Heft 38 - Spiegel

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WISSENSCHAFT
fanden die Ärzte noch
nur ein kleiner Zipfel des
Krebszellen.
Tumors nicht oder nicht
Vorteil der Tiefkühlschnell genug auf mindetherapie: Die Kältesonde
stens minus 50 Grad abschädigt Blutgefäße und
gekühlt, kehrt der Krebs
gesundes Gewebe wenizurück. Dosiert der Arzt
ger als das Skalpell. So
die Kälte zu großzügig,
könnten bei der Prostatazerstört er das umliegenbehandlung für die Mande gesunde Gewebe –
neskraft notwendige Nereine Gratwanderung, die
viel Fingerspitzengefühl
In Mainz, Köln und Homburg wird ven funktionsfähig bleiben, hoffen Verfechter
und Erfahrung erfordert.
eine neue Form der Prostata- und Le- der Kryochirurgie. In der
Die Erfolgsquote verbessern könnte ein Simuberkrebstherapie erprobt: Der Tumor stark durchbluteten Lelassen sich Krebsherlationsprogramm,
das
wird per Kältesonde schockgefroren. ber
de kaltmachen, deren
eine Arbeitsgruppe der
Herausoperieren zu risUni-Klinik
Homburg,
sien Meng hatte nichts zu verlie- kant wäre.
dem dritten Kryochirurren. Leberkrebs im Endstadium
Mit Minusgraden Tugie-Standort in Deutschlautete die Diagnose der Ärzte in moren auszumerzen ist Kryochirurg Seifert*
land, derzeit entwickelt.
seiner Heimat Taiwan – unheilbar, keine keine neue Idee: Schon
Künftig sollen Ärzte vor
Operation möglich. Meng nahm Kontakt Mitte des letzten Jahrhunderts versuchte der Operation am Monitor austüfteln,
zu einer Klinik in Kalifornien auf. Dort, man, mit eiskalten Salzlösungen Brust- wohin sie die Sonden stecken müssen,
so hatte er gehört, erprobten Mediziner und Gebärmutterhalskrebs zu bekämp- damit der komplette Tumor gefriert.
eine neue Krebstherapie, die Kryochirur- fen. 1961 entwickelte ein englischer
Noch bleiben viele Mediziner skepgie. Dabei werden Tumoren nicht heraus- Neurochirurg die erste, noch recht primi- tisch: „Der Grad der Gewebezerstörung
geschnitten, sondern schockgefroren.
tive Kältesonde, die mit flüssigem Stick- ist schwer steuerbar“, warnt Hartwig
Doch Wilson Wong vom Alhambra stoff arbeitete. Begeistert experimentier- Huland vom Universitäts-Krankenhaus
Hospital wies Meng ab. Der Arzt hatte ten Mediziner mit der neuen Technik – Hamburg-Eppendorf. Obwohl bereits
bislang nur Prostatakrebs vereist, an Le- doch ohne Erfolg. Sie mußten blind mit mehr als 7000 Amerikaner ihren Prostaberkarzinome mochte er sich nicht heran- der Sonde nach dem Tumor tasten, auch takrebs einfrieren ließen, hält der Urolowagen. Unbeirrt reiste der 75jährige Chi- ließ sich die Kälte nicht genau dosieren.
ge das Verfahren für „unreif und experinese nach Kalifornien – und überzeugte
Die Renaissance der Kryochirurgie be- mentell“. Sein Urteil: „Top-Ärzte in den
Wong schließlich. Sechs Monate nach gann, als Ultraschallbilder erlaubten, die USA machen keine Kryochirurgie.“
dem Eingriff waren in Mengs Leber kei- Kältesonden zielsicher in den Tumor zu
Kritiker bemängeln, daß bisher keine
ne Krebszellen mehr nachweisbar.
dirigieren und die Eisbildung zu kontrol- Langzeitstudien über den Therapie-ErHeute, drei Jahre später, ist das Tiefge- lieren. Je nach Art und Größe des Tumors folg vorliegen. Ein endgültiges Urteil
frieren von Tumoren in einigen Kliniken bohrt der Arzt bis zu sechs Sonden in die wird erst nach Jahren der Praxis möglich
in den USA, Asien und Australien fast Geschwulst. Durch die wenige Millime- sein: Prostatakrebs etwa wächst so langRoutine. Vor allem bei Geschwulsten in ter dicken Metallröhrchen strömt flüssi- sam, daß ein Patient erst zehn Jahre nach
Leber und Prostata zeigt die schonende ger, minus 196 Grad Celsius kalter Stick- dem Eingriff als geheilt gilt.
Therapie Erfolge; an Nieren-, Brust- und stoff. Um die Sonde bildet sich ein EisErste Erfahrungen mit dem Vereisen
Hirntumoren wird sie erprobt.
ball. Das Innere der Zellen gefriert; beim von Lebermetastasen veröffentlichte ein
Jetzt praktizieren auch einige deutsche langsamen Auftauen bersten zudem die Pionier der Kältetherapie, der AmerikaÄrzte die Kryochirurgie – unter den Zellwände. Zurück bleibt ein Klumpen ner Gary Onik: Zwar lebten trotz Kryoskeptischen Blicken gestandener Kolle- totes Gewebe, der binnen mehrerer Mo- behandlung nach fünf Jahren nur noch
gen. „Unsere ersten Ergebnisse sind er- nate vom Körper resorbiert wird.
rund 20 Prozent der Patienten. Onik wermutigend“, sagt Joachim Kai Seifert von
Das Prinzip klingt einfach, stößt in der tet dies dennoch als Erfolg, denn alle
der Mainzer Uni-Klinik. Dort haben die Praxis allerdings an Grenzen: Wird auch Kranken waren mit herkömmlichen MeChirurgen bei bislang
thoden nicht mehr zu kurieren.
sechs Patienten MetastaZu Euphorie jedoch geben die Zahlen
sen in der Leber eingenoch keinen Anlaß. „Wo man schneiden
froren. Ob der Kältekann, sollte man schneiden“, empfiehlt
schock auf Dauer HeiSeifert. Wie seine Kollegen in Köln und
lung bringt, bleibt abzuHomburg greift Seifert nur zur Kältesonwarten. „Das müssen wir
de, wenn dem Patienten anders nicht zu
drei oder vier Jahre lang
helfen ist: Wuchern zu viele Metastasen
Kältesonde
beobachten“, so Seifert.
in der Leber, würde das Skalpell nicht geDie Urologen der Kölnug intaktes Gewebe übriglassen; alte
ner Uni-Klinik traktieroder geschwächte Menschen drohen
ten innerhalb eines Jahwährend der Operation zu sterben.
res 21 Prostatapatienten
Auch wenn Kryochirurgie in Einzelmit Frost. Die ersten 11
fällen Leben retten kann – damit sich das
passierten bereits die
350 000 Mark teure Gerät rentiert, muß
Ultraschallkopf
Kontroll-Untersuchung
es ausgelastet sein. Deshalb boten die
sechs Monate nach dem
Mainzer Chirurgen ihren Kollegen von
Eingriff – nur bei einem
der Urologie an, das Gerät mitzunutzen.
Deren Chef Rudolf Hohenfellner zeigte
sich allerdings nicht interessiert: „Unsere
* Oben: mit Kältesonden;
Vereisung von Lebermetastasen*: Berstende Zellen
unten: an der Uniklinik Mainz.
Strategie ist die Radikaloperation.“
™
Medizin
R. DREXEL
Den Krebs
kaltmachen
DR. J. K. SEIFERT
H
DER SPIEGEL 38/1996
205
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