Werbung im Visier der EU - Zentralverband der deutschen

Werbung
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Werbung im Visier der EU
- Fakten und Hintergründe der
Regulierungsdynamik in Brüssel _______________________________________________
I. Schutzschild Berlin?......................................................................................2
II. EU-Produktion von Kuschelgefühlen…………………………………………...7
III. Das Leben wird zur EU-Norm…………………………………………………...9
IV. Die sichtbare Hand der EU-Regulierer…..…...……………………………....11
V. Projekte der Lenkung von Produktion und Konsum…………………………14
VI. Marktsteuerung durch EU-Lebensstil-Design...……………………………...17
VII. Brüssels "Energischer Umbau der Gesellschaft".…………………………...19
VIII. Das doppelte Gesicht Europas.…………………………………………….....25
IX. Was tun?.....................................................................................................27
Vortrag von
Volker Nickel
Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft ZAW
M*E*R*Z* Werbeagentur
3. Dezember 2009, Düsseldorf
Werbung im Visier der EU
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I. Schutzschild Berlin?
"Werbung im Visier der EU" - das klingt martialisch. Führt Brüssel eine Schlacht
gegen die kommerzielle Werbung? Tun wir einmal so, als sei das die Realität.
Dann ergäbe sich als erstes die Frage nach dem nationalen Schutzschild - also
danach, wie die deutsche Regierung damit umgeht, wenn die Europäische Union
Wettbewerb und Werbung gezielt behinderten.
In Berlin haben wir eine neue Regierungskoalition. Die strotzt regelrecht vor
Begeisterung über den Segen des Wettbewerbs und vor Schutzdeklarationen für
die Werbung der Wirtschaft.
Erster Satz im Vertrag der neuen christlich-liberalen Regierungskoalitionäre:
"Unsere wirtschaftspolitische Leitlinie ist die Soziale Marktwirtschaft, sie greift weit
über ökonomische Ziele hinaus, ist ein unverzichtbarer Teil einer freiheitlichen
offenen Gesellschaft". Und weiter liest man fast ungläubig: "Das System der
Marktwirtschaft hat nicht nur zu großem Wohlstand breiter Bevölkerungsgruppen,
sondern auch zu einem einmaligen sozialen Frieden in Deutschland geführt".
Wer immer jenen Vertragstext durchgeht - wenn ihn denn jemand im Getöse
um Steuersenkung, Bildungsaufbruch und vor allem Weltklima überhaupt liest merkt auf: War eben nicht noch Schluss mit dieser 'Krake Kapitalismus', diesem
verderblichen individuellen Wirtschaften - Daumen abwärts für das System des
privaten Risikos mit seiner krankhaft wuchernden 'Profitgier'?
Das neue Regierungsbündnis sagt noch mehr: "Der freiheitliche Staat soll nicht
bevormunden, sondern den Gestaltungsspielraum von Bürgern und Unternehmen
respektieren".
Die politischen Richtungsschilder der Republik in den kommenden vier Jahren
sind eindeutig: Marktwirtschaft, Wettbewerb und eine Kultur der Verantwortung bis hin zum einzelnen Bürger - siehe Tendenzvokabeln zu einigen Sachthemen im
Koalitionsvertrag:
-
Energiepolitik: "…ideologiefrei, technikoffen und marktorientiert…".
-
Personennahverkehr: "…unternehmerisch und wettbewerblich
ausgerichtet…."
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-
Ernährung und Verbraucherschutz: "…entscheidender Faktor ist das
erzieherische Engagement der Eltern…Unser Leitbild ist der mündige
Verbraucher…." Und die Koalitionäre werden noch präziser: "Eine Steuerung des
Konsums und der Bevormundung der Verbraucher durch Werbeverbote und
Strafsteuern für vermeintlich ungesunde Lebensmittel lehnen wir ab".
Auch in den Passagen in Sachen Europapolitik bleibt der rote Faden der
schwarzblaugelben Koalition sichtbar. "Wir setzen uns für eine demokratische,
transparente und bürgernahe EU ein …die den Rahmen dafür schafft, dass die
Bürger …ihr Leben eigenverantwortlich und solidarisch gestalten können." Die
Prinzipien Subsidiarität und Verhältnismäßigkeit sollen "strikt beachtet" werden.
Die von Brüssel angestrebten Sammelklagen lehnt das deutsche
Regierungsbündnis "national wie europäisch" ab - auch das zeigt
ordnungspolitisches Denken der gesunden Art.
Damit sich nun in Deutschland Brüssels Pläne nicht mehr im Nebel der
Unkenntnis verlieren, hat sich die neue Koalition in Berlin etwas Fabelhaftes
ausgedacht. Zitat aus dem Koalitionsvertrag: "Wir wollen innerhalb der
Bundesregierung ein 'Frühwarnsystem' mit einer Gesetzesfolgenabschätzung für
europäische Regelungen implementieren". Die Organisation jenes
Frühwarnsystems ist wahrhaft gründlich strukturiert:
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Nun hat der Liebe Gott den Politikern aber nicht nur das Papier der Geduld
geschenkt, sondern auch die Kunst der Verschleierungsarchitektur. Das
angekündigte 'Frühwarnsystem' im Jahr 2009 der ja bereits 1957 gegründeten
Europäischen Gemeinschaft ist für die Vertretung der nationalen Interessen
durchaus folgerichtig.
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Doch das reicht bei weitem nicht aus. Der am 1. Dezember 2009 in Kraft
getretene neue EU-Vertrag von Lissabon wird überwiegend zu
Mehrheitsentscheidungen in Brüssel führen. Schon in den zurückliegenden
Jahrzehnten haben deutsche Regierungen ihre meist akzentuiert
marktwirtschaftlich orientierte Haltung reichlich häufig auf dem europäischen Altar
geopfert. Künftig wird Berlin in Brüssel einfach überstimmt.
Im neuen Koalitionsvertrag steht indessen nichts geschrieben von der Absicht
einer neuen 'Bündnispolitik' mit anderen Mitgliedstaaten. Aber nur wenn
Deutschland mit einem Teil der EU-Länder gemeinsam ihre Stimmen in die
Brüsseler Waagschale legen, lassen sich beispielsweise Werbezensur-Pläne und
andere marktwirtschaftswidrige Projekte auf Brüsseler Ebene abwehren.
Und noch nachdenkwürdiger: Aus dem Berliner Koalitionsvertrag wurde ein für
die Zukunft der Werbung der Wirtschaft wesentlicher Satz kurz vor der
Unterzeichnung durch die Koalitionäre gestrichen.
Im Zusammenhang mit "der Erhaltung der Meinungs- und Pressevielfalt" hieß
es im Schluss-Entwurf des Vertrags noch: "Von weiteren Werbebeschränkungen
ist Abstand zu nehmen". Der fehlt nun. Warum? Weil sich die Koalition - oder
vielleicht nur die CDU - eine Hintertür offen halten will. Aber mit welcher Absicht?
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Die Antwort gibt die ahnende Wahrnehmung der realen politischen Verhältnisse
mit ihrem Ausführungsorgan in Gestalt des neuen Bundesumweltministers Norbert
Röttgen (CDU). Denn die Tinte unter dem Koalitionsvertrag war noch nicht
trocken, da verstieß die neue deutsche Regierung bereits gegen das GrundsatzPostulat ihres Koalitionsvertrags: "Der freiheitliche Staat soll nicht bevormunden,
sondern den Gestaltungsspielraum von Bürgern und Unternehmen respektieren".
Die Bühne des Vorgangs: Brüssel. Am Tisch des Ständigen Ausschusses des
EU-Ministerrats stimmte Ende November Deutschland plötzlich nicht mehr gegen
die vor allem von Schweden geplanten Energie-Zwangsinformationen in der
Werbung für sämtliche elektrische Produkte im Haushalt. Überraschend enthielt
sich nun Deutschland, das ökonomisch gewichtigste EU-Mitglied.
Wogegen sich die alte schwarz-rote deutsche Regierung mit ihrem
SPD-Umweltminister Gabriel gemeinsam mit kleineren EU-Staaten gewehrt hatte,
kippte Norbert Röttgen, einer der engsten Vertrauten der
CDU-Parteivorsitzenden Angela Merkel, Bundeskanzlerin. Unterdessen haben
sich bereits die Vorarbeiter des Ministerrats, des EU-Parlaments sowie der EUKommission im sogenannten Trilog-Gespräch auf die Zwangshinweise in der
Werbung abschließend verständigt. Sie werden wohl Anfang des kommenden
Jahres die letzten Hürden im EU-Ministerrat und dem Europäischen Parlament
nehmen.
Stellen wir das Nachdenken über den Sinn von euro-staatlichen
Zwangshinweisen in der Werbung von Elektroartikeln noch zurück. Analysiert man
aktuelle Interviews mit Umweltminister Röttgen, wird rasch klar, wo der CDU-Hase
grasen will: im Gebiet der 'grünen' Wähler. Dort passt keine Verweigerung von
vorgeblich Umwelt schützenden Zwangshinweisen in der kommerziellen Werbung
ebenso wenig hinein, wie zum Beispiel die Verlängerung der Laufzeiten von
Kernkraftwerken, von der Röttgen entgegen der Wahlaussagen der CDU
abzurücken beginnt.
Dazu fällt einem nur noch ein Begriffspaar aus dem Arsenal mittelfristiger
parteipolitischer Strategie ein: Populismus wegen Machterhalt.
Vorweg nehmen möchte ich bereits an dieser frühen Stelle eine Erkenntnis, die
sich anschließend mit Blick auf die Europäische Union noch erdrückend erweisen
wird:
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Der Umgang der Politik mit der Werbung ist so etwas wie ein Seismograph des
Umgangs der Politik mit Wirtschaft und Gesellschaft. Entscheidend ist dort das
politische Wollen, nicht aber Sachzusammenhänge. Die haben in der Politik einen
ausgesprochen schweren Stand.
II. EU-Produktion von Kuschelgefühlen
Beim Blick nach Brüssel zu den politischen Instanzen der Europäischen Union sind das aber wirklich düstere Szenarien von immer stärker um sich greifenden
Werbeverboten? Oder leuchtet dort nicht doch das Licht politischer Vernunft,
Weitsicht und Verhältnismäßigkeit der Mittel?
In den Amtsstuben der Beamten der EU-Kommission, in den Ministerräten und
im Europäischen Parlament werden Vokabeln als politisches Programm
herumgereicht, die nahelegen, Brüssels Regulierungswahn und Tugendterror sei
eine bösartige Unterstellung oder doch zumindest überwunden:
- Kein Tag ohne Seligsprechung des 'Subsidiaritätsprinzips' - also
europarechtlich nur dann eingreifen, wenn es unten in den Mitgliedsländern nicht
funktioniert.
- Täglich die Beschwörung der marktwirtschaftlichen Struktur, um
das EU-Gebiet zur wettbewerbstärksten Zone der Welt zu machen, bekannt
unter dem Begriff der 'Lissabon-Strategie'. Wettbewerb fördern müsste auch
Werbung fördern bedeuten: Wettbewerb heißt ja doch vor allem, sich um die
Wette bei Kunden bewerben.
- Und erst die EU-Kommission. Sie glänzt mit der für die Existenzfähigkeit
liberaler Wirtschaftsstrukturen löblichen Einsicht, dass die europäische RechtSetzung dringend verbessert und EU-Bürokratie abgebaut werden muss.
Zitat aus einer ihrer Verlautbarung: "Das Programm 'Better Regulation' führt zu
einer neuen politischen Kultur innerhalb der Kommission, die in der Vergangenheit
zur Umsetzung europäischer Politik meist auf Rechtsvorschriften baute. Nun wird
großes Gewicht auf umfassende Konsultationen mit externen Interessengruppen
gelegt und auch auf sorgfältige Abschätzung der Auswirkungen von Vorschriften
auf die Wirtschaft - bevor diese den Gesetzgebungsprozess durchlaufen."1
1
Bessere Recht-Setzung erreichen, Enterprise and Industry, Europäische Kommission,
31.01.2007.
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Ein erkenntnisreicher Satz? Oder eine Bankrott-Erklärung über die Arbeit der
Behörde in der Vergangenheit - etwa so: 'Wir haben zu viele Vorschriften
gemacht, ohne groß die Folgen zu bedenken und ohne Fachleute der betroffenen
Wirtschaftskreise zu befragen. Das wollen wir jetzt ändern.'
Stolz meldet die Behörde: "Der Bürokratieabbau im Eilzugstempo bringt erste
greifbare Ergebnisse für Bürger und Unternehmen." Seit Oktober 2005 seien
5.000 Seiten aus dem EU-Amtsblatt gestrichen, der einen Gesamtbestand von
95.000 Seiten habe.2
Eine grandiose Leistung: In zwei Jahren fünf Prozent Bürokratieabbau - welch
rasende Geschwindigkeit - was nicht weiter verwundert: Wer die Regeln
geschaffen hat, gibt sie nur ungern wieder her. Und wer weiß denn schon, dass
die Wirtschaft in Europa Brüssels Regulierungssucht jährlich 350 Milliarden Euro
kostet.
- Brüssel ist in der Produktion von Kuschelgefühlen aber auch an weiterer
Stelle nicht geizig. In einem neuen "Strategiepapier" der Behörde unter dem
erotischen Titel "Ein europäisches Konzept für die Medienkompetenz im digitalen
Umfeld" loben die Beamten: Werbung gehöre zum Lebensalltag und sei fester
Bestandteil der Marktwirtschaft. Deshalb müsse den Bürgern die wichtige Rolle
der kommerziellen Kommunikation in der Wertschöpfungskette der
audiovisuellen Industrie bewusst gemacht werden. Werbung ermögliche es,
redaktionell hochwertige Inhalte zu erwerben.
Liest man jenes "Strategiepapier" zu Ende, dann kriecht aber doch wieder
Misstrauen über die wahren Absichten der Behörde hoch. Denn die Kommission
will keineswegs die positiven Effekte von Werbung als Teil von Medienkompetenz
in der europäischen Bevölkerung verankern, sondern - wörtlich - "einen kritischen
Ansatz etablieren". Deshalb brauche es neue sogenannte 'freiwillige'
Verhaltensregeln der Werbewirtschaft in Europa, schreibt die Kommission.
- Aber ach, man muss sich doch keine Sorgen machen. Denn die folgende
frohe Botschaft kommt von einem anderen Stern der EU: "Werbeverbote sind
untaugliche Mittel, um den gewünschten politischen Effekt zu erreichen."3
2
Bürokratieabbau im Eilzugtempo bringt Bürgern und Unternehmen Einsparungen in
Milliardenhöhe, Press Release Rapid, www.ec.europa.eu, 30.01.2008.
3
EU-Kommissarin Reding: "Werbeverbote sind untauglich", absatzwirtschaft - Zeitung für
Marketing, 4/2008, S. 20.
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Dieser Satz ist der deutschen Zeitschrift "absatzwirtschaft" entnommen. Gesagt
hat ihn dort in einem Interview Frau Viviane Reding, noch bis Jahresende 2009
EU-Kommissarin für Informationsgesellschaft und Medien. Und sie vertieft die
Realität mit dem weiterem Wissen: "Werbung ist für mich die Grundlage einer
vielfältigen und wirtschaftlich stabilen Medienbranche." Solange sie EU-MedienKommissarin sei, werde es keine weiteren Werbeverbote geben. Ab Januar ist sie
Kommissarin des Sektors Justiz.
Die Werbewelt in der EU - ist sie doch in Ordnung und finstere Szenarien nur
Missverständnisse, falsche Einordnungen, Gespenstergeschichten überbesorgter
Verbandsmanager?
III. Das Leben wird zur EU-Norm
Die Bedeutung der Europäischen Union als Gesetzgeber ist unbestritten. Rund
80 Prozent aller deutschen Rechtsetzungsakte, wie Gesetze und Verordnungen,
sind europäischen Ursprungs. Das ist auch logisch: Unter dem Banner 'Gleiches
Recht für alle in Europa' werden gerechte Voraussetzungen für Unternehmen und
Konsumenten geschaffen, werden rechtliche Unebenheiten an den Grenzen der
Mitgliedstaaten eingeebnet und auf diese Weise die Handelsströme und damit der
Wettbewerb intensiviert. So jedenfalls das Ideal.
Und die Realität? Die Trinkbecher-Richtlinie (84/500/EWG) legt fest: Jedem
Keramik-Becher muss ein Zettel beiliegen, der die Einhaltung aller
EU-Vorschriften und die Prüfung durch die zuständigen Stellen bestätigt.
Oder die Leiter-Richtlinie. Zitat: "Die Leiterfüße von tragbaren Leitern müssen
so auf einem stabilen festen, angemessen dimensionierten und unbeweglichen
Untergrund ruhen, dass die Stufen in horizontaler Stellung bleiben. Das
Verrutschen der Leiterfüße von tragbaren Leitern muss während der Benutzung
dieser Leitern entweder durch Fixierung des oberen Teils der Holme, durch eine
Gleitschutzvorrichtung oder durch eine gleichwertige Lösung verhindert werden".
In diese Kategorie gehört die Lärm- und VibrationsschutzArbeitsschutzverordnung, die Baufirmen verpflichtet, für ihre Beschäftigten
umfangreich "Vibrationskonten" mit hochkomplizierten Regelwerk zu führen, das
für den Umgang mit Presslufthämmern gilt.
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Bisweilen gibt sich die EU-Bürokratie auch verschämt. Kondome zum Beispiel
fallen unter den Oberbegriff "Medizinische Vorrichtungen". Und da man für dieses
sexuelle Utensil nicht gut verbindliche Masse definieren kann, bleibt es bei der
Empfehlung, dass "die Länge nicht weniger als 160 Millimeter betragen" solle.
Und weil wir gerade dabei sind: die EU-Schnullerketten-Verordnung. Auf
52 Seiten werden die Konstruktionsmerkmale einer Schnur für Babyschnuller
aufgelistet. Ein kurzer Textauszug als Kostprobe: "Wenn der Schnuller am Band
durch einen dauerhaft angebrachten Schnullerhalter befestigt ist, muss die
Messung an dem vom Band am weitesten entfernten äußersten Ende des
Schnullerhalters bis zum letzten Stück des Bandes oder der beweglichen
Befestigungsvorrichtung an der Befestigung am Kleidungsstück erfolgen;
ausgenommen ist die Länge der Befestigung am Kleidungsstück".
Dieser Regulierungswahn liefert kabarettistischen Stoff. Aber er hat einen sehr
ernsten Kern: Die Brüsseler Gesetzgebungsmaschinerie rattert ohne Pause. In der
vergangenen Legislaturperiode des Europäischen Parlaments gab es
6.000 Abstimmungen, 1.500 Gesetzgebungsverfahren und 47.000 Zusatzanträge.
Will ein Staat Mitglied in der Europäischen Union werden, muss er unterdessen
112.000 DIN 4 Seiten EU-Recht in sein nationales Recht integrieren. Allein die
EU-Chemikalienverordnung umfasst mehr als 1.000 Seiten.
Europas Wert der kulturellen Lebensvielfalt ist dabei offenkundig tertiär. Ein
weiteres Beispiel: Gegenwärtig arbeitet die EU-Kommission an einem
verbindlichen Regelkatalog für "mobileren und sicheren Verkehr" in europäischen
Innenstädten. Die besserwisserische Machtanmaßung kommt in dem "Grünbuch
Stadtverkehr" der EU-Kommission zum Ausdruck, in dem es zum Beispiel heißt:
"Kommunen können diese Probleme nicht allein, d.h. ohne Zusammenarbeit und
Koordinierung auf europäischer Ebene lösen. Die Europäische Union ist es sich
schuldig, in dieser Frage treibende Kraft zu sein".
Brüssel als "treibende Kraft": Das Verbot der Befüllung von Mülltonnen an
Sonntagen, die Aufschriften auf Käsepackungen und Gläsern mit Bienenhonig,
25 Verordnungen über Größe und Beschaffenheit von Obst und Gemüsesorten das alles haben Brüssels Bürokraten bereits nach ihrer Denk- und Geisteshaltung
geregelt. Unternehmensführung, Arbeit, Freizeit, Ruhestand, Medien, Konsum und
Kultur: Das Leben wird zur EU-Norm.
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IV. Die sichtbare Hand der EU-Regulierer
Auch die Werbung der Wirtschaft ist von der Regulierungsdynamik der
EU-Normierung ihrer Arbeit erfasst. Auch dort zeigt sich die Dialektik zwischen
notwendiger Harmonisierung unterschiedlicher nationaler Rechtsnormen
einerseits und dirigistischer, zensierender Eingriffe in die Markt-Kommunikation
der Unternehmen andererseits. Zusammengefasst: Nicht die Metapher des
Schotten Adam Smith von der unsichtbare Hand des Marktes entwickelt den
europäischen Werbemarkt, sondern die sichtbare Hand der EU-Regulierer mit
einem Gemisch aus nützlichen bis extrem schädlichen Effekten für das
Wirtschaftssystem des Wettbewerbs.
Retrospektiv starteten die europäischen Eingriffe in die Markt-Kommunikation
1978 mit einer Richtlinie zur Lebensmittelwerbung. Seitdem kam es insgesamt zu
19 Richtlinien und Verordnungen. In der Quersummehaben diese Rechtsakte den
Wettbewerb nicht geschmeidiger gemacht, sondern häufig Steine in den Weg
gelegt - so, als wolle die EU die Werbung aus den Märkten treiben.
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Ohne hier in die werbegeschichtlichen Details der teils heftigen
Auseinandersetzungen zwischen Werbewirtschaft und EU-Instanzen einzugehen,
lässt sich rückwärts betrachtet doch zusammenfassend feststellen: Bei vielen
dieser in Brüssel ausgedachten Werbereglementierungen konnten immerhin antimarktwirtschaftliche bis unsinnige Vorstellungen wegdiskutiert und teils über
Jahrzehnte zurückgedrängt werden. Auf drei ausgewählte europäische
Regelwerke einen kurzen Blick:
***Die Richtlinie zur vergleichenden Werbung von 1997. Das wurde damals in
Brüssel als die bedeutende EU-Liberalisierung gefeiert. Damit werde der
Wettbewerb in Europa enorm angekurbelt, und die Konsumenten bekämen
deutlich bessere Vergleichsmöglichkeiten.
Selbst die FAZ jubelte seinerzeit auf der Titelseite "Vergleichende Werbung
erstmals in Deutschland erlaubt". Das war schlecht recherchiert: Schon seit
Jahrzehnten durfte unter Berücksichtigung von bestimmten Kriterien vergleichend
geworben werde - ermöglicht durch Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes
BGH.
Der ZAW hatte die EU-Richtlinie bereits im Entwurf als viel zu kompliziert,
ungenau und an den realen Marktverhältnissen vorbeigedacht bezeichnet. Die
deutsche Regierung argumentierte in Brüssel ebenso, konnte sich aber gegen die
Befürworter-Länder nicht durchsetzen und stand dann schließlich vor der Frage:
Wie gliedern wir die Sache in das deutsche Recht ein? Deutschland stellte
achselzuckend den in der EU-Richtlinie enthaltenen äußerst nebulösen Katalog
von Voraussetzungen für vergleichende Werbung in das Gesetz gegen unlauteren
Wettbewerb UWG. Dort steht er nun und steht und steht.
Vergleichend geworben wird in Deutschland und Europa kaum. Aus den
werbenden Unternehmen hört man: "Rechtlich zuviel Glatteis und
werbepsychologisch zu riskant" Fazit: Brüssel hat weitgehend totes Recht
geschaffen - beratungsresistent am grünen Tisch bürokratischer
Regulierungseiferer.
***Der zweite hier hervorgehobene Regulierungsvorgang aus Brüssel konnte
2009 auf zwanzig Jahre Existenz zurückblicken: 1998 setzte Brüssel die
"Richtlinie über die Fernsehtätigkeit einschließlich Werbung" in Kraft. Durch
einheitliche Mindeststandards sollten fairer Wettbewerb und funktionierender
Binnenmarkt für diese Dienstleistung hergestellt werden. Unter diesem Vorwand
beginnen fast alle Reglementierungen der Europäischen Union. Ich mache es
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kurz: Was als Förderung von TV in Europa und Werbung begann, ist heute ein
monströses Werk der Reglementierung von redaktionellen und werblichen
Inhalten.
Unterdessen ist sie zur Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste"
gewuchert, reglementiert also nicht mehr nur lineare Fernsehangebote, sondern
nun auch sämtliche nicht-linearen Abrufdienste und dort in vielen Punkten
qualitativ und quantitativ die kommerzielle Werbung. Die stark reglementierte
Zulassung von Produktplatzierungen ist nichts weiter als eine Mini-Minireform. Die
Zeitbeschränkungen für Werbeeinblendungen wurden bei der nun vollzogenen
Revision der Richtlinie weitgehend festgezogen, inhaltliche
Werbebeschränkungen nicht aufgehoben, sondern im Zuge des EUGesetzgebungsverfahrens weitere Werbeverbote auf den unterschiedlichen
Bildschirmen erwogen. Immerhin gelang es der deutschen Werbebranche,
Werbeverbote in den Wirtschaftsbereichen Lebensmittel und alkoholhaltige
Markenangebote als nicht zielführend für die Steuerung des Konsums bewusst zu
machen.
***Dritter Sektor ist ein dirigistischer europäischer Rechtsakt mit einem für die
Betroffenen ironischen Titel: "Richtlinie über Werbung und Sponsoring zu Gunsten
von Tabakerzeugnissen", beschlossen im Jahr 2003 - nach 18 Jahren. Es war
faktisch genau das Umgekehrte von Begünstigung: ein fast totales Verbot des
Markenwettbewerbs von Tabakprodukten.
Um es gleich vorweg zu sagen: Es gibt wohl niemanden, dem nicht der
exzessiv-regelmäßigen Konsum zum Beispiel von Zigaretten als
gesundheitsgefährlich bewusst ist. Abgesehen davon, das die Lebensrealität der
Sinnhaftigkeit von Werbeverboten auch für Tabakwaren eindeutig widerspricht:
Wie die EU-Kommission gegen den Markenwettbewerb der Tabakindustrie
vorgegangen ist, liefert ein Lehrstück für den Machtwillen dieser Behörde.
Denn obwohl der juristische Dienst des Kollegiums der Kommissare die
Vertragswidrigkeit eines Totalverbots der Tabakwerbung festgestellt hatte und der
Europäische Gerichtshof EuGH auf Grund der deutschen Regierungsklage das
Projekt durch sein Urteil vom 5. Oktober 2000 wegen mangelnder Zuständigkeit
der EU für Gesundheitsfragen stoppte, vollführte die Kommission eiskalt eine
Pirouette: Nun behauptete sie, durch unterschiedliche rechtliche Regelungen der
Tabakwerbung in den Mitgliedsländern würde der grenzüberschreitende Handel
mit Presseorganen behindert.
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Das war zwar wahrheitswidrig. Dennoch folgte der EuGH dieser
abenteuerlichen Begründung in einem ebenso abenteuerlichen Urteil im Jahr 2002
- zwangsweise in Deutschland als Werbeverbot umgesetzt im Jahr 2006.
V. Projekte der Lenkung von Produktion und Konsum
Die drei Beispiele aus der Historie der europäischen Regulierungsdynamik
lassen ahnen, worum es insbesondere der EU-Kommission geht: um die
Justierung der europäischen Lebenskultur. Noch deutlicher wird diese Zielrichtung
beim Blick auf aktuelle Vorgänge in Bezug auf einige Industrie-Bereiche. Sie
demonstrieren gleichzeitig stellvertretend das Zusammenwirken komplexer
politischer Aktionskreise - unterdessen über Europa hinaus in einem Wechselspiel
mit der globalen Ebene.
1. Alkohol-Industrie
Seit Jahrzehnten versucht die EU-Kommission, die Werbung für die Marken der
Produzenten alkoholhaltiger Getränke weiter abzubauen. Wie beim Tabak geht sie
von einer Art Voodoo-Wirkung der Werbung aus. Die lässt sie sich von einer
extrem einseitig zusammengesetzten Wissenschaftlergruppe bestätigen und
verlangt von der Wirtschaft in dem eigens geschaffenen Gremium 'Forum Alkohol
und Gesundheit' in Brüssel immer weitergehende Werbeselbstbeschränkungen. In
dieser politischen Linie spielen der tatsächlicher Anstieg von Alkoholmissbrauch in
Werbeverbotsländern wie Schweden ebenso keine Rolle wie eindeutige
Verbrauchsrückgänge in werbeliberalen Ländern wie Deutschland - auch und vor
allem bei der Jugend.
Flankiert wird diese Politik durch den Europäischen Wirtschafts- und
Sozialausschuss (EWSA) - ein 344 Personen umfassendes Beratungsgremium
der EU-Instanzen aus vielen gesellschaftlichen Gruppen - Wirtschaftsvertreter sind
dort klar in der Minderheit. Am 6. Oktober 2009 hat dieser Ausschuss eine
Stellungnahme unter dem Titel abgegeben "Eine nachhaltige, dauerhafte und
multisektorale Basis für die EU-Strategie für die Verringerung alkoholbedingter
Schäden".
Die EWSA fordert die Kommission nachdrücklich dazu auf, die 1995 von allen
EU-Staaten angenommene "Europäische Alkoholcharta" der
Weltgesundheitsorganisation WHO anzuerkennen und sich insbesondere den
ethischen Grundsatz zu eigen zu machen, dass alle Kinder und Jugendliche das
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Recht haben, in einer Umwelt aufzuwachsen, in der sie vor den negativen Folgen
des Alkoholkonsums und so weit wie möglich vor Werbung für Alkohol geschützt
werden.
Die WHO wiederum arbeitet zurzeit an einer "Globalen Strategie zur
Bekämpfung des Alkoholmissbrauchs". Im Januar 2010 wird der Exekutivrat der
WHO das Strategiepapier beschließen und dann im Mai 2010 von der
63. Weltgesundheitsversammlung der 190 Mitgliedsländer verabschieden lassen.
Werberestriktionen und Werbeverbote stehen selbstverständlich ganz oben bei
den sogenannten strategischen Maßnahmen gegen Alkoholmissbrauch.
Und da schließt sich der Kreis: Die Länder der Europäischen Union werden in
der WHO - von der EU-Kommission vertreten.
WHO-Empfehlungen entfalten zwar keine rechtlich bindende Wirkung
gegenüber ihren Mitgliedstaaten, üben aber erheblichen Einfluss auf die politische
Willensbildung aus - global, europäisch und national. Der Druck auf die MarktKommunikation der Anbieter alkoholischer Getränke wird also zunehmen.
2. Lebensmittel-Industrie
Fast spiegelbildlich, nur schon im Erosionsprozess weiter, zeigt sich die Lage
für die Werbung der Lebensmittelwirtschaft insgesamt. Verboten ist bereits seit
2007 durch die sogenannte Health Claims Verordnung der EU in einem
Stufenplan die gesundheitsbezogene Lebensmittel-Werbung.
Kern der neuen europäischen Rechtsvorschrift besteht aus einem radikalen
Paradigmenwechsel: Bisher war bei gesundheits- und nährwertbezogener
Werbung alles erlaubt, was nicht irreführend und nicht verboten war. Nun aber
wird alles verboten – es sei denn, ein Unternehmen nimmt sehr viel Geld für
wissenschaftliche Studien in die Hand sowie Fachleute, die den erwünschten
Werbeslogan mindestens ein Jahr durch verschiedene Bürokratiestufen hindurch
behördlich genehmigen lässt - eine Art behördlicher Trichinenstempel aus Brüssel.
Auch nach Verabschiedung der Health Claims Verordnung steht die
Lebensmittelwerbung unverändert im Visier der Generaldirektion Gesundheit und
Verbraucherschutz (DG SANCO). Auf verschiedenen Ebenen versucht die
Behörde, die Werbung für diese Produktgruppe weiter einzuschränken.
Unterstützung enthält sie dabei von den Mitgliedstaaten und der
Weltgesundheitsorganisation (WHO).
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Die bereitet Empfehlungen zum Marketing für Lebensmittel und nichtalkoholische Getränke mit entsprechenden Verbotsideen vor. Die sollen gleichfalls
im Mai 2009 von der Weltgesundheitsversammlung verabschiedet werden - ganz
sicher mit Beifall der am Konferenztisch sitzenden EU-Kommission.
4. Automobil- und Elektro-Industrie
Längst ist auch die Automobilindustrie mit ihrer Werbung ins Visier der EU
geraten. Bereits seit 1999 sind Pflicht-Informationen in der Pkw-Werbung
vorgeschrieben.
So müssen CO2-Emissionen und Kraftstoffverbrauch in Presse-Anzeigen
angegeben werden, wenn für einen bestimmten Fahrzeugtyp geworben wird und
Angaben zur Motorisierung, Hubraum oder Beschleunigung gemacht werden.
Die Kommission plant nun – unter verschärfter Anfeuerung des Europäischen
Parlaments (Davies-Report, Juni 2007) - erweiterte Zwangsangaben, die auf
sämtliche Werbeträger auszudehnen sind.
Es soll ein in der Werbung sichtbares Effizienzklassensystem eingeführt und
nach dem Willen des EU-Parlaments künftig 20 Prozent der Werbefläche für
Pflichtinformationen enteignet werden. Ein Entwurf liegt in der Schublade der EUKommission. Der wurde in der Auto-Absatzkrise noch zurückgehalten, soll aber
demnächst im Schweif des Kopenhagener Umweltgipfels veröffentlicht werden.
Bezeichnend ist, dass viele Beamte in den verantwortlichen
Generaldirektionen, Kabinetten und im Parlament nicht zu interessieren scheint,
ob derartige Maßnahmen geeignet und erforderlich sind, um den Kauf
umweltfreundlicher Autos – das erklärte Ziel der Kommission – tatsächlich zu
erreichen. Es gilt der Grundsatz: Mehr Regulierung hilft mehr.
Darüber hinaus fordert die EU-Kommission zusätzliche freiwillige
Werbebeschränkungen der europäischen Automobilhersteller. Dort geht es nun
nicht um Pflichtangaben, sondern in erster Linie um die Tonalität in
Werbemaßnahmen: Sportlichkeit und Dynamik sollen nach Ansicht von
Kommission und Parlament künftig aus der Autowerbung eliminiert werden.
Politisch erzwungene, nur sogenannte 'freiwillige' Verhaltensregeln sind in
hohem Maß für die Industrie riskant - siehe das Schicksal der Tabakwerbung:
Brüssel nimmt die Scheibe, will aber später die ganze Wurst.
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VI. Marktsteuerung durch EU-Lebensstil-Design
Nun könnte man sich ja auf den Standpunkt stellen: Setzen wir doch einfach
auf den einen Schelm einen zweiten - machen wir aus den EUZwangsinformationen schlagkräftige grüne Verkaufsargumente. Klingt gut,
scheitert aber weitgehend an der Realität nicht nur im Bereich Pkw, sondern auch
bei Elektro-Haushaltsartikel. Warum?
- Natürlich sollten Umweltargumente Teil der Werbung für Produkte sein.
Allerdings ergibt sich da bereits bei der werbenden Anmutung ein Problem.
Nachfolgend ein paar Muster. Sie zeigen den Zwang für Unternehmen, werbende
Elemente neben bürokratisch konstruierte Zwangsangaben zu stellen.
Beim TV-Spot wird sehr deutlich, dass der Lauftext die eigentliche
Werbepräsentation in den Hintergrund rücken lässt. Dadurch wird die
Markenpflege erheblich beeinträchtigt.
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Aus Gesprächen mit betroffenen Unternehmen wissen wir, dass manche
bereits jetzt über den Ausstieg aus solchen Medien nachdenken, die den
staatlichen Zwangsangaben unterliegen. Betriebswirtschaftlich verteuert das die
Markt-Kommunikation und baut bei den Medien weitere Einnahmen aus dem
Werbegeschäft ab - mit allen Konsequenzen für Medien- und Meinungsvielfalt und
dem daraus resultierenden Rückgang auch des Raums für Berichterstattung und
Analyse in Sachen Umweltschutz.
- Auch verbraucherpolitisch sind die von der EU bei Pkw verschärften und
Elektro-Haushaltsgeräten vorgesehenen Zwangsangaben in der Werbung
unüberlegt: Staatlich gewünschte Produktinformationen sollten dort platziert
werden, wo der Kunde sie nachfragt - wie zum Beispiel im Verkaufsraum. Der
Rezeptionsverlauf von Werbung in Massenmedien ist dagegen ein anderer:
nicht rational detailliert, sondern stärker emotional und schnell.
- EU-Zwangsinformationen per Huckepack auf der kommerziellen Werbung
enteignen privatwirtschaftlichen Werberaum. Aus Erfahrung mit den zunächst
kleingedruckten Warnhinweisen in der Werbung der Zigarettenindustrie und den
EU-Zwangsangaben in der Pkw-Werbung resultiert: Einmal etablierte
Pflichtinformationen in der Werbung schaffen immer neue EU-Begehrlichkeiten siehe die stark vergrößerten und inhaltlich extrem dramatisierten Warnhinweisen
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in der Tabakwerbung und die beabsichtigte Verschärfung der EnergieZwangsangaben in der Pkw-Werbung.
- Wenn Werbung aber zunehmend zugunsten von EU-Angaben verdrängt
werden, die den Kauf von Produkten in die von Brüssel gewünschte Richtung
versuchen zu manipulieren, denaturiert Werbung zu Beipackzetteln.
- Die Form der EU-Eingriffe in die Markt-Kommunikation der Unternehmen
haben eindeutig das Ziel der behördlichen Steuerung der Produktion und der
Kundenwünsche: Marken, die nicht der ethischen und technischen EU-Norm
entsprechen, sollen per Selbst-Anprangerung durch Zwangsinformationen ein
schlechtes Image erhalten und auf diese Weise aus dem Markt verschwinden.
Konsumentenwünsche sollen umgebogen werden - in ein EU-Lebensstil-Design.
Nicht mehr der Markt (Angebot und Nachfrage) steuert dann das
Wirtschaftsgeschehen, sondern behördliche Vorstellungen vom Konsum in Europa.
VII. Brüssels "Energischer Umbau der Gesellschaft"
Der Umgang mit der Markt-Kommunikation - sind das nur sektorenspezifische
Vorgänge, oder passen sie logisch in einen generellen Richtungswechsel in
Brüssel?
Die Antwort darauf ist eindeutig:
Die Wirtschaftspolitik der Europäischen Union kommt vom Kurs ab. Die
bisherige klare Ausrichtung auf marktwirtschaftliche Prinzipien droht verloren zu
gehen.4
Als die Vertreter der 27 Mitgliedstaaten am 13. Dezember 2007 ihre Unterschrift
unter den Vertrag von Lissabon setzten, fehlte dort das bisher in den vorherigen
Verträgen enthaltene Ziel des "unverfälschten Wettbewerbs". Es wurde in ein
Protokoll verbannt. Stattdessen tauchen prominent im Vertragstext Ziele auf wie
Vollbeschäftigung, Umweltschutz, sozialer und wissenschaftlicher Fortschritt.
Ordnungspolitische Prinzipien verblassen also. Offenkundig setzt die EU neue
Prioritäten. Diese schleichende Metamorphose hat einen Namen: "EU-Strategie
4
Vgl. Berthold Busch, Zur Wirtschaftsverfassung der Europäischen Union - Grundlagen,
Entwicklungen, Perspektiven, IW-Positionen Nr.31, Köln 2008, Bestellungen unter
www.divkoeln.de.
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für Nachhaltigkeit" - zuletzt neu auf 29 Seiten im Jahr 2006 formuliert und im Jahr
darauf bestätigt.5
Dass es dabei nicht um Peanuts geht, gab die EU-Kommission in einer
Erklärung zur Nachhaltigkeitsstrategie Ende November 2007 schriftlich. Es gehe
um den "energischen Umbau der Gesellschaft", um "Änderung unseren Verhaltens
und unserer Einstellung". Zu beschleunigen sei der Übergang zu CO2-neutralen
Produktions- und Konsumverhalten.6
Bereits im Strategie-Papier hatte die Behörde angekündigt, sie wolle "das
Problembewusstsein der Bürger erhöhen und nicht nachhaltige Gewohnheiten bei
Konsum und Produktion ändern". Zur Durchsetzung ihrer Politik wolle sie
"sämtliche politischen Instrumente nutzen" …und die "geeignetsten
Wirtschaftsinstrumente verwenden."7
Reden wir hier nicht von Panikmache in Sachen Erderwärmung und ihre
Ursachen - ein erdgeschichtlich heftig umstrittenes Thema. Offenkundig aber
macht sich die EU - und an ihrer Spitze die Europäische Kommission - die
mobilisierte Angst der Menschen zunutze. Ein gigantisches
Umerziehungsprogramm von Konsumenten und Produzenten muss her, um eine
Gesellschaft - um Menschen, Medien, Unternehmer - nach Brüsseler Denkmuster
zu modellieren. Marktwirtschaft soll durch "ökologische Industriepolitik" ersetzt
werden und individuelle Konsumentscheidung politisch 'korrekter'
Kaufgewohnheiten weichen.
Da taucht die für überwunden gehaltene Wirtschaftsordnung des Sozialismus
wieder auf - nun aber als Ökologismus: Ebenso wie in der realen Staatswirtschaft
geht es hier um die aktive Rolle des Staates als Lenker von Märkten.
Ist das übertrieben? Fast harmlos noch klingt da die Ende November vom
Europa-Parlament auf Vorschlag der EU-Kommission verabschiedeten
Anweisung, nach der vom Juli 2012 Autoreifen künftig nach ihrer
Umweltfreundlichkeit von A bis G eingestuft werden und ein entsprechendes ÖkoLabel führen müssen. Bewertet werden laut EU Kraftstoffeffizienz, die
Nasshaftung von Reifen sowie das Rollgeräusch. Entsprechende Angaben stehen
5
Überprüfung der EU-Strategie für nachhaltige Entwicklung, Rat der Europäischen Union,
9.6.2006, 10117/06.
6
Vgl. Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung,
http://ec.europa.eu/sustainable/welcome/idea_de.htm.
7
aaO.
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dann nicht nur auf dem Energie-Etikett, sondern müssen auch in
Werbematerialien sowie auf den Internet-Seiten der Hersteller aufgeführt werden.
Doch die EU-Kommission hat noch viel Grundsätzlicheres vor: Sie will für jedes
Produkt Mindeststandards für Umweltschutz und Energieverbrauch zu setzen.
Egal ob Möbel oder Schuhe, Baustoffe oder Reinigungsprodukte, Bäder - was
nicht den Brüsseler Vorgaben entspricht, soll im Markt verboten werden.
In einer zweiten Stufe will die Behörde dann unter den zugelassenen Produkten
die besonders umweltfreundliche und wenig Energie verbrauchende hervorheben.
Sie sollen entsprechen gefördert werden, etwa durch Steueranreize oder
Subventionen. Für die besten zehn Prozent einer Produktkategorie will die
EU-Kommission zudem ein spezielle "Exzellenz-Kennzeichen" einführen.
Man braucht nur einen Finger an der Hand, um abzuzählen, dass diese Politik
des Ökologismus - verquirlt mit neosozilistischen Zügen - die Enteignung von
privatwirtschaftlich finanziertem Werberaum weiter voran treiben wird.
Ein Produktgruppe hat es bereits komplett getroffen: die Glühbirnen. Sie
wurden von der EU per Verordnung verboten und müssen in Zeitstufen durch
Sparlampen ersetzt werden. Kritiker sprechen von einem umweltpolitischen
Eigentor Brüssels, weil die Entsorgung von Sparlampen Umweltprobleme schaffe
und Beleuchtung am Endenergieverbrauch in der EU gerade einmal 1,2 Prozent
ausmache.
In der deutschen Öffentlichkeit sind die Pläne der EU-Kommission entweder
nicht wahrgenommen - oder unmissverständlich kritisiert worden. So überschrieb
das Nachrichtenmagazin Der Spiegel zwei mehrseitige Beiträge mit der Headline
"Gigantische Umerziehung" sowie "Totale Kontrolle".
Die Süddeutsche Zeitung forderte in einem Kommentar "Anreize statt
Ökodiktatur" und kritisierte: Es gehe zu weit, wenn die Kommission vorschreiben
wolle, welche Produkte die Bürger in der Europäischen Union kaufen sollen. Und
die FAZ warnte in einem Leitartikel hervorgehoben "Es mehren sich die
Anzeichen, dass die EU auf dem Weg in die Ökodiktatur ist".
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Unstrittig ist, dass der Europäischen Kommission hohe Anerkennung dafür
gebührt, dass Klimaschutz ganz oben auf der Agenda steht. Die Frage aber ist:
Wie tatenlos lässt Europas Wirtschaft und Bürger diese Konstruktion der
Gesellschaft eines ganzen Kontinents am grünen Tisch von Bürokraten zu?
Über die Ursachen der Klimaveränderung wissen wir sehr wenig. Den
Politikern, die sich täglich als Ärzte präsentieren, geht es nicht anders. Was häufig
politisch plausibel erscheint, erweist sich bei näherem Hinsehen als Simulation
von Realität. Die beruht zumeist auf Hochrechnungen, Spekulation, Prognose und
Inszenierung von Angstkommunikation und Pointierung.
Was dann politisch transportiert wird, ist eine Idee - aber keine Wahrheit.
Sinnstiftung durch Dramatisierung, das ist das Zeitzeichen. In der
Symptombehandlung sind die Politiker Teil der Lösung; in der
Ursachenbekämpfung sind sie Teil des Problems geworden.
Wir können hier nicht das ganze Weltklima-Problem durchdeklinieren. Aber es
gibt einige Fakten, die zumindest vor dem Hintergrund des Ökologismus der
EU-Kommission nachdenkwürdig sind.
■ Beispiel CO2. In Deutschland werden 93 Prozent der Emissionen natürlich
verursacht wie durch Pflanzen, Tiere, Gewässer, Wetter. Nur
7 Prozent sind künstlich erzeugt - davon wiederum durch Kraftwerke
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43,2 Prozent, Industrie, Gewerbe, Handel 24,8 Prozent, Privathaushalte
13 Prozent, Pkw 11,9 Prozent und der übrige Verkehr 7,1 Prozent.
• Seit zehn Jahren ist die Welttemperatur konstant. Wissenschaftler, wie der
Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg, Jochen Marotzke,
rätseln darüber, wie sich dieser Trend erklären lässt.
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• Die Unterschiede der einzelnen Weltregionen sind beträchtlich: Die Arktis
etwa verzeichnet einen Anstieg von fast drei Grad Celsius, was zu einem
dramatischen Abschmelzen des Meereises dort führte. Doch zugleich kühlten sich
weite Gebiete Nordamerikas, im westlichen Pazifik und auf der Arabischen
Halbinsel ab. Europa, also auch Deutschland, liegt weiterhin im leichten PlusBereich.
• Wie das Klima bis 2050 aussehen wird, weiß niemand so genau. Natürliche
Faktoren sind entscheidende Parameter des Klimas auf der Erde -die Strömungen
der Weltmeere mit ihren unterschiedlichen Zyklen, die Aktivitäten der zur Zeit
schwächelnden Sonne plus Einfluss durch Menschen, Pflanzen, Tiere.
• Arrivierte Erdwissenschaftler um Reinhard Hüttl, Leiter des Deutschen
Geoforschungszentrums Potsdam, haben an einer Tagung in Berlin davon
dringend abgeraten, die Klimadebatte auf das CO2-Problem zu reduzieren. Dafür
sei das Klima ein viel zu komplexes System, das in seinen Wechselwirkungen
unzureichend erforscht sei und noch Überraschungen bringen könnte.
Hüttl selbstkritisch: "Wir haben nicht deutlich genug gesagt, das man das Klima
nur als Teilsystem des ständig variablen Systems Erde verstehen kann, das
zudem noch durch extraterrestrische Größen wie solare Strahlung und Orbit
beeinflusst wird".
VIII. Das doppelte Gesicht Europas
Zurück zur politischen Klimaproduktion in Brüssel. Das Fazit führt zur Metapher
des römischen Gottes Ianus: Die Europäische Union zeigt ein doppeltes Gesicht.
Das vorwärts gewandte begeistert durch seine friedensstiftende Wirkung, seinen
Zielen einer Rechts- und Wertegemeinschaft offener Gesellschaften in den
Mitgliedsländern.
Zum Plädoyer für Europa gehört das grundsätzliche Bekenntnis zu einer
europäischen Ordnungspolitik - gleichfalls im Bereich der Werbung.
Keine Frage: Spielregeln im Wettbewerb sind vor allem aus Erfahrung nötig.
Die totale, regellose Freiheit trägt den Kern ihrer eignen Zerstörung in sich. Dies
betrifft auch die Wirtschaft; sie berührt die innerste Substanz der Gesellschaft.
Ohne nationale und grenzüberschreitende Regeln, mit denen die Freiheit des
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Marktes und damit auch der Werbung garantiert werden, verwandelt sich der
Markt in ein Freiheit und Wachstum vernichtendes Chaos.
Nicht jedes Gesetz oder jede Regel aber fördert Freiheit. Sind sie
unverhältnismäßig, bauen sie Freiheit ab. Gibt die Europäische Union ein solches
schlechtes Beispiel?
Die Erfahrungen der deutschen Werbewirtschaft in den zurückliegenden Jahren
und Jahrzehnten sind zu einem großen Teil nicht positiv. Die Europäischen
Institutionen schwanken zwischen Förderung des Wettbewerbs einerseits und
Abbau von Werbefreiheit unter dem Banner des Verbraucherschutzes und
Umweltschutzes andererseits.
Die Kräfte für marktwirtschaftliche Prinzipien sind immer schwächer geworden,
jene der Interventionisten und Dirigisten stärker.
Es gibt in Deutschland unterdessen schwergewichtige Stimmen, bei denen sich
die Sorge um den politischen Trend in Brüssel und dessen Abstrahlung auf die
nationale Politik der Mitgliedsländer widerspiegelt.
- Wernhard Möschel, Professor an der juristischen Fakultät der Universität
Tübingen (Forschungsschwerpunkte Kartellrecht, Wirtschaftsrecht, Bankenrecht).
Der Wissenschaftler konstatiert: Es sei auf EU-Ebene nicht mehr von
Ordnungspolitik, sondern eher von "Unordnungspolitik" zu sprechen: "Sie
behandeln den Verbraucher als betreuungsbedürftigen pathologischen
Schwachkopf, der Rotwein nicht von Weißwein unterscheiden könne."
- Torsten Stein, Direktor des Europainstituts der Universität des Saarlandes,
analysiert in seiner Anmerkung zur gescheiterten Klage Deutschlands gegen die
EU-Tabakwerberichtlinie: "Die EU-Bürger werden eines Tages gewahr werden,
dass sich lange Zeit nach dem absoluten Herrschen eine neue Obrigkeit etabliert,
die wieder entscheiden will, was gut und was schlecht ist für die Untertanen – und
diese Haltung mit Verboten durchsetzt."
- Hans-Jürgen Papier, Präsident des Bundesverfassungsgericht, weist auf den
„ausgedehnten Apparat der Brüsseler EU-Kommission“ hin und warnt: Je mehr
Lebensbereiche durchnormiert werden, desto mehr laufe die Rechtsordnung
Gefahr, allmählich die Eigenverantwortung und Selbstbestimmung zu ersticken, die
sie ja eigentlich sichern soll.
- Zwei andere schwergewichtige Stimmen deuten gleichfalls auf die Zeichen an
der europäischen Wand. Roman Herzog, früherer Bundespräsident und zuvor
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Präsident des Bundesverfassungsgericht, sowie Lüder Gerken, Direktor des
Zentrums für europäische Politik, mahnen: In Brüssel sei eine intransparente
komplexe und verflochtene Mammut-Institution entstanden. Sie ziehe – losgelöst
von Sachproblemen und nationalen Traditionen – immer weitere
Regelungsbereiche und Kompetenzen an sich. So könne es nicht weitergehen.
IX. Was tun?
Angesichts der neosozialistischen Versuchsanordnung, sich die Menschen mit
dem gewünschten politisch 'korrekten' Konsumverhalten zu backen - reichen die
bisherigen Konzepte der Gegenwehr nicht mehr aus.
-
Und da gibt es Versäumnisse. Die Wirtschaft in Europa ist noch viel zu stark
auf die eigene nationale Situation konzentriert, obwohl sich das politische
Machtzentrum nach Brüssel verschoben hat. EU-Mitgliedsländer haben bewusst
Souveränitätsrechte an die europäischen Instanzen abgegeben. Politisch, vor allem
wirtschaftspolitisch, ist zum Beispiel Deutschland eine Region und kein souveräner
Staat der früheren Art mehr.
-
Problematisch aber auch die Appeasement-Politik insbesondere großer
Konzerne. Sie passen sich häufig den Brüsseler Wendungen an, in der Hoffnung,
für ihr Unternehmen unter den gegeben Umständen so viel wie möglich
Schonendes herauszuholen. Dabei verlieren manche von ihnen die Prinzipien der
Marktwirtschaft aus dem Blick - Werbefreiheit wird nachrangig und nicht mehr
nachhaltig als Wesenselement der Wettbewerbswirtschaft verteidigt.
-
Auch fehlt Geld für den solidarischen Kampf um das System der
Marktwirtschaft. Lobby-Arbeit der Verbände, ursprünglich für das nationale Gebiet
ausgestattet, muss nun mit den ähnlichen monetären Mitteln zusätzlich im
anschwellenden Brüssel arbeiten. Die EU - das ist Babylon: 27 Mitgliedstaaten mit
ihren Fachministerien, 785 Vertreter ihrer Völker im Europäischen Parlament,
27 Kommissare mit entsprechenden Generaldirektionen und 25.000 Fachleuten,
über 300 Beratungsgremien der Ministerräte, gegenwärtig 1.350 Expertengruppen
als Zuarbeiter für die EU-Kommission - und dann zu Haus die eigene Regierung, in
Deutschland plus 16 Landesregierungen.
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Hinzu kommt - sagen wir es offen - der in Brüssel grassierende
Verbandsegoismus. In Deutschland haben sich 43 Organisationen der werbenden
Unternehmen; der Medien und Agenturen unter dem Dach des ZAW zum
gemeinsamen Handeln zusammengefunden - gestartet bereits 1949. Warum ist
das nicht auf europäischer Ebene als Aktionsbündnis möglich? Die Antwort:
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Manche Europäische Organisationen der Wirtschaft können oder dürfen sich nicht
freimachen - das eigene Anliegen ist zentriert und nicht das gemeinsame Ganze.
Was tun? Eine detaillierte Auflistung verbietet sich an dieser Stelle. Aber vier
Punkte sind ertragbar:
1. Europas Wirtschaft braucht eine schlagkräftige Allianz - ein Aktionsbündnis
gegen Werbeverbote, für Werbefreiheit und für ökonomisch gesunde Medien. Nur
wenn dieser heterogene Wirtschaftszweig mit einer Stimme spricht, ein
europäisches klares Profil hat, wird er auch in den EU-Instanzen wahrgenommen.
2. Aufzubauen ist ein Bündnissystem der jeweils von Werbeverboten
betroffenen Wirtschafts- und Medienkreise. Droht beispielsweise Werbezensur im
Printbereich, gehören nicht nur die Pressemedien, Markenartikler und Agenturen
an den runden Tisch, sondern auch Fachleute der Industrien Papier,
Druckmaschinen, Chemie, Stahl sowie Journalistenorganisationen und
Gewerkschaften.
3. Ebenso dringend erforderlich ist ein supranationales Netzwerk in die
einzelnen europäischen Länder hinein. Der neue EU-Vertrag lässt
Mehrheitsentscheidungen im Ministerrat zu. Darauf sollte über das
grenzüberschreitende Netzwerk in den jeweiligen Mitgliedsländern und deren
Regierungen der Dialog gesucht werden.
4. Der Wert der Markt-Kommunikation für Wirtschaft und Gesellschaft sollte
systematisch und umfassend auch für Laien verständlich in der Europäischen
Union vermittelt werde.
Es geht in Europa um eine Richtungsentscheidung:
■ Setzt sich das bürokratisch-zentralistische Europaziel durch – mit seiner
allumfassenden Zuständigkeit der EU und ihrem Machtzentrum, der
EU-Kommission?
■ Oder hat das andere Europa-Leitbild doch noch eine Chance? Es orientiert sich
an der seit Jahrhunderten tief verwurzelten kulturellen Vielfalt der Völker in den
Mitgliedstaaten, an der ordnenden Kraft des Marktes, an Freiwilligkeit und
Selbstverantwortung.
Es geht also um Subsidiarität oder Subordination, um das Wettbewerbsmodell oder
um bürokratische Modelle - um eine gelenkte oder um eine offene Gesellschaft.
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Eingriffe in die Werbung müssen deshalb durchdacht sein, das Pro und Kontra
ist zu bilanzieren. Fortschritt ist nur zu haben, wenn Menschen davon wissen. Was
nutzt ein Hybrid-Auto, ein Elektro-Pkw, eine Ultraschall-Zahnbürste oder ein
Cholesterin senkender Brotaufstrich, wenn niemand davon weiß.
Wohlstand kann sich nur halten und entfalten, wenn Wettbewerb blüht.
Lenkungswirtschaften, wie jene der früheren staatsmonopolistischen des
Ostblocks, hatten eindeutige Merkmale: rostende Industrien, ödes, mangelndes
Produktangebot, Einheits-Medien.
Die Alternative ist die Problemlösungsmaschine 'Wettbewerb'. Die funktioniert
mit Produktvielfalt, Innovationen, gesunden Medien als Werbeträger, kreativen
Agenturen, Rechtstreue, Selbstdisziplin in der Markt-Kommunikation - und mit
Werbefreiheit.
Kontakt
Volker Nickel
Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft ZAW
Telefon: (030) 59 00 99 – 715, E-Mail: [email protected]
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