6 1. Terminologie Im Zusammenhang mit elektroakustischer Musik

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1. Terminologie
Im Zusammenhang mit elektroakustischer Musik gibt es eine ganze Reihe von
Bezeichnungen zur Abgrenzung unterschiedlicher Musikformen. Konrad Boehmer
dazu:
„Ich verwende konsequent den Terminus ‚elektrische’ Musik, um mich nicht in den
heillosen terminologischen Wirrwarr zu verstricken, der von den historischen
Begriffen ‚elektronisch’“ und ‚konkrete’ Musik über ‚elektro-akustische’,
‚akusmatische’, ‚elektro-instrumentale’, ‚live-elektronische’ oder ‚Computermusik’
und viele andere reicht“.4
Im Folgenden möchte ich kurz auf einige Begriffe eingehen, soweit das für diese
Untersuchung notwendig bzw. von Vorteil ist.
Dabei erhebe ich nicht den Anspruch sie endgültig zu definieren. Stattdessen geht es
mir um eine Klärung der Begriffe für den Kontext dieser Arbeit. Zunächst ist wohl eine
Klärung von Bezeichnungen verschiedener Subgattungen elektronischer Musik
notwendig. Der Terminus „elektronische Musik“ ist eine allgemeine Bezeichnung von
Musik, zu deren Erzeugung elektronische Mittel eingesetzt werden.
Schon hier sind die Grenzen fließend: Ist beispielsweise eine von einem CD-Player
abgespielte Aufnahme eines Streichquartetts von Haydn (die mit Mikrophonen
aufgenommen, in einem Computer nachbearbeitet und geschnitten, dann zur
„Klangsättigung“ auf eine Bandmaschine übertragen wurde, um dann - wieder im
Computer – auf das Zielmedium gebannt zu werden) noch instrumentale Musik?
Der Begriff, der erstmals 1949 von Werner Meyer-Eppler im Kontext der „Kölner
Schule“ eingeführt wurde5, ist mittlerweile von allen erdenklichen Richtungen medialer
Musikproduktion benutzt und vereinnahmt worden, sodass seine (damaligen)
ästhetischen Implikationen längst nicht mehr mit ihm in Verbindung gebracht werden.6
Aus diesem Grund scheint mir Rolf Großmanns Unterscheidung zwischen
elektronischer Musik (mit kleinem ‚e’) und Elektronischer Musik (mit großem ‚E’), im
Kontext des terminologischen Durcheinanders sehr sinnvoll zu sein (auch wenn ihre
4
Konrad Boehmer: Vermittlung unter Strom, in: Neue Zeitschrift für Musik, Nr. 6/2005, Mainz 2005,
S.12-17, hier: Fußnote 1, S.17
5
Vgl. Hans Ulrich Humpert: Elektronische Musik. Geschichte–Technik–Kompositionen, Mainz 1987,
S.32
6
Beispielsweise ist in den Abteilungen einschlägiger Kaufhäuser, die mit electronic o.ä. benannt sind,
keine Neue Musik zu finden. Darüber hinaus behauptet beinahe jeder, der zu Hause am Computer ein
Bisschen Musik zusammen schneidet, er mache elektronische Musik.
6
Anwendung durch Regeln der Groß- und Kleinschreibung in der deutschen Sprache
erschwert wird).
Nach Rolf Großmann ist „Elektronische Musik“ (mit großem ‚E’) kein technischer
Terminus, sondern bezeichnet Musik der „Kölner Schule“.7
Wie schon im Titel dieser Arbeit ersichtlich, gibt es noch einen weiteren Terminus, der
zu Verwechslungen einlädt: „elektroakustische Musik“.
Die Formulierung „elektroakustische Musik“ ist im Prinzip genauso allgemein
verwendbar wie der Begriff „elektronische Musik“, wird allerdings ausschließlich im
Kontext Neuer Musik8 verwendet. Man könnte also sagen, elektroakustische Musik ist
elektronische Neue Musik.
André Ruschkowski sieht in dem Begriff „elektroakustische Musik“ allerdings eine
Erweiterung der obigen Definition von elektronischer Musik, nämlich als „Hinweis auf
die gleich berechtigte Verwendung ‚elektronischen’ und ‚akustischen’ Materials als
Kompositionsgrundlage.“9 Im Folgenden werde ich den Terminus „elektroakustische
Musik“ aber im Sinne von elektronischer Neuer Musik anwenden. Nun kommen wir zu
einigen weiteren etwas einfacher zu umreißenden Bezeichnungen.
Der amerikanische Begriff „Tape Music“ (oder auch „Music for magnetic Tape“) geht
auf das Ehepaar Bebe und Louis Barron zurück und steht im Wesentlichen für eine
experimentelle Auseinandersetzung mit dem Medium Tonband.10 Damit ist nicht
„Tonbandmusik“ gemeint. Der deutsche Terminus „Tonbandmusik“ bezeichnet
elektroakustische Musik, die für ein fixes Medium bestimmt ist, das konzertant zum
Einsatz kommt. (Aufgrund der technischen Einschränkung des Begriffs Tonband,
spricht man auch von „akusmatischer Musik“.11) Fix deshalb, weil wichtig ist, dass die
zeitliche Struktur während einer Konzertsituation nicht mehr veränderbar ist.
Tonbandmusik (oder akusmatische Musik) schließt also Elektronische Musik, Musique
Concrète und elektroakustische Musik mit ein.
Der Begriff ‚akusmatisch’ geht auf eine von Pythagoras entwickelte Lehrpraxis zurück,
bei der der Redner hinter einem Vorhang steht, also für seine Hörer unsichtbar bleibt,
7
Vgl. Rolf Großmann: Vom kleinen ‚n’ und großen ‚E’ zum großen ‚N’ und kleinen ‚e’. Die Neuen
Medien und die Produktion elektronischer Musik, Beitrag zum Fachgespräch „Computer und die Künste“
1.9.1994 in Hamburg, http://kulturinformatik.uni-lueneburg.de/grossmann/nene.php
8
Das ‚N’ in Rolf Großmanns Artikel bezieht sich zwar auf das Wort neu, jedoch nicht im Bezug auf
„Neue Musik“, sondern in Bezug auf die „Neuen Medien“.
9
André Ruschkowski: Elektronische Klänge und musikalische Entdeckungen, Stuttgart 1998, S.231
10
Vgl. Martin Supper: Elektroakustische Musik & Computermusik, Hofheim 1997, S.17f.
11
Vgl. John Dack: Instrument und Pseudoinstrument: Akusmatische Konzeptionen, in: Elena Ungeheuer
(Hg.): Elektroakustische Musik, Handbuch der Musik im 20. Jahrhundert, Band 5, Laaber 2002, S.243
7
um so die Aufmerksamkeit derselben möglichst stark auf das gesprochene Wort zu
lenken und nicht durch eventuelle visuelle Reize zu defokussieren.12
Das Wort ‚akusmatisch’ ist verwand mit dem Begriff ‚Akoasma’ aus der Psychologie.
Er steht für „eine Form von akustischen Halluzinationen bei psychiatrischen
Erkrankungen“.13 Darüber hinaus gibt es im Zusammenhang mit Film die Bezeichnung
„voix acousmatique“.
„Darunter ist eine Stimme ohne Träger zu verstehen, die keinem Subjekt
zugeschrieben werden kann und in einem unbestimmten Zwischenraum schwebt; die
Stimme ist unerbittlich, eben weil sie nicht richtig lokalisiert werden kann.“14
Selbstverständlich sind wir mittlerweile daran gewöhnt, Klänge zu hören, deren Quellen
nicht sichtbar sind. Das Zuordnen von einem Klang zu seiner Quelle ist in den meisten
Fällen trivial. Akusmatik beginnt gewissermaßen dort, wo der Hörer bereit ist, keine
triviale Zuordnung mehr vorzunehmen, wo er bereit ist,
„sich auf die Merkmale der Klänge zu konzentrieren bzw. darauf, wie diese
innerhalb der vom Komponisten gewählten Musiksprache fungieren. Als Resultat
wird das Band zwischen einer Klangquelle, unabhängig vom Grad ihrer
Erkennbarkeit, und dem sich daraus ergebenen Klang schwächer.“15
Eben war kurz von der Musique Concrète die Rede.
Die Musique Concrète ist eine in Frankreich entstandene Form der Musik, die auf
aufgenommenen (d.h. mit Mikrophonen „gesammelten“) Klängen basiert. Konkret
deshalb,
„weil sie auf vorherbestehenden, entlehnten Elementen einerlei welchen Materials –
seien es Geräusche oder musikalische Klänge – fußt und dann experimentell
zusammengesetzt wird aufgrund einer unmittelbaren, nicht-theoretischen
Konstruktion, die darauf abzielt, ein kompositorisches Vorhaben ohne Zuhilfenahme
der gewohnten Notation, die unmöglich geworden ist, zu realisieren.“16
12
Vgl. John Dack: Instrument und Pseudoinstrument: Akusmatische Konzeptionen, in: Elena Ungeheuer
(Hg.): Elektroakustische Musik, Handbuch der Musik im 20. Jahrhundert, Band 5, Laaber 2002, S.244
13
Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Akoasma
14
Slavoj Zizek: Liebe Dein Symptom wie Dich selbst! Jacques Lacans Psychoanalyse und die Medien,
Berlin 1991, S.60; Die psychologischen Wirkungen derartiger Technik sind nicht zu unterschätzen und
durchaus missbrauchbar. Vgl. Olaf Arndt: Der Falsche Schlaf. Bausteine zu einer Mythologie der Polizei
im 21. Jahrhundert, in: Lettre International, Nr 61, Berlin 2003
15
John Dack: Instrument und Pseudoinstrument: Akusmatische Konzeptionen
16
Pierre Schaeffer: Musique concrète. Von den Pariser Anfängen um 1948 bis zur elektroakustischen
Musik heute, Stuttgart 1974, S.18
8
Die letzte Subgattungsbezeichnung, der ich mich hier zuwenden möchte, ist die liveelektronische Musik.
Martin Supper listet folgende Formen von live-elektronischer Musik auf:
-
Instrumentalaufführung mit elektronischer Klangumformung
-
Synthesizereinsatz bei Konzerten
-
Computergestützte, interaktive Systeme17
Supper schließt auch die „Instrumentalaufführung mit Einspielung von vorproduziertem
Klangmaterial“ und „Live-elektronische Ensembles“ ein.18 Die Instrumentalaufführung
mit Einspielung von vorproduziertem Klangmaterial ist wohl das, was Konrad Boehmer
mit elektro-instrumentaler Musik meint und ist – sofern es sich um fixe, in ihrer
zeitlichen Struktur nicht veränderbare Einspielungen handelt – eher als eine Mischform
von Tonbandmusik und instrumentaler Musik zu sehen.
„Live-elektronische Ensembles“ als Beispiel für Live-Elektronische Musik im Kontext
einer Erklärung desselben Begriffs anzuführen, halte ich für tautologisch und daher
nicht für nützlich.
Ein Spezialfall von Live-elektronischer Musik ist die Laptopmusik.
Hierbei handelt es sich um live auf einem Laptop gespielte Musik. Aufgrund der
Beschränkung auf das Gerät Laptop verdient diese Art der musikalischen Aufführung
eine gesonderte Betrachtung. Das interessante an der Laptopmusik ist, dass der
Computer dabei die Rolle eines Instrumentes bekommen kann. Der Ausführende
Musiker - der meistens auch der Komponist ist – „baut“ sich gewissermaßen sein
Instrument mit Hilfe von Softwareanwendungen und externen Steuergeräten selbst und
improvisiert darauf, oder schreibt Musik dafür. Die Laptopmusik ist logischerweise
nicht nur eine Unterkategorie von live-elektronischer Musik, sondern auch von
Computermusik. Computermusik ist nach Martin Supper Musik, für
„deren Genese die Verwendung eines Computers notwendig oder wesentlich ist.
Dies gilt sowohl für die Errechnung eines elektroakustischen Klanges (...) als auch
zur Generierung einer Partitur (...). Computermusik kann instrumentaler, vokaler
und elektroakustischer Art sein.“19
17
Martin Supper: Elektroakustische Musik & Computermusik, Hofheim 1997, S.13
ebd., S.13
19
ebd., S.26
18
9
Im Folgenden werde ich kurz die Bedeutung einiger Unterkapitelüberschriften dieser
Arbeit erläutern.
Um im Kapitel „Material“ eine klare Grenze ziehen zu können, habe ich mich
entschlossen zwischen synthetischem Material und Sampling scharf zu trennen.
Der Begriff Sampling wird gebraucht werden als Bezeichnung für die Aufnahme von
bereits existierenden klanglichen Elementen, seien es Klänge aus der Umwelt oder von
Tonträgern. Es mag zunächst verwirrend erscheinen, im Angesicht von
Synthesetechniken wie der granularen Synthese oder ähnlichen (die auf
aufgenommenen Klängen basieren) eine klare Trennung von Sampling und
synthetischem Material vorzunehmen. Jedoch ist in Bezug auf das Material eine
Technik wie die granulare Synthese eher als eine Verarbeitungsmethode zu sehen.
Granulare Synthese ist Montage und Montage ist Verarbeitung. Daher soll synthetisches
Material im Rahmen dieser Arbeit rein synthetisch erzeugtes Klangmaterial bezeichnen,
also z.B. Sinustöne, weißes oder farbiges Rauschen.
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