theorethische syntax ii

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SYNTAX DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE
Dependenzmodell
Die Dependenzgrammatik, auch Abhängigkeitsgrammatik genannt, konstituierte sich in den
50er und 60er Jahren als eine neue, noch aus dem strukturalistischen Gedankengut
schöpfende Strömung der europäischen Linguistik. Im Unterschied zu anderen syntaktischen
Theorien, die sich vorwiegend auf die Indentifizierung einzelner Satzglieder bzw. Produktion
von Sätzen konzentrierten, war und ist Ziel der Dependenzgrammatik die Beschreibung der
hierarchischen Struktur von Sätzen bzw. der hierarchischen Relationen im Satz.
Theoretisch und methodologisch ist die Abhängigkeitsgrammatik der europäischen
linguistischen Tradition verpflichtet, indem sie mit Hilfe von linguistischen Operationen
möglichst explizit Beziehungen zwischen Satzelementen ermitteln und beschreiben will und
somit ein passendes Gerüst und notwendiges Instrumentarium für allgemeine linguistische
Schlußfolgerungen aufzustellen bemüht ist. Sie geht vor allem auf die bereits im Jahre 1934
von K. BÜHLER, dem bekannten Leipziger Philosophen, Logiker und Sprachtheoretiker,
ausgesprochene These zurück, daß lexikalische Einheiten (Wörter) potentiell Leerstellen
eröffneten, die durch Wörter anderer Wortarten besetzt werden könnten.1 Der eigentliche
Begründer der Dependenzgrammatik war L. TESNIÉRE, der Professor für Slawistik an der
Universität Montpelièr, der bereits in den 30er Jahren erste theoretische Beiträge zur
Abhängigkeitssyntax und speziell zur Valenztheorie abfaßte und publizierte. Es sei hier
angemerkt, daß sein Hauptwerk Élements de syntaxe structurale erst postum im Jahre 1959
erschienen war.2
Die Dependenzgrammatik entwickelte sich im gewissen Sinne auch als Reaktion
einerseits auf bestimmte Unzulänglichkeiten und Mängel der traditionellen syntaktischen
Theorien, andererseits aber auch auf die sich bereits in den 50er Jahren vor allem in den angelsächsischen Ländern (USA, Großbritannien) im Aufbruch befindende Generative Transformationsgrammatik.
Die noch in den frühen Phasen der Erarbeitung der theoretischen Grundlage der
Dependenzsyntax herausgegebenen Valenzwörterbücher (Helbig/Schenkel, Wörterbuch zur
Valenz und Distribution deutscher Verben, 1969; Engel/Schumacher, Kleines Valenzlexikon
deutscher Verben, 1976; Sommerfeldt/ Schreiber Wörterbuch zur Valenz und Distribution
deutscher Substantive, 1976 u. a.) bestätigten zwar die enge Verknüpfung der neuen
grammatischen Richtung mit der DaF-Praxis, öffneten aber auch eine Kette von z. T.
unlösbaren Fragen, mit denen sich die Valenztheorie noch heute auseinandersetzt.
Wir möchten hier noch auf das Phänomen hinweisen, daß die Dependenzgrammatik
sich vor allem als eine "deutsche" Erscheinung erwies, indem dieses theoretische Konzept
hauptsächlich in den deutschsprachigen Ländern Fuß faßte und auch vor allem DaF-Methodik
und DaF-Unterricht beeinflußte.3
Der zentrale Begriff des Dependenzkonzeptes ist die V a l e n z. Die Valenz wird als
eine vom Sprachsystem selbst vorgegebene syntaktische Bindefähigkeit des Verbs
definiert, die es ihm erlaubt, um sich herum bestimmte Leerstellen zu eröffnen. Das Verb als
Valenzträger fordert beim Aufbau von Sätzen bestimmte Elemente und andere schließt es
wieder aus. TESNIÉRE verglich diese Fähigkeit mit der Wertigkeit eines Atoms und bezeichnete sie als Valenz. Aufgrund der Anzahl der eröffneten Leerstellen werden dann null, ein-,
zwei- und dreiwertige Valenzträger unterschieden. In der Beurteilung der Frage, inwieweit
1
Vgl. K. Bühler, 19652, S. 173.
Gerechterweise sei hier angemerkt, dass Kaznelson, exzellenter sowjetischer Sprachwissenschaftler in den
vierziger Jahren unabhängig von L. Tesnière den Begriff der Valenz und definierte.
3
Es ist interessant, dass es vor allem deutsche Anglisten und Romanisten waren, die theoretische und praktische
Ansätze der Dependenzgrammatik für das Englische bzw. Französische herauszuarbeiten bzw. auf diese anzuwenden versuchten. Vgl. Emons, Heger u. a.
2
die Valenz durch die Bedeutung bestimmt wird, gingen und gehen Meinungen einzelner Linguisten und auseinander und führten sogar zur Unterscheidung mehrerer Strömungen innerhalb der Dependenzgrammatik. So wird die an die Ausführungen TESNIÉREs anlehnende
Richtung als grammatisch-syntaktische bezeichnet, weil sie die Valenz primär als eine Erscheinung der syntaktischen Ebene auffaßt. Die Semantik wird meistens auf die semantische
Valenz, d. h. auf die semantisch-denotative Charakteristik der Aktanten (der potentiellen Kontextpartner des jeweiligen Verbs) eingeengt 4. Demgegenüber wendet sich die semantisch
orientierte Richtung gegen die Betrachtung der Valenz als rein syntaktisches Phänomen und
setzt die Valenz auf der (logisch-)semantischen Ebene an. Die Valenz wird als semantische
bzw. logisch-semantische Grundlage beim Aufbau von Sätzen aufgefaßt.5 Die Bedeutung der
lexikalischen Einheiten beinhalte bereits Voraussetzungen und Bedingungen zu deren
Verknüpfung zu größeren grammatischen (sprachlichen) Konstruktionen.
Als zweite sich aus dem eben dargestellten Valenzprinzip ergebende Besonderheit des
Dependenzkonzeptes fällt dessen V e r b z e n t r i e r u n g auf. Das traditionelle
satzbegründende Verhältnis zwischen dem Subjekt und dem Prädikat wurde aufgelöst, und
das Verb (der verbale Valenzträger) wird zum strukturellen Zentrum des Satzes. Das Subjekt
verliert seine Vorrangstellung und wird zu einem der Aktanten. Von TESNIÉRE wurden ursprünglich von den traditionellen Satzgliedern zu den Aktanten nur das Subjekt, das Akkusativ- und Dativobjekt gezählt. In den späteren Fassungen hat sich das Spektrum der Aktanten
auf alle Objekte, ja sogar auf einige obligatorische Adverbialbestimmungen ausgeweitet.
Nach TESNIÉRE besteht zwischen zwei Satzelementen, die in einer Relation der Abhängigkeit stehen, ein innerer Zusammenhang, eine K o n n e x i o n.
Die Konnexion besteht immer zwischen einem übergeordneten und einem untergeordneten Satzelement, z. B. zwischen dem Verb und dessen Aktanten, wobei das übergeordnete, regierende Element R e g e n s und das regierte, abhängige Element D e p e n d e n s
genannt werden. Im Satz können mehrere Konnexionen verschiedenen Ranges vorkommen,
es kann eine Hierarchie von Konnexionen entstehen. Das Regens bildet mit dem Dependens
bzw. mit den Dependentien einen K n o t e n. Ein Regens (denken, der Bruder, an die Geschichte) kann m e h r e r e Dependentien regieren, aber das Dependens kann nur von e i n e m
Regens abhängig sein. Im Satz
Der ältere Bruder dachte ununterbrochen an das unangenehme Ereignis
denken
4
der Bruder
an das Ereignis
ältere
unangenehme
ununterbrochen
Siehe die ersten Auflagen der Valenzwörterbücher von Helbig/Schenkel. G. HELBIG, einer der
repräsentativsten Vertreter dieser Richtung, leugnete in seinen Arbeiten aus den 60er und 70er Jahren die
umnittelbare Relevanz der Bedeutung des Valenzträgers für dessen Valenz. In seinem erweiterten sechsstufigen
Modell aus derm Jahre 1983 berücksichtigte er stärker die Semantik des Valenzträgers.
5
Zu der logisch-semantischen Richtung werden vor allem FLÄMIG, BONDZIO, SOMMERFELDT, HEGER u.
a. gezählt. Sie setzen bei der Satzstruktur eine logisch-semantische Ebene (eine Art Tiefenstruktur) voraus, auf
der die Valenz im relationslogischen Sinne als eine Prädikat-Argument-Struktur aufgefaßt wird. So kann das
Verb `bewachen` als eine Relation zwischen zwei Größen (A bewacht B) und ´schenken´ als eine Relation
zwischen drei Größen (A schenkt B C) dargestellt werden. Das logisch-semantische Modell implizierte eine
Analyse der lexikalischen Bedeutung - bevorzugt wurde vor allem Komponentialanalyse -, damit
valenzrelevante semantische Elemente möglichst exakt ermittelt und beschrieben werden konnten.
haben wir einen Verbknoten des Verbs denken mit seinen drei Dependentien der Bruder, an
die Geschichte, ununterbrochen, zwei Dependentien der Bruder, an die Geschichte treten im
Satz wiederum als Regens in bezug auf regierte abhängige Attribute auf. Im Satz gibt es eine
Hierarchie von drei Konnexionen mit drei Knoten. Einzelne Satzelemente nehmen in der
Struktur des Satzes je nach dem Abhängigkeitsgrad unterschiedliche Positionen ein, es entsteht eine hierarchische Verkettung von Satzelementen. So differenzieren wir zwischen Satzelementen des 1. 2. 3. ... Ranges. Alle direkt vom Verb regierten (abhängigen) Satelliten sind
Satzelemente des 1. Ranges. Strukturell unterscheiden wir unter den Satelliten des Verbs zwei
große Gruppen von Satzelementen: E r g ä n z u n g e n und A n g a b e n.
Beide Arten von Satzelementen werden immer vom Verb regiert. Ergänzungen sind
Satzelemente, die vom Verb abhängen und im Stellenplan des Valenzträgers systemhaft
verankert sind. Als Angaben bezeichnen wir vom verbalen Valenzträger abhängige, in
dessen Stellenplan jedoch nicht verankerte Satzelemente. Die Ergänzungen können
obligatorisch (ohne sie wäre der Satz ungrammatisch) oder fakultativ (der Satz ist auch ohne
sie grammatisch) vorkommen. Die Angaben sind immer fakultativ. Im Satz Sie führte ihr
Glas scheu an die Lippen haben wir drei Ergänzungen (sie, Glas, an die Lippen) und eine
Angabe (scheu).
V 0,1,6
führen (Prät)
E0
Sie
E1
Glas
Amod
scheu
E6
an die Lippen
ATTR
ihr
Zu den theoretisch schwierigsten Aufgaben der Dependenzsyntax gehört die Frage nach der
möglichst objektiven und eindeutigen Unterscheidung zwischen den Ergänzungen und Angaben bzw. zwischen den fakultativen Ergänzungen und Angaben. Zu diesem Zweck wurden
in der Dependenzsyntax verschiedene Kriterien und Verfahrensweisen neu angewendet und
auch neu herausgearbeitet, wobei hier vor allem der Einsatz und die Verdienste von G. HELBIG besonders hervorzuheben sind. Denken wir z. B. an die Weglaßprobe (Eliminierungstest)
oder an den Paraphrasiertest (Zurückführung der Satzelemente auf ganze Sätze) u. a. Die bisher angewendeten Proben und Tests vermochten jedoch nicht, diese Unterscheidung verläßlich zu objektivieren. Zwei inhaltliche Kriterien werden am häufigsten angewendet:
- Subkategorisierung
- Sinnotwendigkeit (Weglaßprobe)6
Während die Angaben der jeweiligen konkreten Situation entsprechende Umstände eines
durch Verb ausgedrückten Geschehens bezeichnen und frei hinzufügbar sind, sind die
Ergänzungen als valenzbedingte Bestimmungen des verbalen Valenzträgers s u b k l a s s e n
s p e z i f i s c h, weil sie nur bei bestimmten Verben oder Gruppen von Verben möglich sind.
6
Vgl. dazu K.M. Welke, 1988, 37ff. Welke führt die Determiniertheit als drittes wichtiges Kriterium an, das
unseres Erachtens am umstrittensten ist. Nach diesem Kriterium sind Ergänzungen determi-nierte und Angaben
determinierende Größen im Satz.
Subklassenspezifische Subkategorisierung bedeutet, daß die Verben in Untergruppen aufgeteilt werden können, je nachdem ob sie z. B. nur mit einer Subjektergänzung (einwertige
Verben wie schlafen, husten, aufstehen u.a.), mit einer Subjektergänzung und
Präpositivergänzung (zweiwertige Verben wie sich kümmern, teilnehmen u.a.) oder mit einer
Subjektergänzung, Akkusativergänzung und einer Genitivergänzung (dreiwertige Verben wie
beschuldigen, anklagen, überführen u.a.) u. ä. vorkommen können. Die Sinnnotwendigkeit
manifestiert sich in der Nichtweglaßbarkeit der Ergänzungen und wird mit der Weglaßprobe
überprüft. Einzelne Satzelemente werden gestrichen, und es wird überprüft, ob der Satz ohne
das jeweilige Satzelement sinnvoll ist. Angaben können weggelassen werden, ohne daß die
Sinnhaftigkeit des betreffenden Satzes beeinträchtigt wird. Ergänzungen können nicht
weggelassen werden, weil sie sinnotwendig sind und ohne sie der Satz nicht sinnvoll, und
deshalb auch ungrammatisch, wird.7
Subjektsergänzung/Nominativergänzung ( Symbol: Esub, E0)
Anapher: Personalpronomen im Nominativ8
Die Subjektergänzung stimmt mit dem Begriff des Subjekts der traditionellen Syntax insofern
überein, als ihre, sich aus der engen satzgründenden Beziehung zum finiten Verb ergebende
Vorrangstellung gegenüber anderen Satzelementen nicht hervorgehoben wird und sie zu den
Ergänzungen gerechnet wird, weil ihr Vorkommen im Satz - wie das der anderen Ergänzungen - aus der Valenz des jeweiligen verbalen Valenzträgers resultiert. Die Subjektergänzung kongruiert mit dem finiten Verb in Person und Numerus. Sie wird morphologisch
durch dieselben Ausdrucksformen wie das traditionelle Subjekt repräsentiert, deshalb
brauchen wir nicht darauf einzugehen.
Akkusativergänzung (Symbol: Eakk, E1)
Anapher: Personalpronomen im Akkusativ
Genitivergänzung (Symbol: Egen, E2)
Anapher: dessen, deren
Dativergänzung (Symbol: Edat, E3)
Anapher: Personalpronomen im Dativ
Präpositivergänzung (Symbol: Eprp, E4)
Anapher: Präposition + Personalpronomen im jeweiligen Kasus
Pronominaladverbien (da(r) + Präposition)
7
Bei der Anwendung dieses Kriteriums (und der Weglaßprobe) können leider die fakultativen Ergän-zungen und
verschiedene elliptische und kontextuelle Auslassungen nicht erfaßt und identifiziert wer-den.
8
Die Anaphorisierung stellt ein wichtiges operationelles Verfahren dar, bei dem Satzelemente auch zwecks
Identifizierung durch allgemein verweisende Ausdrücke, durch Anaphern (Pronomen, Arti-kel und Adverbien)
ersetzt werden. Mit Hilfe der Anaphern lassen sich die Ergänzungen erkennen und definieren. So ist die
Präpositionalphrase im Satz
Wir warten auf die Entscheidung.
Präpositivergänzung, weil das Pronominaladverb darauf als Anapher verwendet wird, und im Satz Wir befinden
uns bereits auf dem Ausstellungsgelände.
Situativergänzung mir der Anapher da.
Situativergänzung (Symbol: Esit, E5)
Anapher: da
Die Situativergänzung kommt bei den Verben vor, die Personen, Gegenstände und andere
Erscheinungen im Raum lokalisieren. Meistens handelt es sich bei der Situativergänzung um
traditionelle obligatorische und fakultative lokale Adverbialbestimmungen. Sie steht bei den
Verben wie sein, sich befinden, sich aufhalten, sitzen, liegen, hocken, hängen, bleiben,
stattfinden, wohnen, leben, sich niederlassen, sich verstecken, sich verlieren, ruhen,
übernachten, hausen; stecken u.a. Zwischen situativen Ergänzungen und situativen lokalen
Angaben zu unterscheiden ist nicht immer einfach. Wie wir bereits oben darauf hingewiesen
haben, führte die Anwendung verschiedener Kriterien und Verfahren zur Abgrenzung von
Ergänzungen und Angaben zu keinen eindeutigen Ergebnissen, sogar zu Widersprüchen. Der
Paraphrasiertest, nach dem sich die Angaben auf vollständige Sätze zurückführen lassen, weil
sie reduzierte Sätze darstellen, kann nicht bei allen Klassen von Angaben angewendet werden.
Er wohnte in Salzburg.
* Er wohnte, als er in Salzburg war.
Bei der Präpositionalphrase handelt es sich um eine Situativergänzung.
Er schrieb die Hausaufgabe in der Schule.
Er schrieb die Hausaufgabe, als er (bereits) in der Schule war.
Bodo studiert in Münster.
Bodo studiert. Er ist in Münster.
Bei den Präpositionalphrasen handelt es sich in beiden Fällen um situative lokale Angaben.
Um Mißverständnisse zu vermeiden, werden nur obligatorische Satzelemente als situative
Ergänzungen akzeptiert. Fakultative Situativergänzungen werden zu den situativen lokalen
Angaben gezählt..
Die Situativergänzung wird durch folgende Ausdrucksformen repräsentiert:
- Präposition + Nominalphrase
Auf dem Tisch befindet sich ein brauner Umschlag.
Er hat sich in dieser Provinzstadt niedergelassen.
- Präposition + Pronominalphrase
Er saß neben ihm.
Die Folgen dieses tragischen Erlebnisses bleiben in ihr.
- Pronominaladverb
Alle Familienangehörige waren damit einverstanden.
Darauf hockte das arme kranke Kind.
- Adverb
Dort/Da hockte das arme kranke Kind.
Wir sind draußen geblieben.
- Nebensatz
Seine Schwester wohnt dort, wo wir gewohnt haben.
Die ursprünglichen Bewohner haben sich (dort) niederlassen, wo Wasser war.
Direktivergänzung (Symbol: Edir, E6)
Anapher: da(hin), von da/dort
Die Direktivergänzung tritt bei den Verben der Fortbewegung und bei Verben, die eine
Veränderung der Lage des Handlungsträgers bezeichnen oder einen Gegenstand im Raum
lokalisieren, auf. Es sind folgende Verben: gehen, fahren, fliegen, klettern, steigen,
schwimmen, rasen, kommen reisen, sich begeben, eilen, reiten; stürzen, fallen, schieben,
heben, legen, stellen, hängen, auswandern, aus-/einziehen, drehen, tanzen (durch den
Saal), zeigen u.a.
Die Direktivergänzung wird durch folgende Ausdrucksformen repräsentiert:
- Präposition + Nominalphrase
Sie stieg in den falschen Zug ein.
Wir begaben uns nach Hause
Die Nadel auf dem Kompaß zeigt nach Norden.
- Präposition + Pronominalphrase
Er stürzte sich auf ihn.
Die Katze lief zu ihm.
- Pronominaladverb
Sie fielen darauf.
Sie setzte sich dazwischen.
- Nebensatz (ohne oder mit dem Korrelat im Hauptsatz)
Er ging mit Bedenken, wohin man ihn geschickt hat.
Sie begaben sich dorthin, wo der Unfall passiert war.
Expansivergänzung (Symbol: Eexp, E7)
Die Expansivergänzung kommt bei Verben vor, die eine meßbare Veränderung im Raum oder
in der Zeit benennen. Sie gibt den Umfang, das Ausmaß der vom Verb ausgedrückten
Veränderungen an. Die Expansivergänzung ist meistens fakultativ und tritt bei den Verben
auf wie abnehmen, zunehmen, verlängern, kürzen, verkürzen auf, dauern, sich ausdehnen,
reichen, schrumpfen auf, erwärmen auf, verkleinern, vergrößern, beschleunigen auf,
steigern auf, verbessern auf, wachsen u.a.
Die Expansivergänzung wird durch folgende Ausdrucksformen repräsentiert:
- Nominalphrase im Akkusativ
Die Weltrekordlerin hat bei seinem letzten Versuch 208 cm gesprungen.
Die Vorstellung dauerte dreieinhalb Stunden.
- Präposition + Nominal- oder Pronominalphrase
Er wartete bis zum Schluß der Sitzung.
Er wartete bis zehn nach zehn.
Die Straße hat man um gute zwei Meter verbreitert.
Das Abendprogramm sollte um eine halbe Stunde auf drei Stunden verlängert werden.
Die Vorräte sind um zweiundzwanzig Maschinen auf vier Stück geschrumpft.
Bei den Präpositionalphrasen mit der Präposition auf
gänzungen.
handelt es sich um Präpositiver-
- Nebensatz
Der Applaus dauerte, bis die Schauspieler von der Bühne verschwanden.
Nominalergänzung (Symbol: Enom, E8) – identisch mit dem durch ein Nomen realisierten
Subjektsprädikativ
Adjektivalergänzung (Symbol: Eadj, E9) - identisch mit dem durch ein Adjektiv bzw.
Partizip realisierten Subjektsprädikativ
Verbativergänzung (Symbol: Evrb, E10)
Anapher: Es tun, es sein, es geschehen
Die Verbativergänzung wurde in dem Umfang als selbständiges, vom Verb abhängiges,
valenzgebundenes Satzelenent erst von U. ENGEL ausgegliedert und beschrieben (in der 2.
überarbeiteten Auflage seiner Syntax der deutschen Gegenwartssprache aus dem Jahr 1982).
Es handelt sich um valenzgebundene Infinitivkonstruktionen und Nebensätze, die mit
einfachen Ergänzungen nicht ersetzbar sind. Ausnahmsweise sind einige gegen die
Pronomina es und das austauschbar. So läßt sich z. B. im Satz
Er weigerte sich, ihm die ganze Wahrheit zu sagen.
die Infinitivkonstruktion weder durch eine Substantivphrase noch durch das Pronomen es
bzw. das ersetzen:
*Er weigerte sich das Sagen der ganzen Wahrheit..
*Er weigerte es.
Die Verbativergänzung kommt im Gegensatz zu anderen Ergänzungen nur satzförmig vor und
tritt bei Verben wie bedeuten, folgern aus, sich fragen, sich sagen, es heißt, es gilt, finden
(in der Bedeutung ´meinen´, ´der Meinung sein`), ferner bei den Modalitätsverben pflegen,
scheinen, drohen, vermuten, sich weigern, vermögen, gedenken, vorhaben, sich trauen u. a.
auf. Als Verbativergänzungen werden auch Konstruktionen der Nebenverben sein und haben
(in der modalen Bedeutung) mit Infinitiv mit zu aufgefaßt.
Wir möchten noch darauf hinweisen, daß auch die indirekte Rede syntaktisch als E10
identifiziert werden kann, weil sie die Gestalt eines eingeleiteten oder uneingeleiteten Nebensatzes annimmt. In den meisten Grammatiken wird ihr die Funktion des Akkusativobjekts
bzw. der Akkusativergänzung zugeschrieben.
Jetzt heißt es achtgeben.
Es bedeutet, mit ihr nach Frankreich zu fahren.
Sie folgerte aus der Bemerkung, daß er darüber gut informiert war.
Sie ließen die Kinder im Park spielen.
Er meinte, sie seien über die Aktion informiert.
Es galt, mit den Geiselnehmern zu verhandeln.
Er vermochte nicht sich bei der Hoteldirektorin zu beschweren.
Sie hatten noch Brot zu kaufen.
Die bei den Hilfsverben haben, sein, werden und Modalverben dürfen, können, müssen, nicht
brauchen, sollen, wollen, mögen auftretenden Infinitive sind keine Ergänzungen, sondern
Bestandteile des Verbalkomplexes ( des Prädikats).
Satzmuster und Satzbaupläne
Die Satzmuster stellen abstrakte Satzstrukturmodelle der jeweiligen Sprache dar. In den
Satzmustern werden die Kombinationsmöglichkeiten von valenzabhängigen Satzelementen,
d. h. deren Zahl und Art berücksichtigt. Die syntaktischen Satzmustern sind unabhängig von
 der lexikalischen Besetzung der Aktanten (Nomen/Pronomen/Nebensatz)
 der Wortstellung
 dem Satztyp
 der Satzart
 der Form des Prädikats
 und von den angefügten valenzunabhängigen Angaben
In der deutschen Gegenwartssprache hat sich die Zahl der Satzmuster stabilisiert, ENGEL
unterscheidet in seiner Grammatik 49 Satzmuster, wir führen in unserer Liste 52 Satzmuster
an. Es sind:
Es regnete. Es zieht. Es goß (in Strömen).
0
Meine Mutter lacht. Die Zeit drängt.
0,1
Ich betreute den ausländischen Gast.
0,1,1 Der neue Wagen kostete ihn das ganze Vermögen.
0,1,2 Der Richter beschuldigte sie des Mordes.
0,1,3 Sie offenbarte ihm ihr Geheimnis.
0,1,3,4 Der Komplize bot ihr für ihr Schweigen eine hohe Summe an.
0,1,3,6 Der Schulleiter diktierte der Sekretärin einen Brief in die Maschine.
0,1,3,9 Er hat ihr ihre Treue schlecht gelohnt.
0,1,4 Er warnte uns vor der Reise.
0,1,4,4 Er übersetzte den Roman aus dem Dänischen ins Italienische.
0,1,6 Sie stellten die Vase auf den Tisch.
0,1,4,7 Kürzen Sie die Hose um zwei Zentimeter auf ein Meter fünfzehn.
0,1,5 Wir verbrachten die Ferien am Bodensee.
0,1,4,9 Ich meinte es gut mit euch.
0,1,7 Man hat die Autobahn um eine Spur erweitert.
0,1,8 Er schimpfte ihn einen Dieb.
0,1,9 Sie hat ihre Kinder gut erzogen.
0,1,10 Wir ließen die Kinder auf dem Dachboden spielen.(Auf dem Dachboden ist
situative lokale Angabe zur verbativen Ergänzung spielen.)
0,2
Sie enthielten sich der Stimme.
0,3
Das Rauchen schadet der Gesundheit.
0,3,4 Die Eltern rieten ihm von diesem Schritt ab.
0,3,6 Der Kater folgte mir in den Keller.
0,3,9 Der Kuchen schmeckte mir besonders gut.
0,3,10 Man bedeutete ihr, sich still zu verhalten.
0,4
Sie kümmerten sich um Gäste. Die Statue ist aus Granit.
0,4,4 Er bedankte sich bei ihr für das Geschenk.
0,4,6 Die bosnische Bevölkerung floh vor den Soldaten in die Berge.
0,4,9 Sie hat schlecht von uns geredet.
0,4,10 Sie folgerte aus der Bemerkung, daß er davon mehr wußte.
0,5
Sie befanden sich in der Garage.
0,5,7 Sie blieben dort fünf Stunden.
0,6
Ich fliege morgen nach Rom.
0,7
Die Aufführung dauerte drei Stunden.
0,8
Professor Denk wurde Rektor der Universität.
0,9
Sie sah krank aus.
0,10 Er meinte, Ingo sei nicht von ihm.
1
Mich friert. Mich schaudert (es).
1,5
Hier muß es Steinpilze geben.
2,4
Zur Teilnahme an diesen Gottesdiensten bedurfte es der Courage.
3
Mir schwindelt.
3,4
Mir graut es vor der Operation.
3,5,9 Es hat ihr bei euch gut gefallen.
3,9
Mir wird es warm.
4
Es kam zu Unruhen. Es ging um mein Geld.
4,4
Bei der Besprechung kommt es auch auf ihr Benehmen an.
4,8
Es sind immer Probleme mit euch.
4,9
Es steht schlecht um unseren Bruder.
6
Es regnete auf Felder und Wälder.
8
Es wird (bald) Frühling.
9
Es ist kalt. Es bleibt dunkel. Es wird warm.
10
Es gilt, Peter davonzujagen.
Helbig/Buscha stellten eine Liste von 97 Satzmodellen mit Verb als Valenz-träger auf, in
denen sie die morphosyntaktische Realisierung der Satzgliedfunktionen in Vordergrung
stellten und auch alternative Repräsentationen ohne semantische Verschiebung
berücksichtigten. Viele Verben gehören zu mehreren Satzmodellen, so kann z. B. der verbale
Valenzträger bedürfen einmal dem Satz-modell (33) Sn,Sg und gleichzeitig dem Satzmodell
(46) NSS, Sg angehören. (Vgl. Helbig/Buscha 199416 , 627). Das verzerrt unseres Erachtens
die reale Zahl der Satzmuster im heutigen Deutsch und erschwert den komplexen Überblick.
Das Erlernen von Satzmustern ist für den Fremdsprachenunterricht insofern von Bedeutung,
als bei äquivalenten Verben der Mutter- und Fremdsprache bzw. in zwei verschiedenen
Sprachen unterschiedliche Satzmuster vorliegen können. So haben z.B. das deutsche Verb
folgen und dessen slowakisches Äquivalent nasledovať unterschiedliche Satzmuster:
folgen(0,3) , nasledovať(0,4). Die Lerner eignen sich mit den zu lernenden neuen Verben auch
richtige Satzstrukturen an.
ANGABEN
Angaben (Symbol: A) als Satzelemente hängen vom Verb ab, sind jedoch im dessen Stellenplan nicht verankert, und deshalb sind sie immer f a k u l t a t i v und eliminierbar. Sie
drücken Umstände der Handlung, des Geschehens aus. Die syntaktische Weglaßbarkeit von
Angaben bedeutet aber keineswegs, daß sie semantisch und k o m m u n i k a t i v von zweitrangiger Bedeutung sind. Zwischen den traditionellen Adverbialbestimmungen und den Angaben im Dependezkonzept bestehen Parallelen und Übereinstimmungen, die meisten Adverbialbestimmungen sind im Dependenzkonzept Angaben. Einige, meistens obligatorische, Adverbialbestimmungen, wie bereits oben darauf hingewiesen wurde, nehmen im Dependenzkonzept die Funktion der Ergänzung wahr. Es handelt sich fast ausnahmslos um die Situativ-,
Direktiv- und Adjektivalergänzung. Die Angaben gehören zu den Satzelementen der 1. Ordnung, weil sie immer direkt vom Verb abhängig sind.
1. modifikative (modifizierende) Angaben (Symbol: Amod)
2. situative (situierende) Angaben (Asit)
2.1. situative temporale Angaben (Asit temp)
2.2. situative lokale Angaben (Asit loc)
2.3. situative kausale Angaben (Asit caus)
2.4. situative konditionale Angaben (Asit kond)
2.5. situative konzessive Angaben (Asit konz)
2.6. situative konsekutive Angaben (Asit kons)
2.7. situative finale Angaben (Asit fin)
2.8. situative instrumentale Angaben (Asit instr)
2.9. situative restriktive Angaben (Asit restr)
2.10 situative komitative Angaben (Asit kom)
3. existimatorische Angaben (Aexist)
4. negative Angaben (Aneg)
ZUR VALENZ DER ADJEKTIVE
Bei den deverbativen Adjektiven ist die syntaktische Valenz im Unterschied zu dem
jeweiligen Verb um eine Ergänzung, nämlich um die Subjektergänzung reduziert. Die
logisch-semantische Valenz bleibt jedoch wie beim Verb erhalten.
Das Lexikon befindet sich in unserer Bibliothek. (befinden (0,5))
Das Lexikon ist in unserer Bibliothek befindlich. (befindlich (5))
Das in unserer Bibliothek befindliche Lexikon ......
V(0,5)
Adj(5)
befinden
befindlich
E0
das Lexikon
E5
in Bibliothek
ATTR
E5
in Bibliothek
ATTR
seiner
seiner
Beide Valenzträger weisen jedoch als logische Prädikate identische Strukturen auf:
befinden
das Lexikon in seiner Bibliothek
befindlich
das Lexikon
in seiner Bibliothek
Ähnliche Unterschiede zwischen der syntaktischen und der logisch-semantischen Valenzstruktur lassen sich auch bei anderen deverbativen Adjektiven feststellen, wie z. B.
wohnhaft, abhängig, bedürftig, behilflich, dankbar u.a.
Ergänzungen im Detail
Subjektergänzung (Esub) - Das im Prädikationsmodell als eins von zwei
Hauptsatzgliedern hervorgehobene SUBJEKT verlor seine Vorrangposition und wurde
in der DG den anderen Ergänzungen gleichgestellt. Diese Prämisse der DG wird von
vielen Theoretikern (nicht nur von den „Traditionalisten“) angezweifelt.
ARGUMENTE FÜR die Gleichstellung des Subjekts:
 Die Esub wird z. B. bei zusammengesetzten Verbformen nicht durch die finite
Verbform regiert, sondern durch das Hauptverb (Partizip oder Infinitiv).
Er will sich deiner Unterstützung vergewissern.
Vm<i>f
wollen (Präs)
V<nom, gen >i
sich vergewissern
Esub
E<gen>
Detgen
 Semantisch wird das Subjekt vom Hauptverb! regiert. Der Satz *Diese Falte überlegt
zu lange ist unkorrekt, ABER die eben dekorierte Prinzessin überlegte zu lange.
 Es gibt germanische Sprachen (z. B. das Schwedische oder Dänische, bzw. das
Englische), in denen keine Kongruenz (bzw. nur Teilkongruenz) zwischen dem Vf und
Subjekt existiert. (Jag leker, du leker, .......) Im Deutschen ist es auch möglich, Sätze
ohne die Subjekt-Prädikat-Beziehung zu bilden. Mich schaudert. Mich friert. Mir
graut davor. Der Mutter soll geholfen werden. Gestern wurde lange gesungen und
getanzt.
 Tiefenstrukturell nimmt die Esub keine nur für sie vorgesehene semantische
Kasusrolle wahr. Das traditionelle Prädikat realisiert keine semantische Kasusrolle,
es nimmt in dieser Hinsicht eine besondere Stellung ein.
Die Esub kann unterschiedliche semantische Kasusrollen ausüben.
Das Laub raschelt.
Die Wäsche ist schmutzig.
Das Wasser kocht.
Löcher sind entstanden.
Der Opa bekam heute seine Rente.
Das Messer schneidet das Brot.
Nitra ist windig/gefährlich.
Kausator
Zustandsträger
Patiens
Resultativ
Adressat
Instrumental
Lokativ
ARGUMENTE GEGEN die Gleichstellung:
 Kongruenz zwischen dem Prädikat (Vfin) und dem Subjekt; aber der Numerus und
die Person sind im dt. Satz doppelt ausgedrückt.
 Die Esub ist in den grammatischen Sätzen obligatorisch.
 Kasus rectus der Esub
 die Infinitivprobe
Wenn ein Satz mit einem Vfin und Subjekt in die Infinitivkonstruktion gesetzt wird, wird
mit dem Vf auch die Subjektgröße eliminiert. Die Eliminierung betrifft z. B. andere
Ergänzungen mit der traditionellen Objektfunktion nicht.
....., weil er sich auf ihn nicht verlassen konnte.
....., ohne sich auf ihn verlassen zu können.
 Statistisch ist die Esub das häufigste Satzelement. Es ist jedoch bedenklich, diese
statistisch gesicherte Feststellung zur Grundlage einer Sonderstellung der E nom in
der Struktur des Satzes zu machen.
 In 60 Prozent aller Sätze steht die Esub an erster Stelle im Satz. BEDENKLICH!
 Die Identifikation der Esub mit der semantischen Rolle des Agens, (Urhebers, Täters PROBLEMATISCH).
 Die Esub tritt häufig als Thema der Aussage auf. Die Thema-Rhema-Gliederung.
(Bereits Angelegenheit der Textebene)
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