Sprache - TU Dresden

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Fachrichtung Psychologie
Professur Allgemeine Psychologie
Modul A1: Kognitive Prozesse (SS 2013)
Sprache
Thomas Goschke
1
Literaturempfehlungen
zur Vorbereitung auf die Modulprüfung
 Eysenck, M.W. & Keane, M.T. (2010). Cognitive psychology. A student’s
handbook (6th ed.). Psychology Press. PART III: Language (Kapitel 9
und 10).
 Gazzaniga, M., Ivry, R. & Mangun, R. (2009). Cognitive neuroscience.
The biology of the mind (3rd Ed.). Norton. Kapitel 10.
 Goldstein, E.B. (2007). Wahrnehmungspsychologie (7. Aufl.).
Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag. (Kapitel 13 zur Auditiven
Sprachwahrnehmung).
2
Überblick
 Einführung: Grundmerkmale und Struktur der Sprache
 Wahrnehmung gesprochener Sprache
 Wahrnehmung geschriebener Sprache
 Das mentale Lexikon: Repräsentation von Wortbedeutungen
 Sprache und Gehirn
3
Was ist Sprache?
 Ein System von Symbolen und Regeln, dass es uns ermöglicht, zu
kommunizieren
 Weitere Funktionen der Sprache
• Unterstützung von Denkprozessen
• Aufzeichnung und Weitergabe von Wissen
• u. v. m.
 Voraussetzung für komplexere Formen von Technologie, Zivilisation
und Kultur
4
Sprache als interdisziplinärer Forschungsgegenstand
 Linguistik
• Theorien der Sprachkompetenz (Wissen über grammatische Regeln)
 Psychologie
• Untersuchung der Sprachperformanz (Prozesse und Strukturen des
Sprachverstehens und der Sprachproduktion)
 Informatik
• Entwicklung von künstlichen Systemen, die Sprache verwenden können
 Neuropsychologie und Kognitive Neurowissenschaft
• Untersuchung neurologisch bedingter Sprachstörungen und
neurobiologischer Grundlagen der Sprache
5
Wichtige Begriffe
 Syntax: Grammatische Regeln, die bestimmen, wie Wörter zu Sätzen
kombiniert werden dürfen
 Semantik: Bedeutung sprachlicher Ausdrücke
 Pragmatik: Gebrauch von Sprache zur Kommunikation und
Erreichung von Zielen (z.B. Versprechen, Drohen, Überzeugen,
Erklären etc.)
 Prosodie: Melodische Aspekte sprachlicher Äußerungen (Betonung,
Intonation)  emotionaler Ausdruck
6
Sprache bei Menschenaffen?
 Frühe Versuche, Affen Sprechen beizubringen, scheiterten ( Anatomie
des Vokaltrakts)
 Spätere Studien: Menschenaffen können begrenzt den Gebrauch von
Symbolen lernen
 Z.B. Gardner & Gardner: Schimpansin Washoe: Zeichensprache
7
Gardner, R.A. & Gardner, B.T. (1969). Teaching sign language to a chimpanzee. Science, 165, 664-72
Sprache bei Menschenaffen?
 Savage-Rumbaugh: Bonobos Kanzi und Panbanisha lernten
Gebrauch einer Tastatur mit ca. 400 Lexigrammen
• kombinieren Symbole zu einfachen Sequenzen: „Ich möchte
Eiskaffee“; „Ich möchte essen“
• Wenig völlig neue Sätze
• Selten Bezug auf nicht sichtbare Dinge
• Beschränkte Komplexität der Sätze
• Unklar, ob echte Syntax
• Kritik: Nur operantes Konditionieren?
8
Sprache bei Menschenaffen?
Universelle Eigenschaften der menschlichen Sprache
 Unabhängigkeit von der Gegenwart
• Wir können über Dinge sprechen, die nicht vorhanden sind.
 Ausdruckskraft
• Wir können über beliebige Inhalte sprechen.
 Produktivität und Generativität
• Wir können aus endlicher Anzahl von Wörtern mit Hilfe
grammatikalischer Regeln unendlich viele Sätze bilden.
10
Sprache und Denken
Die These des linguistischen Relativismus
 Benjamin L. Whorf (1956): Die Sprache determiniert die Wahrnehmung und
das Denken
 Abgeschwächte These: Sprache beeinflusst Wahrnehmung und Gedächtnis
 Evidenz: Unterschiede zwischen Sprachen
• Z.B. Hanuxoo auf den Philippinen haben 92 verschiedene Namen für
unterschiedliche Reissorten
• Z.B. Eskimos: zahlreiche Wörter für verschiedene Schneearten
 Kritische Einwände
• auch in anderen Sprachen können ähnlich feine Unterscheidungen
ausgedrückt werden, allerdings werden dazu mehrere Wörter benötigt
• Nicht die Sprache bestimmt Denken/Wahrnehmung, sondern Unterschiede
zwischen Sprachen spiegeln die Relevanz bestimmter perzeptueller /
konzeptueller Unterscheidungen in einer Kultur
11
Sprache und Denken
Roschs Experimente zum Gedächtnis für Farben
 Eleanor Rosch (1972, 1973): Experimente zum Einfluss der Farbwörter
einer Sprache auf Wahrnehmung und Erinnern von Farben
 Studie zum Farb-Gedächtnis mit Angehörigen der Dani (Volksstamm
auf Neuguinea), deren Sprache nur zwei Farbworte enthält („mola“ =
hell/warm und „mili“ = dunkel/kalt)
• Dani-Probanden machten in Gedächtnistests für Farben ähnliche Fehler
wie amerikanische Probanden
• Dani-Probanden zeigten ebenso wie amerikanische Probanden bessere
Gedächtnisleistung für fokale Farben
 Rosch‘s Schlussfolgerung: Keine Evidenz für Whorfs These des
Sprachdeterminismus
12
Replikationsstudie von Roberson et al. (1990)
 Studie mit englischen Probanden und
Angehörigen der Berinmo auf Papua Neuguinea
• Englisch: Worte für blau vs. grün
• Berinmo: Worte für nol (≈ grün) vs. Wor (≈
gelb) (aber keines für blau)
 Probanden sollten aus jeweils drei Farben die zwei
ähnlichsten auswählen
 Vorhersage der Relativitätshypothese: Probanden
sollten Farben aus der gleichen sprachlichen
Kategorie als ähnlicher klassifizieren
•
Grün1 – Grün2 – Blau
•
Nol1 - nol2 - wor
 Ergebnis: In beiden Gruppen wurden die
Klassifikationen stark durch die jeweilige
Muttersprache beeinflusst
13
Roberson, D., Davies, I., & Davidoff, J. (2000). Color categories are not
universal: Replications and new evidence from a stone-age culture.
Journal of Experimental Psychology: General, 129(3), 369-398.
Hemisphärenasymmetrie des Einflusses sprachlicher
Kategorien auf die Farbwahrnehmung
Gilbert, A.L. et al. (2006). Proceedings of the
National Academy of Sciences 103, 489–494
Hemisphärenasymmetrie des Einflusses sprachlicher
Kategorien auf die Farbwahrnehmung
Gilbert, A.L. et al. (2006). Proceedings of the
National Academy of Sciences 103, 489–494
Fazit
 Weitere Befunde (s. Eysenck & Keane, S. 329-331)
• Roberson et al. (2000):


Rekognitionstest, bei dem englische Probanden und Berinmo entscheiden
sollten, welche von 2 Farben mit einer zuvor dargebotenen Farbe
übereinstimmt
In beiden Gruppen besseres Farbgedächtnis, wenn die 2 Testfarben aus
verschiedenen Sprachkategorien stammten
 Befunde sprechen insgesamt für moderate Variante von Whorfs
Hypothese, dass Sprache (unter bestimmten Bedingungen)
Kategorisierung und Gedächtnis beeinflusst
Vom Sprachsignal zur Bedeutung
Prozesse beim Produzieren und Verstehen von Sprache
21
Ward (2010)
Probleme, die das Gehirn beim Sprachverstehen lösen
muss
 Diskrimination von Sprachsignal u. irrelevantem auditorischen Input
 Echtzeitverarbeitung: Sprachinput = ca. 10 Phoneme pro sec
 Segmentierung: Extraktion diskreter Einheiten (Phoneme, Silben,
Wörter) aus akustischem Input
 Variabilität: Aussprache von Phonemen variiert je nach Kontext
(Koartikulation) und zwischen Sprechern
 Lexikalische Selektion aus mentalem Lexikon mit einigen 10.000 (oft
phonologisch ähnlichen) Wörtern
 Semantische Interpretation: Konstruktion einer kohärenten
Bedeutung aus einzelnen Wörtern
 Integration in mentales Modell der Sprachintention
22
Auditorische Sprachwahrnehmung
23
Teilprozesse und Verarbeitungsstufen
der auditorischen Sprachwahrnehmung
nach Cutler & Clifton (1999)
Abb. Aus Eysenck & Keane (2010)
Gesprochene Sprache:
Der akustische Input
 Phoneme: Kleinste Lauteinheiten, die Bedeutungsunterschiede
anzeigen
• /d/ vs. /t/ danken – tanken
• Anzahl und Verknüpfungsregeln variieren zwischen Sprachen
 Allophone: Lautvariationen, die keine Bedeutungsänderungen
anzeigen
• z.B. /l/ und /r/ im Japanischen
 Morpheme: Kleinste Bedeutung tragende Einheiten
• Freie Morpheme: können allein stehen, gewöhnlich Wörter
• Gebundene Morpheme: können nicht allein stehen, meist Präfixe u.
Suffixe:

25
verstehend, Hunde, Unglück, glücklich, betrinken
Erzeugung von Phonemen
• Beim Sprechen wird der
exhalatorische Luftstrom durch
Stimmbänder, weichen Gaumen,
Zunge u. Lippen moduliert
 Vokale:
• kontinuierlicher Luftstrom bei
charakteristischer Öffnungsform des
Stimmtrakts
 Konsonanten:
• Zusammenziehen oder Schließen des
Stimmtrakts
• Rascher Wechsel von
Luftstromimpulsen und Ruhephasen
• Unterbrechungen der Luftströme mit
charakteristischer Art und Position
27
Erzeugung von Phonemen: Phonetische Merkmale
 Stimmhaftigkeit: Schwingende vs. nicht
schwingende Stimmbänder
•
Stimmhaft: alle Vokale; einige Konsonanten
(z.B. /b/, /d/, /m/)
•
Stimmlos: z.B. /s/, /t/, /f/
 Artikulationsort: Ort, an dem Luftstrom
blockiert wird
•
Alveolar: Zahnfächer (Alveolaren): /d/
•
Labiodental: Unterlippe und obere
Schneidezähne: /f/
•
Bilabial: beide Lippen (/b/)
 Artikulationsart: Wie wird Luftstrom
verändert
•
Verschlusslaute (Plosive): Blockieren des
Luftstroms (/d/, /p/)
•
Reibelaut (Frikativ): (/f/)
•
Vokale: Position der Zunge (hoch-niedrig,
vorne-hinten)
29
Sprachwahrnehmung: Das Sprachsignal
 Physikalisches Signal ≠ Gehörte Laute
 Physikalisch: Kontinuierlicher Lautstrom (keine klaren Pausen
zwischen Wörtern; oft Pausen innerhalb von Worten)
 Gehört: Individuelle, klar voneinander getrennte Wörter
Spektrogramm
(Frequenz x Zeit; Intensität =
Schwärze)
Formanten
32
Abb. aus Goldstein (1999).
Das Segmentierungsproblem
34

Hinweise auf Wortgrenzen
• Bestimmte Lautfolgen kommen nie in einer Silbe vor
• Lautfolgen, die keinen Vokal enthalten, können kein Wort sein
• Betonung (z.B. werden im Englischen die meisten Substantive auf der ersten
Silbe betont)
• Stärkere Koartikulationseffekte innerhalb als zwischen Wörtern
Courtesy of Tamara Swaab. © 1997
Das Variabilitätsproblem
vs.

Variabilität aufgrund inter- und intraindividueller Unterschiede in der Aussprache


Tonhöhe, Geschwindigkeit, Akzent und Dialekt, Sorgfalt
Koartikulation: Variabilität der Phoneme durch umgebende Laute
• Lautproduktion wird von vorangehenden und nachfolgenden Lauten beeinflusst
• Lippen passen sich beim Aussprechen eines Phonems antizipatorisch an das folgende
Phonems an
• z.B. bei „Boot“ sind Lippen beim Aussprechen des /b/ bereits gerundet für das folgende
/o/; bei „Bad“ dagegen nicht
36
Abb. aus Goldstein (1999). © Spektrum Verlag.
Bottom-up-Prozesse:
Kategoriale Wahrnehmung von Phonemen
 Eimas & Corbit (1973): Variierten Vokaleinsatzzeit (vocal onset time; VOT) nach einem
Konsonanten
 Gradueller Anstieg der VOT von 0 msec ("da") zu 80 msec ("ta"), aber kategoriale
Wahrnehmung von "da" oder "ta" ohne Zwischenstufen
/da/
/ta/
38
Abb. aus Goldstein (2002).
Interaktion akustischer und visueller Information:
Der McGurk-Effekt
 McGurk & MacDonald (1976):
• Versuchspersonen sehen die Lippenbewegungen von "gaga" und hören dazu
"baba". Sie nehmen "dada" wahr!
• Bei geschlossenen Augen hören sie korrekt "baba".
• Visueller Kontext beeinflusst Wahrnehmung des auditiven Sprachsignals
40
Top-down-Prozesse und Kontexteffekte:
Einfluss der Bedeutung
Segmentierung aufgrund der Bedeutung
 "Druckerzeugnis": Druck-Erzeugnis oder Drucker-Zeugnis?
 "I scream, you scream, everybody wants ice cream“
 Interpretation aufgrund von Vorwissen und Kontext
Identifikation von Phonemen aufgrund der Bedeutung
 Phoneme (z.B. "b") werden in Wörtern ("Bat") schneller erkannt als in
Nicht-Wörtern ("Baf") (Rubin, Turvey & Van Gelder, 1976)
41
Top-down-Prozesse und Kontexteffekte:
Phonemischer Restaurationseffekt

Warren & Warren (1970):
• Einzelne Phoneme in Sätzen wurden durch ein Geräusch ersetzt
• Keine Versuchsperson bemerkte dies!
• Statt dessen wurde das fehlende Phonem "gehört“.
Dargeboten
 It was found that the *eel was on the axle
 It was found that the *eel was on the table
 It was found that the *eel was on the orange
Gehört



Wheel
Meal
Peel
 Gleicher akustischer Input wird je nach Bedeutungskontext
unterschiedlich wahrgenommen
42
Top-down-Verarbeitung:
Kognitive Prozesse bei der Sprachwahrnehmung
 Miller & Isard (1963):
• Probanden sollten Wörtern trotz Hintergrundgeräuschen erkennen
• Wörter in syntaktisch & semantisch korrekten Sätzen wurden besser
verstanden als Wörter in nur syntaktisch korrekten Sätzen bzw. sinnlosen
Wortfolgen
• 63% vs. 22% vs. 3% korrekte Wiedergabe
 Salasoo & Pisoni (1985):
• Wörter, bei denen ein Teil durch ein Geräusch überdeckt war, wurden in
bedeutungsvollen Sätzen besser erkannt als isoliert
• Wörter wurden besser erkannt, wenn der Anfang statt des Endes hörbar
war
44
Mattys et al.’s (2005) Hierarchisches Modell der Sprach-Segmentierung
Abb. Eysenck & Keane, 2010
Modelle der auditorischen Worterkennung
46
Teilprozesse und Verarbeitungsstufen
der auditorischen Sprachwahrnehmung
nach Cutler & Clifton (1999)
Abb. Aus Eysenck & Keane (2010)
09-06
48
Schematisches Modell der
Strukturen und Prozesse beim
Verstehen gesprochener und
geschriebener Sprache
Aus: Gazzaniga, Ivry & Mangun (2009)
Das mentale Lexikon
 Langzeitgedächtnis für das Wissen über Worte enthält
•
•
•
•
Phonologische Information (Klang)
Orthographische Information (Visuelle Wortform)
Syntaktische Information (Wortklasse; Abfolge; Kombination zu Sätzen)
Semantische Information (Bedeutung) (Wird von einigen Forschern als
separates System angenommen!)
 Standardsprache: ca. 75.000 Wörter (Gesamtwortschatz: mehrere 100.000
Wörter)
 Echtzeitverarbeitung: Wir können ca. 3 Worte pro Sekunde verstehen /
produzieren
 Wie wird aufgrund des Sprachinput auf die richtigen Einheiten im mentalen
Lexikon zugegriffen (lexical access)?
Zwei wichtige Modelle der auditorischen
Worterkennung
• Kohorten-Modell (Marslen-Wilson & Tyler, 1980, 1990)
• Trace-Modell (Elman & McClelland,1986)
Kohortenmodell
(Marslen-Wilson &Tyler, 1980)
52
1.
Lexikalische Aktivierung aller
Kandidaten, die mit
Anfangsphonem
übereinstimmen
2.
Lexikalische Selektion:
Schrittweise Einschränkung
auf zunehmend weniger
Kandidaten
3.
Worterkennung: Prozess bricht
ab, sobald nur noch ein Wort
in der Kohorte ist (uniqueness
point)
Aus: Gazzaniga, Ivry & Mangun (2009)
Kohortenmodell
(Marslen-Wilson &Tyler, 1980)
 Parallele Verarbeitung: phonologische, lexikalische, syntaktische und
semantische Informationen wird simultan genutzt, um
Anfangskohorte einzuschränken
 Semantische Kontexteffekte: die Selektion von Wortkandidaten kann
durch den Satzkontext beeinflusst werden ( vgl. später das Experiment von
Zwitserlood, 1989)
53
Kontexteffekte:
Das Experiment von Zwitserlood et al. (1989)
 Vpn hörten Sätze:
• Carrier Phrase:
• Neutral context:
• Biasing context:
Das nächste Wort ist Kapitän
Sie betrauerten den Verlust ihres Kapitäns
In gedrückter Stimmung standen die Männer
um das Grab. Sie betrauerten den Verlust ihres
Kapitäns
 Zu verschiedenen Zeitpunkten während der akustischen Darbietung des
Wortes „Kapitäns“ („K“, „Ka“, „Kap“) erschien visueller „Probe“-Stimulus:
• SCHIFF
• GELD
• LIVUL
= semantisch mit „Kapitän“ assoziiert
= semantisch mit lexikalischem Konkurrent („Kapital“) assoziiert
= Nichtwort
 Vpn sollten lexikalische Entscheidung für den visuellen Reiz treffen
56
Kontexteffekte: Experiment von Zwitserlood et al. (1989)
1. Akustischer Satzkontext:
In gedrückter Stimmung standen die Männer um das Grab. Sie
betrauerten den Verlust ihres...
3. Visuelles Probe-Wort &
Lexikalische Entscheidung
2. Anfangsphoneme des PrimeWorts:
Ka
Kap
Kapit
Kapitä
57
Kontexteffekte: Experiment von Zwitserlood et al.
(1989)
In einer „Gating-Aufgabe“ wurden für jedes Prime-Wort vier ProbePositionen bestimmt:
 Positionen 1 + 2: Ohne Kontext werden sowohl das Zielwort
(KAPITÄN) als auch alternative Konkurrenten (KAPITAL) genannt
 Phase der lexikalischen Aktivierung
 Position 3: Ohne Kontext wird das Zielwort am häufigsten genannt;
einige Probanden nennen noch auch alternative Worte
 Phase der lexikalischen Selektion
 Position 4: Das Wort wird eindeutig erkannt
 Punkt der eindeutigen Rekognition
58
59
Kontexteffekte: Experiment von Zwitserlood et al.
(1989)
Biasing Context
Neutral Context
Carrier Phrase
Probe related to
competitor
(„KAPITAL“):
 GELD
Carrier Phrase
Neutral Context
Biasing Context
130
60
199
278
410 ms
Probe related to
actual word
(„KAPITÄN“)
 SCHIFF
Kontexteffekte: Experiment von Zwitserlood et al.
(1989)
 Primingeffekt für Probes, die mit dem Zielwort und dem Konkurrenten
assoziiert waren  parallele Aktivierung einer lexikalischen Kohorte
 Kein Effekt des semantischen Kontexts an Probe Position 1 und 2 
frühe lexikalische Aktivierung erfolgt weitgehend „botton-up“
 Signifikanter Effekt des Kontext an Probe Position 3 und 4 
Satzkontext beeinflusst lexikalische Selektion
63
Revidiertes Kohortenmodell
(Marslen-Wilson (1990, 1994)
 Kandidaten einer Wort-Kohorte können im Grad ihrer Aktivation variieren (statt
Alles-oder-Nichts-Prinzip)
• Z.B. werden häufige Wortkandidaten stärker aktiviert als seltene
 Die initiale Kohorte kann Worte mit ähnlichen (anstatt identischen) initialen
Phonemen wie das dargebotene Wort enthalten
 Größere Betonung von bottom-up Prozessen, um den relativ späten Einfluss
semantischer Kontexte zu erklären
 Stärke des Modells: berücksichtigt Interaktion parallel ablaufender
(phonologischer, syntaktischer, semantischer) Verarbeitungsprozesse
 Einschränkungen des Modelle:
• Das revidierte Modell ist sehr flexibel, aber auch schwer zu testen bzw. zu widerlegen
• Es ist nicht völlig geklärt, wie die initiale Identifikation von Wortanfängen funktioniert
• Sehr starke/eindeutige Kontexte können Verarbeitung früher beeinflussen als im
Modell angenommen (van Petten et al., 1999)
Blickbewegungsstudie von Magnuson et al. (2008)
Probanden lernten, Nomen (einer Kunstsprache) mit
Objekten zu assoziieren und Adjektive mit Texturen zu
assoziieren
Danach wurden jeweils vier Objekte präsentiert und
Probanden sollten auf dasjenige klicken, das mit einem
bestimmten Nomen assoziiert war
In jedem Trial wurde das korrekte Ziel-Nomen zusammen
mit einem “Competitor”-Wort dargeboten, das mit dem
gleichen Phonem begann
A.V.: Anteil von Blick-Fixationen auf das Ziel-Wort und das
“Competitor”-Wort
Wenn das “Competitor”-Wort ein Adjektiv war, wurde es
extrem schnell ignoriert (oder gar nicht beachtet)
 Spricht gegen die Annahme des Kohortenmodell, dass
die initiale Wort-Kohorte unbeeinflusst von TopDown-Effekten ist
Abb. Aus Eysenck & Keane (2010)
Konnektionistische Modelle:
Die TRACE-Theorie von McClelland & Elman (1986)
TRACE-Modell
(McClelland & Elman,1986)
67
bit
/b/
stimmhaft
stimmlos
tip
...
Worte
/t/
...
Phoneme
nasal
plosiv
labial
alveolar
...
Merkmale
Drei Ebenen von Verarbeitungseinheiten für phonetische Merkmale,
Phoneme, Worte.
Hemmende Verbindungen zwischen Einheiten derselben Ebene (laterale
Hemmung).
Bahnende Verbindungen zwischen Einheiten verschiedener Ebenen.
67
TRACE-Modell
(McClelland & Elman,1986)
68
bit
/b/
stimmhaft
stimmlos
tip
...
Worte
/t/
...
Phoneme
nasal
plosiv
labial
alveolar
...
Merkmale
Je besser ein Merkmal zum Sprachsignal passt, umso stärker wird es aktiviert
Merkmalseinheiten aktivieren Phonemeinheiten
Phonemeinheiten aktivieren alle Worte in denen sie enthalten sind.
TRACE-Modell
(McClelland & Elman,1986)
69
bit
/b/
stimmhaft
stimmlos
tip
...
Worte
/t/
...
Phoneme
nasal
plosiv
labial
alveolar
...
Merkmale
Je besser ein Merkmal zum Sprachsignal passt, umso stärker wird es aktiviert
Merkmalseinheiten aktivieren Phonemeinheiten
Phonemeinheiten aktivieren alle Worte in denen sie enthalten sind.
Worteinheiten aktivieren top-down Phonemeinheiten.
Empirische Evidenz für das TRACE-Modell
 Erkennen von verrauschtem Sprachinput  Musterergänzung
aufgrund top-down-Einflüssen
 kategoriale Wahrnehmung von Phonemen  Nebeneffekt der
lateralen Hemmung zwischen Phonem-Units („winner-takes-all“Prinzip)
 Effekte der Worthäufigkeit  höhere Baseline-Aktivierung von
Worteinheiten
 Wortüberlegenheitseffekt (Cutler et al., 1987): Phoneme werden
schneller in Worten als in Nichtworten entdeckt  Nebeneffekt der
top-down-Aktivierung von der Wort- zur Phonemebene
 Lexical identification shift (Ganong, 1980): ambige Phoneme werden
so wahrgenommen, dass sich sinnvolles Wort ergibt  Nebeneffekt
der top-down-Aktivierung von der Wort- zur Phonemebene
70
TRACE-Modell
Einschränkungen
 Top-Down-Einflüsse werden im Modell evtl. überschätzt ( Modell
produziert häufig „halluzinierte“ Wahrnehmungen)
 Simulation bislang nur mit relativ begrenztem Lexikon ( Frage der
Skalierung der Prozesse auf realistisch großes Lexikon)
71
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