Die Küche Gottes - Jüdisches Museum Wien

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Wien Holding GmbH - Pressespiegel
"Wiener Zeitung" Nr. 196 vom 08.10.2014 Seite: 26 Ressort: Feuilleton Wiener Zeitung
Eine Ausstellung im Jüdischen Museum befasst sich mit Kaschrut, den jüdischen Speisegesetzen.
Die Küche Gottes
Edwin Baumgartner
Wer mit den Kilos kämpft und mit dem Cholesterinspiegel ringt, sollte vielleicht überlegen, ob er
sich diese Ausstellung antun will. Denn „Kosher for . . . – Essen und Tradition im Judentum“ im
Jüdischen Museum in der Dorotheergasse macht Appetit. Sehr. Das sei als einziger Kritikpunkt
seitens eines Kilo- und Cholesterinspiegelkämpfers gleich angemerkt. Andererseits . . .
Im Grunde auch wieder nicht. Und das keineswegs, weil die koschere Küche auch sehr gesund ist,
sondern weil die Ausstellung, das ist ihr ganz großer Pluspunkt, verdeutlicht, in welchem Ausmaß
gerade die biblischen Speisegesetze identitätsstiftend für das Judentum sind.
Das jiddische Wort „koscher“ hat längst Einzug in die Umgangssprache gehalten: Wie oft hat man
schon gesagt, „mir kommt das nicht koscher vor“. Aber was bedeutet es eigentlich? Ist es mit
„unbedenklich“ oder „zum Verzehr geeignet“ wirklich getan?
Die Gesetze von Fisch und Fleisch
Die biblischen Speisegesetze, die heute angewendet werden, Kaschrut genannt, erteilt Gott
detailliert im Buch Wajikra (Drittes Buch Mose, in der christlichen Bibel Levitikus) und im Buch
Deva rim (Fünftes Buch Mose, in der christlichen Bibel Deuteronomium). Das ursprünglich erteilte
Gebot eines veganen Lebens war biblischer Vorstellung zufolge bereits nach der Sintflut im Bund
Gottes mit Noah aufgehoben worden. Die von Gott durch Mose erteilten Speisegesetze sind für
gläubige Juden bis zum heutigen Tag bindend. Am bekanntesten ist das Schweinefleisch-Verbot,
ebenso verboten ist beispielsweise der Verzehr von Jungtieren, die noch gesäugt werden, von
Fischen – als solche gelten alle Meereslebewesen – ohne Schuppen (beispielsweise Muscheln
oder Aal), aber auch der Verzehr von Blut ist verboten, da es als Sitz der Seele angesehen wird.
Das geht so weit, dass auch Medikamente überprüft werden, ob sie koscher sind oder nicht. Die
Gelatine-Ummantelung von Kapseln etwa könnte aus Schweinefleisch hergestellt worden sein,
andere Medikamente wiederum könnten Blutbestandteile enthalten und problematisch sein. Doch
Juden sind nicht Jehovas Zeugen – bei den Juden regiert die Vernunft und damit die unbedingte
Achtung des Lebens. So lautet das Gesetz, dass die Gebote aufgehoben sind, wenn es um die
Erhaltung des Lebens geht.
Die koschere Küche trägt allerdings auch im Alltag zur Gesundheit bei: Die
Speisegesetze machen es unumgänglich, sich immer wieder mit den verwendeten Produkten
auseinanderzusetzen. Wer koscher isst, weiß wesentlich genauer um die Bestandteile seiner
Speise. Der ungesunde Abstecher zum nächsten Würstelstand oder die Lebekäsesemmel als
Zwischendurchmahlzeit spielt’s da nicht. Was dem Wohlbefinden höchst zuträglich ist.
Vor allem aber ist die koschere Küche gar kein Verzicht am Rand einer Diät, sondern eine sehr
schmackhafte und lustbetonte Angelegenheit – und damit sind wir wieder bei der Ausstellung
im Jüdischen Museum, die, ausgehend von acht oft gestellten Fragen (etwa „Durften Schweine
auf der Arche Noah reisen?“, „Dürfen sich Juden betrinken?“ oder „Gibt es in jüdischen
Haushalten immer zwei Küchen?“) den vermeintlichen Geheimnissen um das Essen in jüdischer
Tradition nachgeht. Doch es dreht sich nicht nur um Gefilte Fisch, Tscholent oder Krepplach
(obwohl man bei solchen Gerichten keineswegs nur in Gedanken gerne verweilt), sondern,
schließlich ist das Mahl Teil jeder hochstehenden Kultur, um kulturgeschichtliche Einsichten.
Da passt es doch, wenn als – künstlerischer – Höhepunkt der Ausstellung Max Liebermanns
„Selbstbildnis mit Küchenstillleben“ (das Huhn hat eine Plombe für koscheres Fleisch) hängt! Im
fulminanten Katalog finden sich auch Rezepte. Das umfangreiche Begleitprogramm (ja, es gibt
auch Verkostungsmöglichkeiten!) ist auf der Homepage des Jüdischen Museums zu finden.
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Ausstellung
Kosher for . . .
Essen und Tradition im Judentum
Dan Fischmann, Michal Typolt-Meczes und Hannes Etzelsdorfer (Kuratoren)
Jüdisches Museum (Dorotheergasse)
Bis 8. März
Copyright: APA-DeFacto GmbH - Seite 32
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