Die Flüchtlingskrise ist der Stresstest für das

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Grenzen des ehrenamtlichen Engagements
„Die Flüchtlingskrise ist der Stresstest
für das Gesundheitswesen“
Das „Wir-schaffen-das“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel, das Deutschlands Tore in der Flüchtlingskrise weit geöffnet hat, hat in den vergangenen Wochen anderen Schlagworten Platz gemacht. Von „gewaltigen Herausforderungen“ ist die Rede und „großen neuen Aufgaben“ für
Deutschland. Auch und gerade die gesundheitliche Versorgung von Flüchtlingen steht dabei im
Fokus. Es gilt, zusätzlich rund eine Million Menschen im deutschen Gesundheitssystem zu versorgen. Eine Aufgabe, die der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Prof. Dr. Lothar H. Wieler,
jetzt als „Stresstest für das Gesundsheitswesen“ bezeichnete.
Der Strom der Flüchtlinge ist im Winter zwar dünner geworden, doch längst nicht abgerissen. Jeder hilft, wie er kann: Wohlfahrtsorganisationen, Unternehmen, Verbände und tausende
Privatpersonen - ohne das ehrenamtliche Engagement vieler
Helfer oder auch nur mit weniger Engagement würde Merkels
„Wir-schaffen-das-System“ vollkommen zusammenbrechen –
gerade im Gesundheitsbereich. Viele Ärzte und Zahnärzte engagieren sich: freiwillig, unentgeltlich, selbstverständlich – und
unbürokratisch. Fast alle Zahnärztekammern bemühen sich,
Lösungen anzubieten: Leitfäden zur Behandlung von Asylsuchenden oder Anamnesebögen in unterschiedlichen Sprachen
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zum Download im Internet sind beispielsweise Maßnahmen,
die Arbeit zu erleichtern. Die Bundeszahnärztekammer hat Piktogramme entwickelt, durch die sich Zahnarzt und Patient
durch Bildsprache verständigen können. Der Freie Verband
Deutscher Zahnärzte (FVDZ) bietet einen Übersetzungsservice
per Telefonhotline an, wenn es kompliziert wird in der Verständigung.
Bürokratie hinkt hinterher
Doch das Murren, wenn es um dieses ehrenamtliche Engagement in der Flüchtlingskrise geht, ist deutlich hörbar. Die Be-
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fürchtungen, dass sich die Politik auf die Freiwilligenarbeit als
Dauerlösung verlässt, ist groß. Denn die deutsche Bürokratie
hinkt hinterher. Die Zahnärztekammer Berlin beispielsweise
wandte sich jüngst an den zuständigen Sozial- und Gesundheitssenator der Stadt, Mario Czaja, und forderte Unterstützung
durch die Politik. „Die Grenzen unseres Engagements sind erreicht: Viele der ehrenamtlich Tätigen arbeiten mangels Versorgungsalternativen für die Flüchtlinge bis weit über ihre physische, psychische und zum Teil auch private finanzielle Belastbarkeit hinaus“, machte Dr. Wolfgang Schmiedel, Präsident der
Zahnärztekammer Berlin, deutlich. „Wir können und wollen
jedoch unsere Tätigkeit nicht als kostengünstige Dauereinrichtung verstanden wissen.“ Der Berliner Gesundheitssenator reagierte mit einiger Verzögerung und sagte im Dezember die Erstattung von Leistungen für noch nicht registrierte Flüchtlinge
zu. Ein Abrechungsprocedere werde besprochen. Kammerpräsident Schmiedel ist erleichtert über den Etappensieg, „dennoch
bleibt auch weiterhin viel zu tun.“
Hunderte Menschen kommen allein in Berlin jeden Tag in die
Erstaufnahmestellen. Zahnarzt Dr. Peter Nachtweh ist von Anfang dabei, wenn es um zahnmedizinische Ersthilfe geht. Seit
gut einem halben Jahr legt er mindestens zwei Mal pro Woche
eine Freiwilligen-Schicht in einer der großen Erstaufnahmeeinrichtungen ein. „Es ist eine gewisse Normalität eingetreten“, sagt
Nachtweh. Und trotz organisatorischem Chaos, das weiterhin
bestehe, auch eine gewisse Entspannung. Viele der registrierten
Asylsuchenden hätten inzwischen zumindest den erforderlichen
Behandlungsschein (grün mit großem Z), um sich zahnärztlich
behandeln zu lassen, wenn eine Behandlungsbedürftigkeit bei
der Erstuntersuchung attestiert wird. Damit sind zumindest
Notfallbehandlungen, die in den Praxen von niedergelassenen
Kollegen stattfinden oder in der Zahnklinik der Charité, abzurechnen. Eine nachhaltige Lösung sei das aber noch lange nicht.
Folgekosten sind in langer Frist höher
Doch gerade diese Notfallbehandlungen werfen weitere Fragen
auf. Welche Behandlung ist die richtige? Geht es wirklich nur
darum, schnell, adhoc Schmerzen zu beseitigen oder nachhaltig zu behandeln – mit der Perspektive, Folgekosten zu vermeiden und zunächst aber teurer zu behandeln. Dies sieht allerdings
das Gesetz nicht vor. „Die meisten Flüchtlinge, die nach
Deutschland kommen, haben auch eine Bleibeperspektive, da
sie aus Kriegsgebieten wie Syrien kommen“, sagt Dr. J. David
Ingleby von der Universität Amsterdam. Der emeritierte Professor widmet sich in seiner Forschung hauptsächlich dem Thema „Migration und Gesundheit“. Bei einem wissenschaftlichen
Symposium zur Gesundheitsversorgung von Asylsuchenden in
Berlin machte er deutlich: „Die Zahlen von Migrationswellen
weltweit zeigen, dass die Folgekosten in der langen Frist immer
höher sind, wenn in der Erstversorgung gespart und die Zugangshürden zum Gesundheitssystem zu hoch sind.“ Anhand
von Zahlen belegte Ingleby, dass die aktuell als Krise erlebte
Flüchtlingssituation in Deutschland nicht zu einer Krise hätte
führen müssen, denn: „Die heutige Krise hat vor fünf Jahren begonnen, jetzt wird das Gesundheitssystem überrannt, doch darauf hätte man auch in Deutschland vorbereitet sein können.“
Im Vergleich zu anderen Ländern in der Europäischen Union,
so geht aus den Studien der European Cooperation in Science
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and Technology hervor, sei das deutsche Gesundheitssystem
ausgesprochen schlecht für Asylsuchende zugänglich – dies mache sich in der aktuellen Lage deutlich bemerkbar. „Auf lange
Sicht werden durch den restriktiven Zugang der Asylsuchenden
zum Gesundheitssystem etwa 1,5 Milliarden Euro verschwendet“, sagte Ingelby.
Krise als Chance zur Strukturveränderung
Dass die gesundheitliche Versorgung von Flüchtlingen neue
Aufgaben für das Gesundheitssystem mit sich bringt, die mit
hoher Priorität behandelt werden müssen, steht für Forscher aus
unterschiedlichen Bereichen außer Frage. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die Deutsche Akademie
der Technikwissenschaften und die Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften haben eine gemeinsame Stellungnahme herausgegeben, um sich des Flüchtlingsproblems anzunehmen. In dieser favorisieren die Akademien „eine medizinische Versorgung in den Erstaufnahmeeinrichtungen durch spezialisierte Polikliniken, in denen die medizinische
Grundausstattung hinsichtlich Diagnostik und Therapie ebenso zur Verfügung steht wie die Versorgung durch Allgemeinärzte ebenso wie durch temporär anwesende Fachärzte sowie medizinische (Fach-)Dolmetscher. Dass dieser Zustand vermutlich
eher Wunsch als Wirklichkeit ist und an der alltäglichen Realität in den Erstaufnahmezentren und Wohnheimen für Flüchtlinge scheitert, wurde bei einer Diskussionsrunde während des
Symposiums deutlich. RKI-Präsident Wieler betonte: „Die
Flüchtlingskrise ist der Stresstest für das Gesundheitswesen, an
dem wir vieles ablesen können.“ Die aktuelle Krise sei auch eine
Chance, Strukturen zu verändern und zu flexibilisieren.
Krisenmanager in der Kritik
Doch es ist offenbar keine Kleinigkeit, bestehende Strukturen
auf den Prüfstand zu stellen. Die Krisenmanager stehen im
Kreuzfeuer: Gegen den Berliner Sozialsenator Czaja wurde
jüngst gar Strafanzeige von einer Gruppe von Anwälten wegen
der chaotischen Zustände am Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales gestellt, wie die Berliner Morgenpost berichtete. Der Vorwurf: Körperverletzung und Nötigung im Amt.
Neben der Zahnärztekammer hatten auch die Ärztekammer
und freiwillige Hilfsorganisationen die katastrophalen Zustände beklagt und dringende Abhilfe gefordert, um eine „menschenwürdige Versorgung“ zu gewährleisten. Auch der oberste
„Krisenmanager“ Bundesinnenminister Thomas de Maizière
geriet im Dezember weiter in die Kritik: Im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) stapeln sich die Asylanträge.
Der Rückstau unbearbeiteter Anträge beträgt Monate. Doch
eine echte Veränderung der Strukturen oder der Arbeitsabläufe geht nur schleppend voran. Immerhin hält der Minister in
der Asylbehörde nun „Wochenendarbeit für möglich und zumutbar“. Es sind auch eben jene komplizierten Verwaltungsstrukturen zur Prüfung von Asylanträgen, die eine schnelle Klärung des Bleibestatus’ von Flüchtlingen unmöglich machen –
und damit auch den regulären Zugang zum deutschen Gesundheitssystem versperren. „Neben den humanitären Gründen
stehen ökonomische Gründe in diesem Punkt durchaus im Vordergrund“, betonte Prof. Dr. Rainer Sauerborn, Leiter des Institute of Public Health des Universitätsklinikums Heidelberg bei
dem Berliner Symposium. „Je restriktiver unser System ist, um
stärker steigen die Kosten pro Flüchtling.“
Sabine Schmitt
Wafaa Alhasan übersetzt die Sprache der Zahnärzte
„Die meisten bedanken sich für die Hilfe“
Seit Mitte November ist die 35-jährige syrische Zahnärztin Wafaa Alhasan für den Freien Verband Deutscher Zahnärzte tätig: Bei Anruf übersetzt sie, was der Zahnarzt seinem arabisch oder
kurdisch sprechenden Patienten sagen möchte – und natürlich auch umgekehrt. So spielt die
Sprachbarriere zwischen beiden keine große Rolle mehr.
Der größte Traum von Wafaa Alhasan ist, wieder in ihre kurdische Heimat in Syrien zurückkehren zu können. In der Stadt
Kamischli direkt an der Grenze zur Türkei hat die junge Frau
die vergangenen Jahre vor ihrer Flucht Anfang 2014 gelebt, war
hier acht Jahre lang selbständig als Zahnärztin tätig. Die Praxis
musste sie aufgeben und lebt jetzt im ostfriesischen Aurich – als
Asylbewerberin, zusammen mit ihrem Ehemann und dem gemeinsamen Kind Sarah Lydia. Das aufgeweckte Mädchen war
auch der eigentlich Grund für die Reise nach Deutschland: Sie
sollte nicht in einen Krieg hineingeboren werden und schon gar
nicht mit Tod, Elend und Bomben aufwachsen. Deshalb reisten
die Alhasans Anfang 2014 aus Syrien aus.
Die Flucht durch die Türkei und die gefährliche Überfahrt
auf einem seeuntüchtigen Schlauchboot blieb dem Ehepaar erspart, auch der Fußmarsch durch die Balkanstaaten. Die beiden
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reisten per Flugzeug in die Bundesrepublik ein. Zunächst ging
es per Linienflug nach Damaskus, dann per Bus nach Beirut,
und von dort dann wieder per Flugzeug über Istanbul im Februar 2014 nach Bremen. Alhasan ist froh, dass die Flucht recht
problemlos war. Denn sie war damals hochschwanger: Am 12.
April wurde im ostfriesischen Aurich ihre Tochter geboren.
Die Verständigung ist problemlos möglich
Dass die kleine Familie überhaupt nach Aurich kam, hat gute
Gründe: Die Eltern von Alhasan leben bereits hier, sind zwei Monate vor ihr in die Kreisstadt gekommen. Ein Bruder wohnt in
Großefehn, nicht weit entfernt von Aurich. Gleichwohl möchte die
35-jährige Kurdin gerne wieder in die Heimat, wenn die Umstände es zulassen, wenn also Frieden herrscht in Syrien. „Ich kann
nicht einfach zurückgehen“, bedauert sie mit Blick auf den Krieg.
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Alhasan ist deshalb froh, in Deutschland zu sein. Und sie würde auch gerne wieder in ihrem erlernten Beruf als Zahnärztin
arbeiten.
Es gebe zwei Möglichkeiten dafür, hat sie in Erfahrung gebracht, „dass ich eine Berufserlaubnis bekomme oder eine Approbation“. Aber beides „ist ein bisschen schwierig, aber ich will
es versuchen“. Und „das braucht seine Zeit“. Die ersten Schritte
hat sie bereits gemacht und seit ihrer Ankunft 2014 die deutsche
Sprache erlernt, den B1- und den B2-Spachkurs erfolgreich absolviert. Sie spricht inzwischen so gut deutsch, dass eine Verständigung problemlos möglich ist.
pien nicht möglich sind. „Wenn es Asylbewerber sind, kann der
Zahnarzt nicht alles machen.“ Gefragt werde manchmal, ob es
möglich sei, „Implantate, eine Brücke oder eine Prothese zu bekommen“ – hier muss Alhasan dann übersetzen, das sei nur
möglich, wenn er es selber bezahle, „denn er ist in Deutschland
nicht versichert“, sagt sie.
Gleichwohl macht ihr der Übersetzungsdienst Spaß. Und die
Patienten und Zahnärzte, die „sind zufrieden. Sie meisten bedanken sich für die Hilfe.“
Alex Siemer, freier Journalist
Von der Theorie her ist die Zahnheilkunde gleich
Bestimmte Behandlungen sind nicht möglich
Bisher ging es stets um Asylbewerber, die sich in einer Zahnarztpraxis nicht verständigen konnten. Übersetzen musste Alhasan dann deren Angaben zu Schmerzen und vom Zahnarzt
dessen Behandlungsvorschläge. Übersetzen muss sie aber auch
häufig, dass und warum bestimmte Behandlungen und Thera-
© Alex Siemer
In mehreren deutschen Zahnarztpraxen hat Alhasan in den vergangenen Monaten Praktika absolviert und dabei die Unterschiede zwischen deutscher und syrischer Zahnheilkunde erfahren. Diese liegen vor allem in der technischen Ausstattung.
„Ich kannte die meisten Geräte schon“, sagt sie. Aber zum Einsatz kamen davon in Syrien die wenigsten. „Das liegt vielleicht
an der Ökonomie“, ist die Erklärung der Zahnärztin. „In Syrien
gibt es keine Krankenkassen, die Patienten müssen immer selber bezahlen. Das fällt ihnen manchmal schwer, sie können
nicht so viel Geld bezahlen, und deshalb war es schwierig, so
viele und so teure Geräte in der Praxis zu haben. Aber von der
Theorie her ist die Zahnheilkunde in Syrien und Deutschland
gleich.“
Dass sie die Behandlungsweisen in deutschen und syrischen
Zahnarztpraxen kennt, kommt ihr derzeit bei einem Projekt des
Freien Verbandes Deutscher Zahnärzte (FVDZ) für seine Mitglieder zugute: Wafaa Alhasan ist die nette Stimme, die sich
meldet, wenn deutsche Zahnärzte die Übersetzungshotline anrufen: 0228-855788 ist die Nummer, und der Anruf wird automatisch nach Aurich durchgestellt, ins Wohnzimmer der Syrerin. Von Montag bis Freitag jeweils von 9 bis 12.30 Uhr ist die
35-Jährige erreichbar und steht Zahnärzten wie deren Patienten
als Sprachmittlerin zur Verfügung. Arabisch und viele seiner
Dialekte versteht sie ebenso wie kurdisch, ihre Muttersprache.
Übersetzungshotline
Wafaa Alhasan ist die nette Stimme, die sich montags bis freitags von
9 bis 12.30 Uhr unter 0228-855788 meldet und bei Verständigungsschwierigkeiten zwischen deutschen und arabisch- oder kurdischsprechenden Patienten als Übersetzerin tätig ist.
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