Im Zeichen des Krieges - Schlachthaus Theater Bern

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Der kleine
33
— Donnerstag, 31. Januar 2013
Berner Woche Veranstaltungen
Mehr Angaben unter:
www.agenda.derbund.ch
Von 31. Januar bis 6. Februar 2013
Sounds Emily Wells
Die ungezähmte Schwester
Sie singt mit der Sanftheit
eines Popsternchens und hat
die Attitüde eines PunkChicks. Das funktioniert gut.
Die Lautenart Ngoni – hier in der verstärkten Variante – im Kreise Bassekou Kouyatés Band Ngoni Ba. Foto: zvg
Sounds Bassekou Kouyaté & Ngoni Ba
Im Zeichen des Krieges
Während der Aufnahmen zu
seinem neusten Album
wurde der malische Musiker
Bassekou Kouyaté vom
Militärputsch überrascht.
Hannes Liechti
Eigentlich bezeichnet er sich als unpolitisch. Doch seit in seinem Heimatland
Mali Krieg herrscht, kommt Bassekou
Kouyaté nicht umhin, Stellung zu beziehen: «Ich möchte Frankreich und François Hollande danken», kommentierte
er gegenüber der englischen «Times»
vor ein paar Tagen die jüngsten Entwicklungen im westafrikanischen Wüstenstaat und hob den Zeigefinger: «Unsere
Musik ist in Gefahr.»
Mit Blick auf die seit Monaten unter islamistischer Kontrolle stehenden Gebiete
im Norden des Landes wird rasch klar,
dass Kouyaté keineswegs übertreibt. Von
Musikverboten, wie sie einst von den Taliban in Afghanistan durchgesetzt worden sind, ist die Rede. Auch in der Hauptstadt Bamako ist es musikalisch ruhig geworden: Es werden kaum noch Konzerte
veranstaltet, zu heikel sei die Sicherheitslage. Unvermittelt ist der Musiker Bassekou Kouyaté zum politischen Botschafter seines Volkes geworden.
Kouyaté ist ein Griot. Seit Jahrhunderten sorgen diese musikalischen Ge-
schichtenerzähler in Westafrika für die
mündliche Verbreitung von traditionellem Wissen. Stets eng mit ihren Auftraggebern – den Mächtigen der Gesellschaft
– verbunden, amten die Griots gewissermassen als Hofsänger. Kouyaté stammt
von der ältesten und einflussreichsten
Griot-Familie Malis ab und war mit dem
gestürzten Präsidenten Amadou Toumani Touré befreundet.
Die Maschine in der Ngoni
Das traditionelle Instrument der Griots
ist die Lautenart Ngoni. Angeregt von
der Musikwissenschaftlerin Lucy Durán,
die in der zeitgenössischen Kultur Malis
im Verschwinden begriffene Kunstform
wiederzubeleben, gründete Kouyaté mit
der Gruppe Ngoni ba das erste NgoniQuartett überhaupt. Seither gilt er als
Erneuerer jener Musik, von der ein weit
verbreiteter Mythos besagt, sie sei der
Ursprung des afroamerikanischen
Blues.
Kouyaté war es, der das Instrument
an elektronische Verstärker anschloss
und es konzerttauglich machte. In Mali
erspielte sich der Griot bald ein begeistertes Publikum, und in der internationalen Weltmusikszene wurde er zum
Star. Sein Debütalbum erhielt den BBC
World Music Award, und das Folgealbum brachte es zu einer Grammy-Nominierung. Eines ist sicher: Die Musik
Kouyatés ist virtuos. So sehr, dass er
schon von einem Zuschauer gefragt
worden sei, ob er in seiner Ngoni eine
Maschine verstecke, die all diese Klänge
produziere.
Hamsterkäufe und Ausgehsperren
Nun ist Bassekou Kouyaté mit seinem
dritten Album «Jama ko» auf Tour. Die
Arbeiten im Studio begannen im Frühling des vergangenen Jahres. Noch am
selben Nachmittag brach in Bamako der
Militärputsch los, mit einschneidenden
Folgen: Hamsterkäufe, Stromausfälle
und Ausgehsperren erschwerten die
Aufnahmen.
Entstanden ist schliesslich eine von
den Unruhen zutiefst geprägte Platte. So
singt Kouyaté darauf von einem malischen Herrscher, der im 19. Jahrhundert
erfolgreich die Islamisierung seines Gebietes aufhalten konnte. Der Titel «Jama
ko» bedeutet übersetzt «eine grosse Zusammenkunft vieler Menschen». Der
Griot verbindet damit einen Ruf nach
Einheit, Frieden und Toleranz in Zeiten
der Krise.
Ein friedliches «Jama ko» hat Mali bitter nötig, das ist Kouyatés eindringliche
Botschaft. Es geht ihm dabei auch darum, die reichen musikalischen Traditionen des Landes zu retten: «Wir haben
kein Erdöl, wir haben nichts. Wir haben
nur unsere Musik.»
Turnhalle im Progr So, 3. Februar, 19.30 Uhr.
Als kniete man in einer Blumenwiese
und blickte dann gen Himmel. Zuerst ist
er wolkenverhangen, dann wird er blau.
Schnitt. Eine Autofahrt: über eine Brücke, durch einen Tunnel, wahrscheinlich filmt die Person auf dem Beifahrersitz. Eine kehlige Stimme singt: «I’m a
passenger / Give me the keys / I wanna
drive». Das Video zum Lied «Passenger»,
bestehend aus zusammengeschnipselten Bildsequenzen, in Kombination mit
dieser erotisierenden Stimme, ja, das
könnte auch ein frühes Werk von Lana
Del Rey sein.
Doch dann erscheint die Verantwortliche im Bild und ist alles andere als
blond, süss und volllippig: Emily Wells.
Ungeschminkt, strähniges Haar, verbraucht, offensichtlich nicht daran interessiert, was andere über ihr Aussehen
denken. Sie ginge höchstens als ungezähmte Schwester der Del Rey durch.
Und doch hat die Multiinstrumentalistin
Emily Wells mit dem Pop- und WerbeSchätzchen mehr gemein, als man denken würde: Beide singen in ätherischer
Manier über orchestrale Liedwerke und
thematisieren gern ihre Vorliebe für
Waffen und die Flucht ins nächste Abenteuer.
Spielt bei ihren Produktionen immer die
Erste Geige: Emily Wells. Foto: zvg
Die Texanerin lebt und werkelt in New
York. Ihre Geigenspiel-Künste paart sie
mit Hip-Hop-Beats, unterlegt sie mit Glockenklängen und Spielzeuginstrumenten, gerne auch analogen Synthesizern.
Vorgekocht ist nichts, besonders bei
Live-Auftritten, denn sie programmiert
ihre Beats in Echtzeit.
In ihrer Diskografie tauchen die Alben «Sleepyhead», «Symphonies»,
«Dirty» und das 2012 unter Partisan Records publizierte «Mama» auf. Eben hat
sie gemeinsam mit dem Hip-Hop-Produzenten Dan the Automator die CD «Pillowfight» veröffentlicht. Die Lieder sind
nahe am Pop-Bereich angesiedelt, aber
auf die Charts schielen sie nicht. Das
würde wahrscheinlich gar nichts bringen, denn: Wells will machen, was sie
will. (mik)
Café Bar Mokka Sonntag, 3. Feb., 20.30 Uhr/
Fri-Son Mittwoch, 6. Februar, 20 Uhr.
Kunst Supergrupa Azorro
Hofnarren im Königreich der Kunst
Spuckende Männer und
ein Roadmovie in Latein:
Die Videos der Supergrupa
Azorro sind Meta-Kunst
mit Mega-Witz.
Ein Bild malen, mit einem Pferd drauf ?
Schon gemacht. Eine Skulptur, vielleicht
aus Butter? Längst schon gemacht. Ein
Stück von sich abschneiden? Schon gemacht, zum Glück. Ein Foto von nichts,
ohne Kamera? Auch schon gemacht.
Gute zehn Minuten geht dieses Frageund-Antwort-Spiel. Die Protagonisten des
Kurzfilms sind vier Künstler, die in einem
Garten um ein sehr kleines Tischchen herum sitzen, rauchen – und überlegen, was
sie als nächstes tun könnten. Doch auf jeden Vorschlag folgt, wie ein Mantra, der
Satz: «Schon gemacht.» So belustigt sich
das polnische Künstlerquartett, das sich
Supergrupa Azorro nennt, über den Innovationsterror in der Kunst.
Von 2001 bis 2010 drehten Oskar Dawicki, Igor Krenz, Wojciech Niedzielko und
Lukasz Skapski vordergründig alberne,
aber durchaus hintergründige Filmchen,
in denen gefragt wird, was der Künstler
soll, kann und darf. Das Schlachthaus-
Theater zeigt eine Auswahl von neun Filmen, darunter «Darf ein Künstler alles?».
Darin spucken die vier von einer Autobahnbrücke, gehen bei Rot über den Zebrastreifen oder malen auf einem Ausstellungsplakat Andy Warhol einen Schnauz
– bewusst harmlose Grenzüberschreitungen in einem Land, in dem Zensur lange
nichts Aussergewöhnliches war.
Die vier geben sich in ihren Videos
gerne naiv, so auch in «Es gefällt uns
sehr»: Sie betreten Galerien und Museen,
und wenn sie herauskommen, kommt aus
ihnen nichts anderes heraus als: «Es gefällt mir sehr. Grossartig. Super.» Doch
die Sprache ist nicht immer nur eine klägliche Krücke im Werk der Supergrupa,
denn es gibt auch noch das Roadmovie
«Pyxis Systematis Domestici Quod Dicitur». Die Gruppe fährt darin nach Wien –
und unterhält sich auf der Reise mit Kioskfrauen, Kellnerinnen und Dörflern auf Lateinisch, egal in welchem Land. Es hat seinen ganz eigenen Reiz, wie einer in einer
angeblich toten Sprache ein Snickers
kauft. Über die Kunst in kurzen Filmen
nachdenken? Längst schon gemacht.
Aber längst nicht immer so gut. (reg)
Schlachthaus-Theater 2., 3., 9. und
10. Februar, jeweils 17 bis 19 Uhr.
Klassik Hommage an Witold Lutoslawski
Bühne «Bunny»
Bis in die Noten unzerstörbar
«Ich bin eine tickende Zeitbombe»
Lutoslawskis expressive
Musik spiegelt den Geist
eines Komponisten, dem das
Leben nichts ersparte.
Das Stadttheater Bern zeigt
den herben Teenagermonolog «Bunny» des preisgekrönten Dramatikers Jack Thorne.
Wenn man ihn doch fragen könnte, wie
er das alles ausgehalten hat. Und weshalb er nicht zerbrochen ist.
Vor 100 Jahren kam Witold Lutoslawski in Warschau auf die Welt. Seine Mutter war Medizinerin, sein Vater Pianist
und politisch aktiv: Er organisierte den
Widerstand gegen die russische Besetzung in Polen. Witold erlebte, wie man
seinen Vater 1915 verhaftete und später
hinrichtete. Da war er fünährig, spielte
bereits Klavier und Violine und zeigte
Talent beim Improvisieren. Mit 9 kam
das Komponieren dazu. Später studierte
er am Warschauer Konservatorium, belegte «nebenbei» Mathematik-Vorlesungen. Lutoslawskis Opus 1 entstand 1938,
die «Symphonischen Variationen». Das
Berner Symphonieorchester (Leitung
Andrey Boreyko) wird sie im Kultur-Ca-
sino aufführen. Dazu das vierteilige Cellokonzert, das Lutoslawski Ende der
1960er-Jahre komponierte.
Es beschwört eine Konfliktsituation
zwischen Orchestertutti und Solist herauf: Da wird zwischen den Registern intrigiert, getrotzt, gedonnert. Im Finale
lassen Bläser und Schlagzeug Fortissimo-Kaskaden über das klagende Cello
einbrechen. Starke, expressive Klänge,
modern und verständlich. Oder meint
Lutoslawski mehr als die Musik der Notenwerte? Meint er mit den ungleichen
Klangparteien die durch einen Staatsapparat gefährdete Humanität? Wenn man
ihn doch fragen könnte.
Der russische Cellist Mstislav Rostropowitsch spielte den Solopart bei der
Uraufführung des Cellokonzerts in London. In Bern wird es Rostropowitschs
letzter Student tun, der Meistercellist
Ivan Monighetti. Es dürfte der Hommage eine besondere Authentizität verleihen. (mks)
Kultur-Casino Do, 31. 1./ Fr 2. 2., 19.30 Uhr.
Programm: www.konzerttheaterbern.ch
Der polnische Komponist Witold
Lutoslawski (1913–1994). Foto: zvg
Ein schwüler Nachmittag, ein Zusammenstoss, eine Glace, die auf den Boden
fällt, eine gefährliche Autofahrt: HighNoon in einer britischen Kleinstadt. Was
Katie, die mit ihrem Freund und dessen
Kollegen unterwegs ist, alles durch den
Kopf geht, hat der britische Dramatiker
Jack Thorne zu einem dichten Monolog
verarbeitet. Im Gedankenstrom der
16-Jährigen schwimmt alles mit, der
erste Sex, der tägliche Frust, der Stress
und der Rassismus, der in ihrer Heimatstadt so selbstverständlich ist wie Gewalt und Arbeitslosigkeit.
Katie redet drauflos in einer beiläufigen Sprache der unfertigen Sätze, in
denen sich ihr Gemütszustand spiegelt.
Noch ist sie in der Erwachsenenwelt nicht
angekommen, noch ist sie ein halbes
Kind, dessen Empfindungen längst nicht
kongruent mit seinem Handeln sind. Alsdann landet das Mädchen in einer Konstellation, in der die Katastrophe nur ein
Fingerschnippen entfernt ist.
Mit «Bunny» ist Thorne eine überzeugende Momentaufnahme aktueller Teenagernöte gelungen. Seltsam unbeteiligt
schaut die junge Frau zu, wie sie macht,
was sie eigentlich nicht will, und sich dabei nicht einmal besonders unwohl
fühlt. Es ist diese Ambivalenz, die Thornes kurzen Text so aufregend macht und
gleichzeitig so authentisch. Denn der
preisgekrönte Dramatiker liefert weder
ein Teenagerdrama noch Erklärungen.
Seine Katie scheint ihm immer noch
einen Schritt voraus zu sein. Gleichzeitig ist sie keine Heldin, sondern vielmehr ein unauffälliger Teenie.
«Ich bin eine tickende Zeitbombe»,
sagt Katie einmal. Mit «Bunny», das am
Stadttheater Bern als Schweizer Erstaufführung inszeniert wird, kartografiert
Thorne das alltägliche Minenfeld, dem Jugendliche heute ausgesetzt sind. (bnb)
Vidmarhallen 12. Februar, 19.30 Uhr.
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