Internet Quelle: Bild Online vom 16.02.2015 (Internet-Publikation, Berlin) Visits: 248.699.654 AÄW: 331.600 € Reichweite: 8.289.988 Animierte 3D-Grafik Wie Krebs wächst und wo neue Medikamente ansetzen Kongresspräsident erklärt die größten Fortschritte in der Krebstherapie Die Krankheit macht Angst, die Zahlen schockieren: In diesem Jahr werden in Deutschland eine halbe Million Menschen an Krebs erkranken, gibt das Robert-Koch-Institut an. Weltweit warnte die WHO gerade vor einem Anstieg der Neuerkrankungen um 70 Prozent bis 2034! • Von SARAH MAJORCZYK Es gibt aber auch gute Nachrichten: Die Zahl derer, die an Krebs sterben, ist in Deutschland im letzten Jahrzehnt deutlich zurückgegangen, bei Männern um 17 und bei Frauen um 11 Prozent. Einer der Gründe: Wissenschaftler kennen die Ursachen der Krankheit immer genauer. In BILD erklärt Prof. Michael Hallek, Leiter der Klinik für Innere Medizin der Uniklinik Köln und Präsident des diesjährigen Krebskongresses, was das bedeutet. BILD: Herr Professor Hallek, wo setzt die Wissenschaft im Moment an? Prof. Hallek: „Am Wachstum der Krebszellen. Unter Krebs versteht man, vereinfacht gesagt, falsch programmierte Zellen, die sich ununterbrochen teilen und so die Funktion von gesundem Gewebe und Organen stören. Den Befehl zu wachsen bekommt jede Zelle über Signalwege. Auf diesen Wegen regeln Weichen die Weiterleitung der Befehle, etwa dass die Zelle sich teilen und wachsen soll – oder absterben. Bei Krebszellen verändern sich diese Weichen. Schuld sind Mutationen der DNA. Die Weichen lassen dann zum Beispiel zu oft den zerstörerischen Wachstums-Befehl durch und zu selten den rettenden Sterbe-Befehl. Da setzen wir an.“ BILD: Was sind die größten Fortschritte? Prof. Hallek: „Mittlerweile wissen wir bei fast 300 bekannten Krebsarten, wie die DNA, des Tumors aussieht. Und wir wissen: Es gibt etwa 500 Gene, Prof. Dr. Michael Hallek, Leiter der Klinik für Innere Medie eine Mutation auslösen, so die Weichen verdizin der Uniklinik Köln und Präsident des diesjährigen ändern und eine Krebszelle zum Wachsen brinKrebskongresses gen. Meist liegt aber nicht nur eine Mutation vor, sondern mehrere, in sehr vielen Kombinationsmöglichkeiten. Das heißt, man braucht auch eine Kombination von Wirkstoffen, damit die Weichen wieder richtig funktionieren und das zerstörerische Wachstum gestoppt wird.“ BILD: Krebs ist besonders gefährlich, wenn er gestreut hat. Gibt es dagegen endlich wirksame Therapien? Prof. Hallek: „Ja! Leider sind diese Fälle im Moment noch relativ selten, aber bei Lungenkrebs haben wir es zum Beispiel geschafft, einen Tumor mitsamt Metastasen zu bekämpfen! Wir haben die DNA des Krebses untersucht und mehrere Mutationen gefunden, also veränderte Weichen. Mit neuen Wirkstoffen, die gezielt an den Weichen ansetzen, konnten wir die Wachstums-Befehle stoppen – und zwar so, dass auch die Metastasen verschwanden. Für die Zukunft heißt das: Wenn ein Tumor streut, muss das kein Todesurteil mehr bedeuten.“ BILD: Was sind die vielversprechendsten Therapien? Prof. Hallek: „Die Immuntherapien, bei denen wir versuchen, das Immunsystem so zu verändern, dass es Krebszellen als Feind markiert und unterstützt von Medikamenten töten kann. Außerdem Weblink zielgerichtete Therapien mit sogenannten kleinen Molekülen oder Antikörpern, die das Krebs-Wachstum unterbrechen, indem sie die Krebszellen aushungern oder an ihrem eigenen Stoffwechsel-Abfall ersticken lassen. Im Moment entdeckt die Wissenschaft quasi explosionsartig ständig neue Weichen, an denen Therapien ansetzen können.“ BILD: Was raten Sie Betroffenen? Prof. Hallek: „Gehen Sie möglichst in ein zertifiziertes Zentrum, weil dort mehrere Spezialisten zusammen arbeiten – und fragen Sie, ob die DNA Ihres Tumors untersucht werden kann! Dies erhöht bei vielen Krebsarten Ihre Chancen, vom neuen Wissen der Signalwege, Mutationen und Weichen direkt zu profitieren. Und: Haben Sie keine Angst, an einer Studie teilzunehmen. Sie sind kein Versuchskaninchen, sondern bekommen unter großer Kontrolle die neuesten Wirkstoffe, die im besten Fall genau zu Ihrem Tumor passen. Das geht leider noch nicht bei jedem Patienten, aber genau daran arbeiten wir.“œ