1921-Geologische Herbstfahrt am Calanda

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Untervazer Burgenverein Untervaz
Texte zur Dorfgeschichte
von Untervaz
1921
Geologische Herbstfahrt am Calanda
Email: [email protected]. Weitere Texte zur Dorfgeschichte sind im Internet unter
http://www.burgenverein-untervaz.ch/dorfgeschichte erhältlich. Beilagen der Jahresberichte „Anno Domini“ unter
http://www.burgenverein-untervaz.ch/annodomini.
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1921
St. Galler Tagblatt
St. Galler Tagblatt, 1921. Nr. 277, 281, 283, 284. (25. Nov. bis 3. Dez. 1921)
Geologische Herbstfahrt am Calanda
Herbstfahrt am Calanda
von A. L.
I.
Der mächtige Grenzberg zwischen St. Gallen und Graubünden ragte zur Eiszeit noch
beträchtlich über den Rheingletscher empor. Fr. von Salis erwähnt im Jahrbuch 1874
des Schweizer Alpenklubs erratische Puntegliasgranite und andere kristallinisch
Gesteine des Bündner Oberlandes am Calanda in 2040 m Höhe und lässt die eiszeitliche
Gletscheroberfläche bis in 2100 m Höhe reichen, Favre zeichnet das oberste Erratikum
in 2070 m Höhe ein. Dass diese Zahlen sehr hoch erscheinen, habe ich schon früher an
anderer Stelle angedeutet, aber erst in den sonnigen Oktobertagen 1920 gelangte ich zu
eigener Nachschau. Im untersten Teil der dem Churer Rheintal zugekehrten Bergseite
ist das Erratikum sehr spärlich, es ist hier durch die nachzeitliche Abwaschung
grösstenteils schon entfernt worden. Hat man indessen auf sehr bequemen Wege die von
der Haldensteineralp bis zum Putschstein am Rhein herabziehende Felswand durch eine
natürliche Bresche westlich der Burgruine Liechtenstein überwunden, so treten die
Findlinge häufiger auf und in der Gegen von Sasserdont sind in der Höhenregion von
1000 bis 1200 m Granit- und Dioritblöcke auffallend zahlreich, seltener ist der
Verrucano. Höher oben wird das Erratikum allmählich spärlicher, reicht aber doch noch
beträchtlich über das Sommerdörfchen Patänia (1463 m) empor. In der oberen Region
ist, im Gegensatz zu der Region von Sasserdont, der Verrucano des Bündner
Oberlandes (Ilanzergestein) relativ häufiger. In 1800 m Höhe und darüber traf ich
überhaupt keine Findlinge mehr, ihr Fehlen in einer neuerstellten Alpmauer, die ich
ihrer ganzen Länge nach verfolgte, fiel mir besonders auf. Stets etwas über dem
obersten Waldsaum in 1900 - 2000 m Höhe mich haltend, schritt ich von der Vazeralp
hinüber zum obern Säss der Haldensteineralp, ohne irgend eine Spur von ortsfremdem
Erratikum zu finden. Was am Ausgang des Vorder- Mittler- und Hintertales an Moränen
noch etwa vorhanden ist, rührt nicht mehr vom hocheiszeitlichen Rheingletscher,
sondern von Lokalgletschern des Calanda zur Zeit der Rückzugsstadien her.
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Um nichts zu versäumen, besuchte ich auch noch die nahe Klubhütte (2080 m). Der
Berg hatte an diesem Sonntag (17. Oktober) etwa ein Dutzend Besucher erhalten, der
Hüttenwart und ein Tourist waren noch anwesend. In dem harten Kampfe zwischen den
beiden sich ausschliessenden Wünschen nach Besteigung des Gipfels und nach
Fortsetzung meiner Nachsuche siegte schliesslich das Pflichtgefühl, ich trat die leichte,
aber ziemlich zeitraubende Wanderung über die weitgedehnte Terrasse nach dem
Taminserälpli an. "Geissberger", wie das Volk die kristallinischen Silikatgesteine
(Granit, Diorit, Syenit, Gneis, Glimmerschiefer usw.) nennt, traf ich nirgends, auch
keinen Verrucano, selbst nicht in den Hüttenmauern des Taminserälpli (1993 m). Für
Mastrilser-, Vazer-, Haldensteiner- und Felsbergeralp kann eingewendet werden,
Lokalgletscher der Rückzugsstadien hätten die Urgebirgsblöcke weggeschafft. Für das
Taminserälpli trifft dies kaum zu, da hier der Gipfelkamm beträchtlich niedriger ist.
Wenn also auch auf dieser für die Erhaltung des Erratikums günstigen Alpfläche die
fremden Gesteine fehlen, so müsste man die von Salis und Favre angegebenen hohen
Zahlen für unzutreffend halten. Aber ein sicheres, abschliessendes Urteil lässt sich
durch einmalige Begehung bei knapper Zeit nicht gewinnen.
Beim Abstieg vom Taminserälpli nach dem Kunkelspass traf ich den obersten kleinen
Findling, einen wenig charakteristischen schiefrigen Verrucano in 1800 m Höhe. Es ist
ohne weiteres zuzugeben, dass der Rheingletscher noch etwas höher gereicht haben
mag. Weiter unten traf ich noch einen unzweifelhaften grünlichen Verrucano, im
übrigen aber ist das Erratikum hier äusserst spärlich, was bei der starken Neigung des
von felsigen Runsen durchzogenen Hanges nicht verwunderlich erscheint. Der Abstieg
nach dem Kunkelspass ist steil, der Weg zwar gut, aber ein wahrer Kniebrecher, für
jüngere Beine einladend zu raschem Abspringen. Mein Versuch, jugendliche Elastizität
vorzuspiegeln, misslingt jedoch kläglich. Ich wollte am gleichen Abend noch nach St.
Gallen, daher schlug ich, einmal auf das prächtige Taminsersträsschen gelangt, wieder
Laufschritt an. Aber ich bringe es nicht übers Herz, im Tunnel an den Felsenfenstern
vorbeizurennen, die so herrliche Ausblicke auf die wilden Zacken, Wände und
Schluchten auf das seltsame Trockental und Plateau von Girsch und ins Rheintal hinab
gewähren. Das Gestein ist oberer Jura (Malm, Hochgebirgskalk). Eine tüchtige
Zugsverspätung hoffnungsvoll in Rechnung setzend, widme ich dem merkwürdigen,
durch den Trümmerwall von Rascheu vom Haupttale abgeschlossenen Becken von
Girsch nicht mehr die verdiente Aufmerksamkeit und eile möglichst rasch nach
Reichenau. Der Zug ist indessen schon weg und ich gelange an diesem Abend nur noch
bis Chur. Bedauerte ich es, die interessante Strecke Kunkelspass-Reichenau nicht mit
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mehr Musse begangen zu haben, so freute mich der Tag dennoch, ganz besonders die
Wanderung über die hohe, aussichtsreiche Alpterrasse, die wohl jedem Besucher einen
bleibenden Eindruck hinterlässt. Von der Mastrilseralp bis zum Taminserälpli kann man
das stundenlang sozusagen auf der gleichen Höhenkurve wandern, wobei sich die
Aussicht langsam, aber stetig ändert und als Schlusseffekt endlich die Vereinigung der
beiden Rheine und deren reizvolle Umgebung bietet. Die Terrasse bricht im Nordosten,
wie im Südwesten, steil ab, von der Mastrilseralp gegen den Hintergrund von Val
Cosenz und vom Taminserälpli nach dem Kunkelspass und dem Rheintal. Auch auf der
Südostseite ist der Längsabbruch gegen die obere Waldregion meistens steil, teilweise
felsig, Es ist eine wunderbare, einheitliche Geländeform und das ganze schwierige
Problem der Terrassen in den Alpentälern drängt sich hier mit Macht auf Die
Calandaterrasse nimmt etwa die Höhenregion von 1950-2050 m Höhe ein, sie ist nicht
ganz flach, sondern etwas geneigt und die Neigung stimmt auf grössere Strecken
annähernd mit dem Schichtfallen überein, das hier weniger steil ist, als in den unteren
Partien des Berges. Aber die Terrasse als Ganzes schneidet sowohl den oberen Jura, als
die Kreide und kann darum nicht eine reine Schicht- oder Verwitterungsterrasse sein.
Ausgedehnte Terrassen können ferner entstehen durch seitliche Verschmelzung
mehrerer Karmulden, indem die trennenden Gratrücken abgetragen werden. Aber die
Karbildung ist am Calanda entsprechend der sehr verschiedenen Kammhöhe auch sehr
ungleich entwickelt und hätte schwerlich jemals eine so einheitliche Terrasse erzeugen
können. Verfechter der Lehre von der Glazialerosion betrachten solche ausgedehnte
Terrassen als sogenannte "Schliffkehlen" oder "Schliffborde" und schreiben ihre
Entstehung hauptsächlich der abtragenden Tätigkeit der eiszeitlichen Gletscher zu. Die
Gletschererosion ist jedoch eine sehr umstrittene Behauptung und ob die
Calandaterrasse jemals für längere Zeit vom Gletscher überschritten wurde, ist fraglich.
Gerade aus diesem Grunde wünschte ich die Suche nach Erratikum fortzusetzen.
Mit ganz ungewöhnlichem Nachdruck drängt sich am Calanda die Deutung der Terrasse
als Rest eines alten, sehr breiten Talbodens auf. Wohl wird die bekannte Heim'sche
Theorie hart angefochten, aber das letzte Wort in dieser schwierigen Frage ist noch
lange nicht gesprochen. Man mag vom Calanda über Salaz und Kaminspitz
hinabblicken bis zum Gonzen und dann hinüber auf die linke Seite des Taminatales,
oder zum Höhenzug zwischen Rheintal und Valzeina oder weiter talaufwärts zum
Dreibündenstein und zum Heinzenberg und zur Alp Mora oberhalb Trins, überall wird
man nicht nur Plateauflächen, sondern auch merkwürdig erniedrigte Gratrücken finden,
die sich in das Niveau eines der Calandaterrasse entsprechenden, ausserordentlich
breiten alten Talbodens einreihen lassen.
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Die schon seit manchen Jahre sehnlich gewünschte, aber immer wieder für die alten
Tage aufgeschobene, Besteigung des Calandagipfels brachten mir endlich die Feiertage
vom 31. Oktober und 1. November. Zwei ältere und zwei jünger Schweizerische
Alpenklub-Mitglieder von St. Gallen entrinnen bei Sargans dem verwünschten Nebel
und freuen sich über die im herrlichsten Sonnenglanze prangende Gebirgswelt des St.
Galler Oberlandes und des bündnerischen Rheintales. Von Haldenstein wählen wir
diesmal den üblichen, weit nach links ausholenden Aufstieg über Nesselboden. Es lohnt
sich im Jahrbuch 1888 des Schweizerischen Alpenklubs den ansprechenden Aufsatz
von C. Brüsch über Haldenstein nachzulesen. Man erfährt da manches au der recht
interessanten Geschichte des Dorfes, des noch immer stattlichen Schlosses und der
heute als malerische Ruinen die Ortschaft überragenden Burgen Haldenstein und
Liechtenstein, vom Freiherrn Ulrich von Haldenstein, der in der Schlacht bei Näfels
angeblich mit einem Schabzieger erschlagen wurde, bis zum Aufblühen des von Martin
Planta und Nesemann geleiteten Philanthropins und bis in die neuere Zeit. Martin
Planta, eine bedeutende, auch im Auslande gewürdigte Persönlichkeit, Erfinder der
Scheiben-Elektrisiermaschine, erstattete 1766 der Helvetischen Gesellschaft in
Schinznach über die weithin berühmte Haldensteiner Bildungsanstalt und die
Selbstregierung ihrer Schüler - alles schon dagewesen - einen interessanten Bericht.
1771 wurde das Institut nach Marschlins verlegt und dort 1777 durch den berüchtigten
Theologen Bahrt ruiniert.
Liechtenstein, angeblich die Stammburg der Fürsten von Liechtenstein, ist immer noch
eine stattliche Ruine. Aber auch die Ruine Haldenstein, hinter welcher unser Weg
durchführt, ist viel ansehnlicher, als sie vom Tale aus erschein, sie zählte einst sieben
Stockwerke und fällt namentlich durch ihren dreikantigen Turm auf. In der über dem
heissen und trockenen Hang einsetzenden Waldregion dominiert die Föhre mit
beigemischten Lärchen. Dir Churerseite des Calanda wird oft langweilig genannt. Ich
vermag einen Weg, der so herrliche, stets grandioser werdende Tiefblicke auf ein
mächtiges, reich besiedeltes Tal bietet, niemals langweilig zu finden. Zudem ist der
breite Weg vortrefflich angelegt, ohne Gegensteigungen und tote Strecken und wird
durch mehrere Waldlichtungen angenehm in Etappen zerlegt. Arella (988 m) ist reich an
erratischen Gesteinen. Ähnlich wie bei Sasserdont schienen mir auch hier die Findlinge,
hauptsächlich Granit und Diorite, in der Region von 1000 bis 1200 m besonders häufig
zu sein und ähnlich wie dort ist namentlich der Puntegliasgranit in zahlreichen
prächtigen Blöcken vorhanden, jenes allbekannte, für den Rheingletscher
charakteristische Leitgestein, von welchem auch beim St. Galler Museum einige Blöcke
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liegen. Auch schöne Gletscherschliffe auf dem anstehenden Malmkalk sind nicht
selben. Gegen den Nesselboden (1390 m) hin tritt an die Stelle der Föhre allmählich die
Rottanne. Der Holztransport erfolgt hier auf zweiräderigen Einspännerkarren, wobei das
Ende der schweren Stämme dem Boden nach schleift. Bei weniger gut angelegtem Weg
wäre diese Art von Transport unmöglich, auch so muss an flacheren Stellen durch rasch
untergelegtes Rundholz nachgeholfen werden. Starke Pferde und die volle
Aufmerksamkeit und Geistesgegenwart des Fuhrmannes sind erforderlich und mancher
Sportsmann würde grosse Augen machen, wenn er dieser Arbeit anhaltend obliegen
sollte.
II.
Als fast reines Kalkgebirge ist der Calanda eher arm an Wasser, immerhin trifft man
solches mehrmals am Wege. Fontanuglia mit dem klangvollen Namen und dem
köstlichen Brunnen ist eine reizende Waldlichtung, umsäumt von frohmütigen Lärchen
und dunklen Tannen, einladend zu wohltuender Rast. Freund Federer verschafft uns
durch eine photographische Aufnahme ein wohlgelungenes Andenken an die liebliche
Stätte. Ganz originell ist der Blick hinüber zum Westabfall der Hochwandkette. Da reiht
sich scheinbar Spitze an Spitze, Pyramide an Pyramide, es sind aber nur die
Gratvorsprünge zwischen den vielen Verzweigungen der riesigen, tief ins
Schiefergebirge hineingreifenden Tobel, von denen das Scaläratobel als Reservation für
die Geister der Churer Bürger besonders bekannt ist. Der bedeutenden Erosionstätigkeit
jener Wildbäche entsprechen auch die mächtigen Schuttkegel von Masans bis Zizers
und Igis. Chur selbst und seine Umgebung liegt auf dem noch ausgedehnteren, aber
flacheren Schuttkegel der Plessur. Es ist schon recht lange her, seit wir auf dem
Rossboden und den Rüfen zwischen Masans und Trimmis umherstampften, aber noch
erinnern wir uns gelegentlich jenes alten Instruktors, der zu sagen pflegte: "Der Soldat
muss stolz sein wie der T…., und wenn er keinen roten Rappen im Sack hat." Und auch
jene Feldpredigt bleibt uns unvergesslich, die von der edlen Römerin Cornelia
hinüberleitete zu der Mutter Rhätia und dieser auf die Frage nach ihren Kleinodien ein
ähnliche Antwort nahelegte, die jedoch ausblieb, weil der sonst sehr tüchtige Redner für
einen Moment den Faden verlor, so dass wir im Zweifel waren, ob es unserem
Seelsorger im letzten Augenblicke doch zu bedenklich vorgekommen sei, uns mit den
hoffnungsvollen jungen Gracchen zu vergleichen.
Über die Ecke am Bärenhag, wo sich ein herrlicher Blick auf den bisher verborgenen
nördlichen Teil der Bergseite auftut, treten wir in die oberste lichte Waldregion, in
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welcher durchaus die Lärche vorherrscht. Die Waldgrenze liegt am Calanda in ungefähr
1950 m Höhe, vereinzelte Exemplare mögen noch etwas höher hinauf gehen. Die
Waldgrenze riecht also hier wohl hundert Meter höher, als im benachbarten
Vorderprättigau. Dagegen trägt das Kalkgestein des Calanda, obwohl auch hier
stattliche Bäume nicht fehlen, doch nicht so prachtvoll hochstämmigen Nadelwald, wie
die Schieferberge des Prättigaus, wo die Verwitterung eine natürliche Düngung bewirkt.
Nach Mitteilung von Prof. Schröter findet sich bei Saas im Prättigau in 1100 m Höhe
die Stelle, die das grösste Wachstum und die stärkste jährliche Holzzunahme in der
ganzen Schweiz aufweist, von hier stammte auch jene 61 m hohe Prachtsfichte, die an
der Landesausstellung in Bern zu sehen war. Am Calanda sind die Stämme kürzer,
gedrungener, mir fiel der Unterschied besonders deswegen auf, weil ich kurz vorher
einige Tage in den weitverzweigten, waldreichen Tobeln hinter Seewis zugebracht
hatte.
Aus der obersten Waldregion treten wir auf den Obersäss der Haldensteineralp und
erreichen bald die neu prächtige Klubhütte in 2080 m Höhe. Während des Aufstieges
waren uns an die 30 Personen begegnet, der Besuch des Berges hat überhaupt seit dem
Bau der ersten Klubhütte mächtig zugenommen. Wohl wurde der Calanda schon vorher
öfters bestiegen, aber man musste die Tour entweder vom Tale aus in einem Tage
ausführen oder in der Haldensteineralp übernachten. Bei der sehr bedeutenden relativen
Erhebung - von der Haldensteiner Rheinbrücke bis auf den 2808 m hohen Gipfel sind es
nicht weniger al 2250 m - sollte niemand im Ernste die Notwendigkeit der Klubhütte
bezweifeln. Der Calanda gehört zu den nicht zahlreichen Bergen, über deren Besteigung
schon aus dem 16. Jahrhundert sicher Kunde vorliegt. Joh. Fabrizius Montanus, Pfarrer
zu St. Martin in Chur, Joh. Pontisella, Moderator an der Nicolaischule und der Arzt
Zach. Beeli erstiegen ihn im Juni 1559 zu botanischen Zwecken. Schade, dass zur
Ehrenrettung der Fakultät nicht auch ein Jurist dabei war. Die gesammelten Pflanzen
wurden dem bekannten Zürcher Naturforscher Conrad Gesner übersandt, dem
hochverdienten "Deutschen Plinius", der im Anhang zu einer Schrift botanischen Inhalts
auch den Reisebericht der Churer veröffentlichte. In der neueren Literatur ist der
Calanda reich berücksichtigt. Prof. Theobald hat ihm neben wissenschaftlichen
Abhandlungen auch in seinem nie veraltenden Werke "Naturbilder aus den rätischen
Alpen" ein schönes Kapital gewidmet, die neueste, von Prof. Tarnuzzer bearbeitet und
besonders in geologischer Hinsicht ergänzte Auflage ist kürzlich erschienen. Von dem
grossen Serienwerk "Beiträge zur geologischen Karte der Schweiz" befassen sich zwei
Lieferungen, verfasst von Piperoff 1897 und von Blumental 1912 mit dem Calanda.
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Im ersten Bande des Klubführers durch die Bündneralpen hat F. W. Sprecher in Vättis
dass Calandagebiet touristisch erschöpfend und mit Beigabe von trefflichen Skizzen
und willkommenen geologischen Notizen behandelt. Den Fahrtbericht eines
begeisterten St. Galler Bergfreundes, des verstorbenen Pfarrers E. Brändli, über ein
Calandatour mit Aufstieg von Vättis und Abstieg nach Untervaz, veröffentlicht im
Jahrbuch des Schweizer Alpenklubs, wird man auch heute noch gerne nachlesen.
Die Calandahütte gehört zu den schönsten und besteingerichteten Bauten des Schweizer
Alpenklubs, in der Kühle des Abends würdigen wir namentlich auch den wärmenden
Kachelofen mit dem behaglichen Bänklein. Beim Austausch von allerlei Erinnerungen
aus den Bergen verlief der Abend sehr gemütlich. Das Wetter aber hatte sich bedrohlich
verschlimmert und wir machten uns gefasst, am Morgen im Schnee zu stehen. So
schlimm kam es nicht, aber ein sturmartiger Wind gestattet am 1. November den
Aufbruch erst gegen 9 Uhr. Bei so vorgerückter Stunde muss Freund Lenherr, der schon
am Nachmittag in St. Gallen bestimmt erwartet wird, leider auf den Gipfel verzichten
und eilt in mächtigen Sprüngen hinab nach Haldenstein, wir andern wählen ohne jeden
sportlichen Ehrgeiz, den der immer noch sehr starke Wind ohnehin gedämpft hätte, die
übliche leichte Route und stehen nach einem schwachen Viertelstündchen bei den
Ruinen der alten, von einer Lawine zerstörten Hütte, wo sich zugleich die etwas
entlegene Wasserstelle für den Neubau befindet. Das Tälchen wird von einem
hübschen, kecken Gipfelchen überragt, dem Teufelskirchli (24568 m). Bedeutend höher
erhebt sich der Felsberger Calanda (2700 m), dessen uns gegenüberliegende Wände im
tieferen Teil aus weiss-schimmerndem Malmkalk bestehen, während Rücken und Spitze
mit ihrem mehr gelbbraun anwitternden Gestein den untersten Kreidestufen angehören.
Überall, wo am Calanda der Malmkalk in grösseren Partien entblösst ist, leuchten die
Felsen, namentlich die Schichtflächen, so hell, dass man beim Anblick aus grösserer
Entfernung an Firn und Gletscher zu glauben versucht ist. Die ganze Ostseite des
Calanda war in diesem Spätherbst noch völlig schneefrei, der hohen Waldgrenze
entspricht auch eine hohe Schneegrenze, es liegen diese beiden Linien in den Alpen
stets um etwa 800 m Höhe auseinander und es fällt daher unsere Bergseite völlig aus der
Schneeregion, nasskalte Sommer ausgenommen, kann sich der Schnee selbst an solchen
Stellen nicht halten, wo Wind und Lawinen ihn anzuhäufen vermögen. Die von uns
eingeschlagenen Variante über den weithin sich abhebenden breiten Rücken mündet
weiter oben wieder in den von der Hütte bis zum Gipfel nicht zu verfehlenden
deutlichen Pfad. Freund Wüest und zwei junge wackere Studenten, die die eben
bestandene Maturitätsprüfung durch eine Calandabesteigung würdig feiern,
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stürmen voraus, die beiden Senioren folgen bedächtiger und zwei Stunden nach
Verlassen der Hütte stehen wir alle bei dem mächtigen Steinmann des Gipfels. Die
grösste Überraschung während des Aufstieges ist der beim Betreten des Gratrückens
oberhalb Punkt 2640 sich öffnende grandiose Blick auf das Taminatal.
III.
Der Calanda ist ein Aussichtswarte ersten Ranges, im Talblick dürfte er im ganzen
Alpengebirge nur wenige Nebenbuhler haben. Es will doch etwas heissen, die gewaltige
Talflucht des Rheines von den Quellen am Badus weg bis zu dem zu einem grossen Teil
noch sichtbaren Bodensee zu überblicken. So lehrreich auch der Blick in die übrigen
Bündnertäler ist, hinein ins Prättigau und Schanfigg, über die Lenzerheide ins
Oberhalbstein, das Stammtal des alten abgelenkten Ostrheines, in die Täler von Schams,
Avers und Rheinwald, Safien und Lugnez - immer wieder ruht das Auge auf dem
Rheintal und seinem rassigen Gegenstück, dem Taminatal. Die Erosion hat hier einen
Riesenschnitt durch die Sedimentdecke hinabgeführt bis auf die alten Gesteine des nach
Osten untertauchenden Aarmassivs, das bei Vättis zum letztenmal zutage tritt. "Grusam
wild und laid" hörte ich einst einen Bauer aus dem Prättigau das von ihm zufällig
einmal besuchte Taminatal nennen. Das ist der Standpunkt der einheimischen
Alpenbevölkerung und das war auch das Urteil vergangener Jahrhunderte, denn der
"Alpensinn", der an Stelle obigen Ausspruches eine fast überschwängliche Fülle
schmückender Beiwörter setzen würde, ist ein Errungenschaft der neueren Zeit.
Übrigens hat das Volk selbst ein Wort geprägt, das auch der heutigen Anschauung
gerecht wird. "Recht laid ist au hübsch" tönt nicht übel, selbst im Hinblick auf manche
moderne Malerei. Item, das Taminatal ist neben dem Rheintal die Glanzpartie der
Aussicht und gerade vermöge ihres Kontrastes tauchen beide stets gleichzeitig in der
Erinnerung auf. Zu einer wirklich malerischen Gebirgsgruppe und diese Rolle
übernimmt hier die wuchtige, von eleganter Spitze gekrönte Masse des Ringelgebirges.
In ungewohnter Gruppierung zeigen sich die Grauen Hörner, vielgestaltig in ihren
Gipfel- und Gratformen, je nachdem diese noch im überschobenen Verrucano oder im
unterlagernden Flysch liegen oder gerade noch das trennende Kalk- und Dolomitband
erreichen. Alvier, Säntis und Drei Schwestern nehmen sich dank ihrer beträchtlichen
relativen Höhe immer noch ganz stattlich aus. Und da unten macht sich auch der "kleine
Gernegross" wichtig, der Fläscherberg! Glazialerosiv wäre er wie Prof. Heim so
köstlich sagt, eigentlich "unerlaubt", denn noch 600 hoch ging das Eis des
Rheingletschers über seinen Gipfel weg, allermindestens müsste er ein ausgeprägter
Rundling sein, Davon ist aber keine Rede, der Fläscherberg streckt seine Felsenmasse
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ebenso kühn in die Lüfte, wie Gauschla und Alvier, die niemals vom Eise überflossen
waren. Einen wunderbaren, geradezu ergreifenden Anblick bietet der Rhätikon. Seine
schroffen Grenzmauern mit dem hellen Gestein und den edeln Kammlinien überragen
hoch das sanftere, bis auf die Gipfel mit Rasen bekleidete Schiefergebirge des
Prättigaus. Sehr günstig präsentiert sich auch die reich vergletscherte Silvrettagruppe,
ihre stolzen, markigen Gipfelpyramiden verraten die kristallinischen Schiefer, Gneis
und Hornblendegesteine. Die Fernsicht vom Calanda ist gewaltig, sie reicht bis zum
Finsteraarhorn, Dom und Monte Rosa, Monte della Disgrazia und Piz Bernina, Ortler
und den nördlichen Oetztalerbergen und den Algäuer-Alpen. Im Norden dringt der
Blick an zwei getrennten Stellen weit über den Bodensee hinaus. Das Panorama,
aufgenommen von Prof. Jenny in Chur, ist dem Jahrbuch 1899 des Schweizer
Alpenklubs beigegeben. Westen und Südwesten waren uns durch Nebel verdeckt, es
blieb auch so noch des Herrlichen genug. Mancher Gipfel im nähern und weitern
Umkreis weckt die Erinnerung an vergangene Tage, an Jugendkameraden, wie an
spätere Freunde und Genossen auf Bergfahrten und wenn ich zurückdenke, wie das
Schicksal auf die mannigfachste Weise fürchterliche Musterung unter uns gehalten hat
und wie mancher schon in kühler Erde ruht, will mich Wehmut beschleiche. "Ach das
Leben ist voll Hader und schlägt viel unnütze Wunden", sagt Scheffel, der Humorist
und doch Pessimist. Für heute aber weg mit Gram und Grillen! Freuen wir uns vielmehr
vor dem langen Winter und nach dem bedenklichen Regensommer noch einmal des
Aufenthaltes auf sonniger Höhe.
Dass das Gipfelgestein des Calanda "versteckt schiefrig" ist hat schon der alte Bernhard
Studer bemerkt und man verspürt es, wenn man ein Handstück zurechtschlagen will. Es
ist Schrattenkalk, aber schon merklich verschieden von dem gleichalterigen Gestein des
Alvier-, Churfirsten-, Säntisgebietes. Auch die als "Kamin" bezeichnete, leicht zu
überkletternde oder noch leichter nördlich zu umgehende Stelle ist Schrattenkalk,
dazwischen aber ist auf merkwürdige Weise Neocom eingefaltet. Überhaupt ist der Bau
des Calanda mit den Schichtflächen gegen das Rheintal und den Schichtköpfen auf der
Vättnerseite nur scheinbar einfach, in Wirklichkeit herrscht komplizierte Faltung die
erst in neuester Zeit durch M. Blumental, K. Tolwinski und J Oberholzer klargelegt
worden ist. Seitdem der Deckenbau der Alpen erkannt wurde, hat man zu unterscheiden
zwischen dem autochthonen Gebirge, den para-autochthonen Falten und den
eigentlichen überschobenen Decken mit ihren Teildecken und Deckfalten. Als
autochthon gelten die Gesteinsmassen, die an Ort und Stelle entstanden, gestaut und
gefaltet sind, also in der Tiefe wurzeln, wenn es sich um magmatische Gesteine handelt,
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in der heutigen Gegend des Anstehens einst im Meere gebildet, wenn von
Sedimentgesteinen die Rede ist. Para-autochthon heissen die Falten, deren
Zusammenhang mit dem Autochthon sich heute noch direkt nachweisen lässt. Der
Calanda besteht aus einem autochthonen Sockel mit mehreren darüber gelegten paraautochthonen Falten. Die tiefsten autochthonen Gesteine, zentralmassivische Gneise,
treten in der Nähe von Vättis auf, nicht ganz so tief, aber immer noch bis auf den
Verrucano recht die Entblössung in der Gegend von Tamins. In autochthonen
Sedimentschichten liegt das quantitativ nicht bedeutende, aber sehr merkwürdige und
schwierig zu erklärende Goldvorkommnis, über das sich im Jahrbuch 1889 des
Schweizer Alpenklubs eine Arbeit von Dr. E. Bosshard findet. Das längst eingegangene
Bergwerk "Goldene Sonne" rentierte dermassen, das von den aus Calandagold
geprägten Dukaten à 16 Fr. das Stück auf 72 Fr. zu stehen kam. Von den paraautochthonen Falten greift eine schon mehrere Kilometer weit nach Norden aus und die
Verhältnisse sind hier sehr interessant. Wir blicken vom Calandagipfel hinüber nach
dem Drachenberg, der durch die von Dr. Bächler unternommenen erfolgreichen und für
die Wissenschaft höchst bedeutsamen Ausgrabungen in weiten Kreisen bekannt
geworden ist, der aber auch tektonisch eine sehr bemerkenswerte Stellung einnimmt.
Der Drachenberg ruht wurzellos nach Art einer "Klippe" auf dem autochthonen Flysch.
Einst hing er mit dem Calanda zusammen, heute sind die beiden Gipfel durch den tiefen
Einschnitt des Taminatales getrennt. Calanda - Drachenberg ist das Musterbeispiel einer
para-autochthonen Falte. Die etwas schwierige Bezeichnung "para-autochthon" kann
also, sprachlich zwar nicht ganz richtig, doch dem Verständnis dienlich mit "fast
autochthon" oder "fast an Ort und Stelle entstanden" übersetzt werden. Alvier,
Churfirsten und Säntis gehören nicht mehr der para-autochthonen Region an, sondern
sind reines, von der einstigen südlichen Wurzelregion weit entferntes, teilweise intensiv
gefaltetes Deckenland, dessen Gesteine schon mehr tiefmeerischen Charakter zeigen,
als die näher der einstigen Küste gebildeten entsprechenden Schichten des Calanda. Zu
diesem primären Unterschied gesellt sich ein zweiter, die Gesteine des Calanda sind
durch Druck und Bewegung bei der Alpenfaltung stärker beeinflusst worden, als die
tektonisch höherliegenden, unter geringerem Druck bewegten Gesteine der Säntisdecke,
die als oberste der sogenannten helvetischen Decken bezeichnet wird und zu der auch
Alvier und Churfirsten gehören.
Weitaus die Hauptmasse des Calanda wird durch die hell anwitternden, zum Teil aus
Korallen entstandenen Kalke des oberen Jura oder Malm gebildet, Auch die Kalke,
Kalkschiefer und Mergel der unteren Kreide sind stark vertreten, die tiefsten
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Kreideschichten entsprechen dem Alter nach ungefähr dem Oehrlikalk im Säntisgebiet.
Valangie und Neocom - die beiden Namen stammen von Stadt und Städtchen
Neuenburg und Valangin im Kanton Neuenburg - sind am Calanda oft schwierig
auseinanderzuhalten, ihre Gesteine sind reich an zertrümmerten Resten von
Stachelhäutern oder Echinodermen (Seeigeln und Seesternen), auch Rest von Muscheln,
meistens Austern, sind nicht gar selten, aber meist schlecht erhalten. Der Schratttenkalk,
ebenfalls noch der unteren Kreide zugerechnet, ist äusserlich vom Malmkalk oft fast
nicht zu unterscheiden und bildet wie dieser hell leuchtende Wände, er ist teilweise
auch korallogen, im übrigen arm an makroskopischen, d.h. mit blossem Auge sichtbaren
Versteinerungen. Die mittlere Kreide oder der Gault ist wenig mächtig, tritt aber in der
Ostwand unter dem Gipfel als dunkles, gewölbeartig verlaufendes Band auffällig
hervor. Die obere Kreide oder der Seewerkalk hat nordöstlich vom Hauptgipfel gegen
den Mastrilser Calanda und die Mastrilseralp ziemlich grosse Verbreitung und ist hier
noch als blaugrauer, dünnschichtiger Kalk in annähernd typischer Ausbildung
vorhanden, anderwärts gehen die Kalke nach oben in Schiefer über oder es wechseln
Kalkbänke mit Schieferschichten ab, so dass für die ganze Stufe die Bezeichnung
"Seewerschichten" passender ist, als der zu wenig umfassende Name "Seewerkalk".
Höchst verwickelt sind die Lagerungsverhältnisse zwischen Kreide, Flysch und
Nummulitengesteinen in der Fortsetzung des Calanda gegen Pizalun und Ragaz hin.
IV.
Beim Abstieg bot sich Gelegenheit, auf dem breiten Gratrücken südöstlich vom Gipfel
einige nicht üble Stücke mit Resten von Muscheln und Stachelhäutern zu erbeuten. Hie
und da findet man wohlerhaltene Stiele und Stielglieder von Pentakriniten (gestielten
Seesternen, Seelilien). An manchen Stellen erfüllen die zertrümmerten Rest von
Seeigeln und Seesternen das Gestein so dicht, dass man von Echinodermenbreccie
sprechen kann. Überhaupt hat die Tierwelt zur Bildung der in den Kalkalpen
auftretenden Gesteine wesentlich beigetragen. Naturgemäss fallen zuerst die Muscheln,
Schnecken, Seeigel, Seesterne, Korallen usw. ins Auge, aber quantitativ wohl noch
bedeutender ist das Material, das kleine und kleinste Lebewesen aus der Klasser der
Urtiere, namentlich die Foraminiferen, durch die ungezählten Milliarden ihrer winzigen
Schälchen geliefert haben. Erst das Mikroskop enthüllt uns im Dünnschliff die riesige
Zahl und die oft sehr zierlichen Gehäuseformen dieser einfach gebauten
Meeresbewohner. Gewiss waren bei der Bildung des Kalksteins auch chemische
Vorgänge wirksam, in der Hauptsache aber ist er doch ein zoogenes, aus tierischen
Resten entstandenes Sediment.
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Die heutigen Meere sind die Schauplätze ähnlicher Vorgänge.
In der Hütte dürfen wir uns noch ein gemütliches Stündchen erlauben, mit wahrem
Bedauern nehmen wir Abschied von dem behaglichen Heim der Sektion Rhätia.
Hinunter helfen in den Bergen bekanntlich alle Heiligen, hinauf nur einer, diesmal aber
half Allerheiligen auf- und abwärts. Ohne uns sonderlich zu beeilen und ohne die grosse
Höhendifferenz unangenehm zu empfinden, erreichen wir in zwei Stunden Haldenstein.
Im Abstieg hat man fortwährend die herrlichsten Blicke auf das Rheintal und auf Chur,
das offen und übersichtlich, wie auf einem grossen, stetig sich näherndem Plane vor uns
liegt. Deutlich hebt sich das Dreieck der alten Stadt ab von den in neuerer Zeit
hinzugekommenen Aussenquartieren. Eine Grosstadt ist Chur nicht, wird es wohl auch
nie werden, und das ist gar nicht zu bedauern. Möge es bleiben, was es ist, eine
bescheidene, doch ansprechende und heimischer Eigenart nicht entbehrende
Kantonshauptstadt, beteiligt am regen Verkehr unserer Zeit und doch nicht von deren
ruheloser Hast überwältigt, im Rahmen ihrer Kräfte auch stets den geistigen
Bestrebungen zugetan, wozu ja Natur und Geschichte förmlich auffordern. Sie hat viel
erlebt seit der Römer Tagen, die alte Curia Rhätorum, manchen kriegerischen und
friedlichen Zug gesehen, und gewiss eine der interessantesten Episoden war die
Belagerung der in der Stadt eingeschlossenen Österreicher durch die Prättigauer im
Jahre 1622. Das auf die kriegerischen Aktionen jener denkwürdigen Zeit bezügliche
originelle Kartenbild, das der trefflichen geschichtlichen Arbeit von Prof. Meyer von
Knonau im Jahrbuch 1889 des Schweizer Alpenklubs beigegeben ist, mag man heute
mit vergnüglichem Sinnen betrachten, so trübe und unheilvoll die Zeit der
Bündnerwirren war.
Und nun nochmals in die Eiszeit zurück! Während des Abstieges, wie auch am Vortage
beim Aufstieg beobachteten wir kristallinisches Erratikum nur bis in ungefähr 1800 m
Höhe, aber die Frage ist damit noch keineswegs entschieden. Nach persönlicher
Mitteilung von Freund Bächler finden sich auf Alp Gelbberg unter dem Drachenberg
sichere erratische Bündnergesteine noch in 1930 m Höhe. Das gibt zu denken und warnt
vor voreiligen Schlüssen am Calanda. Allerdings bedürfen die älteren hohen Angaben
schon deswegen einer Nachprüfung, weil damals die kartographische Grundlage für die
Einzeichnung weniger genau und weniger bequem war. Blumental tritt in seiner
schönen neueren Arbeit auf das Erratikum leider nicht ein. Piperoff notiert in seiner
1897 erschienenen Karte erratische Blöcke am Calanda nur bis in 1800 m Höhe. Nun
hat Piperoff freilich im anstehenden Fels manches unrichtig gedeutet, was aber nicht
ausschliesst, dass er in der Frage des Erratikums doch recht haben könnte.
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In den 1890er Jahren fand ich im Vorderprättigau die obersten erratischen Gneise und
Hornblendeschiefer aus der Silvrettagruppe nördlich von Schiers am Sassauna in 1840
bis 1860 m Höhe. Gegenüber, auf der mächtigen, etwas gewellten, mit 1823 m
kulminierenden Hochfläche des Landquartberges, kommen erratische Serpentine, Kalke
und Dolomite zwar vor, jedoch trotz des für die Erhaltung günstigen Geländes recht
selten, so dass man an einer lang andauernden Gletscherbedeckung zweifeln möchte.
Der Schluss läge nahe, dass auch am Calanda die Vergletscherung nicht wesentlich
höher gereicht haben kann. Das sind in Kürze die Gründe für die mit allem Vorbehalt
geäusserten Zweifel an hohen älteren Angaben. Die sichere Feststellung wird durch den
Umstand erschwert, dass obere Gletschergrenze und Höhe des obersten Erratikums nur
selten zusammenfallen. Die Höhendifferenz schwankt sehr je nach der
Geländebeschaffenheit, am Calanda dürfte der Unterschied indessen nicht allzu gross
sein. Die erratischen Blöcke werden uns wohl nochmals an den uns liebewordenen Berg
locken, für diesmal müssen wir ihn ohne einwandfreies Ergebnis verlassen
In Haldenstein erfahren wir endlich auch das schöne Resultat der eidgenössischen
Abstimmung vom Vortage. Das letzte Stück, den Marsch in der Ebene, hätten wir
freilich geschenkt, auch mir ging da der unvermeidliche Stumpen aus. Aber im Bahnhof
Chur reicht es noch zu einer kleinen Erfrischung, und der letzte Zug bringt die drei ganz
zufrieden und freudig gestimmten Calandafahrer wohlbehalten nach St. Gallen.
Internet-Bearbeitung: K. J.
Version 04/2009
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