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AKADEMIETHEATER
Der Schrecken des Widerstands
ENGEL DES VERGESSENS. Georg Schmiedleitner inszeniert am
Akademietheater die Uraufführung von Maja Haderlaps gefeiertem
Roman, den er zusammen mit der Autorin auch adaptiert hat.
FOTO: GEORG SOULEK
E
igentlich handelt es sich nur um die Geschichte eines slotet von allen Erinnerungen an die Geschichten der Eltern und
Großeltern das Leben wirklich neu beginnen können. Aber diewenischen Mädchens in Kärnten, das den Schrecken seiner
Kindheit bannen möchte. Aber dieser Schrecken hat es in ser Engel ist leider selber vergesslich und versäumt viele Kinder
sich, da bricht die Gewaltherrschaft der Nazis auf, der Weltzu küssen.“ Auch das Mädchen auf dem Bauernhof in Eisenkapkrieg, die grausamen Partisanenkämpfe in den südlichen pel, wo die 1961 geborene Maja Haderlap aufgewachsen ist, hat
Grenzwäldern Kärntens und die damit verbundene Familiengeer übersehen, und so hat es sein Antlitz auch der Vergangenheit
zugewandt und betrachtet die Katastrophen und Trümmer der
schichte, die Konzentrationslager und ein Kind, das nicht verFamiliengeschichte.
steht, warum sein Vater so verstört ist und sich dauernd umbringen will. Peter Handke hat es schön auf den Begriff gebracht:
NACHWEHEN
„Maja Haderlap hat eine gewaltige Geschichte geschrieben ...
Die Autorin selber und der Regisseur haben gemeinsam die
Die Großmutter wie noch keine, der arme bittere Vater wie noch
Bühnenfassung erarbeitet, in aller Harmonie, wie sie versichern.
keiner, die Toten wie noch nie, ein Kind wie noch keines.“ Und
Die beiden kennen sich von früher, als Georg Schmiedleitner
sie hat mit ihrem autobiografisch grundierten Debütroman Ennoch am Stadttheater Klagenfurt inszenierte, wo Maja Haderlap
gel des Vergessens 2011 den Ingeborg-Bachmann-Preis in Kla15 Jahre lang bis 2007 als Chefdramaturgin werkte. Der Roman
genfurt gewonnen – in einem Bundesland, das bis in die jüngste
Zeit einen verdeckten Kampf gegen seine eigene slowenische eignet sich auf den ersten Blick wenig für eine Dramatisierung,
weil er mit verschiedensten Stil-Lagen arbeitet, poetischen, epiMinderheit geführt hat.
Nun wird dieser faszinierende Engel des Vergessens (die Buchschen, reflexiven, aber kaum die Dialoge bietet, die das Theater
braucht. „Natürlich“, sagt der Regisseur, „muss man danach
ausgabe ist im Wallstein Verlag erschienen) in einer Inszenierung von Georg Schmiedleitner im Akademietheater auf die trachten, dass die Bühnenfassung eine andere Form kriegt als
der Roman, den wir nicht einfach nachbeten und bebildern,
Bühne gebracht. Im Roman tauchen ja zwei dieser Flugwesen
auf, einerseits in einem Kryptozitat der Engel der Geschichte, sondern mit den Mitteln des Theaters erzählen. Und weil die
wie ihn Walter Benjamin beschrieben hat: „Es gibt ein Bild von Autorin das Theater auch liebt, geht das. Ich war überrascht, wie
Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, unverkrampft sie mit ihrer eigenen Geschichte verfährt. Es geht
der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, ja immerhin um ihre Familie und sie selber,“ „Wir haben“, setzt
Maja Haderlap fort, „die Situationen aus
worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerisdem Roman gefiltert, die eine theatrale,
sen, sein Mund steht offen und seine Flügel
dramatische Qualität haben und so mit
sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte
AK ADEMIETHEATER
den Versatzstücken des Romans eine eimuß so aussehen. Er hat das Antlitz der VerMaja Haderlap
gangenheit zugewendet. Wo eine Kette
gene theatertaugliche Dramaturgie entwiEngel des Vergessens
von Begebenheiten vor uns erscheint, da
ckelt.“ Aber da stellt sich doch die Frage,
Di., 8. September, 19.30
sieht er eine einzige Katastrophe, die unabwie stark die Autorin unter der Bearbeitung
Regie: Georg Schmiedleitner
des Romans gelitten hat? „Es war schon
lässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie
Bühne: Volker Hintermeier
eine psychische Herausforderung, auch ein
ihm vor die Füße schleudert.“ Den anderen
Kostüme: Su Bühler
schmerzhafter Prozess und wenn Georg
Engel hat Maja Haderlap zufällig, erzählt sie,
Mit: Elisabeth Orth (Großmutter), Gregor
nach den Arbeitssitzungen wieder weggein Schalom Aschs 1939 veröffentlichten RoBloéb (Vater, Foto r.), Petra Morzé (Mutter),
man Der Nazarener gefunden, „da taucht
fahren ist, kamen die Nachwehen, was eiAlina Fritsch (Junges Ich), Alexandra Hengleich zu Beginn dieser Engel des Vergesgentlich mit meinem Roman passiert. Aber
kel (Altes Ich), Sven Dolinski, Sabine Haupt
da war es hilfreich, dass ich so lange am
sens auf, der aus der jüdischen Mythologie
Theater gearbeitet habe: die Dramaturgin
kommt und die Funktion hat, die neugebo6. Sept., 19.00 (VA), 10., 11. Sept.,
19.30, 14., 26., 28., 29. Sept., 20.00
Maja hat die Autorin Haderlap besänftigt.“
renen Kinder zu küssen, damit sie unbelas-
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FOTO: REINHARD MAXIMILIAN WERNER
Roman, die auch in der Inszenierung vorkommen
wird, in der lange nach dem Krieg eine slowenische
Freundesrunde, darunter der Vater, der schon längst
vom Bundespräsidenten als Widerstandskämpfer
ausgezeichnet worden ist, in einem Eisenkappler
Wirtshaus zusammensitzt und von Ex-Nazis als „Heimatverräter“ beschimpft wird: Es seien die Partisanen gewesen, die das Peršman-Massaker begangen
hätten. Gemeint ist eine benachbarte Bauernfamilie
der Haderlaps, die vom Kleinkind bis zur Großmutter
nachweislich von einer SS-Mörderbande abgeschlachtet worden war.
Die Szene illustriert die deutschnationale, faschistoide Grundstimmung eines Landes, die blieb, auch
wenn die Hitler-Bilder weggeräumt und die Nazi-Uniformen abgelegt wurden. Der gefolterte Vater zerbricht daran. Als er eine Zeugenaussage in einer Untersuchung machen soll, die später fallen gelassen
DAS TEAM. Maja Haderlap und Georg Schmiedleitner
haben gemeinsam den Roman für die Bühne adaptiert.
wurde, bringt er kein Wort heraus, denn er sitzt demselben Polizisten gegenüber, der ihn damals 12-jährig
mehrmals am Hals an einem Baum aufhängte und
wieder runterließ, nur um von dem in Todesangst
zappelnden Jungen zu erfahren, ob der Großvater aus dem Wald
Im Zentrum des Romans steht ein Figurendreieck: die Großnach Hause gekommen sei. Später ist er auf dem Revier noch an
mutter (gespielt von Elisabeth Orth), die aufgrund von Sippenhaftung ins KZ Ravensbrück deportiert wurde, weil sich ihr einen Kleiderhaken gehängt und ausgepeitscht worden. Die
Spätfolgen sind furchtbare Nervenkrisen, nach innen und außen
Mann den Kärntner Partisanen angeschlossen hat. Sie überlebt
es knapp und nur, weil sie die Identität einer Toten annehmen gerichtete Zerstörungsanfälle unter Alkohol, mit denen er seine
Familie terrorisiert. Die Kinder flüchten in den Wald, wenn er wiekann. Dann ist da ihr Sohn, der Vater (gespielt von Gregor
Bloéb), der mit 12 Jahren von den Nazi-Schergen entsetzlich geder einmal droht, mit seinem Jagdgewehr alle zu erschießen.
Der Polizist, der noch andere Vergehen beging, hat
foltert wurde, und schließlich das Mädchen, seine
völlig unbehelligt in Kärnten weitergelebt.
Tochter, die Ich-Erzählerin, die versucht, die VerheeDieser Vater, erklärt der Regisseur, repräsentiert
rungen und den Albtraum dieser Familie aufzuarbei„eine Symbolfigur des österreichischen Widerstands
ten. „Dieses Ich“, erklärt Schmiedleitner, „haben wir
und dessen verlorenen Kampf um Anerkennung
in zwei Figuren aufgespalten, eine jüngere und eine
und Gerechtigkeit gegen staatlich geförderte Ignoältere, um den Zwiespalt zwischen erlebter Familiengeschichte und dem Kommentar dazu besser zeigen
ranz, grenzenlose Dummheit und Verachtung. Er ist
zu können. Man sieht, wie eine unbewältigte Vereine Art verlorener, trauriger Clown der Geschichte,
der um sich schlägt aus Unvermögen mit der eigegangenheit zu schlimmen Zerwürfnissen innerhalb
einer Familie führt. Es geht ja nicht um eine Genen Vergangenheit umzugehen.“ Da stellt sich
schon die Frage, ob sich wenigstens heute in Kärnschichte von Helden, sondern Verlierern, die sich selMAJA HADERLAP: ber zerfleischen, obwohl, und das ist das Verstöten etwas geändert hat? „Das Buch“, erzählt Maja HaEngel des Vergesrende an dieser Geschichte, es sich eigentlich um
derlap,
„hat bewirkt, dass in den Familien offener dasens, 288 Seiten,
Helden handelt, tapfere Kämpfer gegen den Schrerüber gesprochen wird. Und es gibt Ansätze zu ForGöttingen 2011,
Wallstein Verlag
cken der Nazi-Diktatur, die dann dafür im eigenen
men von Erinnerungskultur mit ersten GedenkLand mit Verachtung gestraft wurden. Darin liegt
tafeln. Die Politik aber verhält sich nach wie vor
der Knackpunkt der ganzen Handlung“.
zurückhaltend.“ Letztlich, übernimmt der Regisseur,
„ist die Verdrängung noch immer umfassend. Wenn man eine
Umfrage machen würde, was für eine Rolle die slowenischen
WIDERSTANDSKÄMPFER
Partisanen am Ende des Krieges in Kärnten gespielt haben, bin
Der Roman und mit ihm die Inszenierung führt schonungsich überzeugt, dass die Kenntnis auf Null hinausläuft. Das ist ja
los in ein „dunkles, vergessenes Kellerabteil des Hauses Österauch das Verdienst des Romans, davon zu erzählen, und das bereich“ und den dort begrabenen Treppenwitz der Geschichte,
dass die slowenischen Partisanen, die in diesem Land als Einzige
feuert das Engagement des Ensembles ungemein, weil wir hier
den Mut hatten, einen nennenswerten militärischen Widereine Geschichte bringen, von der niemand weiß.“
stand gegen die Faschisten aufzunehmen, dafür mit Folter, VerUnd was wünscht sich das Kreativteam soll die Inszenieschleppung, Tod und Massakern an ihren Familien bezahlten
rung bewirken? Gerechtigkeit für die Kärntner Slowenen? „Das
und schließlich nach dem Krieg als Banditen, Mörder sowie Vawäre zu anmaßend“, rufen sie fast unisono und dann etwas
durcheinander: „Aber wenn der Abend mit seiner Emotion
terlandsverräter diskriminiert wurden. Noch im Jahr 1990 weiund Bildhaftigkeit Lust machen würde, sich mit dem Thema zu
gerte sich Jörg Haider vom Bundespräsidenten verliehene EhB
beschäftigen, das wäre toll!“
renzeichen für Verdienste um die Befreiung Österreichs an eheLOTHAR LOHS
malige Partisanen zu übergeben. Gespenstisch die Szene im
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