magazin - Harmonia Mundi

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Alexandre
Tharaud
III/2007
Aufbruch in eine neue Epoche –
Richard Egarr als neuer Leiter der
Academy of Ancient Music
Mit der Saison 2006/2007 begann
eine neue Epoche in der Geschichte
der Academy of Ancient Music:
Nach 33 Jahren als musikalischer
Leiter des weltweit berühmten AlteMusik-Orchesters legte Christopher
Hogwood sein Amt in die Hände
seines Nachfolger Richard Egarr.
Hogwood selbst wird dem Ensemble
weiterhin als emeritus director verbunden bleiben. Der neue Abschnitt
startet – wie könnte es anders sein! –
mit Händel, dessen Musik sich wie
ein roter Faden durch die Geschichte
des Orchesters zieht.
Während einer Übergangszeit hatte
Hogwood die Leitung der Academy
of Ancient Music weitgehend seinen
associate directors Andrew Manze und
Paul Goodwin überlassen, die oberste
Leitung des von ihm 1973 gegründeten Orchesters allerdings nicht niedergelegt. Selbst seit Beginn seines
Wirkens einer der wichtigsten Vorreiter der Alten-Musik-Bewegung, hat
sich Hogwood keinesfalls zur Ruhe
gesetzt; nach wie vor ist der
Künstler als Dirigent
tätig und hat sein
Repertoire mittlerweile weit ins 20.
Jahrhundert vorangetrieben. Überdies
wirkt der Honorarprofessor der Universität Cambridge als
Musikwissenschaftler
und Buchautor.
G. F. HÄNDEL
(1685-1759)
Concerti grossi op. 3,
Sonata à 5
Academy of Ancient Music,
Leitung: Richard Egarr
HMU 807415 (U01)
Der 1963 im englischen Lincoln
geborene Richard Egarr war ein musikalischer Frühentwickler. Er begann
seine Ausbildung als Chorknabe an
der Münsterkirche von York und
wurde mit dreizehn Jahren zum Studium von Klavier und Orgel in Manchester zugelassen. Als Sechzehnjähriger erhielt er sein Orgeldiplom mit
Auszeichnung. Seine weitere Laufbahn
hielt mit dem Tempo der ersten Jahre
Schritt, vom Orgelstipendium am
Clare College von Cambridge führte ihn sein Weg an die Guildhall
School of Music in London und weiter an das Amsterdamer SweelinckKonservatorium zum Studium bei
Gustav Leonhardt. Der Einstieg in
eine international erfolgreiche Konzertkarriere war eine selbstverständliche Folge seines Ausbildungsweges.
Richard Egarr trat als Solist in aller
Welt auf, doch gehört seine besondere Zuneigung dem Spiel im Kam-
merensemble. Einen besonderen Platz
in den Aktivitäten des Künstlers
nimmt seine Partnerschaft mit dem
Geiger Andrew Manze ein, die seit
1984 besteht und in vielfach gerühmten CD-Einspielungen auf harmonia
mundi präsent ist. Besonders erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang die Einspielung von Bachs
Sonaten für Violine und Cembalo
(HMU 907250.51) und die Aufnahme der Cembalokonzerte des
Thomaskantors mit der Academy of
Ancient Music unter der Leitung von
Andrew Manze (HMU 907283.84).
Seine Laufbahn als Solist will Richard
Egarr mit der Übernahme seines
neuen Amtes keinesfalls beendet wissen: Für die nähere Zukunft stehen
Bachs Wohltemperiertes Klavier I
und, gemeinsam mit der Academy
of Ancient Music, Händels Orgelkonzerte op. 4 und op. 7 an.
bereits erschienen:
G. F. HÄNDEL
Concerti grossi op. 6
Academy of Ancient Music,
Leitung: Andrew Manze
HMU 907228.9 (T02)
Richard Egarr
Foto: Richard Haughton
2
harmonia mundi magazin
ügen, das
„Ein Hörvergn en läßt.“
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STEREOP
Fest höchster
„Ein sinnliches üsse“
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musikalischer G -ZEITUNG
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RHEIN-NEC
Von der Lust am Spiel
Seit Alexandre Tharaud 2001 eine
CD mit der Musik Rameaus eingespielt hatte, ließ ihm der Gedanke
an ein Couperin-Projekt keine
Ruhe. Und so kommt er nun
nach sechs Jahren Wartezeit mit
Couperin auf das französische
Barockrepertoire zurück und stellt
sich bewußt in eine Linie mit großen Pianisten der Vergangenheit,
die barocke Musik auf dem modernen Flügel interpretierten.
„Seitdem das moderne Klavier existiert, hat man eigentlich nie aufgehört, Bach darauf zu spielen. Sicher
gilt das weniger für Rameau und
Couperin. Aber auch diese Komponisten wurden in den letzten 150
Jahren durchgehend auf dem Flügel
interpretiert. … Gerade das Wissen,
François COUPERIN
(1668-1733)
tic, toc, choc (Klavierwerke)
Alexandre Tharaud, Klavier
HMC 901956 (T01)
daß diese Musik nicht für das Klavier
geschrieben wurde, macht es interessant, sie auf dem Klavier zu spielen.
Es geht nicht darum, das Cembalo
zu ersetzen. Das wird man sowieso
nie können. Es geht darum, etwas
Schönes auf einem heutigen Klavier
zu schaffen, indem man sich dem originalen Stil nähert.“
Innerhalb der barocken Musik,
die er aufgenommen hat, nimmt
Couperin für Alexandre Tharaud
eine Sonderstellung ein.
„Couperins Musik ist viel intimer als
die Rameaus. Sie hat mehr Verziehrungen und ist auch schwieriger auf
dem Klavier zu spielen. Außerdem
sehe ich eine enge Verbindung zwischen ihm und Chopin, dessen
Walzer ich vor einem Jahr eingespielt habe. Die beiden sind
für mich fast wie Zwillinge, die
in sehr verschiedenen Epochen
gelebt haben. … Beide Komponisten haben in ihrer Musik
dieses subtile Schwindelgefühl, diesen Sog. Sie schrieben nostalgische Musik, die
Alexandre Tharaud
Foto: Christophe Urbain
mit Alexandre Tharaud bereits erschienen:
Jean-Philippe RAMEAU
Nouvelles Suites
HMC 901754 (T01)
tion“
„Eine Sensa UM
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beglückend“
„Schlichtweg ER ZEITUNG
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STUTTGAR
unser Innerstes berührt, zu unserem
Bauchgefühl spricht.“
Tharaud unterscheidet genau zwischen CD-Einspielungen und Konzerten. Das sind für ihn unterschiedliche Bereiche.
„Ich habe mein Plattenleben und
mein Konzertleben. Ich teile mein
Leben auf, ich habe natürlich noch
andere Leben (er grinst vielsagend).
Ich sehe beide Bereiche aber tatsächlich als zwei unterschiedliche Felder,
die nach zwei unterschiedlichen Arten
zu spielen verlangen. Man wendet
sich nicht auf die gleiche Art und
Weise an Mikrophone, die zwei Meter
von einem entfernt sind, wie an ein
Publikum von 2000 Mann. Beides
hat auch nicht die gleiche Form von
Energie…“
Ursprünglich, als er noch das
Konservatorium besuchte, wollte
Tharaud Komponist werden. Aber
mit der Zeit drängte sich die Rolle
des Interpreten in den Vordergrund
und nahm ihn ganz in Anspruch.
Heute komponiert er nur noch selten. Auf die Frage, ob sich dies
auch wieder ändern könnte, schlägt
Tharaud die Beine übereinander
und lächelt verschmitzt.
„Spielen ist nicht alles...“
Das Gespräch führte Miquel Cabruja.
Das vollständige Interview finden Sie
auf www.klassik.com.
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Lamentazioni per la Settimana Santa
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VON
Werke von Carissimi, Frescobaldi,
Marcorelli, Palestrina u. a.
María Cristina Kiehr, Sopran –
Concerto Soave,
Leitung: Jean-Marc Aymes
HMC 901952 (T01)
Concerto Soave
Klage im Dunkel der Nacht – die „Tenebrae“
Als Jesus am Kreuz starb, senkte
sich Finsternis über die Welt – so
berichten die Evangelien. An den
letzten drei Tagen der Karwoche
stellte das Officium tenebrarum
diese Finsternis in einem der eindringlichsten Riten der katholischen Kirche dar: Bei gelöschten
Kerzen erklangen die uralten Klagelieder des Propheten Jeremias.
Die Klagelieder des Propheten Jeremias aus dem Alten Testament gehören zu den eindrucksvollsten Texten
der Bibel. In dramatischem Stil und
packenden Bildern betrauert der Prophet die Besetzung und den Untergang
der Stadt Jerusalem, die Zerstörung
des Tempels und die Vertreibung
der Juden durch den babylonischen
König Nebukadnezar II. In der
römisch-katholischen Kirche erklangen diese Klagelieder in Gregorianischem Gesang vor Anbruch des
Tages im morgendlichen Frühgebet
der Mönche am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag. Am Anfang
des 16. Jahrhunderts wurden diese
nächtlichen Gottesdienste auf den späten Nachmittag des Vortages gelegt,
und bei der Rezitation der Klagelieder
zum Ende der Karwoche am Mittwoch, Gründonnerstag und Karfreitag
nach Sonnenuntergang entfaltete sich
ein strenges Ritual. In festgelegten
Abständen wurden nach und nach die
Kerzen gelöscht, bis im Kirchenraum
völlige Dunkelheit herrschte.
Es ist nicht verwunderlich, daß die
eindringlichen und affektgeladenen
Texte Generationen von Komponisten
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inspiriert haben. Schon im 16. Jahrhundert entstanden viele Vertonungen
im polyphonen Chorstil, unter denen
die Kompositionen von Victoria,
Palestrina, Tallis und Lasso hervorstechen. Das 17. Jahrhundert mit seiner
neuen Lehre von der musikalischen
Darstellung der Affekte fand natürlich besonders bei der Komposition
der Lamentationes Jeremiae Prophetae
ein ideales Betätigungsfeld, diese Texte
in dramatischer Gestaltung in bisher nicht gekannter Eindringlichkeit
zu vertonen. Auffallend sind die
Ähnlichkeiten zu den musikdramatischen Gestaltungsmitteln der neuen
Gattung Oper; sie mögen heute als
eine unerlaubte Profanierung erscheinen, doch besonders die römischen
Komponisten, wo ein päpstliches Verbot jegliche Opernaufführung untersagte, beteiligten sich nun natürlich
auf dem Feld der Kirchenmusik mit
Kompositionen, die dem ästhetischen
Standard der Zeit entsprachen und
fanden hierbei von vielen kunstinteressierten Kirchenfürsten begeisterte
Unterstützung.
Einer Vielzahl hochexpressiver Kompositionen der Lamentationen für alle
drei Tage werden von María Cristina
Kiehr und dem Concerto Soave zu
einem Fest der Reue gestaltet, dessen
Inständigkeit noch gesteigert wird,
wenn zum Ende einer jeden Lesung
eine eindringliche Ermahnung an
das Gottesvolk zur Umkehr ergeht:
„Jerusalem, Jerusalem, bekehre dich zu
dem Herrn, Deinem Gott!“
María Cristina Kiehr
mit María Cristina Kiehr und dem Concerto Soave bereits erschienen:
PIANTO DELLA MADONNA
Motetten von Monteverdi
HMC 901680 (T01)
sragende
„Eine herau
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Produktion
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„Exzellent in R RUNDFUNK
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VON
Frank MARTIN (1890-1974)
Le vin herbé (Der Zaubertrank)
Sandrine Piau (Isolde) – Steve
Davislim (Tristan) – Jutta Böhnert
(Brangäne) – RIAS Kammerchor – Scharoun-Ensemble –
Leitung: Daniel Reuss
HMC 901935.6 (P02)
Ein schweizerischer Tristan
Ausgerechnet der empfindsame,
aber nicht sonderlich emphatische
Frank Martin, dieser asketische und
noble Feingeist hat sich einem Stoff
zugewandt, der zum Inbegriff spätromantischer Gefühlskunst geworden war, seit Richard Wagner den
Stoff als universelles, gleichwohl
hocherotisches Musikdrama gestaltet hatte. Der scheue Einsiedler aus
Genf, kluger Grenzgänger zwischen
französischer und deutscher Kultur,
erinnert sich an die Entstehung seines Kammeroratoriums.
Frank Martin
Im Frühjahr 1938 hatte ich gerade
keine größere Komposition vor, aber
ich beschäftigte mich gerade mit der
Sage von Tristan und Isolde. In diesem
Augenblick trat Robert Blum mit der
Bitte an mich heran, für seinen Madrigalchor ein etwa halbstündiges Stück
zu schreiben für zwölf Solostimmen
und einige Instrumente. Erfüllt vom
Gedanken an Tristan und Isolde nahm
ich den Roman von Joseph Bédier wieder vor und sah sofort, daß ich nirgends
einen Text fände, der meinen Absichten
mehr entspräche. Das Kapitel vom Zaubertrank bildete ein Ganzes, genau von
der mir zugebilligten Länge einer halben
Stunde.
Geraume Zeit später, erst nach der
Uraufführung der Zaubertrank-Episode im Jahr 1940, entschloß sich
Martin zur Erweiterung des Werkes
hin zur abendfüllenden Gestalt auf
der Grundlage der beiden Kapitel
Der Wald von Morois und Der Tod,
die – gekürzt und zugleich erweitert
durch andere Passagen des Romans –
einen plausiblen, in sich schlüssigen
Handlungsrahmen schaffen sollten,
flankiert durch Prolog und Epilog.
mit dem RIAS Kammerchor unter Daniel Reuss bereits erschienen:
Frank MARTIN
Messe für Doppelchor a cappella, Songs of Ariel
Olivier MESSIAEN
Cinq Rechants, O sacrum convivium
HMC 901834 (T01)
Daniel Reuss
Foto: Alvaro Yañez
Ich hielt für diese Erzählung von Liebe und Tod
eine längere Dauer für angemessen, und es schien mir unumgänglich, daß nicht nur die Liebe
darin vergegenwärtigt werde, sondern
daß auch der Tod darin seinen Frieden
bringe, nach all den Beglückungen
und Ängsten der Leidenschaft.
Apropos Leidenschaft. Ob bewußt
oder unbewußt sucht Martin nach
einer denkbar entschiedenen Abgrenzung von Wagner, dessen ideologische
Vereinnahmung durch die Machthaber des Dritten Reiches ohnedies
jede Anknüpfung unmöglich machte,
nach einem Gegenentwurf zu den
überlebensgroßen Emotionen und
musikalischen Suchtmitteln des Grünen Hügels. Hier bot der Rückgriff
auf Bédiers Neudichtung einen völlig
neuen, literarhistorisch stichhaltigen
Ansatz, der zugleich die Möglichkeit
größerer erzählerischer Distanz beinhaltete. Denn anders als Wagner, dessen selbstgedichtete, mitunter freie
Adaption der keltischen Sage sich in
der Hauptsache auf die um 1210
verfaßte Versdichtung Gottfrieds von
Straßburg stützte, legte der französische Joseph Bédier seinem im Jahr
1900 veröffentlichten Roman noch
ältere Quellen zugrunde und erreicht
damit eine größere Nähe zum ursprünglichen Legendenstoff.
eunde der
„Ein Muß für Fr
Chormusik“
RUNDFUNK
BAYERISCHER
harmonia mundi magazin
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1997 gründeten vier Studenten der
Musikhochschule „Reina Sofía“ in
Madrid das Cuarteto Casals. Mit
der Wahl des legendären spanischen
Musikers zum Namenspatron zeigten die jungen Streicher Mut und
Ehrgeiz, und sie wurden nicht enttäuscht: In einer rasanten Karriere
hat sich das Ensemble seither zu
einer der profiliertesten europäischen Kammermusikformationen
entwickelt.
Cuarteto Casals
Fotos: Luis Montesdeoca
In schneller Folge stellten sich internationale Auszeichnungen ein – als
erstes spanisches Quartett gewann das
Cuarteto Casals im Sommer 2000 den
1. Preis des Londoner Internationalen
Streichquartettwettbewerbs ebenso
wie 2002 den 1. Preis beim Internationalen Johannes-Brahms-Wettbewerb in Hamburg. 2006 erhielt das
Cuarteto Casals den Premio Nacional de Música, die wichtigste Auszeichnung Spaniens für Interpreten
und Komponisten klassischer Musik.
Konzerte in der Londoner Wigmore
Hall, im Concertgebouw Amsterdam,
dem Lincoln Center New York, dem
Beethovenhaus Bonn und in der Berliner Philharmonie sowie Tourneen in
Deutschland, Spanien, Italien, Großbritannien, Süd- und Nordamerika
bescherten dem jungen Ensemble den
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harmonia mundi magazin
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Vier genuine Kammermusiker –
Das Cuarteto Casals
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Maurice RAVEL (1875-1937)
VON
Streichquartett
Eduard TOLDRÀ (1895-1962)
Vistes al mar
Joaquín TURINA (1882-1949)
Oración del torero
Cuarteto Casals
HMI 987072 (T01)
Jubel eines weltweiten Publikums und
begründeten seinen internationalen
Ruhm. Mit Deutschland verknüpfen
das Cuarteto Casals enge Bande, vervollkommneten sie doch nach dem
Hochschulstudium ihre Ausbildung
in Meisterkursen beim Alban Berg
Quartett in Köln.
Die Konzertauftritte hierzulande stießen bei der Presse auf ein begeistertes
Echo: „Nicht erst seit 1997 schien
das Quartett gemeinsam zu musizieren, eher seit einer halben Ewigkeit“,
befand die Frankfurter Allgemeine
Zeitung schon am 7. Dezember 2000.
Auch im Jahr 2006 ist die Popularität
der Künstler in Deutschland ungebrochen; in Stuttgart wurde den „vier
sensibel agierenden Künstlern…, die
sich mit Hingabe ihrem gemeinsamen
Musizieren widmen,“ „Leichtigkeit
und zugleich ein Höchstmaß an
klanglicher Präsenz“ im Spiel bescheinigt, und die Nürnberger Nachrichten
hoben „die kontrastreiche, von Grund
auf ausgereifte Gestaltung ebenso
wie die hoch entwickelte, sensitive
Feinabstimmung“ hervor.
Auftritte auf bedeutenden Festivals,
darunter Salzburg, Schleswig-Hol-
Der Nachwuchs bringt
sich in Stellung
Das Streichquartett ist die Königsdisziplin der Kammermusik. Muß
man daher an vier würdige Herrschaften denken, die auf dem Podium die Meisterwerke der Gattung zelebrieren? Keineswegs! Mit
dem Cuarteto Casals und dem
Jerusalem Quartet gehören zur
Künstlerfamilie von harmonia
mundi gleich zwei junge Streichquartettformationen, die sich gerade ihren Weg an die Spitze der
internationalen Kammermusikszene bahnen.
stein, Rheingau, City of London,
Luberon und Kuhmo, verstärken die
europäische Präsenz des Quartetts, das
mittlerweile auch eine akademische
Karriere begründet hat. Als „quartet in
residence“ ist es den Musikhochschulen von Barcelona, Saragossa und San
Sebastian verbunden, an denen die
jungen Musiker jetzt selbst begonnen
haben, angehende Kollegen auszubilden.
mit dem Cuarteto Casals bereits erschienen:
Claude DEBUSSY
Streichquartett g-moll op. 10
Alexander ZEMLINSKY
Streichquartett Nr. 2 op. 15
HMI 987057 (T01)
musikalisch
„Technisch wie
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absolut souverän
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an Valeu
„Welch Reichtum
STEREO
Boygroup der klassischen Musik –
Das Jerusalem Quartet
Zwischen 1979 und 1981 sind die
vier Streicher geboren, die einander als
ganz junge Musiker im Orchester der
Rubin Academy Highschool begegnet sind. Diese Hochschule ist eine
Art Talentschmiede für die eigentliche
Akademie, und in ihrem Orchester
saßen die vier als hochbegabte Stimmführer ihrer Instrumente. Der Direktor der Hochschule regte an, es doch
einmal als Streichquartett zu versu-
Streichquartette Nr. 6
G-Dur op. 101,
Nr. 8 c-moll op. 110
& Nr. 11 f-moll op. 122
Jerusalem Quartet
HMC 901953 (T01)
chen, und der Funke sprang über. Da
Israel seinen talentierten Nachwuchs
ebenso liebevoll wie engagiert fördert,
kam es bald zu ersten Konzertauftritten im Jerusalem Music Center, die
auch im Rundfunk übertragen wurden. Das Jerusalem Music Center
wurde zur Heimstatt des Quartetts; nicht nur bot es vielfältige
Auftrittsmöglichkeiten, es wurde
auch jedes Jahr zu einer internationalen Ausbildungsstätte, an
der die großen Musiker der Welt
sich einfanden, um Meisterkurse
zu geben. So konnte das Jerusalem
Quartett schon früh vom gereiften
künstlerischen Horizont so bedeutender Künstler wie Isaac Stern oder
Frank Peter Zimmermann, dem La
Salle und dem Emerson Quartett profitieren. In besonderer Erinnerung
ist eine Zusammenarbeit mit György
Kurtág geblieben: „Er kam für eine
ganze Woche, um mit uns zu arbeiten.
… Das war eine großartige Erfahrung“
schildert Sergei Bresler, der zweite
Geiger des Quartetts.
1997 wurde der erste Wettbewerb
gewonnen, und nun wurde es wirklich
ernst. Man beschloß, als Formation
mit dem Jerusalem Quartet bereits erschienen:
Dimitri SCHOSTAKOWITSCH
Streichquartette Nr. 1 C-Dur op. 49,
Nr. 4 D-Dur op. 83 & Nr. 9 Es-Dur op. 117
HMC 901865 (T01)
ur genügt
nd Klangkult
„Ihre Spiel- u Ansprüchen.“
auch höchsten M
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d emotions„Eine berauschen inspielung“
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geladene, frische
ENSEMBLE
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Dimitri SCHOSTAKOWITSCH
(1906-1975)
Junge Streichquartette haben Konjunktur und sind demzufolge reichlich vertreten. Doch das Jerusalem
Quartet sticht aus der Menge der
Ensembles hervor: Obwohl die vier
Musiker alle noch in ihren Zwanzigern sind, können sie sich als
Quartett bereits „alte Hasen“ nennen – musizieren sie doch schon
seit 1993 zusammen.
VON
LEN
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Jerusalem Quartet
Fotos: Alvaro Yañez
zusammenzubleiben und so das
Quartettspiel wirklich zum Beruf zu
machen. Von nun an beschleunigte sich der künstlerische Werdegang
des Quartetts noch: Ein Auftritt in
der Londoner Wigmore Hall war der
weltweite Karrierestart, besonders
wichtig wurde die intensive Zusammenarbeit mit Mitsuko Uchida, die
Konzerte mit den Klavierquintetten
von Schumann, Brahms und Dvorák
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wurden zu Meilensteinen in der Laufbahn der vier Musiker.
Mittlerweile ist das Jerusalem Quartet
in seiner israelischen Heimat mit einer
eigenen Kammermusikserie in verschiedenen Städten zu einem wichtigen Bestandteil des Musiklebens des
Landes geworden, und seine internationale Präsenz ist in beständigem
Wachstum begriffen, nicht zuletzt
durch die vielfach hochgelobten Einspielungen bei harmonia mundi.
harmonia mundi magazin
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Claude DEBUSSY (1862-1918)
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Images inédites, Pour le piano,
Estampes, Six épigraphes antiques u. a.
Alain Planès, Klavier
HMC 901947.8 (K02)
VON
Claude Debussy
Das Klavierwerk Claude Debussys –
Morgenrot und Abenddämmerung
Claude Debussy war ein Komponist
zwischen den Epochen, ja, man
könnte auch sagen, er habe zwischen allen Stühlen gesessen. Heftig
kritisiert von den einen, und von
anderen als einer der bedeutendsten
Komponisten seiner Zeit anerkannt,
fühlte er selbst seine Einsamkeit, zu
der ein eigenbrötlerischer Charakter
nicht wenig beitrug.
„Ein Künstler ist per definitionem
ein Mensch, der gewohnheitsmäßig
träumt und der inmitten von Hirngespinsten lebt“, bekannte Debussy
1910 seinem Verleger Jacques Durand
und fuhr fort: „Letztlich lebe ich in
der Erinnerung und im Bedauern.“
Die desillusionierte Introvertiertheit
und die Melancholie der letzten
Werke wie etwa der Élégie von 1915
spiegelt nicht nur das Leid der
Kriegsjahre wider. Sie gestattet vor
allem einen Blick in das Herz eines
Menschen, der hin- und hergerissen
war zwischen den Zwängen der Realität und seinen inneren Impulsen.
„Ich kann es nicht gutheißen, daß
Sie die Rêverie veröffentlichen wollen.
… Es war eine völlig unbedeutende
Sache, eilig hingeworfen …, mit
einem Wort: das Stück ist schlecht!
Was die Abtretung der Rechte für Pour
le piano angeht, so bin ich nur unter
der Bedingung einverstanden, daß Sie
nicht mehr wegen der Mazurka insistieren.“ Diese Briefstelle Debussys
enthüllt deutlich die Skrupel, die er
seinem eigenen Schaffen gegenüber
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harmonia mundi magazin
empfand. Kompromißlos in seinem
Qualitätsanspruch war der Komponist
selbst sein strengster Kritiker und
bekannte, er leide unter einer „Krankheit des In-Verzug-Geratens … und
diesem merkwürdigen Hang, nie ein
Ende zu finden, der so gar nicht
mit dem entgegengesetzten Bedürfnis
des Verlegers in Einklang zu bringen ist.“ Dabei war er auch durchaus
selbstbewußt, beharrte jedoch darauf,
die eigenen verschlungenen Wege zu
seinen Kompositionen zu gehen: „Im
Augenblick bin ich noch dabei, Ausdruckscharaktere und Farbwerte festzulegen, ich möchte nicht den Fehler
machen, das Auswahlverfahren zu
schnell abzubrechen. Ich kann es mir
weniger denn je leisten, auf der Stelle
zu treten, und ich möchte nur vorankommen …“, schrieb er anläßlich
einer Komposition, mit der er im
Verzug war.
Das Suchen nach Skalen für Klangfarben enthüllt, wie sehr sich Debussy durch Bilder angeregt fühlen
konnte, was auch seine Äußerung
„Ich liebe Bilder beinahe genauso wie
die Musik“ bezeugt. Seine besondere
Zuneigung gehörte den Präraffaeliten,
William Turner sowie den Japanern
Hokusai und Hiroshige. Dennoch
steht seine Musik weniger im Zusammenhang mit Gegenständlich-Illustrativem als mit der künstlerischen
Realität hinter den Bildern, seine
schöpferische Vorstellung unternimmt
gewissermaßen Phantasiereisen, auf
die er den Hörer durch die suggestive Wirkung seiner oft malerischen Überschriften mitnehmen
will.
Alain Planès
Foto: Elizabeth Carecchio
mit Alain Planès ebenfalls erschienen:
Claude DEBUSSY
Suite bergamasque, Deux arabesques,
Children’s Corner, Images (Livres I & II)
HMC 901893 (T01)
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„Ohne Wörter etwas erzählen…“ –
Fazıl Say über Joseph Haydn
Joseph HAYDN
(1732-1809)
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Die Klaviersonate spielt im Werk
Haydns eine zentrale Rolle, vom
Frühwerk bis in seine späten Jahre
hat er sich diesem Genre gewidmet
und diese Gattung gewissermaßen von
ihren Anfängen über Mozarts Wirken
hinaus in die Hände seines Schülers
Beethoven gelegt, der die Epoche der
klassischen Klaviersonate vollendete.
Fazıl Say schreibt im Beiheft ein persönliches Bekenntnis über die Bedeutung von Haydns Klaviermusik für ihn
als Pianist, Künstler und Mensch:
„Meiner Ansicht nach berührt uns
Haydns Musik mit sehr viel Liebe,
vor allem Liebe zum Menschen, denn
er läßt sehr viel von Menschen und
ihrer Geschichte erzählerisch in sein
Komponieren eingehen. Zum Beispiel
von Kindern: Zuweilen habe ich ein
Gefühl, als ob zwei kleine Mädchen
im Garten spielten. Und Haydn hat
ihre Gespräche, ihre Stimmen, die
Schreie, die Reaktionen darauf komponiert. Ja, ich glaube, das hat ihn
inspiriert. […]
Haydns Musik hat vor allem Leben.
Sein Leben, oder heutzutage unseres,
LEN
OH
VON
Fünf Klaviersonaten
(Hob. XVI:10, 31, 35, 37 & 43)
Fazıl Say, Klavier
AV 5070 (T01)
das des Interpreten, des Zuhörers, was
auch immer – in seiner Musik treffen
wir sehr viel Wahres.
Hinter jeder Sonate oder auch jedem
Satz dieser Aufnahme fühle ich eine
kleine Geschichte. Und wir als Interpreten sollen in unserer Fantasie
manchmal diese entdecken, den versteckten Humor, die versteckten Sarkasmen…
Zuweilen ist es so, daß er mit den
verrücktesten Elementen des Komponierens sich über die „Langeweile“ um
ihn herum ärgert, über Leute, über
Begebenheiten… Musik wird hier zu
einer geheimen innigen Geschichte,
die ohne Wörter auskommt, aber
immer etwas erzählt…
mit Fazıl Say bereits erschienen:
Ludwig van
BEETHOVEN
Klaviersonaten
Nr. 17, 21 & 23
AV 5016 (T01)
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gt so kühn und
„Beethoven klin nge nicht mehr“
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frisch wie schon GEL
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DER TAGESS
Hörerfahrung“
„Eine packende UNG
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BADISCHE ZE
Eine Brücke zwischen Fernost und dem
Mittelmeer
Edvard GRIEG (1843-1907)
Klavierkonzert a-moll op. 16,
12 Lyrische Stücke
Shani Diluka, Klavier –
Orchestre National Bordeaux Aquitaine,
Leitung: Eivind Gullberg Jensen
MIR 026 (T01)
EMP
F
In Monaco ist Shani Diluka geboren, ihre Eltern jedoch kommen aus
Sri Lanka, das den meisten von uns
noch unter dem kolonialen Namen
Ceylon gegenwärtig ist. Sie wuchs im
Einflußbereich zweier großer Kulturen
auf und gedieh offensichtlich bestens
in diesem gegensätzlichen Klima.
Gracia Patricia, Fürstin von Monaco,
wurde auf das begabte Landeskind
aufmerksam und förderte Shani Dilukas Ausbildung, die sie bis ans Pariser
Konservatorium führte. Dort mit
einem ersten Preis diplomiert, gewann
sie zahlreiche weitere Wettbewerbe,
die ihr den Weg zu einer internationalen Karriere bahnten.
Die junge Künstlerin debütiert hier
mit einem anspruchsvollen Grieg-
LEN
OH
VON
Programm: Mit dem nach dem Vorbild des verehrten Robert Schumann
gebauten Klavierkonzert und einer
Auswahl aus den Lyrischen Stücken
präsentiert Shani Diluka sowohl die
virtuose wie die intim-kammermusikalische Seite des norwegischen
Nationalkomponisten.
Shani Diluka
Foto: Julien Mignot
harmonia mundi magazin
9
mit
Bonus-DV
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Antonio SALIERI (1750-1825)
La Grotta di Trofonio (Oper in zwei Akten)
Raffaella Milanesi (Ofelia) – Marie Arnet (Dori) –
Nikolai Schukoff (Artemidoro) – Mario Cassi (Plistene) –
Olivier Lallouette (Aristone) – Carlo Lepore (Trofonio) –
Chor der Oper Lausanne – Les Talens Lyriques,
Leitung: Christophe Rousset
AMB 9986 (T02)
Christophe Rousset
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Foto: Eric Larrayadieu
Salieris Zorn
Salieri habe sich geschworen, sich eher
die Hand abhacken zu lassen, als einen
weiteren von da Pontes Versen zu vertonen, behauptet der Librettist in seinen Memoiren. Nach dem Durchfall
der von da Ponte getexteten Oper Il
ricco d’un giorno 1784 mag Antonio
Salieri sich zu diesem Zornesausbruch
berechtigt gefühlt haben und wandte
sich so für einen neuen Opernplan
an einen anderen Textdichter, Giambattista Casti, der ihm das Libretto zur
vorliegenden Oper schrieb.
An dem neuen Texter mag es nicht
gelegen haben, daß dieser Oper 1785
ein unmittelbarer und dauerhafter
Erfolg beschieden war, der sich von
Wien aus über ganz Europa verbreitete. Und das nicht nur in den Musikmetropolen Paris und London, auch
in Städten wie Riga, Kopenhagen,
Warschau, Parma und Lissabon stand
das Stück auf dem Spielplan. Überwältigt von dem Triumphzug seiner
Oper brachte Salieri die Partitur 1786
im Druck bei dem Wiener Verleger
Artaria heraus.
LEN
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VON
Christophe Rousset zufolge ist La
Grotta di Trofonio Salieris bedeutendste Oper. Vor den drei großen Opern
von Mozart und da Ponte geschrieben, bereitet sie besonders Don Giovanni den Weg, und noch 1817
beauftragte Gaspare Spontini Salieri,
für Paris die Rezitative einer neuen
französischen Fassung zu vertonen.
Da war das Werk über 30 Jahre alt
und konnte für damalige Verhältnisse
als Ausnahmeerscheinung innerhalb
des den Strömungen der Tagesmode
unterworfenen Opernbetriebs gelten.
Joseph HAYDN (1732-1809)
Die Schöpfung (Oratorium in drei Teilen)
Miah Persson, Sopran –
Topi Lehtipuu, Tenor –
David Wilson-Johnson, Bariton –
Salzburger Bachchor –
Mozarteum Orchester Salzburg,
Leitung: Ivor Bolton
OC 609 (Q02)
Haydn auf Händels Spuren
Joseph Haydns Oratorien Die Schöpfung und Die Jahreszeiten verdanken
ihre Entstehung zu einem Gutteil
Haydns Begegnung mit der großen
englischen Oratorientradition. Zutiefst beeindruckt hatten ihn bei
seinem ersten Englandaufenthalt
insbesondere die vier Konzerte der
„Commemoration of Handel“ mit
ihren über tausend Mitwirkenden,
die im Mai und Juni 1791 in der
Westminster-Abtei stattfanden. Von
seiner zweiten Englandreise (1794/95)
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harmonia mundi magazin
brachte Haydn offensichtlich ein englischsprachiges Libretto für ein Oratorium über das Thema der Schöpfung
mit; ob – wie behauptet wird – dieses Libretto ursprünglich für Händel
bestimmt war, ist allerdings unbewiesen.
Baron van Swieten, dem Sohn des
Leibarztes von Kaiserin Maria Theresia und Gönner Mozarts, kommt
das Verdienst zu, dieses Libretto auf
Haydns Ersuchen übersetzt und in
eine komponierbare Form gebracht zu
haben. Die erste öffentliche Aufführung des Oratoriums am 19. März
1799 im alten Wiener Burgtheater
wurde zu einem Triumph: Haydn dirigierte, Salieri saß am Klavier; das
Theater war schon um die Mittagszeit
voll besetzt und 18 Berittene sowie
zwölf Mann Polizei waren nötig, um
die Auffahrt der Wagen zu ordnen!
J. S. BACH (1685-1750)
Kantaten Vol. 22: Christ lag in Todesbanden BWV 4,
Der Himmel lacht BWV 31, Erfreut euch, ihr Herzen BWV 66,
Bleib bei uns BWV 6, Ein Herz, das seinen Jesum BWV 134,
Ich lebe, mein Herze BWV 145
Angharad Gruffydd Jones & Gillian Keith, Sopran – Daniel Taylor, Alt –
James Gilchrist, Tenor – Stephen Varcoe, Baß – The Monteverdi Choir
& The English Baroque Soloists, Leitung: John Eliot Gardiner
SDG 128 (Q02)
Ostern in Eisenach
Am Osterfest des Jahres 2000 war
Gardiners Bach-Pilgerreise in Bachs
Geburtsstadt Eisenach angekommen.
Getreu dem Motto der Unternehmung, die Kantaten jeweils im zeitlichen Umfeld ihrer Sonntage zu präsentieren, erklangen am 23., 24. und
25. April Kantaten für den Ostersonntag, -montag und -dienstag (der
damals auch noch gefeiert wurde).
„Superintendent Robscheidt, Pfarrer
an der Georgenkirche, begrüßte uns
herzlich. … Es sei gut, daß wir beschlossen hatten, auf unserer Pilgerreise hier Station zu machen, denn
Eisenach sei der Ort der Begegnung
von Bach und Luther: Bach habe
seine ersten zehn Lebensjahre hier
verbracht und als Chorknabe in dieser Kirche gesungen; auch Luther
habe hier gesungen und oben auf der
Wartburg, wo er gefangen saß, seine
deutsche Übersetzung des Neuen
Testaments verfaßt.
Der Pfarrer zeigte auf das Taufbecken,
wo Bach getauft worden war. Wie ein
steinernes Symbol steht es unübersehbar im Zentrum der Kirche vor dem
Altarraum…
Es war nicht schwer, sich den jungen Bach an diesem Ort vorzustellen,
der zu den Wiegen des Luthertums
gehört und sich äußerlich so wenig
verändert hat. Als Schüler der Eise-
nacher Lateinschule, in die Bach,
ebenso wie Luther, mit sieben Jahren
kam, sang er in der Georgenkirche in
den Gottesdiensten.“
John Eliot Gardiner im Beiheft
bereits erschienen:
J. S. BACH
Kantaten Vol. 7:
BWV 17, 19, 25, 50,
78, 130 & 149
SDG 124 (Q02)
spielung“
Ein
eg gelungene
„Eine durchw
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KLASSIK.CO
Joseph HAYDN (1732-1809)
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F
Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz
Sandrine Piau, Sopran – Ruth Sandhoff, Alt –
Robert Getchell, Tenor – Harry van der Kamp, Baß –
Kammerchor Accentus – Akademie für Alte Musik Berlin,
Leitung: Laurence Equilbey
AV 5045 (T01)
„Diese Neueinspielung ist auf
LEN
OH
VON
ihre Art zu einer Referenzaufnahme geworden.“
SÜDWESTRUNDFUNK
Frommer Christ und guter Geschäftsmann
Wie man einer gelungenen Komposition zu vielfachem Erfolg verhelfen kann, zeigen exemplarisch Joseph
Haydns Die sieben letzten Worte unseres
Erlösers am Kreuz. Die Domherren
der Kathedrale von Cádiz hatten bei
Haydn für die Karfreitagsliturgie sieben geistliche Sonaten für Streichorchester in Auftrag gegeben. Er selbst
fügte noch ein Vorspiel und einen
abschließenden dramatischen Satz
hinzu, der das Erdbeben nach dem
Tod Jesu darstellt. Die Uraufführung
am Karfreitag 1787 bescherte dem
Werk einen derartigen Erfolg, daß
Haydn noch im selben Jahr eine
Bearbeitung für Streichquartett anfertigte, die der Komposition eine weite
Verbreitung sicherte. Ebenfalls 1787
erschien beim Wiener Musikverlag
Artaria eine Klavierfassung, die zwar
nicht von Haydn stammte, aber von
ihm autorisiert worden war.
Neun Jahre später erinnerte sich
Haydn seiner erfolgreichen Meditationsmusik zum Karfreitag und schuf
daraus das Oratorium der vorliegenden Einspielung. Die triumphale Uraufführung am 26. März 1796 unter
Haydns Leitung im Wiener Palais
Schwarzenberg wurde der Auftakt zur
Erfolgsserie der beiden Oratorien Die
Jahreszeiten und Die Schöpfung, die
Haydns letzte Lebensjahre krönte.
harmonia mundi magazin
11
EMP
F
LEN
OH
VON
The Book of Madrigals
Weltliche Vokalmusik der
europäischen Renaissance von
Dowland, Josquin, Banchieri,
Senfl u. a.
Vokalensemble amarcord
RKAP 10106 (T01)
Vokalensemble amarcord
Foto: Rolf Arnold
Sechs ehemalige Thomaner auf Europareise
Von sechs ehemaligen Mitgliedern des
Leipziger Thomanerchores wurde das
Ensemble amarcord im Herbst 1992
gegründet. Im Zentrum der musikalischen Arbeit stehen Kompositionen
mit amarcord bereits erschienen:
Pierre de la RUE
Incessament
RK AP 10105 (T01)
kann
„Hut ab, besser
hen.“
ac
m
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man es nich
RONDO
aus der Zeit des Mittelalters und der
Renaissance, sowie die Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Komponisten. Weiterhin gibt es im Repertoire
des Ensembles eine Vielzahl unterschiedlicher Programme, die von
Madrigalen über romantische Kompositionen bis zu A-cappella-Arrangements bekannter Songs alle Facetten
der Vokalmusik beinhalten.
Nach Preisen zahlreicher internationaler Wettbewerbe gewann das Ensemble im Jahr 2002 den Deutschen
Musikwettbewerb. Meisterkurse bei
den King‘s Singers und dem Hilliard
Ensemble gaben der Gruppe wertvolle Impulse. Zahlreiche Konzerttourneen führten die Sänger durch
ganz Europa, Nordamerika, Südostasien und Australien.
Auf ihrer neuesten Einspielung nehmen die Musiker den Hörer mit
auf eine Reise durch die Welt des
Madrigals. Von John Dowlands England geht es zu Josquin Desprez und
Kollegen nach Frankreich, Hans Leo
Hassler, Ludwig Senfl und Heinrich
Isaac in Deutschland folgen; schließlich bahnt in Bayern Orlando di Lasso
den Weg nach Italien, das mit Adriano
Banchieri, Cipriano de Rore und
anderen Meistern aufwartet. Spanien,
das damals sein Goldenes Zeitalter
erlebte, schließt mit Juan Vásquez
diese Europatour ab.
Fronleichnam am Sitz der Götter
Unter den spanischen Kolonien Südamerikas nahm Peru dank seines
Reichtums einen bevorzugten Platz
ein. So entstand auch in Cuzco, der
ehemaligen Hauptstadt des alten Inkareiches, eine blühende Kulturlandschaft. Einer Legende zufolge war das
3.500 Meter hoch gelegene Cuzco
einst Wohnsitz von Göttern. Was lag
also näher, als an einem Ort mit
solch magischer Vorgeschichte das
Fronleichnamsfest besonders festlich
zu begehen, steht doch an diesem
hohen katholischen Feiertag die durch
das eucharistische Wunder zum wahren Leib Christi gewandelte Hostie im
Zentrum des rituellen Geschehens.
Ungefähr um das Jahr 1675 ließ
Manuel Mollinedo y Angulo, Bischof
von Cuzco, 18 großformatige Ölgemälde dieser Fronleichnamsprozession von Cuzco anfertigen, die zwar
12
harmonia mundi magazin
keine historische Realität abbilden,
doch in ihrer Pracht einen Eindruck
davon vermitteln, wie die Bewohner
Cuzcos selbst das feierliche Spektakel
empfunden haben mögen. Überzeugt,
daß diese Feierlichkeiten auch musikalisch mit größter Sorgfalt ausgestattet gewesen sind, wurden im Vorfeld
dieser Einspielung die Musikarchive
CORPUS CHRISTI
À CUSCO –
FRONLEICHNAM IN CUZCO
Ensemble Elyma, Schola
Cantorum Cantate Domino,
Leitung: Gabriel Garrido
K 617189 (T01)
der Kathedrale durchforscht, und es
fanden sich dort tatsächlich Schätze
aus allen spanischen Kolonien Südund Mittelamerikas, die in Cuzco zur
repräsentativen musikalischen Ausgestaltung der hohen kirchlichen Feiertage gesammelt worden sind. Aus diesem Schatz speist sich das Repertoire
dieser CD.
Antonio VIVALDI (1678-1741)
Musik für Mandoline und Laute:
Konzerte und Trios
Rolf Lislevand, Laute, Barockgitarre und
Mandoline – Manfredo Kraemer, Violine u. a.
OPS 30-429 (T01)
Rolf Lislevand
Foto: Jean-Pierre Loisil
Emanzipation eines Soloinstruments
Die Rolle der Laute in der Barockmusik schien festgelegt: Mit sanftem
Klappern macht sie sich in der Continuogruppe bemerkbar, in der sie
mit ihren Akkorden gemeinsam mit
dem Cembalo oder der Orgel der
Musik das stützende Rückgrat liefert. In der Kammermusik brillierte
sie in Solosuiten mit polyphoner
Kunstfertigkeit, und mit einfühlsamen
Akkorden begleitete sie Gesänge von
Liebesfreud und Liebesleid. Es schien
nicht vorgesehen zu sein, daß die
Laute innerhalb einer Instrumentalgruppe ihre Dienerrolle aufgeben und
eine führende Position einnehmen
sollte. Vivaldis Solokonzerte jedoch
befreiten die Laute aus ihrem Verlies
und nahmen die kleine populäre
Schwester Mandoline gleich in die
neue Freiheit mit.
Besonders in der Karnevalssaison füllte
sich Venedig mit Besuchern aus aller
Welt, die sich an den Kunstwerken
berauschten, sich in den Opernhäusern unterhalten ließen oder die vielfältigen Möglichkeiten wahrnahmen,
der in Kirchen oder in Festsälen
prachtvoller Palazzi dargebotenen
Musik zu lauschen. Als musikalischer
Leiter des Ospedale della Pietà und als
Impresario war Antonio Vivaldi eine
Ein Saboteur?
Bitter beklagte sich 1778 Wolfgang
Amadé Mozart brieflich aus Paris bei
seinem Vater in Salzburg, daß die
französische Metropole ihn nicht mit
offenen Armen empfing; der Wunderkindbonus, mit dem der achtjährige
Bub in Paris und Versailles hatte Triumphe feiern können, war dahin.
Die Aufführung einer extra für Paris
geschriebenen Sinfonia concertante
scheiterte Wolfgang zufolge an Intrigen von Musikerkollegen, die gleich
ihm selbst in Scharen nach Paris gepilgert waren, um dort ihr Glück zu
machen.
Zu ihnen gehörte auch Giuseppe
Cambini, der um 1770 nach Paris
führende und vielbeneidete Autorität
im venezianischen Musikleben. Mit
seiner überschäumenden Phantasie
und seinem untrüglichen Sinn für
Formen und reizvolle Instrumenten
kombinationen wurde der prete rosso
für Zeitgenossen in der ganzen Welt
zum Vorbild: Kollege Bach studierte
ihn schon in seinen jungen Weimarer
Jahren fleißig, Pisendel richtete in
Dresden seinen Violinstil nach ihm
aus und Johann Friedrich Fasch komponierte nach seinem Muster Lautenkonzerte.
Giuseppe CAMBINI
(1746-1818?)
Drei Bläserquintette
Ensemble dell’Accademia
SY 05219 (T01)
kam und sich schnell als Violinist
und Komponist etablieren konnte. Er
schrieb den Parisern die Musik direkt
in die Ohren: galant, nicht zu anstrengend, dabei reich an dramatischen
Effekten. Cambini überlebte die turbulenten Revolutionszeiten und blieb
in Mode, wie diese 1799 im Theâtre de
la République et des Arts aufgeführten
Bläserquintette bezeugen.
harmonia mundi magazin
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LORRAINE HUNT LIEBERSON
live at Wigmore Hall
Lieder und Arien von Mahler,
Händel & Lieberson
Lorraine Hunt Lieberson, Mezzosopran
& Roger Vignoles, Klavier
WHL 0013 (Q01)
EMP
F
Lorraine
Hunt Lieberson
Musikalischer Nachruf
Im Alter von nur 52 Jahren erlag
Lorraine Hunt Lieberson im Juli
2006 einer tückischen Krankheit.
Die Musikwelt verlor in ihr eine
Mezzosopranistin mit strahlendem
Timbre und ergreifendem Charisma.
Dieser Konzermitschnitt aus dem Jahr
1998 zeigt Lorraine Hunt Liebersons
ganze Kunst und wird so zu einem
klingenden Nachruf auf die Künstlerin, die nach leidvollen Jahren den
Kampf gegen den Krebs verlor.
Die aus Kalifornien gebürtige Künstlerin kam spät zum Gesang; sie hatte
Viola studiert, war in den frühen
80er Jahren nach Boston gezogen
und dort zunächst auch Bratschistin
gewesen, bevor sie mit 26 Jahren das
Gesangsstudium aufnahm. Viel zu
spät, um Karriere zu machen, hätte
man auch schon 1980 gesagt. Doch
sie kam, sang und siegte. In der
Folgezeit nahm sie sich eines überschaubaren, doch breitgefächtern
VON
LEN
OH
Repertoires an. Sie verehrte Kathleen
Ferrier und Janet Baker, und gleich
diesen beiden adelte sie alles, womit
sie sich beschäftigte. 1999 heiratete
sie den amerikanischen Komponisten
Peter Lieberson, mit dem sie auch eine
enge künstlerische Gemeinschaft verband. Die Sängerin wirkte u. a. an der
Uraufführung seiner buddhistischen
Oper Ashoka’s Dream mit; einige seiner
Lieder sind auch auf diesem Recital
zu hören.
Hermann ZILCHER (1881-1948)
Vier Lieder op. 12,
Eichendorff-Zyklus op. 60,
15 kleine Lieder nach den
Hey-Speckterschen Fabeln op. 37
Konrad Jarnot, Bariton &
Alexander Schmalcz, Klavier
OC 802 (M01)
Orffs Lehrer
Hermann Zilcher, 1881 in Frankfurt
am Main als Sohn des Klavierpädagogen Paul Zilcher geboren, begann
als 16jähriger sein Studium am
Hoch’schen Konservatorium seiner
Vaterstadt, wo ihn Bernhard Scholz,
ein naher Freund von Brahms und
Joachim, stilistisch nachhaltig prägte.
Schnell folgte der berufliche Aufstieg – mit 24 Jahren wurde er Klavierlehrer am Hoch’schen Konservatorium, um nur drei Jahre später einem
14
harmonia mundi magazin
Konrad Jarnot
Foto: Holger Jacoby
Ruf an die Münchner Musikhochschule zu folgen. Hier wirkte er von
1908 bis 1920 als Professor für Klavier
und Komposition und unterrichtete
unter anderem Carl Orff.
1920 ging er als Direktor an das
Staatskonservatorium Würzburg; in
den 25 Jahren seines Würzburger Wirkens feierte er seine größten Erfolge
und führte das Institut auf eine neue
qualitative Höhe. 1922 begründete er
das Würzburger Mozartfest, das noch
heute mit seinem Namen verbunden
ist und internationalen Ruf genießt.
Nach einer langen Periode des Verschweigens und Beinahe-Vergessens ist
heute das Interesse an der Person und
an der Musik Hermann Zilchers stark
gewachsen. Die feinen Zwischentöne
dieser noch in der Tradition der
Spätromantik wurzelnden Musik stoßen wieder auf sensible Ohren.
Gabriel FAURÉ (1845-1924)
Requiem, Ave verum, Ave Maria, Tantum ergo
Gabriel FAURÉ / André MESSAGER (1853-1929)
Messe des Pêcheurs de Villerville
Ana Quintans, Sopran – Peter Harvey, Bariton – Ensemble Vocal
de Lausanne – Sinfonia Varsovia, Leitung: Michel Corboz
MIR 028 (T01)
Ein Requiem „zum reinen Vergnügen“
Obwohl Gabriel Fauré Kirchenmusiker und Organist an der berühmten
Madeleine-Kirche in Paris war, galt er
nicht als gläubig. „Nicht gläubig, aber
nicht skeptisch“ präzisierte sein Sohn
Philippe Fauré-Fremiet, und Eugène
Berteaux fügte hinzu, daß für Fauré
„das Wort Gott“ ein umfassendes
Synonym für das Wort „Liebe“ war.
Von seinen Aufgaben an der Madeleine sprach Fauré abschätzig als
„Broterwerb“, und sein zwischen 1885
und 1887 entstandenes Requiem
kommentierte er mit sarkastischem
Humor: „Ich schrieb das Requiem für
nichts … zum reinen Vergnügen,
wenn man so sagen darf“. 1902 vertraute er Louis Aguettant eine andere
Version der Entstehung dieser außerordentlichen Komposition an: „Man
sagt von meinem Requiem, es drücke
nicht das Gefühl der Todesangst aus,
man nannte es ein Wiegenlied des
Todes. Aber so empfinde ich eben
den Tod: als glückliche Erlösung, als
Streben nach jenseitigem Glück und
nicht als schmerzhaften Übergang“,
und fügte etwas aufgebracht hinzu:
Vielleicht wollte ich einfach aus der
Routine ausbrechen! Schon lange
genug begleite ich Totenmessen an der
Orgel und bin ihrer so satt, daß ich
einmal etwas anderes machen wollte.“
Michel Corboz & Ana Quintans
Foto: Gérard Proust
Ein einzigartiger Pianist
Wenn je ein Pianist das Attribut „einzigartig“ verdient hat, war es Shura
Cherkassky. 1911 in Odessa geboren, der Heimatstadt so vieler weltberühmter Pianisten, wuchs er nach der
Flucht vor der Oktoberrevolution in
den USA auf. Am Curtis Institute in
Philadelphia studierte er bei Joseph
Hofmann, von dem er eine romantische Tradition erbte, die er zu einer
ganz persönlichen musikalischen Sprache umformte.
Spontaneität, Wagemut, Charme, ausgeprägte Eigenart und eine souverän gemeisterte Technik machten ihn
zu einem einzigartigen Vertreter der
„Alten Schule“ des Klavierspiels. Vorgefertigte Interpretationen waren von
diesem Meister nicht zu erwarten,
er spielte kein Stück zweimal gleich.
Wenn auch die Klaviermusik der
Romantik mit Chopin, Liszt und
Rachmaninoff Cherkasskys Kernrepertoire ausmachte, spielte er in seinen Konzerten Musik vom Barock
SHURA CHERKASSKY
live at Wigmore Hall
Werke von Rameau, Haydn,
Hindemith, Chopin, Berkeley,
Liszt & Tschaikowsky
Shura Cherkassky, Klavier
WHL 0014 (Q01)
Shura Cherkassky
Foto: Clive Barda
bis zu seinen Zeitgenossen. Das zeigt
exemplarisch dieser Konzermitschnitt
vom 29. Oktober 1993: Der mittlerweile 82jährige Pianist bewältigt
scheinbar mühelos und mit unnachahmlicher Einfühlsamkeit, Klarheit
und Eleganz ein Programm, das sich
von Rameau über Haydn, Chopin,
Liszt und Tschaikowsky bis ins 20.
Jahrhundert zur Musik Hindemiths
und Berkeleys erstreckt.
harmonia mundi magazin
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Paare – Beziehungen – Spannungen
Arnold Schönbergs Sextett Verklärte
Nacht ist für die Musiker des Kölner
Streichssextetts Ausgangspunkt eines
Programms, das um Spannungen,
Trennendes und Verbindendes, Beständigkeit und Flüchtigkeit, Ewigkeit
und Vergänglichkeit kreist.
Wird bei Schönberg der Konflikt in
verbindendes Miteinander aufgelöst,
so überwindet Andreas Hammerschmidts barocke Paduan Polarität
durch formelle Strenge. Richard
Strauss erzählt in seiner letzten Oper
Capriccio vom rivalisierenden Liebeswerben eines Dichters und eines
Musikers, und die Angebetete weiß
am Ende gar nicht mehr, woran sie ist.
Der Zeitgenosse Wolfgang Danzmayr
arbeitet in seinem Stück Zum Beispiel:
Isolde mit Wagner-Zitaten, die eine
Atmosphäre der Sehnsucht beschwören und die mit unterschiedlichen,
auch abrupt wechselnden Stimmungen kontrastiert werden. Die eine Generation
Verklärte Nacht
Werke für Streichsextett von
Arnold Schönberg, Andreas
Hammerschmidt, Richard Strauss,
Wolfgang Danzmayr, Tatjana
Komarova und Béla Bartók
Kölner Streichsextett
RK CMN 008 (T01)
jüngere Tatjana Komarova führen
fundamentale Fragen nach Leben,
Liebe und Ewigkeit, nach menschlichem Zusammenhalt und Trennungsschmerz auf eine Reise ins „Ich“
und zum „Wir“, die ihr außer der
Hoffnung auf Glück keine Antworten
bescheren kann. Béla Bartóks Aus dem
Tagebuch einer Fliege bildet in scherzhafter Verkörperung der Polarität von
Leben und Tod den Abschluß dieser
tiefsinnigen musikalischen Reise an
die Grenzen der Existenz.
mit dem Kölner Streichsextett
bereits erschienen:
Johannes BRAHMS
Streichsextett Nr. 1
B-Dur op. 18
Adolf BUSCH
Sextett G-Dur op. 40
RK CMN 006 (T01)
„Sehr zu
empfehlen!“
CRESCENDO
Ernö DOHNÁNYI (1877-1960)
Serenade für Streichtrio C-Dur op. 10,
Streichquartett Nr. 2 Des-Dur op. 15,
Klaviersextett op. 37
Kocian Quartett – Beethoven String Trio –
Jaromír Klepác,
ˇ Klavier – Vladimira Klánská, Horn –
Aleš Hustoleš, Klarinette
PRD 250237 (T01)
Ernst von Dohnányi – Erbe der romantischen
Tradition und Vater der ungarischen Musik
Als Ernst von Dohnányi 1877 in Preßburg (heute als Bratislava Hauptstadt
der Slowakei) zur Welt kam, hieß die
Stadt noch Pozsony und gehörte zum
Königreich Ungarn. Dohnanyi erntete
früh Erfolge sowohl als Komponist
wie als Klavierspieler: 1896 gewann er
den Preis des ungarischen Milleniums
für seine Sinfonie, schon zwei Jahre
zuvor hatte er mit Beethovens viertem Klavierkonzert in London Furore
gemacht, war sogar als würdiger Nach16
harmonia mundi magazin
folger des Klaviervirtuosen Eugène
d’Albert gerühmt worden. Von 1908
bis 1915 unterrichtete er an der Berliner Musikhochschule, 1919 übernahm er bis 1944 die Leitung der
neuen Budapester Philharmonie. Hier
tat er sich besonders als Förderer seiner nur wenige Jahre jüngeren Kollegen Bartók und Kodály hervor.
Der zweite Weltkrieg traf Dohnányi
schwer: Er verlor seine beiden Söhne,
einer starb im Krieg, der andere wurde
als Mitverschwörer des 20. Juli hingerichtet. Das hinderte die neuen kommunistischen Machthaber Ungarns
nicht, ihn der Mitläuferschaft mit den
Nazis zu bezichtigen; Dohnányi emigrierte in die USA, wo er 1960 durch
den Tod mitten aus einem aktiven
Leben gerissen wurde.
Ernst von Dohnanyi war auch ein bedeutender Lehrer, der Annie Fischer,
Georg Solti und Geza Anda zu seinen
Schülern zählte.
Früh übt sich …
Dvorák
ˇ
hat nicht weniger als 15
Streichquartette komponiert, nur
eines von ihnen ist als Fragment in
einem Quartettsatz aus dem Jahr 1881
unvollendet geblieben. Seine frühen
Streichquartette sind größtenteils
keine Jugendwerke, bis auf das erste
wurden sie alle geschrieben, als der
Komponist bereits berufstätig war.
Zemlinsky Quartett
ˇ
Antonín DVORÁK
(1841-1904)
Frühe Werke für Streichquartett
Zemlinsky Quartett
PRD 350028 (I04)
Das 1861 entstandene Streichquintett
in a-moll ist das erste Werk, das
Dvorák
ˇ mit einer Opuszahl versehen
hat, als op. 2 figuriert das im Folgejahr
geschriebene 1. Streichquartett. Eine
wahre Flut von Kompositionen für
Streichquartett setzt mit dem Jahr
1870 ein, vier Quartette verdanken
diesem fruchtbaren Jahr ihr Entstehen, gefolgt von weiteren Werken
1873 und 1874.
Dvorák
ˇ war inzwischen bereits zehn
Jahre berufstätig, er wirkte als Bratschist in Karl Komzáks Kapelle, die ab
1865 zum Kern des Opernorchesters
am tschechischen Nationaltheater werden geworden war. Zu Beginn der
1870er Jahre gewann Dvorák
ˇ wachsendes Selbstvertrauen in seine Fähigkeiten und Möglichkeiten als Kom-
ponist, schon 1871 gab er seine Stelle
als Orchestermusiker auf, und der
Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: Prag scheint auf den jüngeren
Kollegen des Nationalkomponisten
Smetana nur gewartet zu haben.
Gegen Ende des Jahrzehnts wurde
Brahms auf den jungen Prager Kollegen aufmerksam und setzte sich bei
seinem Verleger Simrock für ihn ein.
Und auch das Ausland hatte offensichtlich auf Dvorák
ˇ gewartet, gleich
die erste Veröffentlichung bei Simrock brachte ihm den internationalen Durchbruch.
Das „Arpeggione“ –
ein instrumentaler Zwitter
Franz SCHUBERT (1797-1828)
Sonate a-moll „Arpeggione“ D 821,
Fünf Lieder aus dem Schwanengesang D 957
Johann Wenzel KALLIWODA (1801-1866)
Sechs Nocturnes op. 186
Ashan Pillai, Viola &
Michael Endres, Klavier
OC 591 (I01)
Ashan Pillai
1823 erfand der Wiener Instrumentenbauer ein neues Instrument, das
Arpeggione: Es vereinte Merkmale
des Cellos mit Form, Stimmung und
Bünden der Gitarre und wurde daher
auch „Gitarre-Violoncell“ genannt.
Schubert widmete diesem Instrument
eine Sonate, eine seine schönsten
Kompositionen, die das Instrument,
dem nur ein Leben von wenigen Jahren beschieden war, bis auf den heu-
tigen Tag überleben sollte. Das Stück
wird nun auf Streichinstrumenten
interpretiert, im Repertoire des Violoncellos hat es einen festen Platz
gefunden. Doch existiert das Werk
auch in einer Version für Viola und
Klavier, und gerade der warme Klang
der Bratsche läßt den von einigen
Zeitgenossen als „bezaubernd schön“
empfundenen Klang des Arpeggione
wieder aufleben.
Ashan Pillai, der Solist der Aufnahme,
hat noch einige Lieder aus Schuberts
Hinterlassenschaft, die nach seinem
Tod unter dem Sammeltitel „Schwanengesang“ veröffentlicht wurden, für
Bratsche bearbeitet. Sechs Nocturnes
aus der Feder des heute weitgehend
vergessenen Schubert-Zeitgenossen
Johann Wenzel Kalliwoda runden
diese CD zu einem Porrträt des musikalischen Biedermeier ab.
harmonia mundi magazin
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Matthew LOCKE (1622-1677) ·
Henry PURCELL (1659-1695)
The Theater of Musick –
Musik für die Londoner Theater
Ensemble La Rêveuse
K 617194 (T01)
Ensemble La Rêveuse
THE SOUND OF CULTURES Vol. 5: Böhmen
Musik von Stölzel, Losy, Habermann, Reichenauer u. a.
Ars Antiqua Austria, Leitung: Gunar Letzbor
SY 05216 (T01)
Gunar Letzbor
BRITISH COMPOSERS CONDUCT
Bantock, Mayerl, O‘Neill, Walton,
Goossens u. a. dirigieren eigene Werke
CDEA 9766 (E01)
Sir Granville Bantock
Paul HINDEMITH (1895-1963)
Sinfonie „Mathis der Maler“,
Bratschenkonzert „Der Schwanendreher“,
Violinkonzert
Paul Hindemith, Viola – Henry Merckel, Violine –
Verschiedene Orchester, Leitung: Paul Hindemith
CDEA 9767 (E01)
Frederick DELIUS (1862-1934)
Violinsonaten Nr. 1, 2 & 3
Edmund RUBBRA (1901-1986)
Violinsonate Nr. 2
Albert Sammons, Violine – Evelyn Howard-Jones,
Kathleen Long, Gerald Moore, Klavier
CDEA 9768 (E01)
18
harmonia mundi magazin
Cristóbal HALFFTER (*1930)
Orchesterwerke: Odradek,
Dortmunder Variationen,
Tiento del primer tono
Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt,
Leitung: Cristóbal Halffter
COL 20204 (T01)
Cristóbal Halffter
Foto: Josef Oehrlein
Niccolò Castiglioni (1936-96)
Quilisma, Tropi, Consonante, Daleth,
Risognanze, Intonazione, Cantus planus
Ensemble Risognanze,
Leitung: Tito Ceccherini
COL 20253 (T01)
Tristan MURAIL (*1947)
Winter Fragments, Unanswered Questions,
Ethers, Feuilles à travers les cloches,
Le Lac
Erin Lesser, Flöte –
Argento Kammerensemble,
Leitung: Michel Galante
AECD 0746 (T01)
Erin Lesser
Foto: Peter Dressel
Die Andreas-Silbermann-Orgel
zu Ebersmunster
Musik von Purcell, Böhm, Grigny,
Blow & Bach
Mario Hospach-Martini, Orgel
OC 553 (I01)
Mario Hospach-Martini
Foto: Wolfgang Schäfer
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Herausgeber: harmonia mundi GmbH
Wernher-von-Braun-Straße 13 · D-69214 Eppelheim
Redaktion: Michael Blümke, Texte: Detmar Huchting
Graphik/Layout: globalmediaweb.de
harmonia mundi magazin
harmonia mundi magazin
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J. S. BACH (1685-1750)
LEN
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Hohe Messe in h-moll BWV 232
Dorothee Mields & Johannette Zomer, Sopran –
Matthew White, Altus – Charles Daniels, Tenor –
Peter Harvey, Baß – Niederländische Bach-Gesellschaft,
Leitung: Jos van Veldhoven
CCS 25007 (T02)
VON
„Ein bestechend vital
musizierter Bach“
NK
BAYERISCHER RUNDFU
Jos van Veldhoven
Bachpflege auf niederländische Art
Am Anfang war die MatthäusPassion: Seit 1922 erklingt sie alle
Jahre wieder in der Grote Kerk im
nordholländischen Naarden, und
dieser Tradition verdankt die Niederländische Bach-Gesellschaft ihr
Entstehen. Mittlerweile sind die
Aufführungen zu nationalen Ereignissen geworden, die jedes Jahr von
neuem mehr als 12.000 Besucher in
ihren Bann ziehen.
Doch einfache Traditionspflege ist ihre
Sache nicht – mit Aufführungen nach
modernsten musikwissenschaftlichen
Erkenntnissen stellt die Niederländische Bach-Gesellschaft noch mit 86
Jahren unter Beweis, daß nur der
Wechsel Bestand hat. Die Niederlande, selbstbewußte jahrhundertealte
Kulturnation, stehen mit wachem
Sinn für die neuesten Entwicklungen
seit mehr als dreißig Jahren an der
Spitze der Alte-Musik-Bewegung. So
gehören auch für die Niederländische
Bach-Gesellschaft Aufführungen der
Werke ihres Namenspatrons mit gro-
ßem Chor und Orchester längst der
Geschichte an. Seit 1983 leitet das
Ensemble Jos van Veldhoven, der
Gustav Leonhardt, Nikolaus Harnoncourt, Ton Koopman und Andrew
Parrott zu seinen Vorbildern zählt und
sich zur historischen Musizierpraxis
bekennt. Zahlreiche Konzerte in den
Niederlanden, dem europäischen Ausland, den USA und Japan haben den
Ruhm der Niederländischen BachGesellschaft inzwischen in die Welt
hinausgetragen.
Diese Aufnahme der h-moll-Messe
folgt, wie bereits die frühere Einspielung der Johannes-Passion, dem aktuellen Stand der Musikforschung und
verwendet eine kleine Besetzung:
Neben den Solisten, die auch die
Chöre mitsingen, gibt es noch zwei
Sänger pro Stimme als Chorsänger
(sogenannte „Ripienisten“). Entsprechend sparsam besetzt ist auch das
Instrumentalensemble.
Wie schon bei der Johannes-Passion
erhält auch diese Luxusausgabe der
h-moll-Messe durch das reich bebil-
derte Begleitbuch einen zusätzlichen
ästhetischen Wert; die Zusammenarbeit mit dem Museum Catharijneconvent Utrecht macht eine erstrangige musikalische Interpretation
auch zu einem visuellen Erlebnis.
Gemälde, wertvolle Kultgegenstände
wie Abendmahlskelche, Weihrauchbehälter, prachtvoll eingebundene
Meßbücher und anderes wertvolle
Altargerät verdeutlichen die zentrale
Bedeutung der Messe als wichtigsten Gottesdienst der an Riten reichen katholischen Kirche. Kostbare
Abendmahlgeschirre, die im evangelischen Gottesdienst verwendet wurden, bezeugen, daß auch in Bachs
eigener Konfession neben der Predigt
die Abendmahlfeier der zweite Höhepunkt des Sonntagsgottesdienstes war.
Ausführliche Texte schildern die verwickelte Entstehungsgeschichte von
Bachs Hoher Messe in h-moll und
bieten eingehende Erklärungen zu
Funktion und Verwendung der Kultgegenstände.
bereits erschienen:
J. S. BACH (1685-1750)
Johannes-Passion BWV 245
Gerd Türk, Tenor (Evangelist) – Caroline Stam, Sopran –
Peter de Groote, Altus – Charles Daniels, Tenor –
Stephan McLeod & Bas Ramselaar, Baß –
Niederländische Bach-Gesellschaft, Leitung: Jos van Veldhoven
CCS 22005 (T02)
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