Jens Nitschke Dignitas und auctoritas Der römische Senat und

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Jens Nitschke
Dignitas und auctoritas
Der römische Senat und Augustus.
Prosopographische Überlegungen
zur Karriere der Konsuln und Statthalter
30 v. Chr. bis 14 n. Chr.
2., durchgesehene Auflage
Herbert Utz Verlag · München
Quellen und Forschungen zur Antiken Welt
herausgegeben von
Prof.
Prof.
Prof.
Prof.
Dr.
Dr.
Dr.
Dr.
Peter Funke, Universität Münster
Hans-Joachim Gehrke, Universität Freiburg
Gustav Adolf Lehmann, Universität Göttingen
Carola Reinsberg, Universität des Saarlandes
Band 39
Umschlagabbildung: Ausschnitt aus Cícero denunciando Catilina, Fresko von Cesare
Maccari. 1882.
Zugl.: Diss., Göttingen, Univ., 2001
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Copyright © Herbert Utz Verlag GmbH · 2006
ISBN-10 3-8316-0657-9
ISBN-13 978-3-8316-0657-3
Printed in Germany
Herbert Utz Verlag GmbH, München
089-277791-00 · www.utz.de
Inhalt
1
Untersuchungsgegenstand ............................................................ 9
2
Die Ämterlaufbahn in der Zeit der Republik ....................................15
3
Prosopographische Listen .............................................................19
3.1 Vorbemerkung......................................................................19
4
Auswertung ................................................................................ 73
4.1 Herkunft der Senatoren ........................................................ 73
4.2 Verwandte der domus Augusta .............................................. 78
4.3 Freunde des Augustus .......................................................... 82
4.4 Militärische Leistungen ........................................................ 82
4.5 Auszeichnung für künstlerische oder juristische Leistungen..... 83
4.6 Zusammenfassung ............................................................... 83
5
Konsuln ..................................................................................... 85
5.1 nobiles.................................................................................. 85
5.2 Freunde der domus Augusta ................................................. 85
5.3 Verwandte der domus Augusta .............................................. 86
5.4 Verdiente militärische Befehlshaber ....................................... 86
5.5 homines novi und deren Nachkommen..................................... 86
5.6 Nichtmilitärische Fachleute .................................................. 87
5.7 Literarische Leistungen ........................................................ 87
6
Statthalter .................................................................................. 89
6.1 Die verschiedenen Statthalterposten .......................................91
6.1.1 Creta et Cyrene ......................................................... 92
6.1.2 Syria ........................................................................ 93
6.1.3 Cyprus ..................................................................... 96
6.1.4 Pontus et Bithynia ..................................................... 96
6.1.5 Galatia .................................................................... 97
6.1.6 Asia......................................................................... 98
6.1.7 Macedonia ............................................................... 99
6.1.8 Achaia .................................................................... 101
6.1.9 Illyricum .................................................................102
6.1.10 Pannonia ................................................................104
6.1.11 Das germanische Rheinkommando ...........................105
6.1.12 Die gallischen Provinzen ..........................................106
6.1.13 Sicilia .....................................................................108
5
6.1.14 Sardinia et Corsica ...................................................109
6.1.15 Die spanischen Provinzen.........................................109
6.1.16 Africa ..................................................................... 112
6.2 Die Laufbahn der Provinzialstatthalter .................................. 113
6.2.1 Gibt es eine Art cursus honorum der Statthalterposten? .. 113
6.2.2 Werden bei der Besetzung der Statthalterposten
bestimmte Personengruppen bevorzugt? ................... 114
6.2.3 Gibt es Unterschiede zwischen den proconsules
und den legati Augusti pro praetore? ............................... 115
7
Stadtrömische Ämter.................................................................. 117
7.1 Der praefectus urbi ................................................................. 117
7.2 Die curatores ...................................................................... 119
7.2.1 Die Entstehung der curae ........................................... 119
7.2.2 Die cura annonae .......................................................120
7.2.3 Die cura viarum .........................................................120
7.2.4 Die cura operum......................................................... 121
7.2.5 Die cura aquarum ...................................................... 121
8
Die Priesterämter .......................................................................123
8.1 Historischer Kontext ...........................................................123
8.2 Die Rolle der Senatoren .......................................................124
8.3 Personen mit Mitgliedschaft in mehreren Priesterämtern ........124
8.4 Berufungsverfahren in ein Priesterkollegium .........................126
8.5 Die verschiedenen Priesterschaften .......................................126
8.5.1 Die Pontifices ............................................................126
8.5.2 Die Augures ..............................................................128
8.5.3 DIE XV viri sacris faciundis ...........................................129
8.5.4 Die Epulones ............................................................. 131
8.5.5 Die Fratres Arvales ......................................................132
8.5.6 Die Fetiales ...............................................................133
8.5.7 Die Flamines .............................................................133
9
Ergebnisse ................................................................................135
9.1 Der cursus honorum im allgemeinen ........................................135
9.1.1 Die Nachkommen der nobiles.....................................135
9.1.2 Freunde und Verwandte der domus Augusta ...............138
9.1.3 homines novi und ihre Nachkommen ...........................139
9.2 Zeichnen sich bestimmte Karrieremuster ab? .........................144
9.2.1 Karrieren in prätorischen Provinzen ..........................144
6
9.2.2
9.2.3
Laufbahnen von Konsuln..........................................145
Laufbahnschemata nach dem Dienst
in bestimmten Provinzen..........................................145
9.2.4 Lassen sich Unterschiede zwischen den proconsules
und den legati Augusti pro praetore feststellen? ...............147
9.2.5 Priesterstellen .........................................................148
9.3 Spielten die curae eine besondere Rolle in der Laufbahn? .........149
9.4 Resümee und historische Perspektive ....................................149
10
Literaturverzeichnis....................................................................153
10.1 Quellen ..............................................................................153
10.1 Sekundärliteratur ................................................................155
7
8
1
Untersuchungsgegenstand
Zur Zeit der Alleinherrschaft des Octavian/Augustus blieb der Senat ein weithin geachtetes und einflußeiches Gremium. Nach außen hin war der ordo
senatorius eine homogene Gruppe. Innerhalb des Standes nahmen aber nur
die oberen Rangklassen – also die Prätorier und Konsulare – Kernaufgaben
im Reich wahr und berieten Augustus. Es soll in der Untersuchung gefragt
werden, woher die senatorischen Eliten stammten und welche Kriterien den
Zugang zu den einflußreichen Ämtern regelten.
Grundsätzlich kommen für diese Untersuchung mehrere Personengruppen in Betracht. Zum einen sind hier die Angehörigen der nobilitären Familien aus der Zeit der Republik anzuführen. Sie sollen im folgenden als nobiles
bezeichnet werden. Zwar fehlt eine antike Definition des Begriffes nobiles bzw.
nobilitas in der augusteischen Zeit und auch die Forscher nehmen bei dem
Versuch, die Merkmale der Gruppe der nobiles näher zu bestimmen, zum Teil
unterschiedliche Positionen ein. Dennoch kann man durch einen Vergleich
der Forschungsansätze zu dem recht eindeutigen Schluß gelangen, daß als
nobiles die Nachkommen der nobilitären Familien aus republikanischer Zeit
bezeichnet werden.
Ausgangspunkt dieser Definition sind die Überlegungen Mommsens, wer
in republikanischer Zeit der Nobilität zuzurechnen ist.1 Seiner Meinung nach
setzt sich der Kreis der Nobilitierten aus drei Personengruppen zusammen.
Erstens seien die Patrizier per se nobiles. Ein Patrizier könne unter keinen Umständen homo novus sein: »dem durch die Geburt Adlichen werden die durch
das Aemterrecht Geadelten gleichgestellt, den Bedingungen aber, welche
der letzten Kategorie den Adel gewähren, unterliegt der von Geburt Adliche
nicht.«2 Zweitens gehören die plebeischen Nachkommen der Patrizier zur
Nobilität. Drittens seien die agnatischen Nachkommen von Inhabern eines
kurulischen Amtes der Nobilität zuzurechnen.3
Der dritten Behauptung, alle agnatischen Nachkommen der Inhaber der
kurulischer Ämter gehörten zur Nobilität, widerspricht vor allem Gelzer.4
Nach einer Analyse aller relevanten Textstellen, in denen die Begriffe nobiles
1
Mommsen, StR, Bd.3, 463 f.
2
ders., 463.
3
Otto, in: Hermes 51, 1916, 73 ff. hat ebenfalls diese Meinung vertreten und durch den Zusatz
ergänzt, daß auch die Nachkommen kurulischer Amtsinhaber aus der Kaiserzeit nobiles
seien.
4
Gelzer, Die Nobilität der Kaiserzeit.
9
und nobilitas erwähnt werden, kommt er zu dem Schluß, daß man »unter
nobilitas nur den republikanischen Adel zu verstehen habe«. 5 Wer zählt nun
aber zum republikanischen Adel? Gelzer stützt sich bei seiner Untersuchung
auf den Wortgebrauch in den Schriften Ciceros und vergleicht sämtliche
Personen, denen Cicero Nobilität beilegte, miteinander.6 Er kommt zu dem
Ergebnis, daß sie ohne Ausnahme zu Familien gehörten, die einen Konsul
gestellt haben.7 Die Bekleidung des Konsulats ist nach den literarischen
Zeugnissen die höchste Stufe der Ehre: Honorum finis est consulatus.8 Das Konsulat führt den Amtsinhaber in den Kreis der nobiles ein.
Es ist nun zu fragen, seit wann die Nachkommen der Konsuln nicht mehr
zu nobiles im engeren Sinn des Wortes gehören?9 Auf der Basis der Untersuchungen Gelzers ergibt sich, daß die Nachkommen der Konsuln nach
42 v. Chr. nicht mehr zu diesen nobiles gerechnet werden.
Groag hat den Kreis der nobiles insofern weiter gefaßt, als er die Nachfahren sämtlicher Senatoren aus der Zeit vor der Diktatur Caesars als nobiles
ansieht.10 Diese These ist jedoch nicht sehr wahrscheinlich. Die Nobilität gewährte in republikanischer Zeit neuen, unbekannten Männern den Zugang
zu niederen Senatsposten bis zur Prätur recht großzügig. Wenn es jedoch
darum ging, das Konsulat zu vergeben, schottete sie sich ab und suchte nach
Kandidaten aus dem Kreis der konsularen Familien.11 Im übrigen würde diese
Annahme eine Gleichsetzung der Begriffe »Nobilität« und »Senatorenstand«
bedeuten. Aber eine solche Gleichsetzung wird in den antiken literarischen
Zeugnissen nicht vorgenommen.12
In jüngster Zeit wurde über den Begriff Nobilität erneut nachgedacht.
Die These Gelzers, daß alle männlichen Nachfahren eines Konsuls, Diktators oder Konsulartribuns nobiles seien, wurde von P.A.Brunt abgelehnt.13
Er brachte Beispiele für nobiles, die sich nicht in die Definition Gelzers ein5
ders., 137
6
Gelzer, Die Nobilität der römischen Republik, Leipzig, 1912.
7
ebenda, 42.
8
Cic. Planc. 60.
9
Syme, Tacitus, 654, Anm.3: »Gelzer however neglected to define his date for the end of the
›republic‹. The sole indication is that a consul of 42 B.C. is assumed to qualify as parent of a
nobilis.«
10 Groag, in: Strena Buliciana, 1924, 253 ff.
11 vgl. Syme, Tacitus, 654, Anm.4.
12 Cic. Quin. fr. 2,3,4; Plin. n.h. 33,18.
13 Brunt, Nobilitas and Novitas, in: JRS 72, 1982, 1–17.
10
fügen und griff damit die These Mommsens wieder auf, daß alle Nachkommen kurulischer Magistrate nobiles seien. Ihm (und Mommsen) widersprach
wiederum D.R. Shackleton Bailey14, indem er herausarbeitete, daß die von
Brunt angeführten Karriereverläufe keineswegs zu der These Gelzers im Widerspruch stehen. Auch Bleicken übt an der Position Gelzers Kritik,15 indem
er bemängelt, daß bei Gelzer »alle Patrizier ohne konsularische Ahnen … bei
Erringung eines Konsulats homines novi (wären); 1/5 aller Konsuln zwischen
200 und 50 v. Chr. wären danach homines novi.«16
Es steht heute außer Frage, daß auch die Angehörigen der Patrizierhäuser
und die Nachkommen der vormals patrizischen, jetzt jedoch plebeischen Familien, nobiles waren.
Über diese Gruppe hinaus führte erst das Konsulat eine Familie in den
Kreis der nobiles ein, wie die literarischen Zeugnisse nahelegen.17
Ich komme zu dem Schluß, daß mit großer Wahrscheinlichkeit in republikanischer Zeit unter nobiles die Patrizier, die plebeischen Nachkommen
der Patrizier sowie die Nachkommen der Konsuln bis zum Jahr 42 v. Chr. zu
fassen sind.
Es ist nunmehr zu überprüfen, ob diese Definition, die sich in erster Linie
auf die republikanische Zeit bezieht, auch auf die frühe Prinzipatszeit übertragen werden kann. Hierbei ergibt sich das Problem, daß über die Begriffe
nobiles bzw. nobilitas keine literarischen Zeugnisse aus der augusteischen Zeit
existieren. Daher ist es unumgänglich, auf Zeugnisse aus späteren Jahren zurückzugreifen. Demnach können nur die Nachkommen der konsularischen
Familien aus republikanischer Zeit zu den nobiles im engeren Sinne gerechnet werden. Tacitus beschränkt die nobiles auf die Überlebenden der nobiles
republikanischen Zeit, wenn er sagt: nomina et virtutes nobilium qui etiam tum
supererant, in honore habere.18 Aus einer weiteren Textstelle geht hervor, daß die
Abstammung von einer Mutter aus konsularem Haus eine besondere Ehre
darstellte: nobilis utrimque.19 Auch aus einem literarischen Zeugnis späterer
Zeit, Plin. Pan. 69,5, geht hervor, daß nach der republikanischen Zeit niemanden mehr zu dem eigentlichen, engeren Kreis der nobiles hinzukommen
14 Shackleton Bailey, Nobiles and Novi reconsidered, in: AJPh, 1986, 255–260.
15 Bleicken, Römische Republik, 127.
16 ders., 127.
17 Cic. Planc. 60.
18 Tac. ann. 13,18,2.
19 Tac. hist. 1,14,2.
11
kann, indem auch Plinius die nobiles als Nachkommen konsularer Familien
aus republikanischer Zeit betrachtet.
Als Endpunkt der republikanischen Zeit, in der der Begriff nobiles im alten Sinn gebraucht wird, muß also das Jahr 42 v. Chr. angesehen werden,
wie Syme herausgearbeitet hat.20 Konsulare Familien späterer Zeit gehören nicht mehr zu den nobiles, sondern bilden eine weitere herausgehobene
Gruppe innerhalb des Senats, die im folgenden als »homines novi und deren
Nachkommen« bezeichnet werden soll. Zusammen mit den nobiles, d.h. den
Nachkommen des republikanischen Adels, bildet sie die senatorische Oberschicht, die Senatsaristokratie.
Folgender Schluß kann nach dem derzeitigen Forschungsstand als wahrscheinlich gelten: Nobiles sind in der Prinzipatszeit Patrizier, plebeische
Nachkommen von Patriziern und die Nachfahren von Konsuln aus republikanischer Zeit bis 42 v. Chr.21
Im folgenden wird zu untersuchen sein, welches Verhältnis Octavian/Augustus zu den nobiles und zu den homines novi und deren Nachkommen entwickelt hat. Wurden die nobiles besonders gefördert oder eher zurückgedrängt?
Falls sie gefördert wurden, ist im Einzelfall zu fragen, warum sie sich für
die Posten zur Verfügung gestellt haben. Versuchte der Prinzeps diese zur
Herrschaftswahrnehmung mit heranzuziehen und achtete er ihre Gepflogenheiten bei der Ämtervergabe?22
Octavian/Augustus brachte ferner zahlreiche Personen aus bisher wenig
bekannten Familien ins Konsulat. Es wird zu untersuchen sein, wie hoch deren Anteil an der Anzahl aller Stelleninhaber ist. Vor diesem Datenmaterial
wäre zu überlegen, welche Gründe Augustus für sein Vorgehen im Einzelfall gehabt haben könnte und weiter, wie der Prinzeps auf die homines novi
aufmerksam wurde.23 Ferner ist zu prüfen, ob deren Nachkommen ebenfalls
gefördert wurden, um eine neue Führungsschicht zu etablieren. Sollte eine
neue Senatorenschicht geschaffen werden, weil sich die nobiles als politisch
unzuverlässig erwiesen haben? Oder waren die nobiles infolge der Proskriptionen und Kriege zu dezimiert, um weiterhin viele Posten und Ämter im
Reich zu bekleiden?
20 Syme, Tacitus, 654, Anm. 3.
21 Damit werden die Forschungen von Gelzer und Mommsen gekoppelt, wie L. Burckhardt,
The political elite of the Roman Republic, in: Historia 1990, 77 ff. deutlich gemacht hat.
22 Zur »Maklerpatronage« vgl. Flaig, Das politische System des Principats, 124.
23 Sofern sich in den Quellen Angaben hierüber finden, werden in den prosopographischen
Listen die Gründe für die Protektion der homines novi angeführt.
12
Darüber hinaus soll gefragt werden, ob die Personalpolitik Auswirkungen
auf den cursus honorum gehabt hat.
Ausgehend von dieser letzten Frage soll weiter das Verhältnis der Statthalter der kaiserlichen Provinzen zu dem der senatorischen Provinzen untersucht werden. Es geht darum, ob die Karrieren mehr auf senatorische oder
mehr auf kaiserliche Ämter hin ausgerichtet waren oder ob es überhaupt einen Unterschied hinsichtlich dieser Ämter gab. Spielten eventuell städtische
Ämter bei den Karrieren eine Rolle? Schließlich soll der Frage nachgegangen
werden, inwieweit sich in den Karrieren gleichartige Muster finden. Dabei
soll das prosopographische Material unvoreingenommen untersucht werden. Symes Forschungen bilden zwar eine wichtige Grundlage für die Untersuchung, manche Ergebnisse sind aber dennoch kritisch zu hinterfragen.24
Die zeitliche Abgrenzung der Untersuchung begründet sich daraus, daß
das Jahr 30 v. Chr. den Anfangspunkt der Alleinherrschaft Octavians darstellt. Er hatte von diesem Zeitpunkt an die Möglichkeit, die bisherige Herrschaftsstruktur allein nach seinen Vorstellungen umzuformen, mußte sich
dazu aber mit den nobiles arrangieren. Daß Augustus dabei im Laufe der Jahre
mal die nobiles, mal die homines novi mehr protegierte, ist einleuchtend und
wird entsprechend vermerkt werden.
Es ist angesichts der Dürftigkeit des prosopographischen Materials nicht
immer leicht, zu eindeutigen Schlüssen zu gelangen. Mitunter muß eine
letzte Entscheidung aufgrund der schlechten Überlieferungssituation auch
ausbleiben. Dies wurde entsprechend gekennzeichnet. Ansonsten wurde auf
der Grundlage der Quellen und der Forschung die prosopographische Situation skizziert und die wahrscheinlich erscheinende Lösung angegeben.
24 vgl. H.E.Stier, Augustusfriede und römische Klassik, in : Kleine Schriften, hrsg. von P. Funke und G.A. Lehmann, in: Beiträge zur klassischen Philologie, Heft 109, 383 ff. (=ANRW II
2, 1975, 3 ff.). Syme sieht in Augustus einen Führer, der seine Leute an die Macht bringen
will.
13
14
2
Die Ämterlaufbahn in der Zeit der Republik25
In der Anfangszeit der römischen Republik war es nicht erforderlich, die
Ämterfolge näher festzulegen.26 Die Aristokraten achteten genau darauf,
daß sich kein Standesgenosse über den anderen erhob, indem er schneller
als die übrigen Karriere machte oder ein Amt mehr als einmal bekleidete. Die
Selbstkontrolle innerhalb der herrschenden Schicht erübrigte eine strenge
Regelung der Ämterfolge. Zudem erleicherte die zu dieser Zeit vergleichsweise geringe Größe Roms die Kontrolle der einzelnen Magistrate durch die
Gesellschaft.
Nach den Punischen sowie den Makedonischen Kriegen änderte sich diese
Situation: »Die Anspannung der Kräfte im zweiten Punischen Krieg zwang
dazu, die Kommanden oft mehrere Jahre zu prolongieren und manche Feldherren kraft der unbeschränkten Gewalt ihres Imperiums längere Zeit in einer Provinz ›regieren‹ zu lassen.«27 Die Erfolge, die sie dabei errangen, stärkten das Selbstbewußtsein der herrschenden Amtsinhaber. Zugleich wurde
die Oberschicht mit der griechischen Kultur und dem aufwendigeren östlichen Lebensstil konfrontiert. Die Folgen beschreibt Polybios.28
Der Kontakt mit dem griechischen Osten führte innerhalb der römischen
Führungsschicht zu einem ehrgeizigen Wettbewerb um die politischen Ämter.
Infolge der Vermehrung der Prätorenstellen konnten zunächst mehr Senatoren als bisher bis zur Prätur gelangen. Mit der Einrichtung der Provinzen
Sicilia und Sardinia 227 v. Chr. wurde die Zahl der Prätoren von zwei auf vier,
197 v. Chr. mit der Einführung der Präturen für die spanischen Provinzen sogar auf sechs erhöht. Diesen sechs Präturen standen für den weiteren Aufstieg jedoch nur zwei Konsulstellen gegenüber. Dadurch wurde das höchste
Amt noch umkämpfter.
Dem harten Kampf um die höchsten Ämter sollte ein Gesetz abhelfen,
das M. Baebius Tamphilus während seines Konsulats (181 v. Chr.) vorschlug;
demnach sollten die Gouverneure der spanischen Provinzen für zwei Jahre
25 Einen kurzen Überblick über die Ämterlaufbahn gibt Mommsen, Abriß, 87 ff. Auf die Probleme, die aus seiner rechtspositivistischen Betrachtungsweise resultieren, wird unten (S.
14, Anm.1) eingegangen werden.
26 Über die Situation zur Zeit der frühen Republik informiert Bleicken, Verfassung, 80 f.
27 Lippold, Consules, 373.
28 Polyb. 6,57,5: die Lebensweise ändere sich und der Ehrgeiz bei der Ämterbewerbung nehme
zu.
15
ernannt werden.29 Dadurch wäre aber einerseits die Zahl der zu besetzenden
Posten kleiner geworden und hätte zu einem starken Konkurrenzdruck innerhalb der Nobilität geführt, andererseits wären die Statthalter länger als
üblich der Kontrolle durch den Senat entzogen gewesen. Daher kam das Gesetz nicht zustande.
Dennoch mußte die bisher auf Herkunft beruhende Praxis der Ämterlaufbahn reglementiert werden, da sich nach der Eroberung des Ostens die herrschenden Familien immer härter um die Staatsämter stritten. Scipio wurde
mit 23 Jahren Ädil, mit 30 Konsul, Flamininus gelangte – nicht einmal dreißig Jahre alt – von der Quästur zum Konsulat.
Um den Ehrgeiz der einzelnen Aristokraten zu kanalisieren, wurde daher ein cursus honorum eingeführt. Das wichtigste Gesetz zur Ämterlaufbahn
stammt aus dem Jahr 180 v. Chr. Damals hatte der Volkstribun L. Villius ein
Gesetz eingebracht, die das Mindestalter für die Magistratsstellen festlegte
und bestimmte, daß zwischen den Ämtern ein zweijähriges Intervall ohne
öffentliches Amt zu liegen habe.30 Der Inhalt der lex Villia annalis ist nicht genau überliefert. Wertet man jedoch die Laufbahnen der Zeit aus, so dürfte
das Gesetz folgende Regelungen enthalten haben: Die Quästur sollte nicht
vor dem 27., die Ädilität, die nicht obligatorisch war, nicht vor dem 37., die
Prätur nicht vor dem 40. und das Konsulat nicht vor dem 43. Lebensjahr bekleidet werden.
81 v. Chr. wurden durch die leges Corneliae festgelegt, daß die Bewerbung
um ein Amt an die vorhergehende Bekleidung des jeweils vorgeschalteten
Amtes geknüpft war. Es durfte also nur derjenige Konsul werden, der zuvor
die Prätur durchlaufen hatte, usw.31 Die erneute Bekleidung eines Konsulats
war an ein zehnjähriges Intervall geknüpft. Das Mindestalter für die Quästur
29 Die Zeugnisse stehen bei Liv., 40,19,11 und 40,44,2. Wahrscheinlich sind die lex Baebia de
praetoribus und die lex de ambitu miteinander identisch (so schon Mommsen, StR, Bd.2,
198, Anm.4 gegen Klebs, in: RE 2,2, 2728 f.)
30 Das Gesetz ist bei Liv., 40,44,1 überliefert. Für die moderne Diskussion sind immer noch
Astin, Lex Annalis und Rögler, Untersuchung wichtig. Rögler betont, daß durch diese
»Verwaltungsmaßnahme des Senats« (122) die Magistrate leichter und besser kontrolliert
wurden. Mit dem Gesetz sollte jedoch nicht die Ursache der Probleme, das ehrgeizige Streben nach Ämtern, sondern vielmehr seine möglichen Folgen bekämpft werden. Bleicken,
Volkstribunat, 52, Anm.2 hebt hervor, daß mit dem Gesetz einem möglichen Übergewicht
des Magistrats entgegengetreten wurde, indem es das »Individuum in die Klasse einordnete
und die Rangstufen der Nobilität konsolidierte.«
31 vgl. App. B.C. 1,100.
16
3
Prosopographische Listen
3.1
Vorbemerkung
Innerhalb der Lemma wird der Name der betreffenden Person abgekürzt: Für
das praenomen wird die lateinische Abkürzung verwendet, für das cognomen
und das nomen gentile die Initialen. Aus Marcus Acilius Glabrio wird somit
MAG, aus Sextus Aelius Catus SexAC.
M. Acilius Glabrio PIR2 A 71; RE I 1, Nr. 16
Die Acilii sind ein plebeisches Geschlecht. Ihr berühmtester Zweig, die Glabriones, geht bis ins 5. Jh. v. Chr. zurück. Die Filiation von MAG ist nicht geklärt.
Seine Karriere zu rekonstruieren, fällt aufgrund der schlechten Quellenlage
nicht leicht. Schon die Identifizierung mit dem quaestor pr.pr. von Macedonia
45/4 v. Chr. stellt nur eine Vermutung von Broughton, MRR, 2.285, Anm. 8,
dar.
Gesichert ist nur, daß MAG im Jahre 33 v. Chr. Suffektkonsul gewesen ist
(ILS 6123). Vielleicht bekleidete er auch 25 v. Chr. das Prokonsulat von Africa. Diese Annahme beruht auf einer griechischen Inschrift, in der ein Glabrio als Prokonsul erwähnt wird (CIG 2979). Groag, in: PIR2 A 71 scheut sich
aufgrund des fehlenden Vornamens, diesen Prokonsul mit MAG zu identifizieren. Derartige Zweifel können jedoch nicht überzeugen. Thomasson,
Statthalter, 2.10 weist auf einen Münzfund hin, auf dem eindeutig M. Acilius
Glabrio procos. zu lesen ist. Da der Vorname Marcus bei den Acilii Glabriones
nur noch ein weiteres Mal belegt ist (cos. 256), spricht einiges für die Gleichsetzung des Statthalters mit dem Konsul von 33 v. Chr. Diese Lösung favorisiert auch Grant, Imperium, 81.
Sex. Aelius Catus PIR2 A 157; RE I 1, Nr. 35
Die Aelii sind ein plebeisches Geschlecht. Die Filiation ist unklar.
Die Laufbahn des SexAC läßt sich seit seinem Konsulat 4 n. Chr. verfolgen
(CIL 1,2, p.29.68.243; 6,33544; 10,893; Cassiodor. Chron.min. 2,136; ILS
140; Vell. 2,103,3). Nach dem Konsulat soll er laut Strabo 7,303 Geten nach
Thrakien geführt haben (Ritterling, in: RE 12, 1238). Leider geht aus der
Textstelle nicht hervor, ob SexAC in promagistratischer Funktion unterwegs
war.
19
L. Aelius Lamia PIR2 A 199; RE Suppl. VI und XIV, Nr. 75 a
Die Aelii Lamiae sind in augusteischer Zeit eine wohlhabende und angesehene Familie. Sie sind ritterständisch. Unter Augustus gelangen sie zum
Konsulat (RE I 1, 73–79) und werden unter die Patrizier aufgenommen. LAL
ist der Sohn von L. Aelius Lamia, praet. 44 v. Chr. Er ist der Vater des L. Aelius
Lamia, cos. 3 n. Chr.
Die Lesart des Namens war umstritten. Während Alföldy, Fasti Hispanienses,
5 f. und Groag, in: PIR2 A 199 L. Aelius Lamia lesen, schreiben Fitzler-Seeck,
in: RE 10, 364 Aelius Gallus.
Eine vor wenigen Jahrzehnten gefundene Inschrift gibt indessen Klarheit
über den Namen (AE, 1948, 93): L. Aelio L.f. Lamiae pr. leg. pro pr. XVvir sac. fac.
Carietes Vennenses patrono. Die richtige Lesart des Namens ist demzufolge L.
Aelius Lamia. Wenn auch die Vermutung Broughtons, LAL sei 42 v. Chr. Ädil
(MRR, 2.307) gewesen, durch diese Inschrift nicht bestätigt wird, ist doch
seine Prätur (MRR, 2.359) gesichert.
Die Statthalterschaft von LAL in Hispania Citerior ist durch einen Eintrag bei
Cass.Dio (53,29,1) auf die Jahre 24–22 v. Chr. zu datieren, wobei freilich der
Konjektur von Boissevain zu folgen ist. Während seiner dortigen Tätigkeit
konnte er die Asturer und Kantabrer bezwingen (Cass.Dio 53,29,2).
Wann die Ernennung von LAL zum XVvir sacris faciundis erfolgte, kann aufgrund des vorliegenden Quellenmaterials nicht ermittelt werden.
L. Aelius Lamia PIR2 A 200; RE I1, 76
Zur Herkunft der Familie s.o.
Seine Laufbahn begann LAL wahrscheinlich als IIIvir a.a.a.f.f. (Groag, in: PIR2
A 200).
Nach seiner Prätur stieg er 3 n. Chr. zum Konsulat auf (ILS
6387.6393.8581.9337; CIL 1,2, p.68.70; Val.Max. 1,8,11; Cassiodor. Chron.
min. 2,136; Vell. 2,116,3). Danach war LAL mehrmals legatus. So 4–6 in Germanien (Vell. 2,116,3) und 10/1 als Heerführer unter dem Oberbefehl des Tiberius.
Anschließend folgten zwei Statthalterschaften, von denen LAL allerdings
nur eine wirklich wahrnehmen konnte: 15/6 ging er nach Africa (AE, 1940,
69; Tac.ann. 4,13; Thomasson, Statthalter, 2.21 f.). Obwohl er 21 zum Gouverneur von Syria bestimmt wurde, blieb er in Rom (Tac.ann. 6,27; Cass.Dio
58,19,5).
Lamias Laufbahn erreichte mit der Ernennung zum praefectus urbi 32 ihren
Höhepunkt (Tac.ann. 6,27).
Daß er auch XVvir sacris faciundis gewesen ist, geht aus CIL 6,37058 hervor.
20
4
Auswertung
Die Frage, woher die Personen kamen, die unter Octavian/Augustus Karriere
gemacht haben, ist von besonderer Bedeutung. Es fragt sich, ob der Prinzeps
von alten republikanischen Familien bei der Administration des Reiches Untersützung erfahren hat und somit die neue Ordnung durch die alten Herrschaftsträger legitimiert wurde. Oder drehte ihm diese Personengruppe den
Rücken zu, so daß er sich bei anderen, weitgehend unbekannten Familien
Rückhalt suchen mußte?
Weiter ist zu klären, welche Leistungen die staatstragende Führungsschicht empfohlen hatte. Waren die Angehörigen dieser Schicht eher militärische Kommandeure oder waren es eher Verwaltungsfachleute, die eine
neue Friedensordnung organisieren sollten?
Hinsichtlich der Frage, welche Personen zur Führungsschicht gelangten,
können wir fünf Gruppen unterscheiden.
4.1
Herkunft der Senatoren
Um das Wesen des Prinzipats verstehen zu können, ist es wichtig, den Anteil
der nobiles an der augusteischen Herrschaft festzustellen.39
Grundsätzlich ist zu bedenken, daß unter Augustus nur noch vergleichsweise wenige patrizische Familien existierten und auch nicht alle, die im
politischen Raum tätig waren, in Erscheinung traten. Zu der altpatrizischen
Gruppe gehören 4 Aemilii Lepidi, Claudius Nero, Ap. Claudius Pulcher, 7
Cornelii Lentuli, Cn. Cornelius Cinna, P. Cornelius Dolabella, P. Cornelius
Scipio, L. Cornelius Sulla, 2 Fabii, 2 Quinctii, M. Furius Camillus, C. Marcius
Censorius, P. Quinctilius Varus, M. Servilius, 2 Sulpicii und 4 Valerii Messallae.
Mit 31 Personen handelt es sich um einen Anteil von gut 21 %.
Warum ließ sich Augustus gerade von diesem Personenkreis unterstützen?
Zum einen wollte er seine Herrschaft als eine Wiederkehr alter Zustände,
als eine Wiedergeburt einer intakten Republik darzustellen. Indem alte republikanische Familien wichtige Posten im Reich bekleideten, konnte der
Prinzeps seine Herrschaft als eine Erneuerung römischer Größe, römischen
Glanzes und republikanischer Tugenden darstellen.
Zum anderen verfügten diese Familien durch ihre lange Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen über eine große Herrschaftserfahrung ge-
39 Grundlage hierfür ist die auf S. 9 ff. gegebene Definition der nobiles.
73
paart mit einem hohen öffentlichen Ansehen. Zieht der Prinzeps diese Personen zur Herrschaft mit heran, kann er ihren Einfluß und ihre Erfahrung
für seine Herrschaft nutzen.
Es muß andererseits aber auch gefragt werden, was die Mitglieder dieser
Familien bewogen haben mag, die neue Ordnung zu unterstützen.
Glaubten sie, ihre alte Macht wiederzuerlangen und Roms Ansehen in der
Welt erneut zu vergrößern? War es einfaches Streben nach Posten, die sie zur
Teilhabe an der Regierung trieb?
Verständlicherweise haben die Amtsinhaber nur selten offen ihre Motive
zur Übernahme politischer Ämter dargelegt. Ein Grund mag darin bestanden haben, daß sich ihre dignitas aus den bekleideten Ämtern ergab. Wer
also nach öffentlichem Ansehen strebte, mußte hohe Staatsämter bekleiden.
Genau diese Ämter bot ihnen Augustus an. Zudem hatten sie mit der Bekleidung hoher Staatsämter die Möglichkeit, mit Augustus in Kontakt zu treten
und somit an dem politischen Geschehen teilzunehmen.
Bei den eben angeführten Gründen handelt es sich jedoch um reine Vermutungen, da sich viele Karrieren erst seit dem Konsulat oder einer Statthalterschaft verfolgen lassen. Dadurch bleiben die Motive für den Eintritt in eine
politische Laufbahn häufig im Dunkeln. Bedenkt man, wie sehr Cn. Cornelius Cinna Magnus Augustus haßte, fällt es schwer, überhaupt Motive für das
Betreten der politischen Bühne zu finden. Andere Cornelii wie Cn. Cornelius
Lentulus Augur und Cossus Cornelius Lentulus zeigten sich hingegen für die
erwiesene Gunst dankbar. Aber auch deren konkrete Motive lassen sich nicht
mehr ermitteln.
Daneben war es sicherlich viele Senatoren der Drang, den sozialen Rang
nicht zu verlieren, in die Politik. Neben der Tätigkeit bei Gericht konnte man
den sozialen Status nach römischer Vorstellung vor allem durch die Leistung
für den Staat sichern.
Vielleicht können sich aber die angestellten Vermutungen für die Teilnahme an der Politik anhand nachvollziehbarer Karriereverläufe verifizieren lassen.
Auffallend ist, daß der Prinzeps in die Laufbahnen der patrizischen nobiles
zum Teil direkt eingriff. Man denke in diesem Zusammenhang nur an die
Cornelii. Cn. Cornelius Lentulus Augur wurde von Augustus finanziell unterstützt, um nicht seine Standeszugehörigkeit verlieren zu müssen. Cossus
Cornelius Lentulus bekam seinen Statthalterposten von Africa nicht über das
Los, sondern direkt von Augustus. M. Valerius Messalla Corvinus wird nach
seinem Übertritt zu Octavian mit wichtigen militärischen und administrativen Posten bedacht.
74
5
Konsuln
Das Konsulat war das höchste Amt der Republik und das Ziel des aristokratischen Ehrgeizes. Es brachte dem Amtsinhaber dignitas und auctoritas ein.
Wenn auch das Amt unter Augustus nicht mehr mit großem politischem
Einfluß verbunden war, besaß es dennoch nach wie vor hohes Ansehen.58 In
diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, daß die regelmäßige Einführung
von Suffektkonsulaten zu einer kurzen Amtsdauer führte. Dadurch war von
vorneherein die Möglichkeit zu politischen Aktivitäten eingeschränkt. Vielleicht war dies auch erforderlich geworden, damit für die Besetzung der curae
ein größerer Personenkreis zur Verfügung stand, vor allem aber sollten aber
auch verdiente Parteigänger des Prinzeps mit dem höchsten Amt belohnt
werden.59
Welche Personen kamen für die Besetzung des Konsulats in Frage? Das ist
nicht leicht zu beantworten, da sich für uns viele Laufbahnen erst mit dem
Konsulat nachvollziehen lassen. Dennoch lassen sich einige Gruppen unterscheiden, wobei die folgenden Listen aufgrund der schlechten Quellenlage
keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben können.
5.1
nobiles
Alle nobiles, die in der Untersuchung vorkamen, waren Konsuln. Sie haben
fast alle nach dem Konsulat Statthalterposten bekleidet. Die nobiles strebten
danach, mit dem Konsulat öffentliches Ansehen zu erlangen. Aber auch Augustus profitierte von dem Ehrgeiz der nobiles, zum Konsulat zu gelangen. Er
konnte darauf hinweisen, daß die führenden Politiker der republikanischen
Zeit auch im Prinzipat die führende Stellung im Staat innehatten und damit
die neue Zeit auch personell nichts anderes als die wiederhergestellte Republik war.
5.2
Freunde der domus Augusta
Wer dem Prinzeps oder einem anderen hohen Mitglied der domus Augusta
nahestand, konnte sich ebenfalls Hoffnungen auf das Konsulat machen. Zu
diesen Personen gehören C. Antistius Vetus (cos. 30 v. Chr.), C. Asinius Gallus (cos. 8 v. Chr.), C. Norbanus Flaccus (cos. 24 v. Chr.), vielleicht C. Sentius Saturninus (cos. 19 v. Chr.), allem Anschein nach die Silii (cos. 20 v. Chr.,
58 Abbott, Political institutions, 376.
59 E.T. Salmon, in: Historia, 5 (1956), 474 ff., B. Levick, in: Latomus, 31 (1972), 812, T.P. Wiseman, New Man, 156 f.
85
3 n. Chr., 13 n. Chr.), auf jedem Fall P. Silius Nerva (cos. 20 v. Chr.) und M.
Vipsanius Agrippa (cos. 37 v. Chr., 28 v. Chr. und 27 v. Chr.). Lucilius Longus
verdankte sein Konsulat 7 n. Chr. der engen Freundschaft zu Tiberius. Alle
haben nach dem Konsulat noch weitere Posten in der Provinzialverwaltung
inngehabt.
5.3
Verwandte der domus Augusta
Daß die Verwandten der domus Augusta das Konsulat bekleideten, ist selbstverständlich.60 Hierzu zählen L. Aemilius Paullus (cos. 1 n. Chr.) und Quinctilius Varus. C. Iulius Caesar (cos. 1 n. Chr.) und Germanicus Iulius Caesar
(cos. 12 n. Chr.) stellen als designierte Nachfolger des Prinzeps selbstverständlich Ausnahmen dar. Die Laufbahnen der Verwandten des Prinzeps
machen deutlich, daß er sich entsprechend für sie verwendet hat. Außerdem
sollten sie in Vorbereitung auf ihre künftigen Aufgaben alle wichtigen Ämter
innegehabt haben.
5.4
Verdiente militärische Befehlshaber
Das Konsulat konnte auch eine Art Auszeichnung für militärische Leistungen
darstellen. L. Arruntius (cos. 22 v. Chr.), T. Statilius Taurus (cos. 37 v. Chr.
und 26 v. Chr.), P. Sulpicius Quirinius (cos. 12 v. Chr.), L. Tarius Rufus
(16 v. Chr.) und A. Terentius Varro Murena (23 v. Chr.) waren durchweg erfolgreiche Militärkommandeure. Allerdings führten militärische Erfolge
nicht zwangsläufig zum Konsulat. P. Carisius operierte sehr erfolgreich in
Hispania Ulterior. Dennoch war es fast unmöglich, daß er als gebürtiger
Provinzialbewohner das Konsulat bekleidete.61 Alföldy hat zu Recht darauf
hingewiesen, daß gerade in den ersten Jahren der augusteischen Herrschaft
nicht genügend Konsulare vorhanden waren, um den erheblichen Personalbedarf in den Provinzen zu befriedigen.62 Selbstverständlich konnten nicht
alle Personen, die der Prinzeps zum Schließen dieser Lücken heranzog, führende Positionen im Staat bekleiden.
5.5
homines novi und deren Nachkommen
Eine sehr große Gruppe von Konsuln empfahl sich durch ihre nachrepublikanische konsulare Abstammung. Wessen Vater im Prinzipat einen Statthal-
60 Nobiles, die mit dem Kaiserhaus verwandt sind, werden hier nicht extra aufgeführt.
61 Eine Ausnahme stellt L. Cornelius Balbus sen. dar.
62 Alföldy, Fasti Hispanienses, 132.
86
6
Statthalter
Formal hat sich an der Verwaltungsstruktur des römischen Reiches in der
Prinzipatszeit wenig geändert. Das gesamte römische Reich war nach wie
vor zur besseren Beherrschung in verschiedene geographische Bezirke mit
unterschiedlichem rechtlichen Status unterteilt. Dabei wird zwischen dem
italischen Kernland und dem außeritalischen Gebiet, den Provinzen, unterschieden.
Die Provinzen waren teils dem Prinzeps, teils dem Senat unterstellt, die
einen Statthalter zur Wahrung der römischen Interessen entsandten.
Die Statthalter versahen ihr Amt nach Ablauf ihrer ordentlichen Magistratur. In der Regel konnte ein Statthalter frühestens fünf Jahre nach der Bekleidung einer Magistratur auf einen Gouverneursposten hoffen (lex Pompeia).
Die Regelung wurde jedoch nicht streng eingehalten.64
Die Statthalter der Provinzen, die dem Augustus unterstellt waren, versahen ihr Amt als reine Mandatare (legati Augusti pro praetore), die Statthalter
der senatorischen Provinzen wurden durch das Los bestimmt und trugen
den Titel proconsul. Sie waren für die militärischen, juristischen sowie fiskalischen Belange des jeweiligen Amtsbezirks zuständig. Die Einrichtung der
verschiedenen Provinzen erfolgte im Anschluß an die Eroberung des jeweiligen Gebietes, sie differierten hinsichtlich ihrer Größe und Bedeutung zum
Teil stark voneinander.
Der grundsätzliche Bestand der Provinzen sowie ihre äußere Herrschaftsstruktur wurde auch in der Prinzipatszeit nicht in Frage gestellt. Dennoch
wäre es verfehlt, wenn man sagte, die Provinzialverwaltung sei eine Fortsetzung der republikanischen: »Die den Senatoren vorbehaltene magistratische
Adjutantur oder nach römischer Bezeichnung die legati pro praetore, … welche
… dem Kaiser beigegeben sind, stehen zu der republikanischen Ordnung
in schärferem Gegensatz als irgend eine andere dem Principat angehörige
Institution, weil damit der Kaiser in die Creierung der Magistratur eingreift
und statt der Comitien das Imperium verleiht.«65
Die Grundlage der neuen Herrschaftsstruktur wurde am 13. Januar
27 v. Chr. gelegt. Octavian legte seine Sondergewalt im Senat nieder und gab
die ihm verliehenen Provinzen, Heere und Verwaltungsvollmachten an den
Senat und das Volk zurück. Daraufhin übertrug ihm der Senat das Komman-
64 ILS 6095.
65 Mommsen, Abriß, 162.
89
do über die noch nicht völlig befriedeten Gebiete Spaniens, Galliens und Syriens. Über diese Provinzen hatte der Prinzeps als Konsul ein imperium inne.66
Mit diesem Schritt gestand die senatorische Führungsschicht ein, daß mit
der bisher geübten Praxis das Reich nicht mehr zu beherrschen war. Es hatte
sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder gezeigt, daß es mitunter nicht
möglich war, die Statthalterschaft zeitlich oder lokal zu begrenzen. Wenn ein
Statthalter über ein ausgedehntes Kommando verfügte, war es für die Senatoren schwierig, ihn zu kontrollieren. Die größte Gefahr bestand darin, daß
der Statthalter sich ein ihm ergebenes Heer schuf, das er gegen innenpolitische Feinde einsetzen konnte.
Die Leitung der gesamten staatlichen Macht durch einen einzigen lag daher nahe. Die Senatoren legitimierten das und unterstützten den Prinzeps,
indem aus ihren Reihen geeignete Kandidaten für die Herrschaftsausübung
hervorgingen.
Da jede Provinz, die Augustus unterstellt war, grundsätzlich eines militärischen Oberbefehlshabers vor Ort bedurfte, mußte der Prinzeps diese Aufgaben an Statthalter seiner Wahl delegieren. Die Herrschaftsausübung und
Militärführung der jeweiligen Provinz lag in der Hand eines legatus Augusti pro
praetore. Es spielte dabei keine Rolle, ob dieser gewesener Konsul oder gewesener Prätor war. Alle Statthalter der Provinzen des Augustus trugen denselben Titel, der die Abhängigkeit von Augustus ausdrückte.67 Im Unterschied
zu den senatorischen Statthaltern, die nur ein Jahr im Amt waren, wurden
die vom Prinzeps bestellten Statthalter mehrere Jahre im Amt behalten, im
Schnitt zwischen drei und fünf Jahren68.
Zur Unterstützung ihrer Amtsführung wurde ihnen ein Prätorier als legatus
mitgegeben, wenn in der Provinz mehr als eine Legion stand.69
Von diesen Provinzen sind die senatorischen zu unterscheiden. Dies sind
Asia, Africa, Sicilia, Sardinia, Baetica, Macedonia, Achaia, Dalmatia, Creta/Cyrnene
und Bithynia et Pontus. Offiziell waren diese Provinzen dem Senat unterstellt,
der sie von einem proconsul verwalten ließ.70 Tatsächlich war aber auch in
diesen Provinzen die Autonomie des Senates stark eingeschränkt. Dies zeigt
sich unter anderem an dem Besetzungsverfahren für die Statthalterposten.
66 Bleicken, Imperium consulare/proconsulare.
67 vgl. Madvig, Verfassung und Verwaltung des römischen Staates, Bd.2, Leipzig, 1882, 110 f.
68 Cass. Dio 53,23.
69 ders., 52,22; Tac. Agr. 7.
70 Cass. Dio 53,1; Tac. ann. 1,76.
90
7
Stadtrömische Ämter
7.1
Der praefectus urbi
Das Amt des praefectus urbi geht wahrscheinlich auf die Königszeit zurück.
Wenn der König, später der Höchstmagistrat, Rom verließ, übertrug er
einem Stellvertreter die Leitung der Amtsgeschäfte.123 Seit 367 v. Chr. ist das
Amt nicht mehr belegt, da durch die Einführung des mehrstelligen Konsulats stets ein Obermagistrat für die Durchführung der römischen Geschäfte
vorhanden war.
Augustus rief dieses Amt erneut ins Leben. Tacitus beschreibt, was den
Prinzeps zu diesem Schritt veranlaßt hat: ob magnitudinem populi et tarda legum
auxilia sumpsit e consularibus qui coerceret servitia et quod civium audacia turbidum,
nisi vim metuat124. Zu den Aufgaben des praefectus urbi gehörte es danach vor
allem, die Ruhe und Ordnung in Rom zu sichern.125
Für die augusteische Zeit sind drei praefecti urbi bekannt: M.Valerius Messalla Corvinus, T.Statilius Taurus und L.Calpurnius Piso pontifex.
M. Valerius Messalla Corvinus war der erste praefectus urbi. Er stammte aus
einer angesehenen Familie. Seinen eigenen Aufstieg verdankte er seiner Redebegabung sowie seinem militärischen Talent. Er kämpfte gegen Sex.Pompeius und befehligte in der Schlacht bei Actium ein Geschwader. Als legatus
von Illyricum, Suffektkonsul und Statthalter von Gallia und Syria sammelte
er Herrschaftserfahrung, bevor er 26 v. Chr. praefectus urbi wurde. Er bekleidete das Amt aber nur wenige Tage. Tacitus behauptet, er habe sich den Aufgaben nicht gewachsen gezeigt.126 Überzeugender ist die Bemerkung des Hieronymus, Messalla habe die incivilis potestas dieses Amtes mißfallen.127 Da er
glaubte, daß sich das Amt eines praefectus urbi einer wiederhergestellten republikanischen Staatsordnung nicht vereinbaren lasse, trat Messalla zurück.
T. Statilius Taurus versah das Amt mit weniger Skrupel. Er war ein typischer Aufsteiger.128 Wie Messalla kämpfte er gegen Sex. Pompeius. Über
123 Liv. 1,59. 3,6; Tac.ann. 6,11; Dion. Hal. 5,75.
124 Tac.ann. 6,11
125 Ihm unterstanden hierzu wahrscheinlich seit 16 v. Chr. die cohortes urbanae. Siehe hierzu
Freis, Die cohortes urbanae, Köln/Graz, 1967; ders., in: RE Suppl. X, 1965, 1125 ff.; Grant,
Army, 95 f.
126 Tac.ann. 6,11.
127 vgl. Hieron. zum Jahr 1911.
128 Vell. 2,127.
117
Africa konnte er einen Triumph feiern, bei Actium führte er das Landheer.129
In Spanien war er ebenfalls siegreich. Statilius gehörte zu den wenigen Personen, die zweimal Konsul waren. Danach (16–10 v. Chr.) bildete seine Tätigkeit als praefectus urbi den glanzvollen Abschluß seiner Laufbahn.
Dessen Nachfolger, L. Calpurnius Piso pontifex, schien der geborene praefectus urbi gewesen zu sein, was an seiner langen Amtszeit deutlich wird (13–
32 n. Chr.).130 In seinem Fall liegt der Aufstieg vermutlich in der – wenn auch
weitläufigen – Verwandtschaft mit der domus Augusta begründet. Calpurnius war der Sohn von Caesars Schwiegervater. Doch diese Beziehung zum
Prinzeps kann nur eine Laufbahn initiieren. Calpurnius zeichnete sich wie
auch Messalla und Statilius durch militärisches Können aus. Über manche
Teile seiner Laufbahn geben die Quellen keine klare Auskunft. Kriegerische
Tätigkeit in den Alpen und in Thrakien sind aber gesichert.131
In der Zusammenschau der Laufbahnen der drei praefecti urbi ergibt sich,
daß sich alle als militärische Befehlshaber ausgezeichnet hatten.
Es bietet sich an, zunächst die Karrieren des M. Valerius Messala Corvinus
und des T. Statilius Taurus miteinander zu vergleichen, da beide Laufbahnen
zeitlich vergleichsweise dicht bei einander liegen. Sie waren beide Suffektkonsuln, haben beide bei Actium gekämpft und waren beide in Illyricum.
Ferner haben sie in je vier Provinzen Erfahrungen sammeln können, bevor
sie zu praefecti urbi ernannt wurden.
Jedoch ist ihre Herkunft grundverschieden. M. Valerius Messalla Corvinus
entstammte einem angesehenen Geschlecht, während T. Statilius Taurus
homo novus war.
Die Laufbahn des L. Calpurnius Piso pontifex war ebenfalls von militärischen und administrativen Stationen gekennzeichnet. Nach seinem Konsulat übernahm auch er vier Legaturen, bevor er schließlich zum praefectus
urbi ernannt wurde. Von seinen Mitsenatoren hob er sich dadurch ab, daß er
zwei Priesterämter bekleidete, was angesichts der geringen Stellenzahl sehr
ungewöhnlich war.132
Für die Ernennung zum praefectus urbi war die familiäre Herkunft offenbar
nicht entscheidend.
129 Vell. 2,85.
130 vgl. die Zeugnisse bei Sen.ep. 83,14; Tac.ann. 6,10; Vell., 2,98; Plin. n.h. 14,145; Suet.Tib.
42,1; Cass.Dio 58,19.
131 s.o. S. 31 f.
132 s.u. S. 162 ff.
118
8
Die Priesterämter
8.1
Historischer Kontext
Als sich im Jahre 31 v. Chr. abzeichnete, daß Octavian Alleinherrscher in
Rom werden würde, endete ein schlimmes Kapitel der römischen Geschichte. Proskriptionen, Bürgerkrieg und Vertreibungen lagen nunmehr hinter
den Römern. Die Hoffnung auf eine neue, bessere Zeit brach an. Freilich
fragten sich die Bürger, wie es überhaupt so weit hatte kommen können. In
der zeitgenössischen Literatur wird oftmals als Antwort auf die Frage nach
dem Elend der Vergangenheit darauf hingewiesen, daß die Religion in sträflicher Weise vernachlässigt wurde.
Cornelius Nepos beschreibt, welches Entsetzen Atticus befiel, als er den
Tempel des Juppiter Feretrius auf dem Kapitol gesehen habe. Das Gebäude
sei aufgrund seines hohen Alters (es soll von Romulus errichtet worden sein)
und der Nachlässigkeit der Menschen (incuria) zusammengestürzt.144
Noch deutlicher stellt Horaz den Zusammenhang zwischen der Vernachlässigung der Religion in der voraugusteischen Zeit und den Wirren dieser
Zeit dar:
Delicta maiorum inmeritus lues,
Romane, donec templa refeceris
aedisque labentis deorum et
foeda nigro simulacra fumo.145
Man kann Horaz nicht unterstellen, er sei Wortführer einer bestimmten politischen Richtung gewesen. Die Klage über die Nichtbeachtung der Religion scheint damals weitverbreitet gewesen zu sein. Auch Livius klagt darüber
(3,20,5) und betont letztlich, daß Rom nur durch die genaue Beachtung der
religiösen Regeln groß geworden sei.
144 Corn.Nepos, Att., 20,3.
145 Hor. carm. 3,6,1–4
123
Wie sehr schließlich bei Vergil die Religion im Mittelpunkt seines Schaffens steht, braucht kaum betont zu werden. Dies gilt nicht nur für die Aeneis,
sondern auch für die Georgica.146
8.2
Die Rolle der Senatoren
Durch die Restaurationspolitik des Augustus gewinnen die Priesterämter erhöhtes Ansehen, doch war deren Anzahl gemessen an der Zahl möglicher
Kandidaten gering: Den 16 pontifices, 16 augures, 15 viri sacris faciundis und 10
epulones standen zwischen 200 und 400 potentielle Kandidaten gegenüber.
Interessant war die Mitgliedschaft in den Priesterkollegien für die Angehörigen der vornehmen Familien vor allem deshalb, weil die Priester auf
Lebenszeit kooptiert wurden und Augustus Mitglied in allen Kollegien war:
Pontifex maximus, augur, XV virum sacris faciundis, VII vir epulonum, frater arvalis,
sodalis Titius, fetialis fui.147 Ein Senator, der Priester war, hatte also ständig persönlichen Kontakt mit dem Prinzeps.
8.3
Personen mit Mitgliedschaft in mehreren Priesterämtern
Je nach Ansehen der betreffenden Person, insbesondere naturgemäß für die
Mitglieder der domus Augusta, war die Bekleidung mehrerer Priesterstelllen
möglich. Eine Ausnahme in jeglicher Hinsicht stellt die Ämterhäufung des
Germanicus Iulius Caesar dar. Der Neffe und Adoptivsohn des Tiberius war
augur, frater Arvalis und nach dem Tod des Augustus flamen Augustalis und sodalis Augustalis.
Auch im Falle von L. Calpurnius Piso, cos. 15 v. Chr., können verwandtschaftliche Beziehungen zur domus Augusta als Grund für die Ämterhäufung
nicht ganz ausgeschlossen werden. Denn er war ein Sohn von L. Calpurnius
Piso Caesoninus, dem Schwiegervater Caesars. Zudem legten es seine militärischen Erfolge nahe, ihn mit Ehrungen zu häufen: Calpurnius stellte zwischen 25 und 14 v. Chr. im Krieg gegen die Alpenstämme seine militärischen
Fähigkeiten unter Beweis, ferner wurden ihm als Lohn für seine Erfolge gegen die Thraker wurden ihm die Triumphalinsignien verliehen. Auf ein hohes Ansehen deutet weiter hin, daß Calpurnius zunächst Statthalter von Asia
war und 13–32 als praefectus urbi die Stellvertretung des Prinzeps innehatte. Er
wurde pontifex und Arvalbruder. Mit diesen Ämtern erhielt Calpurnius durch
die Nähe zum Prinzeps große politische Einflußmöglichkeiten. Sein Aufstieg
146 M. v.Albrecht, Geschichte der römischen Literatur, Bd.1, 541 ff.
147 Mon.Ancyr. 7,3.
124
Quellen und Forschungen zur Antiken Welt
herausgegeben von
Prof.
Prof.
Prof.
Prof.
Dr.
Dr.
Dr.
Dr.
Peter Funke, Universität Münster
Hans-Joachim Gehrke, Universität Freiburg
Gustav Adolf Lehmann, Universität Göttingen
Carola Reinsberg, Universität des Saarlandes
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