schönberg skrjabin wagner - Die Münchner Philharmoniker

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ERÖFFNUNGSKONZERT
FESTIVAL MPHIL 360°
SCHÖNBERG
»Begleitmusik zu
einer Lichtspielszene«
SKRJABIN
»Prométhée.
Le Poème du Feu«
WAGNER
»Die Walküre«
I. Aufzug
GERGIEV, Dirigent
MATSUEV, Klavier
KAMPE, Sopran
BOTHA, Tenor
PAPE, Bass
PHILHARMONISCHER
CHOR MÜNCHEN
Freitag
13_11_2015 20 Uhr
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ARNOLD SCHÖNBERG
»Begleitmusik zu einer Lichtspielszene« op. 34
Drohende Gefahr – Angst – Katastrophe
(in einem Satz)
ALEKSANDR SKRJABIN
»Prométhée. Le Poème du Feu«
(Prometheus. Dichtung vom Feuer)
für Klavier, Chor und großes Orchester op. 60
RICHARD WAGNER
»Die Walküre«
Erster Tag des Bühnenfestspiels »Der Ring des Nibelungen«
Konzertante Aufführung des ersten Aufzugs
VALERY GERGIEV, Dirigent
DENIS MATSUEV, Klavier
ANJA KAMPE, Sopran
JOHAN BOTHA, Tenor
RENÉ PAPE, Bass
PHILHARMONISCHER CHOR MÜNCHEN,
Einstudierung: Andreas Herrmann
118. Spielzeit seit der Gründung 1893
VALERY GERGIEV, Chefdirigent
PAUL MÜLLER, Intendant
2
Man Ray: Arnold Schönberg (1927)
Arnold Schönberg: »Begleitmusik zu einer Lichtspielszene«
3
(K)eine Begleit­musik zu (k)einer
Lichtspielszene
MARCUS IMBSWEILER
ARNOLD SCHÖNBERG
(1874–1951)
»Begleitmusik zu einer Lichtspielszene«
op. 34
Drohende Gefahr – Angst – Katastrophe
(in einem Satz)
LEBENSDATEN DES KOMPONISTEN
Geboren am 13. September 1874 in Wien;
gestorben am 13. Juli 1951 in Los Angeles.
ENTSTEHUNG
1929 erhielt Schönberg vom Magdeburger
Musikverlag Heinrichshofen’s, der bereits
mehrere Stimmungs- und Begleitmusiken
für Stummfilme verlegt hatte, den Auftrag
zur Komposition einer Filmmusik. Schönbergs Werk, dem der Komponist den etwas
umständlichen Titel »Begleitungsmusik zu
einer Lichtspielszene« gab, entstand zwischen 15. Oktober 1929 und 14. Februar
1930 und wurde noch im selben Jahr von
Heinrichshofen’s gedruckt.
URAUFFÜHRUNG
Am 6. November 1930 in Berlin in der Kroll­
oper (Orchester der Krolloper Berlin unter
Leitung von Otto Klemperer); eine (bisher
ungesicherte) Aufführung soll allerdings
Arnold Schönberg: »Begleitmusik zu einer Lichtspielszene«
4
bereits am 28. April 1930 in Frankfurt /
Main stattgefunden haben (Frankfurter
Rundfunkorchester unter Leitung von Hans
Rosbaud). Schönberg selbst war bei der
Berliner (Ur-)Aufführung krankheitshalber
nicht anwesend und hat das Werk möglicherweise nie gehört. Eine filmische Umsetzung seiner Komposition fand erst in
den 70er Jahren statt.
Arnold Schönberg war kein Kinoverächter.
Er schätzte die Filme Charlie Chaplins
(nicht dessen Musik !), auch Harold Lloyd
und die Marx Brothers; doch an die Ton­
filme der 20er Jahre stellte er höhere Ansprüche. Von ihnen erhoffte er sich nichts
Geringeres als »die Wiedergeburt der
Künste« und vor allem Adaptionen der
Weltliteratur, etwa von Werken Balzacs,
Strindbergs, Goethes – oder gar Wagners
»Parsifal« ! Dieses Eintreten für ein Kino
unter Führung des Worts, ein wuchtiger
Gegenentwurf zur »niedrigsten Art von
Unterhaltung« in zeitgenössischen Film­
palästen, verrät, wie stark – und einseitig
– Schönberg auf die literarische Seite eines
Mediums setzte, das doch aus dem Zusammenwirken von optischen, musikalischen
und sprachlichen Eindrücken besteht. Offenbar bereitete ihm das Aufgehen der
etablierten Einzelkünste in der Melange
des Tonfilms Unbehagen.
FILMMUSIK OHNE FILM
Seine hoch fliegenden Erwartungen wurden denn auch enttäuscht: »Wie hatte ich
mich geirrt !«, schrieb er rückblickend
1940. »Die Filmproduktion blieb eine Industrie, die erbarmungslos jeden künstlerischen Zug als gefährlich unterdrückte.«
Und so wurde Schönberg, im Gegensatz zu
vielen Kollegen, kein Filmkomponist – auch
wenn es zweimal fast geklappt hätte. 1935
ließ er den Vertrag über die Musik zu »The
Good Earth« nach Pearl S. Buck platzen;
lediglich einige Themenskizzen fanden sich
im Nachlass. Fünf Jahre zuvor war er mit
der »Begleitmusik zu einer Lichtspielszene« einer Bitte des Musikverlags Heinrichshofen’s um die Komposition einer
Stummfilm-Partitur nachgekommen. Bloß
Arnold Schönberg: »Begleitmusik zu einer Lichtspielszene«
5
illustrative Musik jedoch wollte der Komponist nicht liefern. Und so schrieb er ein
dreiteiliges Werk, das sich auf keine konkrete Filmszene bezieht und ihrer nicht mal
bedarf; die Teilüberschriften »Drohende
Gefahr – Angst – Katastrophe« sind Wegweiser genug. Es handelt sich bei der »Begleitmusik«, die keine ist, um einen Durchlauf durch drei Stadien einer imaginären
Filmhandlung. Als tönendes Pendant zu
einer »Lichtspielszene« ergänzt sie diese
nicht, sondern vermag sie zu ersetzen.
SCHAUSEITE
UND BINNENSTRUKTUR
Dass Schönberg derart auf die Verlags­
anfrage reagierte, ist typisch; typisch auch,
wie er seinen eigenen Anspruch einlöste,
ein emotional aufgeladenes, quasi »szenisches« Psychogramm zu entwerfen. Denn
das Effektvolle dieser Musik, ihre »Schau­
seite« – nervöses Schlagwerk, Streichertremoli, dumpfe Gongs, grelle Klangflecken
– wird durch eine kühl konstruierte Binnenstruktur aufgefangen. Opus 34 ist, wie die
meisten Werke der Berliner Zeit, zwölftönig
angelegt, ohne dass diese Ordnung das Ziel
abgibt: Sie bleibt stets Mittel. Das zeigen
beispielhaft die beiden ersten Takte.
Schönberg bedient sich dort aller zwölf
Töne der chromatischen Leiter, gruppiert
sie aber so, dass sie zu Vorboten der »Drohenden Gefahr« werden: anschwellendes
Celli-Bratschen-Tremolo, angstvolle Fagott­seufzer, Unheil verkündendes Bass-­
Pizzicato, dazu nackte Tontupfer in Klavier, Horn und Posaune. Die zwölftönige
Bindung wirkt strukturgebend nach innen;
alle Paradigma wie Instrumentalfarbe, Artikulation, Tonlänge und Register stehen
im Dienst von Stimmung und Atmosphäre.
INNERE, NICHT ÄUSSERE
KATASTROPHEN
Nach der anfänglichen Heteronomie der
musikalischen Gedanken, die in ihrer Ziellosigkeit auf eine herandämmernde, noch
nicht akute Gefahr verweisen, vereinheitlicht sich im zweiten Abschnitt die Faktur.
Motivwiederholungen sind hier bestimmend; mithilfe jagender Triolenfiguren
hätte wohl auch die Mehrzahl »echter«
Filmkomponisten »Angst« dargestellt. Eine
letzte Beschleunigung – und die »Kata­
strophe« tritt vergleichsweise konventionell ein, nämlich im Zuge eines gewaltigen,
durch Flatterzunge aufgerauten Crescendo in den Blechbläsern. Nach einer Paraphrase des »Schicksalsmotivs« aus Beet­
hovens 5. Symphonie und einem »fal­schen«
B-A-C-H-Zitat gelingt jedoch Schönberg
ein verblüffender Effekt, indem er einer
ruhig sich entfaltenden Melodie in den tiefen Streichern und Fagotten Raum gibt. Im
Nachhall des Lautstärke-Maximums, umgeben von gepressten Bläserakkorden und
dumpfen Tamtam-Schlägen, wirkt dieser
Ge­
s ang alles andere als befreit, eher
fatalistisch-ergeben, wie die Fügung in ein
arges Schicksal. Einmal mehr wird deutlich,
worin Schönberg die Stärke jeder Kunst
sah, des Films wie der Musik: nicht in der
Bebilderung von Katastrophen, sondern in
der Darstellung dessen, was sie in uns auslösen.
Arnold Schönberg: »Begleitmusik zu einer Lichtspielszene«
6
Aleksandr Skrjabin nach der Fertigstellung der Partitur zu »Prométhée« (1910)
Aleksandr Skrjabin: »Prométhée«
7
Erlösung durch
die Kunst
IRINA PALADI
ENTSTEHUNG
ALEKSANDR SKRJABIN
(1872–1915)
»Prométhée. Le Poème du Feu«
(Prometheus. Dichtung vom Feuer)
für Klavier, Chor und großes Orchester
op. 60
LEBENSDATEN DES KOMPONISTEN
Geboren am 6. Januar 1872 (25. Dezember
1871) in Moskau; gestorben am 27. April
1915 (14. April 1915) in Moskau.
ORIGINALTITEL
»Prométhée« – Le Poème du Feu – pour
grand orchestre et piano avec orgue,
choeurs et clavier à lumières op. 60 (»Prometheus« – Dichtung vom Feuer – für großes Orchester und Klavier mit Orgel, Chor
und Farbenklavier op. 60).
Das letzte (vollendete) symphonische Werk
Skrjabins wurde im Herbst 1908 in Brüssel
begonnen; Fertigstellung der Partiturreinschrift im Sommer 1910 in Moskau.
URAUFFÜHRUNG
Am 15. März 1911 (2. März 1911) in Moskau (1909 eigens für die Aufführung von
Skrjabins Werken gegründetes Symphonieorchester unter Leitung seines Chefdirigenten Sergej Kussewitzkij). Da die Kon­
struktion des von Skrjabin geforderten
Farbenklaviers (auch »Lichtklavier« genannt) erhebliche Schwierigkeiten bereitete und zum Zeitpunkt des Konzerts noch
nicht abgeschlossen war, fand die Uraufführung ohne Farbenklavier statt; die erste Aufführung mit Farbenklavier wurde am
20. März 1915, wenige Wochen vor Skrjabins Tod, in der New Yorker Carnegie Hall rea­
lisiert (New Yorker »Russisches Symphonie-­
Orchester« unter Leitung von Skrjabins
Moskauer Studienkollegen Modest Altschuler).
Aleksandr Skrjabin: »Prométhée«
8
BEFREIUNG DES GEISTES
Unter den Komponisten des Fin-de-Siècle
ragt der Russe Aleksandr Skrjabin als einer
der interessantesten und originellsten hervor. Bereits früh schirmte sich der Einzelgänger und höchst sensible Künstler vom
realen Leben ab, mied bewusst jeden Kontakt mit der Außenwelt und der Musik anderer und zog sich in seine von Phantastik
und Utopie bestimmte Welt, ja in seinen
Elfenbeinturm zurück.
Skrjabins Denkweise wurde hauptsächlich
von zwei philosophisch-literarischen Richtungen geprägt, die im Russland der Jahrhundertwende eine überaus wichtige Rolle
spielten: Mystik und Symbolismus. Entscheidende Impulse kamen auch seitens
der von Auslandsrussen propagierten mystischen Theosophie, unter deren Einfluss
Skrjabin seit etwa 1904 stand.
Als individualistischer Künstler hatte
Skrja­bin sein eigenes Credo, das seine
Werkkonzeption bestimmte. Überzeugt
vom mythischen Sendungsauftrag der Musik, der Kunst allgemein und letztendlich
von seiner eigenen Berufung verfolgte
Skrjabin nahezu fanatisch ein Leben lang
sein höchstes Ziel: die geistige und sitt­
liche Erneuerung der Menschheit durch die
magische Kraft der Kunst, wobei nach seiner Überzeugung die Befreiung des Geistes
und implizit die endgültige Erlösung nur im
Zustand des ekstatischen Erlebens zu erreichen seien.
Als unmittelbare musikalische Umsetzung
seiner philosophisch-theosophischen
Überlegungen schwebte Skrjabin ein komplexes großes Werk vor, das sogenannte
Mysterium, das alle Künste vereinen würde. Ort der Aufführung sollte Tibet sein,
stellvertretend für die ganze durch die
Kunst zu erlösende Welt. Alle ab etwa 1905
entstandenen Werke betrachtete der Komponist als Vorbereitungsphasen für das
Mysterium, dessen Verwirklichung allerdings bis zum Tode Skrjabins permanente
Utopie blieb.
PROMETHEUS:
SYMBOL DES EWIGEN
­ CHÖPFERISCHEN PRINZIPS
S
Diese »Entwürfe« kulminieren in der symphonischen Dichtung »Prométhée« (1910
in Moskau beendet), einem Werk, das dem
Mysterium-Aspekt und seiner ausgeprägten Tendenz zur Vereinigung der Künste
wohl am nächsten kommt. Ein Programm im
eigentlichen Sinne hat Skrjabin dazu nie
formuliert. Doch seine zahlreichen Kommentare und metaphorischen Beschreibungen einzelner Themen und Abschnitte verdeutlichen den Ideengehalt des Poems. Der
Titan Prometheus wird als archetypischer
Charakter, als Name und Symbol für die
immer wiederkehrende Idee des universellen schöpferischen Prinzips aufgefasst.
Die Tatsache, dass von allen kosmischen
und Naturelementen das Feuer als höchste
aktive Energie des Universums ausgewählt
und herausgestellt wurde, hängt primär
mit der theosophischen Lehre zusammen,
die auf Skrjabin magischen Einfluss ausübte. Helena Blavatskys »Schlüssel zur
Theosophie« – in dem zwischen Prome­
theus’ schöpferischer Tat und Christus’
Lehre eine Parallele gezogen wird – war für
Skrjabin bereits 1904/05 der entscheidende Anstoß zu einer Komposition mit Feuersymbolik.
Die einzige von Skrjabin autorisierte Werk­
einführung zu »Prométhée« (1913 anläss-
Aleksandr Skrjabin: »Prométhée«
9
Bei der Londoner Erstaufführung 1912 wurde »Prométhée« gleich zweimal aufs Programm gesetzt
Aleksandr Skrjabin: »Prométhée«
10
lich der Londoner Aufführung verfasst)
stammt übrigens von der englischen Theosophin Rosa Newmarch. Eine Art Leitmotiv
bildet hier die Idee von Kampf und Leiden,
die im Triumph aufgehen. Doch Tenor des
Ganzen ist der Schöpfungsprozess – er
wird nach mystisch-theosophischer Welt­
anschauung gedeutet: »Die Menschenrassen waren zu Beginn noch nicht vom Feuer
des Prometheus erleuchtet, waren physisch unvollendet, denn sie besaßen nur
Schatten von Körpern: sie waren sündlos,
weil ohne bewusste Persönlichkeit, in theosophischen Worten: ohne Karma. Die Gabe
des Prometheus befreite sie aus diesen Umständen – das Feuer weckte die bewusste
Schaffenskraft des Menschen auf.«
SUCHE NACH NEUEN KLÄNGEN
Dass für ein solch anspruchsvolles Kunstvorhaben gewöhnliche tonale Ausdrucksmittel nicht mehr genügten, ist wohl klar.
Ein intensives geistiges Suchen nach einem
neuen System der Klangorganisation begleitete all die Jahre Skrjabins philosophisch-­
mystische Beschäftigungen. In zahlreichen
Klavierstücken hatte der Komponist seine
neuen Klangvorstellungen vorsichtig erprobt, bevor er sie in »Prométhée« endgültig
festlegte. Anstelle der funktional-tonalen
Harmonik trat hier ein sogenanntes Klangzentrum, das mit den herkömmlichen Kompositionsregeln nichts mehr gemeinsam hat.
Skrjabins Streben nach Befreiung des Geis­
tes und nach Loslösung von der Materie entspricht auf musikalischer Ebene eine Lösung
von der traditionellen Tonordnung. Grundlage seiner neuen Harmonik-Konzeption,
die man gewöhnlich als mystisch oder prometheisch bezeichnet, bildet der mystische Akkord, ein Auftürmen von Quart­
verbindungen. Der Akkord kann sowohl im
Vertikalen als auch im Horizontalen und
darüber hinaus in allen möglichen Umkehrungen, Lagen und Transpositionen vorkommen (eine Kompositionstechnik, die an
Arnold Schönbergs »Zwölftonlehre« von
1921 erinnert).
KLANGZENTRUM:
EIN NEUES HÖRERLEBNIS
Skrjabin erhebt das Klangzentrum zum
formbildenden Prinzip, denn in »Prométhée« gibt es praktisch keine Stelle, die
nicht daraus abzuleiten ist. Dem Klangzentrum A-Dis-G-Cis-Fis-H (in Umkehrung auf
G beginnend) begegnet man bereits in den
geheimnisvollen Anfangstakten. Vertikales
und horizontales Denken und Hören – für
Skrjabin ohnehin zwei Seiten eines Prinzips
– fließen dabei ineinander über: Die Hörner
übernehmen die sechs Töne dieses »mystischen Akkords« und legen sie zur melodischen Linie auseinander. Aber nicht nur in
harmonischer, sondern auch in formaler
Hinsicht tendiert Skrjabin nach Loslösung
von traditionellen Schemata. Er entwirft
ein frei gestaltetes Sonaten-Modell und
versieht dessen 17 verschiedene Abschnitte mit außermusikalisch-bildhaften Überschriften in französischer Sprache, wie
z. B. »contemplatif«, »très animé«, »avec
émotion et ravissement«.
Zahlreiche kontrastierende Themen wechseln fortwährend miteinander ab, so dass
ihre genaue Abgrenzung nicht möglich ist.
Auf das Thema des Prometheus in den Hörnern (»calme«), folgen das Thema des Willens in der Trompete (»impérieux«, gebieterisch) und das Thema der Vernunft
(»contemplatif«). Die immer wechselnden
Konstellationen der Motive werden in kleinste Fragmente zersplittert, neu zusammengefügt und dabei Veränderungen unterzo-
Aleksandr Skrjabin: »Prométhée«
11
Skrjabin am Klavier, Skizze von Leonid Pasternak (1909)
gen. Das Ergebnis dieser einzigen Metamorphose des thematisch-rhythmischen Materials ist ein Hörerlebnis ganz besonderer
Art. Ein eklatantes Beispiel dafür ist das
Thema des Prometheus bzw. des schöpferischen Prinzips: Das zunächst von den
Streichern im Pianissimo gedämpft gespielte Motiv legt einen weiten Weg zurück,
bevor es sich am Schluss in einer triumphalen Apotheose entlädt. Skrjabin verzichtet
hier ganz bewusst auf die dissonant-­
schmerzhafte Prometheus-Harmonik und
fasst das Finale als mächtigen konsonanten Klang auf. Die Stimmungsumschwünge,
denen die mythologische Figur unterworfen war, das Undeutliche, der leidenschaftliche Kampf, erfahren am Ende in dem
strahlenden Fis-Dur-Klang eine Verwandlung. Das phantastische Spiel des Geistes
hat endlich die höchste Stufe – die Befrei-
ung – erreicht. Unmittelbar davor leuchtet
das prometheische Thema, das rettende
Feuer, getaucht in eine Vielfalt orchestraler Farben kurz in der Trompete auf. Der
gigantische Klangapparat wird im Finale
durch den Einsatz des vierstimmigen Chors
abermals verstärkt. In Anlehnung an die
symbolistische Idee vom Verzicht auf die
Mitteilungsfunktion der Sprache lässt
Skrjabin den Chor ausschließlich auf Vokalisen singen.
MUSIK, BEWEGUNG, FARBE
Skrjabins Erneuerungen beschränkten sich
nicht nur auf musikalische Parameter. Da
das höchste Ziel – Befreiung des Geistes in
Ekstase – die Wiedervereinigung der zerstreuten Künste voraussetzt, brach der
Komponist aus dem rein Musikalischen aus.
Aleksandr Skrjabin: »Prométhée«
12
In »Prométhée«, der allerdings nur eine
Stufe auf dem Weg zum endgültigen Mysterium darstellt, findet nur eine teilweise
Vereinigung der Künste statt: Zu der Musik
gesellen sich tänzerische Bewegungen (von
Skrjabin nur vage entworfen) und ein magisches mysteriöses Spiel der Farben. Eine
öffentliche Vorführung des dreidimensionalen Werks fand jedoch nie statt. In der
Kombination Klang-Farbe wurde das Werk
gelegentlich aufgeführt.
Ausgangspunkt für die Korrespondenz von
Farben und Tönen waren einerseits die alte
Lehre der universellen Farbenharmonie und
andererseits die verschiedenen musikalisch-­
kosmologischen Spekulationen, die Musiktheoretiker und Mathematiker bis spät ins
19. Jahrhundert gleichermaßen begeisterten. Die Idee des Farbenhörens bzw. der
Synästhesie – im weitesten Sinne versteht
man darunter die Verbindung aller Sinnesempfindungen – war damals sehr verbreitet. Man entwarf zahlreiche Farb-Ton-­
Tabellen, in denen Tonarten, aber auch
einzelnen Tönen bestimmte Farben zugeordnet wurden. Die 1895 gebaute und
1905 verbesserte Colour-Organ (ein Farbenklavier) des Engländers Alexander Wallace Rimington (1854–1914) gab Skrjabin
womöglich den entscheidenden Anstoß zur
Einbeziehung des merkwürdigen Instruments in die »Prométhée«-Partitur.
Skrjabins synästhetisches System in »Prométhée« beruht auf dem natürlichen Farbspektrum in Verbindung mit dem Quintenzirkel (C = rot, G = orange-rosa, D = gelb,
A = grün usw.). Das Spiel der Farben und
Töne legt der Komponist zweistimmig in
traditioneller Notation fest und bezeichnet
es als »Luce-Partie«. Während die Oberstimme (rechte Hand des Farbenklaviers)
in direkter Korrespondenz mit dem mysti-
schen Akkord steht (die Farbe wechselt
simultan mit jedem Wechsel des Klangzentrums, d. h. etwa alle zehn bis zwölf Takte),
bewegt sich die untere Stimme (linke Hand)
unabhängig davon in langen Orgelpunkten
und liefert einen Farbhintergrund, der das
gesamte Farbspektrum durchläuft. Gleichzeitig mit dem Spielen der Töne werden die
Farben auf eine Leinwand projiziert.
»PROMÉTHÉE«: EIN AUSSER­
ORDENTLICHES EREIGNIS
Die Uraufführung des »Prométhée« am 15.
März 1911 in Moskau fand wegen technischer Probleme ohne das vorgeschriebene
Farbenklavier statt. Erst bei der New Yorker Aufführung vier Jahre später konnte
ein von Rimington gebautes Instrument
herangezogen werden. Das Klavier und die
Leinwand, die mit Farbprojektionen angestrahlt wurde, gaben jedoch nur einen Abglanz von Skrjabins künstlerischen Intentionen wieder.
Beide Aufführungen riefen übrigens Befremden hervor – gewiss nicht allein wegen
der unvollständigen technischen Realisation. Skrjabins Bruch mit dem bewährten
Dur-Moll-System, der Neuheit seiner
Klangsprache konnten die Zuhörer damals
zumeist nicht folgen. Und dass während
der Moskauer Uraufführung eine Hörerin
eine Herzattacke erlitt, bestätigte darüber
hinaus das Publikum in seinem Glauben,
Skrjabins Musik sei krankhaft.
Dennoch sorgten die wenigen positiven Reaktionen für einige begeisterte Rezensionen: Die Moskauer Uraufführung von »Prométhée« wurde als außerordentliches Ereignis hervorgehoben, das Werk selbst als
absolutes Novum auf dem Gebiet der Tonkunst gedeutet.
Aleksandr Skrjabin: »Prométhée«
13
»Braut und
Schwester bist du
dem Bruder«
PETER JOST
LEBENSDATEN DES KOMPONISTEN
RICHARD WAGNER
(1813–1883)
»Die Walküre«
Erster Tag des Bühnenfestspiels
»Der Ring des Nibelungen«
konzertante Aufführung
des ersten Aufzugs
Geboren am 22. Mai 1813 in Leipzig; gestorben am 13. Februar 1883 in Venedig.
ENTSTEHUNG
Dichtung und Komposition der Tetralogie
»Der Ring des Nibelungen« beschäftigten
Wagner vom ersten Handlungsentwurf bis
zur letzten Partiturseite über einen Zeitraum von mehr als drei Jahrzehnten. Im
November 1851 teilte er Franz Liszt erstmals den Plan eines auf vier Tage konzipierten Bühnenfestspiels mit und entwarf noch
im selben Monat Prosaskizzen zu »Das
Rheingold« und »Die Walküre«; 1852 wurden beide Dichtungen in Wagners Zürcher
Exil abgeschlossen, und bereits am 15.
Dezember 1852 lag die vollständige
»Ring«-Dichtung vor. Bis Mai 1854 arbeitete Wagner noch an der Orchesterskizze
des »Rheingold«, um dann auf die Komposition der »Walküre« vorzugreifen, deren
Orchesterskizze er am 27. Dezember 1854
abschloss. Unterbrochen von Konzertreisen konnte Wagner die vollständige Parti-
Richard Wagner: »Die Walküre«
14
Clementine Stockar-Escher: Portrait Richard Wagners im Züricher Exil (um 1853)
Richard Wagner: »Die Walküre«
15
turreinschrift der »Walküre« erst am 23.
März 1856 in Zürich beenden.
WIDMUNG
Wagner widmete die »Die Walküre« seinem
Freund und Förderer König Ludwig II. von
Bayern (1845–1886). Er fasste die Widmung in ein langes, aus sieben Strophen
bestehendes Gedicht mit dem Titel »Dem
Königlichen Freunde«, datiert: »Starnberg, im Sommer 1864«. Innerhalb des
kompletten »Ring«-Zyklus hat die Widmung
den verkürzten Wortlaut: »Im Vertrauen
auf den deutschen Geist entworfen und
zum Ruhme seines erhabenen Wohlthäters,
des Königs Ludwig II. von Bayern, vollendet
von Richard Wagner« (im Erstdruck der
Partiturausgabe des 4-teiligen Gesamtwerks).
URAUFFÜHRUNGEN
Konzertante Ausschnitte (darunter »Winterstürme wichen dem Wonnemond« aus
dem ersten Aufzug): Am 26. Dezember
1862 in Wien (Dirigent: Richard Wagner).
Erste szenische Aufführung: Am 26. Juni
1870 in München (Dirigent: Franz Wüllner;
Inszenierung: Reinhard Hallwachs; Bühnenbilder: Heinrich Döll, Christian Jank und
Angelo Quaglio; Kostüme: Franz Seitz);
Wagner war der von ihm unerwünschten
Aufführung bewusst ferngeblieben, weil er
einer Uraufführung der »Walküre« im Rahmen der ersten Gesamtaufführung des
»Ring des Nibelungen« den Vorzug gegeben hätte. Erste Aufführung innerhalb des
kompletten »Ring«-Zyklus: Am 14. August
1876 in Bayreuth (Dirigent: Hans Richter).
INHALT DES ERSTEN AUFZUGS
Vorspiel und erste Szene: Das Orchester
setzt mit einem heftigen Sturmmotiv ein.
Als der Sturm sich allmählich legt, tritt
Siegmund auf. Von seinen Feinden verfolgt,
sucht er waffenlos und verletzt in einer
Hütte Zuflucht, die um eine große Esche
herum gebaut ist. Die Hausherrin, Sieglinde, bemerkt ihn und bietet ihm einen Trank
zur Erfrischung. Sie gibt ihm kund, dass er
sich im Hause Hundings befinde. Siegmund
berichtet, dass er vor seinen Feinden geflohen sei, nachdem ihm Speer und Schild
zertrümmert waren. Beide fühlen sich nach
dem ersten Blickkontakt zueinander hingezogen.
Zweite Szene: Sieglindes Mann Hunding
kehrt heim und erkundigt sich nach dem
Fremden. Er gewährt ihm Gastrecht,
misstraut ihm aber, zumal er eine Ähnlichkeit zu seiner Frau zu erkennen glaubt.
Aufgefordert, seine Herkunft preiszugeben, nennt sich der Gast Wehwalt, Sohn
Wolfes, und erzählt, wie er mit seinen Eltern und seiner Zwillingsschwester im Wald
lebte, bis eines Tages Feinde die Mutter
töteten und die Schwester entführten. Im
Kampf von seinem Vater getrennt, irrt er
seither als Unheil bringender Außenseiter
durch die Welt. Jetzt ist er auf der Flucht
vor einer Sippe, die ein Mädchen gegen
ihren Willen mit einem ungeliebten Mann
verheiraten wollte; Siegmund erschlug die
Brüder des Mädchens und verlor auf der
Flucht vor ihren Verwandten seine Waffe.
Hunding stellt sich als Verbündeter dieser
Sippe vor und muss erkennen, dass er den
Verfolgten in seinem eigenen Haus vorfindet. Die kommende Nacht steht Siegmund
unter dem Schutz des Gastrechts, aber am
folgenden Tag will Hunding seinen ungebetenen Gast zum Zweikampf fordern. Mit
Richard Wagner: »Die Walküre«
16
dieser Ankündigung ziehen sich Hunding
und Sieglinde ins Schlafgemach zurück.
Dritte Szene: Siegmund bleibt allein und
ruft seinen Vater um Hilfe an, der ihm einst
ein Schwert versprochen hatte, das er in
der größten Not finden würde. Im Schein
des aufflackernden Feuers gewahrt er eine
glänzende Stelle im Stamm der Esche, auf
die Sieglinde zuvor mit ihrem Blick hingewiesen hatte. Wenig später kehrt Sieglinde
zurück; sie hat Hunding mit einem Schlaftrunk betäubt und erzählt Siegmund, wie
bei ihrer Hochzeit mit Hunding, an den sie
von ihren Entführern verschachert wurde,
ein geheimnisvoller Greis ein Schwert in
den Stamm der großen Esche stieß, das
bislang niemand herauszuziehen vermochte. Siegmund, in dem sie ihren Retter zu
erkennen glaubt, soll sich diese Waffe gewinnen. Als die große Tür der Hütte aufspringt und den Blick auf den vom Frühling
verwandelten Wald freigibt, kommt die
zwischen Siegmund und Sieglinde keimende Liebe elementar zum Ausbruch: »Winterstürme wichen dem Wonnemond«. Siegmund gibt sich als Sohn Wälses zu erkennen, und nachdem er das Schwert, das er
Nothung nennt, aus der Esche gezogen hat,
enthüllt Sieglinde, dass sie seine lang vermisste Zwillingsschwester ist. Von Leidenschaft überwältigt, sinken sich die Geschwister in die Arme: »So blühe denn
Wälsungen-Blut !« Mit einem kurzen Nachspiel des Orchesters endet der Aufzug.
VON DER EINZELNEN
»HELDENOPER« ZUR TETRALOGIE
Die Texte der vier Einzelteile des »Rings
der Nibelungen« entstanden in umgekehrter Reihenfolge ihrer Vertonung. 1848 entwarf Wagner den Plan zu einer »Heldenoper« in drei Akten über »Siegfrieds
Tod« (die spätere »Götterdämmerung«),
kam aber nach der Niederschrift des Textbuchs zunächst nicht über Einzelskizzen
zur Komposition hinaus. Im Mai 1851 entschied er sich, dem Bühnenwerk mit »Der
junge Siegfried« (dem späteren »Siegfried«) ein weiteres Stück voranzustellen.
Auch hier notierte er lediglich einige wenige musikalische Skizzen, denn nur wenige
Monate später entschloss er sich, den beiden Werken zwei weitere vorangehen zu
lassen: »Die Walküre« sowie »Das Rheingold«, das teilweise auch mit »Der Raub
des Rheingoldes« betitelt wurde. Auch für
»Die Walküre« hatte Wagner zeitweise Alternativtitel erwogen: »Geschichte der
Wälsungen« sowie »Siegmund und Sieglinde: der Walküre Bestrafung«, was zwar
weniger griffig erscheint, aber den Inhalt
des Dramas wesentlich genauer erfasst.
Komponiert wurden die Textbücher dann in
der Reihenfolge, in der sie chronologisch
aufeinander folgen, »Das Rheingold«
(1853–54) als Vorabend, »Die Walküre«
(1854–56) als Erster Tag, »Siegfried«
(1856–57, 1864–65, 1869–71) als Zweiter
Tag und »Götterdämmerung« (1869–74)
als Dritter Tag des Bühnenfestspiels.
DIE POSITION DER »WALKÜRE«
IM »RING«
Mit dem Entschluss, die Vorgeschichte zu
Siegfrieds Tod und zum Untergang des Göttergeschlechts am Ende des »Rings« in
eigenen Musikdramen darzustellen, erhielt
»Die Walküre« eine Schlüsselposition. Hier
werden zwei getrennte Handlungsstränge
zusammengeführt, nämlich die Wälsungen-­
Tragödie und der Wotan-Mythos. Hatte
Wagner zunächst sogar einen Auftritt Wotans in Hundings Hütte und damit eine unmittelbare Verbindung der Handlungsstränge vorgesehen, entschloss er sich
Richard Wagner: »Die Walküre«
17
Arthur Rackham: Sieglinde bewirtet Siegmund (Illustration von 1910)
Richard Wagner: »Die Walküre«
18
später für einen anderen Weg. Der erste
Aufzug bleibt allein den Menschen vorbehalten, von Wotan ist, ohne dass dessen
Name genannt wird, nur indirekt als »Wolf«
oder »Wälse« die Rede. Besucher des
»Rings«, die zunächst »Das Rheingold«
erlebt haben, werden nun Zeugen einer
gänzlich neuen Eröffnung. Die im ersten
Aufzug der »Walküre« auftretenden Figuren Siegmund, Sieglinde und Hunding sind
sämtlich unbekannt. Und die Handlung
scheint ohne Zusammenhang mit dem Raub
des Rheingolds vom Vorabend – erst im
zweiten Aufzug enthüllen sich Zug um Zug
die Zusammenhänge: Siegmund ist Wotans
Sohn, gezeugt, um mit seiner Hilfe als angeblich freier Held den Göttervater aus
einer prekären Situation zu retten: Das
geraubte Gold, das Wotan zur Bezahlung
seiner Götterburg seinerseits geraubt hatte, soll Siegmund zurückerlangen, um es
den Rheintöchtern zurückzugeben, ein
Plan, der, wie der weitere Verlauf der »Walküre« demonstriert, gründlich misslingt.
OPERNHAFTE KANTABILITÄT
DER SINGSTIMMEN
So sehr das Thema Macht den »Ring« dominiert, spielt doch die Liebe als Gegenpart
dazu eine große Rolle. Letztlich bildet ja
die brüske Zurückweisung von Alberichs
Liebeswerben durch die Rheintöchter sogar den Ausgangspunkt für die Handlung
des »Rings«: Machtgier als Ersatz für vergebliche Liebesmühen. Zwar enthalten
auch die Schlüsse von »Siegfried« und
»Götterdämmerung« große Liebesszenen,
jedoch wird deren Intensität durch den
ersten Aufzug der »Walküre« merklich
übertroffen. Hier ist die ganze Atmosphäre durch die aufkeimende Zuneigung zwischen Siegmund und Sieglinde einerseits
und die zunächst verborgene, dann immer
offener zu Tage tretende Abneigung zwischen Siegmund und Hunding beziehungsweise zwischen Sieglinde und Hunding andererseits geprägt. Emotionen, oder dramentheoretisch ausgedrückt: Affekte bestimmen die Handlung, und entsprechend
breiten Raum nimmt die Kantabilität der
Singstimmen ein, beides Elemente, die
stark an die traditionelle Oper erinnern,
von der sich Wagner im »Ring« abgrenzen
wollte, der er aber hier gleichsam eine Insel
des Gesanglichen reservierte. Wobei Handlung gleichsam in Anführungszeichen zu
setzen ist, denn die Szene wird weniger
von sichtbaren als von erzählten Aktionen
bestimmt. Siegmund wie Sieglinde, in abgeschwächter Form auch Hunding, berichten jeweils, was sie erlebt haben, wodurch
sich ihr Verhältnis zueinander erschließt.
GESCHLOSSENHEIT
DER PERSONENKONSTELLATION
Der erste Aufzug der »Walküre« weist eine
im gesamten »Ring« einzigartige Geschlossenheit auf: Geradezu lehrbuchmäßig realisiert Wagner die auf Aristoteles zurückgehenden Einheiten des klassischen Dramas: Einheit des Raums (Hundings Hütte),
der Zeit (Abend und Nacht desselben Tages) und der Handlung (Konzentration auf
das Verhältnis der drei Personen zueinander). Auch die Personenzusammenstellung
ist schlicht und folgt dem gängigen Muster
der Dreieckskonstellation: zwei Männer um
eine Frau. Allerdings geht es nicht um das
Liebeswerben zweier Rivalen, denn Hunding wurde Sieglinde gegen deren Willen
angetraut; entsprechend versteht er seine
Frau als Besitz, nicht als liebende und geliebte Partnerin. Ungewöhnlich ist ebenso
das zunächst nur geahnte, dann als Gewissheit offenbarte Verwandtschaftsverhältnis der Liebenden. Angesichts dessen,
Richard Wagner: »Die Walküre«
19
»Winterstürme wichen dem Wonnemond« als Postkartenmotiv
was Siegmund und Sieglinde an Leid erfahren mussten, ist ihnen die Sympathie des
Publikums sicher – trotz des Widerspruchs
der Handlung zur bürgerlichen Moral, die
eheliche Untreue und Inzest streng sanktioniert. Siegmunds Bekenntnis am Ende:
»Braut und Schwester bist du dem Bruder«
speist sich nicht zuletzt vom Gefühl der
wütenden Rache an all denen, die es übel
mit den Geschwistern meinten. Nicht von
ungefähr heißt es in der begleitenden Regie­
anweisung: »Er zieht sie mit wütender Glut
an sich«.
CHARAKTERISTIK DER PERSONEN
UND SITUATIONEN
Zwar stammt der Ausdruck »Leitmotive«
nicht von Wagner, jedoch tolerierte er diesen Begriff für die – so die eigene Bezeich-
nung – »melodischen Momente«, die die
Grundstruktur seiner Musikdramen bilden.
Die Namen dieser Leitmotive verdanken
sich der szenischen und ausdrucksmäßigen Situation, in der sie erstmals zu Gehör
kommen. Nichts könnte charakteristischer
sein als die Motive für die drei Personen
des ersten Aufzugs der »Walküre«. Das
»Siegmund-Motiv« erklingt zu Beginn der
ersten Szene, wenn laut Regieanweisung
der Held die Eingangstür öffnet und in
Hundings Hütte eintritt. Im Piano vorgetragen, prägen schmerzliche Halbtonschritte das Motiv, wobei die kurzen Tonwiederholungen in Horn und Trompete auf
einen Helden hindeuten; einen Helden freilich, der gebrochen scheint und maßloses
Leid erfahren hat. Auch die zweite Siegmund zugeordnete Tonfolge, das sogenannte »Wehwalt«-Motiv, ertönt leise und
Richard Wagner: »Die Walküre«
20
in Moll, die schmerzlichen Erfahrungen des
Wälsungen-Geschlechts widerspiegelnd.
Das »Sieglinde-­M otiv« erklingt, sobald
Hundings Frau die Situation des Fremden
erkennt. Bezeichnenderweise wird es auch
»Sieglindes Mitleidsmotiv« genannt, denn
die ausdrucksvolle, in den Streichern erklingende Gestalt drückt das Mitgefühl mit
dem fremden Gast unmittelbar aus. Ganz
anders dagegen das »Hunding-Motiv«, das
bereits im Orchester ertönt, bevor die Person selbst auftritt: eine kurze, signalartige
Tonfolge in den Blechbläsern, wilde Entschlossenheit symbolisierend und damit im
größten Gegensatz zu den verhaltenden
Strukturen des Zwillingspaares stehend.
IM ZENITH DER PUBLIKUMSGUNST
Unter den vier Musikdramen des »Rings«
ist »Die Walküre« mit Abstand das beliebteste. Diese Favoritenrolle bahnte sich bereits zu Wagners Lebzeiten an, als der Komponist aus Geldnot Darbietungen außerhalb
Bayreuths freigeben musste und dabei
Einzel-Aufführungen nicht verhindern konnte. Diese Vorliebe lässt sich auf die zen­
trale Rolle der Liebe in ihren unterschied­
lichen Ausprägungen zurückführen – im
ersten Aufzug die der Geschwister Siegmund und Sieglinde, im dritten diejenige
zwischen Wotan und seiner Tochter Brünnhilde, seiner Lieblingswalküre. Bei konzertanten Aufführungen steht wiederum der
erste Aufzug der »Walküre« an der Spitze
der Beliebtheit. Dies hängt zum einen mit
der erwähnten Geschlossenheit dieses
Teils zusammen, denn Musik und Handlung
sprechen für sich. Zwar tauchen einige der
Motive aus dem »Rheingold« auf, jedoch
nur punktuell – so das »Walhall-­M otiv«,
wenn Siegmund von seinem Vater Wälse
erzählt, der ja in Wahrheit niemand anderes als der Göttervater ist –, und keines-
wegs wesentlich für den Mitvollzug der
Handlung. Zum anderen hängt die Beliebtheit mit der opernnahen Musik zusammen,
denn fraglos erklingt im ersten Aufzug ein
Großteil der schönsten Melodien des gesamten »Rings«. Das Motiv der »Liebe«
(auch als »Wälsungenliebesmotiv« bezeichnet) erklingt nach seinem ersten Auftritt im Solo-Cello, als sich Siegmund und
Sieglinde erstmals tief in die Augen schauen, in zahlreichen Varianten und durchzieht
den ganzen Aufzug wie ein roter Faden. Die
sehnsuchtsvollen Halbtonschritte scheinen
dabei bereits wie Vorwegnahmen des späteren »Tristan«-Stils. Und in der dritten
Szene folgen die kantablen Passagen dicht
aufeinander, mal siegesgewiss auftrumpfend wie zu »Dich selige Frau hält nun der
Freund«, mal liedhaft schmeichelnd wie zu
»Winterstürme wichen dem Wonnemond«,
bis hin zum Belcanto-Aufschwung der
Schluss­­zeilen.
Richard Wagner: »Die Walküre«
21
Valery
Gergiev
DIRIGENT
In Moskau geboren, studierte Valery Gergiev zunächst Dirigieren bei Ilya Musin am
Leningrader Konservatorium. Bereits als
Student war er Preisträger des Herbert-­
von-Karajan-Dirigierwettbewerbs in Berlin.
1978 wurde Valery Gergiev 24-jährig Assistent von Yuri Temirkanov am MariinskijOpernhaus, wo er mit Prokofjews Tolstoi-­
Vertonung »Krieg und Frieden« debütierte.
2003 dirigierte Gergiev als erster russischer Dirigent seit Tschaikowskij das Saisoneröffnungskonzert der New Yorker Carnegie Hall.
Valery Gergiev leitet seit mehr als zwei Jahr­
zehnten das legendäre Mariinskij-Theater
in St. Petersburg, das in dieser Zeit zu einer
der wichtigsten Pflegestätten der russischen Opernkultur aufgestiegen ist. Darüber hinaus ist er Leiter des 1995 von Sir
Georg Solti ins Leben gerufenen »World Or­
chestra for Peace«, mit dem er ebenso wie
mit dem Orchester des Mariinskij-Theaters
regelmäßig Welttourneen unternimmt. Von
2007 an war Gergiev außerdem Chefdirigent des London Symphony Orchestra, mit
dem er zahlreiche Aufnahmen für das hauseigene Label des Orchesters einspielte.
Valery Gergiev präsentierte mit seinem
Mariinskij-Ensemble weltweit Höhepunkte
des russischen Ballett-und Opernrepertoires, Wagners »Ring« sowie sämtliche Symphonien von Schostakowitsch und Prokofjew. Mit dem London Symphony Orchestra
trat er regelmäßig im Barbican Center London, bei den Londoner Proms und beim Edinburgh Festival auf. Zahlreiche Auszeichnun­
gen begleiteten seine Dirigenten­karriere,
so z. B. der Polar Music Prize und der Preis
der All-Union Conductor’s Competition in
Moskau. Seit Beginn der Spielzeit 2015/16
ist Valery Gergiev Chefdirigent der Münchner Philharmoniker.
Die Künstler
22
Denis
Matsuev
Anja
Kampe
KLAVIER
SOPRAN
Seit seinem Gewinn des 1. Preises beim
Internationalen Tschaikowskij Wettbewerb
in Moskau 1998 hat sich der russische
Ausnahmepianist Denis Matsuev zu einem
der angesehensten Interpreten unserer Zeit
entwickelt. Er arbeitet mit renommierten
Orchestern wie dem New York Philharmonic
Orchestra, dem Chicago Symphony Orchestra,
den Berliner Philharmonikern, dem London
Symphony Orchestra, dem London
Philharmonic Orchestra u. a. zusammen und
unter der Stabführung von Dirigenten wie
Lorin Maazel, Valery Gergiev, Zubin Mehta,
Mariss Jansons, Kurt Masur, Paavo Järvi,
Leonard Slatkin, Myung-Whun Chung, Antonio
Pappano, Semyon Bychkov, Jukka-Pekka
Saraste, James Conlon, Vladimir Spivakov,
Mikhail Pletnev und Vladimir Fedoseyev. Seine
Einspielungen von Konzerten und Solo-Werken
von Liszt, Rachmaninow und Schostakowitsch
stießen bei der internationalen Fachpresse auf
begeisterte Resonanz, so auch seine aktuelle
Aufnahme der beiden SchostakowitschKonzerte und dem fünften Klavierkonzert
von Rodion Schtschedrin mit Valery Gergiev
und dem Mariinskij Orchester.
Seit ihrem internationalen Durchbruch als
Sieglinde an der Seite von Plácido Domingo
in Washington 2003 sang Anja Kampe diese
Partie u. a. in Barcelona, Berlin, Bayreuth,
Budapest, London, Los Angeles, München,
Paris und St. Petersburg. Darüber hinaus
ist sie weltweit u. a. mit Interpretationen
der Senta, »Fidelio«-Leonore und Isolde zu
erleben. In der Saison 2014/15 gab Anja
Kampe ihr umjubeltes Debüt als Tosca an der
Staatsoper Berlin und sang am selben Haus
zum ersten Mal in Deutschland Kundry. Sie
arbeitete u. a. mit den Dirigenten Altinoglu,
Barenboim, Conlon, Sir Elder, Fischer, Gatti,
Gergiev, Harding, Jurowski, Luisi, Luisotti,
Mehta, Muti, Nagano, Nelsons, Ono, Petrenko,
Pons, Runnicles, Soltesz, Tate und WelserMöst zusammen. In der Spielzeit 2015/16
gibt Anja Kampe ihr Debüt als Tove in den
»Gurrelieder«, singt Tosca und Sieglinde in
Berlin, Budapest und München, Kundry in
Madrid sowie Leonore in »Fidelio« in München
und Wien. Eine Aufnahme von »Die Walküre«
mit dem Mariinskij Orchester unter der
Leitung von Valery Gergiev ist beim Mariinskij
Label erhältlich.
Die Künstler
23
Johan
Botha
René
Pape
TENOR
BASS
Der in Südafrika geborene Tenor kam 1990
nach Europa, wo sich seine internationale
Karriere nach ersten Engagements in
Deutschland schnell entwickelte. So
gastiert er u. a. an den Staatsopern in
Berlin, Dresden, Hamburg und München,
am Gran Teatro del Liceu, an der Lyric
Opera Chicago, am Royal Opera House
Covent Garden, an der Los Angeles und San
Francisco Opera, der Mailänder Scala, der
Opera Bastille und am Théâtre Châtelet in
Paris sowie an der Sydney Opera und bei den
Salzburger Festspielen. Er ist regelmäßig
an der Metropolitan Opera New York und
an der Staatsoper seiner Wahlheimatstadt
Wien zu Gast, welcher er seit seinem Debüt
1996 eng verbunden ist. Im Sommer 2010
debütierte Johan Botha mit Siegmund
bei den Bayreuther Festspielen. Neben
Opernauftritten ist er auch regelmäßig
auf den großen Konzertpodien der Welt zu
erleben und arbeitet mit allen bedeutenden
Dirigenten unserer Zeit. 2004 wurde Johan
Botha zum Österreichischen Kammersänger
ernannt und ist seit Juni 2012 Botschafter
der Blue-Shield-Foundation.
René Pape war Mitglied des legendären
Kreuzchors seiner Heimatstadt Dresden.
Noch als Student gab er 1988 sein Debüt an
der Berliner Staatsoper Unter den Linden,
wo er sofort ein Engagement erhielt. Seither
verkörperte er an diesem Haus die großen
Partien seines Fachs, oftmals unter Leitung
des Musikdirektors Daniel Barenboim. Sir
Georg Solti holte ihn für die Partie des Sarastro
zu den Salzburger Festspielen, wo er seitdem
in vielen Partien auftrat. Seit seinem Debüt an
der New Yorker Metropolitan Opera 1995 ist
er auch dort regelmäßig zu hören und wurde
2010 zum »MET Mastersinger« gekürt. Als
Gastkünstler ist er auf den bedeutenden
Bühnen, u. a. der Staatsopern in Dresden,
München und Wien, des Teatro Real Madrid,
des Royal Opera House Covent Garden, der
Opéra national de Paris und des Teatro alla
Scala zu hören. Neben seinen Aufgaben
im Bühnenbereich widmet sich René Pape
einer sehr intensiven Konzerttätigkeit als
Liedinterpret und Solist der internationalen
Spitzenorchester. Seine Aufnahmen wurden
bereits mit zwei Grammys und einem ECHOKlassik ausgezeichnet.
Die Künstler
24
Philharmonischer
Chor München
Der Philharmonische Chor München ist einer
der führenden Konzertchöre Deutschlands
und Partnerchor der Münchner Philharmoniker. Er wurde 1895 von Franz Kaim, dem
Gründer der Münchner Philharmoniker, ins
Leben gerufen und feiert somit in diesem Jahr
seinen 120. Geburtstag. Seit 1996 wird er
von Chordirektor Andreas Herrmann geleitet.
Das Repertoire erstreckt sich von barocken Oratorien über a-cappella- und chorsymphonische Literatur bis zu konzertanten Opern und den großen Chorwerken der
Gegenwart. Das musikalische Spektrum
umfasst zahlreiche bekannte und weniger
bekannte Werke von Mozart über Verdi,
Puccini, Wagner und Strauss bis hin zu
Schönbergs „Moses und Aron“ und Henzes
„Bassariden“. Der Chor pflegt diese Literatur ebenso wie die Chorwerke der Komponisten Bach, Händel, Mozart, Beethoven,
Schubert, Schumann, Brahms, Bruckner,
Reger, Strawinsky, Orff oder Penderecki.
Er musizierte u. a. unter der Leitung von
Gustav Mahler, Hans Pfitzner, Krzysztof
Penderecki, Herbert von Karajan, Rudolf
Kempe, Sergiu Celibidache, Zubin Mehta,
Mariss Jansons, James Levine, Christian
Thielemann und Lorin Maazel.
In den vergangenen Jahren hatten Alte und
Neue Musik an Bedeutung gewonnen: Nach
umjubelten Aufführungen Bach’scher Passionen unter Frans Brüggen folgte die Einladung zu den Dresdner Musikfestspielen.
Äußerst erfolgreich wurde auch in kleineren
Kammerchor-Besetzungen unter Dirigenten
wie Christopher Hogwood und Thomas Hengelbrock gesungen. Mit Ton Koopman entwickelte sich eine enge musikalische
Freundschaft, die den Chor auch zu den
„Europäischen Wochen“ in Passau führte.
Im Bereich der Neuen Musik war der Philharmonische Chor München mit seinen Ensembles bei Ur- und Erstaufführungen zu hören.
So erklang in der Allerheiligen-Hofkirche die
Münchner Erstaufführung der „Sieben Zaubersprüche“ von Wolfram Buchenberg unter
der Leitung von Andreas Herrmann. Ende
2014 gestaltete der Chor die Uraufführung
von „Egmonts Freiheit – oder Böhmen liegt
am Meer“ unter der Leitung des Komponisten Jan Müller-Wieland.
Der Philharmonische Chor ist auch ein gefragter Interpret von Opernchören und
setzt nachdrücklich die unter James Levine begonnene Tradition konzertanter Opern­
aufführungen fort, die auch unter Christian Thielemann mit großem Erfolg gepflegt
wurde. Zu den CD-Einspielungen der jüngeren Zeit zählen Karl Goldmarks romantische Oper „Merlin“, die 2010 den
ECHO-Klassik in der Kategorie „Operneinspielung des Jahres – 19. Jahrhundert“
gewann, und eine Aufnahme von Franz von
Suppés „Requiem“, die für den International Classical Music Award (ICMA) 2014
nominiert wurde.
www.philchor.net
Die Künstler
25
Andreas
Herrmann
CHORDIREKTOR
chor, daneben zeitweise auch den Madrigalchor der Hochschule, und betreute in dieser Zeit Oratorienkonzerte, Opernaufführungen und a-cappella-Programme aller
musikalischen Stilrichtungen. Pädagogische Erfolge erzielt Herrmann weiterhin mit
der Ausbildung professioneller junger Chordirigenten aus ganz Europa, wie etwa in einem
Spezialworkshop über neue a-cappella-­
Musik.
Der 1963 in München geborene Dirigent
und Chorleiter schloss sein Studium an der
Münchner Musikhochschule mit dem Meisterklassen-Diplom ab. Seine Ausbildung
ergänzte er durch zahlreiche internationale Chorleitungsseminare und Meisterkurse
bei renommierten Chordirigenten wie Eric
Ericson und Fritz Schieri.
Als Professor an der Hochschule für Musik
und Theater in München unterrichtet An­
dreas Herrmann seit 1996 vorwiegend im
Hauptfach Chordirigieren. Zehn Jahre, von
1996 bis 2006, leitete er den Hochschul-
1996 übernahm Andreas Herrmann als
Chordirektor die künstlerische Leitung des
Philharmonischen Chores München. Mit ihm
realisierte er zahlreiche Einstudierungen
für Dirigenten wie Lorin Maazel, Zubin
Mehta, Christian Thielemann, James Levine, Mariss Jansons, Krzysztof Penderecki,
Manfred Honeck, Andrew Manze, Ton Koopman und viele andere. Mit dem Philharmonischen Chor und anderen professionellen Chören, Orchestern und Ensembles
entfaltet Herrmann auch über sein Engagement bei den Münchner Philharmonikern
hinaus eine rege Konzerttätigkeit, die auch
CD-Produktionen einschließt. Konzertreisen als Chor- und Oratoriendirigent führten ihn durch Europa, nach Ägypten und in
die Volksrepublik China.
Die Künstler
26
Die Philharmoniker
als frühe Botschafter
russischer Musik
GABRIELE E. MEYER
Russische Musik in München ? Ein Streifzug durch die Programme der Münchner
Philharmoniker von 1893 (dem Gründungsjahr des Orchesters) bis in die frühen 30er
Jahre zeigt, dass neben den wiederkehrenden Beethoven-, Brahms- und Bruckner-­
Zyklen, die zahlreichen Richard Wagner-­
Abende nicht zu vergessen, auch nicht-­
deutsche Musik, vor allem aber russische
Musik aufgeführt wurde. Mit diesem Beitrag soll an einen Dirigenten und Komponisten erinnert werden, dem die Münchner
Musikfreunde Ende des 19. und Anfang des
20. Jahrhunderts einen äußerst spannenden Einblick in die damalige Musikentwicklung seines Landes verdankten, kannte man
doch außerhalb Russlands bislang kaum
mehr als die Musik des eher westeuropäisch orientierten Pjotr Iljitsch Tschaikowskij.
Gefördert von Milij Balakirew studierte der
am 5. Dezember 1869 in Tiraspol geborene
Nikolaj Iwanowitsch von Kasanli (auch: Kazanli) neben seiner Offizierslaufbahn u. a.
Komposition bei Nikolaj Rimskij-Korsakow,
bevor er ins Ausland ging. Wie schon vor
ihm Jurij Nikolajewitsch Gallitzin sah es
auch Kasanli als seine vornehmste Aufgabe
an, einen Überblick über die verschiedenen
musikalischen Stilrichtungen seiner Heimat
zu geben. In seinem Münchner Debüt als
Dirigent am 17. März 1897 – der ursprünglich angesetzte Termin wurde »wegen eingetretener Hindernisse« um zwei Tage verschoben – , stellte sich Kasanli sogleich mit
eigenen Kompositionen vor. Die »Münchner
Neuesten Nachrichten« würdigten seine
eingangs gespielte Symphonie in f-Moll als
durchaus ernstzunehmende Talentprobe.
»Sie zeigt nicht nur, daß der junge Mann
vortreffliche Studien gemacht hat, sondern sowohl im Aufbau wie in der Ausgestaltung der fast durchweg edel empfundenen Themen und Melodien ein Beweis
wahrer Begabung ist. […] Der seine Werke
selbst dirigierende Komponist wurde nach
jedem Satze der vom Kaim-Orchester vortrefflich gespielten Symphonie durch verdienten starken Beifall geehrt.« Die Vokalbeispiele hingegen fanden deutlich weniger
Anklang. Daran konnten auch die »Hervor-
Russische Musik in München
27
Programm des letzten »Russischen Symphonie-Concerts« unter Leitung von Nikolaj von Kasanli
Russische Musik in München
28
rufungen« am Ende des Abends nichts ändern.
Zehn Monate später übernahm Kasanli die
zweite Hälfte eines Konzerts mit der »Königlichen Hofopernsängerin Emilie Herzog aus
Berlin«. Zunächst spielte das Orchester
nochmals die f-Moll-Symphonie, danach
Borodins »Steppenskizze aus Mittelasien«
und Balakirews »Ouvertüre über ein spanisches Marschthema«. In dem am 30. Dezember 1898 geleiteten »Russischen Symphonie-Concert« machte Kasanli noch auf
weitere Komponisten aus dem Umkreis des
sogenannten »Mächtigen Häufleins« wie
Sergej Ljapunow und Aleksandr Tanejew
aufmerksam. Balakirew war diesmal mit der
symphonischen Dichtung »Russia« vertreten, der Dirigent mit In­strumentationen
von zwei Klavierstücken von Franz Liszt
(»Sposalizio« und »Il Penseroso«) sowie
von Schuberts »Erlkönig«. Das Echo war
diesmal recht zwiespältig. »Es ist überhaupt mit der ganzen jung-russischen
Schule eine eigene Sache. Ihre Vertreter
bringen oft recht Interessantes, bei dem
aber vielfach mehr Absonderlichkeit, als
echte Originalität sich äußert.«
Dank Kasanlis Engagement kam es ein gutes Jahr später gar zu einem »Concert Michael Glinka gewidmet«. Zum ersten Mal
erklangen große Teile – »Fragmente« wie
es damals hieß – aus der Oper »Ruslan und
Ljudmila«, die trotz des Fehlens von Handlungsübersicht und der jeweiligen Szenentexte in der Konzerteinführung äußerst
positiv aufgenommen wurden. So meinten
die »Münchner Neuesten Nachrichten«,
dass die Bruchstücke durchweg interessant und reich an charakteristischen Stellen seien, »deren Wirkung durch eine sehr
farbenreiche Instrumentation gehoben
wird«. Die sehr detaillierte Besprechung
würdigte zudem die Leistung aller Mitwirkenden. »Das Kaim-Orchester hielt sich
sehr wacker, und Herr v. Kasanli, der mit
viel Schwung und Lebendigkeit dirigierte,
wußte das oft sehr komplizierte Ensemble
gut zusammenzuhalten, wenn auch viele
Momente […] zu stärkerer Wirkung hätten
gelangen können.«
Weitere Konzerte mit wiederum zum Teil
noch nicht gehörten Werken von Aleksandr
Dargomyschskij, César Cui und Nikolaj
Rimskij-Korsakow sowie von Balakirew, Borodin und Tanejew folgten, dann verließ
Kasanli die Residenzstadt München. Bis auf
Modest Mussorgskij hatte er alle wichtigen
Komponisten vorgestellt, einen Bogen gespannt von Glinka und Dargomyschskij als
den Vätern der russischen Tradition bis zu
den Protagonisten und Sympathisanten
des »Mächtigen Häufleins«, denen ja auch
Kasanli angehörte. Doch riss die Vorliebe
für das Russische nach seinem Weggang
nicht ab. Nun gab es Komponisten zu entdecken wie beispielsweise die (bis heute)
völlig unbekannten Sergej Bortkjewitsch,
Wasilij Kalinnikow, Nikolaj Lopatnikow und
Modest Mussinghoff, aber auch selten gespielte Werke von Anton Rubinstein, Anatol
Ljadow, Aleksandr Skrjabin, Aleksandr Glasunow, Sergej Prokofjew, Igor Strawinskij,
Aleksandr Tscherepnin und Wladimir Vogel.
Noch bis zum Beginn der 30er Jahre wurden »Russische Abende« angesetzt, aber
keiner hatte sich so engagiert für die Musik
seines Landes eingesetzt wie jener heute
zu Unrecht vergessene Dirigent, Komponist und unermüdliche Organisator Nikolaj
von Kasanli. Am 23. Juli 1916 ist er in St.
Petersburg gestorben.
Russische Musik in München
29
Donnerstag
10_12_2015 13_30 Uhr ÖGP
Freitag
11_12_2015 20 Uhr c
Sonntag
13_12_2015 11 Uhr m
RICHARD WAGNER
»Siegfried-Idyll«
RICHARD STRAUSS
»Metamorphosen«
DMITRIJ SCHOSTAKOWITSCH
Symphonie Nr. 15 A-Dur op. 141
VALERY GERGIEV
Dirigent
Dienstag
15_12_2015 20 Uhr k4
RICHARD WAGNER
Vorspiel zum I. Aufzug von »Lohengrin«
RICHARD STRAUSS
Symphonische Fantasie aus
»Die Frau ohne Schatten« op. 65
SERGEJ RACHMANINOW
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3
d-Moll op. 30
ALEKSANDR SKRJABIN
»Le Poème de l’Extase« op. 54
VALERY GERGIEV
Dirigent
DANIIL TRIFONOV
Klavier
Montag
14_12_2015 19 Uhr
1. Jugendkonzert
RICHARD WAGNER
Vorspiel zum I. Aufzug von »Lohengrin«
SERGEJ RACHMANINOW
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3
d-Moll op. 30
ALEKSANDR SKRJABIN
»Le Poème de l’Extase« op. 54
VALERY GERGIEV
Dirigent
DANIIL TRIFONOV
Klavier
Vorschau
30
Die Münchner
Philharmoniker
1. VIOLINEN
Sreten Krstič, Konzertmeister
Lorenz Nasturica-Herschcowici,
Konzertmeister
Julian Shevlin, Konzertmeister
Odette Couch, stv. Konzertmeisterin
Lucja Madziar, stv. Konzertmeisterin
Claudia Sutil
Philip Middleman
Nenad Daleore
Peter Becher
Regina Matthes
Wolfram Lohschütz
Martin Manz
Céline Vaudé
Yusi Chen
Helena Madoka Berg
Iason Keramidis
Florentine Lenz
2. VIOLINEN
Simon Fordham, Stimmführer
Alexander Möck, Stimmführer
IIona Cudek, stv. Stimmführerin
Matthias Löhlein, Vorspieler
Katharina Reichstaller
Nils Schad
Clara Bergius-Bühl
Esther Merz
Katharina Triendl
Ana Vladanovic-Lebedinski
Bernhard Metz
Namiko Fuse
Qi Zhou
Clément Courtin
Traudel Reich
BRATSCHEN
Jano Lisboa, Solo
Burkhard Sigl, stv. Solo
Julia Rebekka Adler, stv. Solo
Max Spenger
Herbert Stoiber
Wolfgang Stingl
Gunter Pretzel
Wolfgang Berg
Beate Springorum
Konstantin Sellheim
Julio López
Valentin Eichler
Yushan Li
VIOLONCELLI
Michael Hell, Konzertmeister
Floris Mijnders, Solo
Stephan Haack, stv. Solo
Thomas Ruge, stv. Solo
Herbert Heim
Veit Wenk-Wolff
Sissy Schmidhuber
Elke Funk-Hoever
Manuel von der Nahmer
Isolde Hayer
Sven Faulian
David Hausdorf
Joachim Wohlgemuth
Das Orchester
31
KONTRABÄSSE
Sławomir Grenda, Solo
Fora Baltacigil, Solo
Alexander Preuß, stv. Solo
Holger Herrmann
Stepan Kratochvil
Shengni Guo
Emilio Yepes Martinez
Ulrich Zeller
Thomas Hille
Alois Schlemer
Hubert Pilstl
Mia Aselmeyer
TROMPETEN
Guido Segers, Solo
Bernhard Peschl, stv. Solo
Franz Unterrainer
Markus Rainer
Florian Klingler
FLÖTEN
POSAUNEN
Michael Martin Kofler, Solo
Herman van Kogelenberg, Solo
Burkhard Jäckle, stv. Solo
Martin Belič
Gabriele Krötz, Piccoloflöte
Dany Bonvin, Solo
David Rejano Cantero, Solo
Matthias Fischer, stv. Solo
Quirin Willert
Benjamin Appel, Bassposaune
OBOEN
PAUKEN
Ulrich Becker, Solo
Marie-Luise Modersohn, Solo
Lisa Outred
Bernhard Berwanger
Kai Rapsch, Englischhorn
Stefan Gagelmann, Solo
Guido Rückel, Solo
Walter Schwarz, stv. Solo
KLARINETTEN
Alexandra Gruber, Solo
László Kuti, Solo
Annette Maucher, stv. Solo
Matthias Ambrosius
Albert Osterhammer, Bassklarinette
FAGOTTE
Lyndon Watts, Solo
Sebastian Stevensson, Solo
Jürgen Popp
Jörg Urbach, Kontrafagott
HÖRNER
Jörg Brückner, Solo
~eira, Solo
Matias Pin
Ulrich Haider, stv. Solo
Maria Teiwes, stv. Solo
Robert Ross
SCHLAGZEUG
Sebastian Förschl, 1. Schlagzeuger
Jörg Hannabach
HARFE
Teresa Zimmermann
CHEFDIRIGENT
Valery Gergiev
EHRENDIRIGENT
Zubin Mehta
INTENDANT
Paul Müller
ORCHESTERVORSTAND
Stephan Haack
Matthias Ambrosius
Konstantin Sellheim
Das Orchester
32
IMPRESSUM
BILDNACHWEISE
Herausgeber:
Direktion der Münchner
Philharmoniker
Paul Müller, Intendant
Kellerstraße 4
81667 München
Lektorat:
Christine Möller
Corporate Design:
HEYE GmbH, München
Graphik:
dm druckmedien gmbh
München
Druck:
Color Offset GmbH
Geretsrieder Str. 10
81379 München
Abbildung
zu
Arnold
Schönberg:
wikimedia
commons. Abbildungen zu
Aleksandr Skrjabin: Igor
Fjodorowitsch Belsa, Ale­
xander
Nikolajewitsch
Skrjabin, Berlin 1986.
Abbildungen zu Richard
Wagner: Herbert Barth,
Dietrich Mack und Egon
Voss (Hrsg.), Wagner –
Sein Leben, sein Werk und
seine Welt in zeitgenössischen Bildern und Texten,
Wien 1975; wikimedia
commons; Jordi Mota,
María Infiesta, Das Werk
Richard Wagners im Spiegel der Kunst, Tübingen
1995. Privatbesitz Gabriele E. Meyer.
Künstlerphotographien:
Marco Borggreve (Gergiev), Pavel Antonov (Matsuev),
Sasha
Vasiljev
(Kampe), Lewin Management (Botha), Mathias
Bothor
(Pape),
privat
(Herrmann).
TEXTNACHWEISE
Marcus Imbsweiler, Irina
Paladi, Peter Jost und
Gabriele E. Meyer schrieben ihre Texte als Originalbeträge für die Programmhefte der Münchner
Philharmoniker.
Stephan Kohler verfasste
die lexikalischen Werkangaben und Kurzkommentare zu den aufgeführten
Werken. Künstlerbiographien: nach Agenturvorlagen. Alle Rechte bei den
Autorinnen und Autoren;
jeder Nachdruck ist seitens der Urheber genehmigungs- und kostenpflichtig.
TITELGESTALTUNG
»Im ersten Aufzug der
»Walküre« sucht Siegmund ausgerechnet im
Hause seines Verfolgers
Schutz. Völlig erschöpft
und rastlos findet er keine
Ruhe, um sich zu erholen,
als Hunding seine Herkunft erkennt. Diese Hektik und das ständige Vo­
rantreiben spiegelt sich
Impressum
auch in einer permanent
hell erleuchteten Wolkenkratzer-Stadt der heutigen Zeit wieder. Ein Ort,
welcher dem Einzelnen keinen Schutz bieten kann.
Voller Unruhe und Rastlosigkeit – genau wie in
Wagners Vorspiel.« (Falko
Herold, 2015)
DER KÜNSTLER
Falko Herold wuchs in
München auf und studierte später Bühnenbild an
der Wiener Akademie der
Bildenden Künste. Die Zusammenarbeit mit Johannes Schaaf und Hermann
Schneider führte Ihn dann
an renommierte Häuser
weltweit. Für David Bösch
gestaltete er die Ausstattung für verschiedene Inszenierungen am Theater
in Basel, an der Opéra de
Lyon und am Bayerischen
Staatsschauspiel. Außerdem entwarf er Kostüme
für die Bayerische Staats­
oper.
In freundschaftlicher
Zusammenarbeit mit
VALERY GERGIEVS
DAS FESTIVAL
DER MÜNCHNER
PHILHARMONIKER
—
GASTEIG
Freitag
13_11_2015
ERÖFFNUNGSKONZERT
VALERY GERGIEV
Samstag
14_11_2015
12 STUNDEN MUSIK
EINTRITT FREI
Sonntag
15_11_2015
PROKOFJEW–MARATHON
VALERY GERGIEV
MPHIL.DE
3
M
FÜ U TA
R SI GE
AL K
LE
’15
’16
DAS ORCHESTER DER STADT
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