Ausgabe 30

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RASDORFER
GESCHICHTSBLATT
Herausgeber: Verein zur Förderung der Heimat- und Kulturpflege Rasdorf e.V.
Ausgabe Nr. 30
Jahr 2012
Elsässer im I. Weltkrieg von Februar 1916 bis Dezember 1918
in Rasdorf evakuiert
von Wendelin H. Priller
Illfurth, ein Ort mit heute rund 2300 Einwohnern, im bis 1918 zum deutschen Reich
gehörenden Elsass gelegen – 10 km südlich von Mühlhausen, früher Landkreis Altkirch – war
in die Kriegsgeschehnisse des I. Weltkrieges mit einbezogen worden.
Postkarte von Illfurth 1914
geschrieben von einem französischen Offizier; Illfurth war zu Beginn des I. Weltkriegs kurze
Zeit von den Franzosen besetzt worden.
Im Jahre 1915 plante die deutsche Wehrmacht eine große Offensive an der oberelsässischen
Front und einen Truppenvorstoß in Richtung der 50 km südlich gelegenen französischen Stadt
Belfort. Vorgesehen war die Inbetriebnahme zweier Kanonen mit größerer Schussweite, die
eine sollte im benachbarten Zillisheim, die andere in Illfurth stationiert werden.
Dazu waren umfangreiche Arbeiten notwendig. In Illfurth arbeiteten unter dem Siegel der
Verschwiegenheit etwa 1000 Personen an dem Bau einer Eisenbahnlinie, die zum Standort
der künftigen „großen Kanone“ führen sollte. Die deutsche Kommandantur beschloss aber,
dass nur eine Kanone in Zillisheim aufgestellt werden sollte. In Illfurth sollte ein Mörser
aufgestellt werden. Dazu kam es aber nicht, da im November 1915 die Arbeiten in Illfurth
eingestellt wurden.
Die Kanone schoss zum ersten Mal am 08.02.1916, dies war erst drei Tage danach, als die
Illfurther bereits weg waren. Sie haben dies dann nicht mehr mitbekommen.
Bei der „Großen Kanone“ handelt es sich um den „Langen Max“. Fälschlicherweise wird
immer angenommen, dass es sich um die „Dicke Berta“ gehandelt habe.
Während der Bauarbeiten, bereits im Jahre 1915, wurde die ganze Gegend, aber insbesondere
Illfurth, von der französischen Armee Tag und Nacht bombardiert, es wurden Häuser und
Scheunen zerstört, Soldaten als auch Zivilpersonen mussten ihr Leben lassen.
Am 17. Januar 1916 ordnete die deutsche Wehrmacht die Evakuierung von Illfurth an. Bis
zum 5. Februar 1916 musste Illfurth geräumt sein. Zuvor waren bereits andere Dörfer
evakuiert worden. Der Beschluss lautete: „Wer nicht zu Verwandten gehen kann, soll sich
beim Bürgermeister anmelden. Es wird ein extra Zug, der die Illfurther in Sicherheit bringen
soll, zusammengestellt.“
Die deutsche Wehrmacht stellte den Kranken, Kindern und Frauen Gespannwagen, die von
Pferden oder Ochsen gezogen wurden, zur Verfügung. Die Männer mussten zu Fuß gehen.
Diese Gespannwagen brachten die Bevölkerung zum Bahnhof nach Zillisheim.
5. Februar 1916 – Die Illfurther verlassen ihre Heimat
Der am 25. August 1902 geborene und am 18. Juni 1971 verstorbene Jesuitenpater Louis
Betschart, berichtet in dem 1950 über Illfurth erschienenen Buch ausführlich über die
Evakuierung und seine Zeit in Rasdorf.
Louis Betschart war seit seiner Jugendzeit in Rasdorf befreundet mit Josef Flach, dem
späteren Bürgermeister.
In den Jahren 1952/1953 war Louis Betschart noch einmal zu Besuch bei der Familie Flach.
Er vermittelte der Tochter Ruth Burghardt, geb. Flach, eine Stelle im Tessin, so dass diese
dann später eine Reise, die sie über Basel und Zürich führte, in die Südschweiz antreten
konnte.
In seinem Buch über Illfurth schildert Louis Betschart den Auszug sowie die Zeit in
Rasdorf wie folgt:
„Ins Hessische geht’s, wusste der alte Fütsche Toni als
Gemeinderatsmitglied zu erzählen. Am 30. Januar 1916 wurde
in der Dorfkirche die letzte heilige Messe gefeiert. Darauf
vernagelte man die Altäre mit Brettern und überliess die
Kirche dem Schutz des hl. Martin. Ein unglücklicher Leutnant
muss gesagt haben, „Schaut euch das Land nochmals an, jetzt
geht es nach Ostpreussen. Hierher kommt keiner von euch
mehr zurück.“.
Dann rollte der Zug in die Nacht hinein, einem uns
unbekannten Ziel entgegen. Mühlhausen, Strassburg, Worms,
Frankfurt waren die Richtpunkte. In Frankfurt gabs eine
rechte Verpflegung, aber schon bald gings weiter und weiter.
Dann kam die Trennung. Nach einer guten Stunde wurden in
Flieden die hintersten Wagen abgehängt, so auch wieder in
Louis Betschart als Jesuitenpater, Neuhof. Die Hauptgruppe blieb in Fulda. Mit uns ging’s
weiter bis Hünfeld. Einige reisten bis Bebra, Richtung Kassel.
war später in Zürich und Basel
tätig
So kamen wir also ins „Hessische“.
In Hünfeld stand ein gutes Frühstück bereit. Schöne grosse belegte Brote gabs und Kuchen.
Das versöhnte die Übernächtler. Sie hätten zwar lieber ein Glas Wein gehabt, denn der
„Tröster“ im Gütterle hat doch Durst gegeben. Und wieder ging es weiter. Diesmal standen
Leiterwagen zur Verfügung. Zwei Stunden lang fuhren wir auf der winterlichen Landstrasse.
Wir glaubten ans Ende der Welt zu fahren. Schliesslich lag Rasdorf vor uns, dem wir
verschrieben waren. Flüchtlinge nannte man uns. Und wir mussten gleich erfahren, dass es
so war. Denn viele Familien wurden auseinandergerissen. So kam mein Vater als Melker zu
einem Grossbauer, meine Schwester zu zwei Jumpfern, meine Mutter mit dem kleinen Bruder
zu einer Wittfrau, die so wie so mit ihren eigenen Kindern schwer durch musste, weil der
älteste Sohn eingezogen war. Mich nahm der Bürgermeister zu sich, er brauchte einen
Stallbuben und Weidjungen. (Bürgermeister war zur damaligen Zeit Adalbert Weber
(Waenersch)).
So erging es auch den
anderen Familien. Die
Eltern litten darunter.
Uns Jungen kam die
Sache romantisch vor.
Und da alles hoffte, in
ein paar Wochen wird
die Heimkehr kommen,
fand man sich mit der
Lage ab, zumal die Leute
uns durchwegs sehr gut
aufgenommen hatten. Ein
Flüchtlingspfarrer kam
uns bald besuchen und
half
etwas
Kontakt
Gymnasiast Louis Betschart im Gymnasium Zillisheim
schaffen.
Kaum waren wir etwas eingenistet, brachten die Zeitungen auch schon die große Sensation:
„Belfort werde von einem schweren Geschütz beschossen. In Frankreich herrsche große
Panik“. Jetzt wussten wir Bescheid, dass die Geschosse aus dem Hinteren Wald über Illfurth
nach Belfort heulten. Die Franzosen sahen der Beschiessung natürlich nicht mit
verschränkten Armen zu. Nach dem Krieg entdeckten wir die ungezählten grossen
Granattrichter und den verwüsteten Wald. Wir sahen aber auch die imponierende Anlage mit
ihren gewaltigen Bunkern, Munitionskammern und Aufzügen.
Bald kamen Ostern und der Frühling. Und weil aus den prophezeiten sechs Wochen zehn
geworden waren, sammelten sich die Familien wieder so weit wie möglich im eigenen
Haushalt. Zwei Mark bezahlte ja der Staat pro Kopf, pro Kind eine Mark. Die meisten Mütter
hatten nie so viel Haushaltsgeld zur Verfügung gehabt. Aber die Unterstützung ward bald auf
die Hälfte herabgesetzt. Und es begann die Zeit der Rationierung, der Karten und Märklein,
die man ja auch anderswo miterlebte.
Auf die Dauer wurde die Belastung der Gemüter übergross. Da und dort stellte sich der
„Flüchtlingskoller“ ein. Nichts war mehr recht. Wenn keine Nachrichten von den Bekannten
kamen; wenn die Zensur einige Zeilen schwarz überstrichen hatte; wenn wieder junge Leute
eingezogen und die älteren nicht entlassen wurden; wenn die allzu grossen Menschlichkeiten
unter den Landsleuten schwüle Luft schufen; wenn die Jungen an den Sieg der Deutschen
glaubten – sie hörten ja nichts anderes – und die Älteren am Sieg der Alliierten nicht
zweifelten, entstanden Spannungen, die sich gar nicht leicht lösen liessen. Mit der Zeit
bestätigten die Urlauber den „Glauben“ der Alten. Dieser Koller hatte auch jene befallen,
die im Elsass geblieben waren. Es ging eben zu lange.
Aufs Ganze gesehen darf man aber sagen, dass die Einheimischen mehr als recht waren zu
uns Flüchtlingen. Das zeigte sich vor allem, wenn Unglück und Not einkehrten oder wenn gar
der Schnitter Tod Ernte hielt. Eines schönen morgens gegen zwei Uhr hörte ich alle Glocken
läuten. Wir waren kaum ein Monat im Dorf. Ich sprang auf und sah den roten Feuerschein
durchs Fenster. Vor dem Haus merkte ich, dass ausgerechnet das Haus in Feuer stand, in
dem mein Vater, meine Mutter und mein Brüderchen wohnten. Wie ein Windhund sauste ich
durch die Nacht und sah gerade, wie alle heil zum Haus herauskamen nur ganz notdürftig
gekleidet. Alles, was wir noch mitgenommen hatten, ist radikal verbrannt. Da waren die
Leute wirklich gut zu uns, wie man es nicht schöner hätte erwarten können.
Es boten sich mit der Zeit gute Arbeitsgelegenheiten für die heranwachsenden Kinder. Ich
selbst konnte mein Studium (in Fulda) weiterführen und fand auch hier gute Menschen, nicht
zuletzt im Pfarrhaus beim „Kaplan“.
Das Klima war etwas rauh, aber gesund. Unser guter alter Fütsche Toni meinte zwar: „Acht
Monate lang sei Winter und vier Monate sei’s kalt. Und der Boden sei so reich, dass sogar
die Steine auf den Äckern wachsen, aber leider sonst nur Roggen und Wigge“. Das war eben
die Rhön.
Die in Rasdorf untergebrachten vier Familien:
I.
Die Familie BETSCHART
1.
Betschart Aloyse, 42 Jahre
2.
Betschart Mathilde geb. Kopf, 43 Jahre
a)
Betschart Louis, 14 Jahre
b)
Betschart Rose, 11 Jahre
c)
Betschart Paul, 4 Jahre
II.
Die Familie FIRMANN
1.
Firmann Joseph, 40 Jahre
2.
Firmann Eugénie geb. Ebtinger, 40 Jahre
a)
Firmann Armand, 12 Jahre
b)
Firmann Albert, 10 Jahre
c)
Firmann Maria, 7 Jahre
d)
Firmann Joseph, 2 Jahre
III
Die Familie FUTSCH
1.
Futsch Antoine, 61 Jahre
2.
Futsch Francoise geb. Ganser, 61 Jahre
a)
Futsch Antoine, 23 Jahre
b)
Futsch Marie, 18 Jahre
IV.
Die Familie MEYER
1.
Meyer Julienne, Witwe, geb. Kieffer, 67 Jahre
a)
Meyer Martin, 42 Jahre
b)
Meyer Xavier, 24 Jahre
„Mit dem Herbst 1918 wuchsen endlich die Hoffnungen auf baldige Heimkehr. Als die
Nachrichten von den zusammenbrechenden Fronten eintrafen, kauften die Leute Reisekörbe
und Koffer. Leider ging wieder die Parole durch: „Nehmt so wenig wie möglich mit, daheim
wird gut für euch gesorgt.“. Die Pessimisten, die soviel mitnahmen, als sie konnten, waren
die Schlaueren. Der Spatz in der Hand war ihnen mehr wert, als die Taube auf dem Dach.“
Als sie in ihre Heimat zurückkamen, fanden sie veränderte Verhältnisse vor. Das Elsass war
nicht mehr deutsch, sondern französisch. Auch die Amtssprache und alles andere wurde in der
Zeit danach französisch, so dass die älteren Leute später große Probleme hatten, da sie nur
deutsch sprachen, was auch heute noch vielfach der Fall im Elsass ist.
Durch die Zurverfügungstellung von Unterlagen durch Herrn Joseph Heusch aus Illfurth, der
anlässlich des 90. Jahrestages der Räumung 2006 eine Broschüre herausgegeben hat, konnte
die geschichtliche Aufarbeitung vorgenommen werden.
Wie die Geschichte Rasdorfs durch den französischen Kaiser Napoleon I.
Bonaparte beeinflusst wurde
Gisela Falkenhahn - Klee
Der französische Kaiser Napoleon I. Bonaparte kam in der Zeit von 1806-1813 auf seinen
Reisen begleitet von seiner Leibgarde oder mit seinem gesamten Generalstab und seinen
Armeen von Hünfeld oder Vacha kommend neun mal durch Rasdorf.
Die Anstanvia, die Handelsstraße, die schon im Mittelalter eine Verbindung vom Rhein-Main
Gebiet bis an die Elbe war, lief ursprünglich nördlich über den Stallberg an Rasdorf vorbei.
Um 760 wird von einer fest ausgebauten Handelsstraße durch Rasdorf berichtet, die der Abt
des Fuldaer Klosters ausbauen ließ, um zu den Besitzungen des Klosters im heutigen
Thüringen zu gelangen.
Von 1764 bis 1771 ließ Fürstbischof Heinrich VIII. von Bibra (1759-1789) die Straße von der
Landesgrenze bei Vacha über Buttlar, Rasdorf, Hünfeld, Fulda, Neuhof und Flieden bis nach
Schlüchtern und von 1773 bis 1774 bis zur fuldischen Exklave Salmünster zu einer Chaussee
ausbauen. Diese Chaussee bildete ein Teilstück der Handelsstraße Frankfurt – Leipzig, der
heutigen B 84.
Auf dieser gut ausgebauten Straße zogen Kaiser und Könige mit ihren Armeen und
Reiterheeren immer wieder durch Rasdorf.
Noch lange Zeit danach wurde in Rasdorf von der so genannten „Heerstraße“ oder auch der
„Franzosenstraße“ gesprochen.
Quellen: Hünfelder Heimatkalender 1970, Unsere Straßen sind unser Schicksal, Alfons Frank, sowie Stadtarchiv Hünfeld
Wer war Kaiser Napoleon I. Bonaparte?
Napoleon I. Bonaparte (1769 – 1821) strebte als Kaiser von Frankreich die Errichtung eines
abendländischen Großreichs nach dem Vorbild des karolingischen Frankenreiches unter Karl
dem Großen, mit Frankreich als Mittelpunkt und Ordnungsmacht an. Er galt als maßlos in
seiner kriegerischen, imperialistischen Außenpolitik. Seine Charakterzüge wurden als
willensstark, ehrgeizig, kaltblütig und rücksichtslos beschrieben.
Ab 1792 nahm Napoleon Bonaparte als Kommandant, ab 1796 als General an den Koalitionsund Befreiungskriegen teil. Von 1804 bis 1813 führte er die Koalitions- und Befreiungskriege
als Kaiser von Frankreich.
1802 wurde Napoleon Bonaparte durch Volksabstimmung zum Konsul (1) gewählt, was ihm
die alleinige Macht im Land sicherte.
1804 krönte sich Napoleon Bonaparte im Beisein des Papstes in der Kathedrale Notre Dame
in Paris selbst zum Kaiser der Franzosen (2).
(1) Er nannte sich Konsul „Imperator“. Wie im antiken römischen Kaiserreich wollte er als ein „Empereur“ über ein
„Imperium“ herrschen. Mode und Symbole aus dem alten Rom ließ er wieder aufleben.
(2) Grundlegend verändern wollte er die Justiz- und Staatsverwaltung, auch die Schulformen wollte er reformieren. Doch
wegen seiner Gier nach Macht konnte er seine großen Ziele nicht verwirklichen. Trotzdem hat er die staatlichen Strukturen
Frankreichs bis in die Gegenwart geprägt.
Bereits zum Ende des 18. Jahrhunderts beginnt Napoleon die Geschichte der deutschen
Fürstentümer sowie Fürstbistümer zu beeinflussen.
Nach dem Sieg der Franzosen im 1. Koalitionskrieg kam es zwischen Frankreich und
Österreich in dem Friedensvertrag von 1797, der so genannte „Friede zu Campo Formio“, zu
Verschiebungen der französischen Ostgrenze bis an das linke Rheinufer.
Auch nach dem 2. Koalitionskrieg, aus dem Frankreich gegen Österreich erneut als Sieger
hervorging, wurde in dem Friedensvertrag von Luneville vom 9.2.1801 die seit 1797
bestehende Ostgrenze bestätigt. Das linke Rheinufer blieb französische Ostgrenze.
Infolgedessen wurden zahlreiche deutsche, niederländische und belgische Fürsten um ihre
links-rheinischen Gebiete gebracht. Im Reichsdeputationshauptschluss (3) 1803 wurden den
weltlichen Fürsten als Entschädigung die kirchlichen Reichsstände (4) und freien Reichsstädte
(5) durch Mediatisierung (6) zugestanden.
Es kam zur Auflösung der Kurpfalz. Zwei der insgesamt acht Kurfürstentümer, die Kur Köln
und die Kur Trier waren zu Frankreich gekommen und für das Deutsche Reich verloren.
Säkularisiert und neuen Herrschern als Entschädigung zugestanden wurden die Fürstbistümer
Fulda, Bamberg und Würzburg, um einige zu nennen.
(3) Ein Beschluss der letzten Sitzung des Immerwährenden Reichstags vom 25.2.1803 in Regensburg, das letzte große Gesetz
des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Gleichzeitig wurde unter § 35 die Säkularisierung der bestehenden
Kirchengüter beschlossen.
(4) Die kirchlichen Reichsstände des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation waren die Erzbischöfe, Fürstbischöfe,
Fürstäbte, Prälaten, die einen Sitz und Stimme im Reichstag besaßen. Allerdings hatten bereits Ende 1802 die meisten
geistlichen Fürsten auf ihre Herrschaftsrechte (Sitz und Stimme) im Reichstag verzichtet, da sie nicht selbst über die
Auflösung ihrer Herrschaftsgebiete abstimmen wollten.
(5) Die freien Reichsstädte im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen waren jene Stadtgemeinden, die keinem
Reichsfürsten sondern direkt dem Kaiser unterstanden oder Städte, die dem Kaiser keine Heerfolge leisten mussten. Mit
Auflösung des Kaiserreichs waren die Städte für die Reichsfürsten frei.
(6) Mit der Mediatisierung (Mittelbarmachung) der Reichstände 1803 und Aufhebung der Reichsunmittelbarkeit eines
Reichstandes konnte dessen territoriales Aufgehen in einen anderen Reichsstand erfolgen. 1803 wurden 45 der 51 freien
Reichsstädte, die bis dahin nur dem Kaiser unterstellt waren, mediatisiert, d. h. einem Reichsfürsten zugestanden.
Am 12. Juli 1806 wurde unter Federführung Napoleons die Rheinbundakte unterzeichnet.
Damit war der Rheinbund gegründet. Napoleon ernannte sich selbst zum Protektor des
Rheinbundes der bis 1813 Bestand hatte.
Der Erzbischof von Mainz Fürstprimas Karl Theodor von Dalberg, wurde zum Erzkanzler des Rheinbundes ernannt.
Das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wurde nun formell besiegelt. Das Römisch - Deutsche Reich
war eine Wahlmonarchie gewesen. Seit der Kaiserkrönung Otto I. im Jahr 962, dem Beginn des deutschen Kaisertums hatten
alle Deutschen Kaiser fast 1.000 Jahre die gleiche Kaiserkrone getragen.
Am 1.8.1806 erklärten eine Reihe von Reichsfürsten, die teilweise schon vor 1803 von Napoleon zu Königen ernannt worden
waren, den Austritt aus dem Reich. Zunächst traten 16 süd- und westdeutsche Fürstenstaaten dem Rheinbund bei und kamen
somit unter Napoleons Protektorat.
Bis 1808 waren insgesamt 36 deutsche Fürstenstaaten unter die französische Vorherrschaft gekommen, darunter Sachsen,
Baden, Württemberg, alle freien Hansestädte Hamburg, Bremen, Lübeck, Wismar, die Stadt Lüneburg. Napoleon gründete
das Königreich Westphalen mit Königsitz in Kassel. Es erstreckte sich über Gebietsteile von sieben heutigen Bundesländern:
Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Bremen, Hamburg, Thüringen und Sachsen-Anhalt und die vormals
preußischen Provinzen westlich der Elbe.
Die deutschen Fürsten waren Napoleon durch Heirat mit Stiefkindern und Geschwistern auch verwandtschaftlich verpflichtet.
Dem Rheinbund nicht beigetreten waren Bayern, Preußen, Kurhessen, das Fürstentum Fulda und Braunschweig. Bayern war
durch verwandtschaftliche Beziehungen mit Frankreich verbündet und durfte bei französischen Heeresdurchzügen nicht
geplündert werden.
Die unter französische Verwaltung gekommenen Länder mussten je nach ihrer Größe ein Kontingent an Soldaten für die
französischen Heere stellen. Deutsche junge Männer mussten ihr Leben in den französischen Kriegen lassen. Napoleon
forderte immer mehr Soldaten aus den Rheinbundstaaten um seine Armeen aufzufüllen. Ebenso forderte er immer größere
Summen an Geldzahlungen für seine Kriege. 1812 musste Bayern für den Russlandfeldzug 330.000 Soldaten an Frankreich
stellen, 30.000 kamen nicht zurück.
Nach dem Russlandfeldzug 1812, in dem gerade die Rheinbundtruppen am schlimmsten gelitten hatten und große Verluste
an gefallenen Soldaten hinnehmen mussten, kamen die ersten Ernüchterungen unter den deutschen Fürsten. Napoleon hatte
im Russlandfeldzug von August bis November 1812 eine halbe Million Menschen auf den Eisfeldern in Russland verloren.
Französische Soldaten zogen auf ihrem Rückzug von Russland plündernd und brandschatzend durch die von Napoleon
besetzten Gebiete, auch durch Rasdorf. Die Zivilbevölkerung hatte die schlimmsten Zeiten zu bestehen.
Von 1813 an begannen die Befreiungskriege gegen die französische Fremdherrschaft. Am
16., 18. und 19. Oktober war die große Völkerschlacht bei Leipzig.
Außer dem Osmanischen Reich (Türkei) haben auf beiden Seiten alle Völker des alten Europa
daran teilgenommen. Seit Erfindung der Feuerwaffen bis ins 20. Jahrhundert soll es eine solch
große Feldschlacht in der Weltgeschichte noch nicht gegeben haben.
Quellen: Lexikon der Geschichte 2005 Voltmedia GmbH Paderborn, Die deutschen Befreiungskriege Deutschlands von
Hermann Müller-Bohn
Was bedeutete die französische Fremdherrschaft für das Fürstbistum Fulda und für
Rasdorf?
Der Erbstatthalter der Vereinigten Niederlande Wilhelm V. von Oranien-Nassau wurde für
den Verlust seiner Besitzungen mit dem Fürstbistum Fulda entschädigt. Seine liegenden Güter
in den Niederlanden und Belgien hatte er an Frankreich verloren. Er überlies das Fürstbistum
Fulda seinem Sohn Wilhelm Friedrich Prinz von Oranien-Nassau (9), der als Wilhelm VI.
Prinz von Oranien, Fürst von Fulda wurde. Gestützt auf Vereinbarungen zwischen Preußen
und
Frankreich
(10)
und
unter
Vorwegnahme
der
Bestimmungen
des
Reichsdeputationshauptschlusses erfolgte die formale Besitzergreifung des Fürstbistums
Fulda bereits am 2.11.1802. Am 22.11.1802 erfolgte mit dem Einmarsch eines preußischen
Bataillons auch die tatsächliche Inbesitznahme. Am 6.12.1802 schließlich hielt der neue Fürst
Wilhelm VI. Prinz von Oranien triumphierend Einzug in Fürstbistum Fulda.
(9) als Wilhelm I. der spätere König der Niederlande (10) Preußen und Frankreich waren noch Verbündete
Nach der Besetzung wurde der Fuldaer Fürstbischof Adalbert III. von Harstall gewaltsam aus
dem Stadtschloss vertrieben und aller weltlicher Ämter enthoben. Er blieb Bischof von Fulda
und wohnte in der Villa von Busek bis zu seinem Tod 1814. Für die Verwaltung des Bistums
Fulda wurde das Bischöfliche Generalvikariat zuständig.
Prinz Wilhelm VI. Prinz von Oranien säkularisierte das jetzt Fürstentum Fulda genannte
Gebiet allein unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Ihm wurde aber auch nachgesagt, dass
er mit einem gewissen Gespür für die kirchlichen Kunstschätze ausgestattet war. Wohl
deshalb ließ er nicht alle kirchlichen Kunstschätze vernichten, obwohl er protestantisch war.
Das Benediktinerkloster, 744 von Bonifatius gegründet, dessen Abt Adalbert III. von Harstall
war, wurde am 22.12.1802 aufgelöst, ebenso das Jesuitenkloster in Fulda. Das
Kapuzinerkloster ließ er in das „Wilhelmhospital“ umbauen, das spätere Städtische
Krankenhaus.
Das Franziskanerkloster auf dem Frauenberg, das Benediktinerinnen Konvent und den Orden
der Englischen Fräulein in Fulda ließ er bestehen.
Nicht nur die Landeshoheit, sondern auch alle Güter des Domkapitels und der Propsteien, die
fürstbischöflichen Domänen (Petersberg, Johannesberg um einige zu nennen) sowie die freie
und volle Disposition über die Güter der fundierten Stifte und Klöster gingen auf den neuen
Landesherrn über.
Die Kollegiatstifte Rasdorf, Hünfeld und Fulda (Stift Wallenstein) wurden aufgehoben. Alle
fuldischen Propsteien: Neuenberg, Johannesberg, Petersberg, Michaelsberg mit der
Michaelskirche, Andreasberg, sowie die Propstei Zella würden aufgelöst und in staatliche
Domänen umgewandelt.
Der neue Landesherr von Fulda kam den verbrieften Verpflichtungen nach, die aus den
säkularisierten Gütern zugefallenen Einkünfte zum öffentlichen Wohl zu verwenden, zur
Dotation (7) der Pfarreien, des Lyzeums, des Priesterseminars, des Gymnasiums und des
neuen Krankenhauses. Auch hielt er sein Wort, angemessene Pensionen an die Kapitulare,
Pröpste und Konventuale (8) zu zahlen.
Das weltliche Dienstpersonal der Klöster sowie die unmittelbar von den Klöstern abhängigen
Handwerker und Gewerbetreibenden verloren jedoch ihre Arbeitsplätze und gerieten in
bedrohliche Armut. (7) Schenkungen oder Stiftungen (8) Ordensgemeinschaften der römisch-kath. Kirche
Quellen: Buch: Fulda - Entwicklung eines Wirtschaftsraums. Artikel Fulda im Sog des 19. und 20. Jahrhundert.
In Rasdorf ging mit der Aufhebung des Stiftes durch den Fürsten Wilhelm VI. von Oranien
eine über tausendjährige kirchliche Institution zu Ende.
1803 wurde das Kollegiatstift in Rasdorf aufgehoben, das gesamte Eigentum wurde
eingezogen und entsprechend der Urkunde vom 22.10.1805 zur Dotation des neu gegründeten
Fuldaer Lyzeums und des Gymnasiums verwendet. Der Wert der Gesamteinkünfte des
Rasdorfer Stiftes soll sich bei der Aufhebung jährlich auf 7.061 fl (florentinische Gulden, ca.
30 Gulden waren ein Monatslohn) und 13 ½ Kreuzer belaufen haben. An Kapital waren
13.852 fl vorhanden, die mit 5% Zinsen an Bürger und Geschäftsleute ausgeliehen waren.
Die Klosterbibliothek kam an die Landesbibliothek in Fulda. Das Klosterarchiv ist heute im
Staatsarchiv in Marburg untergebracht. Die Rasdorfer Klosterbibliothek besaß wertvolle
Bücher, einige waren handgeschrieben. Die Stiftsgebäude wurden nach und nach abgerissen,
der Klosterfriedhof wurde eingeebnet.
Die kirchlichen Pfründe mit ihren Ländereien und dem Waldbesitz des Kollegiatstiftes
wurden in das Lyzeum umgewandelt und von einem Beamten, dem Rentdiener, in Rasdorf
verwaltet.
Wilhelm Ignaz Schild, ehemals Kanonikus und Stiftsherr im Kollegiatstift zu Rasdorf, wurde
Pfarrer in Rasdorf.
Auf Befehl des Fürsten Wilhelm VI. von Oranien vom 5.4.1806 sollten der Wehrfriedhof, die
Pfarrkirche St. Michael und die Schule auf dem Friedhof dem Meistbietenden verkauft und
geschleift werden. Aus dem Erlös sollte der Friedhof außerhalb des Ortes angesiedelt und eine
neue Schule gebaut werden.
Die Stiftskirche wurde als Pfarrkirche bestimmt. In diesem Zug sollte die seitherige Baulast
der Pfarrkirche St. Michael nunmehr auf die Stiftskirche übertragen werden.
Obwohl alle Besitztümer des Kollegiatstiftes auf den Fürsten übergegangen waren, sollte die
Pfarrgemeinde die Stiftskirche mit allen Rechten und Pflichten, insbesondere Unterhaltung
und Renovierungen, übernehmen.
Nach langen zähen Verhandlungen der Bürgermeister von Rasdorf, Grüsselbach und
Setzelbach musste das Lyzeum den Unterhalt der Stiftskirche garantieren. Auch den
Wehrfriedhof konnten sie retten, die Michaelskirche aber wurde meist bietend verkauft und
abgerissen. Quellen: Buch 1200 Jahre Rasdorf
Das Ende der Herrschaft von Wilhelm VI.
Im Vorfeld der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz kam es bei den Durchmärschen französischer
Truppen durch das damals preußische Ansbach in Bayern zu Neutralitätsverletzungen
preußischen Gebietes. Daraufhin erklärte Preußen im Oktober 1806 Frankreich den Krieg.
Der Fürst von Fulda, Wilhelm VI. Prinz von Oranien, war als preußischer General dem
preußischen König, der zugleich sein Schwiegervater war, verpflichtet. Er erhielt das
Kommando über eine preußische Division in der Schlacht am 14. Oktober bei Jena gegen die
Franzosen. Er kapitulierte am 15. Oktober 1806 mit 10.000 Mann in Erfurt vor dem Feind.
Nach der preußischen Niederlage bei Jena und Auerstätt besetzten die Franzosen Berlin.
Preußen verlor große Gebiete an Napoleon und verkleinerte sich fast auf die Hälfte seiner
Besitzungen.
Kaiser Napoleon I. Bonaparte hatte den Fuldaer Fürsten mehrfach aufgefordert sich mit
seinem Fuldaer Territorium dem Rheinbund anzuschließen. Dies hatte Wilhelm VI. wegen
seiner Verwandtschaft mit dem preußischen König stets abgelehnt.
Das Fürstentum Fulda wurde von Kaiser Napoleon I. Bonaparte dem Fürsten Wilhelm VI. als
verlustig erklärt. Bereits am 20.11.1806 endete die Regentschaft des Fürsten Wilhelm VI.
Prinz von Oranien in Fulda wieder.
Die französische Besatzungszeit.
Das Fürstentum Fulda hatte keine Chance zum Widerstand gegen die Franzosen. Es wurde
kurzerhand von französischen Truppen besetzt.
Fulda wurde zur „provisorischen Provinz“ gemacht und dem französischen Kaiser unmittelbar
unterstellt.
Ein französischer Gouverneur blieb mit Besatzungstruppen in Fulda um sicherzustellen, dass
die neue „provisorische Provinz“ ihren Anforderungen auch nachkam.
Die Franzosen forderten hohe Summen als Kriegskontribution (Zwangszahlungen), dazu kam
die Besoldung der französischen Beamten und der Besatzungstruppen.
Der Holzeinschlag in den Wäldern des früheren Fürstbistums durch die Franzosen führte zu
erheblichen Einbußen der öffentlichen Einnahmen.
Die Domänen, „Fuldas heiligstes Kind“, kamen unter französische Verwaltung. Französische
Marschälle und Prinzen bekamen sie als Dotation. Das bedeutete, dass sie alle Einkünfte aus
den Ernten für sich behalten durften. Die Franzosen beuteten die Felder unter ihrer vier
jährigen Besatzungszeit durch Salzstreuungen (um noch größere Erträge herauszuholen) so
aus, dass sie nachher über Jahre keine Erträge mehr abwarfen.
Die größten Verpflichtungen aller Städte und Dörfer rechts und links der Heerstraße im
Fürstentum Fulda bestanden darin, die durch das Land ziehenden kaiserlichen Heere zu
versorgen, Naturallieferungen für Menschen und Futter für das Vieh zu erbringen sowie
Einquartierungen von Soldaten und Offizieren zu gewährleisten.
Ein Beispiel für die Stadt Fulda: Von Oktober 1806-1807 musste Fulda über 5.000 Offiziere,
110.000 Soldaten und 71.000 Gefangene unterbringen und verpflegen. Fulda selbst hatte zu
dieser Zeit etwa 7.000 Einwohner.
Quellen: Buch: Fulda – Entwicklung eines Wirtschaftsraums. Artikel Fulda im Sog des 19. und 20. Jahrhundert.
Die Besatzungszeit durch die Franzosen im ehemaligen Fürstbistum Fulda dauerte bis 1814
an.
Rasdorf war in den Jahren von 1806 bis 1815 starken Beeinträchtigungen durch die
Durchzüge der französischen und alliierten Armeen ausgesetzt. Über fünf Generationen
hinweg wurde noch durch mündliche Überlieferungen über die große Armut in Rasdorf, die
nach der französischen Besatzung in unserem Dorf herrschte, berichtet.
Der Zeitzeuge Valentin Gutberlet aus der Ulstermühle in Borsch hat in seinem Tagebuch
beschrieben wie er diese drangvollen Jahre erlebt hat. Einige Auszüge aus dem Tagebuch sind
hier in gekürzter Form aber wortgetreu wiedergegeben:
Da das Fürstentum Fulda nun von den Franzosen beherrscht wurde, musste man bald nach
der Besitznahme, welche im Oktober 1806 geschah, sehr viel Tafelgelder und
Brandschatzung bezahlen. Dies war der Anfang des Krieges in unserer Gegend.
Nachdem der Kaiser Napoleon vom Jahre 1806 an, mit den Preußen und mit Rußland Krieg
geführt, so man in den folgenden Jahren hier so viele Durchmärsche hatte, auch zur Zeit
mehrere Monate Einquartierungen hatte. Im Oktober und November des Jahres 1806, trieben
die Franzosen (nach der Schlacht bei Jena) viele Gefangene Preußen auf der Chaussee, der
Frankfurt-Leipziger Straße, vorbei. Diese wurden nachts in die Kirchen getrieben und von
hier (Borsch) mußte man viel Brot nach Buttlar liefern.
Den folgenden Herbst 1807 gingen die vielen Einquartierungen, Lieferungen, Fuhren und
dergleichen erst recht an. Die Franzosen waren auf dem Rückzug von Rußland nach
Frankreich.
Quellen: Fuldaer Geschichtsblätter von 1911 Band 9, FD unter franz. Herrschaft, von Dr. Georg Richter, Auszüge aus dem
Tagebuch des Zeitzeugen Valentin Gutberlet, Klammerzusätze vom Verfasser.
Aus Rasdorf berichtete Pfarrer Schild 1807 an das Bischöfliche Generalvikariat in Fulda, die
Rasdorfer Stiftskirche sei durch die Unterbringung gefangener Preußen entweiht worden.
Die Rasdorfer Bauern mussten Brot und Kartoffeln für die Verpflegung der gefangenen
Preußen und der französischen Soldaten in die Stiftskirche bringen.
Quellen: Buch 1200 Jahre Rasdorf
Nicht nur seine Feldzüge sondern auch andere politische Entscheidungen Napoleons auf
europäischer Ebene wirkten sich bis in das Fuldaer Land aus:
Die Kontinentalsperre, die durch Napoleon am 24.11.1806 gegen England verhängt worden
war, hatte zur Folge, dass keinerlei Handel mit England geführt werden durfte.
England war zu dieser Zeit Hauptimporteur von deutschem Leinen. Der gesamte
Leinenhandel im Hünfelder Land war zum Erliegen gekommen, denn Hünfeld lieferte seine
gesamte Leinenproduktion nach England. Die Rasdorfer Leinweber wiederum verkauften ihre
Leinenproduktion nach Hünfeld.
In Rasdorf standen damals in mehreren Häusern Webstühle, an denen Leinen für den Export
gewebt wurde. Ihnen wurde die Existenzgrundlage entzogen. Hart getroffen waren die
Hüttner, zugezogene Rasdorfer, die sog. Beisassen und die nachgeborenen Söhne von Bauern,
die die Leinenweberei als Hauptbroterwerb betrieben. Der Beruf des Leinwebers verschwand
aus dem Dorf und die Männer mussten sich ihr Brot als Tagelöhner verdienen. Die Webstühle
in den Bauernhäusern wurden nur noch für den Eigenbedarf gebraucht.
England entwickelte in Windeseile mechanische Webstühle, die das Leinen in viel besserer
Qualität webten.
Quellen: Heimatkalender für den Landkreis Hünfeld Jahrgang 1968, mündliche Überlieferungen
In Rasdorf sowie in vielen Dörfern des ehemaligen Fürstbistums entstanden die
Armenhäuser. Die Rasdorfer Bauern wurden verpflichtet, Bedürftigen täglich eine warme
Mahlzeit zu spenden, sowie sie auch alleinstehenden, pflegebedürftigen Alten in ihre eigenen
Stuben zu bringen.
Zur Auswirkung der französischen Herrschaft in Fulda bemerkte ein Zeitzeuge:
Drangvolle Jahre haben die Anstrengungen und mühevollen Ersparnisse einer ganzen
Generation vernichtet, sie haben der Provinz all ihre Blutadern geöffnet, und sie wird daran
verbluten.
Die finanziellen Belastungen des ehemaligen Fürstentums Fulda während der vierjährigen
französischen Besatzung beliefen sich auf weit über 2,6 Millionen Gulden.
Napoleon hatte 1806 in der besetzten „ provisorischen Provinz“ Fulda, sowie in den besetzten
deutschen Gebieten den Frondienst und die Unfreiheit der Bauern aufgehoben sowie den
„Code Civil Napoleon“, eine Art Bürgerliches Gesetzbuch, eingeführt.
Dieser garantierte die Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetz. Adelsvorrechte,
Zunftzwang, die Zensur der Pressefreiheit, Folter und Prügelstrafen bei Gerichten wurden
unter Strafe verboten. Jedoch herrschten die Franzosen in den besetzten Gebieten regelmäßig
mit harter Hand. Deshalb wurde die Besetzung durchweg als Fremdherrschaft empfunden.
Während der Besatzungszeit durch die Franzosen wurden die Hausnummern in den Städten
und Dörfern eingeführt. Auch in Rasdorf wurden die Häuser durchnummeriert.
Zahlreiche französische Worte sind während der französischen Besatzungszeit in die deutsche
Sprache eingeflossen.
Quellen: Fulda – Entwicklung eines Wirtschaftsraums. Artikel Fulda im Sog des 19. und 20. Jahrhundert. Aus: Brennpunkte
der neuen Geschichte. Autoren Otto Berge, Klaus Prummer.
Fortsetzung folgt
Die Fleischbeschau bei der Hausschlachtung
Von Erika Gutberlet
Die Hausschlachtung war über Jahrhunderte hinweg ein winterlicher Höhepunkt in fast jedem
Haushalt auf dem Lande. In den letzten Jahren ist diese Art der selbstversorgten
„Nahrungsaufbereitung“ so gut wie ausgestorben. Teilweise wird heute noch zu Hause zerlegt
und
Wurst
gemacht,
der
komplette
Schlachtvorgang, wie hier im Bild dargestellt,
findet aber kaum noch auf dem Hof statt. Meistens
werden die Tiere, vorwiegend Schweine, im
Schlachthof getötet, veterinärgerecht untersucht,
und dann zerteilt in zwei Hälften angeliefert bzw.
selbst abgeholt. Die Schweine wurden zu
Hausschlachtungszeiten noch älter als heute.
Mindesten ein Jahr lang durften sie wachsen und
Fett ansetzen.
Bevor es früher mit dem Schlachten losgehen
konnte, wurde der Fleischbeschauer bestellt, der
Schlachtfest bei Adam Wieber, Am Angerrain 3
das lebende Schwein im Stall begutachten musste.
in 1982
Diese Lebendbeschau
musste mindestens 48
Stunden vor der eigentlichen Schlachtung erfolgen.
Danach wurde der Schlachttermin abgesprochen. Zu dem Zeitpunkt war der Hausmetzger
bereits bestellt. Konnte diese Frist von 48 Stunden, aus welchen Gründen auch immer, nicht
eingehalten werden, musste eine neue Lebendbeschau anberaumt und der Schlachttermin
entsprechend geändert werden. Vor 1900 nahmen die Hausmetzger selbst lediglich eine
optische Begutachtung des Schlachttieres vor.
Nun wurde das Schwein geschlachtet und zur erneuten Begutachtung durch den
Fleischbeschauer bereitgehalten. Nach Besichtigung des in zwei Hälften geteilten
Schlachtkörpers, der auf der Leiter hing, wurde eine Trichinenprobe aus dem Zwerchfell und
aus den Drüsen entnommen. Aus dieser Probe wurden 24 weitere Proben in der Größe eines
Haferkorns geschnitten und auf einem Quetschglas einzeln aufgebracht, gequetscht und
unterm Mikroskop vom Beschauer sehr konzentriert auf Befall von Trichinen untersucht.
Albert Laibach beim Beschauen
Die mikroskopische Untersuchung war besonders für Kinder faszinierend, die diese Tätigkeit
des Beschauers neugierig verfolgten. Spannend für sie war es natürlich, wenn sie selbst
einmal einen Blick durch das Mikroskop werfen durften und sich ihnen dadurch eine ganz
neue Welt mit gelb/roten Farben und seltsamen Mustern auftat.
Erst nach der abgeschlossenen Trichinenuntersuchung mit dem Ergebnis „frei von Trichinen“
wurde mit einem runden Fleischbeschaustempel, das war das Dienstsiegel des
Fleischkontrolleurs, und mit blauer Lebensmittelfarbe der Schlachtkörper abgestempelt und
als genusstauglich beurkundet und somit für jeden erkennbar gekennzeichnet. Erst mit dem
Stempeln des Schlachtkörpers durch den Beschauer wurde die Zerlegung und die
Weiterverarbeitung gestattet .Die Aussage, dass alles in Ordnung sei, wurde mit großer
Erleichterung der Bauern aufgenommen, und es wurde nun ein Glas Schnaps auf das gute
Ergebnis getrunken oder es hieß auch: „Ist die Sau dann aufgehängt, wir sich einer
eingeschenkt“.
Rinder und Schweine wurden an fünf Stellen je Schlachtkörperhälfte außen gestempelt:
auf der Schulter, zweimal am Rücken, auf der Keule und am Bauch. Durch diese Art der
Kennzeichnung sollte auch nach einer erfolgten Grobzerlegung des Schlachtkörpers
erkennbar sein, dass der Schlachtkörper beschaut wurde, d.h. dass eine amtliche Schlachttierund Fleischuntersuchung erfolgt war.
Wurde im Rahmen einer Fleischuntersuchung der Schlachtkörper als „genussuntauglich“
befunden, wurde er mit einem dreieckigen Fleischbeschaustempel an den vorgeschriebenen
Stellen gekennzeichnet. Anschließend mussten der Schlachtkörper und die dazugehörigen
Organe über die Tierkörperbeseitigungsanstalt entsorgt und vernichtet werden. Das war
natürlich ein großer Schaden für die Leute und das Jammern war groß und es war nicht selten,
dass die Schlachtenden mit der Entscheidung des Beschauers nicht einverstanden waren.
Gelegentlich wurde der Beschauer gefragt: „Was passiert, wenn ich doch davon esse und sind
davon schon Leute krank geworden oder gar gestorben?“. In besonders uneinsichtigen Fällen
war es notwendig, dass der Beschauer die unschädliche Beseitigung des beanstandeten und
als untauglich beurteilten Fleisches gegen den Protest der Schlachtenden einleiten und
überwachen musste. Für beide Seiten war das jedoch äußerst unangenehm.
Was sind Trichinen und was können sie beim Menschen auslösen?
Trichine = parasitärer Fadenwurm, den Schwein, Dachs, Ratte, Hund, Fuchs u. a. Tiere in
eingekapseltem Zustand in ihrer Muskulatur beherbergen. Bei
Genuss
dieses Fleisches gelangen die Trichinen in
eingekapseltem Zustand in Magen und Darm des Menschen
oder eines anderen Wirtes, werden dort von ihrer Kapsel
befreit und entwickeln sich zu geschlechtsreifen DarmTrichinen. Nach der Begattung geht das Männchen zugrunde,
während das Weibchen sein Hinterende durch die Darmwand
bohrt und rund 1000 oder mehr lebend geborene Junge in den
Blut- und Lymphkreislauf absetzt. Diese gelangen schließlich
in die Muskeln. Starker Befall von Muskeltrichinen verursacht
beim Menschen hohes Fieber, Ödeme, Muskelschmerzen,
Atemstörungen. In 50 % der Fälle tritt der Tod durch Lähmung
der Atemmuskulatur ein. Im Ruhestadium kommt es zur
Anämie, rheumatischen Beschwerden und allgemeinem
Kräfteverfall. Es ist kein wirksames Gegenmittel bekannt.
Durch die gesetzliche Trichinenbeschau gibt es in den meisten
Ländern Europas kaum noch Trichinenerkrankungen.
Maßgeblich für die Einführung der Trichinenschau waren mehrere Trichinenepidemien
1863/64. Daraufhin wurde erstmals 1886 in Preußen eine obligatorische Trichinenschau
eingeführt.
Erstes Gesetz, das ca. 4 weitere Verfügungen erfuhr
Erstes Gesetz, das ca. 4 weitere Verfügungen erfuhr
Vor Einführung des „Reichsfleischbeschaugesetzes“ unter der Federführung von Rudolf
Virchow um 1900 gab es in Deutschland nach Schätzungen jährlich etwa 15.000
Erkrankungen. Durch die Fleischbeschau sank diese Zahl in 50 Jahren auf nahezu Null.
Trotzdem bleibt sie notwendig. Nach neueren Untersuchungen tragen immer noch 20 % der
Füchse den Erreger, die ihn dann auf Wildschweine oder schlimmstenfalls auch auf
Hausschweine übertragen können. Bei den zwischen dem Jahr 2000 und 2009 in Deutschland
durchgeführten Trichinenuntersuchungen wurden lediglich bei 4 von etwa 453 Millionen
Hausschweinen
Trichinen
nachgewiesen.
Die
eigentliche
trichinoskopische
Untersuchungsmethode von 28 - 56 Quetschpräparaten in einem Kompressorium bei 80 –
100facher Vergrößerung ist nur noch bei Hausschlachtungen zulässig. Mit dieser Methode
können nur verkapselte Trichinen identifiziert werden.
Die Personen, die die Fleischbeschau ausüben, werden als Beschauer bezeichnet. Als
Beschauer werden entweder Tierärzte oder solche Personen bestellt, die die vorschriftsmäßige
Prüfung als Fleischbeschauer bestanden haben. Hieraus ergibt sich eine Unterscheidung
zwischen Tierärzten als Beschautierärzte und
nichttierärztlichen Beschauern oder
Fleischbeschauern im eigentlichen Sinne. Die Befugnisse des Fleischbeschauers zur
Ausübung der Schlachtvieh- und Fleischbeschau sind an die Kenntnisse angepasst, die er sich
im Rahmen der Prüfung angeeignet haben musste. Der Fleischbeschauer hatte sich vor einem
Prüfungsausschuss für Fleischbeschauer dieser Prüfung zu unterziehen. (Quelle: Dissertation
zur Erlangung der Doktorwürde von Anne-Katrin Eder, München).
Häufig kam es früher vor, dass größere Bauern gleichzeitig ein Rind mitschlachteten, zum
Teil des Fleisches wegen und auch wegen der Verfeinerung der Dauerwurst. Seit Dezember
2000 wird von jedem älteren Rind und stichprobenweise auch von jedem älteren Schaf und
Ziege im Rahmen der Fleischuntersuchung vom Beschauer eine Stammhirnprobe entnommen
und zu einem staatlich zugelassenen Untersuchungslabor versandt. Dort wird die Gehirnprobe
auf BSE untersucht und nach Abschluss der Untersuchung ein Befund erstellt und dem
Beschauer zugeleitet. Erst wenn der Befund mit dem Ergebnis „BSE negativ“ vorliegt, gibt
dieser den Schlachtkörper und die dazugehörigen Organe zur Verwertung frei.
In den 60er Jahren waren die Hausschlachtungsquoten noch hoch. Es wurde aber weniger
Fleisch verwurstet, sondern auch viel eingefroren, um es später zu braten oder zu kochen.
Zum Teil ging das zu Lasten der Wurstqualität. 1955 wurden in den nordhessischen
Landkreisen noch durchschnittlich 253 Tiere pro 1000 Einwohner geschlachtet (97 % davon
Schweine). 1987 kamen auf 1000 Landkreisbewohner nur noch 141 hausgeschlachtete Tiere.
Die Hausschlachtungen waren Segmente einer Kultur, die einst zum Überleben half. Die
moderne Industriegesellschaft macht das zunehmend überflüssig. (Quelle: Thomas Fuchs,
Gesamthochschule Kassel, Nr. 16, Okt. 1991).
Fleischbeschauer in Rasdorf
Der erste Beschauer in Rasdorf war Ludwig Stark, geb. 1856, gest. 1931.
Ihm folgten:
Jakob Falkenhahn, (Handidderichs) geb. 1866, gest. 1945
Josef Herget (Banse), geb. 1882, gest. 1955, Beschauer bis ca. 1950
Albert Laibach, geb. 1923 gest. 2008, Beschauer bis 1987
Danach bis ca. 1991 wurde teilweise von Hermann Vögler, Soisdorf beschaut.
Ludwig Stark jun., geb. 1962, war der bisher Letzte aus Rasdorf, der die Tätigkeit des
Fleischbeschauers von 1991 bis 1995 ausübte.
Sein Urgroßvater Ludwig Stark war fast 100 Jahre vor ihm der erste Fleischbeschauer
In unserem Dorf.
Jakob Falkenhahn
Ludwig Stark sen.
Erster Rasdorfer Fleischbeschauer
Josef Herget
Ludwig Stark jun.
letzter Rasdorfer Fleischbeschauer
Rasdorf hat seit 1996 keinen einheimischen Fleischbeschauer mehr.
Der Fleischbeschaubezirk Rasdorf, Grüsselbach, Setzelbach wurde zusammengefasst und
wird jetzt von dem Tierarzt Dr. Kunz aus Hünfeld betreut.
Quellen: fachliche Angaben wurden zum größten Teil von Ludwig Stark jun. zur Verfügung gestellt.
Fotoleihgaben von Karl-Heinz Lenz, Gisela Falkenhahn-Klee, Susanne Schmitt, Leo Herget und Ludwig Stark.
Impressum:
Herausgeber:
Abteilung:
Abteilungsleiter:
Mitwirkende:
Technische Bearbeitung:
Verein zur Förderung der Heimat- und Kulturpflege Rasdorf e.V.
Aufarbeitung und Dokumentation der Heimatgeschichte
Wendelin Priller
Ruth Burghardt, Gisela Falkenhahn-Klee, Erika Gutberlet, Irene Hahn, Marita Heere,
Christa Herber, Karl-Heinz Lenz, Matthias Radics, Rüdiger Stark
Gaby Hohmann
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