das berliner schloss - Humboldt

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DAS BERLINER SCHLOSS
WIRD ZUM HUMBOLDTFORUM
Rekonstruktion und Transformation der Berliner Mitte
Manfred Rettig
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Fassaden:
1 West
2 Nord
3 Süd
4 Ost
DAS BERLINER SCHLOSS
WIRD ZUM HUMBOLDTFORUM
Rekonstruktion und Transformation der Berliner Mitte
Manfred Rettig
Sprecher des Vorstands der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum
Mit dem Berliner Schloss – Humboldtforum wird in demokra­
tischer Tradition dieser historische Ort in der Mitte der deut­
schen Hauptstadt zu einem offenen Zentrum gesellschaft­
lichen und kulturellen Lebens. Hier ist die vielschichtige und
ereignisreiche deutsche Geschichte mit der Wiedererrich­tung
des Berliner Schlosses erfahrbar, hier wird sie mit dem
Humboldtforum in einen neuen zukunftsweisenden Kontext
eingebunden.
Das Humboldtforum im Berliner Schloss wird die Mitte der
Hauptstadt Deutschlands verändern, so wie es noch keine
vergleichbare große Baumaßnahme in dieser Stadt gewagt
hat. Sicher, die repräsentativen Bauten für den Bundestag
und die Bundesregierung im Spreebogen, der Bau des Haupt­
bahnhofs am Humboldthafen oder die Hochhäuser am
Potsdamer Platz haben neue beeindruckende Landmarken in
Berlin gesetzt. Aber alle diese großen, repräsentativen und
prominenten Bauten für Politik und Wirtschaft stehen „vor
den Toren“ der historischen Stadt, nämlich vor dem Pariser
Platz und vor dem Leipziger Platz.
Nun wird die innerste Mitte der Stadt selbst mit dem
Berliner Schloss – Humboldtforum wieder baulich gefasst und
gestaltet. Und es ist keine Verlegenheitslösung, sondern
eine besonders anspruchsvolle Herausforderung, dass die­
ser kulturelle Neubau in Gestalt eines Altbaus entsteht. Dafür
gab und gibt es viele gute Gründe, die denn auch fast zwanzig
3
Jahre lang diskutiert wurden. Nicht nur erhalten alle umlie­
genden historischen Gebäude ihre maßstäblichen und inhalt­
lichen Bezugspunkte wieder zurück: die protestantische
Staatskirche mit dem Berliner Dom ebenso wie die preußischbürgerliche Kultur mit der Museumsinsel. Nein, wichtiger
noch, die historische Mitte Berlins wird überhaupt als solche
wieder kenntlich gemacht und ernst genommen, nach ihrer
fast vollständigen Ausradierung durch Krieg und Abrisswut im
Nachkriegsdeutschland, nach Jahrzehnten der Spaltung und
Teilung der Stadt.
Die Dialektik von Zukunft und Vergangenheit, die not­
wendigerweise nie endende Beschäftigung der Deutschen
mit ihrer Geschichte wie mit ihrer Rolle in einer noch kom­
menden Zeit, das spiegelt sich in diesem ‚historischen
Neubau’ mit seinem deutlichen Gegensatz von geschichts­
bezogener Architektur und in die Zukunft gerichtetem Pro­
gramm. Diese Art der Wiederaneignung eines nicht unum­
strittenen historischen Erbes formuliert einen besonderen
Anspruch. Ein einfacher, aber dadurch auch geschichtsloser
Neubau würde diesem Ort in der Mitte der Hauptstadt mit
allen seinen historischen Bezügen nicht gerecht. Es ist
gerade uns Deutschen aufgetragen, bei einem solchen
neuen Kulturbauvorhaben für die Zukunftsthemen Globali­
sierung und Weltkulturdialog immer auch die überlieferte
Vergangenheit mit in den Blick zu nehmen.
EINLEITUNG
DAS HUMBOLDTFORUM WIRD EINEN ORT
BIETEN, AN DEM MUSEEN, BIBLIOTHEK
UND UNIVERSITÄT EINEN IN DIE
ZUKUNFT GERICHTETEN DIALOG DER
WELTKULTUREN ERMÖGLICHEN.
Der Deutsche Bundestag hat den Wiederaufbau des Berliner
Schlosses bereits im Sommer 2002 beschlossen. Eine frak­
tionsübergreifende Mehrheit folgte der Empfehlung einer
internationalen Expertenkommission. Mehrere Monate wurde
über die Entwicklung des Areals auf der Museumsinsel, zwi­
schen Schlossplatz im Süden und Lustgarten im Norden,
beraten. Die Entscheidungsfindung wurde von einer leb­
haften öffent­lichen Diskussion begleitet. Während in anderen
europäischen Ländern der Wiederaufbau zerstörter Schlösser
zum nationalen Selbstverständnis gehört, wird dies in
Deutschland kritisch hinterfragt. Dabei steht die Reflexion
über die jüngere Geschichte im Vordergrund: das Ende der
Kaiserzeit, die Kriegszerstörung, die Sprengung des Berliner
Schlosses und der Bau des Palastes der Republik an seiner
Stelle, und schließlich sein asbestbedingter Abriss. An kaum
einem anderen Ort kann die vielschichtige jüngere deutsche
Geschichte besser erfahren werden.
Mit der Rekonstruktion des Berliner Schlosses wird an
die republikanische Tradition angeknüpft, Schlösser für die
Präsentation kultureller Schätze zu nutzen und sie der
Allgemeinheit zugänglich zu machen. So wird zum Beispiel
der Louvre in Paris seit der Französischen Revolution als
Museum genutzt.
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Das Berliner Schloss wird mit dem Humboldtforum weit mehr
als nur Museum sein. Hier wird ein in die Zukunft gerichteter
Dialog der Weltkulturen stattfinden, mit großen themenüber­
greifenden Ausstellungen, Lesungen, verschiedensten Ver­
anstaltungsformaten sowie Film, Theater, Tanz und vielen
weiteren Angeboten von Museen, Bibliothek und Universität.
Es entsteht ein Volkshaus mit einem lebendigen und fanta­
sievollen Programm.
Die Rekonstruktion des Berliner Schlosses ist im
Ergebnis ein Neubau mit neuen Inhalten. Das wurde von der
Gesell­schaft mehrheitlich so gewollt, und dieser politische
Wille überwiegt schließlich das Interesse an einer modernen
Architektur. Die Rekonstruktion wird selbst zur zeitgenössi­
schen Architektur, die in der Zukunft einen eigenen denkmal­
pflegerischen Wert erhalten kann.
Im Dezember 2007 stellte der Deutsche Bundestag fest: Der
Vorschlag der Expertenkommission, das geplante Gebäude
auf dem Berliner Schlossplatz zu einem kulturellen Schwer­
punkt der Stadt zu machen, ist die geeignete Nutzungsidee.
Der Bau des früheren Schlosses mit seinen Barockfassaden
erhält als Schaufenster der Weltkulturen und der Wissen­
schaftsgeschichte im Geiste Alexander von Humboldts eine
zeitgemäße Bestimmung. Das ist das künftige Humboldt­forum.
Die außereuropäischen Sammlungen des ethnologischen
und des Museums für asiatische Kunst ziehen aus Dahlem in
das Zentrum der Hauptstadt. Dadurch werden die weltbedeu­
tenden Berliner Sammlungen auch stärkere internationale
Beachtung finden. Zu den Zeugnissen europäischer Kunst und
Kulturgeschichte auf der nahen Museumsinsel treten die
Kulturen der Welt im zukünftigen Humboldtforum in einen
erfahrbaren und bewussten Dialog. Ergänzt durch wechselnde
Sonderausstellungen der Humboldt-Universität und fünf
Kernbereiche der Zentral- und Landesbibliothek, entsteht so
auf prominentem Raum eine gelungene Konzentration von
Kunst und Kultur, wie sie nur selten in den Metropolen der
Welt vorkommt.
Das Humboldtforum im Berliner Schloss wird Mittelpunkt
der Deutschen Hauptstadt sein. Die inhaltliche Ausgestaltung
muss beispielhaft und zukunftsweisend sein, denn sie ist die
eigentliche Aufgabe des Neubaus.
Als der Deutsche Bundestag die Bundesregierung auf­
forderte, einen internationalen Realisierungswettbewerb
durchzuführen, gab es verbindliche Gestaltungsvorgaben.
Strikt einzuhalten waren die Rekonstruktion der historischen
Außenfassaden Süd, West und Nord sowie der drei histori­
schen Barockfassaden des Schlüterhofs.
Am 28. November 2008 vergab eine mit internationalen
Experten sowie Vertretern von Bundestag, Bundesregierung,
Land Berlin und künftigen Nutzern besetzte Jury einstimmig
den ersten Preis an das Architekturbüro Franco Stella aus
Vicenza und sprach – ebenfalls einstimmig – die Empfehlung
aus, diesen Entwurf zu realisieren.
Nun haben am 06. Juli 2011 die Fraktionen von CDU/CSU,
SPD, FDP und Grünen, also mit Ausnahme der Linken alle
Fraktionen des Bundestages im Haushaltsausschuss der
Entwurfsplanung für das Berliner Schloss – Humboldtforum
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zugestimmt und damit endgültig grünes Licht für die Ver­wirk­
lichung dieses anspruchsvollen Vorhabens gegeben. Das
Jahrhundertprojekt wird also von einem beispiellosen politi­
schen Konsens getragen. Das ist eine gute und wichtige
Grundlage für das Gelingen.
In diesem Heft wird der Planungsstand zum Zeitpunkt
des Beschlusses vom 06. Juli 2011 vorgestellt. Planungs­
anpassungen sind im Rahmen der weiteren Diskussionen und
Detaillierungen noch zu erwarten.
2013 ist die Grundsteinlegung geplant, 2014 sollen die
Hochbaumaßnahmen in vollem Umfang beginnen. Anfang
2018 könnte der Bau fertig gestellt sein. Mitte 2019 soll das
Humboldtforum im Berliner Schloss eröffnet werden.
Bauherrin und Eigentümerin des Gebäudes ist die im
November 2009 von der Bundesregierung gegründete Stiftung
Berliner Schloss – Humboldtforum. Sie ist eine rechtsfähige
Stiftung des bürgerlichen Rechts, die ausschließlich und
unmittelbar gemeinnützige Zwecke der Förderung von Kunst
und Kultur, der Bildung, von internationaler Gesinnung und
Toleranz auf allen Gebieten der Kultur und des Völker­
verständigungsgedankens sowie des Denkmalschutzes und
der Denkmalpflege verfolgt. Die Stiftung arbeitet einver­
nehmlich zusammen mit den Partnern Stiftung Preußischer
Kultur­besitz – Staatliche Museen zu Berlin, der Zentral- und
Landes­bibliothek Berlin und der Humboldt-Universität zu
Berlin. Sie wird eine ständige Ausstellung zu den Themen
„Historische Mitte Berlin – Identität und Rekonstruktion“
einrichten. Außerdem ist die Stiftung Ansprechpartner für
Förderer und Vereine, die das Projekt Berliner Schloss –
Humboldtforum unterstützen.
In Forumsveranstaltungen, Wanderausstellungen, Vor­
trägen und Publikationen informiert die Stiftung über die
Entwicklung dieses bedeutendsten Kulturprojekts der
Bundesrepublik Deutschland und lädt zur öffentlichen
Diskussion ein.
1
2
3
4
Schnitte:
1 Eingangshalle
2 Schlossforum
3 Treppenhalle
4 Längsschnitt
BAUGESCHICHTE
DAS BERLINER SCHLOSS ENTWICKELTE
SICH ÜBER EINEN ZEITRAUM VON MEHR
ALS 500 JAHREN ZUM STÄDTEBAULICHEN
ZENTRUM UND ARCHITEKTONISCHEN
BEZUGSPUNKT DES UM­GEBENDEN
STADTRAUMES.
Der Bau des Berliner Schlosses war ein ständiger Prozess aus
Erweiterungen, Umbauten und Ergänzungen durch die brandenburgischen Kurfürsten, preußischen Könige und deutschen Kaiser. Die kunsthistorisch wichtigste Umgestaltung
entwarf der Architekt und Bildhauer Andreas Schlüter: Von
ihm stammte der barocke Umbau des Schlosses zu Beginn
des 18. Jahrhunderts.
Bis zu seiner Zerstörung am Ende des 2. Weltkrieges entwickelte sich das Schloss über einen Zeitraum von mehr als
500 Jahren zum städtebaulichen Zentrum und architektonischen Bezugspunkt des umgebenden Stadtraumes in der
Mitte Berlins. Das gilt für den Blick von den „Linden“ ebenso
wie für das offene Treppenhaus, das Friedrich Karl Schinkel
1825 für das Alte Museum mit Blick auf die Lustgartenfassade
des Schlosses entwarf.
Die Zeit der Kurfürsten
Am 31. Juli 1443 legte Kurfürst Friedrich II. „Eisenzahn“
(1440–1470) an der Cöllner Seite der Spree der damals noch
unbedeutenden Doppelstadt Berlin-Cölln den Grundstein zum
Schlossneubau, der um 1448 im Rohbau fertig gestellt wurde.
In die Anlage wurde mit dem „Grünen Hut“, der bis zur Zer­
störung im Jahre 1950 erhalten blieb, ein Teil der Cöllner
Stadtmauer eingebunden. Im Frühjahr 1451 bezog der Kurfürst
das neue Schloss.
Die Erweiterungen durch Kurfürst Joachim II. (1535–1571),
die Umbauten von Kurfürst Johann Georg (1571–1598) und die
Ergänzungen durch Kurfürst Joachim Friedrich (1598–1608)
bestimmten das Bild des Schlosses bis zu Schlüters Umbau.
Sie umfassten bereits den äußeren Schlosshof, in dessen
Ausmaßen Johann Friedrich Eosander später ab 1707 das
Schloss vergrößerte. Zunächst aber unterbrach der
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Lange Brücke und Stadtschloss zu Berlin, zwischen 1687 und 1690
Dreißig­jährige Krieg die Bau­arbeiten. Die Architekten Johann
Gregor Memhardt und Johann Arnold Nering begannen dann in
der Zeit des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm (1640–1688)
mit barocken Umbauten. Sein besonderes Augenmerk richtete
der Kurfürst aber auf den nach niederländischen Vorbildern
neu geschaffenen Lustgarten.
Das Königsschloss
Kurfürst Friedrich III. (1688/1701–1713) musste seine neue
Königswürde als Friedrich I., König „in“ Preußen, und damit die
politische Bedeutung und das Ansehen seines zersplitterten
Staatengebildes im feudalistischen Europa hervorheben. Er
ließ dazu die kurfürstliche Residenz in ein barockes Königs­
schloss nach den Plänen von Andreas Schlüter umbauen.
Dieser hatte zuvor am Berliner Zeughaus gearbeitet und als
Schlüters Schlossmodell
von 1699 auf einem Kupferstich
von Johann Ulrich Krauss
nach einer Zeichnung von
Constantin Friedrich Blesendorff
Berlin, 1701
Ansicht des Schlüterhofes
Berlin, um 1930
Hofbildhauer das Reiterdenkmal des Großen Kurfürsten auf
der Langen Brücke geschaffen.
Schlüter ummantelte den Renaissancebau mit einer
neuen barocken Fassade nach italienischen Vorbildern. Sein
Triumph wurde aber noch vor Beendigung der Umbaupläne
1706 durch das Desaster des Münzturms jäh beendet. Der von
ihm entworfene, beeindruckende 108 Meter hohe Turm neigte
sich schon bald nach Fertigstellung bedrohlich zur Seite und
musste schließlich wieder abgetragen werden. Schlüter büßte
in der Folge seine Position als Schlossbaudirektor ein und
Johann Friedrich von Eosander gen. von Göthe übernahm
seine Stellung.
Friedrich Wilhelm I. (1713–1740), der „Soldatenkönig“,
strich den Hofstaat seines Vaters rigoros zusammen. Seine
Sparmaßnahmen vertrieben einen Großteil der Architekten
und Künstler aus Berlin. Der Schlossbau wurde nach den
vorhandenen Plänen unter Martin Heinrich Böhme bis 1716
vollendet, der Plan einer Schlosskuppel zunächst aber
aufgegeben.
Die späteren preußischen Könige verlagerten ihre bauli­
chen Ambitionen auf die Schaffung von neuen Raumfluchten
im Schloss. Friedrich II., „der Große“ (1740–1786), Friedrich
Wilhelm II. (1786–1797) und Friedrich Wilhelm III. (1797–1840)
richteten sich dort eigene Appartements ein, bevorzugten
aber – wie bereits Friedrich der Große – eher andere
Schlösser als Wohnorte. Unter den beteiligten Baumeistern
finden sich Carl von Gontard, Carl Gotthard Langhans,
Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff und Karl Friedrich
Schinkel. Ihre Innenraum­dekorationen gehörten zu den gelun­
gensten Schöpfungen des Klassizismus.
Unter Friedrich Wilhelm IV. (1840–1861) erfolgte 1845 bis
1853 mit dem Bau der Schlosskuppel die erste bedeutende
Blick von der Treppe des
Alten Museums
mit der Figur der Amazone über
den Lustgarten zum Schloss
Berlin, 1869
Veränderung des Schlossäußeren, seit es Johann Friedrich
von Eosander erweitert hatte. Der Vorentwurf stammte noch
von Schinkel und wurde von seinem Schüler Friedrich August
Stüler abgeändert ausgeführt.
Das Kaiserreich und die Zeit danach
Kaiser Wilhelm I. (1861/1871–1888) ließ die Fassaden des
inneren Quergebäudes im Stil der Neorenaissance umgestal­
ten. Sein Enkel – Kaiser Wilhelm II. (1888–1941) – plante
erneute Veränderungen und Erweiterungen am Schloss, wozu
vor allem die Fürstenwohnungen und die Erweiterung des
Weißen Saales gehörten, aber auch der Einbau von Bädern
und eine moderne Heizungsanlage.
Ansicht der Südfassade des Schlosses mit dem Reiterstandbild des
Großen Kurfürsten auf der Langen Brücke Berlin, um 1900
Der Erste Weltkrieg und die Revolution beendeten vorzeitig
die Arbeiten, von denen bis zur Zerstörung des Schlosses
eine vorgezogene Wand im Eosanderhof von der Erweiterung
des Weißen Saales kündete. Eine Angleichung der anderen
Hoffassaden erfolgte nicht mehr.
In der Weimarer Republik zogen das Schlossmuseum mit
kunstgewerblichen Exponaten und verschiedene andere
Institutionen in das Gebäude ein. Gegen Ende des Zweiten
Weltkrieges wurde der Bau noch im Frühjahr 1945 bei einem
Bombenangriff schwer beschädigt und brannte fast vollstän­
dig aus. Dennoch konnten bald nach Ende des Krieges die
erhaltenen Räume für Ausstellungen genutzt werden, wie
zum Beispiel 1946 für eine Schau des Architekten Hans
Scharoun über die städtebaulichen Planungen für den
Wiederaufbau von Berlin.
Die politisch motivierte Sprengung des Schlosses auf
Geheiß von Walter Ulbricht, DDR-Staatsratsvorsitzender und
SED-Parteichef, am 07. September 1950, beendete vorerst die
Geschichte des Berliner Schlosses.
Der Palast der Republik
Die freigewordene Fläche wurde zunächst als Fest- und
Auf­marschplatz für die Massenkundgebungen der DDR
genutzt. Unter den zahlreichen Planungen für den Ausbau
von Ost-Berlin als Hauptstadt der DDR gab es auch Vorschläge
für Hochhäuser im Stil der Stalin’schen Prachtbauten von
Warschau und Moskau. Sie wurden aber nicht realisiert.
Erst mehr als 20 Jahre nach der Sprengung des Schlosses
wurde mit dem Bau des Palastes der Republik als Sitz der
Volkskammer der DDR sowie Konzerthalle und Kulturhaus
begonnen. Der Entwurf stammte von Heinz Graffunder, dem
Chefarchitekten und Leiter des Entwurfskollektivs. Der Palast
der Republik wurde am 23. April 1976 eröffnet. Das große
Gebäude erhielt durch seine Restaurants und Bars auch den
Charakter eines Volkshauses, das viele Bürger der DDR positiv
in Erinnerung behalten haben. Am 23. August 1990 stimmte
die erste frei gewählte Volkskammer im Palast der Republik
dem Einigungsvertrag zwischen der Deutschen Demokra­
tischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland zu.
Nach Protesten der Beschäftigten wegen der Gesund­
heitsgefährdung durch die Asbestbelastung wurde hier auch
die Schließung des Palastes von der Volkskammer noch zu
Zeiten der DDR beschlossen. Da das Gebäude durch die
Asbestsanierung bis auf den Rohbau abgetragen werden
musste, beschloss der Deutsche Bundestag schließlich den
Abriss, welcher 2008 abgeschlossen wurde.
Die technisch zwingenden Gründe für Schließung und
Abriss des Palastes wurden schon früh durch die Schloss­
debatte überlagert. Wilhelm von Boddien hatte diese Idee
zusammen mit York Stuhlemmer 1993/94 durch die 1 : 1-Simula­
tion der Schlossfassaden eindrucksvoll in die Welt gesetzt.
10
Blick auf den Palast der Republik,
im Hintergrund der Fernsehturm und das Rote Rathaus
Berlin, 19. Mai 1976
Zwischennutzung
Die entkernte Hülle des Palastes der Republik bot verschiede­
nen Künstlern und Eventmanagern eine spannende Kulisse
für unterschiedlichste Performances und Veranstaltungs­
ideen. Das reichte von der Jahrestagung einer Unternehmens­
beratungsgesellschaft bis zur Flutung des Gebäudes, um
mit Booten zwischen den Stahlträgern zu navigieren. In einer
anderen spektakulären Kunstaktion wurde auf dem Dach
des Palastes in weit sichtbaren Großbuchstaben das Wort
ZWEIFEL angebracht. Dies alles zeigt einmal mehr, wie bedeu­
tungsgeladen der Ort ist, an dem das Berliner Schloss –
Humboldtforum entstehen wird – und es ist Ansporn und
Anspruch zugleich, für ein spannendes und anregendes
Programm zu sorgen.
Die „Schlossplatzwiese“
Seit 2008 hat die Stadt Berlin auf der ehemaligen ‚Palast­
wanne’, dem verbliebenen Fundament des Palastes der
Republik, eine große Wiese angelegt. Mit Holzstegen ist sie
zurückhaltend landschaftlich gestaltet. Gleich nebenan
unternimmt das Landesdenkmalamt zwischen Werderschem
Markt und Rathausstraße seit mehreren Jahren umfangreiche
archäologische Grabungen und nutzt damit die Zeit vor
Beginn der Baumaßnahmen für das Berliner Schloss –
Humboldtforum und vor der Verlegung der Straße am Schloss­
platz. Ein Teil der dabei entdeckten Reste des alten
Schlosses wird später in das Museum der Geschichte des
Ortes einbezogen. Es ist daran gedacht, die entdeckten
Kellerräume in der ehemaligen südwestlichen Gebäudeecke
des Schlosses als ‚Archäologisches Fenster’ für Besucher
begehbar zu machen.
2
III
1
II
IV
I
V
Lageplan, Erschließung, Portale I – V:
1 Verlauf U-Bahnlinie 5, U-Bahnein-/Ausgänge
2 Standort Freiheits- und Einheitsdenkmal
WETTBEWERB
Das Wettbewerbsverfahren und seine inhaltlichen Vorgaben
Grundlage des Wettbewerbs für das Projekt Berliner Schloss –
Humboldtforum, der am 18. Dezember 2007 vom Bundesamt
für Bauwesen und Raumordnung ausgelobt wurde, war der
Beschluss des Deutschen Bundestages von 2002. Darin findet
sich die Festlegung auf den historischen Stadtgrundriss, die
Vorgabe zur Wiedererrichtung der barocken Fassaden und ein
Nutzungskonzept mit den außereuropäischen Sammlungen
der Staatlichen Museen Berlins, Teilen der wissenschaftlichen
Sammlungen der Humboldt-Universität und dazu passenden
Medienbeständen der Zentral- und Landesbibliothek Berlin. Im
Erdgeschoss soll es mit der sogenannten Agora einen großen
Veranstaltungs- und Begegnungsbereich geben.
Dem zweistufigen Wettbewerbsverfahren war ein welt­
weit offenes Bewerbungsverfahren vorgeschaltet, bei dem
129 Bewerber zugelassen wurden. Die Teilnehmer hatten in
der ersten Wettbewerbsstufe die Aufgabe, grundsätzliche
Aussagen zur gestalterischen Herangehensweise und zur
Verbindung von vorgegebenen Fassaden und Gebäude­
funktion sowie zur Integration der neu zu gestaltenden
Ostfassade vorzulegen. Aus den 85 im März 2008 eingereich­
ten Beiträgen wählte das Preisgericht im darauffolgenden
Juni 30 Teilnehmer mit den interessantesten Lösungs­
ansätzen für die 2. Wettbewerbsstufe aus. Die Planer sollten
nun anhand vervollständigter Auslobungsunterlagen ihr
Entwurfskonzept vertiefen und zeigen, wie der Bundestags­
beschluss mit einem zukunftsweisenden Gesamtkonzept für
das Humboldtforum überzeugend umgesetzt werden kann.
Die Zusammensetzung des Preisgerichts
Das Preisgericht tagte am 27. und 28. November 2008 unter
der Leitung von Prof. Vittorio Magnago Lampugnani aus
Mailand/Zürich. Weitere Fachpreisrichter waren die Archi­
tekten David Chipperfield aus London, Prof. Giorgio Grassi
aus Mailand, Prof. Petra Kahlfeldt aus Berlin, Prof. Peter Kulka
aus Köln/Dresden, Prof. HG Merz aus Stuttgart, Prof. Gesine
Weinmiller aus Berlin sowie Prof. Peter Zlonicky aus München.
Zu den Sachpreisrichtern gehörte der Hamburger
Bundestagsabgeordnete Dirk Fischer, der Vizepräsident des
Deutschen Bundestages Dr. Wolfgang Thierse, der damalige
Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
Wolfgang Tiefensee, der Beauftragte für Kultur und Medien
der Bundesregierung Staatsminister Bernd Neumann, und
für Berlin André Schmitz, Staatssekretär für kulturelle
Angelegen­heiten in der Senatskanzlei Berlin, und Senats­
baudirektorin Regula Lüscher. Auf Seiten der inhaltlichen
Partner, der „Nutzer“, nahm Prof. Dr. Hermann Parzinger, der
Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, am Preis­
gericht als Sachpreisrichter teil.
Zu den Beurteilungskriterien der 2. Wettbewerbsphase
gehörten neben den gestalterischen Ansprüchen an die städ­
tebaulichen, architektonischen und funktionalen Lösungs­
ideen vor allem auch die Wirtschaftlichkeit des Entwurfs
sowie die Nachhaltigkeit des Energiekonzepts.
Das Preisgericht entschied sich einstimmig für den
Entwurf des italienischen Architekten Prof. Franco Stella aus
Vicenza als 1. Preisträger. Ein zweiter Preis wurde nicht ver­
geben, was die herausragende Qualität des 1. Preises noch­
mals unterstrich. Vielmehr wurden vier Entwürfe mit einem
3. Preis ausgezeichnet, und das Preisgericht entschied sich
für die Vergabe eines Sonderpreises.
Blick in das Schlossforum durch
Portal IV auf das Alte Museum von
Schinkel am Lustgarten
12
MIT DER IDEE EINES „SCHLOSSFORUMS“ WIRD
EIN NEUER OFFENER STADTRAUM IN NORD-SÜDRICHTUNG GESCHAFFEN. DIE JURY WÜRDIGT
DIESE RAUMSCHÖPFUNG ALS EINE EIGENSTÄNDIGE
QUALITÄT IN ERGÄNZUNG ZUM SCHLÜTERHOF.
Der 1. Preisträger Franco Stella
Was waren die überzeugenden Argumente für die herausra­
gende Qualität des Siegerentwurfs von Franco Stella? Das
Preisgericht hob vor allem die städtebauliche Einbindung die­
ser Arbeit hervor, die es erreiche, „mit der Idee eines vom
Autor benannten ‚Schlossforums’ (…) ein(en) in Nord-SüdRichtung ausgerichtete(n) neue(n) offene(n) Stadtraum (zu
schaffen)“, diese Raumschöpfung habe eine eigenständige
Qualität in Ergänzung zum Schlüterhof. Insgesamt gelinge die
städtebauliche Einbindung des wiedererrichteten Schlosses
als Humboldtforum mit diesem Entwurf in selbstverständli­
cher Weise. Mit großer Überzeugung schaffe es diese Arbeit,
sowohl die Schlüterfassaden als auch die historische Kuppel
uneingeschränkt zu rekonstruieren. Auch „der Bezug der
neuen Bauteile auf Prinzipien historischer Architektur, auf
ihre Dialektik von ‚Mauer’ und ‚Säule’ (wurde) positiv aufge­
nommen“.
Der Sonderpreis für das Büro Kühn-Malvezzi
Das Berliner Büro Kühn-Malvezzi erhielt einen Sonderpreis, vor
allem wegen der faszinierenden Idee eines überdachten, frei
zugänglichen „Eosanderhofs“ als einem neuen öffentlichen
Stadtraum. Dieser Entwurf sah keine Rekonstruktion der
Kuppel vor. Die historischen Fassaden sollten zunächst in
massivem Ziegelmauerwerk hergestellt werden, in Anlehnung
an Schinkels Bauakademie oder italienische Kirchen. Je nach
Baufortschritt und Finanzierungsmöglichkeiten sollte die
barocke Steinfassade vorgeblendet werden. Beides wider­
sprach den zwingenden Vorgaben der Auslobung, weshalb
nur ein Sonderpreis vergeben werden konnte.
Die vier 3. Preisträger
Mit je einem 3. Preis ausgezeichnet wurden die Arbeiten von
Caja Malcovati Architetti, Mailand, und Eccheli e Campagnola
Architettti Associati, Verona, Kleihues + Kleihues, Berlin, und
Prof. Kollhoff, Berlin, und Prof. Christoph Mäckler, Frankfurt
am Main. Das Preisgericht lobte die Arbeit von Caja Malcovati
und Eccheli e Campagnola als klugen und assoziativen
Entwurf, dem es aber leider nicht gelinge, die Funktionalität
auf einem ähnlich hohen Niveau zu entwickeln. Dies betraf
zum Beispiel die Blockade der Spreepromenade oder auch die
unbefriedigende Unterbringung der Bibliothek. Die Arbeit von
Kleihues + Kleihues wurde wegen ihrer städtebaulichen
Qualitäten prämiert, konnte aber wegen Defiziten, etwa in
14
der räumlichen Gestaltung der Agora und der Anordnung der
Ausstellungsflächen nicht vollständig überzeugen. Bei dem
Entwurf von Kollhoff überzeugte das Preisgericht die sorgfäl­
tige Rekonstruktion des Schlüterhofes und der angrenzenden
Innenräume. Hier könne der vom Verfasser vorgestellte „fest­
liche Stadtraum“ entstehen. Die Agora habe dagegen die
Anmutung eines Lichtspielhauses, was der Qualität eines
„Zentrums für vielfältige künstlerische Erlebnisse“ und eines
„Ortes der Bildung und Wissensvermittlung“ nicht gerecht
werde. Die Arbeit von Christoph Mäckler schließlich wurde
wegen der hohen Kohärenz von Raumzuschnitten, Raum­
proportionen und der Rekonstruktion der Schlüterschen
Fassaden prämiert. Seine ‚Verfolgung der historischen Spur’
beispielsweise, mit der strukturellen baulichen Entsprechung
der historischen spreeseitigen Bebauung, werde aber durch
einschneidende Mängel an anderer Stelle erkauft.
Grundlagen und Vorgaben für die weitere Planung
Die Vorgaben für die Weiterplanung durch den 1. Preisträger
Franco Stella bezogen sich in erster Linie auf die Gestaltung
der ‚vierten Fassade’ nach Osten zur Spree und zum
Alexanderplatz hin. Der Vorschlag des Planers für die Nutzung,
hier ein Belvedere, also ein Loggien- und Treppenhaus, ein
‚Aussichtsbauwerk’ zu schaffen, wurde wie die vorgeschla­
gene Fassadengestaltung im Preisgericht kontrovers disku­
tiert. Positiv gewürdigt wurde die gegenüber den historischen
Fassaden zurückgenommene Ausformulierung. Es wurde aber
auch darüber gesprochen, ob sie genügend architektoni­
schen Ausdruck besitzt und „ob es diesem Gebäudeteil auf
schmaler Grundfläche gelingen kann, Raum- und Aufent­
haltsqualitäten zu erzeugen.“ (Protokoll des Preisgerichts)
Weitere inhaltliche Vorgaben für die notwendige Über­
arbeitung des Wettbewerbsentwurfs betrafen die Ein­
beziehung der Grabungsfunde auf dem Bauplatz in ein
geplantes Museum der Geschichte des Ortes im Humboldt­
forum im Sinne des bereits oben angesprochenen „Archäo­
logischen Fensters“. Außerdem waren die verschiedenen
Raumangebote der Agora im Hinblick auf aufführungs- und
veranstaltungstechnische Vorgaben zu optimieren.
5
1
2
6
7
3
4
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13
Grundriss Erdgeschoss:
1
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4
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Museum zur Geschichte des Ortes
Entrée
Foyer Säle
Auditorium
Sonderausstellung
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Sonderausstellung
Foyer/Agora
Multifunktionsaal
Kunstkammer
Museumsshop und Buchladen
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Bistro der Kulturen
Gewerbe
Gewerbe
Lapidarium und Café
Restaurant der Kontinente
Prof.Franco Stella - Architekt - Fischerinsel 16, 10179 Berlin
Schnitt durch die historische Fassade im Schlüterhof
Berliner Schloss - Humboldt Forum - Detail Fassade 7 Rücklage Achse 7.07 1 : 150 31.05.2011
Schnitt durch die moderne Fassade am Schlossforum
REKONSTRUKTION
DER FASSADE
Was wird rekonstruiert?
Die Vorgaben des Parlamentsbeschlusses für die Rekonstruk­
tion des Berliner Schlosses betrafen drei der vier Außen­
fassaden samt Kuppel und die drei barocken Fassaden des
Schlüterhofes. Das historische Quergebäude zwischen
Schlüter- und Eosanderhof sollte ebenso wenig rekonstruiert
werden wie der Renaissanceflügel im Osten. Für diese Fassa­
den machte der Beschluss keine Gestaltungsvorgaben.
Das Berliner Schloss – Humboldtforum sollte insofern von
außen immer gleichzeitig als Teilrekonstruktion und Neubau
erkennbar bleiben. Die deutsche Geschichte, die im 20. Jahr­
hundert auch in der Zerstörung des Schlosses ihren Ausdruck
fand, sollte mit der Wiedererrichtung der barocken Fassaden
nicht vollständig verdeckt, sondern als Gegensatz von Ver­
gangenheit und Gegenwart deutlich werden.
Die städtebauliche Bedeutung
Die Gründe für die Teilrekonstruktion des Schlosses lagen vor
allem in der städtebaulichen Bedeutung des historischen
Gebäudes, auf das alle umliegenden Residenzbauten in ihrer
Architektur, ihren Dimensionen und ihrer städtebaulichen
Anordnung orientiert sind.
Schinkel hat sein „Altes Museum“ mit dem offenen
Treppenhaus auf die Lustgartenfassade des Schlosses hin
ausgerichtet. Der Berliner Dom, erst zum Ende des 19. Jahr­
hunderts durch den Architekten Julius Raschdorff errichtet,
bezieht sich ebenfalls auf die große Gebäudemasse des
Schlosses. Schließlich knüpfte auch Ernst-Eberhard von Ihne
mit dem neobarocken Marstallgebäude auf der Südseite des
Schlossplatzes an die Formensprache der Schlossfassade an.
Vor allem aber hat das Schloss seine Bedeutung als
Abschluss der Allee Unter den Linden, wobei die abgewinkelte
Stellung den Baukörper vom Blick aus den Linden plastischer
hervortreten lässt, als es eine rechtwinklige Anordnung im
barocken Sinne bewirkt hätte. Schließlich stammt die Anlage
des ehemaligen kurfürstlichen Jagdweges auch schon aus
vorbarocker Zeit unter Kurfürst Johann Georg, der den Reit­
weg 1573 als Verbindung zum Tiergarten anlegen ließ.
17
Die Gestaltung des Baukörpers
Die historisch rekonstruierten, „alten“ Bauteile des barocken
Schlosses bilden mit den neuen Baukörpern ein einziges,
schlüssiges Gebäude, das von der Einheit des Ganzen und
von der unverkennbaren Identität der jeweiligen Teile geprägt
ist. Von Außen gesehen erscheint das neue Gebäude auf
drei Seiten mit dem historischen ‚Gesicht’ des barocken
Schlosses. Auf der östlichen Seite kommt ein moderner Bau­
körper, das Belvedere, hinzu. Die anderen vier Neubaukörper,
zwei in der Form von Kuben und zwei als Zeilen, sind im
Bereich des ehemaligen Eosanderhofes angeordnet. Aus dem
Zusammenspiel zwischen alten und neuen Bauteilen ergeben
sich drei öffentliche Plätze innerhalb des Gebäudes: die den
Lustgarten mit dem Schlossplatz verbindende Fußgänger­
passage „Schlossforum“, der größtenteils rekonstruierte
„Schlüterhof“ und die gedeckte Piazza der Eingangshalle zur
„Agora“.
Der Baukörper für das Berliner Schloss – Humboldtforum
erhält seine historische Höhe und Tiefe sowie Dachgestaltung
und weitgehend auch die gleiche Geschossverteilung. Die
Außenwände werden als massive Mauerwerke hergestellt, die
die historische Tiefe und Plastizität bekommen. Die Kuppel
soll historisch getreu wieder aufgebaut werden. Gleiches gilt
für die Innenportale im Schlossforum und in der Agora.
Die neue Aufteilung im Inneren des Gebäudes entspricht
den Anforderungen der Nutzer. Für nachfolgende Genera­
tionen bleibt aber die Möglichkeit, historisch bedeutsame
Trep­penhäuser und Innenräume zu rekonstruieren, ohne
dass dadurch teure Eingriffe in die Baukonstruktion und die
Trag­werksstruktur notwendig würden. Die Proportionen der
wesentlichen Raumfluchten sind in der Architektur
„aufgehoben“.
Der Architekt lehnt in seinen modernen Bauteilen eine
historistische Nachahmung der alten ab. Er erweist den
rekonstruierten barocken Fassaden durch die Anwendung
zeitloser Prinzipien bei den neuen Gebäudeteilen seine
Reverenz. Mit der Vorgabe einer bloß teilweisen Rekonstruk­
tion des Schlosses beinhaltete der Bundestagsbeschluss
damit von vornherein die Erkennbarkeit der jeweiligen Teile
des Gesamtensembles für das Humboldt­forum als einen
echten Neubau.
DAS TEILREKONSTRUIERTE SCHLOSS
BETONT DIE BEDEUTUNG DIESES
ORTES IN DER MITTE DER HAUPTSTADT
DEUTSCHLANDS FÜR DIE GESCHICHTE
UND DIE KULTUR DIESES LANDES.
18
DIE ORIGINALGETREUE QUALITÄT IST UMSO
WICHTIGER, SOLL IHRE WIEDERERRICHTUNG
NICHT BLOSSE ADAPTION UND FASSADE
BLEIBEN, SONDERN DEN GANZHEITLICHEN
KÜNSTLERISCHEN GESTALTUNGSANSPRUCH
ANDREAS SCHLÜTERS ZUR GELTUNG BRINGEN.
Der denkmalpflegerische Anspruch
Vor diesem Hintergrund ist die originalgetreue Qualität der
rekonstruierten barocken Fassaden umso wichtiger. Ihre
Wiedererrichtung soll nicht bloße Adaption bleiben, sondern
die einstige künstlerische Gestaltung des barocken Bau­
meisters Andreas Schlüter erkennbar machen. Bei der
Rekonstruk­tion geht es um die architektonischen und bild­
hauerischen Schmuckelemente. Zur Erarbeitung der kunst­
historischen Grundlagen hat die Stiftung Berliner Schloss –
Humboldtforum im April 2010 eine Tagung mit dem Thema
„Rekonstruktion am Beispiel Berliner Schloss aus kunsthisto­
rischer Sicht“ veranstaltet. Die internationale Konferenz im
Europäischen Zentrum für Exzellenz Villa Vigoni am Comer
See am 08. und 09. April 2010 unter Beteiligung von Kunst­
historikern und Denkmalpflegern hat die „10 Thesen der Villa
Vigoni“ erarbeitet, die im Anhang dieser Broschüre abge­
druckt sind. Die Thesen zielen auf die Bedeutung des Ortes
in der Mitte Berlins, den hohen Qualitätsanspruch der
Rekonstruktion und die Forderung ab, das Bauwerk in sei­
nen Bauabschnitten in optimierter zeitlicher Abfolge und
jeweils in sich stimmig zu realisieren.
21
Die Schlossbauhütte
Für die Arbeiten an den Schmuckelementen der Fassaden
wurde von der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum eine
„Schlossbauhütte“ gegründet. Deren Aufgabe ist zunächst die
Sammlung und Sichtung der bislang an verschiedenen Orten
gelagerten Originalfragmente und Figuren sowie der Modelle
für Sandsteinarbeiten, die bereits im Auftrag des Förder­
vereins Berliner Schloss e. V. hergestellt wurden. Diese Mate­
rialien wurden von einem Expertengremium aus Kunsthisto­
rikern und Architekten auf ihre Qualität für die Verwendung
bei der Wiedererrichtung der barocken Fassaden begutach­
tet. Die Schlossbauhütte dient als Zentraldepot sowie zur
Qualitätskontrolle vor und während der Baumaßnahme.
Die Schlossbauhütte wird Werkstatt und Fertigungs­
stätte für die Natursteinarbeiten. Nirgendwo sonst wird das
Faszinierende und Anspruchsvolle dieser Bau­aufgabe so
deutlich wie hier, wo die Säulenkapitelle und Schmuck­figuren
des Barock wieder entstehen. Die Schloss­bauhütte soll des­
halb in die Öffentlichkeitsarbeit für das Projekt eingebunden
werden, wenn sie aus technischen Gründen auch nicht
öffentlich zugänglich sein kann. Interessierte Spender haben
jedoch die Möglichkeit, sich bei geführten Besichtigungen
über den Fortschritt der Stein­bild­hauer­arbeiten vor Ort zu
informieren.
Das Expertengremium für die Schlossbauhütte, das den
hohen Qualitätsanspruch bei diesem Rekonstruktions­
vorhaben gewährleisten soll, besteht aus Fachleuten der
Stiftung Preußischer Kulturbesitz, des Landesdenkmalamtes
Berlin, der Projektgemeinschaft des Architekten Prof. Franco
Stella, der Bauhütte der Stiftung Preußische Schlösser und
Gärten, des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung
und der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum. Dieses
Fachgremium wird auch darüber befinden, ob die noch erhal­
tenen Originalfiguren von Schlüter wieder im Schlüterhof oder
aus konservatorischen Gründen in einem Lapidarium im
Bereich des ehemaligen Gigantentreppenhauses hinter dem
Portal VI aufgestellt werden.
22
Die Wiederherstellung der barocken Schmuckfiguren ist aufwendig und langwierig: Zunächst werden Modelle z.B. der Adlerköpfe
oder Wappenschilde nach Fotodokumenten oder auch einzelnen
Originalfragmenten aus Ton nachgebildet. Diese werden in Gips
abgegossen und in traditionellen
Verfahren mittels eines Punktiergeräts in Naturstein nachgehauen. Die barocken Fassaden
hatten ca. 3.000 Schmuckelemente, für die etwa 300 verschiedene Modelle hergestellt werden
müssen.
2
1
2
3
4
5
7
6
Grundriss 1. Obergeschoss:
1
2
3
4
5
Fachwissenschaftliche Bibliothek SMB
Sonderausstellung SMB
Sonderausstellung SMB
Konzeptraum Humboldt-Universität
Bistro
6 Zentral- und Landesbibliothek Berlin
7 Café
ENTWICKLUNG DER
PLANUNG
Von der Wettbewerbsidee zur Entwurfsplanung
Naturgemäß werden die ursprünglichen Wettbewerbspläne
bis zur baureifen Entwurfsunterlage gründlich überarbeitet.
In Abstimmung mit den Beteiligten bezogen sich diese Ände­
rungen vor allem auf den großen multifunktionalen Veranstal­
tungsbereich, die Agora im Erdgeschoss. Umgeplant wurden
weiterhin das Belvedere sowie die Erschließung und es wur­
den Zwischengeschosse in den modernen Bauteilen hinzuge­
fügt, wo dies wie im Schlossforum die vom Altbau übernom­
menen Geschosshöhen es ermöglichten.
Die Weiterentwicklung der Agora
Architekt Franco Stella hatte im Wettbewerbsentwurf Teile der
Agora auch im Kellergeschoss vorgesehen. Diese Räum­
lichkeiten wurden im Zuge der Überarbeitung in das prominen­
tere Erdgeschoss heraufgeholt. Garderoben, Toiletten, Lager,
Haustechnikräume etc. blieben weitgehend im Keller­­ge­schoss.
Damit entfiel die hinunterführende Treppe, die vorher mittig im
Foyer vor dem Innenportal III angeordnet war. Das Foyer ist nun
der Hauptraum der Agora mit einer gebäude­hohen und
stützen­freien großen Halle und dem rekonstruierten Innen­
portal des Haupteingangs unter der Kuppel als Blickfang.
Im Wettbewerb hatte der Architekt die großen Kuben der
Sonderausstellungssäle beidseitig des zentralen Foyers
abgerückt von den Innenfassaden des Eosanderhofes ange­
ordnet, so dass auch deren historische Rekonstruktion
ermöglicht worden wäre. Die neuen Kuben sind nun – zur Ver­
größerung der Agora und für eine engere Nutzungsbeziehung
zwischen den Innenräumen – direkt an die Gebäudekanten
des rekonstruierten Schlossbaukörpers angebunden. Von den
historischen Fassaden des Eosanderhofes verbleibt damit nur
die mögliche Rekonstruktion der drei Innenportale: Sie verlei­
hen der überdachten Piazza des Foyers und dem Schloss­
forum eine unverwechselbare Identität, die zusammen mit
dem rekonstruierten Schlüterhof alle drei öffentlichen Plätze
innerhalb des Gebäudes gestalterisch verbindet und
auszeichnet.
Im Erdgeschoss kommen an der Lustgartenseite ebenso
wie zur Spree und im Schlüterhof Gastronomie- und Service­
angebote hinzu. In die Obergeschosse führt ein großes, in der
vollen Gebäudehöhe einsehbares Treppenhaus. Es wird mit
seinen symmetrisch einander gegenüber gestellten Fuß- und
Rolltreppenläufen zu einem eigenen beeindruckenden
Raumerlebnis.
25
Erforderliche Nebenräume für das Veranstaltungs­management
der Agora befinden sich nun u.a. in einem neuen Zwischen­
geschoss im Schlossforum, was durch die historisch vorge­
gebenen Geschosshöhen von bis zu 6,50 m ermöglicht wurde.
Kunstkammer und Museum zur Geschichte des Ortes
Bei der Weiterentwicklung der Planung mussten funktional
sinnvolle und historisch nachvollziehbare Standorte im
Gebäude für die Kunstkammer und das Museum zur
Geschichte des Ortes gefunden werden. Die Kunstkammer
kann nun am historischen Schlossplatz eingerichtet werden.
Das Museum zur Geschichte des Ortes ist ideal direkt am
Haupteingang von Portal III an den Besucherstrom und das
geplante ‚Archäologische Fenster’ angebunden. Dort bleiben
im Kellergeschoss darunter die ausgegrabenen Reste des
Hohenzollernschlosses erhalten, die später sogar teilweise
begehbar sein sollen.
Das Belvedere
Im Wettbewerbsentwurf hatte der Architekt auf der Ostseite
des Gebäudes ein Belvedere vorgesehen. Es sollte als öffent­
lich begehbarer Aussichtsort den Blick vom Schloss auf die
andere Spreeseite freigeben. Schon das Preisgericht disku­
tierte kontrovers über die öffentliche Zugänglichkeit und die
Aufenthaltsqualität in dem schmalen Gebäuderiegel.
Die Planungsüberarbeitung führte zu der Überlegung,
diese Flächen der übrigen Nutzung des Gebäudes auf den
verschiedenen Etagen zuzuordnen. Dabei wird das Belvedere
als eigenständiger und bewusst modern gestalteter Gebäude­
körper präsent bleiben. Eine tiefe und massige Ausbildung der
Außenwände prägt gleichzeitig die Identität dieses Gebäude­
teils gegenüber den historischen Fassaden und zitiert mit der
Wandstärke deren historische Ausgestaltung.
Im Bereich des Belvedere soll der Treppenhausraum der
historischen „Gigantentreppe“, der einstmals zu den Sehens­
würdigkeiten des Schlosses gehörte, über drei Geschosse
hinweg freigehalten werden. Dadurch bleibt es einer nachfol­
genden Generation unbenommen dieses Treppenhaus wieder
entstehen zu lassen.
Die Raumaufteilung und Architektur in den beiden Ober­ge­
schossen wurden im Zuge der Weiterentwicklung der Planung
ebenso im Detail verändert. Hier blieb es bei den wesent­
lichen Strukturen, wobei aber in der konstruktiven Durch­
planung darauf geachtet wurde, dass auch in diesen oberen
Geschossen gegebenenfalls später einmal einige der bedeu­
tenden historischen Räume wieder errichtet werden können.
Offene Planungsdetails
Verschiedene Planungsdetails im Bereich der Fassaden­
gestaltung wie der inneren Nutzungsaufteilung und Raum­
anordnung werden derzeit noch zwischen Bauherrin, Nutzern,
Architekt und Baumanagement diskutiert. Dazu gehören die
Frage der vollständigen Wiederherstellung des östlichen
Fassadenabschlusses am Schlossplatz, des sogenannten
Eckrondells Schlüters an der Südfassade und der Übergang
von alt zu neu an dieser wie an der ähnlichen Situation zum
Lustgarten an der Nordfassade. Im Bereich der inneren
Nutzungsaufteilung und Raumanordnung wird noch über die
architektonisch wie museumstechnisch zweckmäßige
Unterbringung der großen Südsee-Bootssammlung und der
Palau-Häuser diskutiert.
Grundsätze der technischen Gebäudeplanung
Zu den Grundsätzen der technischen Gebäudeplanung für
Bauvorhaben des Bundes, die auch beim Berliner Schloss –
Humboldtforum umgesetzt werden, gehört das Gebot der
Nachhaltigkeit und der Energieeinsparung. So werden in der
technischen Gebäudeausrüstung die derzeit gültigen Werte
der Energieeinsparungsverordnung (EnEV) um 30 Prozent
unterschritten. Außerdem wird eine Geothermieanlage reali­
siert, die den Verbrauch fossiler Energieträger und damit den
CO2 Ausstoß durch die Nutzung der Erdwärme reduziert.
Das Gebot der Nachhaltigkeit wird auch in der soziokul­
turellen und funktionalen Qualität, der technischen Qualität
des Bauwerks und der Prozessqualität verwirklicht. So ist eine
durchgängige Barrierefreiheit gewährleistet. Und schon jetzt
werden die auf Nachhaltigkeit abgestimmten Prozesse für
den Betrieb, die Nutzung und die Bauunterhaltung in die
Planung einbezogen.
26
Das Engagement des Fördervereins Berliner Schloss e.V.
Die Idee der Wiedererrichtung des Berliner Schlosses wäre
nicht ohne das große Engagement des Fördervereins Berliner
Schloss e.V. so weit gediehen. Der Förderverein hat vor allem
mit der Simulation der historischen Schlossfassaden auf
Gerüsten im Maßstab 1:1 das Bild des Schlosses im Stadtraum
der Berliner Mitte wieder erweckt, als der Palast der Republik
dort 1993/94 noch stand, aber wegen der Asbestbelastung
längst geschlossen war.
Mit der Gründung der Stiftung Berliner Schloss –
Humboldt­forum gehen nun alle Planungs- und Bauaufträge
von ihr als Bauherrin aus – schon um das geltende Vergabe­
recht bei dieser öffentlichen Bauaufgabe zu wahren. Die
Stiftung hat daher die vom Förderverein bereits beauftragten
und ausgeführten Planungs- und Ausführungs­leistungen für
die Rekonstruktion der barocken Fassaden übernommen und
in das Baumanagement einbezogen.
Dies betrifft vor allem die Bildhauerarbeiten. In der Regie
des Födervereins wurden bereits zwei Fünftel der Modelle
für Sandsteinfiguren erschaffen. Der Förderverein stellt
damit einen wesentlichen Teil der Vorarbeiten für den baro­
cken Fassadenschmuck der historischen Fassaden bereit.
Die Prüfung dieser Steinbildhauerarbeiten auf handwerklichkünstlerische Qualität durch die „Expertenkommission Rekon­
struktion“ hat zu einem durchweg positiven Ergebnis geführt.
Die bereits gefertigten Modelle für die barocken Fassaden­
schmuckelemente werden alle Verwendung finden können.
Grundriss 2. Obergeschoss:
Ausstellungsflächen Ethnologisches Museum
DAS MODERNE BELVEDERE BETONT
SEINE EIGENSTÄNDIGKEIT GEGENÜBER
DEN HISTORISCHEN FASSADEN UND
ZITIERT IN FASSADENGLIEDERUNG
UND WANDSTÄRKE GLEICHZEITIG
DEREN HISTORISCHE WERTIGKEIT.
29
WEITERE PLANUNGSOPTIONEN
Innenportale
Der Bundestagsbeschluss zur Rekonstruktion der barocken
Fassaden des Berliner Schlosses bezog sich ausdrücklich nur
auf die drei Außenfassaden nach Norden, Westen und Süden
sowie auf die von Schlüter gestalteten Barockfassaden im
östlichen Hof, den sogenannten Schlüterhof. Das Gebäude
wird also deutlich als Neubau erkennbar sein, im Schlüterhof
mit seinem modernen Querriegel zum Schlossforum, an der
Ostseite mit dem Belvedere, aber auch im Schlossforum, dem
öffentlichen Durchgang von der Lustgartenseite zur Breiten
Straße auf der Südseite, dem ehemaligen Schlossplatz.
Dieses „Schlossforum“ soll, so die Vorstellung des Archi­tek­
ten, an den beiden Stirnseiten nach Möglichkeit die histo­
rischen Innenportale mit den dazugehörigen, durch Säulen
und Bögen gestalteten Tordurchgängen erhalten.
Die Wiedererrichtung dieser historischen Innenportale
samt Durchgängen ist ebenso wenig im festgelegten Kosten­
budget enthalten, wie das großartige Innenportal unter der
Kuppel von Portal III. Auch dieses Innenportal wird vom Archi­
tekten zu Recht als wesentliches Gestaltungselement für den
großartigen, über die gesamte Gebäudehöhe reichenden
Foyersaal der Agora gefordert.
Historische Kuppel
Schließlich ist auch die historische Ausgestaltung der Kuppel
nicht im Kostenbudget enthalten. Lediglich der Roh­bau der
Kuppel lässt sich innerhalb des strengen Kosten­rahmens
reali­sieren, nicht aber ihr Bauschmuck, angefangen von der
Laterne auf der Spitze bis zu den Sandsteingirlanden an ihrer
Basis.
Es ist eine große Herausforderung für die Stiftung Berliner
Schloss – Humboldtforum und den Förderverein Berliner
Schloss e. V. sowie die anderen privaten Initiativen, Bürger­
innen und Bürger für das Bauvorhaben in der Mitte und am
prominentesten Standort ihrer Hauptstadt so zu begeistern,
dass auch diese gestalterisch notwendigen Elemente des
historischen Baukörpers mit Spendengeldern realisiert werden
können. Denn nur mit einer historischen Kuppel, mit histori­
schen Innenportalen und Durchgängen wird das Berliner
Schloss – Humboldtforum die Faszination und Bewunderung
bewirken, die diesem Vorhaben angemessen sind.
30
Der Haushaltsausschuss des Bundestages hat mit dem
Beschluss vom 06. Juli 2011 die baulich bedeutsamen
Optionen der Rekonstruktion der Innenportale und des voll­
ständigen historischen Wiederaufbaus der Kuppel ausdrück­
lich befürwortet. Er erwartet allerdings, dass die Mittel für
diese zusätzlichen Ausgaben durch Spenden aufgebracht
werden. Die Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum nimmt
dies als besonderen Ansporn für die Spendenwerbung auf.
Rekonstruktion von historischen Innenräumen
Die Rekonstruktion historischer Innenräume ist zum jetzi­
gen Zeitpunkt weder geplant noch finanziert. Schließlich
soll das Haus einem kulturellen Zweck dienen, der eigene
Anforderungen an die Innenraumausstattung stellt. Eine
spätere Rekonstruktion von Innenräumen soll aber nicht aus­
geschlossen sein. Die Architektur und vor allem die Trag­
werks­planung sind daher so angelegt, dass für solche
Rekonstruk­tions­maßnahmen künftige Generationen nicht in
die konstruktive Substanz des Gebäudes eingreifen müssen.
Lediglich an wenigen Stellen wird eine Rekonstruktion histo­
rischer Innenräume später kaum möglich sein, wie etwa
beim ehemaligen Weißen Saal auf der Nordwestseite des
historischen Baukörpers. Seine Dimension und vor allem
Raum­höhe war nicht in die Museumsplanung des Humboldt­
forums zu integrieren. An vielen anderen Stellen wird dies
aber möglich sein.
Dachrestaurant
Schließlich sind auf der Dachfläche der Nord-West-Ecke des
Gebäudes eine öffentlich zugängliche Terrasse und ein
Restaurant geplant. Diese Lage eröffnet einen hervorragen­
den Blick auf das wiederhergestellte Forum Friedericianum
mit der Schlossbrücke und den umliegenden historischen
Gebäuden sowie auf Unter den Linden und die Museumsinsel.
Allerdings ist das Projekt nicht im öffentlichen Baubudget
enthalten. Es ist vor­gesehen, diese Teilbaumaßnahme mit
privaten Mitteln zu ermöglichen.
2
Grundriss 3. Obergeschoss:
Ausstellungsflächen Museum für Asiatische Kunst
ORGANISATION
Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum: die Bauherrin
Die Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum ist die Bau­
herrin dieses ambitionierten Kulturbauvorhabens. Sie baut als
Eigentümerin des Baugrundstücks und spätere Eigentümerin
des Gebäudes für ihre eigenen Zwecke. Satzungsgemäß über­
lässt sie den Partnern des Humboldtforums, den Staatlichen
Museen Berlin, der Zentral- und Landesbibliothek und der
Humboldt-Universität, einvernehmlich festgelegte Räum­lich­
keiten zur unentgeltlichen Nutzung. Als spätere Bewirt­
schafterin der Flächen achtet die Stiftung im eigenen und im
Interesse der Partner schon bei der Planung, bei der Wahl der
Baumaterialien und der Haustechnik, der Erschließung und
der Planung des Facility Managements auf eine nachhaltige,
beständige und vor allem wirtschaftliche Bauweise.
Die weiteren Aufgaben der Stiftung
Neben ihrer Bauherrenrolle hat die Stiftung Berliner Schloss –
Humboldtforum die satzungsgemäße Aufgabe, die Öffentlich­
keit über das Projekt des Humboldtforums im Berliner Schloss
zu informieren. Die Stiftung hat dazu eine Wanderausstellung
entworfen, die in Deutschland wie in den europäischen Nach­
barländern oder auch in Übersee gezeigt wird. Erste Stationen
waren das Goethe-Institut in Paris und das Warschauer
Königsschloss. Die Stiftung führt weiterhin regelmäßig öffent­
liche Diskussionsveranstaltungen über verschie­dene Themen
rund um das Humboldtforum durch. Sie koordiniert die Partner
des Humboldtforums in der Humboldt-Box und sie veröffent­
licht verschiedene Informationsbroschüren über das Projekt.
Die Stiftung sorgt auf diese Weise für eine fortlaufend
verbesserte positive Wahrnehmung des Projekts in der
Öffentlichkeit. Sie wirbt vor allem um bürgerschaftliches
Engagement für das Vorhaben. Denn nur mit einer breiten
Unterstützung in der Bürgerschaft, die sich gerade auch in
ihrer finanziellen Beteiligung zeigen kann, wird das Projekt
später ein Ort des gesellschaftlichen und politischen Aus­
tausches und der kulturellen Begegnung werden, der sich
inhaltlich aus sich selbst heraus trägt.
Schließlich nimmt die Stiftung auch alle Spenden, die
von dritter, privater Seite eingeworben wurden, für das Bau­
vorhaben entgegen. Die Berechtigung dazu erhält sie durch
ihren gemeinnützigen Status. Nicht zuletzt deshalb ist sie
32
per Satzung verpflichtet, im späteren Berliner Schloss –
Humboldtforum eine Dauerausstellung zur Geschichte des
Ortes einzurichten, zu unterhalten und weiterzuentwickeln
sowie weitere Veranstaltungen zur Förderung von Kunst
und Kultur, des Gedankens der Völkerverständigung, der
Bildung und Toleranz und des Denkmalschutzes und der
Denkmal­pflege dort durchzuführen. Auch die Stiftung selbst
gehört damit später zu den Nutzern des Berliner Schloss –
Humboldtforum.
Der Aufbau der Stiftung
Die Stiftung erfüllt ihre Aufgaben mit einem kleinen Team, das
sich auf die Bereiche Planung und Haustechnik, Öffentlich­
keits­arbeit, Finanzbuchhaltung und Rechnungsprüfung sowie
Justitiariat aufteilt. Geleitet wird die Stiftung vom Sprecher
des Vorstands, Dipl.-Ing. Architekt Manfred Rettig, und vom
kaufmännischen Vorstand Dr. Frank Nägele. Sie berichten dem
Stiftungsrat, in dem der Deutsche Bundestag mit fünf Abge­
ordneten, die Bundesregierung mit den Ressorts Verkehr, Bau
und Stadtentwicklung, Finanzen und dem Beauftragten für
Kultur und Medien vertreten sind, sowie das Land Berlin und
die drei Nutzer. Der Stiftungsrat ist das oberste Ent­scheidungs­
gremium der Stiftung. Ihm zur Seite steht das Kuratorium, in
das der Stiftungsrat Persönlichkeiten beruft, die den
Gedanken der Stiftung in besonderer Weise repräsentieren
und bereit sind, für die Zwecke der Stiftung aktiv einzutreten.
Das Baumanagement
Das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung übernimmt
für das Projekt das Baumanagement und führt das Bau­
vorhaben für die Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum
durch. Das heißt, alle Aufträge für Planungsleistungen, alle
Vergaben für Bauaufträge usw. werden ausschließlich über
das Bundesamt abgewickelt, allerdings im Namen und für
Rechnung der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum
als Bauherrin. Das Bundesamt für Bauwesen und Raum­
ordnung ist eine bundesunmittelbare Oberbehörde, die dem
Bundes­ministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
nach­geordnet ist. Die Stiftung hat mit dem Bundesamt eine
Durch­führungsvereinbarung zu diesem Bauvorhaben abge­
schlossen. Dabei wird das Bundesamt für die Stiftung kosten­
frei tätig.
Das Bundesamt hat für das Bauvorhaben Berliner Schloss –
Humboldtforum bereits den Wettbewerb durchgeführt, aus
dem der Architekt Prof. Franco Stella als Sieger hervorging.
Für das zuständige Referat des Bundesamtes und für das
Atelier des Architekten wie für die Fachplaner des Projekts
wurde in unmittelbarer Nähe des Bauplatzes an der Ger­
traudenstraße / Ecke Fischerinsel ein „Planungshaus“ ein­
gerich­tet. Da auch die Stiftung im Mai 2011 in die Nähe des
Bau­platzes, in das ehemalige Kronprinzenpalais Unter den
Linden 3, gezogen ist, sind Bauherrin, Baumanagement,
Architekten und Fachplaner rund um das Bauvorhaben
direkt vor Ort tätig.
Die Planer
Der Wettbewerbssieger Prof. Franco Stella aus Vicenza hat
für die umfangreichen Planungsleistungen für das Berliner
Schloss – Humboldtforum eine Projektgemeinschaft mit den
Büros Hilmer, Sattler, Albrecht Gesellschaft von Architekten
GmbH und gmp von Gerkan, Marg & Partner gegründet. Die
Aufgaben innerhalb der Projektgemeinschaft sind so auf­
geteilt, dass das Büro Hilmer, Sattler, Albrecht für die Ent­
wurfs- und Ausführungsplanung und gmp für die Bauleitung
zuständig ist. Alleinverantwortlich für die Planung insgesamt
bleibt aber Prof. Franco Stella. Für die Stiftung als Bauherrin
ist Franco Stella allein Ansprechpartner für die Architektur.
EMPFEHLUNGEN
VILLA VIGONI
verabschiedet anlässlich des Expertengesprächs
„Rekonstruktion am Beispiel Berliner Schloss aus kunst­
historischer Sicht“ am 09. April 2010
Ein neues Bauwerk, das ein verlorenes Baudenkmal ersetzen
und zugleich durch eine Nachbildung daran erinnern soll,
knüpft an Traditionen an und wird neue begründen. Auch eine
Rekonstruktion ist ein Werk ihrer Entstehungszeit. Bezogen
auf den Beschluss des Deutschen Bundestags zur Rekon­
struk­tion von Fassaden des Berliner Schlosses am kommen­
den Humboldtforum bedeutet dies:
1. Der Ort in der historischen Mitte der deutschen Hauptstadt
steht nicht nur für Staatsautorität und politische Repräsen­
tanz, sondern auch für frühe Sammlungsgeschichte, Welter­
kundung und Aufklärung. Seine zukünftige Funktion soll auch
an die Idee des Volkshauses anknüpfen und einen offenen Ort
für alle Kulturen der Welt schaffen.
2. Voraussetzung für die vom Bundestag beschlossene
Rekonstruktion der Schlossfassaden sind die in großen Teilen
erhaltenen Fundamente und Keller, die den authentischen
Ort des geplanten Wiederaufbaus bestimmen. Die erhaltenen
und als Bodendenkmale geschützten historischen Schloss­
keller im westlichen Bereich sind einzubeziehen und sichtbar
zu machen.
3. Die erhaltenen Fragmente (Figuren, Säulen, etc.) und
Bodenfunde sowie andere wesentliche Teile des Schlossbaus
sollen im Humboldtforum wieder verwendet werden, sei es
durch Wiedereinbau am „historischen Ort“, sei es in einer
musealen Präsentation oder sachgerechten Lagerung.
4. Die Fassadenrekonstruktionen müssen nach bestem
Wissen und Vermögen in höchst möglicher Qualität, histori­
scher Materialität und Ausführung/Technik durchgeführt
werden. Formale Reduktionen sollten hier vermieden wer­
den. Über Ausführung und möglicherweise notwendige
Abweichun­gen in Material, Maß und Form sollte in Abstim­
mung mit der Denkmalpflege entschieden werden. Zur
Qualitäts­sicherung wird die Einrichtung einer „Schloss­bau­
hütte“ empfohlen.
34
5. Die nicht zu rekonstruierenden Gebäudeteile/Fassaden
sind in Form und Materialität als zeitgenössische Lösung
erkennbar; sie sollen einen Dialog mit den zu rekonstruieren­
den Fassadenabschnitten aufnehmen und ggf. historische
Brüche aus der Geschichte des Berliner Schlosses themati­
sieren.
6. Die Treppenhäuser, Durchgänge und Innenportale sind aus
fachlicher Sicht Teil der Rekonstruktionsaufgabe. Auch in den
Obergeschossen sollten die historische Grundrissdisposition
und Erschließungsfunktion berücksichtigt werden.
7. Die Kuppel soll nach historischem Vorbild rekonstruiert oder
zumindest für eine spätere Ausführung konstruktiv vorberei­
tet werden.
8. Die Möglichkeit einer Rekonstruktion wichtiger Raumfolgen
sollte im Grundriss ¬und Aufriss nicht verbaut werden. An
erhaltene historische Ausstattungsteile darf in diesem
Zusammenhang erinnert werden.
9. Es soll geprüft werden, wo im/am Bauwerk Raum für
zeitgenössische künstlerische Gestaltungen vorgehalten
werden kann.
10. Das Bauwerk soll in seinen Bauabschnitten in optimier­
ter zeitlicher Abfolge und jeweils in sich stimmig realisiert
werden.
Diese zehn Thesen der Villa Vigoni wurden unterzeichnet von
Prof. Gabi Dolff-Bonekämper, Berlin; Dr. Vydas Dolinskas,
Vilnius; Prof. Dr. Hartmut Dorgerloh, Potsdam; Dr. Johannes
Erichsen, München; Prof. Alberto Grimoldi, Mailand; Prof. Dr.
Jörg Haspel, Berlin; Prof. Gottfried Hauff, Potsdam; Dipl.-Ing.
Günther Hoffmann, Berlin; Prof. Dr. Hermann Parzinger, Berlin;
Prof. Dr. Goerd Peschken, Berlin; Prof. Dr. Michael Petzet,
München; Prof. Dr. Marco Pogacnik, Venedig; Dipl.-Ing.
Manfred Rettig, Berlin; Prof. Dr. Barbara Schock-Werner, Köln;
Prof. Franco Stella, Vicenza/Berlin; PD Dr. Peter Stephan,
Freiburg und Prof. Dr. Andrzej Tomaszewski, Warschau.
2
1
Dachaufsicht:
1 Dachterrasse mit Option Dachcafé
IMPRESSUM
Herausgeber
Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum
Unter den Linden 3, 10117 Berlin
Tel.: 030.3180572 – 0 Fax: 030.3180572 – 13
[email protected], www.sbs-humboldtforum.de
Spendenkonto Bau:
Deutsche Bank, BLZ 100 700 00, Kto.-Nr. 669 41 11
Sparkasse Berlin, BLZ 100 500 00, Kto.-Nr. 600 00 40 006
Verantwortlich für den Inhalt:
Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum
Redaktion und Koordination:
Bernhard Wolter
Beratung und Gestaltung:
Stan Hema Agentur für Markenentwicklung GmbH
www.stanhema.com
Druck:
Hermann Schlesener KG
Berlin, Dezember 2011
Bildnachweise:
alle Zeichnungen und Renderings: © Stiftung Berliner Schloss
– Humboldtforum/Franco Stella;
S. 4: bpk/DOM publishers, Fotograf Peter Sondermann,
Fotomontage: Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum/
Franco Stella;
S. 10: © Bundes­archiv, Fotograf Klaus Franke;
S. 11: © Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung,
Fotograf Torsten Seidel;
S. 22: © Fotograf Rolf Schulten
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