Mercator Magazin - Stiftung Mercator Schweiz

Werbung
Zusammenarbeit
Studierende aus Namibia und der
Schweiz entwickeln gemeinsam
eine Ausstellung
Frühförderung
Quartiervernetzerinnen suchen
Kontakt zu Familien und
informieren über Angebote
Landwirtschaft
Schulklassen forschen zu
Fragen des Klimawandels und
der biologischen Vielfalt
Zürich
isst
Erlebnismonat rund um
Ernährung, Umwelt
und Genuss
Mercator magazin
inhalt
Nachrichten
S. 2 — 4
Aktuelle Meldungen aus Projekten
frage an die wissenschaft
S. 5
Gibt es einen
Schweizer Islam?
Hansjörg Schmid, Leiter des
Schweizer Zentrums für Islam und
Gesellschaft an der Universität
Freiburg, gibt Antworten.
schwerpunkt
zürich isst
S. 6 — 63
zürich isst
Ein Bilderbogen und Berichte
blicken auf den Erlebnismonat rund
um Ernährung, Umwelt und Genuss
zurück.
S. 10 —13
Wenn der Einkauf
etwas ändert
Auf verschiedenen Plätzen der Stadt
stehen Einkaufswagen, die auf die
globalen Auswirkungen unseres
Lebensmittelkonsums aufmerksam
machen.
S. 16 —19
ein fest für die
Vielfalt
82 Tomatensorten, 3500 Besucher:
Beim Stadt-Tomaten-Fest machen
sich die Gäste Gedanken über
Saatgut, Patente und die Bedeutung
der biologischen Vielfalt.
S. 22 — 25
Genussfahrt quer
durch die Stadt
Mit dem ‹z4i-Tram› auf kulinarischer
Entdeckungstour durch Zürich:
Die Fahrgäste können lokale Produkte
probieren. Literarische Häppchen
machen Lust auf gutes, gesundes
Essen.
S. 28 — 31
2000 neue
Geschmäcker
Insekten essen? In vielen Teilen
der Welt ist das selbstverständlich.
Der Verein essento möchte Speiseinsekten in die Schweizer Einkaufsregale bringen und gibt eine
kulinarische Kostprobe.
S. 34 — 37
Gemüse, Kunst und
Interviews
In einem Forschungslabor gehen
Primarschüler der eigenen Ernährung
und der biologischen Landwirtschaft
am Stadtrand auf die Spur.
S. 38 — 39
Versorgung von
Städten
Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau beleuchtet in Vorträgen Fragen der Ernährungssouveränität von Städten und der nachhaltigen
Lebensmittelversorgung.
S. 44 — 47
genug essen
für alle
Valentin Thurn reist in seinem aktuellen Film ‹10 Milliarden – Wie
werden wir alle satt?› um die Welt,
um Lösungen für die Welternährung
zu suchen.
S. 52 — 55
Auch krumme Rüebli
schmecken gut
Wie gut Essen aus unförmigem
Gemüse schmeckt, zeigt die Aktion
‹Zürich tischt auf›: Über 1000 Menüs
geben die Helfer aus, Stände und
Ausstellungen informieren über
Food Waste.
S. 56 — 59
Gemüse und Pilze
mitten in der Stadt
Die Ausstellung ‹Aufgetischt. Von
hängenden Gärten und Pilzgaragen›
gibt Einblicke in die Urban-Gardening-Bewegung und zeigt, wie in der
Stadt Lebensmittel produziert
werden.
S. 62 — 63
Einsatz für eine
nachhaltige
Ernährung
Bei der Abschlussveranstaltung
machen sich die zahlreichen
Zürich-isst-Partnerorganisationen
Gedanken über zukünftige
Aktivitäten zur Förderung einer
nachhaltigen Ernährung.
tätigkeitsbereich
Wissenschaft
S. 64 — 67
Ein neuer Blick auf
die Geschichte
Studierende aus Basel und Windhoek
erarbeiten gemeinsam eine Ausstellung über die namibische Eisenbahnstadt Usakos und ihre Bewohner.
S. 68 — 69
Jugendkultur in
Bild und Ton
Die Universität Zürich hat das Phänomen ‹Handyfilme› untersucht. In
einer Ausstellung reflektiert sie den
Umgang mit dem Medium.
tätigkeitsbereich
Kinder und jugendliche
S. 70 — 72
Für einen guten
Start
Mit der Initiative primano setzt sich
die Stadt Bern für faire Bildungschancen ein. Quartiervernetzerinnen
suchen mit verschiedenen Aktivitäten
den Kontakt zu Familien.
S. 73 — 75
Der Kreativität
auf der Spur
Bildschulen ermöglichen Kindern und
Jugendlichen mit vielfältigen Kursen
und Workshops eine fundierte künstlerische Bildung. Die Erfahrungen
werden weitergegeben.
tätigkeitsbereich
mensch und umwelt
S. 76 — 79
Detektivarbeit auf
dem Biohof
Eine Schulklasse erforscht Nützlinge
und Schädlinge im Biolandbau. Dabei
treten die Jugendlichen in einen
Austausch mit einer Nachwuchsforscherin und einem Landwirt.
engagiert
S. 80
wie eine grosse
Schwester
Mirjam Hagmann ist Mentorin bei
‹Rock your Life!›. Die Studentin
unterstützt Jugendliche, Perspektiven
für die Zukunft zu entwickeln.
kalender
S. 81
Termine Januar bis Mai 2016
vorwort
Liebe Leserinnen und Leser
In Zürich gibt es viele Akteure, die sich mit Fragen der nachhaltigen Ernährung befassen. Zusammen mit der Stadt Zürich
wollten wir ihnen eine Bühne bauen. Über 100 Partnerorganisationen, darunter verschiedene Dienstabteilungen der Stadt,
haben im Rahmen des Erlebnismonats ‹Zürich isst› auf das
wichtige Thema aufmerksam gemacht. Ausstellungen, Vorträge, Workshops oder Aktionen in Schulen und im öffentlichen
Raum zeigten, was jede und jeder durch eine nachhaltige
Ernährung bewirken kann – für die Umwelt, für hiesige Landwirte, für Kleinbauern in den Ländern des Südens.
Über 200 Veranstaltungen umfasste das Programm,
auf 63 blicken wir zurück: Wir nehmen Sie mit auf Rundgänge
durch die Ausstellungen ‹Die Welt im Einkaufswagen›
(S. 10–13) und ‹Aufgetischt. Von hängenden Gärten und Pilzgaragen› (S. 56– 59). Wir schauen beim Stadt-Tomaten-Fest
(S. 16–19) vorbei, begeben uns mit dem z4i-Tram (S. 22–25) auf
die Spuren lokaler Lebensmittelproduzenten und setzen uns
bei der öffentlichen Kochaktion ‹Zürich tischt auf› (S. 52– 55)
mit Herausforderungen der Lebensmittelverschwendung
auseinander. Wir besuchen Schulkinder im Forschungslabor
‹Stadt! Pflanzen! Los!› (S. 34–37) und sprechen mit dem
Regisseur des Films ‹10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?›
(S. 44–47) über Lösungen für die Welternährung. ‹Zürich isst›
war ein grossartiges Erlebnis, das nur dank des Engagements
der beteiligten Organisationen und der engen Zusammenarbeit mit dem Umwelt- und Gesundheitsschutz Zürich möglich
war. Der Erlebnismonat ist ein Beispiel dafür, was das Zusammenspiel von Stadt und Zivilgesellschaft bewegen kann.
stiftung mercator schweiz
Die Stiftung Mercator Schweiz fördert und
initiiert Projekte in den drei Bereichen
‹Wissenschaft›, ‹Kinder und Jugendliche›
und ‹Mensch und Umwelt›. Das Engagement der Stiftung gilt einer lernbereiten
und weltoffenen Gesellschaft, die verantwortungsvoll mit der Umwelt umgeht.
Mit ihren Projekten an Hochschulen
möchte sie zur Stärkung des Wissens- und
Forschungsplatzes Schweiz beitragen.
Die Stiftung unterstützt die Wissenschaft,
Antworten auf gesellschaftlich wichtige
Fragen wie den Schutz der natürlichen
Lebensgrundlagen zu finden. Damit Kinder
und Jugendliche ihre Persönlichkeit
entfalten, Engagement entwickeln und
ihre Chancen nutzen können, setzt
sich die Stiftung Mercator Schweiz für
optimale Bildungsmöglichkeiten innerhalb
und ausserhalb der Schule ein.
www.stiftung-mercator.ch
Nadine Felix
Geschäftsführerin
≥ Zürich isst
S. 6 — 63
nachrichten
Kinder und Jugendliche
72 Stunden im einsatz
Kinder und Jugendliche haben Spielplätze renoviert, älteren Menschen die neuen Medien nähergebracht, interkulturelle Tanzkurse
organisiert, Spielsachen für Kinder in Asylzentren gesammelt
oder eine Dorfchilbi organisiert: Als am 14. September 2015 der
Zeiger auf 18.11 Uhr sprang, ging das grösste Freiwilligenprojekt
der Schweiz zu Ende. 72 Stunden lang waren 28 000 Kinder und
Jugendliche für den guten Zweck im Einsatz. Sie verwirklichten 450
gemeinnützige Ideen im ganzen Land – und die Bevölkerung unterstützte sie dabei tatkräftig.
Die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände
hat die Aktion 72 Stunden koordiniert. Co-Leiterin Patricia D’Incau
ist zufrieden: Rund 1 Million Stunden unentgeltliche Arbeit wurden
an den drei Tagen geleistet. Das ist etwa zehnmal mehr als ein
durchschnittlicher Schweizer während eines ganzen Arbeitslebens
tätig ist. Die Kinder haben Menschen verschiedener Hintergründe
zusammengebracht und vorgemacht, wie Solidarität funktioniert.
«Die Kinder und Jugendlichen engagieren sich jedoch nicht nur
an den drei Tagen der Aktion 72 Stunden», betont Patricia D’Incau.
«Jede Woche und jedes Wochenende leisten sie in Jugendorganisationen Freiwilligenarbeit. Dieses Engagement wollten wir
sichtbar machen.» www.72stunden.ch
4
Mercator Magazin 02 / 1 5
nachrichten
Wissenschaft
Mensch und Umwelt
Stipendiaten engagieren
sich für internationale
Themen
Einsatz für die
nachhaltigen
Entwicklungsziele
Seit September 2015 sind die 24 Stipendiaten des Mercator Kollegs
für internationale Aufgaben in der ganzen Welt im Einsatz – unter
ihnen die vier Schweizer Florian Egli und Tim Rutishauser aus
Zürich, Flavia Fries aus Luzern und Patrick Renz aus Sutz (BE).
Während des Mercator Kollegs verfolgen sie eigene Fragestellungen
in zwei bis drei internationalen Organisationen, Nichtregierungsorganisationen oder Wirtschaftsunternehmen. Die Arbeitsstationen
organisieren sie passend zu ihren Themen selbst. Seminare zu
internationalen Themen und zur Entwicklung von Führungs- und
Schlüsselkompetenzen ergänzen das 13-monatige Programm.
Florian Egli beschäftigt sich während des Mercator Kollegs mit
Fragen der Steuerung und Finanzierung von Innovationsprozessen
in Umwelttechnologien. Die Menschenrechtsauswirkungen von
global tätigen Unternehmen interessieren Flavia Fries. Dabei konzentriert sie sich insbesondere auf die Verbesserung von Lebensund Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern. Patrick Renz
beschäftigt sich mit Fragen der Energiesicherheit und stellt die
neuen Realitäten für Asiens fossile Brennstoffmärkte, nachhaltige
Energiepolitik und geopolitische Veränderungen ins Zentrum.
Tim Rutishauser beschäftigt sich mit Kooperationsmechanismen
zwischen zivilen humanitären Akteuren und dem nationalen Militär.
Das deutsch-schweizerische Stipendienprogramm führen in der
Schweiz die Stiftung Mercator Schweiz und die Schweizerische
Studienstiftung in Kooperation mit dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten durch.
www.mercator-kolleg.ch
Die Stiftung Biovision hat sich in den
vergangenen Jahren dafür eingesetzt,
dass die nachhaltigen Entwicklungsziele auch auf eine nachhaltige Landwirtschaft eingehen. Ende September
2015 wurden an der UNO-Generalversammlung alle 17 nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) mit insgesamt
169 Unterzielen als Entwicklungsagenda
2030 verabschiedet. Die Stiftung
Biovision konnte somit ihren Einsatz
bei deren Ausarbeitung erfolgreich abschliessen. Biovision begrüsst die neue,
auf umfassende Nachhaltigkeit ausgerichtete Entwicklungsagenda 2030.
Besonders beim Ziel 2 der 17 nachhaltigen Entwicklungsziele konnte Biovision zu der Formulierung beitragen:
«End hunger, achieve food security
and improved nutrition, and promote
sustainable agriculture». Auf Deutsch:
«Den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung
erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern.» Das Engagement
der Stiftung Biovision für die nachhaltigen Entwicklungsziele ist Teil des
Projekts ‹Kurswechsel Landwirtschaft›.
Die Stiftung Mercator Schweiz fördert
dieses Projekt, das darauf abzielt, die
nachhaltige Landwirtschaft auf
nationaler, regionaler und globaler
Ebene politisch zu stärken.
www.biovision.ch
Wissenschaft
Märkte und
Demokratie
Mit den einwöchigen ‹Master Classes›
zum Thema ‹Marktkulturen› bringt die
Graduate School of Humanities and
Social Sciences der Universität Luzern
Doktorierende in einen Austausch mit
renommierten Forschern. Unter dem
Titel ‹Märkte und Demokratie› stellte
vom 28. September bis 2. Oktober 2015
Professor Wolfgang Streeck, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts
für Gesellschaftsforschung in Köln,
seine Arbeit vor und erörterte ausgewählte Texte mit den internationalen
Teilnehmenden. Die Doktorierenden
präsentierten ihre Arbeiten zu Themen
wie Arbeitsmigration, Auslandsdirektinvestitionen oder Politisierung
der Schweizer Banken. www.unilu.ch
5
Nachrichten
wissenschaft
Krise und zusammenarbeit
Der zweitägige Schweizer Kongress
der Wissenschaftskommunikation
ScienceComm widmete sich im September 2015 im Landhaus Solothurn
zwei aktuellen Themen: Krise der
Wissenschaft und Citizen Science.
Gibt es eine Krise der Wissenschaft?
Oder befindet sich die Wissenschaft
wie Gesellschaft, Politik und Wirtschaft lediglich in «turbulenten Zeiten»,
wie es eine Referentin beschrieb?
«In den Medien wird die Wissenschaft
immer wieder als krisengebeutelt
dargestellt», sagt Katja Manike, Projektleiterin bei der Stiftung Science
et Cité. Erinnert seien an die Plagiate,
die verschiedene Politiker ihr Amt
kosteten, an irrelevante, nicht-reproduzierbare oder gar gefälschte
Resultate. Die ScienceComm wollte
einen Diskurs über Aufgaben und
Möglichkeiten der Wissenschaftskommunikation anregen.
Gleichzeitig ging es am jährlichen Kongress um Citizen Science,
die Bürgerwissenschaft: Wie kann
man interessierte Personen an der
Datenerhebung beteiligen? Welchen
Nutzen haben Bevölkerung und
Wissenschaft von einer Zusammenarbeit in der Forschung? Wie können
Citizen-Science-Projekte optimal
entwickelt werden? Um diese neue,
durch Partizipation geprägte Art der
Forschung voranzubringen, sei die
Vernetzung und Koordination zurzeit
ein grosses Anliegen der Wissenschaftsgemeinschaft, stellen die
Organisatoren des Kongresses fest.
www.sciencecomm.ch
Kinder und Jugendliche
Plattform
sammelt Anliegen
Mit engage.ch sollen Jugendliche
einfach und unbürokratisch ihre
Anliegen und Ideen formulieren und
in die Politik einbringen können.
Auf der Plattform werden diese der
Öffentlichkeit präsentiert. Die Jugendparlamente vor Ort kümmern sich
darum, dass eine Auswahl der eingereichten Anliegen umgesetzt wird.
6
Mercator Magazin 02 / 15
Sie setzen diese mit eigenen Projekten
um oder bringen sie in die Politik ein.
Die umgesetzten Anliegen werden als
Erfolgsgeschichten präsentiert. An
der Entwicklung der Plattform waren
die HTW Chur und der Dachverband
Schweizer Jugendparlamente sowie
Jugendparlamentarier beteiligt. Eine
wichtige Grundlage war die Studie
Scoop-it 2.0 zur politischen Partizipation von Jugendlichen, die im
Rahmen des Projekts erstellt wurde.
www.engage.ch
frage an die Wissenschaft
Gibt es einen
Schweizer Islam?
Hansjörg Schmid
Sozialethiker
Ein ‹Schweizer Islam› scheint – von aussen betrachtet – an vielen Stellen schon Realität zu sein: Junge
Muslime orientieren sich in der Art, wie sie eine
religiös motivierte Jugendarbeit betreiben wollen,
an den Standards von Jugendorganisationen in der
Schweiz. Muslime entwickeln in ihren Gemeinden,
in Spitälern und Gefängnissen neue Formen religiöser Betreuung, die es in ihren Herkunftsländern
nicht gibt und die sie unter Aufnahme der in der
Schweiz gängigen Begrifflichkeit als muslimische
Seelsorge bezeichnen. Die muslimischen Gemeinden organisieren sich auf lokaler, kantonaler und
nationaler Ebene und orientieren sich dabei an den
politischen Strukturen und an der demokratischen
Diskussionskultur der Schweiz. Viele muslimische
Organisationen sind Ansprechpartner der Kommunen und Kantone für soziale Themen und Integrationsfragen. Dabei kommt ein hohes Mass an
freiwilligem bürgerschaftlichem Engagement zum
Ausdruck, das Werte der Schweiz verkörpert.
Innermuslimische Debatten
Trotz dieser Entwicklungen sind Muslime
gegenüber dem Begriff ‹Schweizer Islam› oder
‹europäischer Islam› vielfach zurückhaltend.
Sie befürchten, dass ihre Wurzeln abgeschnitten
werden und vom Islam etwas weggenommen
wird. Ausserdem sehen sie eine Spannung zum
Ideal der Einheit des Islams. Die Befürchtungen
hängen sicherlich auch mit dem gesellschaftlichen Klima und oft hegemonial geführten Islamdebatten zusammen. So wird nicht selten gefordert,
dass Muslime die Aufklärung nachholen und ein
modernes Religionsverständnis entwickeln sollen.
Dabei übersehen diejenigen, die diese Forderung
stellen, welch reiches intellektuelles Erbe es im
Islam gibt und wie sehr die Auseinandersetzung
mit der Moderne bereits seit dem 19. Jahrhundert
muslimische Diskurse geprägt und auch innovative theologische Entwürfe hervorgebracht hat.
Die innermuslimischen Debatten in der
Schweiz können nicht losgelöst von gesamtgesellschaftlichen Diskursen betrachtet werden. Niemand würde auf die Idee kommen, analog von
einem ‹Schweizer Christentum› zu sprechen. Ganz
zu schweigen davon, dass es gar nicht so leicht zu
bestimmen ist, worin das spezifisch Schweizerische
oder Europäische besteht. Im Fall des ‹Schweizer
Islams› geht es in erster Linie um einen Integrationsprozess mit Lernschritten für alle Beteiligten:
Muslime stehen vor der Aufgabe darüber nachzudenken, in welcher Form sie ihre Religion in der
Schweiz öffentlich zur Sprache bringen wollen.
Umgekehrt bedarf es in vielen Feldern – von der
Spitalseelsorge über die Schule bis zur Universität
– pluralitätssensibler Lösungen unter Einbeziehung von Muslimen. Im britischen Kontext wurde
schon vor über 20 Jahren eine rege innermuslimische Debatte über britische muslimische Identitäten geführt. Die weltweite Diskussionslage im
Blick auf Islam hat sich seitdem verschärft, was die
Sache jetzt für die Schweizer Muslime nicht
einfacher macht.
Kommunikation mit dem Umfeld
Identitäten – sowohl auf individueller als auch auf
kollektiver Ebene – sind höchst dynamische und
komplexe Gebilde. Biografien sind heute häufig
transnational geprägt. ‹Schweizer Islam› bedeutet
nicht, dass dieser nicht auch albanisch, bosnisch,
türkisch oder arabisch sein kann. Gleichzeitig ist zu
beobachten, dass gerade in der Schweiz auch bei
Muslimen kleinteiligere Bezugsräume eine wichtige Rolle für die eigene Identität spielen. So wird
etwa im Rahmen des Verbands der muslimischen
Vereine im Kanton Waadt (UVAM ) über das Thema
‹Waadtländer und Muslim sein› nachgedacht. Religionen sind keine isolierten Gebilde, sie nehmen
auf, kommunizieren mit dem Umfeld. So hat der
Islam im Laufe seiner Geschichte und in verschiedenen Regionen ganz unterschiedliche Formen
angenommen. Dennoch bilden Koran, Sunna und
weitere Traditionen ein gemeinsames Referenzsystem. Es ist jedoch an den Muslimen, die Balance
zwischen Verwurzelung und Öffnung auf den
jeweiligen gesellschaftlichen Kontext neu auszuhandeln. Dafür ist es wichtig, dass Räume entstehen, in denen Muslime wissenschaftlich und
selbstbestimmt über ihre Identitäten und ihr
Religionsverständnis nachdenken können.
Hansjörg schmid ist Leiter des Schweizer Zentrums für
Islam und Gesellschaft an der Universität Freiburg. Zusammen
mit Serdar Kurnaz baut er das von der Stiftung Mercator
Schweiz geförderte Doktoratsprogramm ‹Islamisch-theologische Studien› auf. Sechs Nachwuchsforschende aus der
Schweiz bekommen durch Stipendien die Gelegenheit, sich
in Dissertationsvorhaben mit sozialethischen, gesellschaftlichen und religiösen Fragen mit Bezug zur Schweizer Realität
auseinanderzusetzen. hansjoerg.schmid@unifr.ch
7
schwerpunkt
zürich isst
Zürich isst
Woher kommt unser Essen? Wie
wird es hergestellt? Was bedeutet
das für Mensch und Umwelt? Der
Erlebnismonat ‹Zürich isst› hat die
Bevölkerung eingeladen, sich mit
Fragen der nachhaltigen Ernährung
auseinanderzusetzen. Die Stadt
Zürich und die Stiftung Mercator
Schweiz haben ‹Zürich isst› im
September 2015 zusammen mit
100 Partnerorganisationen verwirklicht. 200 Veranstaltungen prägten
das Programm, 63 werden auf
den folgenden Seiten vorgestellt.
8
Mercator Magazin 02 / 15
1Erntezeit im Biogarten
Zucchini, Randen, Karotten, Bohnen: Im Bildungsgarten der Stadtgärtnerei wurden im Frühjahr
verschiedene Gemüsesorten angepflanzt. Im Rahmen
von ‹Zürich isst› wurde geerntet. Die Gäste durften
das Gemüse mit nach Hause nehmen. Sie erhielten
Einblicke in den Biogarten und erfuhren, worauf
sie zuhause bei Anbau und Ernte achten müssen.
2Essbare Wildkräuter
Es gibt unzählige Wildkräuter, die den eigenen
Speiseplan bereichern können. Der Botanische
Garten der Universität Zürich zeigte in einem Kurs
die Vielfalt von Wildkräutern.
3
Politisches Kochbattle
Wer kocht am besten? Jugendliche und Politiker aus
der Stadt Zürich bereiteten im Hiltl-Kochatelier ein
vegetarisches Fünf-Gang-Menü aus mehrheitlich
regionalen Produkten zu. In fünf Gruppen traten sie
auf Einladung der OJA Zürich gegeneinander an. Die
frisch zubereiteten Leckereien wurden den anderen
Teilnehmenden und der Jury als Fingerfood serviert.
Am Ende konnten die Jugendlichen im Kochwettstreit
drei der Gänge für sich entscheiden.
9
schwerpunkt
zürich isst
4
Filme für die Erde
Wie werden wir in Zukunft 10 Milliarden Menschen
ernähren? Welche Auswirkungen hat die ‹Fast Fashion›
der Kleiderketten? Was hat Thule am Nordpol mit
Tuvalu im Pazifik zu tun? Sechs Filme boten am
‹Filme für die Erde Festival› im Volkshaus Einblicke
in verschiedene Aspekte der Nachhaltigkeit. Auf
Schulen warteten zur Vor- oder Nachbereitung
Impulslektionen der Klima- und Energiepioniere.ch.
5Energie aus Bioresten
Wie entstehen aus Bioabfällen Energie und Kompost?
Die Biogas Zürich AG führte durch das Vergärwerk
und die Biogas-Aufbereitungsanlage Werdhölzli und
erklärte, welche Stationen die Bio-Abfälle in der
Anlage durchlaufen.
10
Mercator Magazin 02 / 15
6
Pestizide in der Lebensmittelkette
Weltweit werden jährlich Millionen Tonnen Pestizide
eingesetzt. Sie entfalten ihre Wirkung nicht nur
bei Schädlingen und Unkräutern, sondern auch bei
Mensch und Umwelt. «Neue Studien weisen darauf
hin, dass die Auswirkungen von Pestiziden auf
Gesundheit und Ökosysteme möglicherweise unterschätzt wurden», sagt Projektleiter Frank Eyhorn von
Helvetas. «Da wir viele landwirtschaftliche Rohstoffe
importieren, tragen wir auch Verantwortung für
den Pestizideinsatz in anderen Ländern.» In einem
Symposium ging Helvetas an der ETH Zürich der
Frage nach, ob und wie der Pestizideinsatz reduziert
werden kann. Über 130 Vertreter aus Landwirtschaft,
Wissenschaft, Politik und Gesellschaft diskutierten
über das kontroverse Thema. Dabei wurde deutlich,
dass die Reduktion des Pestizideinsatzes eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, die das Zusammenspiel von Forschung, landwirtschaftlicher Praxis,
Einzelhandel, Konsumenten und Politik bedingt.
7Street Food Festival
Burger, Dumplings, Tacos, Sushi, Ceviche, Austern,
Raclette, Pralinen oder Cupcakes: Das Angebot
beim 4. Street Food Festival am Hafendamm Enge
war breit und abwechslungsreich. Das Festival
bot nicht nur eine breite Auswahl an Street-FoodKöstlichkeiten aus aller Welt, sondern gestaltete
mit Unterstützung des Vereins foodwaste.ch und
eines neuen Abfallkonzepts den Imbiss-Trend auch
verstärkt nachhaltig: Anstelle von Wegwerf- gab
es Mehrweg-Geschirr, es wurde recycelt, Biomüll
und Abfall wurden strikt getrennt.
9Gesund essen – eine Kostenfrage?
Für seinen Vortrag hat sich Luca Casetti einen passenden Ort ausgesucht: Im Caritas-Markt an der Reitergasse stellte der wissenschaftliche Mitarbeiter der
Berner Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften die Erkenntnisse einer aktuellen
Studie zum Zusammenhang zwischen einer gesunden
Ernährung und den finanziellen Möglichkeiten vor.
«Die Kosten werden gerne als Grund aufgeführt, um
weniger gesund zu essen», erklärte er. «Dieses
Argument stimmt nicht.» Zwar koste ein gesunder
Warenkorb mit vielen Früchten und Gemüse mehr
als ein ungesunder Warenkorb. Doch die Forscher
haben herausgefunden, dass ein Haushalt mit tiefem
Einkommen im Monat mehr für Essen ausgibt als
der gesunde Warenkorb kosten würde. «Auch mit
kleinem Budget kann man gesund essen.» Die Studie
habe gezeigt, dass Menschen mit wenig Geld dieses
sogar effizienter für gesunde Lebensmittel ausgeben
als Wohlhabende. Zwar geben vermögende Leute
mehr Geld für Lebensmittel aus, jedoch seien diese
nicht ausgewogener.
8Urbaner Wildpflanzengenuss
Mitten in der Stadt wachsen essbare Wildpflanzen.
Armin Heyer, Mitgründer des Bio-Velokuriers Öpfelchasper, nahm Interessierte mit auf eine Wildkräutertour durch Zürich. Anschliessend wurden die
gesammelten Kräuter und Salate, das Gemüse und
der Tee gemeinsam zubereitet und genossen.
11
schwerpunkt
10
zürich isst
Mercator Magazin 02 / 15
10Wenn Der Einkauf etwas ändert
Mit sieben verschiedenen Posten war die Ausstellung ‹Die Welt
im Einkaufswagen› in der ganzen Stadt zu sehen. Sie regte
dazu an, sich Gedanken darüber zu machen, welche globalen
Auswirkungen die Produktion unserer Lebensmittel hat.
Text / Nadine FIeke
Sie sind auf Plätzen in der ganzen Zürcher Innenstadt
verteilt: Sieben Einkaufswagen, gefüllt mit Bananen,
Gemüse, Wurst, Milchflaschen, Schokolade, Kaffee und
Brot. Menschen, schwer bepackt mit Einkaufstaschen,
hetzen vorbei. Manch einer bleibt einen Moment
stehen, sieht sich die Infotafel an – und erfährt, wie
die Produktion der Lebensmittel, die wir täglich in
unseren Einkaufswagen legen, Mensch und Umwelt
in anderen Teilen der Welt beeinflussen. Wer sich
intensiv mit der Thematik auseinandersetzen möchte,
läuft die sieben Posten der Ausstellung ‹Die Welt
im Einkaufswagen› gezielt ab oder nimmt an einer
Führung teil.
Milena Adnyanata und Veronika Hofer stehen
am Rande der Pestalozzi-Wiese vor dem Globus
an der Bahnhofstrasse. Sie ziehen sich das rote
T-Shirt der Erklärung von Bern (EvB) über und warten
auf Interessierte. Nach und nach trudeln diese am
Einkaufswagen zum Thema Kaffee ein, 20 Personen
kommen zur Führung. Die zwei jungen Frauen
sind zufrieden. Beide engagieren sich als Freiwillige
für die Erklärung von Bern – und damit für faire
Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Schweiz und
anderen Ländern. «Wir setzen uns dafür ein, dass
Unternehmen die Menschenrechte achten, sozial
und ökologisch verantwortungsvoll handeln», erklärt
Veronika Hofer der Gruppe das Engagement der
EvB. «Und wir möchten die Öffentlichkeit über die
Folgen ihres Konsumverhaltens aufklären.» Für
‹Zürich isst› haben 15 junge Freiwillige der Regionalgruppen Zürich und Winterthur ‹Die Welt im Einkaufswagen› erarbeitet. Um möglichst viele Menschen
zu erreichen, ist die Ausstellung auf verschiedene
Posten im öffentlichen Raum verteilt. Die sieben
ausgewählten Produkte dienen als Aufhänger, um
globale Herausforderungen des Lebensmittelkonsums
zu beleuchten.
Posten: Kaffee
«Kaffee ist der meist gehandelte Agrarstoff der Welt»,
erklärt Milena Adnyanata. Und diese Abhängigkeit
von den globalen Handelsmärkten sei das grösste
Problem der Kaffeebauern: Die Preise schwanken stark,
seit 2002 befindet sich der Kaffeepreis auf einem
dauerhaften Tiefpunkt. Das Einkommen der Kleinbauernfamilien schwindet, sie haben keine Planungssicherheit. «Viele geben die Landwirtschaft auf
und ziehen in die Stadt», sagt Milena Adnyanata.
«Doch dort warten oftmals Armut und Erwerbslosigkeit auf die Menschen.» Wer im Kaffeeanbau
bleibt, ist von den Preisen der Zwischenhändler
abhängig. Mit dem Kauf von zertifizierten Produkten
können sich die Konsumenten für eine Verbesserung
der Situation in den Produktionsländern einsetzen.
Zertifizierte Kooperativen erhalten einen Mindestpreis
und eine Prämie für ihren Kaffee. Gleichzeitig wird
die Zusammenarbeit in lokalen Produktionsgemeinschaften gestärkt. In kaum einem Land wird so viel
Kaffee getrunken wie in der Schweiz: 3,5 Tassen
trinken wir am Tag – neun Kilo Kaffee pro Jahr. Und
der Wunsch nach fair gehandeltem Kaffee steigt.
Freiwillige der Erklärung von Bern führen
Interessierte durch die Stadt – von Einkaufswagen zu Einkaufswagen.
11
schwerpunkt
zürich isst
Passend zu den Themen der Posten liegen
Produkte in den Einkaufwagen. Im Niederdorf
geht es um den Fleischkonsum.
schränken den Pestizideinsatz ein. Bio-Label garantieren einen Anbau ohne synthetische Mittel und
achten auf soziale Standards.
Posten: Fleisch
Posten: Bananen
Der Apfel ist die beliebteste Frucht in der Schweiz,
dicht gefolgt von der Banane. Während Äpfel in unterschiedlichsten Formen und Farben verkauft werden,
dominiert in der Bananenproduktion eine einzige
Sorte. «Monokulturen sind ein Paradies für Krankheiten und Schädlinge», stellt Veronika Hofer fest.
Um Ertragsverluste oder Totalausfälle zu vermeiden
und die Pflanzen zu schützen, werden Unmengen
von Pestiziden gespritzt – bis zu 40 Mal pro Jahr per
Helikopter oder Flugzeug. «Nur 25 Prozent der Pestizide landen tatsächlich auf den Pflanzen», bemerkt
die Agronomin. Der Rest belastet die Umwelt und auch
die Menschen, die vermehrt unter Hautkrankheiten,
Allergien und einem erhöhten Krebsrisiko leiden.
Hinzukommt, dass der Lohn für Plantagenarbeiter oft
unter dem Mindestlohn liegt. «Doch es gibt Hoffnung», erzählt Veronika Hofer der Gruppe auf dem
Werdmühleplatz. In der Schweiz seien bereits 50
Prozent der verkauften Bananen fair gehandelt. Label
haben verschiedene Bedeutungen: Fairtrade-Label
bestimmen Standards für Arbeitsbedingungen und
12
Mercator Magazin 02 / 15
Was hat unser Fleischkonsum mit der Abholzung des
Regenwalds zu tun? Tatsächlich sehr viel, wie der
Einkaufswagen am Hirschenplatz deutlich macht: Die
Schweizer essen 400 000 Tonnen Fleisch im Jahr –
das ist ein Kilo Fleisch pro Person und Woche. Fast
die Hälfte des Sojas, das als Kraftfutter für die
Fleischproduktion genutzt wird, wird aus den Ländern
des Südens importiert. «Unser Fleischkonsum hat
soziale und ökologische Folgen für Entwicklungsländer», weiss Milena Adnyanata. Das Soja wird in
grossen Monokulturen angebaut, der hohe Pestizideinsatz belastet Böden, Grundwasser und Menschen,
Bauernfamilien wird das Land geraubt. «Und für
immer grössere Anbauflächen wird immer mehr
Regenwald abgeholzt», erklärt die Studentin. Jedes
Jahr gehen so 31 000 Quadratkilometer – drei Viertel
der Fläche der Schweiz – verloren. Auch mit Blick
auf die Ernährungssicherheit ist der Fleischkonsum
ein Problem: Drei Viertel der weltweiten Agrarflächen werden für die Futtermittelproduktion verwendet,
statt darauf Nahrungsmittel für Menschen anzubauen. «Mensch und Nutztier sind Nahrungsmittelkonkurrenten.» Was können wir in der Schweiz tun?
«Wenn wir nur halb so viel Fleisch essen würden,
könnte die Schweiz auf Soja-Importe verzichten», betont Milena Adnyanata. Wer bei seinem (reduzierten)
Fleischkonsum auf eine Bio-Zertifizierung achtet,
fördert eine tiergerechte Haltung und eine nachhaltige Fleischproduktion.
Posten: Gemüse
«Es gibt 50 000 essbare Pflanzen auf der Welt»,
sagt Veronika Hofer am Posten an der Rathausbrücke.
«Nur 7000 davon werden kultiviert.» Traditionell
funktionierte die Züchtung so: Landwirte hielten jedes
Jahr einen Teil ihrer Ernte zurück, um sie im nächsten Jahr wieder auszusäen. Der Tausch von Samen
stellte den Zugang zu neuem Saatgut sicher. Die
besten Sorten wurden gekreuzt, so entstanden lokal
angepasste Züchtungen. Heute ist dies nicht mehr
ohne weiteres möglich: «Konzerne können sich
besondere Eigenschaften von Pflanzen patentieren
lassen», erklärt Veronika Hofer. «Selbst wenn die
Eigenschaft auf natürliche Weise in einer Pflanze
vorkommt.» Mit dem Patent sind alle Pflanzensorten
geschützt, die die jeweilige Eigenschaft – zum Beispiel die Resistenz gegen eine Krankheit – besitzen.
Das Ziel eines Patents sei es eigentlich, Erfindungen
zu schützen und Innovationen zu fördern, meint die
EvB-Freiwillige. Doch im Fall der Pflanzenzüchtung
verhindere es Innovationen, denn die Entwicklung
neuer Sorten sei auf den freien Zugang zu Saatgut
angewiesen. «Patente auf Saatgut gefährden die
Sortenvielfalt», betont Veronika Hofer. Und das habe
Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit: Je
geringer die genetische Vielfalt, desto schwieriger
ist es für Pflanzen, sich an neue Umweltbedingungen,
Krankheiten oder Schädlinge anzupassen. Aktuell
setzt sich die Koalition ‹No Patents on Seeds› aus über
300 internationalen Organisationen, darunter die
Erklärung von Bern, auf europäischer Ebene mit einer
Petition für ein Gesetz ein, das die Patentierung
von konventionell gezüchteten Pflanzen und Tieren
verhindert. Wer Saatgut und Gemüse von ProSpezieRara kauft, unterstützt lokale Sorten.
Posten: Milch
Industrieländer unterstützen ihre Landwirtschaft
mit Subventionen und Direktzahlungen. «Das ist gut
für die Bauern vor Ort, schlecht für Bauern in Entwicklungsländern», betont Milena Adnyanata. Den
Entwicklungsländern fehlen die finanziellen Mittel,
um ihre eigene Landwirtschaft zu unterstützen.
Trotz der tieferen Lohnkosten können ihre Produkte
nicht mit den subventionierten Produkten aus den
Industrieländern konkurrieren. «Die Entwicklungsländer werden durch billige, subventionierte Produkte
überschwemmt», erklärt die EvB-Freiwillige. So
kostet Milchpulver aus Europa in Afrika die Hälfte der
lokalen Waren. Immer mehr lokale Bauern müssen
ihre Höfe aufgeben – und damit werden die Länder in
der Nahrungsversorgung mehr und mehr abhängig
von Importen. Entsprechend problematisch sei auch
die Praxis der Schweiz, jedes Jahr Milchpulver im
Wert von 20 Millionen Franken an Entwicklungsländer zu verschenken, sagt Milena Adnyanata. Nach
Überzeugung der Erklärung von Bern sollten auch bei
humanitären Katastrophen Nahrungsmittel nicht
verschenkt, sondern in Nachbarländern eingekauft
werden, um die Landwirtschaft in den Regionen zu
unterstützen. «Viele europäische Staaten sind bereits
zu dieser Praxis übergegangen.» An diesem Posten
am Limmatquai endet die offizielle Führung. Die
beiden EvB-Freiwilligen beantworten letzte Fragen
und laden Interessierte ein, die zwei weiteren Posten
der Ausstellung auf eigene Faust zu erkunden.
Posten: Kakao
Süss für uns, bitter für die Produzenten: In der Schweiz
werden pro Kopf und Jahr zwölf Kilo Schokolade
gegessen – so viel wie nirgendwo sonst auf der Welt,
verdeutlicht die Infotafel am Züghusplatz. Doch
Anbau, Pflege und Ernte des Kakaos sind harte Arbeit,
und der Lohn ist mager. Bestimmt wird der Kakaopreis an den Rohstoffbörsen im Westen. Die Preise
schwanken stark, die Bauernfamilien können kaum
von ihrem Einkommen leben. Und entsprechend
ist es ihnen kaum möglich, in die Pflege und Produktivität ihrer Bäume zu investieren. Kinderarbeit auf
den Plantagen ist unter diesen Voraussetzungen ein
grosses Problem. Und damit zementiert sich die
Armut auch für die kommende Generation. Mit dem
Kauf von Produkten aus zertifiziertem Kakao können
sich die Konsumenten für faire Preise und verbesserte Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern
engagieren.
Posten: Getreide
Angebot und Nachfrage bestimmen die Nahrungsmittelpreise. Kommt es durch Dürren oder Starkniederschläge zu einer Verknappung des Angebots, steigen
die Nahrungsmittelpreise. Doch das alleine kann
die starken Schwankungen der Nahrungsmittelpreise
nicht erklären. Ebenso wenig die Nahrungsmittelkrisen in den Jahren 2008 und 2011. Tatsächlich ist
es laut der Infotafel am Rennweg die Spekulation mit
Nahrungsmitteln, die zu Preisspitzen beiträgt. Fatal
sind explosiv steigende Nahrungsmittelpreise für
Menschen in Entwicklungsländern. Im Vergleich zu
Industrieländern wird dort ein wesentlich höherer
Anteil des Haushaltseinkommens für Nahrungsmittel
verwendet. Während dies in der Schweiz durchschnittlich 11,5 Prozent sind, liegt es in Äthiopien
bei 46 Prozent. Gleichzeitig nehmen starke Preisschwankungen Kleinbauern die Planungssicherheit,
sie können weniger in ihre Produktion investieren.
Fallende Preise bringen sie in eine finanzielle Notlage.
Kontakt / Erklärung von Bern, Ursina Mayor,
ursina.mayor@evb.ch
13
schwerpunkt
zürich isst
11Open-Air-Kino
Mit einem solarbetriebenen, mobilen Open-Air-Kino
zeigte Helvetas im Rahmen der Veranstaltungsreihe
‹Cinema Sud› den Dokumentarfilm ‹Hunger. Genug
ist nicht genug› und gab damit Einblicke in eine der
schwerwiegendsten Herausforderungen unserer Zeit.
Filmemacher David Syz diskutierte mit dem Publikum.
13 aus der region
Woher kommen unsere Lebensmittel? Mit der
Ausstellung ‹Heimisch› zeigt der Zürcher Bauernverband, welchen Beitrag die Bauernfamilien zur
Ernährung der Bevölkerung beitragen. Regionalität
und Saisonalität stehen im Vordergrund. Die Ausstellung wurde an der Erlebnismesse Züspa gezeigt.
12Interkultureller Welttisch
Mitbringen, teilen und ausprobieren: Menschen aus
unterschiedlichen Kulturen boten im GZ Hirzenbach Speisen aus ihrer Heimat an. Die Gäste konnten
Essen aus der ganzen Welt probieren – und durch
freie Kombinationen ganz neue Gerichte kreieren.
Das GZ Hirzenbach und der Verein ExpoTranskultur
haben den interkulturellen Welttisch organisiert.
14Konfitüren-Wettbewerb
Wie schneidet die eigene hausgemachte Konfitüre im
Vergleich mit anderen ab? Eine fünfköpfige professionelle Jury bewertete im Wettbewerb von BioZH im
Alterszentrum Kluspark die süssen Brotaufstriche.
14
Mercator Magazin 02 / 15
15 Postenlauf durch Zürich
Oft ist uns nicht bewusst, welche Auswirkungen
unser Konsum auf Mensch und Umwelt in verschiedenen Teilen der Welt haben. Mit den Stadtführungen
‹Konsum Global› möchte das Ökozentrum auf diese
Zusammenhänge aufmerksam machen, Denkanstösse geben und Alternativen für einen nachhaltigen
Konsum aufzeigen. Die Stadtrundgänge werden
von jungen Freiwilligen geleitet, die sich zu Regionalgruppen zusammenschliessen und für Interessierte
– vor allem Schulklassen – Postenläufe durch Basel,
Bern, Baden oder Zürich organisieren. Für ‹Zürich
isst› hat sich der Zürcher Stadtführer Jerry Arnold auf
Themen rund um die Ernährung konzentriert: Die
Teilnehmer sollten vor einem Krämerladen überlegen,
was die Inhaltsstoffe auf verschiedenen Lebensmittelpackungen ökologisch bedeuten. Vor einem Kolonialwarenladen breitete der Student eine Weltkarte auf
dem Boden aus und diskutierte mit der Gruppe über
Arbeitsbedingungen auf Kakaoplantagen. Vor einer
Metzgerei inszenierte er eine Diskussionsrunde zum
Fleischkonsum: Was spricht dafür, den Fleischkonsum
bewusst zu reduzieren? Welche Chancen bietet eine
fleischlose Ernährung? Warum bestehen manche auf
ihre tägliche Portion Fleisch? Dass die Teilnehmer
in den Diskussionen in Rollen schlüpfen mussten, die
nicht unbedingt ihrem eigenen Ernährungsstil entsprechen, war eine besondere Herausforderung. Vor
einem Backwarengeschäft, das Brot vom Vortag
verkauft, vertiefte die Gruppe das Thema Food Waste.
Die Teilnehmer sollten Werbeslogans für Lebensmittel entwerfen, die – weil sie unförmig, überreif oder
das Mindeshaltbarkeitsdatum überschritten haben
– oft im Müll landen. Besonders dieser letzte Posten
liess die Gruppe aufhorchen: «Pro Jahr entstehen
in der Schweiz 2,3 Millionen Tonnen Food Waste»,
erklärte Jerry Arnold. «Das entspricht dem Gewicht
von 900 Elefanten pro Tag.»
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16Ein Fest für die Vielfalt
Tomate ist nicht gleich Tomate: Über 3500 Besucher degustierten
auf dem Stadt-Tomaten-Fest von ProSpecieRara 82 verschiedene
Tomatensorten. Sie tauschten Saatgut und erfuhren, warum dieses
heute nicht mehr allen gehört.
Text / Nicole Egloff
Von der ‹Allschwil› über die ‹Gelbe von Thun› und die
‹Schöne von Toggenburg› hin zur ‹Zwetschgentomate
Carmen›: Alphabetisch geordnet stehen 82 Tomatensorten an 19 Ständen zum Degustieren bereit. Die
Stadtgärtnerei Zürich hat perfekte Arbeit geleistet
und die Vielfalt termingerecht für das Stadt-TomatenFest der Stiftung ProSpecieRara produziert, die sich
für den Erhalt gefährdeter Kulturpflanzen und Nutztierarten einsetzt. «Ganz einfach war das nicht, wir
sind ja kein Gemüseanbaubetrieb», erzählt Andreas
Meili, Leiter der Stadtgärtnerei. «Aber es hat Spass
gemacht, die Vielfalt der alten Sorten beim Gedeihen
zu begleiten.» So sind sie an diesem ersten Sonntag
im September schön anzusehen, die riesigen orangepinken Fleischtomaten, die kleinen gelben, birnenförmigen Cherrys und alle Variationen dazwischen.
Immer wieder hört man die Besucher auf der Stadthausanlage am Bürkliplatz staunen: «Ich wusste gar
nicht, dass es so viele Tomatensorten gibt!»
Eine Idee funktioniert
Gut besucht ist auch die Saatgut-Tauschbörse: Im
Frühling hatten viele Interessierte kostenlos mehrere
1000 Samensäckchen von 50 verschiedenen Tomatensorten auf www.stadt-tomaten.ch bestellt. Möglich
gemacht hat dies unter anderem die Unterstützung von
Coop, Ricoter sowie der Städte Genf und Lausanne.
Die Bestellenden wurden gebeten, ihre Tomaten nicht
bloss anzubauen und zu essen, sondern daraus Saatgut zu ernten. Wie dies funktioniert, zeigte ihnen eine
Anleitung, die den Kreislauf vom Samen über den
Setzling zur Frucht und wieder zum Samen darstellt.
Tatsächlich brachten zahlreiche Hobbygärtner ihre
selbst gewonnenen Samen zum Stadt-Tomaten-Fest
mit, um sie gegen andere Sorten zu tauschen. «Ich
könnte laut jubeln, wenn ich sehe, dass so viele Leute
mit liebevoll verpackten Samenportionen zu unserer
Tauschbörse kommen», freut sich Anna Kornicker,
Projektleiterin der Stadt-Tomaten.
Während der Tausch von Saatgut früher normal
war, ist dies heute nur noch selten möglich. Denn
die meisten im Handel erhältlichen Tomatensorten
sind Hybrid-Züchtungen. Im Gegensatz zu den ProSpecieRara-Sorten kann man aus ihrer Ernte kein
brauchbares Saatgut gewinnen. Um im nächsten Jahr
wieder Tomaten anzubauen, muss das Saatgut jeweils neu gekauft werden. Damit steckt hinter dem
fröhlichen Stadt-Tomaten-Fest ein ernster Hintergrund: Der Grossteil des Saatguts ist heute nicht
mehr frei. Man kann es nicht problemlos vermehren
und tauschen. «Saatgut ist heute eine gewinnbringende Ware», sagt Béla Bartha, Geschäftsführer von
ProSpecieRara. Heute beherrschen gerade einmal
fünf Firmen 95 Prozent des europäischen Gemüsesaatgutmarktes. Sie bestimmen, welche Sorten und
Arten gezüchtet werden – und damit letztendlich
auch, was wir essen. Gemüsearten, die nicht dem
Mainstream entsprechen, verschwinden so rasch aus
den Regalen. «Die Vielfalt, die unsere Vorfahren
über viele Generationen gezüchtet haben, schwindet
rasant», bedauert Béla Bartha. Damit wird unsere
Ernährung von wenigen Sorten abhängig. Mit Blick
auf klimatische Veränderungen, sich wandelnde
Anbaubedingungen oder neue Pflanzenkrankheiten
sei das ein grosses Problem. Eine weitere Herausforderung seien Patente auf Eigenschaften in verschiedenen Sorten: «Das macht die Weiterzüchtung für
Dritte praktisch unmöglich und schränkt das Angebot
weiter ein.»
Appell an die Politik
Diese Problematik beleuchten François Meienberg
von der Erklärung von Bern, Peter Latus vom Bundesamt für Landwirtschaft, Amadeus Zschunke von
Sativa Rheinau, Monika Messmer vom Forschungsinstitut für Biologischen Landbau und Béla Bartha
von ProSpecieRara in einer Podiumsdiskussion.
Die vier Gäste haben verschiedene Sichtweisen auf
die Thematik, doch in einem sind sie sich einig: Es
ist höchste Zeit, dass die Schweiz offiziell Stellung
gegen Patente auf Leben bezieht, wie dies unter
anderem bereits Österreich, Deutschland, Frankreich
und die Niederlande getan haben. In einer weiteren
Diskussionsrunde kommen die Samenbibliothekarin
von ProSpecieRara, Mira Langegger, und drei langjährige Sortenbetreuer zu Wort. Sie sorgen in ihren
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schwerpunkt
zürich isst
Tomaten in unterschiedlichsten Formen und
Farben können die Besucher probieren. Viele
nehmen Samen mit, um ihre Lieblingssorten
im eigenen Garten anzubauen.
Gärten für das Überleben zahlreicher alter Sorten.
Annafried Widmer-Kessler ist eine von ihnen und
seit über 20 Jahren dabei: «Damals erhielten mein
Mann und ich die allerletzten Samen der Stangenbohne ‹Klapprotts Lila Schecke› zur Vermehrung»,
erzählt sie. «Wir waren ganz schön aufgeregt, da nun
die Verantwortung dieser Sorte in unseren Händen
lag. Aber wir haben’s geschafft und betreuen die
Sorte heute noch.» Nur Dank engagierter Menschen
wie sie kann das Erhaltungssystem von ProSpecieRara funktionieren: Die Vermehrung und Erhaltung
der aktuell rund 1500 Garten- und Ackerpflanzen
von ProSpecieRara liegt in den Händen von rund 400
freiwilligen Hobbygärtnern. Das Saatgut, das von
den Sortenbetreuern und Privatanbieterinnen jeweils
Ende des Jahres per Post in den ProSpecieRaraHauptsitz in Basel geliefert werden, wird in einer
18
Mercator Magazin 02 / 15
Samenbibliothek gelagert. Neue Sortenbetreuer zu
finden ist entsprechend auch ein mittelfristiges
Ziel des Projekts Stadt-Tomaten. Denn erst wenn
eine Sorte in drei Gärten regelmässig angebaut
wird, gilt sie als ausreichend abgesichert.
Nicole Egloff ist Medienverantwortliche
bei ProSpecieRara.
Kontakt / ProSpecieRara, Anna Kornicker,
anna.kornicker@prospecierara.ch
19
schwerpunkt
zürich isst
17Stadtgemüse
Auf über 430 Quadratmetern pflanzten Kinder und
Jugendliche für ‹Zürich isst› Stadtgemüse in 25
Schulanlagen: Von ProSpecieRara offeriert und von
Grün Stadt Zürich gezogen wurden die Setzlinge
in den Schulgärten gepflegt. Im September wurde
geerntet. Auch auf der Terrasse des Amtshauses
Walche wuchs Stadtgemüse.
19Begrünte Spirale
Durch die Windungen der Migros-Spirale an der
Pfingstweidstrasse wachsen Bäume dem Himmel
entgegen. Unzählige Balkonkisten mit essbaren
Pflanzen säumen die Rampe der ehemaligen Parkdeck-Auffahrt. Zum 50-Jahre-Jubiläum der Betriebszentrale Herdern und passend zu ‹Zürich isst› hat
Migros die Inszenierung ‹Stammbaum› verwirklicht.
18 Friss oder stirb
Die Theatergruppe Compagnie nik beleuchtet im
Stück ‹Friss oder stirb› das Thema Hunger in all
seinen Facetten: Welthunger, Lebensmittelproduktion
und Verteilung, Essstörungen, Überfluss und Mangel.
Die Abteilung ‹schule&kultur› der Bildungsdirektion des Kantons Zürich hat es Schulen ermöglicht,
das Theaterensemble ins eigene Haus zu holen.
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Mercator Magazin 02 / 15
20 Kür der kartoffelkönigin
Wer wird Kartoffelkönigin? Aus zehn alten und
seltenen Sorten konnten die Gäste der Stadtgärtnerei an zwei Tagen ihre liebste Knolle wählen.
Gewonnen hat Baselbieter Müsli knapp vor Corne
de Gatte und Röseler. 100 Kilo Kartoffeln hat das
Team von Grün Stadt Zürich für über 100 Gäste
gekocht. Weil der Sommer 2015 sehr trocken war,
reichte die Ernte in der Stadtgärtnerei nicht für
das Kartoffel-Fest. Ein Grossteil der Kartoffeln
stammte von einem Biobauern aus Filisur (GR):
Auf über 1000 Metern über dem Meer hat er die
verschiedenen ProSpecieRara-Sorten angebaut.
«Der Boden dort oben ist sandig, fast schwarz.
Sie erwärmen sich sehr schnell», erklärt Andreas
Meili, Leiter der Stadtgärtnerei.
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21Genussfahrt Quer durch die Stadt
Apfel, Wurst, Brot, Schokolade, Milch – das sind nur fünf von zahlreichen Produkten, die in der Stadt Zürich produziert werden.
Das z4i-Tram begab sich auf die Spuren lokaler Lebensmittelherstellung. Literarische Texte machten Lust auf gutes, gesundes Essen.
Text / Nadine FIeke
Literatur und Genuss hängen eng zusammen. Wer
liest, nimmt sich Zeit. Geniesst den Moment, den
Ausflug in andere Welten – und in diesen wird wie im
echten Leben gegessen, geschlemmt, getafelt und
getrunken. «Essen als Motiv kommt in der Literatur
in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen vor»,
erzählt Melanie Katz. Sie steht an einem kleinen
Rednerpult mitten im z4i-Tram von Slow Food Youth.
Die Sitze sind gefüllt mit Menschen, die mehr über
lokale Produkte aus Zürich erfahren wollen. Sie halten
kleine Jutebeutel in der Hand. ‹z4i-Tramfahrten› ist
in hellem Mintgrün darauf gedruckt. Darin befinden
sich ein Apfel, eine Wurst, ein Bio-Dinkelbrötchen,
ein Kirschstengeli und ein Stadtmilch-Gutschein. Der
Beutel ist ihr Tramticket für die nächsten 1,5 Stunden,
durch die Melanie Katz zusammen mit Emanuel
Lobeck führt. Die Schriftstellerin und der Gastronomie-Experte sind Mitglieder von Slow Food Youth.
Sie haben die kulinarische Tramfahrt entwickelt.
Langsam bahnt sich das Tram den Weg vom quirligen
Bellevue die Forchstrasse hinauf im Richtung Rehalp.
Die Stadt zieht am Fenster vorbei, die Häuser werden
kleiner, Gärten häufiger. Von hier oben stammt der
Apfel im beigen z4i-Beutel: Im Obstgarten Burghölzli
der Psychiatrischen Universitätsklinik stehen 569
Obstbäume. Auf 162 Apfelbäumen wachsen 61 verschiedene Sorten, darunter auch alte und fast vergessene, die mit ökologischen Methoden gepflegt werden.
Katz nachdenklich fest, schmeckt nicht mehr so
wie früher. Sie zitiert die Schriftstellerin Iris Radisch,
die Schneewittchens vergifteten Apfel heute zu
Schnäppchenpreisen in jedem Supermarkt sieht. Sie
liest aus einem Text des Autors Tex Rubinowitz, der
über aromalose Äpfel aus Übersee klagt. «Wenn man
genau hinschaut», appelliert Melanie Katz, «finden
sie sich, die Bäume mit den alten Apfelsorten.» Von
einem solchen Ort, wo Sorten wie die Goldparmänen,
Purpurella oder die Reinette Bergamotte wachsen,
hat Slow Food Youth Äpfel mitgebracht. Einige Gäste
beissen herzhaft hinein.
Kehrtwende an der Station Rehalp, zurück in Richtung
Bellevue. Die fünf Produkte im z4i-Beutel sind nicht
zufällig gewählt. Mit einer Frucht, mit Brot, Fleisch, Milch
und einer Süssigkeit wollten die jungen Organisatoren
der Tramfahrt die Grundelemente der Ernährung
abdecken. Alle Produkte entsprechen dem Nachhaltigkeitskonzept von Slow Food: Sie sind mit Sorgfalt und
grösstenteils in Handarbeit produziert, mit Respekt
für Ausgangsprodukte, Mensch und Natur. Die z4iTramfahrt soll die Bevölkerung einladen, ihre Stadt als
Produktionsstandort für gute Lebensmittel wahrzunehmen. Die Bio-Würste ‹Stadtjäger› und ‹Stadtjägerli›
gehören dazu: Die gesamte Verarbeitung, Veredelung
und Trocknung der Wurst findet innerhalb der Zürcher
Stadtgrenzen statt.
«Der Apfel ist das Symbol für Verführung, Vergiftung,
aber auch der Unschuld und des Herbstes», erzählt
Melanie Katz. Sie liest während der Tramfahrt immer
wieder Auszüge aus literarischen Texten vor – passend
zu den vorgestellten Produkten. «Das gute Lebensmittel braucht Zeit», bemerkt sie. «Es ist regional,
saisonal und nachhaltig produziert.» Und vor allem
habe es Geschmack. Doch der Apfel, stellt Melanie
Sondertram durch Zürich: Auf der Fahrt
können die Gäste verschiedene lokale
Produkte probieren.
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schwerpunkt
zürich isst
«Was ist eine gute Wurst?», fragt András Németh,
Geschäftsführer des Marktladens ‹Berg und Tal›.
Auf die Herkunft des Fleischs komme es an, auf
den Inhalt, die Verarbeitung, den Geschmack. «Der
Stadtjäger ist eine besondere Wurst.» Eigentlich
wollte der Hersteller sich und seine Arbeit selbst
vorstellen. Da Mika Lanz jedoch krank war, übernahm mit András Németh jemand das Mikrofon, der
die Zürcher Bio-Wurst mit Überzeugung verkauft.
«Die Vision von Mika war es, die Wurst der Stadt zu
machen», erinnert der Spezialist für nachhaltige
und regionale Lebensmittel an die Anfänge des Stadtjägers. In seinen Würsten verarbeitet Mika Lanz
Stadtschweine vom Waidhof in Zürich-Seebach ganz,
womit auch edelste Fleischstücke in sein Produkt
kommen. Das Geschmacksgeheimnis ist zudem eine
Rezeptur mit Rotwein, Salz, Grappa und verschiedenen Gewürzen. Chili prägt den Stadtjäger, das
bleistiftdicke Stadtjägerli ist milder. «Packen Sie die
Wurst aus, riechen Sie daran», ermuntert András
Németh. Folie knistert, ein würziger, verführerischer
Geruch zieht durchs Tram. «Vor wenigen Minuten
war die beste, saftigste Wurst noch leibhaftig da»,
liest Melanie Katz aus Robert Walsers Werk ‹Die
Wurst›. Der Ich-Erzähler beklagt Seite um Seite den
Verlust seiner krachenden, wohlriechenden, appetitlichen Wurst, die er voreilig – wenn auch genussvoll – verschlungen hat. «Bitte die Wurst noch nicht
essen!», unterbricht Emanuel Lobeck immer wieder
die Lesung. Doch kaum einer kann lange widerstehen.
Da geht es den Tramfahrern wie dem Wurst-Vertilger
aus der Erzählung.
Das z4i-Tram rollt die Forchstrasse hinunter, vorbei
am Tram-Museum, zurück in Richtung Bellevue. Einen
Kilometer Luftlinie entfernt, unten am Zürichsee, befindet sich ein anderes Museum: das Mühlerama. In
den Räumen der ehemaligen Hürlimann-Brauerei wird
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Mercator Magazin 02 / 15
seit 1913 Mehl gemahlen. 1983 wurde die Produktion
der Mühle in den Kanton Luzern verlegt. In der ehemaligen Mühle Tiefenbrunnen entstanden Wohnungen,
Büros, Läden, ein Restaurant, ein Theater – und das
Museum, in dem eine Dauerausstellung die Geschichte
des Getreides zeigt und sich wechselnde Sonderausstellungen der Ess- und Trinkkultur widmen. Die industriegeschichtlich bedeutende Mühle wurde erhalten.
Sie produziert noch heute jährlich mehrere Tonnen
Halbweiss- und Ruchmehl, das im Museumsshop verkauft wird. Und jeden Freitag wird im Mühlerama Brot
verkauft. Brot wie das im z4i-Tram-Beutel.
«Brot galt lange als Grundnahrungsmittel und spielt
auch heute noch eine prominente Rolle in der schweizerischen Küche», sagt Emanuel Lobeck. Er persönlich misst die Qualität eines Restaurants an der
Qualität seines Brotes. Als Melanie Katz ein Buch von
Wolfgang Borchert zur Hand nimmt und aus der in
der Nachkriegszeit spielenden Kurzgeschichte ‹Das
Brot› liest, wird deutlich, dass Brot vor gar nicht allzu
langer Zeit auch hierzulande von grossem Wert war.
«Einem Wert, den wir unter Umständen manchmal
unterschätzen», gibt Emanuel Lobeck zu bedenken.
Fraumünster und Grossmünster hat das Tram hinter
sich gelassen, es fährt den Limmatquai hinauf. Früher
gab es hier eine Fleischhalle, die Altstadt war geprägt
von Märkten und einem florierenden Einzelhandel mit
Lebensmitteln und Feinkost. Familie Schwerzmann,
bekannt für ihre handgemachten Kirschstengeli, hat
ihren Produktionsstandort seit drei Generationen
in der Oberdorfstrasse. Eine Besonderheit der Schokoladenspezialität: Die übliche Zuckerkruste fehlt. So
schmecken die Kirschstengeli nur nach Schokolade
und der alkoholischen Füllung aus Schweizer Früchten.
Das Herstellungsverfahren ist ein wohl gehütetes
Familiengeheimnis.
Eine Helferin von Slow Food Youth wandert mit einem
Korb voll Schokolade durch die Reihen. Kinder und
Personen, die gerne auf Alkoholisches verzichten
möchten, können die Kirschstengeli gegen Schokoladen-Taucherli eintauschen. Und diese lassen sich
nicht nur lutschen, sondern auch in warme Milch
tauchen. «Milch, das schreibt der Literaturwissenschaftler Florian Werner, ist in vielerlei Hinsicht
ein ganz besonderer Saft», erzählt Michaela Katz.
Sie gebe Kraft, mache starke Knochen. Und weil
es ohne die Kuh keine Milch gibt, liest sie aus dem
Tierskizzenbüchlein des Schriftstellers Hellmut
von Cube vor, in der er liebevoll die Sanftmut, die
Geduld, das Staunen im Blick der runden, dunklen
Augen dieser ruhigen Tiere beschreibt.
«Die Geschichte der Stadtmilch hat auf dem
Hönggerberg angefangen», erinnert sich Flurin
Conradin, als er ans Rednerpult tritt. Er hatte dort
einen Milchautomaten entdeckt und wollte seither
nur noch da seine Milch kaufen. «Als ich irgendwann wieder einmal verschwitzt mit dem Velo oben
angekommen bin, habe ich mir gesagt: Der Milchautomat müsste eigentlich unten in der Stadt stehen.»
Die Idee war im Kopf, im Herbst 2014 stellte er ein
‹Milchhüsli› in die Markthalle im Viadukt, wo man
sich Milch in eine Glasflasche abfüllen kann. Die Milch
stammt vom Hof Längimoos in Rüschlikon, fünf
Kilometer von der Zürcher Stadtgrenze entfernt. Die
Stadtmilch-Kühe sind nicht enthornt, sie verbringen
die meiste Zeit auf der Weide und fressen nur, was auf
dem Hof angebaut wird. Mit seiner Stadtmilch möchte
Flurin Conradin die Konsumenten dafür sensibilisieren,
was artgerechte Tierhaltung bedeutet. Gleichzeitig
möchte er den Produzenten zeigen, wie sie ihre Milch
besser vermarkten können. Seinem Produzenten
könne er durch eine alternative Wertschöpfungskette
einen fairen Preis zahlen, erzählt der Initiant der Stadtmilch. Genüsslich probieren die Zuhörer die Milch,
auf der Rahm schwimmt, wenn man sie stehen lässt.
«Milch wie früher», sagt Flurin Conradin stolz. Er
ist ein moderner Milchmann – ganz anders als der aus
dem Werk von Peter Bichsel, den Michaela Katz mit
ruhiger Stimme zum Leben erweckt.
Das Tram verlässt den Escher-Wyss-Platz und rollt am
Viadukt vorbei. Dem Ort, wo der Stadtmilch-Automat
steht und der Marktladen ‹Berg und Tal› regionale und
nachhaltige Produkte verkauft. Über Limmatplatz,
Bahnhofsquai und Bahnhofstrasse geht es zurück zum
Bellevue. Nicht nur Äpfel, Brot, Wurst, Schokolade
und Milch werden in Zürich produziert. Die Angebote
sind vielfältig: Bier, Suppen, Sirup, Konfitüre, Wein,
Honig, Gemüse… In der ganzen Stadt werden Lebensmittel angebaut, hergestellt und verkauft. z4i-Tramfahrer, die noch mehr über lokale Produkte erfahren
möchten, haben mit dem Büchlein ‹Zürich by Food›
von Martin Walker eine Hilfe für eigene kulinarische
Entdeckungstouren an die Hand bekommen.
Melanie Katz serviert während der Fahrt
literarische Häppchen aus der deutschsprachigen Literatur.
Kontakt / Slow Food Youth, Emanuel
Lobeck, info@slowfoodyouth.ch
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22Brunnentour durch die Altstadt
1224 Brunnen verschönern die Stadt Zürich – und
aus allen sprudelt Trinkwasser. 70 Prozent des
Züriwassers stammen aus dem Zürichsee, 15 Prozent sind Quellwasser, der Rest ist Grundwasser.
Ein 1500 Kilometer langes Leitungsnetz versorgt die
Haushalte mit Wasser. Die Wasserversorgung der
Stadt Zürich vermittelte auf einem Rundgang durch
die Altstadt Wissenswertes zu Geschichte und
Kultur der Zürcher Brunnen.
24Historischer Rundgang
Was wir essen und trinken, die Zubereitung der
Speisen und die Sitten bei Tisch ändern sich im Laufe
der Zeit. Produktion und Konsum von Lebensmitteln
spiegeln die unterschiedlichen Rollen von Frauen und
Männern in der Gesellschaft wider: Das Bier und
das Schlachten zum Beispiel waren Männersache,
während die Vegetarier-Bewegung stark von Frauen
geprägt wurde. Der Verein Frauenstadtrundgang
Zürich entführte zum historischen Rundgang
‹Zapfhahn und Suppenhuhn›.
23Schwimmende Ausstellung
Wie verhalten sich Fische in der Wildbahn? Wie steht
es um die Überfischung? Ist Aquakultur eine Alternative zu Wildfang? Wie kann ich bewusst und nachhaltig Fisch geniessen? Diese und andere Fragen griff
die schwimmende Ausstellung ‹fair fish geht baden›
im Seebad Enge auf.
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25Rallye durch den Schülergarten
Nach der Schule kommt eine Gruppe Kinder regelmässig in den Schülergarten an der Aemtlerstrasse.
Mit biologischen Methoden bauen die Kinder in
ihren eigenen Beeten Gemüse an. Dabei lernen sie
die Kreisläufe der Natur kennen. Was sie ernten,
können die Kinder mit nach Hause nehmen. An
einem Tag der offenen Tür gab der Garten an der
Aemtlerstrasse, der zur Gesellschaft für Schülergärten der Stadt Zürich gehört, Einblicke in seine
Arbeit. Die Gäste machten eine Wildkräuter-Rallye
und lernten Interessantes über Heilkräuter, die in
einem kleinen Beet angepflanzt sind. Stolz zeigten
die Gartenkinder den Besuchern auch die Hühnerschar, die auf dem Gelände lebt.
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2000 neue Geschmäcker
In vielen Teilen der Welt gehören Insekten ganz selbstverständlich
auf den Speiseplan. Sobre Mesa und der Verein essento gaben
Einblicke in die Welt der Speiseinsekten und ermöglichten neue
kulinarische Erfahrungen.
Text / Nadine FIeke
Insekten essen? Während dieser Gedanke in unseren
Breiten für Stirnrunzeln sorgt, läuft zwei Milliarden
Menschen auf der Welt das Wasser im Mund zusammen. Knusprig angebraten, mit Chili, Curry oder
Essig gewürzt: In vielen Ländern Asiens, Afrikas und
Lateinamerikas gelten Insekten als Delikatessen.
«Insekten ermöglichen neue, überraschende Geschmäcker», schwärmt Christian Bärtsch. Nussig, honigoder zitronenartig – die Geschmackspalette ist bei
über 2000 essbaren Insekten breit. Schon während
seines Studiums an der Universität St. Gallen hat
sich Christian Bärtsch mit Fragen der nachhaltigen
Ernährung auseinandergesetzt. Auf Reisen lernte
er Speiseinsekten kennen und damit eine ökologische
Alternative zum Fleisch, für die er sich als CoGründer des Vereins essento seit 2013 einsetzt.
Schokolade, Pasta und Mehlwürmer
Die Initiative ‹Sobre Mesa› hat den Verein essento
eingeladen, an einem Genussabend im BachserMärt die Welt der Speiseinsekten vorzustellen.
Christian Bärtsch zeigt 25 Gästen, wie Insekten an
anderen Orten der Welt gegessen werden. Er erklärt,
wie essento für den europäischen Markt aus Insekten Burger und Desserts entwickelt. Wie Insekten
schmecken, soll die Gruppe gleich selbst erfahren.
Erwartungsvoll sitzen die Gäste um einen langen
Holztisch im gemütlichen Zürcher Quartierladen für
nachhaltige Lebensmittel. Links und rechts von
ihnen stehen deckenhohe Regale mit Tee, Wein, Bier,
Schokolade, Pasta. Auf ein Tuch an der Wand sind
drei Delikatessen projiziert, die es nach Überzeugung
von essento bald in die Schweizer Lebensmittelregale
schaffen sollten: Acheta domesticus (Heimchen),
Tenebrio molitor (Mehlwürmer) und Locusta migratoria (Wanderheuschrecke). «Insekten sind gesund,
nachhaltig und lecker», sagt Christian Bärtsch.
Proteine und Nährstoffe seien hochwertig und mit
Fisch oder Fleisch vergleichbar. Und nicht zu
vergessen die nachhaltige Produktion – neben dem
Geschmack für essento ein zentrales Argument für
Insekten: «Die Zucht von Insekten erzeugt deutlich
weniger Treibhausgase als die Produktion von anderen tierischen Proteinen», erklärt Christian Bärtsch.
Der Bedarf an Wasser, Nutzfläche und auch an Futtermitteln sei gering. So können Insekten zwei Kilo
Futter in ein Kilo Körpermasse umwandeln. Rinder
brauchen acht Kilo Futter für ein Kilo Fleisch. «Fleisch
essen war noch nie so nachhaltig.»
Sind Insekten das Fleisch der Zukunft? Christian
Bärtsch sieht grosses Potenzial in der Entomophagie,
wie das Essen von Insekten im Fachjargon heisst.
In Belgien und den Niederlanden sind Insekten bereits
legal im Supermarkt erhältlich. In der Schweiz könnte
dies ab 2017 mit einer neuen Lebensmittelverordnung
möglich sein. Doch es bleibt die kulturelle Hürde:
«Wir sind es nicht gewohnt, Insekten zu essen», sagt
Christian Bärtsch. Doch die Nachfrage steigt. Das
zeigt auch dieser Abend: Genussvoll greifen die Gäste
zu, füllen krosse Mehlwürmer in ihre Handflächen,
führen sie zum Mund. Nur eine Besucherin kann sich
nicht überwinden. Bei ihr ist nach den Crostini mit
einer Insekten-Gemüse-Paste Schluss. Diese Erfahrung macht das Team von essento oft bei Probeessen ihrer Produktentwicklungen: «Die Hemmschwelle ist tiefer, wenn die Insekten verarbeitet
sind», sagt Christian Bärtsch.
Nach einem Vortrag probieren die Gäste
knusprige Insekten.
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Laura Schälchli bringt an ihren Veranstaltungen im Quartierladen BachserMärt Genuss
und Nachhaltigkeit zusammen.
Zurück zum Genuss
Essen ist mehr als ein Grundbedürfnis, es ist Genuss.
Doch unsere Ernährung wirft auch politische und
moralische Fragen auf: Woher stammen unsere
Lebensmittel? Welche Auswirkungen hat unser Konsum für die Umwelt, für die Produzenten? Welches
Zeichen setzen wir mit unserem Essen? Mit der Initiative ‹Sobre Mesa› möchte Laura Schälchli Wissen
zur Ernährung vermitteln. Die junge Frau will Genuss
und Nachhaltigkeit verbinden. Dabei folgt sie der
Philosophie der Slow-Food-Bewegung, die sich für
gute, saubere und fair produzierte Lebensmittel stark
macht. Regelmässig nach Ladenschluss verwandelt
Laura Schälchli den BachserMärt in der Zürcher Kalkbreite in einen Ort für Begegnungen rund um Esskultur: Sie organisiert den Weinkurs ‹Schöner saufen›,
entführt in die Welt der südostasiatischen Gewürze,
bringt mit der ‹Welsch-Anschauung› Wein und Wurst
aus biologischer Kleinproduktion zusammen. Und im
Rahmen von ‹Zürich isst› ermöglichte sie kulinarische
Einblicke in die Welt der Speiseinsekten.
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Frau Schälchli, müssen wir künftig Insekten essen,
um uns nachhaltig zu ernähren?
Manche ernähren sich aus einem Nachhaltigkeitsgedanken vegetarisch oder vegan. Andere
reduzieren bewusst ihren Fleischkonsum. Und wieder
andere werden in Zukunft vielleicht Insekten essen.
Ich würde nie jemandem sagen, was er essen muss.
Ich möchte einfach die verschiedenen Möglichkeiten
aufzeigen, wie man sich nachhaltig und fair ernähren kann. Am Ende ist es eine persönliche Entscheidung, was wir essen. Fest steht jedoch: Insekten
sind eine ökologische Proteinquelle, über die wir uns
Gedanken machen sollten.
Wie haben Ihnen die Insekten geschmeckt?
Sie waren zwar keine Geschmacksbomben, aber
ihre Nussigkeit fand ich sehr interessant. Ich denke,
Insekten können ein guter Geschmacksträger sein,
um ein Gericht zu unterstützen.
Welche Chancen sehen Sie, dass sich Insekten auf
unserem Speiseplan durchsetzen?
Das wird wohl noch sehr lange dauern. Wir
haben den Bezug zu Insekten als Lebensmittel verloren, obwohl historisch gesehen auch in Europa
Insekten gegessen wurden. Wenn man Insekten
kulturell wieder in unsere Gesellschaft integrieren
könnte, würde es funktionieren. Nur weil etwas
nachhaltig ist, setzt es sich nicht durch.
Was ist für Sie gutes Essen?
Essen ist etwas, das verbindet. Deshalb kommt
es mir bei einem guten Essen immer auch auf die
sozialen Aspekte an: Wie esse ich? Zusammen mit
Freunden und Familie? Sitzen wir zusammen an
einem grossen Tisch? Gleichzeitig muss das Essen
sauber und fair sein: Wie wird das Essen produziert?
Belastet es die Umwelt und unseren Körper? Wer
hat das Essen produziert? Unter welchen Bedingungen? Gutes, sauberes und faires Essen – das sind auch
die Grundsätze der Slow-Food-Bewegung. Wenn ich
meine Produkte auf dem Markt, direkt beim Produzenten kaufe, bezahle ich dafür zwar oft mehr. Aber
ich weiss, dass die Produkte eine hohe Qualität haben,
dass ich die Umwelt damit nicht so belaste, dass ich
dem Produzenten mit Respekt begegne. Gutes Essen
ist für mich auch sehr simples Essen. Und trotzdem
habe ich immer das Gefühl, ich esse wie eine Königin.
Woher kommt Ihre Leidenschaft für gutes,
nachhaltiges Essen?
Ich habe zehn Jahre in New York gelebt. Dort
bin ich auf unser Lebensmittelsystem aufmerksam
geworden, das einfach nicht funktioniert. Je weiter
man in New York mit der U-Bahn fährt, desto dicker
werden die Leute. Es gibt Stadtteile, in denen es
kaum Möglichkeiten gibt, Frischwaren zu kaufen.
Alles ist abgepackt und industriell produziert. Doch
das macht uns und unsere Umwelt kaputt. Ich habe
das als so extrem empfunden, dass ich angefangen
habe, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Ich
wurde bei Slow Food aktiv, habe mich in einer Landwirtschaftskooperative engagiert. Ich habe damals
in New York Design Management studiert und eine
Zeit lang in diesem Bereich gearbeitet, aber bald
gemerkt: Ich muss meine Arbeit wechseln. So habe
ich in Italien an der Slow Food Universität für gastronomische Wissenschaften ‹Food, Kultur und Kommunikation› studiert. Heute mache ich Catering und
Pop-up-Restaurants. Vor einem Jahr habe ich
Sobre Mesa gegründet und organisiere Events und
Begegnungen rund um Esskultur.
Was möchten Sie mit ihren Projekten erreichen?
Ich möchte den bewussten Genuss fördern. Ich
möchte die Leute ermutigen, sich mehr Gedanken
darüber zu machen, was sie essen und was das für
andere Menschen und für die Umwelt bedeutet. Essen
ist ein sehr politischer Akt. Viele Leute sind sich
dessen nicht bewusst. Das würde ich gerne ändern.
Wie wollen Sie das erreichen?
Für mich steht dabei immer die Lust und Freude
am Essen und Trinken im Zentrum. Viele essen und
trinken ohne ein Bewusstsein dafür, was dahinter
steckt. Ich möchte den Leuten zeigen: Das alles sind
landwirtschaftliche Produkte, die mit viel Know-how
von den Produzenten hergestellt wurden. Ich möchte
Respekt zum Produkt und zum Produzenten aufbauen. Wenn ein Konsument den Produzenten kennt,
der hinter einem Produkt steckt, bekommt er einen
anderen Bezug zum Essen. Man ist bereit, mehr für
gutes und nachhaltiges Essen zu bezahlen. Und man
wirft weniger Lebensmittel weg. Wenn ich weiss, wer
das Produkt angebaut oder gebacken hat, lasse ich
es nicht so schnell im Kühlschrank schlecht werden.
Hood Food ist neben Sobre Mesa ein aktuelles
Projekt von Ihnen. Was steckt dahinter?
Mit unserem Pop-up-Restaurant wollen wir
Produkte aus der Umgebung überraschend zubereiten.
Im April 2015 haben wir eine Frühlingsmetzgete
gefeiert. Dafür haben wir das Schwein komplett verarbeitet und eine alte Tradition frisch interpretiert.
Uns ging es auch darum zu zeigen, dass das ganze
Jahr über geschlachtet wird – und nicht nur im Herbst,
wenn viele Restaurants die Metzgete auf ihre Karte
nehmen. Die meiste Zeit des Jahres werfen wir den
Grossteil vom Tier einfach weg oder machen daraus
Tierfutter. Das ist eine grosse Verschwendung. Bevor
wir darüber nachdenken, Insekten zu essen, sollten
wir vielleicht anfangen, alles vom Tier zu verwerten.
Kontakt / Sobre Mesa, Laura Schälchli,
info@sobre-mesa.com
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schwerpunkt
zürich isst
28Tauschmarkt
Es wurde getauscht, was der eigene Garten hergab:
Beim Tauschmarkt wechselten Gemüse, Früchte,
Kräuter und Selbstgemachtes wie Konfitüren oder
Sirup die Besitzer. Mit ihrem Tauschmarkt sorgten
BioZH, IN-FINITUDE und der Quartiertreff Hirslanden
für mehr Vielfalt im Vorratsschrank.
27Züriwasser-Bar
Aus sämtlichen Wasserhähnen der Stadt sprudelt
jederzeit hervorragendes Züriwasser. An einem
Infostand der Wasserversorgung der Stadt Zürich
konnten die Passanten im Shopville des Hauptbahnhofs nicht nur Wasser kosten. Sie erfuhren, wie aus
Zürichsee-Wasser einwandfreies Trinkwasser wird.
29Ernährung in Kinderbüchern
Das Thema Ernährung ist in der Kinder- und Jugendliteratur ein wichtiges Element: Es wird gegessen
und genossen, geschlemmt, getrunken und verschlungen. Das Schweizerische Institut für Kinder- und
Jugendmedien (SIKJM) hat für ‹Zürich isst› Bücher
zum Thema zusammengestellt. Zudem hat es in
verschiedenen Vitrinen seiner Bibliothek historische
Kinder- und Puppenkochbücher ausgestellt.
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30 Food Waste – Die Ausstellung
Wie viele Lebensmittel landen eigentlich im Abfall?
Wieso verbraucht jede und jeder von uns 4000 Liter
Wasser am Tag? Und was sind die kleinen Heldentaten im Alltag, die dazu beitragen, dass wir weniger
Lebensmittel wegwerfen? Die interaktive Ausstellung
von foodwaste.ch im Shopville gab Antworten. «Uns
freut es, dass viele Schulklassen unsere Ausstellung
besucht haben und wir so besonders viele Jugendliche
für einen reflektierten Umgang mit Lebensmitteln
sensibilisieren konnten», sagt Dominique Senn,
Geschäftsführerin von foodwaste.ch. Die Jugendlichen
wurden in kleinen Gruppen durch die Ausstellung
geführt, wo ihr aktives Mitwirken und ihre Ideen gefragt waren. So sollten sie zum Beispiel aus Lebensmittelresten, die als Fotos in Tupperdosen zu finden
waren, kreative Menüs zusammenstellen. An einer
Magnetwand waren sie aufgefordert, Einkäufe richtig
in Kühlschrank, Regal und Brotkorb zu versorgen.
Auf diese Weise erfuhren sie unter anderem, warum
sich Tomaten und Salat nicht vertragen. Hinter
Klappen an einer Wand zum Thema Einkaufen
entdeckten sie Tipps für den Alltag.
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31Gemüse, Kunst und Interviews
Wir essen jeden Tag. Doch woher kommen eigentlich unsere Lebensmittel? Eine Schulklasse untersuchte im Forschungslabor ‹Stadt!
Pflanzen! Los!› die eigene Ernährung und die biologische Landwirtschaft am Stadtrand.
Text / Nadine FIeke
Mit ganzer Kraft ziehen die Kinder am Rotkohl. Langsam löst sich das Gemüse aus dem Boden – und
mit einem Ruck halten sie es in der Hand. Die Wurzeln
sind mit Erde verklebt. Grosse grün-violette Blätter
stehen in alle Richtungen ab. Noch ähnelt der Rotkohl
so gar nicht dem, was die Schüler aus dem Supermarkt kennen. Einen Kohl nach dem anderen holen sie
aus der Erde. «75 sind es jetzt!», ruft ein Junge und
wartet neben der Schubkarre auf die fehlenden fünf
Stück. Die Klasse 4a des Zürcher Schulhauses Bühl
beschäftigt sich im Forschungslabor ‹Stadt! Pflanzen!
Los!› intensiv mit dem Thema Ernährung. Und dabei
ist die Ernte eine wichtige Erfahrung.
Was essen wir eigentlich den ganzen Tag?
Woher kommen unsere Lebensmittel? Wie werden sie
angebaut? Wie kommen sie zu uns? Wie kochen
wir nachhaltig? «Diese Themen stehen auch auf dem
Lehrplan», sagt Klassenlehrerin Andrea Maier. Statt
die Fragen nur theoretisch zu behandeln, hat ihre
Klasse die Chance, sich aktiv mit diesen auseinanderzusetzen. An sieben Tagen, auf drei Wochen verteilt,
arbeiten die Theater- und Kunstvermittlerin Grit Röser
und die Expertin für Bildung für Nachhaltige Entwicklung Anna Schmuki vom Verein wolkenkratzerkombinat mit den Primarschülern zusammen. Sie verlegen
einige Lektionen auf den Pflanzplatz Dunkelhölzli
am Stadtrand von Zürich und ermutigen die Kinder,
sich künstlerisch-forschend Fragen der Ernährung
zu nähern. «Dieser Ansatz ist neu», freut sich Andrés
Rando, der zweite Klassenlehrer der Kinder.
schen die Kinder den Pflanzplatz ästhetisch. Welche
Farben und Formen erkennen sie? Was bestimmt das
Aussehen ihres Lieblingsgemüses? Und schliesslich
treffen sie auf Menschen, die Gemüse anbauen und
vertreiben. In Interviews mit den Gartenexperten und
Genossenschaftlern lernen die Kinder viel über die
biologische Landwirtschaft in der Stadt und über die
Arbeit der Gartenkooperative. Sie erfahren, warum
sich Leute zusammenschliessen, um eigenes Gemüse
zu produzieren. Sie überlegen, warum es solche Alternativen zu herkömmlichen Produktionsprozessen
gibt, worin die Unterschiede bestehen. «Es ist spannend zu beobachten, wie sich die Erwachsenen
auf die Fragen der Kinder einlassen und wie sie ihre
Erklärungen der kindlichen Neugier anpassen»,
erzählt Grit Röser.
Künstlerische Umsetzung
Ihre Forschungsergebnisse setzen die Schülerinnen
und Schüler künstlerisch um. Sie werden am letzten
Projekttag im Rahmen eines grossen Abschlussessens den Familien präsentiert. Auf Tischtüchern
und Menükarten entstehen bunte Gemüsedrucke. Die
Kinder erarbeiten kurze Theatersequenzen, die ihre
Erlebnisse und Erkenntnisse zusammenfassen. «Das
erlaubt es den Kindern, das Gelernte zu verarbeiten
und zu verinnerlichen», erklärt Grit Röser. Die Verbindung von Kunst und aktuellen Themen ist es, was
die Forschungslabore ausmacht: «In künstlerischen
Prozessen lernen Kinder, sich auf Unbekanntes
einzulassen», sagt die Kunstvermittlerin. Sie sind
Dokumentation in Tagebüchern
Bunt gestaltete Forschungstagebücher begleiten die
Kinder durch das Projekt. Darin dokumentieren sie
ihre vielfältigen Erkenntnisse. Sie überlegen, welches
Gemüse und Obst in dem steckt, was sie täglich
essen – und zeichnen diese: In Spaghetti Bolognese
sind Tomaten, in Rösti sind Kartoffeln, in einem
Schinkenbrot haben sie eine Essiggurke entdeckt,
in den Cornflakes lassen sich getrocknete Erdbeeren
erahnen. Beim Ausflug zur Gartenkooperative erforWas hinter der Produktion von Lebensmitteln
steckt, erfahren die Kinder bei der Ernte am
Stadtrand von Zürich.
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Fürs gemeinsame Abschlussessen
bedrucken die Kinder Tischdecken mit
bunten Gemüse-Mustern. Die Zutaten
für das Menü haben sie selbst geerntet.
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gefordert, gemeinsam Lösungen zu entwickeln, sich
abzustimmen, Kompromisse zu finden. So passiere
auch viel auf der sozialen Ebene. Gleichzeitig erlauben
die Künste es, sich Fragestellungen aus einer anderen
Perspektive zu nähern und eine neue Wahrnehmung
für die Thematik zu entwickeln. Und das Wissen,
die Ergebnisse ihren Familien präsentieren zu dürfen,
wirkt motivierend, stellt der Lehrer Andrés Rando
fest: «Die Kinder sind sehr engagiert und strengen
sich an.»
Ernte fürs Abschlussfest
Es bleibt noch ein Tag bis zur Abschlusspräsentation.
Es regnet, der Boden ist matschig, die Finger sind
dreckig und kalt. Doch die Kinder packen begeistert
an, um die Zutaten für das grosse Abschlussessen zu
ernten. «Wann hat man schon einmal die Chance,
eine Ernte zu erleben?», fragt Lehrerin Andrea Maier
zufrieden. Auf einer Seite des Felds ernten die Kinder
Rotkohl, auf der anderen Lauch und Petersilie. Sie
laufen hin und her, bringen Gemüse und Kräuter
hinter das Haus, wo ihre Klassenkameraden bereits
damit begonnen haben, den Kohl zu entblättern und
die violetten Kohlköpfe in grüne Gemüsekisten zu
legen. Morgen wird zusammen ein Dreigang-Menü
gekocht. Saisonal und biologisch. Was das bedeutet,
haben die Kinder im Forschungslabor gelernt.
«Die Ernährung ist ein Alltagsthema, es betrifft die
Lebenswelt der Kinder», sagt Andrés Rando.
Dem Lehrer ist es wichtig, dass sich seine Schüler
aktiv damit auseinandersetzen, woher ihr Essen
kommt. Nicht nur den künstlerischen Ansatz schätzt
er am Projekt – auch den forschenden: Die Kinder
lernen, genau zu beobachten, die richtigen Fragen
zu stellen und ihre Erkenntnisse zu dokumentieren.
Auf diese Erfahrungen möchte der Lehrer aufbauen.
Nächstes Jahr wird er den Schülergarten in den
Unterricht einbeziehen. «In Arbeitsgruppen sollen
die Kinder jeweils eine Parzelle beobachten – und
so über ein Jahr den gesamten Wachstumszyklus
von Pflanzen erleben und beschreiben.»
Kontakt / wolkenkratzerkombinat, Grit
Röser, roeser@wolkenkratzerkombinat.org
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32Städtische Ernährungssysteme
Viele Städte wollen ihre Lebensmittelversorgung nachhaltiger
gestalten. Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL)
dachte mit dem Publikum über Ernährungssysteme von Städten
auf dem Weg zur Nachhaltigkeit nach.
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Versorgung von Städten mit Lebensmitteln
Wie viel landwirtschaftliche Fläche braucht es, um eine Stadt zu
versorgen? Das FiBL gab an einem Vortragsabend Denkanstösse
zur Bedeutung der Ernährungssouveränität von Städten.
Text / Otto Schmid
Lokal erzeugte Lebensmittel sind immer mehr Menschen wichtig. Für Städte ist das eine Herausforderung:
Sie haben nicht genug landwirtschaftliche Flächen.
Wie viel Fläche für die Versorgung einer Stadt benötigt
wird, hängt vom Ernährungsstil, vom Kalorienbedarf,
von den Lebensmittelabfällen und von der Bewirtschaftungsweise ab. Allgemein gültige Schätzungen zu
Ernährungsflächen für Städte gibt es nicht. Modellberechnungen für Zürich, Basel, Rennes und Strassburg
erlauben eine europäische Perspektive: Pro Person
braucht es 0,15 bis 0,35 Hektar für die Ernährung mit
den wichtigsten Lebensmitteln. Auf die Stadt Zürich
hochgerechnet heisst das: Es werden insgesamt
60 000 bis 140 000 Hektar benötigt, um die rund
400 000 Einwohner zu versorgen. Der Fleischanteil in
der Ernährung hat grosse Auswirkungen auf den
Flächenbedarf. Im Fall von Zürich würde bei einer rein
vegetarischen Ernährung der Bevölkerung bis zu
sechs Mal weniger Land benötigt.
Zürich kann auf den städtischen landwirtschaftlichen Flächen nur zwei bis vier Prozent der benötigten
Lebensmittel selbst produzieren. Würde es im Fall
einer Krisensituation nötig, mehr Flächen in der Stadt
für den Anbau von Lebensmitteln zu verwenden,
könnten zu den auf dem Stadtgebiet vorhandenen 849
Hektar landwirtschaftlich nutzbaren Flächen zusätzlich
363 Hektar Grünflächen rekultiviert und 160 Hektar
Parks für Fruchtbäume genutzt werden. Diese Massnahmen würden den Selbstversorgungsgrad um bis zu
2,5 Prozent erhöhen. Zusätzliches Potenzial bieten
Dachflächen und Urban Gardening. Trotz der geringen
Selbstversorgung durch die landwirtschaftlichen
Flächen in der Stadt ist es sinnvoll, Grünflächen und
Kulturland beizubehalten: Sie tragen zu Erholung
und Lebensqualität bei.
Heidrun Moschitz und Otto Schmid beleuchten in ihren Referaten aktuelle Fragen
der Lebensmittelversorgung von Städten.
Verschiedene Städte Europas suchen nach Möglichkeiten, ihre Lebensmittelversorgung wieder lokaler
und vor allem nachhaltiger zu gestalten: In Bristol
wurde auf Anregung von gesellschaftlichen Gruppen
ein Ernährungsrat gegründet. Darin arbeiten die
lokale Lebensmittelindustrie, Urban-Gardening- und
Food-Waste-Initiativen, die Stadtbehörde und Hochschulen gemeinsam an Lösungen für ein nachhaltiges
Ernährungssystem. Andere Städte wie Vancouver,
Gent, Brighton & Hove haben Ernährungsstrategien
erarbeitet. Kopenhagen und Malmö fördern als Teil
eines nationalen Bio-Aktionsplans den Einkauf von
biologischen Produkten für die öffentliche Verpflegung.
In Rotterdam ist zur Verminderung von Lebensmittelabfällen eine vorbildliche Initiative entstanden: Ein
Kleinunternehmen produziert in einem ehemaligen
Hallenbad Speisepilze auf Kaffeeabfällen, die per
Velokurier von Cafés abgeholt werden. In Rotterdam
wurde ausserdem eine über zwei Hektar grosse Fläche
auf einem ehemaligen Bahnhofsgelände in einen
Agro-Park mit ökologischer Landwirtschaft, Bildungszentrum und Restaurant umgewandelt.
So unterschiedlich diese Projekte sind, sie
zeigen, dass die Zusammenarbeit zwischen Stadtverwaltung, Wirtschaftsakteuren und zivilgesellschaftlichen Gruppen auch für andere Städte vielversprechend sein können, um ihre Versorgung nachhaltiger
zu gestalten: Diese Zusammenarbeit generiert neue
Ideen. Finanzielle Förderungen und die Zurverfügungstellung von öffentlichem Raum und Infrastruktur
ermöglichen innovative Projekte. Stadtverwaltungen
können durch eine nachhaltige öffentliche Lebensmittelbeschaffung und eine Koordination der Aktivitäten ihrer verschiedenen Abteilungen das Thema
voranbringen. Und nicht zuletzt kann die Bevölkerung
durch öffentlichkeitswirksame Aktivitäten für die
Bedeutung einer nachhaltigen Ernährung sensibilisiert werden.
Kontakt / FiBL, Otto Schmid,
otto.schmid@fibl.org
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34Die Kuh und der Astronaut
Modernste Technik für das Tierwohl: Auf dem städtischen Juchhof bestimmen die 75 Kühe selbst, wann
sie sich vom Melkroboter ‹Astronaut› melken lassen
wollen. Betriebsleiter Donat Streuli gab der Besuchergruppe der ‹Nahreisen› Einblicke in die Arbeit auf
dem Hof und zeigte, wie die Maschine funktioniert:
Ein Roboterarm fährt unter die Kuh, die gemütlich
in die Melkbox trottet. Laserstrahlen orten das Euter,
zielsicher setzen die vier Milchbecher an. Täglich
produziert der Juchhof auf diese Weise 1800 Liter
Milch, die vor Ort pasteurisiert und verpackt werden,
um sie an städtische Altersheime und Spitäler zu
liefern. Der Juchhof ist der grösste der zehn städtischen Landwirtschaftsbetriebe und der einzige, der
nicht verpachtet ist. Die Nahreisen sind ein Angebot
von Grün Stadt Zürich und Migros Kulturproduzent.
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35 Filmabend auf dem Bauernhof
Auf dem ‹Hof-Narr› in Hinteregg zeigten Nebenrolle
Natur und die Vegane Gesellschaft Schweiz den
Film ‹Gabel statt Skalpell›. Dieser gab Einblicke in
den Zusammenhang von Essen und Gesundheit.
Bei einer Führung konnten die Gäste den Bauernhof
kennenlernen.
37Deutschunterricht im Schülergarten
Das Schulhaus Wollishofen hat seinen Deutschunterricht für fremdsprachige Kinder in den Schulgarten
verlegt: Vier Kinder aus Eritrea, Italien und Somalia
pflanzten, jäteten, gossen und ernteten jeden Freitag
ihren Salat, ihr Gemüse und ihre Blumen im Schulgarten Wollishofen – und sprachen dabei Deutsch.
36Speed-Dating
Was heisst umweltfreundliche Ernährung? Wie
vermeiden wir Food Waste? Ist Mineral- oder
Hahnenwasser umweltfreundlicher? Fachleute beantworteten beim Speed-Dating im Shopville Fragen
zur Ernährung in der 2000-Watt-Gesellschaft.
Darunter war auch Sonja Gehrig, Mitarbeiterin vom
Umwelt- und Gesundheitsschutz Zürich (UGZ)
und Co-Gesamtleiterin von ‹Zürich isst›. Das UGZ
hat die Begegnungen organisiert.
38Vegi-Burger
Im Foodtruck auf dem Bullingerplatzfest bereiteten
Jugendliche der OJA Kreis 9 & Hard Vegi-Döner
und Vegi-Burger zu. Viele der dafür verwendeten
Zutaten stammten aus dem eigenen Garten.
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39Saisonal und umweltfreundlich
Was hat meine Ernährung mit dem Klima zu tun?
Wie kann ich ökologisch und genussvoll kochen? Der
Umwelt- und Gesundheitsschutz Zürich hat Kochabende mit der Fachschule Viventa organisiert: Zwölf
verschiedene saisonale Gerichte standen auf dem
Programm. Eine Köchin beantwortete Fragen und
lieferte Tipps für einen umweltbewussten
Genuss.
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40Bio im Geschmackstest
Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau
und BioSuisse präsentierten aktuelle Studien
zur Qualität von Biolebensmitteln im Vergleich zu
nicht-biologisch produzierten Lebensmitteln. Die
Referentinnen nahmen Besonderheiten der Verarbeitung von Bioprodukten unter die Lupe: Was heisst
‹schonende Verarbeitung›? Warum werden auch bei
Bioprodukten Zusatzstoffe verwendet? Sind Aromen
und Konservierungsstoffe erlaubt? Bei einer Degustation erlebten die Teilnehmer die sensorischen
Unterschiede von Wurst mit und ohne Pökelsalz, von
geschwefelten und unbehandelten getrockneten
Aprikosen, von verschiedenen Schokoladensorten,
von Saft aus Konzentrat und Direktsaft. Zudem
probierten sie unterschiedlichen Milcharten.
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41Genug Essen für alle
Regisseur Valentin Thurn sucht in seinem neuesten Film nach
Lösungen für die Welternährung. Das World Food System
Center der ETH Zürich zeigte die Dokumentation im Beisein
des Filmemachers im Kino Riffraff.
Interview / Nadine FIeke
10 Milliarden Menschen werden 2050 auf der Erde
leben. Bereits heute hat jeder dritte Mensch nicht
genug zu essen. Gleichzeitig werden Agrarflächen und
Wasservorräte immer knapper. Können wir in Zukunft
genug Essen für alle erzeugen? In seinem Dokumentarfilm ‹10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?›
sucht Valentin Thurn nach Antworten und nimmt die
Zuschauer mit auf eine 106-minütige Reise um die
Welt: Er blickt in die Labore eines Saatgutherstellers
in Belgien, spricht mit einem Düngemittelproduzenten in Deutschland, schaut hinter die Kulissen
einer indischen Hühnerfabrik. Die Menschen, die er in
diesen Unternehmen trifft, sind sich einig: Nur mit
hochproduktiven, technisierten Lösungen lässt sich
dem Hungerproblem begegnen. Valentin Thurn ist
skeptisch: «Die industrielle Landwirtschaft produziert
billig und viel. Aber langfristig geht das schief. Sie
plündert knappe Ressourcen.»
Seine Suche führt den Filmemacher nach Japan,
wo Wissenschaftler auf 16 Etagen vollautomatisiert
Gemüse produzieren. Er trifft einen holländischen
Forscher, der im Labor Fleisch aus Stammzellen einer
Kuh herstellt. Sind das Lösungen für die Zukunft?
Die Methoden funktionieren nur für die reichen Märkte,
stellt Valentin Thurn fest. Ihn überzeugen Menschen
mit viel einfacheren Ansätzen: Biobauern, die mit
geschlossenen Kreisläufen die Bodenfruchtbarkeit erhalten. Eine Kleinbäuerin, die sich mit Mischkulturen
gegen Ernteausfälle absichert. Die Leiterin einer
Saatgutbank, die traditionelle Reissorten erhält und
verbreitet. Engagierte Guerilla-Gärtner, Aktivisten
der solidarischen Landwirtschaft, des urbanen Landbaus. Diese Personen, deren Arbeit er an verschiedenen Orten der Welt dokumentiert, wirtschaften
umweltschonend, lokal angepasst, unabhängig von
den globalisierten Märkten. So sollte nach Überzeugung von Valentin Thurn die Ernährung von 10
Milliarden Menschen aussehen.
Valentin Thurn reiste für seinen Film um
die Welt. Darin zeigt er verschiedene Methoden der Lebensmittelproduktion.
Herr Thurn, auf der Suche nach Lösungen für
die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung
sind Sie durch verschiedene Länder gereist.
Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis?
Auf der Reise ist mir klar geworden: Es kann nur
viele kleine, lokale Lösungen für das Hungerproblem
geben. Die Sehnsucht nach einer einfachen, grossen
Antwort ist trügerisch. Wenn wir mit industriellen
Lösungen zwar die nötige Menge an Nahrungsmitteln
produzieren, ist das Essen noch lange nicht an die
Hungernden verteilt.
Wie sehen lokale Lösungen aus?
Hunger ist nichts anderes als ein Mangel an
Kaufkraft. Die Bedürftigen können sich das Essen
nicht leisten. Zwei Drittel der Hungernden sind Kleinbauern. Sie brauchen Zugang zu Land und Wasser,
aber auch zu den Märkten. Kleinbauern sollten ihre
Grundversorgung selbst produzieren können und
die Möglichkeit haben, alles, was darüber hinausgeht,
zu verkaufen. Es ist es fatal, wenn wir ihnen als
Lösung sagen: Produziert nur für den Weltmarkt, der
wird es schon richten. Die Preisschwankungen, die
durch die Börse in den vergangenen Jahren verursacht
wurden, sind für Kleinbauern mörderisch geworden.
Es ist wichtig, dass sie durch eine ausreichende
Selbstversorgung eine gewisse Unabhängigkeit vom
Weltmarkt haben.
Die Abhängigkeit vom Weltmarkt ist die eine Seite
des Problems. Wie sollte die Nahrungsmittelproduktion aussehen, um dem Hunger zu begegnen?
Wir machen einen Fehler, wenn wir meinen, dass
wir die Landwirtschaft global industrialisieren müssen.
Es sind die Kleinbauern, die für die Versorgung in
ärmeren Ländern entscheidend sind. Wir sollten ihren
Wert erkennen und sie unterstützen. Meine Recherchen
haben gezeigt: Kleinbauern in Entwicklungs- und
Schwellenländern holen mehr pro Hektar aus den
Feldern als Grossfarmen. Das hat mich erstaunt. Denn
ich wusste, dass unsere Biobauern ein Viertel pro
Hektar weniger produzieren als die konventionellen
Bauern. Und ich wusste auch, dass die Kleinbauern
nahezu ökologisch produzieren, weil sie kein Geld für
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schwerpunkt
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Dünger und Pestizide haben. Wie kann es dann sein,
dass sie im Gegensatz zu unseren Biobauern mehr
produzieren als Grossfarmen? Die Antwort ist einfach:
Ihnen stehen ausreichend Arbeitskräfte zur Verfügung, sie arbeiten schlicht intensiver. Unser Biobauer
lebt in einem Hochlohnland, er kann nicht so viele
Arbeitskräfte einsetzen und muss mit Maschinen
arbeiten. Deshalb erntet er weniger.
Trotzdem machen Sie sich für den Biolandbau stark.
Können Biobauern – obwohl sie weniger produzieren
– auch die Ernährung in Europa sichern?
Ein wichtiges Argument für die biologische Landwirtschaft ist die Nachhaltigkeit: Die Bodenfruchtbarkeit wird erhalten – und damit die Grundlage der
Landwirtschaft. Wenn wir bei uns komplett auf Bio
umstellen würden, hätten wir es mit Ertragseinbussen
zu tun. Trotzdem würde ich sagen: Ja, wir können
Europa mit Bio ernähren. Aber nicht mit der Menge
an Fleisch, die wir derzeit essen. Der Wandel ist
sicher nicht ganz einfach: Wer will sich schon gerne
vorschreiben lassen, was und wie viel er isst?
Wie kann man die Leute überzeugen, ihr Konsumverhalten zu ändern?
Mit einem moralischen Appell erreicht man nur
wenige Menschen. Am Ende entscheidet der Preis.
Im Moment sind die Preise ja unehrlich: Wir zahlen
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Mercator Magazin 02 / 15
einen Liter Milch oder ein Kilo Fleisch doppelt –
einmal an der Supermarktkasse und einmal über die
Steuer. Die Kosten für die Umweltschäden werden
über die Steuer der Allgemeinheit aufgebürdet. Wenn
hingegen der Hersteller für die Umweltschäden
zahlen müsste und diese Kosten auf die Lebensmittel
umschlägt, würde Bio unterm Strich sogar günstiger
sein als Produkte der konventionellen Landwirtschaft. Lebensmittel wären zwar teurer, aber das
Verursacherprinzip würde konsequent durchgesetzt.
Ist so ein Ansatz realistisch?
Es ist tatsächlich ein Harakiri-Programm für
Politiker, wenn sie sagen, Lebensmittel müssen teurer
werden. Ich sehe das ein bisschen so wie bei der
Energiewende. In den 80ern haben wir gegen Atomkraft demonstriert. Da wurde gesagt: Die Spinner, das
geht nicht, ein Industrieland braucht billige Elektrizität. Dann haben diese ‹Spinner› kleine Insellösungen
geschaffen. Und diese wurden immer grösser. Der
Gau in Fukushima hat dazu geführt, dass man die
Insellösungen der regenerativen Energien ausdehnte.
Ich erhoffe mir eine ähnliche Ernährungswende: Wir
müssen jetzt an Insellösungen basteln. Und diese
müssen auch soziale Aspekte beinhalten. Wenn wir
sagen, der Bauer muss fair entlohnt werden und die
Preise müssen hoch, dann müssen wir uns auch
überlegen, was mit den Leuten passiert, die zu wenig
verdienen. Modelle wie die solidarische Landwirtschaft denken das schon mit. Die sind auch
untereinander solidarisch.
Agrarindustrie und Gentechnik überzeugen Sie
nicht. Auch Hightech-Lösungen wie Fleisch aus dem
Labor oder Gemüsefabriken stehen Sie in Ihrem
Film kritisch gegenüber. Was überzeugt Sie an den
alternativen Projekten?
Das sind die vielen Insellösungen. Was Urban
Gardening oder regionale Landwirtschaft bei uns
sind, das sind Zukunftssicherungsmethoden in Entwicklungs- und Schwellenländern. Während wir
über Industrie und weitere Wertschöpfung genug
Geld haben, um Nahrungsmittel zu importieren, ist
das Besinnen auf regionale Kreisläufe dort existenzwichtig. Auch in Megacities werden die Einwohner
von den Bauern aus der Nachbarschaft versorgt.
Dieses System der Lebensmittelversorgung ernährt
zwei Drittel der Weltbevölkerung.
Wie kann man dieses System stärken?
Wir sollten dafür sorgen, dass die regionalen
Kreisläufe ungestört funktionieren. Doch das geht
nur, wenn wir es Staaten mit einer schlechten Ernährungssicherheit erlauben, ihre Grenzen für unsere
hochsubventionierten Produkte dicht zu machen.
Die Produkte aus Europa sind so billig, dass sie die
dortige Landwirtschaft kaputt machen und Bauern
zum Aufgeben zwingen. Doch wenn Entwicklungsländer ihre Grundversorgung nicht mehr selbst
erzeugen, sondern importieren, hängen sie an unserem Tropf und sind für Krisen äusserst anfällig. Wenn
der Freihandel diese Länder ausspart und ihnen
trotzdem erlaubt, ihre Produkte zu exportieren, tut
uns das nicht weh. Vielmehr würde es Hunderten
Millionen Menschen aus dem Hunger helfen.
Sie appellieren in Ihrem Film an die Verantwortung
jedes Einzelnen: Wie können wir einen Beitrag zur
Ernährungssituation in der Welt leisten?
Wenn ich beschliesse, nur noch regional und
Bio einzukaufen, kann ich die kleinen und mittleren
Bauern stärken. Ich sorge dafür, dass der Trend zu
immer grösseren Produktionseinheiten, die nicht
nachhaltig wirtschaften, schwächer oder sogar umgedreht wird. Das ist ein wichtiges Signal an die
Politik. Gleichzeitig müssen wir von unserem hohen
Fleischkonsum runter, wenn wir die Hungerbekämpfung ernstnehmen. Unsere Massentierhaltung ist
von Soja-Importen und damit von Anbauflächen im
Ausland abhängig. Für diese Anbauflächen werden
Kleinbauern vertrieben, Regenwald wird abgeholzt.
Das Land ist mit Futtermitteln statt Lebensmitteln
belegt. Wir verfüttern ein Drittel der Getreideernte an
Tiere. Und immer mehr Menschen essen Fleisch.
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42 Panda und Minigolf
Ein riesiger Panda machte auf die Aktion vom WWF
Schweiz im Shopville des Hauptbahnhofs aufmerksam:
Die Passanten konnten an einem Stand ihren persönlichen ökologischen Fussabdruck berechnen, beim
Minigolf mehr über Food Waste erfahren und sich
spielerisch mit den Auswirkungen unserer internationalen Ernährung auseinandersetzen.
43Dinner Battle
Fünf ambitionierte Köche kämpften in einem Dinner
Battle von myblueplanet und Nebenrolle Natur um
die Gunst des Publikums. Zwischen den vegetarischen Gängen warteten unterhaltsame künstlerische
Darbietungen auf die Gäste.
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44Essbare Wildpflanzen
Unsere Grossmütter kochten oder ergänzten ihre
Menüs noch mit Pflanzen aus dem Garten, vom Wegrand oder aus dem Wald. BioZH und IN-FINITUDE
erinnerten in einem Kurs an diese kulinarischen
Besonderheiten.
46poulet im Bahnhof
Ein überdimensionales Poulet zeigt, wie viel Fleisch
die Schweizer jedes Jahr essen: 53 Kilo. Die Tischaktion von Helvetas mit interaktiven Elementen und
einem Wettbewerb Zürich stellte im Shopville des
Hauptbahnhofs Fragen rund ums Essen und servierte
die Antworten auf einem gedeckten Tisch.
45Wissenschaft im Garten
Auf einem Rundgang zeigten Wissenschaftler des
Forschungsinstituts für biologischen Landbau in den
Familiengärten Schweighof, welche Auswirkungen
Gärten auf die Qualität des Bodens, die Biodiversität
und die Lebensqualität der Stadtbevölkerung haben.
51
schwerpunkt
zürich isst
47 Faires Bio-Menü
Im Jugendkulturlokal Planet 5 bestimmen und organisieren Jugendliche und junge Erwachsene das Programm selbst. Beim vierten ‹Jam and Art› integrierte
die Grupppe das Thema Ernährung in die Veranstaltung. Ein faires und biologisches Menü wartete
auf die Gäste, zudem gab es Informationen über
den Inhalt und Ressourcenverbrauch des Essens.
49Rund ums Herbstgemüse
Bei Veg and the City drehte sich am Aktionstag rund
um die Europaallee alles um Herbstgemüsesorten.
Wer mochte, konnte nicht nur viele Informationen mit
nach Hause nehmen, sondern auch eine selbst bemalte Obstkiste. Parallel haben die Ladenlokale und
Gastronomen in der Europaallee weitere Aktionen
zum Thema Ernährung und Nachhaltigkeit organisiert.
48 Faire Schoggi-Bananen
Die OJA Kreis 5 hat zur Einweihung des Quartierparks Pfingstweid faire Schoggi-Bananen auf einer
Feuertonne zubereitet. Dazu gab es Informationen
über Fairtrade-Produkte.
50Bunte Joghurtautomaten
Joghurt ohne Konservierungsstoffe und künstliche
Aromen: Kinder und Jugendliche haben im GZ Hirzenbach platzsparende, umweltfreundliche Joghurtapparate gebaut, in denen sie sich nach ihrem Geschmack
Joghurts mit Beeren und Früchten zubereiten können.
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Mercator Magazin 02 / 15
52 Lokale Lebensmittel
Es ist der Kompass für lokal produzierte Lebensmittel
und das offizielle Büchlein zu ‹Zürich isst›: Autor
und Verleger Martin Walker stellt in ‹Zürich by Food›
Gärten, Bauernhöfe, Märkte und Quartierläden in der
Stadt vor. Zudem zeigt er, wo man Bier, Schokolade,
Konfitüre, Honig, Obst, Gemüse, Wurst und mehr aus
Zürich bekommt.
51Wir essen die Welt
Der Mensch muss essen, will er leben. Und er entscheidet täglich aufs Neue, was auf den Teller kommt.
Woher stammen die Lebensmittel? Wie wurden sie
produziert? Unsere Kaufentscheide haben Auswirkungen auf unsere Gesundheit, beeinflussen aber auch
die Umwelt und das Leben anderer Menschen – in der
Schweiz, in Afrika und anderswo auf der Welt. Die
Ausstellung ‹Wir essen die Welt› von Helvetas lud in
der Pädagogischen Hochschule Zürich zu einer
kulinarischen Weltreise ein. Die Besucherinnen und
Besucher reisten in verschiedene Länder und trafen
Menschen, die ihnen erzählten, wie sie sich ernähren
oder wie unsere Nahrung produziert und gehandelt
wird: Unter anderem berichteten ein Sojabauer
aus Brasilien, ein junger Fischer aus Bangladesch,
eine kämpferische Agronomin aus Indien und ein
Börsenhändler aus den USA von ihrer Arbeit und ihren
Lebensbedingungen. Bei Führungen und selbstständigen Rundgängen erfuhren die Besucher mehr
über Nahrungsproduktion und Handel, Genuss und
Geschäft, Hunger und Überfluss.
53Tausch von Köstlichkeiten
Ob aus eigenem Anbau oder selbst eingemacht,
getrocknet, gebacken oder mit Liebe hergestellt:
Der Öpfelchasper lud zur Tauschbörse für gartenoder balkonfrische Köstlichkeiten ein.
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schwerpunkt
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zürich isst
Mercator Magazin 02 / 15
54Auch Krumme Rüebli Schmecken Gut
Die Kartoffeln waren zu klein, die Zucchini zu krumm, die Karotten
zu unförmig. Aus Lebensmitteln, die es nicht in die Geschäfte
geschafft haben, zauberten die Helfer des Vereins foodwaste.ch
ein schmackhaftes Essen.
Text / Dominique Senn
Mit grossen Kellen rühren unzählige Helfer auf dem
Helvetiaplatz in riesigen Pfannen und Kochtöpfen.
An Festtischen wird Gemüse gerüstet. Verlockende
Düfte steigen auf und ziehen Neugierige an. Als
an diesem letzten Samstag im September gegen
Mittag die ersten Portionen ausgegeben werden,
bildet sich eine lange Schlange vor der Essensausgabe
– und diese reisst den ganzen Tag nicht ab. In den
Kochtöpfen und Schüsseln befinden sich 600 Kilo
Ausschussware: Kartoffeln, Rüebli, Peperoni, Tomaten,
Zwiebeln und Salate. All diese Lebensmittel wären
niemals in den Verkauf gekommen, weil sie nicht
den Qualitätsanforderungen des Marktes entsprachen. Sie waren zu gross, zu klein, zu unförmig,
nicht schön genug. Mit ‹Zürich tischt auf› will der
Verein foodwaste.ch zeigen, dass auch unförmiges
Gemüse wunderbar schmeckt. Vor Ort kochen
das Kochkollektiv Liechtenstein und das Kochkollektiv Retroduktion aus Bremgarten. Bratkartoffeln,
Kartoffelbrei, Ratatouille, Blumenkohl-Curry, Rüeblisuppe, verschiedene Salate und eine herbstliche
Apfel-Zimt-Kreation füllen die Teller der Besucher.
In wenigen Stunden werden mehr als 1000 Portionen
ausgegeben. Die Leute sind vom Essen begeistert.
Viele sind erstaunt darüber, dass diese leckeren Esswaren zu Food Waste geworden wären.
Genossenschaft el Comedor, das Bio-Outlet ‹Die
Biorampe›, die Initiative foodsharing, das Gastronomie-Start-up ‹Zum guten Heinrich› und Slow Food
Youth. Damit die Besucher auch etwas mit nach
Hause nehmen können, stellt der Verein ‹Bio für Jede›
fast 1,5 Tonnen Ausschussgemüse in Bioqualität
bereit. «Wir konnten viele Leute anregen, sich über
ihren Food Waste Gedanken zu machen», blickt
Jeremias Arnold, Botschafter von foodsharing Zürich,
auf ‹Zürich tischt auf› zurück.
Ein schönes Erlebnis
Lebensmittelverschwendung ist ein sehr emotionales
Thema. Schliesslich gibt niemand gerne zu, Lebensmittel wegzuwerfen. Entsprechend wichtig ist es
foodwaste.ch, bei seinen Veranstaltungen positive
Erlebnisse zu schaffen und Handlungsmöglichkeiten
aufzuzeigen statt den Mahnfinger zu heben. So
möchte auch ‹Zürich tischt auf› mit leckerem Essen,
Musik, interessanten Begegnungen, kreativen
Ideen und spannenden Informationen zum Nachdenken anregen und dazu motivieren, die Food-WasteProblematik aktiv anzugehen. Nicht nur die beteiligten
Organisationen, sondern auch die Besuchenden
schätzen diesen Ansatz: «Es war ein grandioser Anlass, das Essen einfach wunderbar und das Team
unglaublich», schreibt eine Besucherin per E-Mail.
Erdbeerschweinchen und TomatenEnten
Wie attraktiv unförmiges Obst und Gemüse aussehen kann, zeigt eine Ausstellung mit Bildern
eines Fotowettbewerbs von foodwaste.ch. Erdbeerschweinchen, Tomaten in Entenform, Peperoni mit
langen Nasen: Die Bilder sorgen für Schmunzeln und
Staunen. Neben der Ausstellung reihen sich Stände
von Organisationen, die sich im Raum Zürich für
eine nachhaltige Ernährung einsetzen. So können
Besucher mit Greenpeace ein Quiz zum Wissen
über den CO2-Ausstoss verschiedener Lebensmittel
bestreiten. Die CO2-Waage von eaternity macht
das Thema anschaulich und fassbar. Mit eigenen
Ständen vertreten sind auch die Gartenkooperative
ortoloco, die kooperative Käserei Basimilch, die
55
schwerpunkt
zürich isst
In grossen Töpfen kochen die Helfer Köstliches aus überschüssigen Lebensmitteln.
Die Schlangen sind lang, die Informationen
zu Food Waste vielfältig.
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Mercator Magazin 02 / 15
Eine Mahlzeit pro Tag
endet im Abfall
‹Food Waste› sind Lebensmittel, die für den menschlichen Konsum produziert, jedoch nicht von Menschen
konsumiert werden. Dazu zählen zum Beispiel Gemüse
und Früchte, die aufgrund ihres Aussehens bereits
vor dem Verkauf aussortiert werden, abgelaufene Produkte, die aus den Supermarktregalen verschwinden,
Tellerreste im Restaurant oder Essensreste, die zu
Hause im Kühlschrank vergessen gehen. Rund ein
Drittel aller in der Schweiz produzierten Lebensmittel
wird auf diese Weise verschwendet. Das sind pro
Jahr 2,3 Millionen Tonnen Nahrungsmittel – oder die
Ladung von rund 140 000 Lastwagen, die aneinandergereiht eine Kolonne von Zürich bis Madrid ergeben.
Obwohl entlang der gesamten Lebensmittelkette Verluste anfallen, entstehen die meisten Abfälle
bei uns zu Hause: Pro Person landen in der Schweiz
täglich 320 Gramm einwandfreie Lebensmittel im
Abfall. Das entspricht fast einer ganzen Mahlzeit.
Zusammengerechnet sind die Haushalte damit für
knapp die Hälfte aller Lebensmittelabfälle in der
Schweiz verantwortlich. Die Abfälle im Haushalt
lassen sich im Alltag ohne grossen Aufwand vermeiden. Denn die meisten Abfälle entstehen, weil wir
zu viel einkaufen oder zu viel kochen. Wer kennt es
nicht, das Gefühl, den ganzen Laden leer essen zu
können, wenn man hungrig einkaufen geht? Wer eine
Einkaufsliste macht oder vor dem Einkauf etwas
Kleines isst oder trinkt, vermeidet unnötige Einkäufe.
Zu Hause angekommen ist die richtige Lagerung
der Lebensmittel wichtig für eine möglichst lange
Haltbarkeit. Und damit nach dem Kochen möglichst
wenige Reste entstehen, kann man kleinere Portionen
servieren und dafür nachschöpfen.
Dominique Senn ist Geschäftsführerin
von foodwaste.ch
Kontakt / foodwaste.ch, Dominique Senn,
ds@foodwaste.ch
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schwerpunkt
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zürich isst
Mercator Magazin 02 / 15
55Gemüse und Pilze mitten in der Stadt
Immer mehr Menschen pflanzen ihr eigenes Gemüse an – auf dem
Balkon, im Familiengarten, auf Brachen. Was motiviert sie?
Welche Möglichkeiten des urbanen Landbaus gibt es? Die Ausstellung
‹Aufgetischt. Von hängenden Gärten und Pilzgaragen› von Grün
Stadt Zürich zeigte Projekte und Visionen.
Text / Nadine FIeke
Es ist ein kleiner Balkon, wie man ihn überall in Zürich
sieht. Nur was darauf wächst, ist nicht alltäglich:
Auberginen, Bohnen, Tomaten, Kräuter, Salate, Beeren,
essbare Blüten, Weinreben … Auf kleinstem Raum
gedeiht auf dem 1,2 mal 3 Meter grossen Modell, was
sonst eher in üppigen Gärten zu finden ist. «Urban
Gardening ist ein Trend», sagt Ursula Pfister von Grün
Stadt Zürich. «Stadtbewohner, Architekten, Stadtplaner, Ökologen und Forschende in grossen und
kleinen Städten überall auf der Welt beschäftigen sich
zunehmend mit dem Thema.» Weil das Interesse so
gross ist, hat Grün Stadt Zürich die erste Ausstellung
im neuen Bildungszentrum der Stadtgärtnerei diesem
Thema gewidmet: ‹Aufgetischt. Von hängenden
Gärten und Pilzgaragen› zeigt, wie vielfältig der urbane
Landbau ist. Und der bepflanzte Balkon ist nur eine
der zahlreichen Möglichkeiten, in der Stadt Gemüse
und Kräuter anzubauen.
Städtische Selbstversorgung
Doch bevor die Ausstellung in die aktuelle UrbanGardening-Bewegung eintaucht, geht es zurück
in die Vergangenheit: «Vor 300 Jahren war es ganz
normal, dass mitten in der Stadt Zürich Gemüse
und Obst angebaut wurden», erzählt Ursula Pfister.
Die Projektleiterin steht mit einer Besuchergruppe im
Ausstellungsraum der Stadtgärtnerei. Links und
rechts von ihr sind grüne Gemüsekisten aufeinander
gestapelt. Sie dienen als Wände für Bilder, als Regale
für Ausstellungsstücke. Historische Zeichnungen
zeigen den Betrachtern, wie die Landwirtschaft bis
ins 18. Jahrhundert die Stadt Zürich prägte – bis
sie mehr und mehr aus dem Zentrum verdrängt
wurde. «Mit zunehmender Bildung empfand die
Oberschicht die Produktion von Nahrungsmitteln in
der Stadt als rückständig und dreckig», erklärt
Ursula Pfister. Ziergärten und Parks ersetzten Gemüsegärten, Nutztiere verschwanden von den blitzblanken Strassen. In Krisenzeiten zeigt sich wieder,
wie wichtig die Selbstversorgung einer Stadt ist:
Alte Fotos erinnern in der Ausstellung daran, wie im
zweiten Weltkrieg Kartoffeln auf dem Sechseläuten-
platz und Wurzelgemüse auf Schulhöfen angebaut
wurden. Heute kann sich die Stadt Zürich gerade
einmal zu zwei Prozent selbst versorgen.
Bepflanzte Balkone und Dachterrassen, gemeinschaftliche Zwischennutzungen von Brachen, Schulund Familiengärten – Urban Gardening hat viele
Gesichter. Als die Projektleiterin Ursula Pfister für die
Ausstellung recherchierte, fiel ihr auf, wie vielfältig
auch die Gründe sind, warum Menschen eigene Beete
und Pflanzkästen pflegen: «Aus purer Not baut heute
in Zürich niemand Gemüse oder Obst an.» Vielmehr
wollen immer mehr Menschen Kontrolle über ihre
Nahrung haben. Sie wollen wissen, was sie essen, woher ihre Lebensmittel kommen. Deshalb möchten
sie lokal vor Ort eine möglichst gesunde und umweltschonende Nahrungsmittelproduktion aufbauen.
«Urbanes Gärtnern bedeutet aber auch Gemeinschaft»,
weiss die Projektleiterin. Zusammen arbeiten, sich
austauschen, voneinander lernen, miteinander feiern
– viele Menschen suchen diese Erfahrungen und engagieren sich in Gärten. Andere wünschen sich einen
Bezug zur Natur, haben Freude am Experiment oder
sehnen sich einfach nach Ruhe und Besinnung
abseits des Alltags. Auch für die Artenvielfalt in der
Stadt sind Gemeinschaftsgärten wertvoll: In Zürich
gibt es über 1200 Pflanzenarten und bis zu 15 000
Tierarten. «Gärten können diese Artenvielfalt in der
Stadt fördern», betont Ursula Pfister. Zehn Gemeinschaftsgärten stellen sich in der Ausstellung vor,
Kurzfilme geben vertiefte Einblicke in die vier Stadtgartenprojekte Stadiongarten, Kalkbreite, Merkurgarten und Garten am Grenzsteig. Wie solche Projekte
grössere Ausmasse annehmen und sogar eine grüne
Infrastruktur in einer riesigen Stadt schaffen können,
macht eine Dokumentation über New York deutlich.
Hängender Garten
Gärten sind die traditionelle Form des urbanen Landbaus. In der Stadt Zürich gibt es 5555 Kleingärten.
Hinzukommen 18 319 206 Quadratmeter Hausgärten,
das entspricht der Grösse von 2566 Fussballfeldern.
Dass die Möglichkeiten von Urban Gardening mit ein
bisschen Fantasie nicht dort enden müssen, wird auf
dem Hof der Stadtgärtnerei deutlich: Kohl, Nüsslisalat
59
schwerpunkt
zürich isst
und Kräuter wachsen in einem ‹Hängenden Garten›
an einer Wand. «Noch ist es eher eine Spielerei,
Gemüse in der Vertikalen anzubauen», sagt Lukas
Meier, der die Führung durch die Aussenanlagen
der Ausstellung übernimmt. Doch tatsächlich mache
die Vertikalbegrünung viel Sinn, betont der Zivildienstleistende: Sie isoliert, bietet Schallschutz, ist
gut fürs Stadtklima – und überall möglich.
Nur wenige Meter entfernt wachsen im 1,5
Meter hohen ‹Pendularis-Turm› 150 Nutzpflanzen,
vor allem Kräuter. Ein Solarpanel betreibt eine Pumpe,
die Wasser durch die Konstruktion aus ineinander
verschlungenen Plastikröhren pumpt. Fügt man noch
ein Fischbecken hinzu, entsteht ein so genanntes
Aquaponic-System: Die Exkremente der Fische dienen
als Dünger für die Pflanzen. Die Pflanzen wiederum
reinigen das Wasser. «So werden Gemüse und Fisch
in einem geschlossenen Kreislauf nachhaltig produziert», erklärt Lukas Meier und führt die Gruppe
zu einer kleinen, weiss getünchten Garage.
Neue Funktion für Garagen
Es ist dunkel, riecht modrig. Überall in der Garage
spriessen Pilze. «Einige Zukunftsforscher und Soziologen sind der Meinung, dass wir uns vor allem in
den grossen Metropolen mit der Zeit den individuellen Autoverkehr nicht mehr leisten können», sagt
Lukas Meier. «Damit werden viele Garagen und
Parkhäuser frei. Und diese Flächen sollte man sinnvoll für die Lebensmittelproduktion nutzen.» Zum
Beispiel als Pilzgarage: Für die Ausstellung wurden
in der Stadtgärtnerei Jutesäcke und Plastikflaschen
Eine dunkle Garage und eine Mischung aus
Sägemehl, Gips und Kalk in einer PET-Flasche
reichen aus, um Speisepilze zu züchten.
60
Mercator Magazin 02 / 15
mit Sägemehl, Gips und Kalk gefüllt, mit Pilzmyzel
(Pilzsaat) versehen, unter die Garagendecke gehängt
und in Regale gelegt. Jetzt wachsen darin ohne
grossen Energieaufwand Speisepilze, die man für
die Ernte einfach abzupfen kann. «Wir haben in
der Schweiz viel Holz. Durch die Pilzzucht könnten
wir diesen Rohstoff für unsere Ernährung nutzbar
machen», erzählt Lukas Meier begeistert. Und wenn
der Pilz nicht mehr genug Nährstoffe aus dem Holz
ziehen kann, seien diese immer noch optimal für
die Zucht von Speiseinsekten: Aus einem Kilo Holz
lassen sich 500 Gramm Pilze und mehrere 100
Gramm Insekten produzieren.
Vorsichtig nimmt Lukas Meier eine dicke, zehn
Zentimeter grosse Käferlarve in die Hand, die tief
unten in einem dunklen Kleiderschrank lebt. In seinen
Augen sind sie und ihre Artgenossen die optimale
Proteinquelle: Im Gegensatz zu unseren herkömmlichen Nutztieren nehmen Insekten wenig Fläche
für die Zucht in Anspruch, sie brauchen nur wenig
Energie fürs Wachstum – und die meisten Speiseinsekten fressen nichts, was Menschen ernähren
könnte. Die perfekte Lösung für eine nachhaltige
Ernährung? Es bleibt ein Problem, das man den
Gesichtern der Besucher auch im Dämmerlicht deutlich ansieht: Viele können sich einfach nicht vorstellen, Insekten zu essen. Solange sich das nicht
ändert, bleibt zumindest dieser Teil der Pilzgarage
eine Vision.
Kontakt / Grün Stadt Zürich, Ursula Pfister,
ursula.pfister@zuerich.ch
Auf einem Turm aus Plastikröhren wachsen
150 Pflanzen, vor allem Kräuter.
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schwerpunkt
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56 Vegane Shoppingtour
Wie ernähren sich Veganer? Auf einer Entdeckungstour durch Supermärkte und Bioläden in Zürich
zeigte die Vegane Gesellschaft Schweiz, was vegan
ist und wo man vegane Nahrungsmittel bekommt.
57Moschtfäscht
Aus mitgebrachten Äpfeln und Birnen entstand
im Innenhof des GZ Hirzenbach mit Hilfe einer
alten Presse frischer Most.
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58OJA baut an
Ein grosses mit Erde gefülltes Pflanzenbeet und drei
grosse Paletten standen Jugendlichen vor dem
Jugendlokal der OJA Kreis 9 & Hard zur Verfügung,
um Kräuter und Gemüse anzubauen. Jeweils am
Donnerstag pflegte eine Oberstufenklasse der Schule
Albisriederplatz ein eigenes Gemüsebeet.
59So isst Zürich
SRF1-Moderatorin Christina Lang las im Antiquitätengeschäft ‹Rost und Gold› aus dem Buch von
Yvonne Eckert und Vera Markus ‹So isst Zürich›. Die
Gäste erhielten Einblicke ins Leben verschiedener
Zürcherinnen und Zürcher. Darunter eine Architektin,
die im Schrebergarten ein Mini-Reisfeld hegt, ein
Weltenbummler, der Quittenschnaps brennt, eine
koscher kochende Familienfrau und ein Pilzsammler
auf dem Friedhof.
60CLEVER einkaufen
Das Angebot in einem Supermarkt ist überwältigend.
Landwirtschaftliche Produkte sind oft unabhängig
von der Saison verfügbar. Aus der ganzen Welt werden
Produkte importiert. Dazu kommt eine kaum mehr
zu überblickende Flut von Labels, die uns nachhaltige,
umweltgerechte und sozial faire Produkte anpreisen.
«Es ist nicht einfach, sich im Dschungel der Einkaufsmöglichkeiten zu orientieren», sagt Sabine Lerch,
Projektleiterin bei der Stiftung Biovision. Mit der
interaktiven Ausstellung CLEVER möchte Biovision
Besucherinnen und Besuchern zeigen, wie sie sich
bei Alltagseinkäufen verantwortungsvoll gegenüber
Natur, Umwelt und Mitmenschen verhalten können.
Die Ausstellung ist wie ein kleiner Supermarkt
aufgebaut: Am Eingang stehen Einkaufskörbe bereit,
am Ende des Rundgangs befindet sich die Kasse.
Die einzelnen Produkte werden nach den Kriterien
Klima, Umweltverschmutzung, Lebensgrundlage,
soziale Verantwortung, Biodiversität und Ressourcenverbrauch beurteilt. An der Kasse erhält jeder Besucher die Quittung für seinen Einkauf in Form eines
Spinnendiagramms, das schlechtere oder besonders
gute Kaufentscheidungen dokumentiert. «Den Gästen
wird der konkrete Mehrwert von nachhaltigen Produkten verdeutlicht», erklärt Sabine Lerch. «Deren
in der Regel etwas höhere Preise werden in einen
Kontext gestellt und damit nachvollziehbar.» Zur
Eröffnung des Erlebnismonats ‹Zürich isst› machten
Stadträtin Claudia Nielsen, Gemeinderatspräsident
Matthias Wiesmann und Albert Kesseli, Vizepräsident
des Stiftungsrates der Stiftung Mercator Schweiz,
einen Gang durch die Ausstellung. Ihr Auftrag: Sie
sollten für ein Nachtessen mit Freunden möglichst
nachhaltig und fair im CLEVER Supermarkt auf dem
Hechtplatz einkaufen. Passend zu ‹Zürich isst› hat
Biovision den CLEVER-Onlineshop lanciert und in
einem Wettbewerb die cleversten Zürcher gesucht.
61 Viehwirtschaft und Umwelt
Nebenrolle Natur zeigte im Openki die Umweltdokumentation ‹Cowspiracy: The Sustainability Secret›,
in der der Filmemacher Kip Andersen den Einfluss der
Viehwirtschaft auf die Umwelt darstellt.
62Essen wir den Regenwald?
Der grösste Teil von Milch, Fleisch und Eiern, die
wir konsumieren, wird in der Schweiz produziert.
Allerdings werden dazu beträchtliche Mengen
Kraftfutter importiert – zum Beispiel Soja aus Südamerika, für dessen Anbauflächen immer mehr
Regenwald abgeholzt wird. Könnten wir uns ausschliesslich vom Schweizer Boden ernähren? Gibt
es eine Lösung, bei der wir weniger Futter- und
Nahrungsmittel importieren und trotzdem genussvoll und gesund essen? Peter Spring, Andreas
Keiser und Urs Scheidegger von der Hochschule
für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften
der Berner Fachhochschule gingen diesen Fragen
auf den Grund.
61
schwerpunkt
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zürich isst
Mercator Magazin 02 / 15
63Einsatz für eine nachhaltige Ernährung
‹Zürich isst› lebte vom Engagement der über 100 Partnerorganisationen. An einer Schlussveranstaltung zogen die zahlreichen
Beteiligten ein positives Fazit: Sie möchten das neu entstandene
Netzwerk weiter nutzen.
Text / Nadine Felix
Es wurde gekocht und gegessen, degustiert und diskutiert, gelernt und gelacht: Vier Wochen lang stand
Zürich im Zeichen von Ernährung, Umwelt und
Genuss. Zusammen mit rund 100 Partnerorganisationen haben die Stadt Zürich und die Stiftung
Mercator Schweiz im September 2015 den Erlebnismonat ‹Zürich isst› organisiert. 200 Veranstaltungen
ermöglichten es der Bevölkerung, sich mit Fragen
einer nachhaltigen Ernährung auseinanderzusetzen.
Festivals, Ausstellungen, Lesungen, Filmvorführungen, Podiumsdiskussionen, Führungen, kulinarische
Tramfahrten, Koch-Battles oder Speed-Datings mit
Fachpersonen machten die Thematik ebenso erlebbar
wie spezielle ‹Zürich isst›-Menüs in Restaurants
und städtischen Verpflegungsbetrieben. Stadt und
Stiftung blicken zufrieden auf ‹Zürich isst› zurück:
Es ist gelungen, der Öffentlichkeit zentrale Aspekte
der nachhaltigen Ernährung näherzubringen.
Gleichzeitig hat der Erlebnismonat viele Jugendliche
erreicht – was dank der Offenen Jugendarbeit und
besonderer Schulangebote möglich war.
Vernetzung und Synergien
Bereits einige Tage vor dem offiziellen Ende von
‹Zürich isst› fand eine Abschlussveranstaltung für die
Partnerorganisationen in der Stadtgärtnerei Zürich
statt. Stadt und Stiftung wollten diesen für ihr Engagement danken und ihre Erfahrungen, Wünsche und
Bedürfnisse für zukünftige Aktivitäten zur nachhaltigen Ernährung abholen. In den Diskussionen wurde
deutlich: Die Bühne, die der Erlebnismonat den
Akteuren für ihre Veranstaltungen gebaut hat, war
wertvoll. Insbesondere freuten sich verschiedene
Veranstalter, dass ihre Aktivitäten in einen umfassenderen gesellschaftlichen Kontext gestellt und so als
Teil eines grösseren Ganzen wahrgenommen wurden.
Sie schätzten den Austausch mit anderen Organisationen, den ‹Zürich isst› erleichtert hat. Gleichzeitig
zeigte sich gerade in diesem Bereich weiterer Bedarf:
Die Vernetzungen sollten ausgebaut, Synergien
zwischen Organisationen noch besser genutzt werden,
hiess es in verschiedenen Rückmeldungen.
Gemeinsames Engagement
In seinem Referat ‹Speiseräume – die Ernährungswende beginnt in der Stadt› hat der Raumplaner
Philipp Stierand gezeigt, wie gesellschaftliche Akteure Entwicklungen im Ernährungsbereich vorantreiben
und Städte Experimentierräume für Neues werden:
In Köln haben Guerilla-Gärtner eine Brauereibrache in
einen grossen Gemeinschaftsgarten verwandelt. Im
englischen Bristol zeigt ein Ernährungsrat Probleme
des Ernährungssystems auf, entwickelt Ideen und
initiiert Projekte. In anderen Orten werden lokale
Ernährungsstrategien in Form von konkreten Handlungsprogrammen erarbeitet und die Ernährung bei
der Stadtplanung berücksichtigt. Durch die Zusammenarbeit von Gesellschaft und Stadtverwaltung
werden auf lokaler Ebene Lebensmittelproduktion,
Handel und Konsum neu organisiert – und Lösungen
für eine nachhaltige Ernährung gesucht und getestet. Die internationalen Beispiele legten Fährten, wie
sich Städte und gesellschaftliche Akteure über einen
Erlebnismonat hinaus für eine nachhaltige Ernährung
einsetzen können. In Zürich bietet sich die Chance,
an ‹Zürich isst› und die entstandenen Kooperationen
anzuknüpfen, um neue Ideen zu entwickeln.
‹Zürich isst› ist in kurzer Zeit zu einer Marke für
gemeinsames Engagement im Sinne einer nachhaltigen Ernährung der Zukunft geworden. Die Stiftung
Mercator Schweiz wird diese Marke sorgfältig pflegen
und Möglichkeiten suchen, sie weiter mit Leben zu
füllen. Wie, das wird auch die Evaluation des Erlebnismonats zeigen, die von der Zürcher Hochschule für
Angewandte Wissenschaften (ZHAW) erstellt wird.
Nadine Felix ist Geschäftsführerin der
Stiftung Mercator Schweiz.
Die Partnerorganisationen von ‹Zürich isst›
kommen in der Stadtgärtnerei zusammen, um
auf den Erlebnismonat zurückzublicken.
65
Ein neuer Blick auf
die Geschichte
Studierende aus Basel und Windhoek arbeiten zusammen an einer Ausstellung über die kleine namibische
Eisenbahnstadt Usakos. Sie forschen, führen Interviews,
entwickeln ein Ausstellungskonzept – und gewinnen
dabei persönliche Einblicke in Kultur und Geschichte
eines anderen Landes.
Text / Noah Gasser
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Mercator Magazin 02 / 1 5
TätigkeitsbereichWissenschaft
Dass vier ältere Damen aus der namibischen Kleinstadt Usakos Historikern ihre privaten Fotosammlungen
zur Verfügung gestellt haben, ist ein
Glücksfall: Die Bilder aus den Jahren
1920 bis 1960 zeigen Studioaufnahmen, Porträts von Schulklassen, posierende Menschen, Gebäudeansichten,
Landschaften. Lokale Fotografen haben
Momente aus Freizeit, Sport und
Musik ebenso wie von sozialen Treffpunkten aufgenommen. Solche Bilder
vom afrikanischen Alltagsleben fehlen
in den namibischen Archiven fast gänzlich. Deren Fotosammlungen dokumentieren fast ausschliesslich den Blick
der herrschenden Siedlergesellschaft
auf sich und ihre Umwelt. Die privaten
Sammlungen von Cecilie Geises,
Wilhelmine Katjimune, Gisela Pieters
und Olga Garoës ermöglichen einen
alternativen Blick auf die Geschichte.
Diese Fotos nutzt das internationale Studierendenprojekt ‹Photographs
beyond Ruins› der Universitäten
Basel und Windhoek, um daraus eine
Wanderausstellung zu schaffen.
Internationale Forschungsgruppe
Wir – Studierende der Universitäten
Basel und Namibia – haben uns
drei Monate lang mit der Geschichte
der kleinen Eisenbahnstadt Usakos
beschäftigt. Ende Juni 2015 trafen beide
Gruppen zum ersten Mal in Namibia
aufeinander. Von Windhoek ging
es ins 215 Kilometer entfernte Usakos.
Im Ort sollte eine Dauerausstellung
auf Basis der Fotos der vier Einwohnerinnen entstehen. Da diese inhaltlich
schon von Historikern sowie einem
Fotografen und einer Kuratorin aus
Kapstadt vorbereitet war, halfen wir
vor allem beim Aufbau. So erhielten
wir Einblicke in wichtige Aspekte
der Ausstellungsgestaltung, was für
unser eigenes Projekt wichtig war:
In den kommenden Monaten sollten
wir in enger internationaler Zusammenarbeit eine eigene Ausstellung zum
gleichen Thema für ein europäisches
Publikum erstellen.
Neben dem Aufbau hatten wir
in Usakos genug Zeit für die nötigen
Recherchen. In Gruppen forschten
wir zu verschiedenen Inhalten, die
unsere Ausstellung prägen sollten. Wir
versuchten mehr über Themen wie
Wanderarbeit, Freizeitaktivitäten und
Stadtentwicklung herauszufinden
und führten mit Bewohnern von Usakos
Interviews. Dabei konnten wir uns in
den gemischten Arbeitsgruppen gut
ergänzen: Während die Basler bezüglich ‹Oral History› und ihren Herausforderungen sensibilisierter waren,
konnten die Studierenden aus Namibia
das Projekt mit dem notwendigen
Hintergrundwissen und ihren Sprachkenntnissen voranbringen. Unterstützt
wurde unsere Gruppe von vier Männern
der ‹Youth-Group› von Usakos, die
uns beim Knüpfen von Kontakten und
bei den zahlreichen verschiedenen
Sprachen wie Afrikaans, Otjiherero und
Damara behilflich waren. Ein bewegender Moment war die Ausstellungseröffnung am Ende der arbeitsreichen
Woche: Stolz haben die vier älteren
Frauen und Stifterinnen der Fotosammlung das Band vor der Tür zur
Ausstellung durchgeschnitten und
ihre Fotos betrachtet.
Nach der Projektwoche in Usakos
hatten wir die Aufgabe, aus den vielen
Informationen, Interviews und anderen
Materialien innerhalb eines Monats
optisch wie inhaltlich ansprechende
Informationstafeln für die Wanderaus-
Private Fotoalben von vier älteren Damen
aus Namibia sind die Grundlage für
zwei Ausstellungen.
67
TätigkeitsbereichWissenschaft
stellung in Basel zu entwerfen. Die
Koordination der Arbeit innerhalb der
verschiedenen Gruppen und zwischen
den Kontinenten war zeitintensiver
als von den meisten erwartet. Zudem
mussten wir Werbung für die Ausstellung in Basel machen, um Besucher zu
gewinnen. In Usakos war das nicht nötig.
Der Ort ist so klein, viele kannten die
Menschen auf den Fotos – da wusste
jeder vom Projekt. Mitte August kamen
die Studierenden aus Namibia schliesslich für zwei Wochen nach Basel, um
mit uns die Ausstellung zu installieren.
Wir haben die Ausstellung in den
Basler Afrika Bibliographien nicht nur
inhaltlich angereichert, wir haben
das gesamte Konzept überarbeitet: So
haben wir die Ausstellung um Cecilie
Geises, eine der vier Stifterinnen der
Fotos, aufgebaut und die Bilder thematisch geordnet. In Usakos standen
alle vier Frauen gleichermassen im
Zentrum und die einzelnen Kollektionen wurden nicht durchmischt.
Einblicke in zwei Länder
Ausstellungskonzeption und -aufbau,
internationale Zusammenarbeit, eigene
Forschungsprojekte und Recherchen
vor Ort – das Semesterprojekt ermöglichte uns viele neue Erfahrungen.
Gleichzeitig konnten wir Einblicke in
die namibische Geschichte und Kultur
gewinnen, während die Namibier die
Schweiz und unsere Gepflogenheiten
kennenlernten. Besonders wertvoll
war der persönliche Austausch in der
arbeitsfreien Zeit. In den stunden-
68
Mercator Magazin 02 / 1 5
langen Gesprächen mit den Studenten
aus Namibia konnten wir ein ganz
neues Gefühl für das Land entwickeln.
Nach der erfolgreichen Ausstellungseröffnung in Usakos reisten wir
durch die Wüste Namib, vorbei an dem
Berg Spitzkuppe bis an den Ozean bei
Swakopmund, einer Feriendestination
der wohlhabenderen Namibier. Der
Höhepunkt des Ausflugs war für mich
der Sonnenuntergang auf einer der
grössten Dünen der Welt, den wir
gemeinsam erlebten. In der Schweiz
machten wir unter anderem eine
Führung durch Aarau, wo nicht nur die
Namibier lernten, dass dies für kurze
Zeit einmal die Hauptstadt der Schweiz
war. In der Spinnerei Neuthal erfuhren
wir mehr über die Schweizer Industrialisierungsgeschichte der Wasserkraft.
Die Führung lag auf dem Weg zu
unserem eigentlichen Ziel: Urnäsch im
tiefsten Appenzell. Wir wanderten
mit den Namibiern, von denen kaum
jemand jemals Berge gesehen hat, auf
eine Hochalp. Genauso wie wir in
Namibia von der Schönheit der ausgedörrten trockenen und flachen Landschaft fasziniert waren, war es nun an
den Namibiern, beim Wandern auf
die Hochalp nach hinten zu blicken und
die Fülle an Grün und Hügeln zu
bewundern.
Noah Gasser studiert Geschichte und
Philosophie an der Universität Basel und hat
am Projekt ‹Photographs beyond Ruins›
teilgenommen.
Studierende aus Basel und Windhoek erarbeiten zusammen eine Ausstellung in der
Schweiz – vom Konzept bis zum Aufbau.
Usakos, eine
Eisenbahnstadt
Aufgrund seiner natürlichen Wasserquellen und geografischen Lage
am Rande der Namib Wüste wurde
Usakos im frühen 20. Jahrhundert zum
Zentrum der damals einflussreichen
Eisenbahngesellschaft OMEG (Otavi
Mines and Railway Company). Seine
anhaltende Bedeutung als Eisenbahnstadt verdankte Usakos zwei Faktoren:
Einerseits trafen dort zwei Eisenbahnlinien mit verschiedenen Spurweiten
aufeinander, von denen Transportgüter
umgeladen werden mussten. Andererseits befand sich in Usakos die seinerzeit
wichtigste Reparaturwerkstatt. Dies
führte bis in die 1950er Jahre zu einem
steten wirtschaftlichen Aufschwung
in der Stadt. Neuankömmlinge auf der
Suche nach Arbeit erhielten üblicherweise schon am Abend ihrer Ankunft
einen Job bei der Eisenbahn. Die
wirtschaftliche Blüte von Usakos kam
zu einem jähen Ende, als in den 1960er
Jahren Windhoek – die heutige Hauptstadt Namibias – zum neuen Eisenbahnzentrum wurde. Viele Arbeiter folgten
der Bahn und verliessen Usakos. Erst
heute leben mit rund 6000 Personen
wieder so viele Menschen in der Stadt
wie zu ihrer bevölkerungsreichsten
Zeit. Usakos hat neben all den sozialen
Herausforderungen nach der Apartheid auch mit dem Zerfall ihrer Infrastrukturen und mit ökonomischer
Stagnation zu kämpfen.
Der wirtschaftliche Abschwung in
Usakos fiel zeitlich mit der rücksichtslosen Umsetzung der Apartheidsgesetze
zusammen, die auch in der südafrikanischen Kolonie Namibia (1915–1990)
zur Anwendung kamen. Mitte der
1950er Jahre begann die Planung für
eine radikale Umgestaltung der Stadt.
Im Geist der Apartheidsideologie
sollten die Bewohner der Stadt – aufgeteilt nach ihrer Hautfarbe ‹schwarz›,
‹weiss› oder ‹farbig› – jeweils in eigenen
Quartieren (townships) leben. Dazu
wurden Beamte aus Pretoria (Südafrika)
und aus Windhoek versandt, die zu
dem Schluss kamen, dass derjenige Teil
der Stadt, in dem die schwarze Bevölkerung bisher wohnte (heute als ‹old
location› erinnert), zu nahe am Stadtteil der weissen Bevölkerung läge. Als
Konsequenz wurde die so genannte
schwarze Bevölkerung in ein neues
Quartier einige Kilometer ausserhalb
der Stadt zwangsweise umgesiedelt.
Die Ausstellung ‹Usakos – Photographs
Beyond Ruins› hat diese sozial und
wirtschaftlich stark bewegte Zeit und
die ‹old location› im Fokus.
69
TätigkeitsbereichWissenschaft
Jugendkultur in
Bild und Ton
Handyfilme verunsichern die Öffentlichkeit, gehören
jedoch zum Alltag von Jugendlichen. Dass dahinter
in den meisten Fällen wertvolles Medienschaffen
steht, zeigt eine Wanderausstellung der Universität
Zürich. Text / Christian Ritter
Viele Jugendliche machen mit ihren
Smartphones eigene Filme – und dies
zu unterschiedlichsten Gelegenheiten.
Handyfilme sind aus dem Alltag vieler
Jugendlicher nicht wegzudenken. Sie
nutzen das neue Medium auf vielfältige
und kreative Weise, um sich mit ihrem
Alltag auseinanderzusetzen. Bei Erwachsenen haben Handyfilme aber oft
einen schlechten Ruf: Wenn sie über
Handyfilme sprechen, denken sie an die
zahlreichen Berichterstattungen der
vergangenen Jahre über Vorfälle physischer und sexueller Gewalt, bei denen
das Filmen mit dem Handy eine wichtige
Rolle spielte. Sexting, Cybermobbing,
Happy Slapping – auch die Medienpädagogik sensibilisiert für die Probleme,
die Handyfilme mit sich bringen können.
Die Wanderausstellung ‹Handyfilme –
Jugendkultur in Bild und Ton› der
Universität Zürich zeigt seit Oktober
2015 an verschiedenen Standorten
der Deutschschweiz, dass Handyfilme
mehr sind als ‹Sex and Crime›.
70
Mercator Magazin 02 / 1 5
Globale Medienkultur
Mit aktuellen Beispielen und einer
interaktiven Szenographie verdeutlicht die Ausstellung, zu welchen
Gelegenheiten Jugendliche mit ihren
Smartphones filmen, was für Filme
dabei entstehen und wie diese sich auf
die globale Medienkultur beziehen.
Dabei geht es auch darum, Handyfilme
als Teil der Film- und Technikgeschichte zu verstehen. Sichtbar und
hörbar wird aber auch, was Handyfilme
von Handyfotografie unterscheidet –
und dass dabei ganz neue Motive
ins Interesse rücken: Etwa wenn junge
Männer Handyfilme nutzen, um
Motorengeräusche aufzuzeichnen,
damit sie diese ihren Kollegen vorspielen können. Vermittelt werden solche und andere Aspekte des Themas
im interaktiven Zusammenspiel von
Beispielfilmen und kurzen Texten.
Die Ausstellung richtet sich an Jugendliche wie an Erwachsene, die sich
beruflich oder privat für das Phänomen
Handyfilme interessieren. Mit der
Ausstellung soll ein gemeinsamer Reflexionsraum geschaffen werden. Die
Gelegenheiten, dass Jugendliche und
Erwachsene zusammen Handyfilme
anschauen, sind für gewöhnlich selten
und finden oft unter den Vorzeichen
gegenseitiger Skepsis statt. Entsprechend ist die Ausstellung so gestaltet,
dass sie für den Besuch mit Schulklassen geeignet ist. Begleitet wird die
Ausstellung durch Workshops für
Jugendliche und thematische Weiterbildungen für Fachpersonen aus der
Praxis. Die Jugendlichen sollen durch
den Dialog mit Experten aus Wissenschaft und Filmgeschäft zu einem
reflektierten Umgang mit Handyfilmen
angeleitet werden und erkennen, dass
ihre Alltagsfilme durchaus von Bedeutung sind. Die Fachpersonen aus Schule
und ausserschulischer Jugendförderung wiederum werden vom Projektteam unterstützt, Kompetenzen zu
entwickeln, um die produktive und
kreative Dimension jugendkulturellen
Medienhandelns nachhaltig zu fördern.
Wissenschaftliche Erkenntnisse
Die Grundlagen für die Ausstellung
wurden im Forschungsprojekt ‹Handyfilme – Künstlerische und ethnographische Zugänge zu Repräsentationen
jugendlicher Alltagswelten› erarbeitet.
Im Mittelpunkt der Studie, die von
2012 bis 2014 mit Unterstützung des
Schweizerischen Nationalfonds SNF
von der Universität Zürich und der
Zürcher Hochschule der Künste durchgeführt wurde, stand die Frage nach
sozialen Funktionen von Handyfilmen
im Alltag von Schweizer Jugendlichen.
Dafür sammelte und sichtete das
Forschungsteam zahlreiche Handyfilme und führte Interviews mit jungen
Frauen und Männern im Alter von
13 bis 23 Jahren.
Die Studie zeigt unter anderem:
Im Alltag der meisten Jugendlichen
spielt das Filmen und Anschauen von
gewalthaltigen Vorfällen keine Rolle.
Entsprechend stehen viele junge
Frauen und Männer der eindimensionalen Sicht auf Handyfilme kritisch
gegenüber und sehen darin eine ungerechtfertigte Pauschalisierung der
Jugend. Dies führt auch dazu, dass sie
ihre Handyfilme kaum als wertvoll
und bedeutsam wahrnehmen. Durch
die Herabwürdigung des Mediums
wird auch die Relevanz und Legitimität
der alltäglichen Themen und Probleme
in Frage stellt, die Jugendliche über
das Filmen mit dem Handy verhandeln
und verarbeiten. Eine weitere Herausforderung für die Anerkennung von
Handyfilmen als kreatives Schaffen ist
die Qualität. Aufgrund ihrer geringen
technischen Leistungsfähigkeit bringen
Handys Filme hervor, deren Ästhetik
sich (noch) deutlich von professionellen
und semi-professionellen Produktionen
unterscheiden. Handyfilme, so der
allgemeine Tenor, seien eben keine
‹richtigen› Filme.
Handyfilme als soziale Ressource
In der kulturwissenschaftlichen Auswertung der erhobenen Filme und
Interviews zeigt sich, wie wichtig das
Herstellen und Anschauen eigener
Handyfilme im Alltag der Jugendlichen
ist: sei es zur Erinnerung, zur Dokumentation, zur Beziehungspflege oder
um soziale Identitäten zu entwickeln
und auszuprobieren; etwa durch das
Nachinszenieren und Filmen von
Körperbewegungen aus Musikvideos.
Dennoch wird das alltägliche Filmen
mit dem Handy in der Jugendförderung bisher kaum als soziale Ressource
wahrgenommen und aktiv gefördert.
Viele Fachpersonen teilen die verbreitete Skepsis gegenüber dem Medium
und befürchten, in Teufels Küche zu
geraten. Das hat auch damit zu tun,
dass bis anhin kaum fundiertes Hintergrundwissen über das Phänomen
Handyfilme zur Verfügung steht. Ebenso fehlt es an konkreten Vorschlägen,
wie das Thema in Schule, Jugendarbeit
und Sozialpädagogik ressourcenorientiert angegangen werden kann. Beides
– Hintergrund- und Praxiswissen – sind
aber wichtige Voraussetzungen, um
bei den Jugendlichen ein Bewusstsein
für die Relevanz ihres Medienhandelns
zu schaffen.
Neue Sichtweisen
Um diesen Prozess anzustossen, muss
das Wissen aus der universitären Forschung hinaus in Felder von Jugendkultur und Jugendförderung eingebracht
werden. Die Ausstellung ermöglicht
den Dialog zwischen Wissenschaft,
Praxis und Öffentlichkeit. Sie schafft
neue Sichtweisen auf das Jugendmedium Handyfilme, aber auch auf den
gesellschaftlichen Umgang mit neuer
Medientechnik im Allgemeinen – bei
Fachpersonen aus der Praxis ebenso
wie bei Jugendlichen und allen, die
mit Handyfilmen zu tun haben. Um den
Wissenstransfer über die Laufzeit der
Ausstellung hinaus aufrecht zu erhalten, erscheint zum Ausstellungsbeginn
die erste deutschsprachige Publikation
zum Thema Handyfilme. Das wissenschaftliche Sachbuch ‹Handyfilme
als Jugendkultur› vermittelt die wichtigsten Erkenntnisse aus dem SNFForschungsprojekt. In einem Praxisteil
macht es Vorschläge, wie diese in der
Jugendförderung umgesetzt werden
können. Speziell für die Sekundarstufe
II hat das Projektteam zusammen mit
der Berufsfachschule BBB in Baden
zudem ein Manual für die Medienbildung im Schulunterricht erstellt,
das kostenlos auf der Projekt-Website
verfügbar ist.
wanderausstellung
Um den Dialog zwischen Wissenschaft, Praxis
und Öffentlichkeit zu fördern, bespielt die
Wanderausstellung ‹Handyfilme› unterschiedliche Orte. Dazu zählen neben dem Berner
Generationenhaus und dem Stadtmuseum
Aarau auch Institutionen mit einem expliziten
Jugend- oder Praxisbezug wie die Pädagogische Hochschule Zürich oder die Kantonsschule Romanshorn. An jedem Standort
findet eine Weiterbildung für Fachpersonen
satt. Workshops ermöglichen es Jugendlichen, ihre Filme gemeinsam mit Experten
der Universität Zürich und der Schweizer
Jugendfilmtage zu besprechen. Aus erster
Hand erhalten sie Tipps und Tricks für
das Filmen mit dem Handy. Die Publikation
von Ute Holfelder und Christian Ritter
‹Handyfilme als Jugendkultur› (UVK Verlag)
gibt weiterführende Informationen.
www.handyfilme.net
Christian Ritter ist wissenschaftlicher
Mitarbeiter am Institut für Sozialanthropologie
und Empirische Kulturwissenschaft der
Universität Zürich. Er leitet die Wissenschaftskommunikation zum Projekt ‹Handyfilme›.
Kontakt / Universität Zürich,
Christian Ritter, christian.ritter@uzh.ch
71
Tätigkeitsbereich
kinder und jugendliche
Für einen
guten Start
Kinder wollen vom ersten Tag an lernen. Damit
alle Kinder faire Bildungschancen erhalten,
setzt sich die Stadt Bern mit der Initiative primano
für die Frühförderung ein.
Text / Mona Baumann
Hohe Wohnblöcke umgeben das Einkaufszentrum Freudenberg in Bern.
Auf der einen Seite befindet sich die
Autobahn mit Lärmschutzwänden, auf
der anderen Seite eine stark befahrene
Strasse. Die Bevölkerungsstatistik zeigt:
Hier leben viele Familien mit Kleinkindern. Diese möchte Sandra Gafner
an diesem Mittwochmorgen im Einkaufszentrum erreichen, um mit ihnen
über Möglichkeiten der Frühförderung zu sprechen. In der Eingangshalle
hat sie einen kleinen Tisch mit allerlei
Prospekten aufgebaut, daneben steht
eine Kinderstaffelei, auf dem Boden
liegt ein buntes Plastiktuch. Ein Junge
hat es sich darauf bequem gemacht und
spielt konzentriert mit Bauklötzchen.
Seine Mutter erfährt unterdessen im
Gespräch, wie, wo und wann das MukiDeutsch – ein Deutschkurs für Mütter
und ihre Kleinkinder – stattfindet.
dener Probleme wie Erwerbslosigkeit,
Armut oder Sorgen um Angehörige im
Herkunftsland belastet sind.
Einsatz für die Frühförderung
Wenn Kinder aufgrund einer ungenügenden Frühförderung mit Entwicklungsdefiziten in den Kindergarten eintreten,
können sie diese im Laufe der Schulzeit
kaum mehr aufholen. Um zu fairen
Bildungschancen für alle Kinder beizutragen, setzt sich die Stadt Bern für
die Frühförderung ein. Mit der Initiative
primano möchte die Stadt Kindern
spielerisch die Erfahrungen ermöglichen, die sie für ihre Entwicklung und
Entfaltung benötigen. Wichtige Voraussetzungen sind dafür tragende Beziehungen zu ihren Eltern und Betreuungspersonen, der Austausch mit anderen
Kindern sowie ein anregendes Spielund Lernumfeld. Um dies zu fördern,
kombiniert primano drei Massnahmen
in den drei wichtigsten Lebenswelten
von kleinen Kindern:
Kontakte zu eltern
Die aufsuchende Informationsarbeit ist
ein wichtiger Bestandteil der Initiative primano der Stadt Bern. Regelmässig ist eine Quartiervernetzerin in den
verschiedenen Stadtteilen unterwegs:
Auf Siedlungsspielplätzen oder in Einkaufszentren knüpft sie Kontakte zu
Eltern und informiert über Spielgruppen
und verschiedene Eltern-Kind-Angebote im Quartier. «Es gibt vielfältige
Angebote der frühen Förderung», sagt
Sandra Gafner. «Doch für viele Eltern
ist es nicht einfach, sich zu orientieren und die nötigen Informationen zu
erhalten, um ihr Kind anzumelden.»
Das gelte insbesondere für Familien,
die wenig am sozialen Leben teilhaben
oder mit der Bewältigung verschie-
72
Mercator Magazin 02 / 1 5
1
Zuhause – Kinder fördern,
Eltern stärken: Familien mit erhöhtem
Unterstützungsbedarf und einem
Kind im Alter von eineinhalb bis zwei
Jahren erhalten während 18 Monaten
regelmässig Besuch einer Hausbesucherin. Sie bringt Spielaktivitäten mit,
die die Interaktion zwischen Eltern
und Kind fördern und Lernerfahrungen ermöglichen. In regelmässigen
Gruppentreffen werden mit den Eltern
Erziehungsthemen vertieft.
2
Quartier – Vernetzung, Information, Schaffung von Zugängen: Quartiervernetzerinnen sind mit Aktivitäten für
Kleinkinder im Quartier präsent. Sie
vernetzen die Akteure des Frühbereichs
und sind Informations- und Anlaufstelle
für Eltern. Ziel ist es, allen Kindern
den Zugang zur frühen Förderung zu
öffnen. Kinder und Familien sollen kontinuierlich und bedarfsgerecht gefördert
und unterstützt werden. Übergänge –
zum Beispiel von der Spielgruppe oder
Kita in den Kindergarten – sollen erfolgreich gestaltet werden.
3
Spielgruppen – Sicherung von
Qualität und Zugang: Spielgruppenleiterinnen bilden sich im primanoFördermodul weiter, prüfen ihr Material, setzen Gelerntes um und führen
thematische Elternveranstaltungen zu
Motorik, Ernährung, Sprachförderung
und Sozialkompetenz durch. Zum
Abbau finanzieller Zugangshürden hat
die Stadt Bern für Familien ein System
zur individuellen Vergünstigung der
Spielgruppenbeiträge geschaffen. Die
Vergünstigung wird gewährt, wenn das
Kind mindestens zweimal pro Woche
eine Spielgruppe besucht, die gewisse
Qualitätskriterien erfüllt.
Im Jahr 2007 startete primano. Und
dies mit Erfolg, wie die Evaluation
des Instituts für Psychologie der Universität Bern zeigt: Die Kinder treten
besser vorbereitet in den Kindergarten
ein – mit Blick auf ihre Alltagskompetenzen, die Entwicklung ihrer Feinmotorik, ihr Sprachverständnis und ihre
Sprechfreude, ihre emotionale Stabilität
und Sozialkompetenzen. Auch wenn
alle Kinder von einer Frühförderung
profitieren, tun es solche aus sozioökonomisch belasteten Familien besonders
stark. Die positiven Ergebnisse und
der grosse Bedarf an Frühförderung
haben die Stadt Bern ermutigt, primano
nach der sechsjährigen Pilotphase
weiterzuführen und – mit verschiedenen Weiterentwicklungen – auf die
ganze Stadt Bern auszuweiten.
Vernetzung im Quartier
Das Augenmerk von ‹primano
2013–2016› liegt auf der Förderung
sozio-ökonomisch benachteiligter
Familien. Um diese noch besser zu
erreichen und ihre Kinder in Frühförderangebote zu vermitteln, werden
die Massnahmen zur Vernetzung im
Quartier auf Empfehlung der wissenschaftlichen Evaluation ausgebaut.
Wie in der Pilotphase arbeitet die
Stadt im Bereich der Vernetzung mit
Quartierorganisationen zusammen.
Weiterhin kümmern sich Quartier-
Mit Spielaktionen machen Quartiervernetzerinnen auf Angebote
zur Frühförderung aufmerksam.
Tätigkeitsbereich
kinder und jugendliche
vernetzerinnen um Aufbau und Pflege
des Frühfördernetzwerkes in den
verschiedenen Stadtteilen. Eine intensive Beziehungsarbeit und persönliche
Kontakte zu Eltern und Fachpersonen
sind dafür zentral. Neu lenkt primano
die Aufmerksamkeit der Quartiervernetzerinnen gezielt auf Stadtteile, die
von Quartieraktivitäten kaum erreicht
werden. Mit verstärkt aufsuchender
Arbeit stellen sie Kontakte zu Familien
in diesen Wohnumfeldern her. Sie
probieren neue Methoden aus. So
spielen auch Stand- und Spielaktionen
eine wichtige Rolle, um Familien zu
erreichen.
«Wiederkehrende Aktionen fördern die Bekanntheit von primanoAngeboten und bauen Vertrauen auf»,
sagt Sandra Gafner. Ebenso wichtig
sei es jedoch, spontan über Frühförderangebote im Quartier zu informieren.
Wann immer sie und die anderen
Quartiervernetzerinnen in ihren Stadtteilen unterwegs sind, haben sie Flyer
von Spielgruppen und vom MukiDeutsch bei sich. Da sie mit ihrer Funktion im Quartier bekannt sind, haben
sie oft die Möglichkeit, bedarfsgerecht
Informationen zu Angeboten an Eltern
zu vermitteln. Die Quartiervernetzerinnen – ‹Frau primano› werden sie von
vielen Eltern liebevoll genannt – nutzen
das durch Konstanz und Verlässlichkeit aufgebaute Vertrauen, um auch
bildungsfernen Eltern die Bedeutung
der Frühförderung für die Bildungsperspektive ihrer Kinder aufzuzeigen.
Mona Baumann vom Gesundheitsdienst der
Stadt Bern leitet das Programm primano.
Kontakt / Stadt Bern, Mona Baumann,
mona.baumann@bern.ch
74
Mercator Magazin 02 / 1 5
Qualität von
Spielgruppen
In der Stadt Bern besucht rund ein
Drittel der Kinder eine Spielgruppe.
Damit sind Spielgruppen ein wertvoller
Pfeiler der frühen Förderung, vorausgesetzt die pädagogische Qualität ist
hoch. Um diese weiterzuentwickeln
und zu etablieren, ermöglicht primano
Weiterbildungen für Spielgruppenleiterinnen. Bereits in der Pilotphase von
primano konnten Spielgruppenleiterinnen der Stadt Bern kostenlos vier
Fördermodule zu den Themen Ernährung und Bewegung, Sprachförderung,
soziale Kompetenzen und Elternarbeit besuchen. Gleichzeitig wurden sie
finanziell in der Optimierung der räumlichen und materiellen Infrastruktur
unterstützt. Im Gegenzug verpflichteten sich die Leiterinnen, das Gelernte
im Spielgruppenalltag umzusetzen
und die Elternarbeit in der Spielgruppe
zu verstärken.
Die Rückmeldungen der Spielgruppenleiterinnen und der Eltern
zeigen, dass das primano-Fördermodul
bei der Sicherung und Weiterentwicklung der pädagogischen Qualität in den
Spielgruppen einen wichtigen Beitrag
leisten kann. Die Evaluation der Universität Bern erkannte bei den Kindern,
deren Spielgruppe vom Fördermodul
profitierte, vor allem in den Bereichen
Motorik und Sprache bedeutsame
Wirkungen. Auf Empfehlung der Wissenschaftler wurden die einzelnen
Module für ‹primano 2013–2016› zu
einer zweijährigen Weiterbildung
zusammengefügt. Dabei erhielt die
Sprachförderung ein noch grösseres
Gewicht. Neu wurde die Weiterbildung
auch für Spielgruppenleiterinnen des
Kantons Bern geöffnet. 20 Spielgruppenleitlerinnen aus Stadt und Kanton
starteten im August 2015 mit dem
primano-Fördermodul.
primano
Die Stadt Bern möchte durch Frühförderung
zu fairen Bildungschancen beitragen. Die
Förderangebote erfolgen bei den Familien zu
Hause, im Quartier und in Spielgruppen.
Anknüpfend an das erfolgreiche Pilotprojekt
primano werden im Projekt primano 2013–
2016 weitere Innovationen entwickelt und
auf die ganze Stadt Bern ausgeweitet:
Benachteiligte Familien sollen mehr Zugang
zu den Angeboten erhalten. Spielgruppen
werden in der Entwicklung und Sicherung
ihrer pädagogischen Qualität unterstützt.
Die Stiftung Mercator Schweiz unterstützt
die Weiterentwicklung des Programms mit
240 000 Franken. www.primano.ch
Der Kreativität
auf der Spur
Text / Thomas Duarte
Beim Zeichnen oder Malen, beim Fotografieren oder Filmen, beim Drucken
oder textilen Werken greifen Kinder
und Jugendliche gestaltend in ihre Umwelt ein. Sie stellen sie dar, machen sie
sich zu eigen, verwandeln sie, erfinden
sie neu. In einer Welt, die von Bildern
beherrscht wird, lernen sie auf diese
Weise, kritisch und produktiv mit diesen
umzugehen. Um Bildungsmöglichkeiten im gestalterischen und künstlerischen Bereich auch ausserhalb des
Schulunterrichts zu fördern, wurde
im Jahr 2005 die K’Werk Bildschule bis
16 in Basel gegründet, sogar schon
etwas früher entstand die Kleine Kunstschule St. Gallen. Inzwischen sind
weitere Bildschulen in den Kantonen
Zug, Aargau und Bern hinzugekommen, eine Schule in Zürich befindet sich
im Aufbau. Bildschulen sind Kunstund Gestaltungsschulen für Kinder und
Jugendliche zwischen sechs und 16
Jahren. In Kursen und Workshops wird
eine kontinuierliche, fundierte Bildung
mit hohem künstlerischem und pädagogischem Niveau im gestalterischen
Bereich vermittelt.
Diskussionen anstossen
Eine Ausstellung zeigt die Arbeit von Bildschulen und regt Diskussionen über die
Bedeutung der gestalterischen Bildung an.
Die Konferenz Bildschulen Schweiz
möchte als Dachorganisation die Arbeit
der Bildschulen bekannt machen. Und
vor allem möchte sie in Öffentlichkeit
und Politik, unter Pädagogen und
Künstlerinnen Diskussionen darüber
anstossen, warum gestalterische
Bildung wichtig ist, wie künstlerische
Arbeitsweisen vermittelt werden
können, wie man Kinder und Jugendliche in ihrer Kreativität fördern kann –
und welche Rolle dabei die Bildschulen
spielen. Die Bildschulen verfügen
inzwischen über grosse Erfahrungen
im Bereich der künstlerischen Bildung.
Sie verstehen sich als Laboratorien
75
Tätigkeitsbereich
kinder und jugendliche
kindlicher Kreativität und künstlerischer Pädagogik. Mit einer Wanderausstellung, einem Symposium und einer
Publikation will der Dachverband
das Know-how und die Erfahrungen
der Bildschulen weitergeben und
zur Diskussion stellen. Die Stiftung
Mercator Schweiz fördert diese Aktivitäten der Konferenz Bildschulen
Schweiz mit 50 000 Franken.
Auf Tournee
Seit August 2015 ist die Wanderausstellung ‹Bauplatz Kreativität› auf
Tournee. Gestalterisches Leitbild für
die Ausstellung ist die Baustelle. Sie
steht für das produktive Tun in den
Kursen und künstlerischen Prozessen
der Bildschulen – und im übertragenen
Sinne für den Begriff der Kreativität
insgesamt, dem Kernthema der Bildschulen. Die Kreativität dient der
ganzen Ausstellung als übergeordnete
Klammer: Woher kommt der Begriff?
Welche Vorstellungen verbinden wir
damit? Welche Erwartungen sind daran
geknüpft? Was geschieht, wenn wir
kreativ sind? Was bedeutet Kreativität
für Kinder? Wie gestaltet sich der
kreative Prozess? Wie kann Kreativität
gefördert werden? Die Ausstellung
möchte verschiedene Facetten von
Kreativität aufzeigen. Sie möchte Fragen
aufwerfen und die Besucherinnen und
Besucher dazu anregen, Antworten
zu suchen. Mehrere Spuren laufen durch
die Ausstellung, entsprechend unterschiedlich sind die Lesearten: Es gibt
eine niederschwellige und sinnliche
Spur für das junge Publikum, eine
rasch erfassbare für das breite Publikum und eine vertiefende Spur für
das Fachpublikum.
Bildschulen wollen im künstlerisch-gestalterischen Bereich das
leisten, was die Musikschulen im musikalischen Bereich schon lange tun:
gestalterische Grundbildung, künstlerische Praxis, Begabungsförderung und
Breitenangebot miteinander verknüpfen. Die Ausstellung zeichnet mit
Informationstafeln die Entstehung der
ersten Bildschulen in der Schweiz nach.
Sie zeigt Bilder aus den verschiedenen
Standorten und Arbeiten, die in den
vergangenen zehn Jahren am K’Werk
Basel entstanden sind. Videos mit
Experteninterviews machen deutlich,
warum gestalterische Bildung für
Kinder und Jugendliche wichtig ist.
76
Mercator Magazin 02 / 1 5
Die Ausstellung zeigt auch, wie Kreativität und gestalterisches Arbeiten
vermittelt werden können. Dies ist ein
besonderer Schwerpunkt auf der Spur
für Lehrpersonen und Pädagogen durch
die Ausstellung: Sie erfahren, wie an
den Bildschulen unterrichtet wird, wie
sich der Unterricht an den Bildschulen
von jenem an den Volksschulen unterscheidet und wie sich beide Institutionen gegenseitig ergänzen können.
Anhand konkreter Beispiele entdecken
Lehrpersonen Anregungen für ihren
eigenen Unterricht. Die Ausstellung
widmet sich auch dem Stellenwert kreativer Berufe in der Arbeitswelt. Obwohl
die Bildschulen nicht in erster Linie
auf die Berufswelt ausgerichtet sind, so
ist es ihnen doch wichtig, die Möglichkeiten von Laufbahnen im gestalterischen Bereich zu thematisieren. Eine
spezielle Spur für Kinder bietet diesen
die Möglichkeit, an vier Stationen
selbstständig zu zeichnen, mit Werkzeugen zu hantieren, eine Kugelbahn
zusammenzubauen oder den Filmstreifen für ein Tischkino zu gestalten.
Beiträge von Kindern
Kinder und Jugendliche sind in der
ganzen Ausstellung präsent. Ihre
Arbeiten – Bilder, Installationen, Trickfilme – sind ausgestellt. In kurzen
Videobotschaften geben sie Einblicke
in ihre Erlebnisse und Erfahrungen
an den verschiedenen Standorten der
Bildschulen. Und in verschiedenen
Kursen haben sie speziell Beiträge für
die Ausstellung erarbeitet. So wurden
etwa die Stühle, die den Gästen überall
in der Ausstellung zur Verfügung stehen, von Kindern im Kurs ‹Raumlabor›
entworfen, der Kurs ‹Stoff + Faden›
hat einen Vorhang beigetragen und im
Fotokurs entstanden die Illustrationen
zu den vorgestellten Unterrichtsmethoden. Die Beteiligung der Kinder und
Jugendlichen am Ausstellungsprojekt
zeigt einen wichtigen Aspekt der Arbeit
an den Bildschulen: Es geht nicht nur
darum, dass Kinder und Jugendliche
eine eigene gestalterische Sprache
finden, sondern auch darum, für konkrete Aufgabenstellungen und Projekte Lösungen auszuarbeiten und zu
präsentieren.
Die Besucher können verschiedene Aspekte
der künstlerischen Bildung vertiefen – und
auch selbst aktiv werden.
Thomas Duarte ist Geschäftsleiter der
Konferenz Bildschulen Schweiz.
Kontakt / Konferenz Bildschulen Schweiz,
Thomas Duarte, kontakt@bildschulen.ch
77
Tätigkeitsbereich
Mensch und umwelt
Detektivarbeit
auf dem Biohof
Schulklassen verlegen ihren Unterricht auf
einen Bauernhof: Sie forschen und diskutieren
zusammen mit Nachwuchswissenschaftlern
und Landwirten zu aktuellen Fragen des Klimawandels und der biologischen Vielfalt.
Text / Eric Wyss
«Ich wusste nicht, dass im biologischen
Landbau auch Spritzmittel eingesetzt
werden», sagt eine Schülerin erstaunt.
«Ich dachte, dass man die Obstbäume
einfach so lässt, wie sie sind.» Einen
Tag hat ihre Klasse vom Gymnasium
Leonhard in Basel zusammen mit
ihrem Biologielehrer Ruedi Küng auf
dem Biobetrieb von Paul Nussbaumer
in Aesch (BL) verbracht und viele neue
Erkenntnisse zum Biolandbau und zu
Aspekten der Biodiversität gewonnen.
Begleitet von der Agrarwissenschaftsstudentin Lisa Studer erforschte die
Klasse Schädlinge und Nützlinge in den
Obstanlagen des Betriebs. Die Ergebnisse diskutierten sie mit dem Biobauern. Eben dieser Dialog zwischen
Praxis, Forschung und Schule ist ein
wichtiges Ziel des Projekts LERNfeld.
Die Bildungsinitiative GLOBE Schweiz
hat das Schulprojekt für forschendes
Lernen im Bereich der Landwirtschaft
entwickelt. Im Jahr 2015 fand das
Pilotprojekt mit zwölf Klassen statt.
Zählen, Bestimmen, Dokumentieren
Nach einer kurzen Einführung durch
den Betriebsleiter und einer erkundenden Fotorallye über den Hof begann
die Forschung: Um die verschiedenen
Insekten und Spinnentiere – die eigentlich nur der Mensch in Schädlinge
und Nützlinge gruppiert – auf den Obstbäumen untersuchen zu können,
mussten die Schülerinnen und Schüler
selbst so genannte Klopftrichter bauen.
Mit diesem Werkzeug haben sie Apfel-,
Birnen- und Kirschbäume nach wissenschaftlicher Vorgabe untersucht, die
Tiere gezählt, bestimmt und in Datenblättern erfasst. Zudem haben sie in
den Obstbäumen nach den typischen
Schadbildern Ausschau gehalten:
Frassstellen an Blättern, Frassgänge
an Früchten oder eingerollte Blätter.
Bei dieser Detektivarbeit half ihnen die
Expertise des Bauern und der Studentin. Denn zu den Untersuchungen auf
dem Biohof sollten die Schülerinnen
und Schüler Berichte verfassen.
Dass gewisse Insektizide im Biolandbau
erlaubt sind, war einigen Schülern neu.
Und dass man gegen Blattläuse auch
Marienkäferlarven freilassen kann, gab
zu grundsätzlichen Diskussionen
Anlass: «Weshalb muss man überhaupt
Nützlinge einsetzen?» «Kann man
nicht einfach alles so lassen, wie es ist?»
«Das ist doch irgendwie gegen die
Natur!» Der Biobauer Paul Nussbaumer
erklärte, dass Wirtschaftlichkeit, Anforderungen des Marktes und der
Konsumierenden solche Massnahmen
nötig machen.
Larven gegen Blattläuse
Wie die Nützlinge gegen Blattläuse
wirken, konnten die Schüler beobachten: Ihr Biologielehrer hatte Marienkäferlarven gezüchtet. Da diese schon
geschlüpft waren, konnten die Jugendlichen den Marienkäfern beim Fressen
der Blattläuse zuschauen. Auch Ohrwürmer wirken gegen Blattläuse. Mit
Blumentopf und Holzwolle baute
In einer Obstanlage erforscht die Studentin
Lisa Studer zusammen mit einer Schulklasse
Schädlinge und Nützlinge.
79
Tätigkeitsbereich
Mensch und umwelt
Pflanzenvielfalt verschiedener Flächen,
beobachten die Vielfalt der Blütenbestäuber, messen die Abbaugeschwindigkeit von organischen Materialien im
Boden, zählen die Kauschläge von
Kühen und errechnen deren Verdauungseffizienz. Diese und weitere
Themen ermöglichen es Schulklassen,
auf landwirtschaftlichen Betrieben
naturwissenschaftliche Methoden einzuüben, Resultate zu analysieren
und zu diskutieren.
Zusammenarbeit mit Experten
die Klasse ihnen ein Hotel. Die
Wirkung dieser Fördermassnahme
wird sich im nächsten Jahr zeigen.
Hat die Vielfalt der Nützlinge in
Obstanlagen einen Einfluss auf das
Schädlingsaufkommen? Können die
Nützlinge die Schädlinge wirklich
in Schach halten? Wie viele Schädlinge
duldet der Bauer, bevor er spritzt?
Intensiv diskutierten die Schülerinnen
und Schüler mit dem Betriebsleiter und
der Jungforscherin über diese Fragen.
Antworten bis ins letzte Detail sind
noch nicht gefunden. Deshalb geht die
Forschung der Jugendlichen weiter:
Sie werden die vielen erhobenen Daten
analysieren und Berichte schreiben.
Die Jungforscherin wird für die Schlussdiskussion ins Klassenzimmer kommen,
um offene Fragen zu beantworten.
«Dieser interaktive Wissenstransfer
ist eine tolle Herausforderung»,
erzählt Lisa Studer. Dass ihr Engagement für das Studium an der ETH
Zürich angerechnet wird, ist ein
schöner Pluspunkt.
Biodiversität und Klimawandel
Für das Projekt LERNfeld hat Globe
Schweiz zusammen mit der ETH Zürich,
mit der Pädagogischen Hochschule
der Fachhochschule Nordwestschweiz,
mit dem Forum Biodiversität und dem
Forschungsinstitut für biologischen
Landbau verschiedene Lernaktivitäten
für Mittelstufe, Sekundarstufe I und
II erarbeitet. Im Zentrum stehen die
Themen Biodiversität und Klimawandel im Kontext der Landwirtschaft:
Schüler erforschen Unterschiede der
80
Mercator Magazin 02 / 1 5
Die teilnehmenden Bauern und Jungforschenden sind wichtige Begleiter,
Experten und Gesprächspartner für
die Schulklassen. Die Lehrpersonen
koordinieren diese Lerngemeinschaften. Ruedi Küng ist zufrieden mit dem
Forschungsausflug: «Biologie findet
draussen statt. Eine Lektion im Klassenzimmer kann die vielfältigen Erfahrungen auf dem Bauernhof nicht ersetzen.»
Mit Unterstützung der Studentin haben
die Jugendlichen gelernt, genau hinzusehen, zu beobachten und zu analysieren. «Die Klasse konnte erleben,
was Wissenschaft bedeutet», sagt der
Biologielehrer. Die Zusammenarbeit
mit den externen Experten fand er sehr
wertvoll. Die Studentin und der Landwirt haben den Jugendlichen neue
Sichtweisen erschlossen und unerwartete Diskussionen angestossen. «Dass
sie als Konsumenten die Landwirtschaft beeinflussen können, war für die
Schülerinnen und Schüler eine ganz
neue Erkenntnis», erzählt Ruedi Küng.
Die Jugendlichen bauen Klopftrichter, mit
deren Hilfe sie Nützlinge und Schädlinge
sammeln, um sie zu untersuchen.
Globe Schweiz
GLOBE (Global Learning and Observations
to Benefit the Environment) ist ein internationales Umweltbildungsangebot für alle
Schulstufen – von der Unterstufe bis zur
Sekundarstufe II. Das Programm bietet
praxisorientierte Lernaktivitäten ausserhalb
des Schulzimmers im Fachbereich ‹Natur
Mensch Gesellschaft› und ‹Natur und Technik›
an. Damit fördert es naturwissenschaftliche
Grundkompetenzen. Die Unterrichtsmaterialien sind von Experten aus Forschung und
Bildung entwickelt und unterstützen den
kompetenzorientierten Unterricht. Behandelt
werden komplexe Themen wie Boden, Wetter
und Klima, System Erde, Jahreszeiten, Hydrologie und Biodiversität. www.globe-swiss.ch
Eric Wyss ist Co-Geschäftsleiter von
GLOBE Schweiz.
Kontakt / GLOBE Schweiz, Eric Wyss,
ewyss@globe-swiss.ch
81
Engagiert
Wie eine grosse
Schwester
Mirjam Hagmann
Rock your Life!
Wir haben Erlebnisse ausgetauscht, uns näher
kennengelernt. Sie hat mir viel von ihrer Familie,
ihren Freunden und ihrer Schule erzählt. Mir war
diese Zeit sehr wichtig, um Vertrauen aufzubauen.
Das Vertrauen zwischen Mentor und Mentee ist
entscheidend, damit die Zusammenarbeit funktioniert. Wir sprechen über Schulisches, aber auch
über Privates. Die Mentees müssen sich darauf verlassen können, dass wir als Mentoren den Lehrern
oder Eltern nicht weitererzählen, was sie uns
anvertrauen. Von ‹Rock your Life!› wurden wir auf
unsere Tätigkeit vorbereitet: Was erwartet uns?
Wann sollten wir Hilfe holen? Wie kann man seinen
Mentee dazu bringen, sich zu öffnen? Wie leitet
man ein Gespräch in die gewünschte Richtung?
Die Workshops waren wichtig. Schliesslich tragen
wir als Mentoren viel Verantwortung.
Regelmässige Treffen
Ich hatte gerade mein Jurastudium begonnen,
als ich von ‹Rock your Life!› erfahren habe.
Von der Organisation und ihrem Ansatz war ich
begeistert, so habe ich mich gleich als Mentorin
beworben: Da meine Eltern für eine Menschenrechtsorganisation gearbeitet haben, bin ich
in Jordanien und Südafrika aufgewachsen. Als
wir zurück in die Schweiz gezogen sind, ist es mir
nicht leicht gefallen, mich zu integrieren. Gerne
hätte ich eine aussenstehende Person gehabt,
die mir hilft. Entsprechend wichtig ist es mir, Jugendliche dabei zu unterstützen, Perspektiven
für die Zukunft zu entwickeln. Ich möchte zeigen,
dass man seinen Weg gehen kann, auch wenn es
nicht immer einfach ist.
Vertrauen und Verantwortung
Seit Oktober 2014 arbeite ich mit Savannah
zusammen. Wir haben uns sofort verstanden.
Ich fühle mich wie ihre grosse Schwester, die
ihre Erfahrungen weitergibt. Anfangs haben wir
einfach miteinander geredet und viel gelacht.
82
Mercator Magazin 02 / 1 5
Ich treffe mich ein bis zwei Mal im Monat mit
Savannah – immer an unterschiedlichen Orten:
Bei mir in der WG haben wir zusammen Pizza
gegessen. In einem Café haben wir ihre Bewerbungsunterlagen bearbeitet. Die Uni war auch
schon ein Treffpunkt. Savannah sollte wissen, wo
ich jeden Tag hingehe und studiere. Ich will ihr
zeigen, dass Lernen Spass macht und Bildung
einem viele Türen öffnet. Dass sie von meinen
Erlebnissen im Ausland erfährt, war mir sehr wichtig, da Jugendliche die Welt sehen sollten. Vielleicht will Savannah einmal an einem Austausch
teilnehmen oder eine Sprachschule besuchen.
Da sie zurzeit eine Lehrstelle sucht, unterstütze
ich Savannah vor allem dabei, Bewerbungen zu
schreiben. Ich bin stolz, wenn ich sehe, wie sie als
14-Jährige ihre Zukunft in die Hand nimmt. Mein
Mentee ist eine verantwortungsbewusste junge
Frau, die sich für andere einsetzt. Ich verbringe
gerne Zeit mit ihr. Es ist spannend, ihre Sichtweisen
auf die Welt kennenzulernen. Deshalb wünsche
ich mir, dass wir uns auch weiterhin austauschen,
wenn sie ihre Ausbildung angefangen hat.
Mirjam Hagmann (22) aus Winterthur engagiert sich für das
Mentoring-Programm ‹Rock your Life!›. Während zwei Jahren
werden Jugendliche des 8. und 9. Schuljahres von Studierenden
beim Übergang von der Schule in den Beruf begleitet. Partnerunternehmen ermöglichen ihnen Einblicke in verschiedene
Berufe. Insbesondere wenn das Wissen zum Schweizer Ausbildungssystem, wenn Sprachkenntnisse oder die Unterstützungsmöglichkeiten zuhause fehlen, können Berufswahl
und Lehrstellensuche für Jugendliche schwierig sein. Durch
das persönliche Mentoring lernen die Schüler ihr individuelles
Potenzial zu entfalten und Visionen für ihre Zukunft zu
entwickeln. Die Stiftung Mercator Schweiz unterstützt
Rock your Life. schweiz.rockyourlife.org
Kalender
Impressum
Mercator Magazin, Ausgabe 02 / 15
Herausgeber /
Stiftung Mercator Schweiz
redaktion / Nadine Fieke
bildnachweis / Cornelia Biotti
(S. 56 — 59, 62, 76 — 79) / Nadine Fieke
(S. 7, 9, 15, 20, 21, 26, 32, 34 — 37,
38, 40, 42, 43, 48, 51, 68) / Paul Grendon
(S. 64) / Sophie Gysin (S. 74 — 75) /
Jonas Jäggy (S. 65 — 67) / Vera Markus
(S. 60) / Brendon Mikronis (S. 9) /
Sabine Rock (S. 26) / Brigit Rufer
(S. 10 —12, 16 — 19, 22 — 25, 28 — 30, 32,
33, 49, 52 — 55) / Julie Saacke (S. 80) /
Judith Schäfer (S. 73) / Gian Vaitl (S. 61) /
Cyrill Wunderlin (S. 14) / Berner
Fachhochschule (S. 61) / Biogas Zürich
(S. 8) / Bio ZH (S. 14, 32, 49) / Botanischer
Garten (S. 7 ) / Compagnie nik (S. 20) /
FiBL (S. 49) / Filme für die Erde (S. 8) /
GZ Hirzenbach (S. 14, 50, 60) / Helvetas
(S. 8) / myblueplanet (S. 48) / Nebenrolle
Natur (S. 4 1, 61) / Öpfelchasper
(S. 9, 5 1) / OJA Kreis 9 & Hard (S. 41, 60) /
OJA Kreis 5 (S. 50) / Prokino (S. 4 4 — 47) /
SAJV (S. 2) / Science et Cité (S. 4) /
Stadt Bern (S. 7 1 — 72) / Stadt Zürich
(S. 20, 41) / Universität Luzern (S. 3) /
Vegane Gesellschaft Schweiz (S. 60) /
Zürcher Bauernverband (S. 14)
gESTALTUNG / Rob & Rose
Lithografie / Andreas Muster, Basel
druck / Odermatt AG, Dallenwil
papier / PlanoPlus 90 g/m2
auflage / 1 500 Exemplare
Januar
März
21.01.2016
22.03.2016
Gemeindevision 2035
Städte und Gemeinden haben zahlreiche Möglichkeiten, energie- und
ressourcenschonendes Verhalten
vorzuleben und durch entsprechende
Angebote oder Anreize zu fördern.
An der Tagung ‹Gemeindevision
2035› der Stiftung Praktischer Umweltschutz Pusch entwickeln die
Teilnehmenden im Volkshaus Zürich
Bilder und Visionen für eine nachhaltigere und ressourcenschonendere
Zukunft auf kommunaler Ebene.
www.pusch.ch
28.— 31.01.2016
Auftritt mit
eigenem Stück
Die Junge Bühne Bern hat im Rahmen
des Wettbewerbs ‹Satellit› innovative
Ideen für Produktionen gesucht:
Junge Theater- und Tanzbegeisterte
erhielten die Möglichkeit, ein eigenes
Stück zu realisieren. Zu den Gewinnern gehört das Stück ‹Wir wissen,
wer wir sind›. Mit Musik und Tanz
sowie Text in Baseldütsch erzählen
Lea Agnetti, Cléo Amacher, Stephanie
Brückner, Anja Delz, Franca Fellmann
und Alina Immoos, wie es ihnen
als junge Menschen geht.
www.junge-buehne-bern.ch
SC2015102701
Februar
26.02.2016
Kontakt
Stiftung Mercator Schweiz
Gartenstrasse 33
Postfach 2148
CH – 8022 Zürich
Tel. + 41 ( 0 ) 44 206 55 80
info@stiftung - mercator.ch
www.stiftung - mercator.ch
Ansprechpartner Projekte
Sara Fink
s.fink@stiftung-mercator.ch
— primano 2013 – 2016
Olivia Höhener
o.hoehener@stiftung-mercator.ch
— Mercator Kolleg für
internationale Aufgaben
— Master Class
— Science Comm
— Photographs beyond Ruins
— Handyfilme
stephanie huber
s.huber@stiftung-mercator.ch
— Kurswechsel Landwirtschaft
— LERNfeld
Lisa Radman
l.radman@stiftung-mercator.ch
— Engage.ch
— Rock your Life!
patric schatzmann
p.schatzmann@stiftung-mercator.ch
— Aktion 72 Stunden
— Bauplatz Kreativität
Katia Weibel
k.weibel@stiftung-mercator.ch
— Zürich isst
Tagung zum Projekt
‹QuAKTIV›
In einer Tagung stellt die Fachhochschule Nordwestschweiz auf
ihrem Campus in Brugg-Windisch
die Ergebnisse des Programms
‹QuAKTIV – Naturnahe, kinderund jugendgerechte Quartier- und
Siedlungsentwicklung im Kanton
Aargau› vor. Im Rahmen des Programms wurden in den drei Pilotgemeinden Herznach, Birmenstorf und
Aarburg unter aktiver Mitwirkung
von Kindern und Jugendlichen
naturnahe Erlebnisräume verwirklicht
und vielfältige Partizipationsmethoden getestet. Die Tagung geht Fragen
nach Voraussetzungen und Möglichkeiten, Chancen und Grenzen sowie
Mehrwert und Aufwand von Partizipationsprojekten im Bereich der
Planung und Gestaltung von Freiräumen nach. www.quaktiv.ch/tagung
Treffen des Suffizienznetzwerks
Wie viel ist genug? Wie können
wir den aktuellen Ressourcen- und
Umweltproblemen durch einen
bewussten Konsum- und Lebensstil
begegnen? Im Rahmen einer Ausschreibung unterstützt die Stiftung
Mercator Schweiz Projekte, die
sich anschaulich und kreativ mit dem
Thema Suffizienz befassen. Am
Netzwerktreffen in Zürich tauschen
die geförderten Projektverantwortlichen ihre Erfahrungen aus.
www.stiftung-mercator.ch/
suffizienzprojekte
April
21.04.2016
Sustainable
Universities Day
Das ‹Sustainable Development at
Universities Programme› unterstützt
Projekte an Schweizer Hochschulen,
um das Thema der nachhaltigen
Entwicklung besser zu verankern.
Am jährlichen Sustainable Universities Day geht es um die Frage, wie
Universitäten ihre Rolle für eine
nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft wahrnehmen und stärken
können. 2016 organisiert die Universität St. Gallen die Veranstaltung
unter dem Thema ‹Responsible
Leadership›. www.sd-universities.ch
Mai
27.05.2016
eco.naturkongress
Wenn von Welternährung gesprochen
wird, gibt es immer zwei Seiten der
Diskussion: Zum einen geht es um
die Herstellung von Nahrungsmitteln,
auf der anderen Seite um den fehlenden Zugang in einigen Regionen
der Welt und um die Verschwendung
von Lebensmitteln. Der eco.naturkongress 2016 in Basel widmet sich
diesem Spannungsfeld. Dabei wird
immer wieder ein Fokus auf die Rolle
der Schweiz gelegt: Was ist unsere
Verantwortung? Wo können wir
Einfluss nehmen, wo nehmen wir
ihn bereits wahr? Was ist die Rolle
von Schweizer Unternehmen, die
in diesem Bereich tätig sind? Wie
berücksichtigt die Schweizerische
Landwirtschaftspolitik die internationalen Verflechtungen unseres
Ernährungssystems?
www.eco.ch/kongress
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