direkten Erregungsübertragungen.
Viel zu lange unterschätzt
rücken sie jetzt in den Blickpunkt der Forscher: Elektrische Synapsen leiten Signale
blitzschnell durch die Nervenbahn und spielen damit eine
wichtige Rolle bei einigen natürlichen und krankhaften
Prozessen im Gehirn.
Abb. 2:
Elektrische Synapsen (grüne Plaques)
in den Zellwänden verbinden Zellen
miteinander. Die vereinfachte Darstellung berücksichtigt Strukturen des
Zellkerns und des Zytoskeletts.
Abb 1 (oben):
Ansammlung von Einzelkanälen
(grün) in einem sog. Gap JunctionPlaque.
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Dagegen führen bei der chemischen
Synapse (s. Abb. 3) Signalabgabe, Diffusion durch den Spalt, der die beiden
Nervenzellen trennt, sowie die Reaktionen an der Membran der nachfolgenden Nervenzelle, die den Impuls
weiterleitet, zu einer Verzögerung von
bis zu 0,5 Millisekunden. Das entspricht der Dauer eines Wimpernschlages und ist für die Dimensionen
der Physik und Physiologie eine erhebliche Zeitspanne.
Elektrische Synapsen, die den
Strom direkt von Zelle zu Zelle weiterleiten, wurden zuerst bei Nervenzellen
von Fischen gefunden, wo sie z.B.
Fluchtreflexe vermitteln. Sie setzen außerordentlich schnelle Verhaltensmuster in Gang, die für das Überleben
Zahl Strukturen,
die den elektrischen Synapsen
entsprechen. Sie
verbinden
das
Gliagewebe wie
ein Netzwerk zu
einem funktionellen Synzytium
(Abb. 4).
Herzmuskelzellen
sind
ebenfalls
durch solche Kontakte miteinander
gekoppelt. Sie leiten elektrische Impulse weiter, die zur Kontraktion der
Muskulatur führen. Eine Blockade dieser Strukturen würde sofort zum Herzstillstand führen. Elektrische Synapsen
Abb. 3:
Die chemischen Synapse:
Die in der Präsynapse ausgeschütteten Neurotransmitter (blau) werden in den
synaptischen Spalt abgegeben und auf der postsynaptischen Seite (grün)
aufgenommen.
wichtig sind. Der Aufbau der elektrischen Synapsen unterscheidet sich erheblich von dem der chemischen Synapsen. Die elektrische Synapse besteht
aus kleinen durch Eiweißmoleküle gebildeten Kanälen (s. Abb. 1 u. 2). Diese Kanäle verbinden die beiden aneinander grenzenden Zellen, indem sie die
Zellmembranen durchdringen und den
Zwischenzellraum überbrücken. Damit
wird ein direkter Stromfluss zwischen
Nervenzellen möglich.
Auch zwischen den Stützzellen
(Gliazellen) befinden sich in großer
bzw. Gap Junctions lassen sich nachweisen und exakt lokalisieren, seitdem
man die Eiweiße, aus denen die Kanäle aufgebaut sind, identifizieren und
dagegen Antikörper produzieren konnte (s. Abb. 5).
Wir sind mehr als zwanzig Jahre
auch der Frage nachgegangen, wie groß
die Zahl elektrischer Synapsen im Gehirn von Wirbeltieren ist, und an welchen Stellen sie anzutreffen sind. Erstaunlicherweise sind sie im Gehirn
von Nagern, die man als Labortiere
nutzt, viel häufiger vorhanden, als ur-
Abb. 4:
Kultur von Gliazellen.
Die zahlreichen Gap
Junctions zwischen
den Zellen sind rot gefärbt. Die Kerne sind
mit einem Kernfarbstoff blau dargestellt.
sprünglich vermutet. Sie treten an Neuronen zwar nicht so zahlreich auf wie
die chemischen Synapsen, sind dafür
aber in bestimmten Nervenzellansammlungen mit spezifischen Funktionen
konzentriert. Man trifft
sie hauptsächlich dort
an, wo eine schnelle Erregungsleitung benötigt
wird, weil die Aktivität
von Nervenzellgruppen
synchronisiert werden
soll. So gibt es in der
Hirnrinde ein System
von Nervenzellen, das
seine Aktivität offenbar
über elektrische Synapsen synchronisieren
kann, und das diesen
Rhythmus an übergeordnete neuronale Netzwerke weiterleitet.
Seit langem ist bekannt, dass sich von der
Hirnrinde rhythmische
Aktivitäten
ableiten
lassen, die man als Oszillationen bezeichnet. Für die Entstehung dieser in
ihrer Frequenz zum Teil variierenden
Oszillationen werden unterschiedliche
Mechanismen verantwortlich gemacht.
Neueste Untersuchungen zeigen jedoch, dass offenbar für das Entstehen
von Oszillationen in der Hirnrinde
elektrische Synapsen mitverantwortlich
sind. Sie synchronisieren jene Nervenzellen miteinander, die einen hemmenden Einfluss auf übergeordnete Neuronen ausüben. In diesen übergeordneten
aus sog. Pyramidenzellen bestehenden
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Netzwerken vermutet man die Speicherorte für Erinnerungen sowie Regionen, in denen Wahrnehmungen verarbeitet und motorische Funktionen initiiert werden. Die hemmenden Nervenzellen können offenbar eintreffende Erregungen filtern, sie aufgrund ihrer
Kopplung durch elektrische Synapsen
in schnelle rhythmische Entladungen
umwandeln und diese Rhythmen über
größere Distanzen an die übergeordneten Neurone weiterleiten.
Dies ist vergleichbar einem Harmonium, das über die rhythmische Bedienung von Blasebälgen unterschiedliche
Abb. 5:
Gliazellen mit einer grün gefärbten
elektrischen Synapse (Gap Junction). Zu erkennen sind außerdem
Zellkerne (blau) und Strukturen des
Zellskeletts (rot) der Gliazellen.
(Immunfluoreszenz nach Markierung
mit einem spezifischen Antikörper)
Pfeifen ansteuert, die in ihrem Zusammenspiel einen Akkord und aus der
Reihung von Akkorden Musik entstehen lassen. Die rhythmische Zufuhr
von Luft ermöglicht es, über die gesamte Tastatur die spezifischen Pfeifen-
Komplexer Sinneseindruck
formt sich wie eine Melodie
töne zu bedienen. Wenn man das Bild
des Harmoniums auf das Gehirn überträgt, so können über die schnelle Ausbreitung von rhythmischen Erregungen
durch elektrische Synapsen fast gleichzeitig über die gesamte Tastatur des
Gehirns Regionen mit unterschiedlichen Funktionen (Akkorden) angesteuert werden. Daraus formt sich dann wie
eine Melodie oder ein ganzes sympho-
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Elektrische Synapsen:
Gezielt blockieren – Hirnschäden begrenzen
Elektrische Synapsen (Gap Junctions) treten im zentralen Nervensystem zwischen Nervenzellen und zwischen den ihnen funktionell zugeordneten Gliazellen auf und bilden jeweils ein funktionelles Netzwerk. Sie können elektrische
Impulse zwischen Nervenzellen sehr schnell ohne Botenstoffe weiterleiten.
Ihre Struktur ist auf den ersten Blick sehr einfach: Zwei Halbkanäle, die aus
sechs Proteinen, den Connexinen, aufgebaut sind, paaren sich spiegelbildlich
miteinander und verbinden so zwei aneinander grenzende Zellen. Durch diese
Kanäle tauschen die Zellen Ionen und Stoffwechselprodukte aus. Doch die simple molekulare Architektur entpuppt sich als ein raffiniertes System von Membrankanälen, das den chemischen Synapsen in seiner Leistung nicht nachsteht.
Wir konnten zeigen, dass die im Hirngewebe auftretenden elektrischen Synapsen aus unterschiedlichen Proteinen einer Proteinklasse (Isoformen) der Connexine bestehen (s. Abb. 7). Daraus ergeben sich für einzelne Nervenzellgruppen sowie Gliazellen ganz bestimmte Muster ihrer Kanalproteine.
Den Gap Junction-Kanälen lassen sich je nach Connexintyp verschiedene
Funktionen zuordnen: Die Kanäle sind selektiv bezüglich der Ladung und der
Größe der sie passierenden Substanzen. Auch der pH-Wert im Gewebe und das
elektrische Potential über den Zellmembranen wirken sich unterschiedlich auf
die Kinetik des Öffnens und Schließens der Kanäle aus. Von über 20 Gap Junction-Proteinen haben wir allein zehn im zentralen Nervensystem gefunden. Diese molekulare Variabilität deutet darauf hin, dass Gap Junctions viele verschiedene Funktionen erfüllen.
Kanal blockiert: Ein die elektrische Synapse hemmendes Peptid schützt bei
Schlaganfall. Grün markiert (links) sind sterbende Neurone in einer spezifischen Hirnregion von Mäusen 45 min nach dem Sauerstoffmangel. Das Peptid
schützt die Nervenzellen (rechts): Nur noch wenige Zellen sind grün markiert.
Vor fast fünfzehn Jahren haben wir beobachtet, dass unterschiedliche Kanalproteine während der Gehirnentwicklung auftreten und schon damals deren Einfluss auf Differenzierungsprozesse vermutet. Mit modernen Genanalyseverfahren (DNA-Microarray Technologie) konnten wir dies nun bestätigen. Gap
Junctions scheinen auch krankhafte Prozesse im zentralen Nervensystem massiv zu beeinflussen. Dies gilt nicht nur für Änderungen der neuronalen Erregbarkeit wie die Epilepsie, sondern auch für durch entzündliche Prozesse oder
Hirninfarkt zerstörtes Nervengewebe. Elektrische Synapsen beeinflussen hier
offenbar massiv das Ausmaß der Schädigung in glialen Zellen. Wir versuchen
nun, Gap Junctions im Nervensystem spezifisch zu blockieren, um durch ein
zeitweises Ausschalten dieser Kontakte die Infarktgröße bei Schlaganfall zu reduzieren. In jüngsten Untersuchungen ist es uns gelungen, mit bestimmten
blockierenden Substanzen Nervengewebe zu schützen (s. Abb. im Info) und den
neuronalen Zelltod nach einem Infarkt einzuschränken.
info
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tischer Anfälle oder bei der Größenausdehnung eines Schlaganfalles beteiligt
sind. Da epileptische Anfälle immer
durch ein hohes Maß an synchroner
Aktivität von Nervenzellen gekennzeichnet sind, deren Entladungen sich
über weite Hirnareale ausbreiten, ist es
naheliegend, dass die schnell leitenden
elektrischen Synapsen hierbei eine
Rolle spielen. Wir entwickeln und prüfen zur Zeit Substanzen, die eine Weiterleitung von elektrischen Impulsen an
diesen Synapsen hemmen. Derartige
Substanzen könnten einen neuen Ansatz bei der Behandlung von Epilepsien bieten.
Neuer Therapieansatz
für Epilepsie
Abb. 6:
Nach den Bausteinen der elektrischen
Synapsen, den Connexinen, suchen:
Mit Hilfe der Lasermikrodissektion
werden dünne Gewebeschnitte aus dem
Hippocampus ausgeschnitten.
Abb. 7:
Lokalisierung eines Connexins (grün)
im Hippokampus der Ratte. Zur Orientierung wurde eine Pyramidenzelle rot
angefärbt. (Immunzytochemische
Darstellung).
nisches Werk ein komplexer Sinneseindruck.
Über solche Mechanismen erklären
sich komplizierte Wahrnehmungsbilder,
die unser Gehirn aus vielen gleichzeitig eintreffenden Detailinformationen
zu einem Bild von der Welt verschmilzt. Elektrische Synapsen scheinen bei diesem Vorgang der sog. Koinzidenz-Detektion (Gleichzeitigkeit der
Registrierung) eine wichtige Rolle zu
spielen.
Das Auftreten von synchronen über
elektrische Synapsen vermittelten Aktivitäten im Gehirn kann aber auch
Krankheitsursachen haben. So wird
zum Beispiel heftig diskutiert, ob elektrische Synapsen am Entstehen epilep-
Auch bei der Entstehung von größeren Hirndefekten nach einem Schlaganfall scheinen elektrische Synapsen eine wichtige Rolle zu spielen (s. Info,
S. 38). Vermutlich sorgen die Gap Junctions zwischen den Gliazellen dafür,
dass das innere Milieu des Gehirns
Elektrical synapses: the neglected
cell-structures
The role of electrical synapses
(Gap Junction) in the central nervous
system has been neglected for several
decades since their first description in
the middle of the 20 th century. Composed of the extended family of Gap
Junction forming proteins (connexins),
they show a remarkable speed of signal
transmission, a high molecular diversity and various ways of regulation.
Most recent findings suggest a prominent role of electrical synapses in essential functions of the intact and
diseased brain. Uncovering these functions may guide to new therapeutic
approaches in the treatment of the diseased brain, for example epilepsy.
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konstant gehalten wird. Offenbar werden gelöste Substanzen über die Kontakte zwischen den Gliazellen innerhalb des glialen Netzwerkes verteilt.
Bei massivem Stress, wie durch einen
Schlaganfall ausgelöst, können sich
schädliche Stoffwechselprodukte in
den Zellen anhäufen. Werden diese
Substanzen dann aber über die Gap
Junctions weitergeleitet, können sie
auch primär nicht vom Infarkt betroffene Zellgruppen schädigen. Der Vorgang wird als “Bystander-Effekt”
(engl.: Beistand) bezeichnet. Im Falle
des Hirninfarktes vermittelt dieser
„Beistand“ jedoch Zelltod induzierende Faktoren, die letztlich das Infarktareal vergrößern. Auch hier wäre es
von Vorteil, die funktionelle Kopplung
der glialen Zellen über Gap Junctions
zu verringern (s. Info). Welche Sub-
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stanzen freigesetzt werden und wie diese bei einem solchen „negativen Beistand“ weiter geleitet werden, ist bislang noch nicht aufgeklärt. Ihre Auswirkungen können aber beim Hirninfarkt wie auch bei mechanischen
Hirnverletzungen dramatisch sein.
Blickt man auf die Entwicklung
dieses Forschungszweiges der modernen Neurowissenschaften zurück, so
stellt man fest, die elektrische Synapse
ist im Bewusstsein der Hirnforscher
endlich aus dem Schatten der chemischen Synapse hervorgetreten. Sie wird
nicht nur unser Verständnis von der
Funktionsweise des Gehirns bereichern, sondern hält auch neue Therapieansätze für eine Reihe von Erkrankungen des Nervensystems bereit.
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