ichkeit - HAWK

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Soziologische Theorie und
kulturelle Deutungsmuster
L
ao,o~"isc~ie„-i
Leske + Budrich, Opladen 1998
ichkeit
Inhalt
Vorwort ..................................................................................
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Einleitung...............................................................................
9
Theorie: Geschlecht und Männlichkeit im soziologischen
iskurs ........................................................................
17
1.
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1.2
1.3
2.
2.1
Gedruckt auf säurefreiem und altersbeständigem Papier.
ISBN 3-8100-2000-1<
1998 Leske -t Budrich, Gpladen
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung
außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages
unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Druck: Druck Partner Rübelmann, Hemsbach
Printed in Germany
2.2
3.
3.1
3.2
4.
4.1
4.2
4.3
Zwischen Wesensmetaphysik und soziologischer
Entzauberung. Männlichkeit in den Geschlechtertheorien
soziologischer Klassiker ...................................................
Ferdinand Tönnies: Weiblicher Wesenwille und männlicher
Kürwille ........................................................................
Georg Simmel: Männliche Differenziertheit und weibliche
Einheitlichkeit ................................................................
Emile Durkheim: Geschlechtliche Arbeitsteilung und der
Mann als Produkt der Gesellschaft .....................................
Geschlecht: Soziale Rolle oder soziale Konstruktion?.............
Geschlechtsrollentheorie: Instrumentelle Orientierung und
die `Gefahren' der männlichen Geschlechtsrolle .....................
Die soziale Konstruktion von Geschlecht: Männliche
Dominanz und das Arrangement der Geschlechter .................
Geschlechtersoziologie: Frauenforschung und Männerstudien ...
Patriarchat oder Gender? Mann und Männlichkeit in den
Perspektiven der Frauenforschung ......................................
Patriarchale Unterdrückung oder hegemoniale Maskulinität?
Die Diskussion der Männerstudien .....................................
Geschlecht und Habitus. Überlegungen zu einer soziologischen
Theorie der Männlichkeit ..................................................
Habitusbegriff und Geschlechterverhältnis bei Pierre Bourdieu..
Geschlechtlicher Habitus - ein Entwurf ................................
Der männliche Geschlechtshabitus.......................................
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Empirie; Gesehieeht und Männhehkeit in den Diskursen
der Männer ................................................................................
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7.9
Multioptionale Männlichkeiten? ................................................
Von Mann zu Mann. Dekonstruktionen und Rekonstruktionen
von Männlichkeit in der Männerverständigungsliteratur ...........
Defizitkonstruktionen: Der Mann als Mängelwesen ..................
Maskulinismus: Die Rückbesinnung auf die gefährdete
Männerherrlichkeit .....................................................................
Differenz: Die Suche nach authentischer Männlichkeit .............
Schlußbemerkung: Zur kulturellen Dynamik männlicher
Selbstthematisierung ...................................................................
Unter Männern. Kollektive Orientierungen und existentielle
Hintergründe................................................................................
Zur Methode: Wissenssoziologische Rekonstruktion
kollektiver Orientierungen oder: Wie läßt sich das fraglos
Gegebene zum Sprechen bringen? ..............................................
„Weil das immer so gewesen ist". Verankerung in der
Tradition und habituelle Sicherheit ............................................
„Ich brauche mich dafür nicht entschuldigen". Prekäre
Sicherheiten ...............................................................................
„Immer noch so viel Verunsicherung". Institutionalisierte
Dauerreflexion und die Suche nach Authentizität - Die
Sinnwelt der Männergruppen .....................................................
„Du tust es einfach, du redest nicht". Pragmatische
Arrangements jenseits von Tradition und Verunsicherung ........
Männerwelten und Frauenbilder. Zur `männlichen'
Konstruktion der Frau .................................................................
Eheliche Beziehungen und homosoziale Männerwelten.
Lebensweltliche Hintergründe männlicher Orientierungen ........
Konjunktive Erfahrungsräume. Zur Bedeutung von milieu-,
entwicklungs- und generationsspezifischen Besonderheiten ......
Zusammenfassung: Habitus, männliche Hegemonie und
habituelle Sicherheit ...................................................................
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Vorwort
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276
289
295
Schluß:
Freisetzung aus Traditionen? Krise des Mannes? Ein
modernisierungstheoretisches Resümee ............................................
303
Literatur ...............................................................................................
311
Anhang ..................................................................................................
327
Diese Studie ist die leicht überarbeitete Version meiner vom Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Bremen angenommenen Habilitationsschrift. In ihrem empirischen Teil basiert sie auf Daten, die in einem von der
Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Forschungsprojekt zusammengetragen worden sind. Der Titel des Projekts lautete: „Die Symbolik der
Geschlechtszugehörigkeit. Kollektive Orientierungen von Männern im Wandel des Geschlechterverhältnisses". Ich möchte an dieser Stelle den wissenschaftlichen MitarbeiterInnen in dem Projekt, Cornelia Behnke, Rainer Hoffmann und Peter Loos, für ihren hohen Einsatz und ihre niemals ermüdende
Diskussionsbereitschaft danken, ohne die das Projekt nicht hätte erfolgreich
abgeschlossen werden können. Ebenfalls gebührt mein Dank Alexander Gattig, Andreas Henkenbehrens, Martin Herberg, Eva Munz, Susanne Peter, Jutta Reichelt, Katrin Stinner und Karola Zygnsunt, die als studentische Hilfskräfte und PraktikantInnen wertvolle Unterstützung bei Datenerhebung und
-auswertung geleistet haben. In gleicher Weise zu Dank verpflichtet bin ich
den StudentInnen, die in einer zweisemestrigen Lehrveranstaltung zum Verfahren der Gruppendiskussion wichtige Arbeit bei der Erprobung des Erhebungsinstruments geleistet haben.
Für eine kritische Lektüre des Manuskripts und hilfreiche Hinweise zu
dessen Verbesserung danke ich Rüdiger Lautmann, der das Habilitationsverfahren federführend betreut hat, Cornelia Behnke, Rainer Hoffmann sowie
Karin Gläßer-Meuser.
Einleitung
„Wenn man gute Gründe braucht, um soziale Probleme zu untersuchen, dann sollte man neutrale Analysen sozialer Zusammenhänge
derjenigen durchführen, die mit den Privilegien institutioneller Macht
ausgestattet sind - Priester, Psychiater, Lehrer, Polizisten, Generäle,
Regierende, Eltern, Männer, Weiße, Staatsangehörige, Medienexperten und all die anderen etablierten Personen, die durch ihre Position in
der Lage sind, ihre Version der Wirklichkeit offiziell durchzusetzen"
(Goffman 1994b, S. 103£).
Ob 15 Jahre, nachdem Erving Goffman mit diesen Sätzen das Manuskript
seiner - aus Krankeitsgründen nicht gehaltenen - Ansprache als Präsident der
American Sociological Association beendet hat, den Männern die Aufnahme
in den Kreis der privilegierten Wirklichkeitsgestalter noch umstandslos gebührt, sei dahingestellt. Daß sie zumindest ein gewichtiges Wort mitreden,
wenn es darum geht, Lebenschancen und Handlungsspielräume von Menschen festzulegen, steht außer Frage. Insofern ist eine „neutrale", d.h. weder
anklagende noch larmoyante Analyse der `Männerwelt' eine Aufgabe, die
von der Soziologie zu leisten ist. Die vorliegende Arbeit wendet sich einem
Gegenstand zu, den die deutschsprachige soziologische Geschlechterforschung - anders als die angelsächsische - bislang weitgehend vernachlässigt
hat.
Maskulinität, Männerwelten als ein neuer Gegenstand der Soziologie?
Nach und neben der Frauenforschung nun eine Männerforschung? Hat sich
die Soziologie als „männliche Wissenschaft`, in einer selbstverständlich vor
genommenen Gleichsetzung des Männlichen mit dem Allgemein-Menschlichen' nicht seit jeher ausschließlich mit der sozialen Welt des Mannes befaßt? So jedenfalls lautet die Diagnose feministischer Wissenschaftskritik'.
Die in dieser Art von `Männerforschung' enthaltenen Annahmen über Männer und Männlichkeiten sind jedoch implizit geblieben, sind nicht als solche
kenntlich gemacht worden. Das betonen vor allem die in den achtziger Jahren
entstandenen „men's studies" (s. Kap. 3.2), und das zu ändern definieren sie
als ihr Ziel.
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2
Hierzu hat Simmel (1985, S. 201) bereits zu Beginn der Jahrhunderts scharfsinnige Analysen vorgelegt. Ich komme darauf zurück (s. Kap. 1.2).
Vgl. allgemein Hausen/Nowotny 1 986, auf die Soziologie bezogen Brück u.a. 1992, S.
17ff.
Die Geschlechtsblindheit, mit der die Wissenschaft Soziologie nicht weniger `geschlagen' gewesen ist als andere Humanwissenschaften, läßt sich als
Folge ihrer ` Männlichkeit' verstehen. Claudia Honegger (1991) hat in ihrer
Rekonstruktion der Diskurse der Wissenschaften vom Menschen eindrucksvoll gezeigt, wie der im späten 18. Jahrhundert erfolgten `Erfindung' polar
entgegengesetzter Geschlechtscharaktere (vgl. Hausen 1976) im 19. Jahrhundert ein wissenschaftlicher Begründungsapparat an die Seite gestellt wurde,
in welchem mit der Naturalisierung der Frau und der Konzeptualisierung des
Mannes als `ganzem' - und das meint vor allem kulturfähigem - Menschen
die Grundlagen für die Deutungsmuster gelegt wurden, die auch heute noch
weitgehend die Geschlechterwahmehmung des common sense bestimmen.
Paradigmatisch geschieht dies in der institutionellen Ausdifferenzierung einer
Sonderwissenschaft von der Frau: Mit der Herausbildung der Gynäkologie
wird, so Honegger, die Charakterkunde des Weibes physiologisch reduziert'.
Philosophie und Geisteswissenschaften befassen sich wieder mit dem
,ganzen Menschen', hinter dem sich niemand anders als der Mann verbirgt.
Allerdings bleibt dieser so gut verborgen, daß kaum jemand das 'Versteckspiel' bemerkt.
Es ist nicht das Ziel dieser Arbeit, die kulturelle Konstruktion des Mannes, wie sie in solchen wissenschaftlichen und in sonstigen Diskursen sich
vollzogen hat, historisch-genetisch zu rekonstruieren. Nur soweit die Sozio
logie daran einen Anteil hat, wird der Blick sich rückwärts richten. Über explizite Thematisierungen des Geschlechterverhältnisses wird nicht allzu viel
zu berichten sein, denn auch für die Soziologie gilt, daß ein universalistisches
Selbstverständnis den Blick auf die geschlechtliche Segmentierung der sozialen Welt verstellt hat. Nicht nur die Moderne ist `geschlechtlich halbiert'
(vgl. Beck 1986, S. 176ff.), auch die Wissenschaft von der Moderne par
excellence ist es lange gewesen. Man denke nur an die Geschlechtsblindheit
der Theorien sozialer Ungleichheit (vgl. Kreckel 1987, 1989; Hradil 1987a)
oder an die Jugendsoziologie, die zu großen Teilen eine (implizite) 'Jungensoziologie' (gewesen) ist (vgl. CJstner 1986). Daß die Soziologie nicht die
einzige Wissenschaft ist, die solche blinde Flecken aufweist4, entlastet sie
nicht, Versäumtes nachzuholen.
Die vorliegende Arbeit will hierzu einen Beitrag leisten, indem sie die
Seite im Geschlechterverhältnis in den Fokus rückt, die zumindest als Gegenstand empirischer Forschung bislang wenig Aufmerksamkeit gefunden hat.
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Eine entsprechende Sonderwissenschaft vom Mann hat sich nicht ausdifferenziert. Eine
` Androkologie' existiert (noch) nicht.
Wie auch immer man die von Carol Gilligan (1984) getroffene Unterscheidung einer weiblichen und einer männlichen Moral einschätzen mag (für eine kritische Perspektive vgl.
Nunner-Winkler 1994), eines hat ihre Studie „Die andere Stimme" deutlich gezeigt: daß ein
androzentrischer Bias des Samples die Forscher nicht notwendig veranlaßt, die Aussagekraft der Resultate auf die männliche Hälfte der Menschheit zu begrenzen.
Zwar fehlt es im rezenten Geschlechterdiskurs auch hierzulande nicht an
Thesen über den Mann, über sein Wesen, über seine aktuelle Befindlichkeit,
über den Schaden, den er anrichtet, auch über die Leiden, die er zu ertragen
hat (s. Kap. 6); empirisch-soziologische Studien sind jedoch an den Fingern
einer Hand abzuzählen.
Ihre „Geschlechtssensibilisierung" (Kreckel) hat die Soziologie durch die
Frauenforschung erfahren. Diese hat aus naheliegenden Gründen zunächst
einmal weibliche Lebenszusammenhänge und die gesellschaftliche Lage der
Frau zum Gegenstand gemacht, galt es doch, einem Androzentrismus von
Forschung und Theoriebildung gegenzusteuern. Allerdings, auch ohne den
Mann ausdrücklich zu betrachten, enthalten die Arbeiten der Frauenforschung zahlreiche mehr oder minder explizit gemachte Annahmen über den
Mann und über Männlichkeits. In einer Relation von zwei Elementen' implizieren Aussagen über die eine Seite notwendig Annahmen über die andere.
Seit der zweiten Hälfte der achtziger Jahre gibt es zwar nicht sehr viele empirische klntersuchungen der Frauenforschung, die den Mann zum Gegenstand
haben, wohl aber eine Diskussion darüber, in welcher Weise, mit welchen
Konzepten, von welchen Voraussetzungen aasgehend und in welchem wissenschaftssystematischen Rahmen Männer und Männlichkeiten erforscht
werden können und sollen. Die Auseinandersetzungen gelten nicht zuletzt einer „Politics of Naming" (Richardson/Robinson 1994; vgl. auch HagemannWhite/Rerrich 1988): Kann die Erforschung des Mannes i m Rahmen von
, women's studier' erfolgen oder übersteigt das deren Zuständigkeiten? Ist eine übergreifende Perspektive in Gestalt von ` gender studies' notwendig oder
eher eine Spezialwissenschaft vom Mann, die ` men's studies"?
Es ist freilich nicht allein eine wissenschaftsimmanente Entwicklung der
Frauenforschung, die Ende der achtziger Jahre den Mann, wenn zunächst
auch nur zögerlich, vor den Scheinwerfer der sozialwissenschaftlichen Aufmerksamkeit rückt. Frauenforschung und Soziologie befassen sich reit dem
Mann in dem Moment, in dem die Fraglosigkeit seiner sozialen Existenz zu
schwinden beginnt. Auf empirische Indikatoren hierfür werde ich unten eingehen. An dieser Stelle sei auf die forschungstrategische Bedeutung des Reflexivwerdens von Selbstverständlichkeiten hingewiesen. Diese resultiert aus
der Dialektik von Determination und Emergenz und hat grundlagen- wie modernisierungstheoretische Aspekte.
I m Zuge einer Entwicklung, die Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim (1990, S. 199) als „erlittene Emanzipation" der Männer beschrieben haben, gewährleistet die unbefragte Reproduktion des Selbstverständlichen zu5
6
Für eine Analyse feministischer Konstruktionen des Mannes vgl. Rave (1991). Rave bezieht sich freilich über die Frauenforschung i.e.S. hinaus allgemein auf den feministischen
Diskurs.
Das ist nicht allein ein Streit um Namen. Es geht auch um die Sicherung von Ressourcen.
nehmend weniger Handlungssicherheit und -erfolg, Die durch die Frauenbewegung bewirkten Veränderungen in den Strukturen des Geschlechterverhältnisses erzeugen für i mmer mehr Männer einen Druck, ihren Ort in den
alltäglichen Geschlechterbeziehungen neu bzw. zum ersten Male bewußt zu
definieren. Wie generell in Umbruch- und Krisensituationen kommt es zu einer erhöhten lebensweltlichen Reflexivität, als deren Folge Deutungsmuster
zumindest zeitweise manifest werden'. Für eine synchronisch ansetzende Geschlechterforschung stellen Umbruch- und Krisensituationen ideale Forschungsgelegenheiten dar. Wie auch sonst geht mit der Herausbildung des
Neuen eine von dessen `Protagonisten' geführte Auseinandersetzung mit dem
Alten einher, aus dem heraus das Neue transformatorisch entwickelt werden
muß (vgl. Oevermann 1991, S. 314f.). Wir haben also die forschungsstrategisch günstige Situation, daß sich traditionelle und virtuelle neue Deutungsmuster von Männlichkeit zugleich rekonstruieren lassen'. Zudem wird die
Konstrukthaftigkeit der Geschlechtszugehörigkeit zumindest denkbar.
Die Kulturproduktion hat den Mann schon längst entdeckt. In sämtlichen
Medien, in allen möglichen Sparten von Trivial- und Hochkultur und als Gegenstand diverser Formen der Betrachtung ist der Mann zunehmend 'ge
fragt'. Die öffentliche Aufmerksamkeit reicht von Fernsehsendungen ä la
„Mann-O-Mann", in der Männer als Objekt weiblicher Lust präsentiert werden, über von Parteien veranstaltete Hearings, Titelgeschichten in Print-Medien und Verlagsreihen bis hin zu Ausstellungen in Museen (vgl. Völger/
Welck 1990) und von einer Frauenzeitschrift in Auftrag gegebenen Studien'.
Etablierte und profilierte Bildungs- und Tagungsstätten nehmen sich der
Männer an. Auf dem evangelischen Kirchentag 1993 in München wurde
erstmals in dessen Geschichte ein „Männerforum" veranstaltet, mit einer geschlechtsexklusiven Zutrittsregelung. - Der Mann als öffentlich-geschlechtliches Wesen ist interessant geworden, und er macht sich selbst öffentlich, in
welcher Form und in welchen Aspekten seiner Existenz auch immer.
Was außer einer vor allem massenmedial produzierten Aktualität läßt
` Mann' zu einem soziologisch relevanten Gegenstand werden? Auf einer kategorialen Ebene, vorab aller empirischen Evidenz ist darauf zu verweisen,
daß Geschlecht nur relational zu denken ist: Frauen gibt es nur insoweit, als
es Männer gibt, und vice versa'°. Eine Forschung, die nur die eine Seite des
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12
Das Konzept der sozialen Deutungsmuster nimmt als eine grundlegende Eigenschaft von
Deutungsmustern deren Latenz an (vgl. Meuser/Sackmann 1992).
George Herbert Mead hat darauf hingewiesen, daß ohne einen Bruch Kontinuität nicht erkennbar ist. „Aber schiere Kontinuität wäre nicht erfahrbar. In jedem Moment der Erfahrung steckt ein Hauch von Neuem. ... Ohne diesen Bruch in der Kontinuität wäre die Kontinuität unerfahrbar" (Mead 1987, S. 342).
Bereits zweimal hat die Zeitschrift „Brigitte" eine Untersuchung über den Mann in Auftrag
gegeben (vgl. Pross 1978; Metz-Göckel/Müller 1986).
Das ist hier nicht in einem biologischen Sinne gemeint, sondern als soziales Verweisungs-
Verhältnisses fokussiert, greift mithin zu kurz. Dieses kategoriale Argument
soll hier allerdings nicht weiter verfolgt werden. Ich möchte ein empirisches
Argument in den Vordergrund stellen und die These begründen, daß jenseits
aller modischen Erscheinungen Anzeichen eines sozialen und kulturellen
Wandels männlicher Existensweisen sichtbar sind. Eine Soziologie, die sich
mit Maskulinität als geschlechtlicher Erfahrungskategorie befaßt, ergänzt
nicht lediglich in theoriesystematischer Absicht fehlende `Mosaiksteine''', sie
ist wichtigen und folgenreichen gesellschaftlichen Veränderungen auf der
Spur. Diese haben ihren Grund und dokumentieren sich in einer Diskursivierung von Maskulinität, welche als Indikator für eine Erschütterung von Ordnungsgewißheiten zu verstehen ist.
I m empirischen Teil der Arbeit werden zunächst die medienvermittelten
Diskurse der Maskulinität behandelt werden. Wie auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen ist das Abbröckeln vormals eherner Gewißheiten für
eine Vielzahl von Sinnlieferanten Anlaß, Deutungsangebote und Handlungsperspektiven zu offerieren. Zunächst, in den siebziger Jahren, noch recht zögerlich, in den Achtzigern dann mit Macht und seit Beginn der Neunziger mit
einer Pluralität an Orientierungen aufwartend, hat sich ein Genre auf dem
Markt der Bücher zur Lebenshilfe etabliert, das ich ` Männerverständigungsliteratur' nenne. Eine Rekonstruktion der darin enthaltenen Deutungsmuster
und Leitbilder wird die interne Varietät des Männlichkeitsdiskurses aufweisen bzw. ausdifferenzierte Teildiskurse voneinander abgrenzen. In einer modernisierungstheoretischen Perspektive wird die Diskursivierung der Männlichkeit als solche, unabhängig von den jeweilig angebotenen Deutungen, als
Indikator einer schwindenden Fraglosigkeit analysiert werden. Einen Diskurs
über etwas zu eröffnen macht es den daran Beteiligten schwer, weiterhin in
einem „Zustand des unreflektierten ` Zuhauseseins' i n der sozialen Welt`
(Berger/Berger/Kellner 1987, S. 71) zu leben.
Medial vermittelte öffentliche Diskurse stellen kulturelle Leitbilder bereit. In welcher Weise und in welchem Ausmaß die Adressaten die Botschaft
aufnehmen, steht auf einem anderen Blatt und ist mit den Mitteln einer Diskursanalyse nicht zu bestimmen. Auch ein Blick auf Auflagenhöhen und
Verkaufszahlen hilft nur bedingt weiter. An die Literaturanalyse wird sich
deswegen eine Rekonstruktion alltagsweltlicher kollektiver Orientierungen
von Männern anschließen. Die Daten sind in Gruppendiskussionen in einer
Vielzahl und vor allem in einer Vielfalt von Zusammenschlüssen von Männem gesammelt worden. In der bereits erwähnten, auf den sozialen Wandel
der Geschlechterverhältnisse gerichteten Perspektive wird die Frage gestellt,
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verhältnis. Freilich macht die Rede von der Relationalität der Geschlechterkategorien auch
in einem biologischen Bedeutungszusammenhang Sinn, wiewohl die `Verheißungen' der
Gentechnologie dies womöglich ändern werden (vgl. Treusch-Dieter 1992).
Auch dies wäre für sich bereits ein nicht zu gering zu schätzendes Unterfangen.
13
in weicher Weise sich dieser Wandel in den Selbst- und Fremddeutungen von
Männern niederschlägt. Ausgehend von der Prämisse, daß Deutungs- und
Orientierungsmuster nicht nach Gutdünken ausgewählt werden (können),
sondern einen Bezug zu Problemen der alltäglichen Handlungspraxis haben,
wird der Blick auf lebensweltliche Hintergründe gerichtet, in denen bestimmte Orientierungen einen Sinn machen.
Der mediale Diskurs der Maskulinität und die alltagsweltlichen Deutungsmuster von Männern schließen nur unter bestimmten Bedingungen
bruchlos aneinander an, dort, wo `männerbewegte Männer' sich in Männer
gruppen organisieren und das Vokabular zu ihrer Selbstdeutung der einschlägigen Literatur entnehmen. Ansonsten - und dies betrifft die Majorität der
Männer - sind die Beziehungen zwischen öffentlichem Diskurs und lebensweltlich verfügbaren Interpretationen komplizierter, vertrackter, verborgener.
Die mediale Präsenz des Diskurses ermöglicht ein Sprechen über das eigene
Mannsein; dieses Sprechen macht sich allerdings nicht notwendig die Deutungen des Diskurses zu eigen.
Bevor die empirischen Rekonstruktionen präsentiert werden, gilt es zu
resümieren, was soziologische Theorie und Forschung zu Geschlecht und
Männlichkeit an Konzepten anzubieten haben. Diese werden im Sinne einer
sensibilisierenden Begrifflichkeit bei der Interpretation des empirischen Materials genutzt. Dies soll jedoch keine `tour d'horizon' durch die kaum noch
zu überblickende sozialwissenschaftliche Geschlechterforschung werden.
Vielmehr wird dargelegt, wie die Soziologie den Gegenstand `Mann' (nicht)
behandelt hat; wie und unter welchen Bedingungen sich das in der jüngsten
Vergangenheit zu ändern begonnen hat und welche theoretischen Modelle
gegenwärtig gehandelt werden. Ein besonderes Augenmerk wird hierbei auf
die Probleme zu richten sein, die sich aus einer allgegenwärtigen Verknüpfung von (Geschlechter-)Forschung und (Geschlechter-)Politik ergeben.
In Anschluß an das Bourdieusche Konzept des Habitus als inkorporierte
soziale Praxis wird auf der Schnittstelle des theoretischen und des empirisehen Teils der Begriff des männlichen Geschlechtshabitus entworfen, um
anschließend zu fragen, inwieweit unter den gegenwärtigen Geschlechterverhältnissen noch die Anwendungsbedingungen dieses Habitus gegeben sind.
Damit wird die vorliegende Studie in ihrem empirischen Teil auf eine Ebene
orientiert, der, wie Maihofer anmerkt, von der sozialkonstruktivistischen Geschlechterforschung nicht die gebührende Aufmerksamkeit zuteil wird. Maihofer (1994, S. 236) kritisiert, über der Frage, „wie Geschlechter gemacht
werden", werde vernachlässigt zu untersuchen, „wie Geschlechter als gewordene/werdende sind. D.h. die Rekonstruktion des Frau- oder Mannseins tritt
fast völlig in den Hintergrund". Um das Mannsein, dessen alltagsweltliche
Deutung und Bedeutung, geht es in dieser Arbeit.
Ein Mann, der die eigenen Geschlechtsgenossen zum Gegenstand soziologischer Forschung macht, wird nicht selten mit der Frage konfrontiert, wie
14
er es mit der `Betroffenheit' halte. Die vorliegende Arbeit will nicht zuletzt
zeigen, daß es möglich ist, auf der Basis des modernen Wissenschaftsbegriffs
eine nicht-androzentrische Analyse des Geschlechterverhältnisses vorzunehmen. Entgegen Simmels (1955, S. 214) Diktum, wonach das Männliche als
„das schlechthin Allgemeine ... sich nicht definieren" lasse, soll genau dies
versucht werden; allerdings nicht im Sinne einer Wesensbestimmung, sondern indem gefragt wird, wie das vermeintlich Allgemeine in sozialer Praxis
hergestellt wird.
15
ne Bestimmung des Wesens der Geschlechter, ein Denken in essentiellen
Kategorien bestimmt aber dennoch seine implizite, von ihm selbst nicht systematisch ausgearbeitete Geschlechtertheorie. Das erzeugt die mehrfach
festgestellte Spannung zwischen konsequent soziologischer Analyse und Geschlechterideologie.
Die Ansätze zu einer Soziologie des Geschlechts, die in den Werken der
Klassiker Tönnies, Simmel und Durkheim enthalten sind, sind von der sich
institutionalisierenden Soziologie des 20. Jahrhunderts zunächst nicht aufgenommen und weiterentwickelt worden. Erst um die Mitte des Jahrhunderts,
i m Rahmen der soziologischen Rollentheorie und hier insbesondere in den
Arbeiten von Talcott Parsons wird der Thematik der Geschlechterbeziehungen wieder größere Aufmerksamkeit zuteil. Ein expliziter Gegenstand von
Forschung und Theoriebildung wird die männliche Geschlechtsrolle.
Mit dem Konzept der Geschlechtsrolle verbindet sich ein Paradigma, das
in der sozialwissenschaftlichen Geschlechterforschung trotz aller Kritik, die
es erfährt, nach wie vor seinen Platz hat, das aktuell freilich mehr in der So
zialpsychologie als in der Soziologie vertreten ist. Die rezente soziologische
Diskussion wird von verschiedenen Varianten des Sozialkonstruktivismus
dominiert. Hier hat ein Paradigmawechsel stattgefunden, der in der amerikanischen Soziologie weitreichender vollzogen ist als in der deutschen. Aber
auch hierzulande kreisen zumindest die Theoriedebatten um die Frage, was
mit dem Konzept der sozialen Konstruktion gemeint ist und wie es empirisch
eingeholt werden kann.
2.1 Geschlechtsrollentheorie: Instrumentelle Orientierung und die
`Gefahren' der männlichen Geschlechtsrolle
An der Schnittstelle von soziologischer Rollentheorie und psychologischer
Geschlechterdifferenzforschung hat sich in den dreißiger und vierziger Jahren
dieses Jahrhunderts in den USA eine Forschung zur Entwicklung der Geschlechtsrollenorientierung entwickelt. Der Begriff der Geschlechtsrolle ist
das Konzept, das den sozialwissenschaftlichen Diskurs über das Geschlechterverhältnis bis in die jüngste Vergangenheit dominiert hat. Vor allem in der
psychologischen Diskussion waren Merkmale und Probleme der männlichen
Geschlechtsrollenidentifikation von Beginn an ein zentrales Thema. Pleck
(1987) bezeichnet das Konzept der männlichen Geschlechtsrollenidentität als
50
das dominante Erklärungsmodell der amerikanischen Psychologie zum Verständnis männlicher Erfahrung. Die rollentheoretische Fassung des Themas
Mann und Maskulinität zeichnet sich durch zwei Aspekte aus. Erstens: Die
Geschlechtsrolle wird als psychologische Entsprechung des biologischen Geschlechts verstanden; eine angemessene Geschlechtsrollenidentität manifestiert sich in Erwerb und Besitz derjenigen Eigenschaften und Attitüden, die
i m psychologischen Sinne das biologische Geschlecht bestätigen. Zweitens:
Dieser Fundierung in der Anatomie korrespondiert eine implizite Normativität des Konzepts der Geschlechtsrolle. Eine heterosexuelle Orientierung als statistischen und moralischen - Normalfall voraussetzend, wird nach den
Charakterzügen gefragt, die eine „gesunde" männliche Geschlechts-identität
ausmachen. Dies führt zur Entwicklung der bis heute in vielfältigen Modifikationen verwendeten Maskulinitäts- und Femininitätsskalen, deren items die
kulturellen Stereotype über männliche und weibliche Eigenschaften reproduzieren (vgl. Bierhoff-Alfermann 1989; Sieverding/Alfermann 1992) 4°. Als ein
normaler Mann gilt, wer hohe, aber keine extremen Werte auf der Maskulinitätsskala und geringe Werte auf der Femininitätsskala erreicht. Als Abweichungen von der männlichen Geschlechtsrolle werden sowohl Hypermaskulinität (z.B. übersteigerte Aggressivität) als auch Effeminierung (z.B. Konfliktvermeidung) gesehen. Als extremste Form der Abweichung gilt Homo40
Diese Skalen stellen die in der Sozialpsychologie vorherrschende Methode dar, um die Geschlechtsrollenidentifikation von Versuchspersonen zu messen. In die Testkonstruktion,
d.h. in die Formulierung und in die Auswahl der items, gehen massive stereotypisierende
Annahmen über Geschlechtscharaktere ein. Ein Vergleich der Test-items und der Eigenschaften, die der Geschlechterdiskurs des 19. Jahrhunderts als weibliche und als männliche
definiert hat, ergibt verblüffende Übereinstimmungen (vgl. die Übersichten bei BierhoffAlfermann 1989, S. 30ff. und Hausen 1976, S. 368). Folgte die Testkonstruktion zunächst
dem Prinzip der Bipolarität - ein item ist entweder Indikator für Femininität oder für Maskulinität, nicht aber für beides; niedrige Werte auf der Maskulinitätsskala indizieren ein hohes Maß an Femininität und vice versa -, so wird das heute zunehmend als ein Problem gesehen. Wer hohe Ladungen auf der Femininitätsskala aufweist, muß deswegen nicht notwendig niedrige Maskulinitätswerte haben. Gleichsam dem kulturellen Diskurs folgend, der
z.B. von weiblichen Anteilen beim Mann spricht, werden zweidimensionale Konzepte und
Androgynitätsskalen entwickelt. Eine Versuchsperson kann hohe Werte auf beiden Skalen
haben, auf der Feminünitäts- und auf der Maskulinitätsskala, und gilt dann als androgyn.
Maskulin ist, wer hoch auf der M- und niedrig auf der F-Skala lädt; für feminine Individuen gilt das umgekehrte. Wer auf beiden Skalen niedrige Werte erzielt, gehört zur Restkategorie der Undifferenzierten. Andere Reformulierungen der ursprünglichen Skalen verstehen
diese nicht mehr als Operationalisierung von Maskulinität und Femininität, sondern von instrumentellen und expressiven Persönlichkeitsmerkmalen.
Was sich geändert hat, sind die Kriterien, nach denen die Testergebnisse interpretiert werden,, weitgehend gleich geblieben sind aber die Inhalte der für Weiblichkeit und für Männlichkeit stehenden items. Herzlich, heiter, gefühlsbetont, sanft, kinderlieb, launisch usw.
findet man auf den Femininitätsskalen, aggressiv, besonnen, ehrgeizig, selbstsicher, stark
usw. auf den Maskulinitätsskalen. Eine soziologische Konzeptualisierung von Männlichkeit
wird man auf der Basis solcher Bestimmungen, die kulturell verankerte Stereotype wiederholen, nicht entwickeln können.
51
sexualität. Die Differenz zwischen homosexuellen und heterosexuellen Männern gleicht derjenigen zwischen Männern und Frauen.
Der Beginn des wissenschaftlichen Interesses an Problemen der männlichen Geschlechtsrollenidentifikation datiert in einer Epoche, als die amerikanische Gesellschaft mit einer massiven wirtschaftlichen Krise zu kämpfen
hatte, in der Zeit der „Großen Depression". Pleck (1987, S. 27) versteht diese
Krise nicht nur als eine ökonomische, sondern zugleich als eine gravierende
Unterminierung der institutionellen Basis der traditionellen Männerrolle. Der
Mann als Ernährer der Familie stand in Gefahr, diese Funktion nicht mehr erfüllen zu können4 ' . Unter anderen Auspizien und mit einer anderen Ausrichtung wiederholt sich gegenwärtig diese reaktive Anbindung sozialwissenschaftlicher Theoriebildung an eine Situation gesellschaftlichen Umbruchs in Gestalt der „men's studies", die ohne die feministische Infragestellung des
traditionellen Geschlechterarrangements wohl kaum entstanden wären (s.
Kap. 3.2). Diese explizite `Männerforschung' hat das Konzept der männlichen Geschlechtsrolle als leitendes Paradigma einer soziologischen Konzeptualisierung von Männlichkeit abgelöst. Insgesamt hat die Geschlechtsrollentheorie seit den siebziger Jahren einen Bedeutungsverlust erfahren (vgl.
Pleck 1987, S. 36), und zwar genau in dem Maße, in dem im Zuge der Frauenforschung zunächst klassentheoretische und dann konstruktivistische Perspektiven an Boden gewonnen haben.
In die Soziologie hat das Konzept der Geschlechtsrolle vor allem durch
die Arbeiten von Talcott Parsons Eingang gefunden. Mit der Verknüpfung
von psychoanalytischer Entwicklungstheorie und strukturfunktionalistischer
Soziologie hat Parsons die elaborierteste und theoretisch anspruchsvollste
Version der Geschlechlechtsrollentheorie vorgelegt. Parsons' Bezugsrahmen
ist nicht die Geschlechter-, sondern die Familiensoziologie. Die Sozialisation
in der Kernfamilie steht im Fokus, und der Aneignung der männlichen Geschlechtsrolle gilt eine besondere Aufmerksamkeit.
Die strukturfunktionalistische Perspektive auf Geschlechtsrollen im allgemeinen und auf die familialen Rollen von Frau und Mann im besonderen
fragt danach, welche Motivationen die Angehörigen beider Geschlechter
entwickeln müssen, damit die Reproduktion der Gattung gewährleistet ist
(vgl. Ritzer 1983, S. 226). Institutionalisierung von Heterosexualität sowie
die Tabuisierung von Homosexualität und von Inzest treten an die Stelle fehlender Instinktsteuerung. Für Parsons sind dies universell anzutreffende Muster, die im familialen Sozialisationsprozeß anzueignen sind. Normale Erwachsenensexualität zeichnet sich dadurch aus, daß die erotischen Bedürfnisse mit dem Wertsystem der Gesellschaft in Übereinstimmung stehen 4 z.
41
42
52
Wie der empirische Teil zeigen wird, hat die Funktion des Familienernährers in bestimmten
Männerwelten nichts an identitätsstiftender Funktion verloren (s. Kap. 7.2).
Eine anders strukturierte Sexualität bezeichnet Parsons (1964a, S. 225) als „regressiv".
„In its involvement in the sozial system in a larger way the erotic love relationship is
universally associated with marriage, reproduction, and parenthood. ... The erotic love
relationship itself is thus tied in with the acceptance of the parental roles and their responsibilities" (Parsons 1964a, S. 390).
Das ist der Bezugspunkt, von dem aus Parsons weibliche und männliche Geschlechtsrollen sowie deren Aneigung in der Primärsozialisation analysiert.
Die Sozialisation des Mädchens muß beispielsweise gewährleisten, daß dieses fähig wird, später eine reife Bindung („mature attachment") zu einem
Mann einzugehen (S. 224). Die Geschlechtsrollen erfahren ihre spezifische
Ausprägung im Hinblick auf die funktionalen Anforderungen des Gesellschaftssystems. Parsons nimmt an, daß die Familie im allgemeinen in der Lage ist, die Kinder entsprechend zu sozialisieren 43 .
Geschlechtsrollenorientierungen müssen in der Sozialisation erworben
werden und sind somit Produkt sozialer Praxis, sie haben aber einen Bezugspunkt in anatomischen Unterschieden, sind mithin nicht beliebig.
„Obwohl natürlich die anatomischen Unterschiede der Geschlechter fundamentale
Bezugspunkte für die Entwicklung von Orientierungen abgeben, ist es für das Kind
erforderlich, die Bedeutung dieser Fakten für die Verhaltenserwartungen zu erlernen,
von denen die Rollendifferenzierungen der beiden Geschlechter geprägt werden"
(Parsons 1968, S. 55).
Die soziale Geschlechtsrollendifferenzierung macht sich den anatomischen
Unterschied zu Nutzen, um die Rollen eindeutig bestimmten Kategorien von
Akteuren zuzuweisen, die Inhalte der Rollen sind jedoch durch jenen Unterschied nicht präformiert. Männliche und weibliche Geschlechtsrollen sind
entlang der Achse „instrumentell-adaptiv" versus „expressiv-integrativ" differenziert und folgen damit einem allgemeinen und elementaren Muster der
funktionalen Differenzierung sozialer Systeme (vgl. Parsons/Bales 1955, S.
22£) 44 . Instrumentelle Rollen sind vor allem auf die Verwirklichung von Systemzielen gerichtet, expressive auf die Integration der Gruppe. Parsons sieht
43
44
Die funktionalistische Perspektive bedeutet nicht, daß Parsons nicht auch die Möglichkeit
von Spannungen und Inkonsistenzen sieht. Diese sieht er vor allem in der Jugendkultur gegeben, für die er eine Art künstlicher Isolierung der romantischen Liebe von Heirat und
folgender Elternschaft diagnostiziert (vgl Parsons 1964a, S. 391). Da die Jugendphase aber
eine vorübergehende ist und gewöhnlich in eine normale Erwachsenenorientierung einmündet - in eine Berufsorientierung beim Mann, eine Familienorientierung bei der Frau
(vgl. Parsons 1964b, S. 71) -, stellen solche Abweichungen kein gravierendes Problem für
die Systemintegration dar.
Neuere Parsons-Interpretationen betonen, daß Parsons - anders als popularisierte Versionen
der Geschlechtsrollentheorie - die Geschlechtsrollen nicht als eine kulturelle Ausarbeitung
des biologischen Dimorphismus begreift (vgl. Connell 1995, S. 22), daß er Geschlecht
ebenso wie Alter und Verwandtschaft als sozial konstruiert konzipiert, da deren Bedeutung
interkulturell variiert (vgl. Johnson 1993, S. 117). Das heißt jedoch nicht, daß die Geschlechtsrollen von den anatomischen Unterschieden entkoppelt wären (s. auch Fn. 45).
53
hierin „die Hauptachse der Differenzierung von Geschlechtsrollen in allen
Gesellschaften" (1968, S. 58) 45 . Mit dem Erwerb der eigenen Geschlechtsrolle, der zugleich eine kognitive Aneignung des Systems der Geschlechtsrollendifferenzierung ist, wird dem Kind ein Grundprinzip funktionaler Differenzierung vermittelt. Die geschlechtliche Sozialisation ist also in einem fundamentalen Sinne eine Einübung in die Gesellschaft.
Die Geschlechtsrollenkategorisierung ist, „abgesehen vom Alter, die erste universalistische Kategorisierung, auf die das Kind stößt; sie ist von fundamentaler struktureller
Bedeutung für die Gesellschaft als Ganzes" (Parsons 1968, S. 56).
Parsons betont die Bedeutung der Geschlechtsrolle für die strukturelle Differenzierung von Gesellschaften, die ohne eine deutliche Unterscheidung
weiblicher und männlicher Rollen nicht möglich wäre. Wichtig sind hier die
Komponenten der Geschlechtsrolle, die auf die außerfamiliäre Sphäre bezogen sind. Die männliche Rolle erweist sich für Parsons in diesem Zusammenhang als wichtiger als die weibliche, denn die außerfamiliären Komponenten treten bei jener „unvermeidlich mehr hervor" (1968, S. 61). Die Unvermeidlichkeit resultiert aus der differentiellen Zuweisung instrumenteller
und expressiver Funktionen an die Geschlechter und aus der damit verbundenen Zuweisung öffentlicher und privater Rollen 46.
Die zentrale lebensgeschichtliche Aufgabe des Jungen sieht Parsons in
Anlehnung an die psychoanalytische Theorie der Überwindung des Ödipuskomplexes in der Ablösung von der Mutter, in der Überwindung einer ur
sprünglich weiblichen Identifikation. In diesem Zusammenhang betont er die
Notwendigkeit des „Vatersymbols". Die Vaterrolle stellt „zweifellos einen
der Grundsteine der sozialen Struktur dar - nicht nur in der Kernfamilie, sondern in allen Verwandschaftssystemen" (1968, S. 47). Die Bedeutung des
45
46
54
Parsons kritisiert an dieser Stelle Margaret Meads These, derzufolge es Gesellschaften gibt,
in denen die Zuweisung von instrumentellen und expressiven Funktionen an die Geschlechter genau umgekehrt zu der von Parsons behaupteten allgemeinen Regel geschieht.
Parsons erscheint dies „zweifelhaft in Anbetracht der weiblichen Funktionen bei der Fürsorge für das Kind" (1968, S. 58, Fn. 2). Wenn auch die anatomischen Unterschiede keine
Inhalte von Geschlechtsrollen vorgeben, so stellt sich Parsons die Zuweisung der elementaren Funktionen an die Geschlechter dennoch nicht als losgelöst von körperlichen Voraussetzungen dar. An anderer Stelle bemerkt er zum Symbolismus des Geschlechtsverkehrs,
der Mann in seiner instrumentellen Rolle sei der Initiator, „with his penis as instrument, the
main active ` giver of pleasure' to both partners; ... The woran, an the other hand is not
only typically more passive and receptive, but by admitting the penis and ` embracing' it in
her vagina, she may be said to be symbolizing her acceptance of the relationship and of her
partner in it" (Parsons/Bales 1955, S. 151, Fn. 11). Anatomische Unterschiede prädestinieren zumindest für die Zuweisung differenter sozialer Funktionen.
Und auch innerhalb der Berufssphäre wiederholt sich dieses Muster. Typische Frauenberufe wie Lehrerin, Sozialarbeiterin, Krankenschwester, Sekretärin haben starke expressive
Komponenten und stehen zu männlichen Rollen oft in einer unterstützenden Funktion (vgl.
Parsons/Bales 1955, S. 15, Fn. 13).
Vatersymbols ist nicht auf die Beziehung zu den Kindern begrenzt. Über den
sozialisatorischen und den familiären Aspekt hinaus ist der Vater eine symbolische Figur von allgemeiner kultureller Tragweite. Der jüdisch-christliche
Gott-Vater verdeutlicht dies eindringlich (vgl. S. 68)4 '.
Was den Vater für die Geschlechtsrollensozialisation bedeutsam macht,
ist nicht allein seine Position innerhalb der Familie, sondern, daß seine
männliche Rolle - anders als die weibliche Rolle der Mutter - über die Grenzen der Familie hinausweist.
Der Vater ist „als Mann mit besonderer Beziehung zu seiner Rolle außerhalb der Familie und zu den kulturellen Werten, die er hinsichtlich extrafamiliarer Angelegenheiten vertritt, der entscheidende Mittelpunkt für das Kind" (Parsons 1968, S. 62).
Aus der Verbindung familialer und öffentlicher Rollen erwächst dem Vater
eine doppelte Bedeutung für den geschlechtlichen Sozialisationsprozeß. Insofern als seine Berufsrolle Teil der Familienrolle ist (Ernährer der Familie),
wird er zum „instrumentellen Führer" des Familiensystems (vgl. Parsons/
Bales 1955, S. 13). Er ist erstens die Autoritätsfigur in der Familie, die dem
Kind - so Parsons in Anlehnung an die psychoanalytische Theorie - zur Ablösung von der Mutter verhilft; und ihm kommt zweitens die Funktion zu, gesellschaftliches Rollenmodell zu sein (Identifikationsfigur für den Jungen,
Männlichkeitsideal für das Mädchen). Der Vater ist für die Kinder der „Prototyp der `Männlichkeit"` (S. 56), er symbolisiert aber auch Statusdifferenzen. Eine ambivalente Haltung der Kinder gegenüber der Vatergestalt ist die
Folge - zwischen Bewunderung und Angst, zwischen Respekt und Aggression.
Der universalistisch orientierte Vater hat als Mittler zwischen der auf
unmittelbare Gegenseitigkeit gegründeten Welt der Familie und der durch
ökonomische Rationalität geprägten Welt des Berufs die Funktion, den Kin
dern die Wertorientierungen der Erwachsenenwelt zu vermitteln (vgl. Parsons
1964a, S. 224). In Gestalt des Vaters kommt das Leistungsprinzip innerhalb
des familiären Raums zur Geltung. Die Mutter ist dazu wegen ihrer stärker
partikularistischen Orientierung nicht in der Lage. Da ihre Rolle auf den Binnenraum der Familie bezogen ist, kann sie universalistische Prinzipien, die
für strukturell differenzierte Systeme typisch sind, nicht in dem Maße repräsentieren wie der Vater.
Diese Funktionsbestimmug gilt zunächst für die Beziehung des Vaters
zur Tochter wie zum Sohn 48 . Für den Jungen erweist sich der Vater von wei47
48
Parsons sieht die Macht dieses Symbols in Zusammenhang damit, „daß die Bindung der
Kultur an das Verwandtschaftssystem als solches überwunden wurde" (1968, S. 68).
In dem Aufsatz über das „Vatersymbol" (Parsons 1968, S. 46-72), in dem Parsons über
dessen Bedeutung für die Geschlechtsrollensozialisation schreibt, findet eine interessante,
aber vom Autor nicht kenntlich gemachte Perspektivenverschiebung statt. Der Aufsatz befaßt sich auf den letzten Seiten nur noch mit der Vater-Sohn-Beziehung bzw. mit der Be55
tergehender Bedeutung. Die Übernahme der männlichen Geschlechtsrolle geschieht im Modus der „`Identifizierung' mit dem Vater" als Verinnerlichung
einer allgemeinen Vaterrolle („exrafamiliäre Komponente") und als Verschmelzung „mit dem allgemeinen Muster der männlichen Rolle in der jeweiligen Gesellschaft" („extrafamiliäre Komponente") (Parsons 1968, S. 67).
Eine positive Geschlechtsrollenidentifizierung sieht Parsons nicht nur als
wichtig an, um Selbstverstrauen in der eigenen Geschlechtsrolle zu entwikkeln. Im Hinblick auf soziale Integration sind drei weitere Aspekte bedeutsam. Eine positive Identifikation ist Voraussetzung dafür, erstens, daß die
Rolle adäquat ausgefüllt werden kann, vor allem in ihrem relationalen Gehalt,
in ihrer Bezogenheit auf die weibliche Komplementärrolle, zweitens, daß eine Bereitschaft zur späteren eigenen Übernahme einer Vaterrolle ausgebildet
wird, und drittens, daß weitere Rollenspezifizierungen entwickelt werden
(vgl. S. 69) 49 .
Wie wichtig für Parsons eine positive, d.h. den Normen von Heterosexualität und Reproduktionswilligkeit verpflichtete Geschlechtsrollenidentifikation des Mannes ist, zeigt die Beschreibung eines Negativbeispiels für
mißlungene Geschlechtsrollensozialisation.
„Es darf ... vermutet werden, daß die typische Haltung des sogenannten `Wolfs' gegenüber Frauen, um ein vertrautes amerikanisches Beispiel zu nehmen, ein fundamental ambivalentes Verhältnis zur Männlichkeit einschließlich der eigenen Übernahme einer Gatten-Vater-Rolle offenbart. Die positive Seite kommt in dem Bedürfnis zum Ausdruck, Frauen zu beeindrucken und zu beherrschen, die negative in der
Unfähigkeit, die normale Verantwortung zu akzeptieren, die zu einer sozial integrierten geschlechtlichen Beziehung gehören sollte, und oft in dem unbewußten Verlangen, Frauen zu verletzen, sie zu verführen und dann zu verlassen. Es dürfte wahrscheinlich sein, daß ein derartiges Muster in der Regel eine unvollständige Identifizierung mit einer stabilen Vatergestalt, vielleicht auch eine Komponente femininer Identifizierung enthält, der gegenüber die übertriebene und verzerrte Männlichkeit eine
49
56
deutung des Vatersymbols für die Aneignung der männlichen Geschlechtsrolle. Man
könnte argumentieren, daß dies die unterschiedliche Bedeutung des Vaters für weibliche
und männliche Geschlechtsrollensozialisation reflektiert. Dies allerdings tut Parsons nicht,
er begründet seine Perspektivenbegrenzung nicht. Man mag das als einen impliziten `male
bias' der Parsonsschen Theorie bezeichnen. Allerdings hebt Parsons sich von einer in den
Sozialwissenschaften verbreiteten und unter dem Stichwort von der `Männlichkeit der
Wissenschaft' kritisierten Praxis in gewisser Weise ab. Auf männliche Erfahrungswelten
bezogene Aussagen werden nicht umstandslos zu allgemeinen, geschlechtsneutralen Thesen generalisiert, die Geschlechtsbezogenheit bleibt deutlich sichtbar.
Erste weitere Rollendifferenzierungen finden nach Parsons im Anschluß an die familiale
Primärsozialisation statt. Voraussetzung ist freilich eine klare Geschlechtsrollenidentität.
„Das nach-ödipale Kind tritt eindeutig als Junge oder Mädchen kategorisiert in das System
der formalen Erziehung ein, aber weiter ist seine Rolle noch nicht differenziert" (Parsons
1968, S. 166). Bei Schuleintritt ist das Geschlecht die einzige Basis einer formellen Statusdifferenzierung. Eine strukturelle Differenzierung erfolgt dann zunehmend nach dem Kriterium der Leistung.
Reaktionsbildung darstellt. Mit anderen Worten, der Wolfdürfte häufig latent homosexuell sein" (1968, S. 69).
Eine positive männliche Geschlechtsrollenidentifikation kombiniert maskuline Dominanz mit Verantwortlichkeit für Frau und Familie. Sowohl Homosexualität als auch Machismo (Frauen verführen und dann verlassen) stellen
Abweichungen dar. Parsons entwirft ein - implizit normatives - Modell einer
Einheitsmaskuiinität, demgegenüber andere Formen als „übertriebene und
verzerrte Männlichkeit" erscheinen. Innerhalb des Rahmens dieses einheitlichen Modells sind freilich Variationen möglich. Der Inhalt der Männerrolle
„wird entsprechend der Rollenstruktur der Gesellschaft stark variieren" (S.
67). Heterosexualität, Reproduktionswilligkeit und Verantwortlichkeit für
Ehe und Familie stellen allerdings universale Grundpfeiler der männlichen
Geschlechtsrolle dar1o.
Parsons familiensoziologisch und sozialisationstheoretisch fundierte
Ausarbeitungen des Konzepts der Geschlechtsrollenorientierung lassen ein
Konzept von Männlichkeit erkennen, das diejenigen Eigenschaften, die bei
dem amerikanischen middle class-Mann der fünfziger Jahre (Angestellter und
Vater in einer Kleinfamilie mit nicht berufstätiger Mutter) zweifelsohne typischerweise zu beobachten gewesen sind, zu transhistorischen und transkulturellen Attributen der männlichen Geschlechtsrolle hypostasiert. Das sind im
einzelnen: eine universalistische Orientierung, affektive Neutralität, instrumentelle Zielverfolgung, Betonung von Leistung. Wie bereits die Tönniesschen Dichotomien" und wie Simmels These vom Mann als dem differenzierteren Geschlecht reflektieren auch die Parsonsschen Ausführungen in
gewisser Hinsicht eine gesellschaftliche Praxis, versäumen es aber, diese
Praxis als eine gesellschaftliche zu benennen, d.h. zu berücksichtigen, daß sie
wie alle Praxis kontingent ist.
Die Parsonssche Geschlechtsrollentheorie faßt Männlichkeit implizit als
Leistung und damit als etwas, was ein Mann, wie das Beispiel des „Wolfs"
zeigt, auch verfehlen kann. Es ist nicht zufällig, daß Parsons sich explizit mit
Problemen der männlichen Geschlechtsrollenidentifikation befaßt, nicht aber
mit solchen der weiblichen. Wie schon bei Tönnies, bei Simmel und bei
Durkheim erscheint Weiblichkeit eher als unmittelbar gegeben, von daher
auch nicht zu verfehlen 5 z. Auch spricht Parsons von gesellschaftlichen Varia50
51
52
An anderer Stelle bemerkt Parsons, der Inhalt von Maskulinität und Femininität habe sich
in der amerikanischen Familie geändert, das Prinzip der Differenzierung sei jedoch keineswegs ungültig geworden (vgl. Parsons/Bales 1955, S. 24).
Den Parsonsschen „pattern-variables" liegt eine ähnliche Logik zugrunde wie den Tönniesschen Dichotomien von Gemeinschaft und Gesellschaft (vgl. Jensen 1 980, S. 59).
Eine feministische Fortführung dieses Denkens stellt Chodorows (1985) bekannte Schrift
„Das Erbe der Mütter" dar. An Freud, aber auch an Parsons anknüpfend, beschreibt sie den
Prozeß der Ablösung des Jungen aus der primären Mutterbindung als einen krisenhaft verlaufenden Prozeß, der dem Jungen Anstrengungen abverlangt, die das Mädchen, das das
57
tionen nur bei der männlichen Rolle. Das korrespondiert mit der Annahme,
daß Differenzierung ein Prinzip instrumenteller, nicht aber expressiver Rollen
ist (vgl. Zahlmann-Willenbacher 1979, S. 66). Der Rahmen der weiblichen
Erwachsenenrolle ist spätestens mit der Heirat gesetzt.
„Mit der Heirat ist der grundsätzliche Status der Frau festgelegt, und danach geht es in
ihrem Rollenmuster nicht mehr so sehr um Statusbestimmung, als vor allem darum,
entsprechend den an sie gestellten Erwartungen zu leben und dabei befriedigende Interessen und Tätigkeiten zu finden" (Parsons 1964b, S. 77).
Zwar sieht Parsons, daß auch die weibliche Erwachsenenrolle Elemente von
Spannung und Unsicherheit enthält, diese manifestieren sich aber anders als
beim Mann, nämlich in neurotischem Verhalten. Solches Verhalten stellt aber
keine Abweichung von der Rolle dar, wie es Homosexualität oder Machismo
beim Mann sind.
Wie generell bei Parsons die Betonurig der normativen Integration der
Gesellschaft auf Kosten einer Analyse von Macht- und Herrschaftsverhältnissen geht, so auch in seiner Geschlechtsrollentheorie. Seine familiensoziologi
schen Arbeiten thematisieren Machtaspekte nur im Verhältnis der Generationen, nicht aber in dem der Geschlechter. Zumindest für die amerikanische
Familie diagnostiziert er ein nahezu vollständiges Machtgleichgewicht von
Frau und Mann. Den Grund sieht er in der hohen Bedeutung, die universalistischen Werten in dieser Gesellschaft zukommt (vgl. Parsons/Bales 1955, S.
152). Der Vater ist Familienoberhaupt nur in dem Sinne, daß er die Familie
repräsentiert und daß er für deren Unterhalt zuständig ist, nicht aber in dem
Sinne, daß er sie dominiert. Parsons verkennt, daß die Differenzierung der
Funktionen entlang der Achse instrumentell/expressiv dem Mann in seiner
instrumentellen Rolle Macht gegenüber der Frau in ihrer expressiven Rolle
verleiht, zumindest unter den Bedingungen der Kleinfamilie in einer industrialisierten Gesellschaft. Allerdings wäre eine solche Analyse auf der Basis
seiner Begrifflichkeit durchaus möglich (vgl. Johnson 1993, S. 124f.). Abgesehen davon, daß Parsons Machtstrukturen hätte beobachten können, vor allem die ökonomische Abhängigkeit der Ehefrau, fällt er konzeptionell hinter
die Simmelsche Einsicht zurück, daß in einem sozialen Verhältnis eine Seite
sich zum Absoluten aufschwingt und in der Normierung der Relation die andere Seite dominiert (s. Kap. 1.2). Aber auch in seinem eigenen Modell
kommt den expressiven Rollen eine unterstützende Funktion für die instruIdentifikationsobjekt nicht wechseln muß, nicht auf sich nehmen muß. Oberhaupt haben
Parsonssche Konzepte einen größeren Widerhall in der feministischen Theoriebildung gefunden, als man anzunehmen geneigt ist. Gilligans (1984) Unterscheidung einer weiblichen
Fürsorge- und einer männlichen Gerechtigkeitsmoral weist den Geschlechtern Eigenschaften zu, die sich auf der Achse expressiv/instrumentell abbilden lassen. Freilich nimmt der
feministische Diskurs eine Umwertung vor. Die Gleichwertigkeit, wenn nicht Höherwertigkeit expressiver Werte wird betont.
58
mentellen zu, so daß sich schwerlich eine Gleichwertigkeit der beiden annehmen läßt, zumindest nicht unter den Bedingung einer männlich dominierten Gesellschaft (vgl. Tuana 1993, S. 284f.) 53 .
Obwohl die Geschlechtsrollentheorie und auch Parsons - entgegen einem
verbreiteten Mißverständnis - weder den Wandel von Geschlechtsrollen noch
Phänomene wie Rollenkonflikt und Rollenstress ausblenden 54 , ist das funk
tionalistische Verständnis gleichwohl von der Annahme einer prinzipiellen
Gleichgerichtetheit von sozialen Institutionen, Rollennormen und Persönlichkeitsstrukturen bestimmt (vgl. Connell 1995, S. 23). Erst in Folge der feministischen Kritik sowohl am Geschlechterverhältnis selbst als auch an dem
theoretischen Konzept, mit dem die Sozialwissenschaften dieses Verhältnis
begrifflich fassen", stehen Wandel, Rollenstress, vor allem aber der Aspekt
der Macht im Fokus der Diskussion über Geschlechtsrollen. Und in Reaktion
auf' die feministische Kritik expandiert in den siebziger Jahren die Forschung
zur männlichen Geschlechtsrolle. Die männliche Geschlechtsrolle wird neu
und in kritischer Perspektive vermessen. Große Popularität, nicht nur innerhalb der sozialwissenschaftlichen Diskussion, erlangt Brannons (1976) Bestimmung von vier normativen Dimensionen: „No sissy stuff ` meint die
Vermeidung alles Weiblichen. Diese Negativabgrenzung stellt die elementarste Norm dar, wichtiger als die folgenden positiv formulierten Erwartungen.
„The big wheel" steht für Erfolgs- und Statusorientierung, für Überlegenheit
gegenüber anderen, „the sturdy oak" für Härte, Unabhängigkeit und Selbstvertrauen und „giv ` ein hell" für Aggressions- und Risikobereitschaft, auch
für Bereitschaft zu Gewalt, sollte diese `nötig' sein. Die positiv formulierten
Erwartungen verweisen auf instrumentelle Orientierung und Aktivität.
Diese neue Forschung zur männlichen Geschlechtsrolle fragt des weiteren danach, welche Folgen der soziale Wandel des Geschlechterverhältnisses
53
54
55
Luhmann (1988, S. 49) bemerkt, „daß anschlußfähige Unterscheidungen eine (wie auch
i mmer minimale, wie immer reversible) Asymmetrisierung erfordern". Eine Unterscheidung der Geschlechter nach expressiven und instrumentellen Rollen ist nicht neutral hin
sichtlich der Dimensionen von Macht, Herrschaft und Ungleichheit, zumindest solange
nicht, wie Geschlecht selbst ein potentiell omnirelevantes Strukturmerkmal sozialer Interaktion und Organisation ist.
In seinem 1942 erschienenen Aufsatz über „Alter und Geschlecht in der Sozialstruktur der
Vereinigten Staaten" befaßt sich Parsons (1964b) eingehend mit der Modernisierung der
weiblichen Rolle und geht auch auf Probleme der Männerrolle ein. - Eine andere Frage ist,
inweiweit das Konzept der Geschlechtsrolle selbst das begriffliche Instrumentarium bereithält, um Prozesse sozialen Wandels erklären zu können (s.o.).
Die feministische Kritik - genausowenig wie man von Klassen- oder Rassenrollen spreche,
mache es Sinn, von Geschlechtsrollen zu sprechen; die Rollenbegrifflichkeit vernachlässige
notwendig das Element der Unterdrückung im Geschlechterverhältnis - hat paradoxerweise
zumindest nicht zu einem quantitativen Bedeutungsverlust der Geschlechtsrollenforschung
geführt. Auch wenn das Konzept in der feministischen Theoriebildung eher das Dasein eines `armen Verwandten' fristet, „sex role research boomed as never before with the growth
of academic feminism" (Connell 1995, S. 23).
59
für den Mann hat. Dabei gilt als empirischer Kontrolle nicht zu unterziehende
Prämisse: „Sex roles are reciprocal in any society. Changes taking place
among women inevitably affect men" (Harrison 1978a, S. 324). Auf diesem
Hintergrund sind die popularisierten Thesen über eine weit verbreitete Krise
des Mannes oder über die männliche Inexpressivität entstanden. Dem liegen
oft simple Umkehrschlüsse zugrunde. Wenn die weibliche Rolle sich durch
Expressivität auszeichnet, dann die männliche durch das Gegenteil. Wenn
Frauen die Vorherrschaft des Mannes attackieren, dann kann dies nicht ohne
Auswirkungen auf Seiten der Männer bleiben. Der empirische Teil wird zeigen, daß solche Schlüsse vielfach Kurzschlüsse sind, daß sie zumindest unzulässig generalisieren. Daß weibliche und männliche Rollen nicht in einem
Verhältnis `kommunizierender Röhren' zueinander stehen, verdeutlicht auch
eine Studie von Thompson und Pleck (1987) über männliche Rollennormen,
die mit Hilfe einer Geschlechtrollenskala ermittelt werden. Als Ergebnis halten die Autoren fest, daß „moderne" Einstellungen gegenüber Frauen mit traditionellen gegenüber Männern einhergehen können, daß ein Wandel der
Einstellungen zu Frauen nicht notwendig einen ebensolchen hinsichtlich des
eigenen Geschlechts nach sich zieht.
Die Folgen, die der Wandel des Geschlechterverhältnisses für die Männer hat, werden unter den Stichworten Rollenkonflikt und Rollenstress thematisiert. Zwang und negative Aspekte der Männerrolle werden in den Fokus
der Aufmerksamkeit gerückt (vgl. O'Neil 1982, Solomon 1982). In einer
zeitdiagnostischen Perspektive wird konstatiert, daß seit den siebziger Jahren
Kannsein bedeutet, mit einer Fülle von Unsicherheiten und widersprüchlichen Anforderungen leben zu müssen. Zwar sind Männer nicht Opfer geschlechtlicher Diskriminierung, aber durch die rigide Geschlechtsrollensozialisation erfahren auch sie Unterdrückung. Trotz veränderter Geschlechterverhältnisse sind nur wenige neue Rollen entstanden, so daß ein defensives
Verhalten der Männer vorherrscht. Der männlichen Geschlechtsrolle werden
krankmachende Eigenschaften attestiert. „Warning: the male sex role may be
dangerous to your health" lautet der Titel eines im „Journal of Social Issues"
erschienen Aufsatzes (Harrison 1978b). Eine hohe Übereinstimmung zwischen dem „Idealbild des traditionellen Mannes" und der „Risikopersönlichkeit des Infarktpatienten" wird entdeckt (vgl. Raisch 1986, S. 86f.). Die höhere Suizidrate des Mannes wird auf der Folie von Rollenstress interpretiert.
Basis für Geschlechtsrollenstress und -konflikt sei die Angst vor Weiblichkeit, Äußerungsformen seien eine restriktive Emotionalität, Homophobie,
Kontroll- und Machtstreben sowie ein restriktives Sexualverhalten (insbesondere Phallusfixierung).
Diese Beschreibung der männlichen Geschlechtsrolle unterscheidet sich
von derjenigen, wie sie etwa Parsons gibt, darin, daß sie die instrumentellen
Aspekte der männlichen Rolle nicht im Hinblick auf ihre Funktionalität für
ein soziales System analysiert, sondern in ihrer Wirkung auf die individuelle
60
männliche Psyche. Die implizit positive Konnotation von Instrumentalität erfährt dabei eine Umdeutung ins Defizitäre. Mit dieser Tendenz steht diese
Forschung zur männlichen Geschlechtsrolle der populären Männerliteratur
sehr nahe, die sich ebenfalls in den siebziger Jahren entwickelt hat (vgl. Kap.
6.1). Wissenschaftliche Forschung und popularisierender Diskurs sind eng
miteinander verbunden, wie die zitierte Warnung vor den Gefahren der Männerrolle zeigt56. Am deutlichsten wird diese Verwobenheit anhand der These
von der Krise des Mannes. Es gilt als ausgemacht, daß es eine solche gibt und
daß sie in den letzten Jahrzehnten immer größer geworden ist (vgl. Brittan
1989, S. 25) 57.
Trotz des seit den siebziger Jahren zu verzeichnenden immensen Anstiegs an Arbeiten, die eine kritische Perspektive auf Rollennormen beinhalten, erfährt die Geschlechtsrollentheorie unvermindert Kritik sowohl von
seiten der Frauenforschung als auch von seiten der ebenfalls in den Siebzigern entstandenen ` men's studies'. Diese Kritik richtet sich auf Schwachstellen des grundlegenden Konzepts, das im übrigen seit den Arbeiten Parsons keine entscheidende Weiterentwicklung erfahren hat (vgl. Connell 1987,
S. 49ff.; 1995, S. 24ff.; Kimmel 1987b, S. l lff., Stacey/Thome 1985; West/
Fenstermaker 1993, S. 153ff.):
Die Geschlechtsrollentheorie verfügt über keine Begrifflichkeit, um
Macht-, Herrschafts- und Ungleichheitsverhältnisse zu analysieren. Dem
steht die Idee der Komplementarität der weiblichen und der männlichen
Rolle entgegen. Wenn Aspekte von Macht und Oppression thematisiert
werden, dann geschieht das mit dem Tenor, daß die Geschlechtsrollen an
sich und für beide Geschlechter gleichermaßen unterdrückende Effekte
haben, indem sie einer freien Entfaltung des Selbst entgegenstehen58. Eine Analyse von Macht und Herrschaft in gesellschaftstheoretischen Kategorien findet nicht statt.
Biologisches Geschlecht (sex) und soziales Geschlecht (gender) werden
nicht deutlich voneinander unterschieden. Indem alle Erscheinungsformen von Männlichkeit und Weiblichkeit auf einen einzigen Dualismus
von zwei homogenen Kategorien reduziert werden, entsteht eine Parallelisierung der Geschlechtsrollen mit dem biologischen Dimorphismus. In
56
57
58
In einer Literaturbesprechung zum Thema Männerrolle und Männerleben finden wissenschaftliche, populärwissenschaftliche und sonstige Bücher gleichermaßen Berücksichtigung
(vgl. Harrison 1978a). Zur Absicherung der eigenen Thesen wird häufig auf Bücher der
` Bewegungsliteratur' verwiesen.
Eine rollentheoretische Beschreibung dieser Krise gibt Pleck (1981) in seinem für den sozialwissenschaftlichen Männlichkeitsdiskurs wichtigen Buch „The Myth of Masculinity".
Diesem Verständnis von Unterdrückung liegt die Konzeption eines außergeseilschaftlichen
Ichs zugrunde, das gegenüber der „ärgerlichen Tatsache der Gesellschaft" (Dahrendorf
1974. S. 20) von vornherein auf verlorenem Posten steht.
61
Entsprechung zu diesem wird ein Modell von zwei fixierten, statischen
und sich gegenseitig ausschließenden sets von Rolleninhalten formuliert.
Die Statik des Konzepts macht es unfähig, einen Wandel des Geschlechterverhältnisses zu erklären. Dieser geschieht mit den Geschlechtsrollen
und verändert sie, z.B. als Folge von Entwicklungen im ökonomischen
oder technologischen Bereich. Der Wandel kann nicht als Ergebnis eines
Prozesses erfaßt werden, der im Geschlechterverhältnis selbst abläuft.
Bedingt durch die dem funktionalistischen Rollenmodell inhärente Idee
einer normativen Integration der Gesellschaft beziehen sich die Forschungen allein auf die Ebene von Erwartungen und Normen. Deren
Konsequentialität und Effektivität für die soziale Praxis wird angenommen, nicht aber empirisch überprüft.
Zahlreiche Arbeiten innerhalb der Geschlechtsrollentheorie (nicht Parsons!) tendieren dazu, Rollenattribute als individuelle Eigenschaften der
Person zu begreifen; eine Perspektive, die für die allgemeine Rollentheorie nicht typisch ist. Das hängt zum einen mit der Rückbindung an das
biologische Substrat zusammen, zum anderen damit, daß Geschlechtsrollen, sobald sie erworben sind, lebenslang gültig sind. Der Terminus
„sex role", dem erst in jüngster Zeit mit demjenigen der „gender role"
Konkurrenz erwachsen ist, reflektiert die Zuweisung von Rollenattributen ad personam auf begrifflicher Ebene.
In der allgemeinen Rollentheorie ist eine soziale Rolle auf eine bestimmte Position in einer bestimmten interaktiven Konstellation bezogen
und betrifft den Rollenträger nur in bestimmten Segmenten seines sozialen Handelns (Lehrerrolle, Vaterrolle). Die potentielle Omnirelevanz der
Geschlechtsrolle macht virtuell jede soziale Situation zu einem Anwendungsfall und damit das gesamte Handeln eines Akteurs zum Geschlechtsrollenhandeln. Damit verliert die Kategorie an diskriminierender Schärfe.
2.2 Die soziale Konstruktion von Geschlecht. Männliche Dominanz
und das Arrangement der Geschlechter
Unter den theoretischen Ansätzen in der Soziologie sind die sozialkonstruktivistischen des Symbolischen Interaktionismus und der Ethnomethodologie
diejenigen, die der Geschlechterthematik die größte Aufmerksamkeit gewidmet haben. Das gilt für die Anzahl einschlägiger Arbeiten, vor allem aber
hinsichtlich des Stellenwerts, den dieser Gegenstand für die Theoriebildung
hat. Während die zuvor diskutierten Theorien die gesellschaftliche Tatsache,
daß es zwei und nur zwei Geschlechter gibt, als selbstverständlich voraussetzen, um auf dieser Basis nach Unterschieden zu suchen, impliziert die These
von der sozialen Konstruktion des Geschlechts, daß die Konstitution der
62
Zweigeschlechtlichkeit selbst zum Topos der Forschung und der Theoriebildung gemacht wird. Das Selbstverständliche wird heuristisch in etwas Unwahrscheinliches, höchst Voraussetzungsvolles transformiert. Nicht nur das
Verhältnis von Über- und Unterordnung, die Geschlechtszugehörigkeit selbst
wird als soziale Konstruktion verstanden.
Diese Perspektive ist vor allem von der Ethnomethodologie stark gemacht worden, zuerst von Harold Garfinkel (1967, S. 116ff.) in seiner Fallstudie über Agnes, eine Mann-zu-Frau-Transsexuelle. Für die Ethnometho
dologie stellt das „passing" der Transsexuellen, das Überschreiten der Geschlechtsgrenzen, gleichsam ein unter Alltagsbedingungen ablaufendes Krisenexperiment dar. Durch die Rekonstruktion der Normalisierungsleistungen,
welche die Transsexuellen erbringen müssen, um im angestrebten Geschlecht
als kompetente und berechtigte Mitglieder akzeptiert zu werden, zeigt die
Ethnomethodologie, daß Geschlechtszugehörigkeit mittels bestimmter Praktiken im Alltagshandeln und in Kooperation aller Beteiligten interaktiv hergestellt wird.
Die Ausgangsfrage ethnomethodologischer Geschlechterforschung lautet: „How is a social reality rohere there are two, and only two, Benders constructed?" (Kessler/McKenna 1978, S. 3) Gefragt wird nach den Kriterien, an
denen die Unterscheidung zwischen den Geschlechtern im Alltag festgemacht, nach denen Geschlechtszuschreibungen in sozialen Interaktionen vorgenommen werden. Die Bedeutung der primären und der sekundären Geschlechtsmerkmale, also von biologisch fundierten Kriterien, wird insofern
als eher gering dargestellt, als es nicht Informationen über diese Merkmale
sind, die den Handelnden in Interaktionen normalerweise zur Verfügung stehen. Dennoch ist in einem anderen Sinne Geschlechtszuschreibung wesentlich „Genitalzuschreibung", weil im Alltagswissen eine entsprechende Verknüpfung vorgenommen wird. Da die primären Geschlechtsmerkmale in der
Mehrzahl alltäglicher Interaktionen nicht sichtbar sind, sprechen Kessler und
McKenna von „kulturellen Genitalien" (S. 153f.). Auf der Basis einer experi mentellen Studie, in der Versuchspersonen Zeichnungen von Figuren vorgelegt bekamen, denen `eindeutige' primäre Geschlechtsmerkmale fehlten
oder bei denen primäre und sekundäre nicht zusammenpaßten (z.B. Penis und
Busen), und in der die Versuchspersonen aufgefordert wurden, das Geschlecht der jeweiligen Figur zu benennen, kommen Kessler und McKenna
zu dem Schluß, daß unter den kulturellen Genitalien dem Penis Priorität zukommt. Den „male response blas", nur den Penis als einen eindeutigen Geschlechtsmarkierer zu sehen, bezeichnen sie als ein integrales Element der
sozialen Konstruktion von Geschlecht: diese ist - zumindest in der abendländischen Kultur - zugleich die Konstruktion einer männlich dominierten Ordnung. Als generelle Devise alltäglicher Geschlechtswahrnehmung gilt: „See
someone as female only rohen you cannot see them as male" (S. 158). Dem
liegt nicht etwa eine größere Sichtbarkeit und Offensichtlichkeit männlicher
63
Geschlechtsmerkmale zugrunde, sondern die Konstruktion von Geschlecht
geschieht in einer Weise, daß männliche Körpermerkmale als die offensichtlicheren wahrgenommen werden. „In the social construction of gender `male'
is the primary construction" (S. 159) 59.
Wie die Ethnomethodologie allgemein den prozessualen Charakter sozialer Wirklichkeit betont (`Vollzugswirklichkeit'), so auch beim Geschlecht,
indem sie von „doing gender" spricht"' (West/Zimmerman 1987): Ein Ge
schlecht hat man nur, indem man es tut. Geschlecht wird als praktischmethodische Routine-Hervorbringung („accomplishment") begriffen, die auf
fortdauernder Interaktionsarbeit der Handelnden beruht. In der Beherrschung
der entsprechenden Praktiken erweist sich die (geschlechtsbezogenene)
Handlungskompetenz der Gesellschaftsmitglieder. Gegenstand der Analyse
sind nicht individuelle Handlungsvollzüge, sondern Interaktionsverhältnisse
und institutionelle Arrangements. Geschlecht wird als emergierende Eigenschaft sozialer Situationen, „doing gender" als unvermeidliche Aufgabe in
jeder Situation verstanden"' (vgl. West/Zimmerman 1987; West/Fenstermaker 1993; 1995).
Die ethnomethodologische Analyse löst auch die vertraute sex-genderUnterscheidung konstruktivistisch auf. Gewöhnlich wird mit „sex" das biologische Substrat und mit „gender" die soziale Zugabe, Ausarbeitung, Ober
formung bezeichnet. Die Differenz der Geschlechter als solche und nicht nur
die Zuweisung binär codierter Eigenschaften zu vorhandenen Geschlechtern
ist der ethnomethodologischen Sichtweise zufolge sozial erzeugt. Wie
Hirschauer zeigt, ist der Körper immer ein `kultureller Körper', und auch die
Wissenschaft, die ihn als nicht-kulturellen erforscht und vermißt, die Biologie, schließt an kulturell etablierte Wissensbestände über die Tatsache der
Zweigeschlechtlichkeit an: „Dem theoretischen Interesse an Unterschieden
geht ein praktisches an Unterscheidungen voran" (Hirschauer 1993, S. 24).
Mit ihrer konsequent konstruktivistischen Fassung des Geschlechterbegriffs will die Ethnomethodologie das Problem überwinden, daß neue Ansätze zur Analyse der Ungleichheit der Geschlechter auf alten Konzepten von
Geschlecht basieren (vgl. West/Fenstermaker 1993, S. 151). Mit dem Vor59
60
61
64
Die von Kessler und McKenna beobachteten Versuchspersonen reproduzieren ein Wahrnehmungsmuster, das eine lange und `ehrwürdige' Tradition hat. So schreibt etwa Simmel
(1985, S. 28) über den körperlichen Unterschied von Mann und Frau: „Die Oberfläche des
männlichen Körpers ist mehr differenziert als die des weiblichen. Das Knochengerüst tritt
energischer hervor, macht sich durch Hebungen und Senkungen bemerkbar, während bei
dem Weibe die gleichmäßigeren Fettpolster den Körper als eine mehr ebene, nur in groben
Zügen gehobene und gesenkte Fläche erscheinen lassen".
Der Begriff „doing gender" läßt sich nicht angemessen ins Deutsche übersetzen.
` Geschlechtshandeln' gäbe nicht wieder, daß das Geschlecht selbst `getan' werden muß.
Zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der ethnomethodologischen These, daß „doing
gender" eine Aufgabe ist, die sich immer und überall, in jeder sozialen Situation, stellt, vgl.
Hirschauer 1994.
schlag, Geschlecht als soziale Praxis und nicht als eine individuelle Eigenschaft zu begreifen, hofft sie, die Frage beantworten zu können, wie soziale
Strukturen mitsamt den Prozessen sozialer Kontrolle, welche die Strukturen
befestigen, in Interaktionen produziert und reproduziert werden. „Gender is
obviously muck more than a role or an individual characteristic: it is a mechanism whereby situated social action contributes to the reproduction of
social structure" (West/Fenstermaker 1995, S. 21).
Empirische Studien einer ethnomethodologischen Geschlechtersoziologie
geben Aufschluß darüber, wie, mit welchen Handlungsmechanismen und strategien, auf der Ebene elemanter sozialer Interaktion Ungleichheitsrelatio
nen (Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse und dazu passende geschlechtliche Identitäten) von den Akteuren „lokal" reproduziert werden. Die meisten
dieser Studien arbeiten mit dem Verfahren der Konversationsanalyse.
Pamela Fishman (1978, 1984) hat unter der Fragestellung, wie männliche und weibliche Macht durch Gespräche in Szene gesetzt und ausagiert wird, Alltagskommunikationen von geschlechtsheterogenen Paaren konversationsanalytisch ausgewertet. Sie
beschreibt Interaktion als Frauenarbeit in dem Sinne, daß die Frauen quantitativ mehr
Beiträge beisteuern, ohne damit jedoch die Kontrolle über die Gespräche, insbesondere über deren Inhalt zu gewinnen. Diese verbleibt bei den Männern. Die Frauen leisten unterstützende Arbeit, indem sie den Themen der Männer zum Erfolg verhelfen.
Fishman zieht die Schlußfolgerung, daß die Handelnden sich in diesem Sinne konstant
männlich oder weiblich verhalten müssen, damit das Geschlecht als selbstverständlich
anerkannt wird. Bezogen auf die von Fishman betrachtete Konstruktion von Weiblichkeit bedeutet das: Durch konversationelle Arbeit für Männer kann eine Frau zeigen, daß sie weiblich ist. Darüber, welche Art von Realität so interaktiv produziert
wird, hat sie eine nur geringe Kontrolle.
Als Resultat einer konversationsanalytischen Untersuchung von Gesprächen zwischen Frauen und Männern, die sich zum erstenmal begegnen (in einer Laboratoriumssituation) halten Candace West und Angela Garcia (1988) fest, daß das Kontrol
lieren von Themen Männlichkeit zu demonstrieren vermag. Zu ähnlichen Resultaten
gelangen konversationsanalytische Untersuchungen zur Funktion von Humor in gemischtgeschlechtlichen Interaktionen (vgl. Kotthoff 1988).
Die Stärke der konversationsanalytischen Untersuchungen liegt zweifelsohne
darin, daß sie die interaktive Konstruktion der Geschlechterdifferenz minutiös rekonstruieren. Wie die situierten Praktiken in übergreifende sozialstrukturelle Zusammenhänge eingebunden sind, kann mit diesem Verfahren freilich
nicht gezeigt werden. Es bleibt zumeist bei dem Hinweis, daß „doing gender"
eine Eigenschaft sozialer Verhältnisse ist und daß „its idiom derives from the
institutional arena in which those relationsships come to life" (West/Fenstermaker 1995, S. 21).
Das Interesse ethnomethodologischer Theoriebildung gilt den formalen
Mechanismen und Strukturen des Alltagshandelns, so auch bei der Analyse
des doing gender. Auf der Ebene der Theorie bleibt weitgehend unberück65
sichtigt, in welcher Hinsicht sich das doing gender der Frauen von dem der
Männer unterscheidet. Auch die ethnomethodologische Transsexualitätsforschung hat nicht systematisch untersucht, inwiefern das passing eines Frauzu-Mann-Transsexuellen anders als das einer Mann-zu-Frau-Transsexuellen
verläuft. Differenzen sind durchaus zu beobachten, und diese sind dergestalt,
daß sie auf strukturelle Elemente der Geschlechterordnung verweisen.
Hirschauer (1993, S. 63Q stellt fest, daß transsexuelle Frauen es schwerer als
transsexuelle Männer haben, in ihrem Geschlecht in der Öffentlichkeit anerkannt zu werden. Einen Grund sieht er darin, „daß Frau-Sein in viel stärkerem Maße bedeutet, attraktives Schauobjekt (`schönes Geschlecht') zu sein
und daher auch leichter enttarnt werden kann". Transsexuelle Frauen müssen
folglich mehr in ihre Darstellungsarbeit investieren als transsexuelle Männer6i. Konversationsanalytische Arbeiten haben - wie die Frauenforschung, in
deren Kontext die meisten entstanden sind - den Blick vornehmlich auf die
Konstruktion von Weiblichkeit gerichtet. Dabei wird natürlich zwangsläufig
deutlich, welche konversationellen Praktiken Männer einsetzen, um z.B. Gespräche zu kontrollieren. Aus einer solchen Enaktierung männlicher Dominanz zu schließen, daß die Kontrolle der Kommunikation ein Mittel ist, um
Männlichkeit in Szene zu setzen, liegt nahe, ist zunächst aber nur eine Hypothese, die auf einem Umkehrschluß beruht. Um sie zu überprüfen, müßte
auch die Perspektive der Männer empirisch rekonstruiert werden.
Daß die ethnomethodologische Geschlechtertheorie den geschlechtlichen
Unterschieden im doing gender nicht systematisch nachspürt, hat auch einen
methodologischen Grund. Hagemann-White (1993, S. 74) macht auf die me
thodische Komplexität aufmerksam, „welche eine konstruktivistische Perspektive auf die Zweigeschlechtlichkeit nach sich zieht. Sie verlangt von uns,
nicht bloß unseren Blickwinkel zu verlagern, sondern zugleich den alten, im
Vollzug gelebter Zweigeschlechtlichkeit involvierten Blick beizubehalten, da
dieser das Instrument ist, mit dem wir das Material für jenen gewinnen". Ohne den „alten" Blick, d.h. ohne den `gesunden Menschenverstand', welcher
der alltagsweltlichen Geschlechterklassifikation zugrunde liegt, wäre es unmöglich, überhaupt ein sample zustandezubringen. Das, was in seiner Konstruiertheit untersucht werden soll, das Geschlecht, wird in seiner weiblichen
und männlichen Gestalt nicht nur vorausgesetzt, sondern von Forscherin und
Forscher in Interaktion mit der Untersuchungsperson mit-hergestellt. Die
62
66
Freilich sollte man von der Transsexualitätsforschung nicht mehr erwarten, als sie leisten
kann. Ihre Theorierelevanz besteht darin, gut zeigen zu können, daß Geschlecht in sozialer
Interaktion hergestellt wird. Weniger gut eignet sie sich dazu, ein `Inventar' der Praktiken
und Symboliken von `normaler' Weiblichkeit und Männlichkeit zu erstellen. Weil die untersuchten Transsexuellen im angestrebten Geschlecht noch nicht heimisch sind, machen
sie oft Fehler, nicht zuletzt solche des übersteigerten Enaktierens stereotypisierter Ausdrucksformen, so daß die Darstellung des Geschlechts als solche erkennbar ist (vgl. Hirschauer 1989).
Ethnomethodologie fragt einerseits, woher wir wissen, daß diese Person eine
Frau oder ein Mann ist, und muß andererseits die Gültigkeit dieses Wissens
voraussetzen, um überhaupt Personen zur Verfügung zu haben, angesichts
derer eine solche Frage gestellt werden kann. Alles andere führte zu Peinlichkeiten63. In der empirischen Forschung kann auch die Ethnomethodologie
gar nicht anders, als die Konstruktion von Weiblichkeit anhand des Handelns
zu untersuchen, das von als Frauen identifizierten Personen und gegenüber
diesen vollzogen wird. Auch der Ethnomethodologie gelten Orte, die den
Mitgliedern einer Geschlechtskategorie vorbehalten sind, z.B. Umkleideräume oder Schönheitssalons, als günstige Gelegenheiten, um typische Ausprägungen von Männlichkeit oder Weiblichkeit empirisch zu erfassen (vgl.
West/Fenstermaker 1995, S. 31). Die Unvermeidbarkeit der Strategie, Weiblichkeit bei Personen zu vermuten, die in der Manier des Alltagsverstandes
als Frauen identifiziert werden, und Männlichkeit bei nach der gleichen Logik als solche wahrgenommenen Männern, mag ein Grund dafür sein, daß ein
großer Teil der ethnomethodologischen Geschlechterforschung, insbesondere
in deren Anfängen, die geschlechtliche Grenzsituation der Transsexualität
zum Gegenstand hat. Dort ist im Alltag die Eindeutigkeit der Zuordnung aufgelöst.
Gegenüber der Ethnomethodologie hat die interaktionistische Geschlechtersoziologie ein weniger weitreichendes Konzept der Konstruktion von Geschlecht. Symbolisch-interaktionistisch orientierte Konzeptualisierungen ge
hen gemäß der von Blumer (1973) formulierten Prämissen zwar davon aus,
daß anatomische und biologische Differenzen in sich keine Bedeutung haben.
Bedeutung entsteht durch die Beziehung handelnder Subjekte auf die Objekte
ihrer Welt. Die biologischen Geschlechterdifferenzen werden jedoch, einem
Diktum Meads folgend, als physische Dinge, die unserem Handeln Widerstand leisten, begriffen, so daß jede Kultur mindestens von zwei Geschlechtern ausgehen muß. Die Art der geschlechtlichen Klassifikation ist allerdings
durch und durch kulturell bestimmt (vgl. Cahill 1983, S. 3). Die soziale Klassifikation bleibt der Person nicht äußerlich, ist keine bloße Rolle. Ein Geschlecht zu haben meint mehr, als weibliches oder männliches Verhalten zu
lernen. Die gesamte Person ist involviert, in psychischer, aber auch in körperlicher Hinsicht. Der jeweilige geschlechtliche Code formt den weiblichen
oder männlichen Körper (vgl. Deegan 1987, S. 4; Denzin 1993, S. 200).
Die interaktionistische Geschlechtertheorie behandelt im wesentlichen
zwei große Themenkomplexe, darin der allgemeinen Ausrichtung interaktio63
Der Geschlechterforscher befindet sich gewissermaßen in einer Situation, die der einer Person vergleichbar ist, die eine öffentliche Toilette aufsuchen will. In dem einen wie dem anderen Fall dürfte die ethnomethodologische Einstellung entweder zu Handlungsunfähigkeit
führen (keine Erleichterung der Blase bzw. keine Probanden) oder zumindest zu unangenehmen Peinlichkeiten (Aufsuchen der falschen Toilette bzw. Verletzung der Integrität der
Untersuchungspersonen).
67
nistischer Theorie und Forschung folgend: die Entwicklung von Geschlechtsidentität (1) und Geschlechterbeziehungen als ausgehandelte Ordnung (2).
(1) Hinsichtlich des ersten Themenkomplexes sind zwei Fragestellungen
zu unterscheiden: 1. Wie entsteht Geschlechtsidentität im Prozeß sozialer Interaktion? 2. Wie lernt das Kind, Geschlechtsidentität anderen und sich selbst
anzuzeigen (vgl. Cahill 1987, S. 82). Die Fragestellungen sind aufeinander
bezogen, denn es gilt zu analysieren, wie Individuen lernen, normale Geschlechtspersonen zu sein, für die eine entsprechende Selbstdarstellung etwas
völlig Natürliches, Unhinterfragtes ist (vgl. ebd., S. 95). Entscheidend für die
Entwicklung von Geschlechtsidentität sind geschlechtlich differenzierte Muster der Interaktion zwischen Bezugsperson und Kind. Ist ein rudimentärer
Sinn für Geschlechtsidentität etabliert (mit ca. zwei Jahren), wird das Kind
zum aktiven Agenten der eigenen Geschlechtsentwicklung. Wichtig in diesem Prozeß ist die Reaktion von signifikanten Anderen, gleichgültig welchen
Geschlechts, auf die frühen Geschlechtsdarstellungen des Kindes sowie die
spielerische Interaktion in der Gleichaltrigengruppe (vgl. Cahill 1983, 1987).
Die Entwicklung der Geschlechtsidentität geschieht über die Aneignung der
symbolischen Realität der Geschlechterordnung, vor allem der geschlechtsklassenadäquaten Muster der Selbstpräsentation (vgl. Cahill 1989). Solche
Muster variieren kulturell, und außerhalb der symbolischen Realität der Geschlechterordnung gibt es keine dem menschlichen Körper inhärente Bedeutung. Cahill grenzt das interaktionistische Modell der Entwicklung von Geschlechtsidentität strikt von psychologischen Konzepten ab, die anatomische
Differenzen als unmittelbar bedeutsam für die Kinder erachten.
„As Mead observed, physical things may ` resist' human action, but they do not determine human responses to them er, by implication, their meaning. Children's conceptions of sex and gender are not derived, therefore, from unmediated contact with
brute, physical facts nor is their acquisition of a stable gender identity a product of
automatic cognitive or psychosexual reactions to their own or other's bodies" (Cahill
1986, S. 306).
(2) Neben der sozialisationstheoretischen Perspektive richtet sich das Interesse der interaktionistischen Geschlechterforschung auf die Frage, wie die
Strukturen der Geschlechterverhältnisse als ausgehandelte Ordnung zustandekommen. Allgemeiner theoretischer Hintergrund ist der „negotiated order
approach" (vgl. Strauss 1978; Fine 1984). Zumeist auf der Mesoebene von
sozialen Organisationen angesiedelt, befaßt sich die Forschung vor allem mit
der Aushandlung der Geschlechterordnung in männerdominierten Berufsfeldern (vgl. Fine 1987; Kanter 1987; Martin 1987; Padavic 1991). Ein weiterer
Gegenstand ist die ausgehandelte Ordnung der innerfamiliären Arbeitsteilung
(vgl. Hochschild 1993; Pestello/Voydanoff 1991).
Stärker als die ethnomethodologische Geschlechtertheorie akzentuiert der
negotiated order approach Unterschiede in der Definitionsmacht der Ge68
schlechter. Die asymmetrische Verteilung von `Verhandlungsressourcen'
wird besonders augenfällig an Arbeitsplätzen, an denen eine einzelne Frau
oder einige wenige Frauen in einem Beruf arbeiten, der sowohl in quantitativer Hinsicht von Männern dominiert ist als auch hinsichtlich des Tätigkeitsprofils als ein klassischer Männerberuf gilt. Die Analyse der Interaktionen
zwischen den sog. „token" (Kanter 1987), den wegen ihres Minderheitenstatus als Mitglieder einer Geschlechtskategorie wahrgenommenen Frauen, und
den männlichen Kollegen läßt die Mechanismen der Reproduktion einer
männerdominierten Geschlechterordnung und einer maskulin geprägten Organisationskultur sichtbar werden. Die einschlägigen Studien sind mithin im
Rahmen der vorliegenden Arbeit von besonderem Interesse. Sie gehören zu
den wenigen Arbeiten, die Aspekte der interaktiven Konstruktion von Männlichkeit empirisch untersuchen.
Entgegen naheliegenden Annahmen - bzw. tatsächlichen Befürchtungen
der `betroffenen' Männer - stellen die in rein männlich geprägte Arbeitsplätze
, eindringenden' Frauen keine Gefahr für den männlichen Zusammenhalt dar.
Die Anwesenheit einer Frau stellt vielmehr eine Gelegenheit dar, um Maskulinität zu bestätigen. Für die Männer ist dies zwar kein willkommener, faktisch jedoch ein genutzter Anlaß, die Geschlechterdifferenz zu betonen. Die
eigene Männlichkeit kann zugleich demonstriert und geklärt werden, und das
nicht nur gegenüber den Frauen, sondern insbesondere auch gegenüber den
männlichen Kollegen (vgl. Padavic 1991). Die Anwesenheit weniger Frauen
unterminiert in keiner Weise die Interaktionskultur der Männer; diese Frauen
werden vielmehr `instrumentalisiert', um die Majoritätskultur zu unterstreichenb 4.
Kanter (1987) hat das in einer Studie über die Situation von Frauen in der Berufswelt
von Vertreterinnen gezeigt. Der Außenseiterinnenstatus der Frauen impliziert, daß sie
anders als die Männer als Mitglieder einer Geschlechtskategorie wahrgenommen werden. Und das bedingt, daß alle ihre Aktivitäten spezifische symbolische Konsequenzen haben, die sich auf den geschlechtlichen Status beziehen. Sie sind Anlaß für vielfältige Formen der Grenzziehung durch die Männer. Auf diese Weise wird eine Situation der potentiellen Bedrohung umgestaltet in eine Gelegenheit, die Gültigkeit der
dominanten Kultur zu bekräftigen. Den Frauen bleiben nur zwei Reaktionsformen.
Entweder sie ziehen sich zurück oder sie werden Insider, „one of the Boys", indem sie
sich als Ausnahmen ihrer eigenen sozialen Kategorie definieren. In beiden Fällen bestätigen sie die dominante Geschlechterordnung.
Ein zentrales Mittel der Männer, Grenzen zu ziehen, sind sexuelle Anspielungen,
Scherze, Anzüglichkeiten usw. Frauen, die „one of the boys" werden wollen, müssen
bereit sein, sich auf diese Ebene der Kommunikation einzulassen. Fine (1987) hat auf
der Basis von teilnehmender Bobachtung in Restaurantküchen verschiedene Strategien analysiert, die die Männer einsetzen, um trotz der Anwesenheit einer Frau eine
64
Dies ist freilich weniger als ein intentional-strategisches Handeln zu verstehen, sondern
eher als ein latenter Effekt.
69
homosoziale Atmosphäre aufrechtzuerhalten. Wesentlicher Teil dieser „`clubby' atmosphere" ist die Selbstverständlichkeit von „sexual talk". In Anwesenheit einer Frau
ist diese Kommunikationsform nicht ohne weiteres aufrechtzuerhalten. „Either the sexual joking must go, or the women must go - or must adjust" (S. 135). Die Anpassung
ist die gängige Lösung.
Eine weitere interaktionstheoretisch-konstruktivistische Konzeptualisierung
von Geschlecht hat Erving Goffman vorgelegt. Goffmans geschlechtersoziologische Arbeiten, der Aufsatz „Das Arrangement der Geschlechter" (1994c)
und das Buch „Geschlecht und Werbung" (1981), nehmen seine These, die
Interaktionsordnung sei ein eigenständiges und für die soziologische Theoriebildung überaus wichtiges Forschungsgebiet (1994b), gegenstandsspezifisch vorweg". Goffman wendet seine Aufmerksamkeit nicht Eigenschaften
von Frauen und Männern, auch nicht Rollenerwartungen zu, er analysiert das
institutionelle Arrangement der Geschlechter, die Geschlechter(mikro)politik
von Identitätszuschreibungen und ritualisierten Darstellungsformen, in und
mit denen die Geschlechter die soziale Ordnung ihrer Beziehungen herstellen. In gewissem Sinne in Einklang mit der interaktionistischen Prämisse,
derzufolge Objekte, mithin auch der anatomische Dimorphismus, ihre Bedeutung nicht in sich tragen, sondern in sozialer Interaktion erhalten, behandelt Goffman Geschlecht als einen Fall sozialer Klassifikation. Mehr noch:
die jede und jeden treffende und lebenslange Geltung beanspruchende Einordnung in eine von zwei „Geschlechtsklassen" stellt sich ihm als „Prototyp
einer sozialen Klassifikation" dar (1994c, S. 108). Die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht ist die wichtigste Quelle der Selbstidentifikation, wichtiger
noch als die Altersstufe. Geschlecht ist die „Grundlage eines zentralen Codes,
demgemäß soziale Interaktionen und soziale Strukturen aufgebaut sind" (S.
105). Dieser Code prägt die Vorstellungen, die wir von unserer menschlichen
Natur haben. Jede soziale Situation bietet die Gelegenheit zur Geschlechtsdarstellung. Insofern ist Geschlecht eine Sozialkategorie, die virtuell omnirelevant ist.
Die Aufgabe einer soziologischen Geschlechterforschung besteht nicht
darin, soziale Konsequenzen angeborener Unterschiede zu erklären, sondern
zu zeigen, wie der Dimorphismus als Grundlage und Rechtfertigung ge
schlechtsbezogener sozialer Arrangements verwendet wird, wie solche Arrangements dadurch gültig gemacht werden. Hierzu führt Goffman den Begriff der „institutionellen Reflexivität" ein. Erst diese verleiht dem angeborenen Unterschied eine Bedeutung. Ein Beispiel ist die Trennung öffentlicher
Toilettenanlagen nach dem Geschlecht. Diese knüpft zwar an den Unter65
70
Die geschlechtersoziologischen Arbeiten sind 1976 und 1977 erschienen, der Aufsatz zur
Interaktionsordnung ist die von Goffman nicht gehaltene Präsidentenansprache vor der
American Sociological Association von 1982, die gewissermaßen Goffmans theoretisches
Vermächtnis enthält.
schied weiblicher und männlicher Organe an, doch deren Funktionsweisen
verlangen keineswegs zwingend eine Trennung.
„Die Trennung der Toiletten wird als natürliche Folge des Unterschieds zwischen den
Geschlechtskategorien hingestellt, obwohl sie tatsächlich mehr ein Mittel zur Anerkennung, wenn nicht gar zur Erschaffung dieses Unterschieds ist` (Goffnan 1994c, S.
134).
Ein weiteres Beispiel sind die Konventionen der Paarbildung, die sich auf die
Körpergröße beziehen und dafür sorgen, daß gewöhnlich die Frau kleiner ist
als der Mann. Zwar sind Männer im Durchschnitt etwas größer als Frauen,
doch ist der Bereich der Überschneidung groß genug, daß bei der Mehrzahl
der Paare Frauen und Männer annähernd gleich groß sein könnten. Die soziale Praxis nutzt einen biologisch gegebenen Unterschied aus, um ein symbolisches Mittel zur Darstellung der Geschlechterordnung zu gewinnen und
macht ihn erst dadurch bedeutsam sowie im Alltag sichtbar. Goffman stellt
sich dies als „Paradebeispiel einer Norm" dar, „die ohne offizielle oder spezifische Sanktionen eingehalten wird" (1994c, S. 142) 66 . Solche institutionelle
Reflexivität sorgt für die Aufrechterhaltung von Deutungsmustern, welche
die Geschlechterdifferenz als biologisch fundiert darstellen (starker Mann,
schwache Frau).
Wie das Beispiel zeigt, sind Geschlechtsdarstellungen nicht beliebig, sie
folgen einem gesellschaftlich festgelegten Plan, „der bestimmt, warum welche Ausdrucksform wann angebracht ist" (1981, S. 35). Die Fähigkeit und
Bereitschaft, einen Plan einzuhalten, und zwar den für das eigene Geschlecht
vorgesehenen Plan, kennzeichnet Personen als Angehörige einer Geschlechtskategorie. Geschlechtszugehörigkeit ist also an eine soziale Praxis
gebunden, an eine Praxis der Distinktion. Eine Geschlechtszugehörigkeit außerhalb oder vor dieser sozialen Praxis gibt es nicht. Der Besitz eines mit bestimmten Merkmalen ausgestatteten Körpers garantiert allein noch nicht die
Mitgliedschaft in einer Geschlechtsklasse. Allerdings bleibt die planbestimmte Praxis der Geschlechtsdarstellung nicht folgenlos für den Körper.
Dies nicht nur in dem Sinne, daß soziales Handeln immer Bewegungen des
Körpers impliziert, sondern in dem weitergehenden und für die Stabilität von
Geschlechtsdarstellungen eminent wichtigen Sinne, „daß es auch durch etwas
motiviert und gestaltet ist, das den einzelnen Körpern innewohnt" (1994c, S.
66
In Heiratsanzeigen ist die Wirksamkeit dieser Norm augenfällig dokumentiert. Neben der
Angabe des Alters gehört die der Körpergröße zu den Kerninformationen, die ein Inserent
oder eine Inserentin über sich mitteilt. Das ist eine gewisse Garantie, daß nur größenmäßig
, passende' Personen auf die Anzeige antworten. Die Anzeigen, in denen zusätzlich Erwartungen über die gewünschte Größe des potentiellen Ehepartners geäußert werden, belegen
eindeutig die Bedeutung der Körpergröße für die Konventionen der Paarbildung (vgl. Gern
1992, S. 143ff.).
71
113). Das meint nicht genetische Dispositionen, sondern die Inkorporierung
einer lebensgeschichtlich erworbenen Darstellungspraxis 6'.
Goffrrtans Konzeption der sozialen Konstruktion von Geschlecht unterscheidet sich sowohl vom dekonstruktivistischen Verständnis von Geschlecht
als Performanz als auch vom ethnornethodologischen Konzept des „doing
gender" (vgl. Kotthoff 1994; Knoblauch 1994). Mit diesem stimmt Goffman
insoweit überein, daß Geschlechtsdarstellungen die Struktur von Dominanz
und Unterwerfung zum großen Teil erst konstituieren; „sie sind Schatten und
Substanz zugleich" (1981, S. 29). Gegenüber der Schwerpunktsetzung auf eine lokale Produktion von Geschlecht betont Goffman mit dem Begriff der institutionellen Reflexivität aber, daß die Geschlechterdifferenz nicht nur situativ erzeugt wird, sondern auch institutionell geregelt ist. Die Trennung öffentlicher Toiletten nach Geschlechtern oder die Konventionen der Paarbildung sind gewiß Produkt einer sozialen Praxis, sie setzen der situativen Darstellung von Geschlechtszugehörigkeit jedoch einen Rahmen, in dem die
Verbindung von Interaktionsordnung und Sozialstruktur „ikonisch" reflektiert wird. „Ähnlich wie andere Rituale, können auch die Darstellungen der
Geschlechter fundamentale Merkmale der Sozialstruktur ikonisch reflektieren" (Goffman 1981, S. 38).
An der Produktion der Geschlechterordnung sind Frauen wie Männer als
`intelligente' Akteure beteiligt. Über einen Plan der Darstellung und über die
Fähigkeit, gemäß diesem Plan zu handeln, verfügen beide Geschlechter.
Darin unterscheiden sie sich nicht, wohl aber in den Inhalten der jeweiligen
Darstellungen und damit in den Konsequenzen, die unterschiedliche Pläne für
die soziale Positionierung der Akteure haben". Wo funktionalistische Ansätze sogleich soziale Differenzierung, Arbeitsteilung und damit den Unterschied der Geschlechter akzentuieren, betont Goffman gemäß dem allgemeinen Akteurskonzept des interpretativen Paradigmas, daß die soziale Konstruktion der Geschlechterwirklichkeit Produkt einer Kooperation beider Geschlechter ist, auch wenn Frauen und Männer nicht nur Verschiedenes dazu
beitragen, sondern dies auch aus strukturell ungleichen Positionen heraus tun.
Goffmans Analyse der Darstellungspraktiken und -rituale geschieht immer
mit Blick auf die Dominanz- und Unterordnungsverhältnisse, auf die Macht67
68
72
Kotthoff (1994, S. 166) weist in diesem Zusammenhang darauf hin, daß Goffman den Körper im Unterschied zu dekonstruktivistischen Geschlechtertheorien nicht als bloßen diskursiven Effekt begreift. - Zur Bedeutung der Inkorporierung siehe auch Kap. 4.
Empirisch instruktiv ist hierfür Hochschilds (1990) Studie über die Gefühlsarbeit, die FlugbegleiterInnen und Angestellte von Inkassofirmen zu leisten haben. Für Männer und Frauen
sind jeweils andere Gefühlsdarstellungen obligatorisch, in quantitativer wie in qualitativer
Hinsicht, und diese Unterschiede in der Gefühlsarbeit spiegeln und reproduzieren die geschlechtliche Dominanzordnung. Die größere Kompetenz der Frauen in emotionalen Angelegenheiten erfährt eine kommerzielle Nutzung, die den Frauen allerdings nicht einen
Statusgewinn beschert (vgl. insb. S. 132ff.).
und Herrschaftsstrukturen, die sich in diesen Praktiken äußern und die mit
ihnen hergestellt werden. Auch darin unterscheidet sich seine Perspektive
von der funktionalistischen.
Das Hauptaugenmerk richtet Goffman auf Darstellungsformen, die auf
den ersten Blick an andere Verhältnisse als an die von Über- und Unterordnung denken lassen: Rituale der Zuvorkommenheit, der Ehrerbietung und der
Höflichkeit, welche Männer Frauen gegenüber praktizieren. In diesen Formen der rituellen Inszenierung des Unterschieds der Geschlechter ist prosoziales Handeln eng mit Dominanz verknüpft. Diese Formen einer 'freundlichen' Darstellung der Asymmetrie macht die Dominanz der Männer erträglich und ist für Goffman ein Ausdruck dafttir, daß die Frauen verglichen mit
anderen benachteiligten Gruppen „auf der Skala der ungerecht Behandelten"
„nicht sehr weit unten" zu verorten sind (1994c, S. 116).
eine HerrDie Herrschaft des Mannes ist „von ganz besonderer Art
schaft, die sich bis in die zärtlichsten, liebevollsten Momente erstreckt, offenbar ohne Spannungen zu erzeugen" (1981, S. 41). Die Spannungen mögen
heute, 20 Jahre, nachdem Goffman dies geschrieben hat, zugenommen haben,
die subtile Verknüpfung von Liebe, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Beschützerhaltung und Herrschaft bleibt weiterhin ein strukturelles Merkmal
des fair Männer vorgesehenen Plans der Geschlechtsdarstellungb 9. Dieser Plan
ist nach dem Muster des „Eltern-Kind-Komplexes" aufgebaut. Hinsichtlich
der Rituale der Geschlechtsdarstellung sind Frauen untergeordneten Männern
gleichgestellt und beide wiederum den Kindern. Die Rituale, welche in Eltern-Kind-Interaktionen zum Tragen kommen, weisen fundamentale Gemeinsamkeiten mit denen auf, die in der Beziehung von Mann und Frau eine Rolle
spielen. In seiner Analyse von Werbefotos zeigt Goffman, daß viele Posen,
die Männer gegenüber Frauen einnehmen, strukturell denen gleichen, die auf
Bildern zu sehen sind, auf denen Erwachsene gemeinsam mit Kindern abgebildet sind. Mit diesem Vergleich nimmt Goffman nicht wie Tönnies eine essentialisierende Gleichsetzung von Frauen mit Kindern vor; vielmehr verdeutlicht er die soziale Asymmetrie, die im Fall der intergenerationellen familiären Beziehungstruktur offensichtlicher ist als bei der geschlechtlichen.
Die Ungleichheit der Verhältnisse und der Herrschaftscharakter der Beziehung von Mann und Frau bleiben freilich nur solange in einer `freundlichen
Atmosphäre' verborgen, wie die Frau mitspielt. Verweigert sie die Kooperation, stehen dem Mann Handlungsweisen zur Verfügung, welche die Dominanzordnung manifest werden lassen.
„Bedenken wir aber, daß der geringergestellte, wie unangenehm und demütigend er
solche freundlich gewährten Vorrechte empfinden mag, es sich zweimal überlegen
muß, ob er offen sein Mißfallen ausdrücken will, denn derjenige, der wohlwollende
69
Das gilt insbesondere für in der Tradition verankerte Männer, denen ihr Geschlecht etwas
fraglos Gegebenes ist (s. Kap. 7.2).
73
Rücksichtnahme schenkt, kann rasch die Tonart wechseln und die andere Seite der
Macht zeigen" (1981, S. 27f.).
Diese andere Seite der Macht erfährt allerdings keine weitere Betrachtung.
Das mag dadurch motiviert sein, daß Goffman mehr an den subtilen Mechanismen der Geschlechterordnung als an offensichtlichen Manifestationen derselben interessiert war'°. Es mag, zumindest was die Analysen in „Geschlecht
und Werbung" betrifft, seinen Grund aber auch darin haben, daß das empirische Material, das den Ausgangspunkt der theoretischen Überlegungen bildet, keine Szenen gewaltförmiger Beziehungen enthält. Dem Image eines
Produktes wäre damit ein schlechter Dienst erwiesen.
Goffmans Analyse von Werbefotos zielt auf die Identifikation hyperritualisierter Darstellungsformen, die eine kulturelle „ldealvorstellung" von der
sozialen Präsentation der Geschlechter sowie von deren strukturellen Bezie
hungen geben. Das vielfältige Bildmaterial sowie Goffmans Kommentare ergeben gewissermaßen ein Inventar geschlechtlicher Darstellungsformen".
Die ritualisierten Darstellungen des Mannes bedienen sich sowohl physikalischer und räumlicher Mittel des Inszenierung als auch gestischer, mimischer,
haptischer und taktiler. Viele der dargestellten Szenen lassen sich als Beispiele institutioneller Reflexivität lesen. Als wichtiges physikalisches Mittel
wird die Körpergröße verwendet. Die Männer sind größer als die Frauen,
oder sie sind so abgebildet, daß sie größer wirken. Eine Ausnahme von dieser
egel liegt dann vor, wenn die Frau offensichtlich einen höheren sozialen
oder beruflichen Status als der Mann hat. Wo nicht die Körpergröße als Hierarchiemarkierer fungiert, sind die Geschlechter so positioniert, daß der Mann
höher aufragt als die Frau oder daß die Frau zum Mann hinaufschaut (z.B.
Mann stehend, Frau sitzend.). Die räumliche Anordnung symbolisiert oft einen distanzierten Abstand des Mannes zum Geschehen. In Familienszenen
stehen die Väter typischerweise etwas außerhalb der Runde von Mutter und
Kindern. Das unterstreicht den Überblick und die Verantwortlichkeit des
Mannes für die gesamte familiäre Einheit. Hinsichtlich der dargestellten Aktivitäten erscheinen die Männer als die Belehrenden, Zupackenden, zielgerichtet Handelnden, bei gemeinsamen Aktivitäten als die Leitenden, Frauen
hingegen oft als verspielt und verträumt. Männer lassen den Frauen eine
Vielzahl von beschützenden und unterstützenden Aktivitäten angedeihen.
Wenn Männer bei der Verrichtung von frauentypischen Tätigkeiten oder in
abhängigen Positionen gezeigt werden, dann sorgen die Stilmittel von Ironie
70
71
74
Allerdings führt die Vernachlässigung der „anderen Seite" dazu, daß Goffman emotionale
Beziehungen zwischen den Geschlechtern nur in ihrer prosozial-protektiven Dimension
betrachtet, nicht aber hinsichtlich der Verletzbarkeit, die daraus für den `beschützten Teil'
erwächst.
Genauer: Das Material ist eine Fundgrube, um ein solches Inventar zu erstellen. Die Kommentare Goffmans geben dabei wichtige Hilfestellungen, sind aber nicht zu einer Systematik verdichtet.
und Verfremdung dafür, daß männliche Distanz und Souveränität betont
werden. Frauen werden bisweilen in kindlichen Posen gezeigt, Männer niemals. Männer machen mit Frauen Dinge, die ansonsten der Interaktion von
Erwachsenen mit Kindern vorbehalten sind, z.B. auf den Arm nehmen, hochheben.
All dies sind Rituale männlicher Hegemonie. Allerdings bleibt eine Dimension völlig ausgespart, die der Sexualität. Dies verwundert, denn anders
als die Gewalt sind Sexualität und Erotik Stilmittel, die auf vielen der Werbe
fotos eingesetzt werden. An anderer Stelle, im Kontext seiner Analyse der institutionellen Reflexivität verweist Goffman auf die Bedeutung dieser Dimension für die männliche Selbstvergewisserung. Die „selektive Arbeitsplatzvergabe", die dafür sorgt, daß an vielen Arbeitsplätzen von Männern
junge und attraktive Frauen in untergeordneten Positionen zugegen sind, denen gegenüber sexuelle Anzüglichkeiten und Scherze üblich sind, versteht
Goffman als eine soziale Konstruktion, die den Männern täglich eine Form
der Bestätigung ihrer Männlichkeit ermöglicht, die sie in der ehelichen Gemeinschaft nicht erfahren.
„Das Prinzip lautet hier: Wenige für viele, und infolgedessen entwickelt sich die Welt
jenseits des Haushalts zu einem schummrigen Rotlichtviertel, in dem Männer schnell
in Interaktionen Erfolge erzielen und in Sicherheit genießen können" (1994c, S. 137).
In Variation eines berühmten Diktums von Karl Marx bemerkt Goffman, das
Geschlecht, nicht die Religion sei das Opium des Volkes (S. 131). Die Beispiele, die er gibt, machen deutlich, daß es wohl insbesondere Opium für den
männlichen Teil des Volkes ist. Im beruflichen wie im privaten Bereich stehen den Männern Frauen zur Seite, die dem Mann das sichere Gefühl geben,
mindestens in einem sozialen Verhältnis die dominierende Position innezuhaben, gleichgültig, unter welchen Hierarchien und Zwängen er ansonsten zu
leiden hat. Immer sind Frauen anwesend, „die seine zur Schau gestellte
Kompetenz bestärken" (S. 131). „Wohin auch immer der Mann geht, kann er,
scheint es, eine geschlechtsspezifische Teilung der Arbeit mit sich nehmen"
(S. 132).
Diese Arbeitsteilung analysiert Goffman - und mit ihm sämtliche Ansätze einer konstruktivistischen Geschlechtersoziologie - in einer Weise, die
beide Geschlechter bei ihrer Arbeit zeigt, wenn auch mit unterschiedlichen
Tätigkeiten. Die einer konstruktivistischen Perspektive verpflichteten Untersuchungen machen eindrucksvoll deutlich, daß und wie die sog. Passivität der
Frau in kunstvollen Interaktionspraktiken hergestellt wird und in welcher
Weise die Frau hierzu aktiv `Passivitätsarbeit' leistet. Hochschild (1990, S.
135) zeigt, daß vermeintlich passive weibliche Eigenschaften wie Anpassung
an die Bedürfnisse anderer in einer von Frauen geleisteten gesellschaftlichen
Arbeit erzeugt werden: durch eine Steuerung ihrer Gefühle in einer Weise,
daß Wohlbefinden und Status der Männer verbessert und aufgewertet wer75
den. Konversationsanalytische Untersuchungen von Paarkommunikation machen deutlich, daß der Eindruck weiblicher Zurückhaltung eine wenig sichtbare Unterstützungsarbeit der Frau zur Grundlage hat.
Geschlechtersoziologie. Frauenforschung
älnnerstudien
Die bisherigen Kapiteln standen unter der Frage, wie das Geschlechterverhältnis in der soziologischen Theorietradition thematisiert wird. In diesem
Kapitel geht es um theoretische Konzepte, wie sie in einer auf das Geschlechterverhältnis fokussierten Forschung entwickelt worden sind. Nicht
die Zugehörigkeit zu einem theoretischen Paradigma, sondern die Gemeinsamkeit des Gegenstandes zeichnet die im folgenden behandelten Arbeiten
aus. Wie sich der Unterteilung des Kapitels in Frauenforschung und Männerstudien entnehmen läßt, spiegelt sich die Dichotomie, die der kulturellen Codierung des Gegenstandes zugrunde liegt, in der sozialwissenschaftlichen
Aufbereitung desselben wider. Inwieweit mit dem Begriff ` Geschlechtersoziologie' eine Klammer gegeben ist, welche die Schwerpunktsetzungen unter
einem Dach zusammenführt, ist eine Frage, die insbesondere in der Frauenforschung kontrovers diskutiert wird (dazu unten mehr).
Jeder Gegenstand läßt sich unter verschiedenen theoretischen Perspektiven betrachten. Sowohl in der Frauenforschung als auch in den Männerstudien sind die kontrovers geführten Theoriedebatten auf die Frage zentriert, ob
mit dem Begriff des Patriarchats eine angemessene Konzeptualisierung des
Geschlechterverhältnisses sowie - was hier vor allem interessiert - männlicher
Dominanz geleistet werden kann, und, sollte dieser Begriff ungeeignet sein,
was an dessen Stelle treten könnte. In den folgenden Ausführungen fungiert
diese Diskussion als Kriterium dafür, was aus der Fülle der sozialwissenschaftlichen Geschlechterforschung als einschlägig selektiert wird. Es geht
also nicht um einen Report zum Stand der Forschung, sondern um die Rekonstruktion theoretischer Modelle.
kategorie zur Analyse der (modernen) Gesellschaft zu begreifen, wird die Soziologie des Geschlechterverhältnisses als Teil der allgemeinen Soziologie
verstanden und als in gleicher Weise fundierend angesehen wie die Soziologie sozialer Ungleichheit in Gestalt von Klassenverhältnissen'z . Die Frauenforschung - auch das ist bekannt - beinhaltet eine Vielfalt theoretischer Perspektiven (vgl. Krüger 1994). Die können hier nicht im einzelnen rekapituliert und im Hinblick auf ihre explizite oder implizite Konzeption von Männlichkeit rekonstruiert werden. Das erforderte eine eigenes Buch'3 . Das Spektrum reicht von rollentheoretischen über interaktionstheoretische bis zu klassentheoretischen Ansätzen, von psychoanalytischen bis zu dekonstruktivistischen". Viele der im vorigen Kapitel rezipierten interaktionistischen und ethnomethodologischen Arbeiten sind im Kontext der Women's studies entstanden. Dieses Kapitel wird in groben Zügen zwei Positionen innerhalb der
Frauenforschung kontrastieren und auf ihre Männlichkeitskonzeptionen hin
befragen: eine explizit gesellschaftstheoretische, wie sie mit dem Begriff des
Patriarchats als zentraler analytischer Kategorie verbunden ist, und eine weiter gefaßte, als „gender"-Perspektive bezeichnete, in der sowohl gesellschaftstheoretische als auch interaktionstheoretische Analysen integriert sind.
Mit den Konzepten „Patriarchat" und „gender" sind nicht nur unterschiedliche Perspektiven benannt, sie stehen auch in einer zeitlichen Folge,
mit ihnen ist ein gewisser Paradigmawechsel verbunden. Ute Gerhard (1993,
S. 12f.) konstatiert, daß „das Konzept Patriarchalismus selbst in der Frauenforschung heute größtenteils als überholt, wenn nicht als wissenschaftlich
unbrauchbar bezeichnet wird'1 75. „Gender" sei als der „seriösere Begriff'
weitgehend akzeptiert, da mit ihm der gesellschaftliche Zusammenhang in
allen Lebensbereichen und auf allen Ebenen kultureller und symbolischer
Repräsentation zu erfassen sei: nicht nur der Zusammenhang von Beruf und
Familie, auch der von Geschlecht und Sprache oder von Geschlecht und persönlicher Identität. Judith Lorber (1994, S. 3) verzichtet auf den Begriff des
Patriarchats als analytische Kategorie (nicht als deskriptive) und favorisiert
72
73
3.1 Patriarchat oder Gender? Mann und Männlichkeit in den
Perspektiven der Frauenforschung
74
Es ist bekannt, daß es die Soziologie der Frauenforschung verdankt, daß sie
` geschlechtssensibilisiert' worden ist. Das Bemühen der Frauenforschung
richtet sich nicht darauf, den vorhandenen Bindestrich-Soziologien eine weitere hinzuzufügen. Mit der These, Geschlecht sei als eine zentrale Struktur76
75
Darüber hinaus hat die Frauenforschung auf einer die einzelnen Disziplinen übergreifenden
Ebene eine Diskussion methodologischer und erkenntnistheoretischer Fragen in Gang gesetzt (vgl. z.B. Harding 1990; List/Studer 1989).
Eine Analyse des Männerbilds in einigen populären feministischen Schriften, wissenschaftlichen und anderen, hat Rave (1991) vorgelegt. Sie konstatiert eine Gleichsetzung der
„gesellschaftlichen Kategorie patriarchaler Macht" mit der biologisch gegebenen Geschlechtlichkeit (S. 20).
Gute Überblicke bieten der von England (1993) herausgegebene Sammelband sowie die
Monographien von Tong (1989) und Evans (1995).
Zu einer anderen Einschätzung kommen Gildemeister und Wetterer (1992, S. 202ff.). Sie
machen darauf aufmerksam, daß die deutsche Frauenforschung die von den amerikanischen
Women's studies eingeschlagene Richtung der gender-Forschung nicht mitvollzieht. Einen
hohen Stellenwert hat das Patriarchatskonzept nach wie vor in der britischen Frauenforschung (vgl. Cockbum 1991a; Walby 1990).
77
„gender", weil dies ein allgemeinerer Begriff sei, der alle sozialen Verhältnisse umfasse, welche Menschen unterschiedliche geschlechtliche Positionen
zuweisen; Patriarchat und männliche Dominanz über Frauen seien nur ein
Teil dieser Verhältnisse.
Mit dem Paradigmawechsel geht eine Erweiterung des Gegenstandsbereichs der Frauenforschung einher. Männer, Männerwelten, Männlichkeitsmuster werden in zunehmendem Maße expliziter Gegenstand der Frauenfor
schung. Implizit enthält jede feministische Theorie Annahmen über das
männliche Geschlecht, auch wenn weibliche Lebenszusammenhänge im Fokus stehen. Das bedingt die Relationalität der Kategorie Geschlecht. Seit Ende der achtziger Jahre nimmt aber vor allem die Anzahl empirischer Studien
über männliche Lebenszusammenhänge deutlich zu. Zunächst hat sich die
Frauenforschung auf die `vernachlässigte Hälfte der Menschheit' konzentriert. In wissenschaftshistorischer Perspektive ist diese `Einseitigkeit' der
notwendige Reflex auf die androzentrische Praxis auch der Wissenschaft Soziologie. Frauen in die Geschichte und in die Wissenschaften hineinzuschreiben war das Ziel. Die für den Feminismus charakteristische enge Verzahnung
von sozialer Bewegung und Wissenschaft ist eine weitere Erklärung dafür,
daß weibliche Lebenswelten und Existenzweisen den Fokus der Forschung
ausmachen. Wie Segal (1990, S. 206f.) ausführt, waren die Feministinnen in
den siebziger Jahren damit befaßt, Kontrolle über ihr eigenes Leben zu erlangen. Männer seien nur insofern von Interesse gewesen, als sie aus der Frauenbewegung ausgeschlossen werden mußten. Zum Problem und damit zum
Gegenstand feministischer Diskurse sei der Mann geworden, als Vergewaltigung und männliche Gewalt gegen Frauen und Kinder zentrale Themen der
Diskussion wurden. Im Zuge dieser Diskussion sei die Unterdrückung der
Frau den Männern individuell zugerechnet worden. Ein transhistorisch gegebenes, primordiales Machtstreben der Männer sei betont worden, während
weniger Gewicht darauf gelegt worden sei zu erkunden, wie männliche
flacht in sich wandelnden sozialen Arrangements und ihren Ideologien institutionalisiert wird.
Ein wichtiges Instrument sowohl für die Analyse von als auch für die
politische Auseinandersetzung mit männlicher Macht war bzw. ist der Begriff
des Patriarchats. Auf dieses Konzept können sich verschiedene gesellschaftstheoretisch orientierte Richtungen der Frauenforschung verständigen.
Patriarchat bezeichnet je nach theoretischer Präferenz entweder das zentrale
oder - neben dem Kapitalismus - ein zentrales Prinzip der Vergesellschaftung
der Geschlechter. In diesem Sinne spricht die gesellschaftstheoretisch orientierte Frauenforschung von der Strukturkategorie `Geschlecht' (vgl. Beer
1990, S. 12). Das weitestgehende Patriarchatskonzept vertritt der sog. radikale Feminismus' 6. Dieser versteht Frauen und Männer als distinkte Klassen,
76
78
Die amerikanische Literatur unterscheidet folgende Richtungen des Feminismus: einen li-
die durch fundamental entgegengesetzte Interessen bestimmt sind. Männliche
Macht und die männlich dominierte Kultur gelten als Quelle der Unterdrükkung der Frau. Deren Unterordnung im Haushalt ist primär gegenüber derjenigen in der Sphäre der Erwerbsarbeit. Das Patriarchat, nicht der Kapitalismus ist der Mechanismus der Unterdrückung der Frau (vgl. Shelton/Agger
1993, S. 27f.). Deren Soziallage, nicht die des Proletariats, stellt die fundamentalste Form der Unterdrückung dar. Als zentrales Mittel gilt die männliche Kontrolle des weiblichen Körpers und der weiblichen Sexualität, so daß
die Bedürfnisse und Interessen der Männer bedient werden, nicht aber die der
Frauen. Das Patriarchat wird als eine Institution begriffen, mit der der Mann
Kontrolle über die reproduktive Kraft der Frau gewinnt, gewissermaßen eine
Kompensation für nicht vorhandene eigene reproduktive Fähigkeiten. Männer fürchteten diese als mysteriös wahrgenommene Kraft und seien eifersüchtig auf sie (vgl. Tong 1959, S. 71ff.).
Gegenüber solchen psychologisierenden Interpretationen betont Heidi
Hartmann, eine prominente Vertreterin der „dual-systems thcory"", die materielle Basis des Patriarchats, womit mehr gemeint ist als ökonomische Res
sourcen'8 . Das Patriarchat basiert in dieser Perspektive auf sozialen Beziehungsstrukturen unter Männern, die, obwohl selbst hierarchisch organisiert,
eine Interdependenz und Solidarität unter Männern etablieren, die sie in die
Lage versetzen, Frauen zu dominieren (vgl. Hartmann 1981b). Homosoziale
Beziehungsgeflechte der Männer sind die Voraussetzung für ein patriarchal
strukturiertes Geschlechterverhältnis (vgl. Dietzen 1993, S. 116). Cockbum
(1991a, S. 158) begreift männerbündische Strukturen am Arbeitsplatz, von
`sexual talk' bis zum geselligen Zusammensein nach Feierabend, als eine wesentliche Stütze des patriarchalen Regimes. Den männlichen Zusammenhalt
potentiell bedrohende Klassenwidersprüche würden auf diese Weise stillgelegt.
77
78
beralen, einen marxistischen, einen sozialistischen (auch „dual-systems theory"), einen radikalen, einen psychoanalytischen, einen existenzialistischen und einen postmodemen Feminismus (vgl. Tong 1989).
Anders als der radikale Feminismus geht dieser Ansatz nicht davon aus, daß das Patriarchat
universell das primäre Unterdrückungsverhältnis ist, und anders als der marxistische Feminismus nimmt der Zwei-Systeme-Ansatz an, daß die Strukturen des Geschlechterverhältnisses fundamental andere sind als die des Klassenverhältnisses und daß Patriarchat und
Kapitalismus zwei interdependente Systeme sind, die sich tendenziell in einer Konfliktlage
befinden (vgl. Hartmann 1979; Walby 1986) Die Logik des Kapitals wird als geschlechtsblind begriffen und kann deswegen nicht die Unterdrückung von Frauen erklären (vgl.
Shelton/Agger 1993, S. 29f; Tong 1989, S. 173ff).
Kennzeichnend für diese Variante des Patriarchatskonzepts ist eine modifizierende Verwendung marxistischer Begrifflichkeit. Das Verhältnis von Mann und Frau wird analog
dem von Kapitalist und Lohnarbeiter konzipiert; der marxistische Begriff der Produktion
wird erweitert: „The concept of production ought to encompass both the production of
`things', or material needs, and the `production' of people or, more accurately, the production of people who have particular attributes, such as gender" (Hartmann 1981 a, S. 371).
79
Je nach theoretischer Perspektive wird der Zusammenhang von Klassenund Geschlechterverhältnissen unterschiedlich begriffen (vgl. Fn. 77). Damit
erfährt auch der Patriarchatsbegriff unterschiedliche Akzentuierungen. Um
herauszuarbeiten, wie im feministischen Patriarchatsdiskurs Männlichkeit
konzipiert wird, können die Nuancen vernachlässigt werden' 1. Hier ist von
Belang, welche Ebene der Konzeptualisierung von Männlichkeit mit dem
Begriff des Patriarchats verbunden ist. Cynthia Cockburn (1991x), die trotz
der feministischen Kritik ausdrücklich an dem Begriff festhält", versteht ihn
nicht als eine Metapher, sondern als eine angemessene Bezeichnung für eine
lebendige Realität („living reality") (S. 18). Die einfachste, gewissermaßen
auch umfassendste Definition faßt Patriarchat als System sozialer Strukturen
und Praktiken, in denen Männer Frauen dominieren, unterdrücken und ausbeuten. Der Begriff der Struktur impliziert für Walby (1990, S. 20), daß jeder
individuelle Mann in einer dominanten und jede individuelle Frau in einer
untergeordneten Position ist. Walby (1986, S. 52ff.) begreift in Analogie zur
marxistischen Klassentheorie die Hausfrauen als die produzierende Klasse,
die Ehemänner als die nicht-produzierende ausbeutende. „The exploitation,
or expropriation, which is taking place is the expropriation of the surplus labour of the domestic labourer by the husband" (S. 53). Der Mann gewinnt
damit Kontrolle über die Arbeitskraft der Frau, über die er nach seinem Gutdünken verfügen kann. So wie der Kapitalist sich zum Lohnarbeiter verhält,
so verhält sich der (Ehe-)Mann zur (Ehe-)Frau. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: Die Produktionsbeziehung zwischen den Ehegatten
existiert als eine personalisierte Beziehung zwischen Individuen. Diese Besonderheit ist freilich kein Anlaß, die konzeptionelle Tragfähigkeit der Analogie zu überdenken. Vielmehr gilt Walby ein Ansatz wie der Symbolische
Interaktionismus, der versucht, der besonderen Struktur personaler Beziehungen begrifflich und methodologisch gerecht zu werden, als nicht geeignet,
patriarchale Strukturen zu erfassen (vgl. ebd., S. 67).
Patriarchale Verhältnisse finden sich auf allen Ebenen sozialer Beziehungen, in der Intimität des Geschlechtsverkehrs wie in Wirtschaft und Politik. Als zentral für die Fundierung patriarchaler Herrschaft gelten Hausarbeit
und Lohnarbeit (vgl. Hartmann 1979; Walby 1986). Die konkrete Ausformung des Patriarchats unterliegt sozialem Wandel, manifestiert sich mithin in
unterschiedlichen Strukturen. So sei heute die im engen Sinne väterliche Gewalt von einer allgemeineren männlichen Geschlechtsmacht abgelöst („male
sex-right") (Cockburn 1991a, S. 7; vgl. auch Metz-Göckel 1987, S. 29).
Bedingt durch den systemischen Charakter ist die `Mitgliedschaft' im
Patriarchat nicht optional. Das gilt für Frauen wie für Männer. Frauen können
dem System nicht entfliehen, zumindest nicht als einzelne, und Männer, mögen sie sich auch bemühen, in ihrem persönlichen Leben Frauen nicht zu unterdrücken, bleiben aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit ` Benefiziare'
des patriarchalen Regimes. „But being male they continue to be seen by
others as members of the patriarchy, and they are bound to share, even if unwillingly, in the benefits it affords men" (Cockburn 1991a, S. 8). Geschlecht
als Schicksal, auch für den Mann. Dem zu entrinnen kann nur gelingen, wenn
Männer unter ihresgleichen eine Unterstützung des feministischen Kampfes
organisieren. Und obwohl sie Nutznießer des Patriarchats sind, sieht Cockburn einen Grund, weshalb sie dies tun sollten. Das Patriarchat korrumpiert
den Mann mit hohem sozialem Status und `verstümmelt' denjenigen, der am
unteren Ende der Hierarchie steht. „Men in patriarchy castrate men, literally
and symbolically, in the interests of phallocracy" (Cockburn 1991x, S. 8).
Ob das eine angemessene Analyse männlicher Lebenswirklichkeit und
männlicher Interessen ist, steht an dieser Stelle nicht zur Debatte. Hier interessiert zunächst die Logik der Argumentation. Die mit der Zugehörigkeit zu
einer biologisch gegebenen Geschlechtsklasse festgelegte Position im System
bestimmt die Bedeutung des Handelns. Wie immer auch die Intentionen sein
mögen, sie zählen wenig bis gar nichts im Vergleich mit den vom System
vorgezeichneten Struktureng'. Der Mann ist qua Geschlechtsstatus Mitglied
des Patriarchats. Woher er dann die Motivation nehmen soll, die Strukturen
des Systems aufzubrechen, und wie die Einsicht, daß dies notwendig ist, zustandekommen soll, ist nicht erkennbar. Die Logik, die der Formulierung der
dem Mann offenstehenden Optionen zugrundeliegt, bleibt allerdings die gleiche wie zuvor. „And men today have a choice: accept the patriarchal system
or work collectively to contradict it. Be part of the problem or be part of the
solution" (Cockburn 1991x, S. 9). Dies ist die binäre Logik des 'entwederoder'. So wie individuelle Intentionen (der Männer) nichts bedeuten gegenüber der Macht des Systems, so gibt es zwischen einem `dafür' und einem
` dagegen' keine Option, keine Zwischenlösung. Sowohl auf der analytischen
Ebene wie auf derjenigen der politischen Praxis tendiert das Patriarchatskonzept dazu, Handlungsspielräume und Binnendifferenzierungen zu vernachlässigen.
Zumindest auf konzeptioneller Ebene verleitet das Konzept dazu, Thesen
über männliche Erfahrungsmodi zu formulieren, die einer empirischen
Grundlage bedürften und nicht einfach aus dem gesellschaftstheoretischen
Entwurf abgeleitet werden können. Aus der Grundannahme, daß Männer unabhängig von ihren Intentionen „in patriarchalen Verhältnissen einen Status81
79
80
80
Für eine Diskussion verschiedener Patriarchatskonzepte vgl. Walby 1986, S. 5ff.
„However, `patriarchy' has come to be a popular shorthand term for systemic male dominance and for that reason I use it here" (Cockburn 1991 a, S. 7f.).
So auch Metz-Göckel (1987, S. 28): „Analytisch ist Patriarchat ein Systembegriff insofern,
als es jenseits des Wollens einzelner Männer existiert. Einzelne können als Individuen persönlich von den Zumutungen und Zuschreibungen patriarchalen Denkens und Handelns
abweichen, ohne daß sich am Geschlechterverhältnis insgesamt etwas ändert".
81
vorteil aufgrund ihres Geschlechts" haben, folgert Metz-Göckel (1987, S.
28): „Das Patriarchat verschließt der männlichen Selbstdeutung die kritische
Einsicht als überlegenes Geschlecht ... Bis auf ganz wenige Ausnahmen sind
Männer blind gegenüber den Privilegien und sozialen Dimensionen ihres Geschlechts". Der empirische Teil der Arbeit wird zeigen, daß sich diese
Schlußfolgerung nicht halten läßt (s. Kap. 7). Es gibt eine Vielzahl von Männern, die durchaus ein Wissen um die eigene Überlegenheit und um die Privilegien des männlichen Geschlechts haben, und dies auch in Milieus, in denen man es dem soziologischen common Sense zufolge am wenigsten vermutete. Diese Einsicht führt freilich nicht zwangsläufig zu einer Kritik an den
Verhältnissen, sondern ist mit einer zustimmenden Haltung sehr gut vereinbar. Privilegien können auch bewußt genossen werden. Des weiteren wird
sich zeigen, daß die wenigen Ausnahmen., die sich selbst als profeministische
Männer begreifen und bei denen sich Wissen mit einer Kritik der bestehenden Geschlechterverhältnisse und der dominanten Position des Mannes verbindet, nicht zu einer verändernden Praxis finden. Nicht nur gegenüber dem
Patriarchatskonzept, sondern allgemein gegenüber gesellschaftstheoretischen
Entwürfen erweist sich die Notwendigkeit einer empirisch-rekonstruktiven
Forschung, welche zum einen Unerwartetes zu entdecken vermag und zum
anderen dessen strukturelle Verankerung zu rekonstruieren hat. Dazu bedarf
es offenerer theoretischer Konzepte, die kein Präjudiz darüber enthalten, wie
die empirische Wirklichkeit aussieht. Das Patriarchatskonzept läuft Gefahr,
Unerwartetes nur als Zufall fassen zu können. Beispielsweise gilt Knapp
(1987, S. 245) die Familie stärker von Aspekten der Ungleichheit als von
egalitären Dimensionen bestimmt. „Letztere verdanken sich eher dem Zufall
geglückter Beziehungen, die zwar innerhalb der Familienideologie einen
Stammplatz haben, aber außerhalb der gesellschaftlichen Formbestimmtheit
des Geschlechterverhältnisses liegen". Auch wenn egalitäre Beziehungen
nicht der Normalfall sein mögen, so enthebt das nicht der Aufgabe, der
strukturellen Verankerung des sogenannten Zufalls nachzuspüren. Das setzte
einen modifizierten Strukturbegriff voraus, der nicht eindimensional konzipiert ist und der vor allem nicht im voraus, d.h. vor der empirischen Rekonstruktion, weiß, weiche Struktur die entscheidende ist.
Diese analytische Offenheit hat das „gender"-Konzept, sie findet in der
Breite der Begrifflichkeit ihren Ausdruck. Was gegenüber dem Konzept des
Patriarchats als ein Mangel an begrifflicher Präzision erscheinen mag, hat
methodologische Vorteile. Die gender-Perspektive stellt eine Mehrdimensionalität der Strukturen des Geschlechterverhältnisses in den Bereich des Möglichen und setzt den Schwerpunkt nicht auf gesellschaftstheoretische Ableitungen, sondern auf empirische Rekonstruktion. Sie begreift Frauen wie
Männer als kompetente Konstrukteure von Wirklichkeit und impliziert die
Forderung, Männer zum Gegenstand der Forschung zu machen. Judith Gerson und Kathy Peiss fassen das Forschungsprogramm zusammen:
82
„This emphasis suggests that we appreciate women as the active creators of their own
destinies within certain constraints, rather than as passive victims or objects. At the
same time, this suggests that feminist scholars must avoid analyzing men as onedimensional, omnipotent oppressors. Male behavior and consciousness emerge from
a complex interaction with women as they at times initiate and control, while at other
times, cooperate or resist the action of women. Clearly researchers need to examine
men in the context of gender relations more precisely and extensively than they have
at the present time" (Gerson/Peiss 1985, S. 327).
Mit der gender-Perspektive ist keine einzelne Theorie bezeichnet, sondern ein
Forschungsprogramm bzw. ein Paradigma, das den zitierten Linien folgt. Es
hat deutlich sozialkonstruktivistische Konturen, ist aber nicht auf ethnomethodologische und interaktionistische Ansätze begrenzt. Kern der genderPerspektive ist die Absage an eine Konzeption des Geschlechterverhältnisses,
in der Frauen und Männer einander in binärer Opposition gegenüberstehen.
as impliziert, daß keines der beiden Geschlechter als monolithisch begriffen
wird (vgl. Lorber 1994, S. 4f.). Ein zentrales Bemühen und ein wichtiges Ergebnis der Frauenforschung besteht darin zu zeigen, in welcher Weise Weiblichkeit als ein vieldimensionales Phänomen zu begreifen ist, auf die Vielfalt
weiblicher Lebenslagen und weiblicher Lebensentwürfe hinzuweisen. In dem
Maße, in dem dies akzentuiert worden ist, sind Unterschiede in männlichen
Lebenslagen konzeptionell eingeebnet worden (vgl, Gonnell 1985, S. 266).
Der Fokus auf männliche Macht in einem patriarchalen Unterdrückungsverhältnis hat eine Befassung mit männlicher Ohnmacht als unwichtig erscheinen lassen. Die gender-Perspektive postuliert einen differenzierenden Blick
auch auf männliche Lebenszusammenhänge, ohne allerdings die Machtrelation aus dem Auge zu verlieren. In die Beziehung der Geschlechter ist die
Asymmetrie notwendig eingebaut, wie Ruth Seifert (1992, S. 861) unter Rekurs auf Luhmann ausführt, wie dies aber auch Simmel bereits deutlich herausgestellt hat (s. Kap. 1.2). Von einer kulturellen, sozialen und politischen
Dominanz des Mannes auszugehen impliziert jedoch nicht, in allen gesellschaftlichen Bereichen, am Arbeitsplatz wie in der Familie, eine einheitliche,
nach dem gleichen Muster funktionierende Machtstruktur anzunehmen. Patriarchatskonzept und gender-Perspektive unterscheiden sich hinsichtlich der
begrifflichen Fassung der Asymmetrie zwischen den Geschlechtern dahingehend, daß letztere Macht als eine formale Kategorie begreift, während das
Konzept des Patriarchats eine inhaltliche spezifizierte Ausprägung von Macht
begrifflich festschreibt.
Lynne Segal (1990, S. 205f.) fordert, nachdem der Feminismus das Bild
einer einheitlichen Weiblichkeit aufgegeben hat, nun in gleicher Weise die
Vorstellung einer essentiellen Männlichkeit in Frage zu stellen, freilich ohne
dabei die Probleme zu nivellieren, die aus der männlichen Dominanz resultieren. Vielfalt und wechselnde Bedeutungen von Männlichkeit würden ansonsten übersehen, und damit auch Ansatzpunkte für Veränderungsstrategien.
83
Die simple Gleichsetzung von Maskulinität und männlicher Dominanz verhindere ein adäquates Verständnis beider (vgl. Segal 1993, S. 638).
in ihrer Studie über den Wandel der Männlichkeit zeigt Segal, daß die
Familie immer weniger eine stabile Basis männlicher Autorität und Macht ist.
Die überlegene Position des Mannes löst sich zwar nur langsam auf, aber:
„The dominant idea of a fixed and pure heterosexual masculinity, to which women
and children are inescapably subordinated, once so securely grounded in the nuclear
family, is, if not in crisis (as is often glibly claimed), at least a little less hegemonic
than it has ever been before" (Segal 1990, S. 100).
Nicht nur hinsichtlich Männlichkeit, sondern insgesamt steht die genderPerspektive gegenüber dem Konzept des Patriarchats für eine Erweiterung
des Blickfeldes. Die Forschungsgegenstände erstrecken sich von der geschlechtlichen Arbeitsteilung über geschlechtliche „sexual scripts" und geschlechtliche Persönlichkeitsmerkmale bis hin zu Geschlechtsidentität und
Geschlechtsdarstellung (vgl. Lorber 1994, S. 30f). Diese beispielhaft herausgegriffenen Dimensionen" machen deutlich, daß das Konzept des Patriarchats wenig geeignet ist, die Forschung auf all diesen Gebieten anzuleiten.
Für die Dimension der geschlechtlichen Arbeitsteilung mag es eine logisch
angemessene Begrifflichkeit sein, nicht unbedingt eine empirisch angemessene, für eine Rekonstruktion weiblicher und männlicher Gefühlsnormen
oder der Modi der Selbstdarstellung der Geschlechter im Alltag dürfte dieses
Konzept jedoch wenig nützlich sein.
Mit der Absage an ein Verständnis des Geschlechterverhältnisses, in dem
Männer und Frauen monolithische Einheiten sind, die in binärer Opposition
zueinander stehen, geht eine Kritik an Ansätzen einher, welche die Differenz
positivieren (vgl. Gildemeister/Wetterer 1992). Untersuchungen, denen die
Perspektive des Patriarchats zugrundeliegt, fragen typsicherweise nach der
sozialen Konstitution des Geschlechterverhältnisses (vgl. Beer 1990, S. 12).
Die Existenz von zwei Geschlechtern wird vorausgesetzt, die soziale Konstruktion der Differenz ist kein Gegenstand von Forschung und Theoriebildung. Der „latente Biologismus" (Gildemeister/Wetterer 1992, S. 207) der
sex-gender Unterscheidung, derzufolge gender, das soziale Geschlecht, die
gesellschaftliche Ausarbeitung von sex, der biologisch gegebenen Differenz,
ist, kommt voll zum Tragen. Anders als beim Klassenverhältnis gebe es beim
Geschlechterverhältnis, d.h. bei dem System von sex und gender, „einen
biologischen Faktor, der zwar nicht absolut, so doch stark prädisponierend
82
84
Lorber (1994, S. 30f) unterscheidet a) die Ebene sozialer Institutionen, b) die des Individuums und führt folgende Dimensionen auf. a) „Gender statuses", ..Gendered division of Labor", „gender kinship", „gendered sexual scripts", „gendered personalities", „gendered
social control", „gender ideology", „gender imagery"; b) „sex category", „gender identitiy",
„gendered marital and procreative status", „gendered sexual orientation", „gendered personality", „gendered processes", „gender beliefs", „gender display".
ist" (Cockbum 1991b, S. 83). Dieser Faktor ist die Gebärfähigkeit der Frau.
Demgegenüber betont die gender-Perspektive die soziale Konstruktion von
Geschlecht und thematisiert diese auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Dimensionen: von der Konstruktion der Differenz bzw. der Sozialordnung der Zweigeschlechtlichkeit bis zur Reproduktion kultureller Muster von Weiblichkeit und Männlichkeit, von der Analyse elementarer sozialer Interaktion bis zur Rekonstruktion kultureller Deutungsmuster. Im Patriarchatskonzept sind die Geschlechtskategorien den geschlechtlichen Praktiken
vorgängig, in der gender-Perspektive werden die Geschlechtskategorien
durch die Praktiken hervorgebracht, sind gewissermaßen gleichursprünglich.
Grosso modo läßt sich sagen, daß die methodologische Orientierung der
gender-Perspektive den Maximen einer interpretativen Soziologie folgt. Damit gewinnt die verstehende Rekonstruktion von Eigen- wie Fremdwahrneh
mung, von Deutungsmustern des Geschlechterverhältnisses und der eigenen
Position in diesem, wie sie dem Denken und Handeln von Frauen und Männern zugrundeliegen, an Bedeutung. Hinsichtlich der Untersuchung von Männerwelten und Männlichkeitsmustern hat das zur Folge, daß Orte, an denen
die Konstruktion von Männlichkeit geschieht, zum Gegenstand der Forschung gemacht werden und daß diese Forschung sich bemüht, die Perspektive der dort agierenden Männer ohne Rekurs auf vorgegebene inhaltliche Kategorien zu erfassen. Während das Patriarchatskonszept vornehmlich die
Auswirkungen des Handelns von Männern auf Frauen thematisiert, versucht
die gender-Perspektive männliches Handeln auch aus der maskulinen Binnenperspektive heraus zu verstehen, fragt nicht nur danach, in welcher Weise
es zur Aufrechterhaltung der geschlechtlichen Dominanzstruktur beiträgt.
Segal (1990, S. 207ff.) kritisiert, daß der Feminismus der ausgehenden
siebziger Jahre bei der Suche nach einer fundamentalen transhistorischen Basis männlicher Dominanz die männliche Sexualität in einer Weise fokussiert
hat, die der sexuellen Wirklichkeit, wie sie von Männern erfahren wird, nicht
gerecht wird. Die These von der männlichen ` Phallokratie' bringt diese Position nicht nur metaphorisch auf den Punkt. Zwar kann der Phallus, so Segal,
als ein kulturelles Symbol männlicher Macht verstanden werden, irreführend
ist es allerdings, dieses Symbol mit der gelebten Erfahrung männlicher sexueller Dominanz gleichzusetzen. Segal macht auf die Diskrepanz aufmerksam,
die zwischen den Präpotenz akzentuierenden kulturellen Bildern männlicher
Sexualität und den alltäglichen Erfahrungen von Männern besteht.
„Heterosexual Performance may be viewed as the mainstay of masculine
identity, but its enactment does not in itself give men Power over women" (S.
211). Autobiographische Berichte sowie wissenschaftliche Untersuchungen
zur männlichen Sexualität zeigen gleichermaßen, daß für viele Männer die
Sexualität der Bereich ist, in dem sie die größte Unsicherheit gegenüber
Frauen erleben, und dies in starkem Kontrast zu der Erfahrung von Autorität
und Unabhängigkeit in der öffentlichen Welt. Der Alltag heterosexueller ge85
schlechtlicher Beziehungen scheint eher durch eine komplexe Aushandlung
von Macht zwischen Mann und Frau als durch ein stabiles und einseitiges
Dominanzverhältnis bestimmt zu sein. Segals Beschreibung männlicher sexueller Erfahrungen zeigt beispielhaft, wie die gender-Perspektive eine Analyse ermöglicht, in der die Eindimensionalität vieler Darstellung männlicher
Machtstrukturen aufgebrochen wird. Die generelle gesellschaftliche Dominanz des männlichen Geschlechts setzt sich nicht bruchlos in sämtliche
Lebensbereiche fort. Macht als exlusiv dem einen Geschlecht vorbehalten
und als einen einseitigen., top-down-Prozeß zu begreifen führt zudem dazu,
die Partizipation der Frauen bei der Aufrechterhaltung männlicher Dominanz
unberücksichtigt zu lassen (S. 261).
Ein weiteres Beispiel für eine die Vielschichtigkeit der geschlechtlichen
Wirklichkeit betonende Analyse sind die Arbeiten von Francesca Cancian
(1985, 1986) über weibliche und männliche Ausdrucksformen von Liebe.
Cancian untersucht, welche Folgen die kulturelle Codierung von Liebe dafür
hat, wie Frauen und Männer ein unterstützendes und Zuwendung ausdrükkendes handeln wahrnehmen. Ihre These ist, daß unterstützendes Handeln,
das Männer selbst als Ausdruck von Liebe begreifen, weder von den Frauen
noch im allgemeinen gesellschaftlichen Verständnis als solches wahrgenommen wird, weil als Folge einer ` Femininisierung der Liebe' (1986) nur emotional expressives Verhalten, nicht aber instrumentelle Unterstützung mit
Liebe konnotiert werden. Als Ergebnis empirischer Generalisierung hält Cancian (1985, S. 253) fest: „Women prefer emotional closeness and verbal expression; men prefer giving instrumental help and sex". Cancian rekonstruiert
die Perspektiven beider Geschlechter und gelangt so zu einer Analyse des
Verhältnisses von Liebe, Abhängigkeit und Macht, die ein komplexes Wechselverhältnis von männlicher Macht und männlicher Abhängigkeit aufzeigt.
Liebe in Gestalt von instrumenteller Hilfe auszudrücken impliziert eine
überlegene Position gegenüber der Person, der man hilft, die man schützt, die
man versorgt usw. Die Abhängigkeit von der Zuwendung der unterlegenen
Person kann somit unbemerkt bleiben. Beim Wunsch nach emotionaler Nähe
ist hingegen die Abhängigkeit nicht zu leugnen. Mit den unterschiedlichen
Stilen von Frauen und Männern, Liebe zu zeigen, ist eine Machtrelation unausweichlich verbunden, sie knüpft an der kulturellen Codierung der Differenz von expressiv und instrumentell an.
Daß in die Liebesbeziehung die Machtrelation eingelassen ist, ist im
Rahmen des feministischen Diskurses keine neue Einsicht. Cancian zeigt
darüber hinaus, daß das, was in systemischer Perspektive als Ausdruck von
Macht erscheint, zugleich ein zumeist verkannter Ausdruck von Liebe sein
kann und daß dieser männlichen Sicht nicht weniger Wirklichkeit zukommt
als den Abhängigkeitserfahrungen der Frauen. Des weiteren macht Cancian
deutlich, daß im Zuge dessen, was sie Femininisierung der Liebe nennt, der
männliche Stil der Liebe eine öffentliche Entwertung erfährt, während die
86
Legitimität des weiblichen Wunsches nach emotionaler Expression zunehmend anerkannt wird.
Daß die gender-Perspektive gegenüber Machtstrukturen nicht blind ist,
zeigt auch eine Analyse über die Institution des Militärs von Ruth Seifert
(1992). Seifert beschreibt das Militär als einen Ort, an dem Männlichkeit und
männliche Macht gleichsam in hypertropher Form gelebt werden. Diese
Macht richtet sich extern, d.h. im Kriegsfall gegen die Soldaten der gegnerischen Armee, aber immer auch und in zunehmendem Maße gegen die Zivilbevölkerung, die in Kriegssituationen überwiegend aus Frauen und aus Kindern besteht. In der internen Organisation des Militärs betreffen die Machtstrukturen vornehmlich das Verhältnis von Männern untereinander. Auch
heute noch, in Zeiten hochtechnisierter Kriegsführung, gelten sog. klassische
männliche Tugenden wie „Tapferkeit, Zähigkeit und körperliche Ausdauer,
eine gewisse Aggressivität und eine bestimmte Ausprägung von Rationalität"
(S. 863) als wichtige Eigenschaften. „In vielen Einheiten gehören exzessives
Trinken und eine mit sexuellen Metaphern durchsetzte Sprache ebenfalls zum
Alltag" (ebd.). Eine unmittelbare Funktionalität für die Realisierung militärischer Ziele ist bei vielen dieser Merkmale nicht gegeben, sie scheinen vielmehr dazu zu dienen, die Identifikation mit einer männlichen Gemeinschaft
zu ermöglichen und ein „Bewußtsein von hegemonialer, heterosexueller
Männlichkeit" zu nähren. „Dies mag wiederum militärisch nutzbar sein; aus
militärischen Anforderungen allein allerdings ist es nicht ableitbar" (S.
863f.). Mit der Betonung dieser `Tugenden' wird das Militär als männliche
Institution bewahrt. Das zeigt sich zum einen an den Reaktionen auf Frauen,
die in militärischen Führungspositionen ein `männliches' Verhalten an den
Tag legen. Untergebene Männer nehmen dies als weibliche Entwertung ihrer
Männlichkeit wahr. Ein auf männliche Autorität aufgebautes Wertesystem
wird untergraben. Die Bedeutung der bezeichneten ` Tugenden' manifestiert
sich zum anderen in Reaktionen auf männliche Soldaten, die es an der geforderten Tapferkeit mangeln lassen. Solche Soldaten, und seien es auch wenige,
stellen eine Gefährdung der „Bastion der symbolischen Konstruktion von
Männlichkeit" dar (S. 866). Diese Soldaten die Macht der Institution spüren
zu lassen ist nicht nur als ein Ausdruck der für jede Institution typischen
Hierarchie zu begreifen, gleichgültig, was der Zweck der Institution ist, sondern dient auch der Reproduktion einer bestimmten Geschlechterordnung. Es
ist gewissermaßen eine `Erinnerung' daran, die geschlechtlichen Grenzen
nicht zu überschreiten. Die „strikte Trennung von männlich und weiblich",
die das Militär vornimmt, läßt sich, so Seifert, unter Berufung auf militärische Forderungen nicht rechtfertigen. Sie erfüllt „vielmehr eine Ordnungsfunktion im Gendersystem" (S. 869).
Ob Männer und Männlichkeiten zum Gegenstand der Forschung gemacht
werden sollen, und wenn ja, in welcher Weise, wird in der deutschen Frauenforschung kontrovers diskutiert (vgl Hagemann-White/Rerrich 1988). Strittig
87
ist vor allem, ob eine verstehende Perspektive gegenüber Männern angebracht ist bzw. wie weit ein solches Verstehen gehen sollte. Ist eine solche
Perspektive auch gegenüber männlicher Gewalt vertretbar? Der engen Verzahnung von Frauenforschung und Frauenbewegung gemäß werden solche
Fragen sowohl in ihrer geschlechterpolitischen als auch in ihrer wissenschaftlichen Bedeutung diskutiert. i n jüngster Zeit mehren sich die Stimmen,
welche die Vernachlässigung der Eigenheiten männlicher Welten als ein Defizit begreifen". Plakativ postuliert Ursula G.T. Müller (1988): „Neue Männerforschung braucht das Land". Eine feministische Analyse von Männlichkeit kann, so Maria Rerrich und Carol Hagemann-White (1988, S. 3) Phänomene aufdecken, die trotz - oder gerade wegen - des Androzentrismus der
Wissenschaft bislang nicht gesehen werden konnten. Lerke Gravenhorst
(1988, S. 13) macht darauf aufmerksam, daß sowohl Frauenforschung als
Frauenbewegung ohne ein Männerbild nicht auskommen, daß sie geradezu
davon leben, sich ein solches zu machen. Sie plädiert dafür, die zumeist impliziten Bilder explizit zu machen.
Die bekannteste Arbeit der deutschen Frauenforschung über den Mann
ist zweifellos die von der Zeitschrift „Brigitte" in Auftrag gegebene, von Siegrid Metz-Göckel und Ursula Müller (1986) durchgeführte repräsentative
Umfrage unter Männern. Zentrales Ergebnis dieser Folgestudie zu der Untersuchung von Helge Pross (1978) aus den siebziger Jahren ist, daß sich in dem
Jahrzehnt, das zwischen den beiden Erhebungen vergangen ist, ein Wandel
männlicher Einstellungen gegenüber Frauen vollzogen hat, daß dieser Einstellungsänderung aber keine entsprechende Veränderung in der alltäglichen
Praxis des Geschlechterarrangements, sprich: in der Organisation der geschlechtlichen Arbeitsteilung, korrespondiert. Diese Diskrepanz wird von den
Männern freilich kaum wahrgenommen. Vielmehr bemühen sie sich, „mit
Hilfe einer immer obsoleter werdenden Ideologie die brüchige Wirklichkeit
zu übersehen und noch einmal in falscher Harmonie die tendenzielle Übereinstimtriung von Lebenswünschen und Wirklichkeit bei sich wie bei den
Frauen zu behaupten" (hetz-Göckel/Müller 1987, S. 26f.).
Ein Schwerpunkt der von deutschen Frauenforscherinnen durchgeführten
empirischen Untersuchungen zur Männlichkeit liegt im Bereich der Jungenforschung und hat die Sozialisation von Jungen zum Gegenstand (für einen
Überblick vgl. Metz-Göckel 1993). Dabei kommen Frauen als Mütter in ihrer
83
88
Das gilt nicht nur für die Soziologie, auch in anderen Sozial- und Geisteswissenschaften
wird eine Ausdehnung des Gegenstandsbereiches der Frauenforschung gefordert. Für die
deutsche Geschichtswissenschaft diagnostiziert Ute Frevert (1991b. S. 268) einen ausgesprochenen „Forschungsnotstand". „In der Frauengeschichte nimmt man `den Mann' und
` das Männliche' hauptsächlich als das generalisierte Andere wahr, ohne ein Gespür für seine enorme Variationsbreite zu entwickeln". Hanna Schissler (1992, S. 220) zufolge kann
„das feministische Projekt, die Überbetonung und normative Überhöhung des Männlichen
aufzubrechen", nur gelingen, wenn „Männer als Männer" erforscht werden.
Funktion als Mitbeteiligte an der sozialen Konstruktion der Geschlechterwirklichkeit in den Blick. Metz-Göckel (1993, S. 103) führt aus, unter welchen Bedingungen eine „feministische Jungenforschung" „kein Widerspruch" ist; „wenn sie den kritischen Blick in zwei Richtungen wendet: Wie
wirken Jungen auf Mädchen und welchen Anteil haben Frauen an der Sozialisation von Jungen. Der feministische Blick sensibilisiert für Dominanz,
Konkurrenz und Verdrängung im Verhalten von Jungen, führt dann aber auch
zu einer Kritik an Frauen, insbesondere Müttern". Die Befassung mit Jungen
begreift Metz-Göckel als Konsequenz des Konzeptes des doing gender. Es
fällt auf, daß in der deutschen Frauenforschung ein Verständnis der „Geschlechterbeziehungen als interaktive Konstruktion beider Geschlechter" (S.
107) zunächst in der Forschung über heranwachsende Männer wirksam wird,
während der allgemeine Diskurs der Frauenforschung - der Diagnose von
Gildemeister und Wetterer (1992) zufolge - gegenüber einer solchen Perspektive noch von einer weitgehenden „Rezeptionssperre" bestimmt ist. Ein
Grund mag sein, daß die Mütter als die im Generationsverhältnis überlegenen
Akteurinnen eine Position innehaben, in der ihnen eine Definitionsmacht zukommt, die sie dort, wo Frauen und Männer als Erwachsene aufeinander treffen, nicht in dem Maße haben. Der Sozialisationsprozeß von Jungen erscheint
als eine Schlüsselstelle für Frauen, auf eine Veränderung des Arrangements
der Geschlechter hinzuwirken.
3.2 Patriarchale Unterdrückung oder hegemoniale Maskulinität? Die
Diskussion der Männerstudien
Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre erscheinen in Großbritannien
und in den USA erste Arbeiten, die eine kritische Theorie der Männlichkeit
anstreben und dies unter dem Etikett „men's studies" betreiben (vgl. Tolson
1977; Pleck 1981). Diese Forschungsrichtung entwickelt sich in den achtziger Jahren in einem an Spannungen nicht armen Verhältnis zum Diskurs der
Frauenbewegung und hat zumindest in den USA einige institutionelle Erfolge
im akademischen Bereich erzielt. Hierzulande steht die sozialwissenschaftliche Thematisierung des Mannes in seiner Geschlechtlichkeit noch in den Anfängen.
Zwar hat es in der Geschichte der Soziologie und der empirischen Sozialforschung hier und da Studien gegeben, welche soziale Aspekte des Mannseins zum Thema hatten, doch geschah dies vereinzelt und vor allem nicht
unter dem Dach einer konsistenten Forschungsperspektive. Am bekanntesten
sind die Untersuchungen von Mirra Komarovsky über die Auswirkungen von
Arbeitslosigkeit auf den familialen Status des Mannes (1971) und über die
Orientierungen männlicher College-Studenten angesichts sich wandelnder
Geschlechtsrollen (1976). Ebenfalls in der Tradition der Geschlechtsrollen89
forschung steht die von Helge Pross (1978) durchgeführte Studie „Die Männer".
Mit der in den siebziger Jahren vollzogenen Umorientierung der Forschung zur männlichen Geschlechtsrolle von einer strukturfunktionalistischen
zu einer kulturkritischen Perspektive (s. Kap. 2.1) werden die men's studies
vorbereitet, mit deren Etablierung vollzieht sich jedoch ein Paradigmawechsel. Die Kritik richtet sich nicht mehr nur auf die Deformationen, die der
Mann durch seine Geschlechtsrolle erfährt, sondern sie richtet sich auf die
Machtposition des Mannes im Geschlechterverhältnis. Auf theoretischer
Ebene gerät die rollentheoretische Position in Mißkredit84; sie wird von konstruktivistischen Ansätzen abgelöst. Das findet seinen Niederschlag in der
Begrifflichkeit. Der Plural ersetzt den Singular, an die Stelle einer einheitlichen Männlichkeit treten multiple Maskulinitäten. Mannsein wird als kontingent konzipiert.
Eine weitere entscheidende Differenz zur Theorie der männlichen Geschlechtsrolle ist die Politisierung der Männerstudien. Diese werden eingebunden in den Kampf um eine Veränderung der Geschlechterverhältnisse,
und die feministische Devise, derzufolge das Private politisch ist, wird übernommen. Für Morgan (1992) ist Männerforschung keine neutrale Wissenschaft, bei der die eigene Involviertheit in den Forschungsgegenstand geleugnet und die politische Relevanz ausgeblendet wird: „not a desinterested
search for knowledge or insight" (S. 2). Für Heam (1987, S. 182) gilt es,
nicht das `Patriarchat eines desinteressierten Positivismus' zu reproduzieren,
als das er die `normale Wissenschaft' begreift. Diese sei in ihrem impliziten
Androzentrismus selbst eine Institution des Patriarchats. Brod und Kaufman
(1994, S. 2) plädieren für einen „simultaneous focus an both scholarship and
activism". „Kritische Männerforschung" zielt, so Böhnisch und Winter
(1993, S. 9), darauf, „die anthropologischen, psychischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Bedingungen für ein anderes Mannsein, eine andere
Würde des Mannes zu analysieren und zu formulieren". Die Verknüpfung
von Forschung und sozialer Praxis ist weitgehend Konsens 85, weniger Einmütigkeit herrscht darüber, wie sich die Männerstudien zu Frauenforschung
und Feminismus verhalten sollen und ob die Unterdrückung der Frau durch
den Mann der zentrale Gegenstand sein soll oder die maskuline Binnenwelt.
Ein großer Teil der Männerforscher, insbesondere der britischen und
diejenigen, die das Patriarchatskonzept vertreten, plädiert für eine 'nicht-
ursupatorische' Haltung gegenüber der Frauenforschung. Das betrifft zunächst die Bezeichnung der eigenen Forschung. Das Etikett Männerforschung
bzw. men's studies gilt als problematisch, weil es insinuiere, ein notwendiges
Äquivalent zur Frauenforschung zu sein; so als solle diese um etwas komplementiert werden, was sie selbst nicht leistet. Um den Eindruck einer „unwarranted symmetry between men's and women's studies" zu vermeiden,
schlägt Heam (1987, S. 182) den Begriff ` Kritik des Mannes' („critique of
men") vor". Heam und Morgan (1990) formulieren sechs Regeln, nach denen
sich Männer, die Geschlechterforschung betreiben, richten sollen:
1. Sie sollen feministische Forschung unterstützen. 2. Der Gegenstand
sind Männer. 3. Es gibt keine Parität zwischen Frauenforschung und der Kritik des Mannes. Während Frauenforschung eine exklusive Angelegenheit von
Frauen ist, steht die Beschäftigung mit dem Mann beiden Geschlechtern offen. 4. Die Kritik des Mannes ist im Licht des Feminismus zu entwickeln. 5.
Deren Ziel ist die Veränderung des Mannes. 6. Männer müssen Gleichstellungspolitik unterstützen und sollten nicht versuchen, Forschungsmittel aus
Fonds einzuwerben, die für Geschlechter- und Frauenforschung vorgesehen
sind.
Das Verhältnis von Männer- und Frauenforschung ist prekär, und das
von beiden Seiten. Auch ein solcher profeministischer Verhaltens- bzw.
` Ethikkodex', der jeder Kritik an feministischen Positionen von vornherein
entsagt, und eine Anbindung der eigenen Forschung an feministische Forschungspolitik8' bewahren nicht davor, daß die Berechtigung von Männerstudien von Frauenforscherinnen in Frage gestellt wird. Im direkten Anschluß an
Hearns und Morgans Katalog von Verhaltensregeln artikulieren Canaan und
Griffin (1990) fundamentale Vorbehalte gegen eine Männerforschung. Sie
fürchten eine Entwertung der Erfahrungen, die Frauen mit Männern und
Männlichkeit gemacht haben. Sie halten es für möglich, daß Männerstudien
nichts weiter sind als ein neuer Versuch, männliche Dominanz zu legitimieren. Schließlich sehen sie das Problem der Konkurrenz um Forschungsmittel.
Weniger fundamental ist die Kritik, die Stein-Hilbers (1994) an der neuen
Männerforschung übt. Deren Berechtigung stellt sie nicht prinzipiell in Frage,
wohl aber fürchtet sie, daß der Fokus von den Lebenslagen der Frauen auf die
der Männer wechselt, sowie „eine weitere Stärkung männlicher Vormachtstellung im Wissenschaftssystem" (S. 76), die dadurch zustandekomme, daß
86
84
85
90
Die Kritikpunkte sind in Kap. 2.1 aufgelistet.
Manche Positionsbestimmungen erinnern an die (Anfänge der) Frauenforschung. So postulieren die Herausgeber eines deutschsprachigen Sammelbandes zur Männerforschung: „Kritische Männerforschung ist nach unserer Auffassung allerdings nicht nur ein neuer Wissenschaftsbereich. Sie ist historisch, personell und politisch sehr stark mit der antisexistischen
Männerbewegung verknüpft und versteht sich als politisch-emanzipative Theorie" (BauSteineMänner 1996, S. 7).
87
Wobei natürlich auch hier die Frage gestellt werden könnte, ob diese Kritik nicht bereits
von der Frauenforschung geleistet wird.
Hearn und Morgan (1990) beobachten skeptisch die Tendenz zu einer Institutionalisierung
von gender studies, fügen dann aber hinzu: „We say this with some caution, aware that some feminists support the term ` gender studies' as an umbrella term" (S. 204). Der Frauen
forschung gebührt die `Meinungsführerschaft'. Sollte diese sich entschließen, sich in gender studies umzubenennen, hätte die Männerforschung dem zu folgen. Keinesfalls aber
dürfte diese eine Vorreiterrolle spielen.
91
Männer ein Forschungsgebiet entdecken, das von Frauen mühsam aufgebaut
werden mußte.
Wie in der Einleitung bereits ausgeführt, läßt sich in gewissem Sinne der
überwiegende Teil der bisherigen sozialwissenschaftlichen Forschung als
Männerforschung begreifen, insofern als die Forschung von Männern betrie
ben worden ist, als sie die Besonderheiten weiblicher Lebenslagen nicht berücksichtigt hat, als sie das Männliche mit dem Allgemein-Menschlichen
gleichgesetzt hat. Daß die in dieser Art von `Männerforschung' enthaltenen
Annahmen über Männer implizit geblieben sind, hat, wie die Protagonisten
der neuen Männerforschung betonen (vgl. Hearn/Morgan 1990b; Brod
1987b, S. 40f), nachgerade verhindert, daß Maskulinität als geschlechtliche
Kategorie thematisiert worden ist.
„Studies which are routinely about men, in that men constitute the acknowledged or
unacknowledged subjects, are not necessarily about men in a more complex, more
problematized, sociological sense. They tend to be resource rather than topic"
(Hearn/Morgan 1990b, S. 7).
Hier setzt die Männerforschung im Sinne von men's studies an; sie macht
Mannsein und Männlichkeit zum topos.
„The most general definition of men's studies is that it is the study of masculinities
and male experiences as specific and varying social-historical-cultural formations.
Such studies situate masculinities as objects of study an a par with femininities, instead of elevating them to universal norms" (Brod 1987b, S. 40).
is auf wenige Ausnahmen mangelt es den Männerstudien bislang sowohl an
theoretischer wie an empirischer Substanz. Zwar gibt es zahlreiche Arbeiten,
die den Anspruch auf Theoriebildung erheben („theorizing masculinities"),
doch kommen die meisten über ad hoc-Erklärungen, die sich nur wenig vom
populärwissenschaftlichen Diskurs abheben, nicht hinaus. Probleme des methodischen Vorgehens werden kaum angesprochen; wichtiger als eine Erörterung der Gütekriterien der Forschung erscheint allemal die Diskussion der
geschlechterpolitischen Orientierung im Verhältnis zum Feminismus (s.o.).
Coltrane (1994), der selbst moniert, daß über der Kritik an den ` maskulinistischen' Sozialwissenschaften die Frage, wie man denn nun selbst vorgehen
solle, vernachlässigt wird (S. 42f.), kritisiert nicht näher benannte Forscher,
die mittels interpretativer und ethnographischer Verfahren Leben und Erfahrungen von Männern und Frauen miteinander vergleichen. Anlaß der Kritik
sind weder methodische Fehler noch durch die Daten nicht verbürgte Interpretationen. Sondern: „The Eindings of differente that emerge from these studies tend to legitimate taken-for-granted assumptions about dissimilarity and
reinforce the importance of gender in everyday life" (S. 44). Die Möglichkeit,
daß solche Resultate eine angemessene Beschreibung der untersuchten Wirklichkeit sein könnten, wird nicht erwogen; politische Kriterien ersetzen nie92
thodische, sind zumindest vorrangig: „Nevertheless, it is useful to consider
the political implications of adopting research methods or embracing theories
that stress gender differentes" (ebd.).
Die Versuche, eine soziologische Theorie der Männlichkeit zu entwikkeln, sind auf eine machttheoretische Analyse der Position des Mannes im
Geschlechterverhältnis gerichtet. Über diese Fokussierung sind sich alle Ver
treter einer kritischen Männerforschung einig (vgl. Brittan 1989; Connell
1987; Hearn 1987, Kaufman 1994). Stärker als in der Frauenforschung werden Machtverhältnisse in zwei Dimensionen untersucht: Nicht nur die systematische Unterdrückung der Frau durch den Mann, sondern auch Dominanzverhältnisse unter Männern gilt es zu erklären. Die soziale Situation des
Mannes wird als eine eigenartige Kombination von Macht und Machtlosigkeit beschrieben; eine Gleichzeitigkeit von Privileg und Leid macht für
Kaufman (1994, S. 142) die `verborgene Geschichte' des Mannes aus. Die
beiden Dimensionen der Macht im Geschlechterverhältnis sind freilich nicht
gleichrangig. Die partielle Ohnmachtserfahrung des Mannes ist nicht mit der
systematischen Unterdrückung der Frau durch den Mann gleich zu setzen.
In der Theoriediskussion der Männerforschung lassen sich zwei Modelle
unterscheiden, mit denen das doppelte Machtverhältnis konzeptionell zu fassen versucht wird: zum einen das der feministischen Theorie entnommene
Konzept des Patriarchats, erweitert um den Binnenaspekt männlicher Macht,
zum anderen das Konzept der hegemonialen Maskulinität, das deutlich der
gender-Perspektive verpflichtet ist. Die Männerstudien wiederholen damit
den Paradigmastreit der Frauenforschung. Zumindest mit dem zweiten Konzept gehen sie aber über eine Adaptation feministischer Theorie hinaus und
leisten einen eigenen Beitrag zu einer Soziologie der Geschlechterverhältnisse, der inzwischen auch in der Frauenforschung rezipiert wird. Der Begriff
der hegemonialen Maskulinität ist von dem australischen Soziologen Bob
Connell geprägt und in die Diskussion eingebracht worden. Das Programm
einer Patriarchatsanalyse wird in den men's studies am entschiedensten von
dem britischen Soziologen Jeff Hearn vertreten und in seiner Bedeutung für
eine Theorie der Männlichkeit entfaltet.
Ähnlich wie die Vertreterinnen des Zwei-Systeme-Ansatzes in der Frauenforschung (s. Kap. 3.1) begreift Hearn Kapitalismus und Patriarchat als ineinander verwobene, jedoch nicht aufeinander reduzierbare Systeme der Unterdrückung.
„Capitalism operates by conversion of wage labour to value and profit; patriarchy by
the appropriation of the unwaged labour and energy of women to produce male power. Both are concerned with the control and accumulation of the creativity, labour
and energy of women by men" (Hearn 1987, S. 121).
Gegenüber dem feministischen Patriarchatsdiskurs ist insofern ein neuer Akzent gesetzt, als Hearn nicht nur den Kapitalismus, sondern auch das Patriar93
chat als ein System begreift, dessen oppressive Kraft sich auch gegen Männer
richtet, d.h. gegen diejenigen, die die Akteure und Agenten der Unterdrükkung sind. Auf diesen Aspekt des Patriarchats weisen die feministischen
Theoretikerinnen zwar gelegentlich hin, gehen dem aber nicht systematisch
nach. Hearn thematisiert Maskulinitäten als Machtbeziehungen gegenüber
folgenden Kategorien von Akteuren: Frauen, Kinder, junge Menschen und
andere Männer (vgl. Heam/Collinson 1994, S. 98). Die alle anderen Unterdrückungen fundierende sowie am weitesten verbreitete Form männlicher
Suprematie ist die gegenüber der Frau. Männer gehören, ob sie es wollen
oder nicht, dem „gender of oppression" an, so der Titel des breit rezipierten
Buches von Heam (1987). Als Unterdrückung versteht er Praktiken der Diskriminierung, Ignorierung, Vernachlässigung und Verletzung, mit denen
Menschen auf einen subhumanen Status degradiert werden (S. XIII).
Die Quelle männlicher Macht ist die Aneignung der reproduktiven Kapazitäten der Frau. Ähnlich wie Walby (s. Kap. 3.1) konzipiert Heam die Männer als die ausbeutende Klasse, die sich in der patriarchalen Ordnung des
Spätkapitalismus die menschlichen Werte von Frauen und Kindern aneignen.
Von der kapitalistischen Ausbeutung unterscheidet sich die patriarchale darin, daß sie eine Aneigung von Ressourcen ohne eine Entschädigungsleistung
und daß Gewalt ihre ultima ratio ist. Die Strukturen des Geschlechterverhältnisses sind die einer feudalen Ordnung. Die sexuelle Position von Ehefrauen
gleicht der ökonomischen von Bauern im Feudalismus (vgl. Hearn 1987, S.
68ff.).
Heam befaßt sich ausführlich mit den Institutionen des patriarchalen Regimes. Sowohl in den Institutionen der Privatwelt als auch in öffentlichen
wird die reproduktive Kraft der Frauen von Männern kontrolliert". Durch die
männlich definierten Institutionen wird die Unterdrückung der Frau zu einer
systematischen und damit unabhängig von den Intentionen der Akteure.
Hearn begreift Männer nicht als von Natur aus unterdrückend („inherently
oppressive"), sondern als Agenten der Unterdrückung (vgl. Heam 1987, S.
89). Er benennt vier Institutionen, in denen solches organisiert wird, `hierarchische Heterosexualität' und Vaterschaft sind Institutionen der privaten
Welt, Professionen und der Staat solche der öffentlichen. Alle vier sind
männlich konnotiert, dienen der Durchsetzung männlicher Suprematie, auch
wenn Männer innerhalb der Institutionen in Konkurrenz zueinander stehen
und sich wechselseitig unterdrücken, z.B. in Gestalt von Machtkämpfen um
Einfluß und Ressourcen.
1.
Hierarchische Heterosexualität: Sexualität ist im Patriarchat hierarchisch
organisiert, in Gestalt einer `Zwangsheterosexualität'$. Egalitäre hetero-
88
In einer neueren Arbeit unterscheidet Heam (1992, S. 53) explizit zwischen einem privaten
und einem öffentlichen Patriarchat.
Hearn rekurriert auf die Thesen von Adrienne Rich (1980).
89
94
sexuelle Beziehungen sind erst in dem Maße möglich, wie die kulturelle
Norm der Heterosexualität an Gewicht verliert. Solange dies nicht geschieht, ist die sexuelle Dominanz des Mannes festgeschrieben, kontrolliert der Mann die Sexualität und den Körper der Frau (vgl. S. 90ff.).
2. Vaterschaft: Da nur die Frau, nicht aber der Mann Gewißheit hat, wer
das Kind gezeugt hat, ist die Institution der Vaterschaft ein Mittel zur
Kontrolle der reproduktiven Kapazitäten der Frau. Heam begreift Vaterschaft als eine Institution, die ihre Existenz rechtlicher und sonstiger Arrangements zwischen Männern verdankt (vgl. S. 92).
3. Die Professionen: Die sog. klassischen Professionen der Medizin, des
Rechts und der Kirche versteht Heam als Instanzen zur Kontrolle der
Reproduktion: Kontrolle der Sexualität, der Geburt, der Erziehung. Vor
mals private Erfahrungen werden nach Maßgabe männlicher Kontrollinteressen vergesellschaftet. Die direkte, in der persönlichen Beziehung der
Ehegatten fundierte patriarchale Kontrolle der Frau in der Familie wird
zunehmend ergänzt durch die unpersönliche Kontrolle männlicher Professionsvertreter (Ärzte, Therapeuten) (vgl. S. 92f., 135ff.).
4. Der Staat: Der Staat gilt Heam als die größte Konzentration patriarchaler
Macht und Gewalt. Was das Monopolkapital für das Klassenverhältnis
ist, ist der Staat für das Geschlechterverhältnis: „the concrete consolida
tion of men's appropriation of violent labour-power" (S. 93), korporiertes
Destruktionspotential. Hinter der Neutralität des Staates verbirgt sich
männliche Dominanz. Der Staat ist ein entscheidendes Mittel, durch das
die männlich bestimmte öffentliche Sphäre die Privatsphäre dominiert
(vgl. S. 93ff., 115ff.).
Die Unterdrückung der Frau durch den Mann ist das zentrale Merkmal dieser
Institutionen; gleichwohl richtet sich die männliche Unterdrückung auch gegen das eigene Geschlecht, gegen die eigene Person wie gegen andere Männer. Handlungen, welche die Macht des männlichen Geschlechts stärken,
können für den Einzelnen schädliche bis tödliche Folgen haben. Heam erwähnt die aus der kulturkritischen Betrachtung der Männerrolle bekannten
Phänomene von Stress und erhöhtem Gesundheitsrisiko, das z.B. Spitzenmanager eingehen, aber auch militärische Aktionen. Wettbewerbs- und Konkurrenzsituationen lassen Männer zu Objekten männlichen Dominanzstrebens
werden. Die Professionen kontrollieren nicht nur die reproduktiven Kapazitäten der Frau, sie wirken gleichfalls als Kontrolleure von Emotionen. Davon
sind auch Männer betroffen; eine wichtige Erfahrungsmodalität bleibt ihnen
verwehrt. Heam gelangt zu dem Resümee: „ We men are formed and broken
by our own power" (S. 98; Hervorhebung im Original).
Hearns Konzept des männlichen Geschlechts als „gender of oppression"
ist von einem starken Determinismus geprägt. Männer können nicht NichtUnterdrücker sein (vgl. S. 167). Wie bei der feministischen Patriarchatsana95
lyse gelten die Intentionen der Handelnden wenig gegenüber der strukturellen
Macht der Institutionen. Was immer auch einzelne Männer oder Frauen tun
mögen, „the `terms of trade' are to a large extent structurally determined.
Men may become soft fathers, liberal professionals, or kind policemen but
the institution remains intact as a potential or actual means of oppression" (S.
96). Wegen der gesellschaftlichen Formbestimmtheit der Heterosexualität als
Zwangsheterosexualität besorgt beispielsweise die bloße Existenz heterosexueller Männer die Aufrechterhaltung der hierarchischen Heterosexualität,
auch wenn einzelne Männer ihre Partnerinnen nicht sexuell unterdrücken. Eine oppresive Praxis scheint der Mann ohnehin kaum vermeiden zu können,
gilt doch bereits die bloße Anwesenheit im öffentlichen Raum als Form der
Unterdrückung: „More obviously oppressioe heterosexual men reinforce this
process just by being, by standing in the street, by the use of cultural signs
and symbols, even without harassing, speaking or moving" (S. 108).
Gegenüber Hearns Patriarchatskonzept lassen sich die gleichen Einwände formulieren wie gegenüber dem feministischen (s. Kap. 3.1). Hearns Determinismus verstellt den unvoreingenommenen Blick auf die Empirie sogar
noch stärker. „Gender of oppression" - der Titel gibt die Richtung der Interpretation vor, und - am Rande notiert - er führt eine stark moralische Komponente ein: die Schuldfrage ist geklärt. Die deterministische Perspektive ist
nicht nur für die empirische Forschung problematisch, sie ist - konsequent
verfolgt - auch für die geschlechterpolitische Praxis fatal. Heams Vorschläge
verlassen dann auch den in der Analyse gesetzten engen Rahmen. In einer
Diskussion der Möglichkeiten einer antisexistischen Praxis von Männern
schlägt er Initiativen und Handlungsweisen vor, die seiner Analyse zufolge
an der Macht der Institutionen scheitern müssen.
Auch wenn Hearn sein Patriarchatskonzept weniger deterministisch fassen würde, bliebe eine konzeptionelle Schwäche, die angesichts dessen, daß
ihm wie der Männerforschung insgesamt auch daran gelegen ist, die männli
che Binnenwelt zu erfassen, besonders schwer wiegt. Um die Machtbeziehung des Mannes zur Frau zu charakterisieren, auch die zu Kindern und zu
jungen Menschen, kann der Begriff des Patriarchats als logisch angemessen
gelten. Wenn es aber um die Vielfalt der Beziehungen geht, die Männer untereinander haben, und seien es nur solche, die machtförmig strukturiert sind,
verfehlt der Begriff die Eigenheiten der dort gegebenen Verhältnisse. Das
Verhältnis eines Meisters zu seinem Gesellen mag vielleicht hier und da noch
nach dem Modell des pater familias strukturiert sein, um aber das Geschehen
in Männerbünden oder die Beziehungen, die männliche Manager untereinander pflegen, zu erklären, bedarf es anderer analytischer Mittel".
Ein Ansatz, der sowohl den Determinismus des Patriarchatskonzepts
vermeidet als auch Dominanzverhältnisse unter Männern systematisch berücksichtigt, ist mit dem von Bob Connell entwickelten Begriff der hegemo
nialen Maskulinität gegeben. Diese nicht nur in den means studies breit rezipierte Theorie der Maskulinität ist eingebunden in eine allgemeine soziologische Theorie des Geschlechts. In Abgrenzung sowohl von voluntaristischen
als auch von deterministischen Ansätzen betont Connell (1987, S. 61 ff.) die
Notwendigkeit einer `Theorie der Praxis' („practice-based theory"). Eine
Theorie, die die These von Geschlecht als zentraler sozialer Strukturkategorie
ernst nimmt, kann seiner Einschätzung nach ihre logische Form weder aus
natürlichen Differenzen noch aus den Prozessen der biologischen Reproduktion gewinnen. Aber auch die funktionalen Erfordernisse der Gesellschaft,
von denen die Geschlechtsrollentheorie ausgeht, sind kein geeigneter Anknüpfungspunkt, ebensowenig die Imperative der sozialen Reproduktion, die
in Patriarchatstheorien zugrundegelegt werden. Eine Geschlechtertheorie
muß ihre eigene Begrifflichkeit entwickeln und darin autonom sein (vgl.
1987, S. 91).
Connell verortet seinen Entwurf in der soziologischen Theoriediskussion
über das Verhältnis von Handlung und Struktur. Zu berücksichtigen seien
sowohl die konstituierenden Leistungen der handelnden Subjekte als auch die
Strukturen sozialer Beziehungen, die eine Bedingung einer jeden Praxis seien
(vgl. 1987, S. 62). Die Form der angestrebten Theoriebildung sieht Connell in
den Ansätzen von Bourdieu und Giddens verwirklicht, am deutlichsten in
dem von Giddens entwickelten Konzept der Dualität der Struktur".
Connells Position gegenüber Patriarchatstheorien ist nicht ganz eindeutig. In seinem geschlechtersoziologischen Hauptwerk „Gender and Power"
(1987) erwähnt er kurz begriffliche Schwierigkeiten des „Zwei-Systeme
Ansatzes" (vgl. S. 43ff.). In einem vor wenigen Jahren erschienenen Aufsatz
(1992, S. 736) kritisiert er die Ahistorizität des Patriarchatskonzepts. Maskulinität sei kein simpler Reflex patriarchaler Macht, und Männer generell als
die Inhaber von Macht zu bezeichnen, impliziere einen Begriff von Geschlecht, der Männer als undifferenzierte Klasse behandelt. In seinem neuesten Buch (1995) ist hingegen recht häufig von patriarchaler Macht die Rede". Allerdings enthält auch dieses Buch keine Patriarchatstheorie. Dieses
Konzept hat keinen systematischen Stellenwert, weder für seine allgemeine
Geschlechtertheorie noch für die der hegemonialen Maskulinität.
Connell unterscheidet drei fundamentale Strukturen, in denen Geschlechterverhältnisse organisiert sind: Arbeit bzw. Produktion", Macht und
91
90
96
Heani (1992, S. 67) erwähnt in diesem Zusammenhang den Begriff „fratiarchy", entfaltet
ihn aber nicht, sondern bestimmt die `Bruderschaft' als Element des öffentlichen Patriarchats.
92
93
An Bourdieu kritisiert er eine gewisse `Strukturlastigkeit', die eine angemessene Konzeptualisierung des Akteurs und der historischen Dynamik verhindere.
In dieses Buch ist der 1992 erschienene Aufsatz als ein Kapitel aufgenommen, in dem aber
genau die Passagen fehlen, in denen er das Patriarchatskonzept kritisiert.
In seinem neuesten Buch (1995) ist der Begriff der Arbeit durch den der Produktion ersetzt.
97
libidinöse Besetzung („cathexis") (vgl. 1987, S. 96ff., 1995, S. 73ff.). Diesen
Strukturen liegen unterschiedliche Organisationsprinzipien zugrunde: Trennung (Arbeitsteilung), ungleiche Integration (Über- und Unterordnung) und
emotionale Bindung. Die Unterscheidung dieser drei Strukturen ist empirisch
gewonnen. Connell nimmt nicht an, daß es notwendige Strukturen sind, sie
sind historisch und kulturell kontingent. Diese `Trias' ist m.E. als eine Form
tentativer Theoriebildung zu begreifen. Statt nach einer `Einheitsformel' zu
suchen, aus der heraus sämtliche Erscheinungsformen des Geschlechterverhältnisses zu erklären sind, weist Connell auf Strukturen hin, in denen sich
das Geschlechterverhältnis reproduziert und manifestiert. Die additive Behandlung der Strukturen läßt allerdings außer Betracht, daß die Struktur der
Macht die beiden anderen überlagert. Insofern ist Macht die primordiale Kategorie in einer Geschlechtertheorie.
Connell berücksichtigt das auf konzeptioneller Ebene nicht; seine Theorie der Männlichkeit basiert jedoch auf der Kategorie der Macht. Männliche
Suprematie äußert sich sowohl in den Strukturen der Produktion als auch in
den kulturellen Mustern der emotionalen Anziehung. Den Kern seiner Maskulinitätstheorie bildet der Begriff der Hegemonie. Die Hauptachse der
Machtstruktur ist die Verknüpfung von Autorität mit Maskulinität. In diesem
Sinne ist Maskulinität im Verhältnis von Mann zu Frau bestimmt. Männlichkeit erfährt ihre Bestimmung jedoch nicht nur aus der Relation der Geschlechter zueinander, sondern auch aus den Beziehungen, die Männer zu
anderen Männern haben. Insofern wird die Hauptachse durch eine zweite
überlagert, von einer Hierarchie von Autoritäten innerhalb der dominanten
Geschlechterkategorie (vgl. 1987, S. 109). Das manifestiert sich in Gestalt
von Ausgrenzungen (z.B. von homosexuellen Männern) oder in Subordinationsverhältnissen, wie sie für bestimmte Männerbünde charakteristisch sind
(z.B. i m Verhältnis von `Fuchs' und `Bursche' in studentischen Verbindungen).
Die doppelte Relation, in der die Männlichkeit ihre Kontur gewinnt zum anderen und zum eigenen Geschlecht - faßt Connell mit dem Begriff der
hegemonialen Maskulinität. Damit ist eine Konfiguration von Geschlechts
praktiken gemeint, welche insgesamt die dominante Position des Mannes im
Geschlechterverhältnis garantieren. Hegemoniale Maskulinität ist keine feste
Charaktereigenschaft, sondern kulturelles Ideal, Orientierungsmuster, das
dem doing gerader der meisten Männer zugrunde liegt. „`Hegemonic masculinity' is always constructed in relation to various subordinated masculinities
as well as in relation to women" (Connell 1987, S. 183).
Im doing gender der Frauen entspricht der hegemonialen Maskulinität
keine ebensolche Femininität. Wegen der globalen Dominanz des männlichen
Geschlechts kann es eine hegemoniale Weiblichkeit nicht geben. Das heißt
nicht, daß es unter Frauen keine Dominanz- und Machtbeziehungen gibt, die
sind jedoch nicht der männlichen Hegemonie vergleichbar, erstrecken sich
98
vor allem nicht auf das andere Geschlecht. Die der hegemonialen Maskulinität komplementäre Form der Weiblichkeit bezeichnet Connell als `betonte
Femininität' („emphazised femininity"). Das meint das Einverständnis mit
der eigenen Unterordnung und die Orientierung an Interessen und Wünschen
des Mannes.
Die Betonung des Einverständnisses mit der eigenen Position innerhalb
der Geschlechterordnung, sei es die der Frau oder die eines untergeordneten
Mannes (hierzu unten mehr), ist der Kern des Begriffs der Hegemonie, den
Connell von Gramsci übernimmt. Der über Ideologien und kulturelle Deutungsmuster erzeugten Einwilligung in Verhältnisse, welche die eigene Unterlegenheit festschreiben, kommt mindestens soviel, wenn nicht mehr Gewicht zu als einer Erzwingung der Unterordnung durch Androhung oder gar
Anwendung von Gewalt. Gewalt ist die ultima ratio, wenn kulturelle Hegemonie versagt, damit aber auch ein Indikator für die Unvollkommenheit des
Systems, ein Zeichen für Legitimationsprobleme. Connell (1995, S. 84) zufolge verweist das gegenwärtig hohe Ausmaß an Gewalt auf Krisentendenzen
der modernen Geschlechterordnung 94.
Eine zentrale symbolische Stütze hegemonialer Maskulinität ist dasjenige
kulturelle Deutungsmuster, das das physiologische Fundiertsein der Geschlechterdifferenz betont. Die Naturalisierung der Ungleichheitsordnung
entzieht diese dem legitimen Feld politischer Auseinandersetzungen. Das
funktioniert heute immer weniger, hat aber ganz entscheidend zur Etablierung und über weite Strecken der bürgerlichen Gesellschaft zur fraglosen
Akzeptanz der männlichen Hegemonie beigetragen. Besonders wirksam ist
die geschlechtsspezifische Fassung dieses Deutungsmusters, welche die Geschlechter nach der Nähe bzw. Ferne zur Natur bzw. zur Kultur differenziert
(vgl. Ortner 1974; Sauer 1994). Als Gestalter der Kultur gebührt dem Mann
die Vorherrschaft gegenüber der der Diktatur ihrer Körperlichkeit unterworfenen Frau.
Als zentrales Merkmal hegemonialer Maskulinität sieht Connell eine heterosexuelle Orientierung, sichtbar zum Ausdruck gebracht in der Institution
der Ehe. Hier besteht eine gewisse Übereinstimmung mit der Bestimmung
der männlichen Geschlechtsrolle durch Parsons, der zusätzlich den Aspekt
der Reproduktionswilligkeit betont (s. Kap. 2.1). Allerdings ist die Bestimmung der Elemente des dominanten maskulinen Orientierungsmusters bei
Parsons nicht in eine Theorie von Macht und Herrschaft eingebunden. Zudem
94
Connell diskutiert allerdings nicht, ob die Zunahme der registrierten Gewalttaten nicht auch
auf eine erhöhte Bereitschaft, Gewalt qua Anzeige öffentlich zu machen, zurückgeht. Freilich wäre auch das ein Krisenindikator, jedoch in einem anderen Sinne. Ein höheres Konfliktpotential von Frauen verweist darauf, daß eine männlich dominierte und definierte Geschlechterordnung bröckelt. Vermutlich wirkt beides zusammen, eine aus männlicher Verunsicherung geborene erhöhte Gewaltbereitschaft und eine stärkere Konfliktbereitschaft
von Frauen.
99
kann Parsons Abweichungen nur als Pathologie fassen, wie das Beispiel des
„Wolfs" gezeigt hat, während Connell von untergeordneten und marginalisierten Männlichkeiten spricht (s.u.).
Den bezeichneten Stellenwert kann die Ehe nur haben, wenn sie als eine
Institution begriffen wird, die durch ein Ungleichheitsverhältnis bestimmt ist.
Das ist sie in der bürgerlichen Gesellschaft des 18. und 19. Jahrhunderts und
bis in die jüngste Vergangenheit ohne Zweifel gewesen, aber auch unter den
Bedingungen einer massiv angestiegenen Erwerbsquote von Frauen bleibt ein
Dominanzgefälle bestehen, das Ausdruck der globalen Machtrelation im Geschlechterverhältnis ist". Am deutlichsten zeigen dies Untersuchungen, die in
Ehe und Familien durchgeführt worden sind, in denen beide Partner erwerbstätig sind (vgl. Hochschild 1993). Die Tatsache, daß die Dominanzordnung ausgehandelt ist und oft beide Seiten starke Kompromisse eingehen,
macht die eheliche Beziehung zu einem dynamischen Prozeß, nicht aber unbedingt zu einem Austausch von Gleichen. Vielmehr dürfte der Aushandlungscharakter eine entscheidende Stütze der hegemonialen Ordnung sein, da
er ein Einverständnis der untergeordneten `Partei' mit der Ordnung erleichtert. Die Beschreibungen, die Hochschild (1993) von den vielfätigen Aushandlungsprozessen im ehelichen Alltag gibt, zeigen eindrucksvoll, wie
Frauen Selbst- und Beziehungsdefinitionen entwickeln, mit denen sie sich in
der ausgehandelten Ordnung einrichten und z.B. das Bild einer gerechten
Verteilung der im Haushalt anfallenden Arbeiten aufrechterhalten, für sich
und für den Partner.
In Anschluß an Goffman (s. Kap. 2.2) läßt sich verdeutlichen, weshalb
der Institution der Ehe eine hervorgehobene Bedeutung zukommt. Die Ehe ist
der Ort, an dem dem Mann die dominante Position zugewiesen ist, so daß er idealiter - zumindest in einem Lebensbereich die Suprematie erfährt, die dem
Ideal der hegemonialen Maskulinität zufolge seine kulturelle Bestimmung ist.
Nicht jeder Mann in jeder Ehe erfährt diese Dominanz, aber wie der empirische Teil zeigen wird, ist die Struktur der Beziehung zum (Ehe-)Partner ein
entscheidender lebensweltlicher Hintergrund dafür, ob das Mannsein eine
fraglose Gegenbenheit ist oder ob es zum lebensgeschichtlichen Problem
wird (s. Kap. 7.7).
Hegemoniale Maskulinität strukturiert nicht nur die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern, sondern auch die von Männern untereinander: als
Abwertung und Ausgrenzung anderer Formen von Maskulinität sowie in Ab
hängigkeits- und Unterordnungsrelationen in männlichen Subkulturen. Sie
impliziert eine Normalitätsorientierung, auf deren Basis in Eigen- und
Fremdtypsierungen Grenzziehungen vorgenommen werden. Sie wirkt mithin
95
100
Im empirischer. Teil der Arbeit wird deutlich werden, daß und in welcher Weise das Muster
der hegemonialen Maskulinität eine symbolische Ressource ist, um männliche Dominanz
auch dort zu behaupten, wo deren ökonomische Basis wegbricht (s. Kap. 7.2).
auch im Sinne einer Strategie der Ausschließung, deren Merkmal allgemein
ist, daß der oder die Andere als völlig anders definiert wird. Im Fall des
männlichen Geschlechts heißt das mitunter: als weiblich, als effeminiert.
Connell bezeichnet die abgewerteten, ausgegrenzten, nicht `für voll genommenen' Maskulinitäten als untergeordnete und marginalisierte (vgl. Connell
1987, S. 186; 1995, S. 78ff.).
Homosexualität ist die am stärksten ausgegrenzte Form von Männlichkeit. Homophobie gehört zum Kernbestand der hegemonialen Maskulinität in
der bürgerlichen Gesellschaft96. In soziologischer Perspektive ist Homopho
bie nicht als psychische Abwehrreaktion verdrängter Impulse zu verstehen,
sondern als Verteidigung der zentralen Institution der hegemonialen Maskulinität. Wie keine andere Form des Mannseins wird Homosexualität als Angriff auf die Norm der Heterosexualität wahrgenommen, mithin auf die Basis
der Geschlechterordnung.
Ausschließung, wenngleich in einer anderen Form, die die Männlichkeit
des Ausgeschlossenen nicht grundsätzlich in Frage stellt, ist auch das Prinzip,
auf dem der Fraternalismus beruht, wie er für zahlreiche Männerbünde cha
rakteristisch ist (vgl. Clawson 1989, S. 11). Der Ausschluß trifft nicht nur
Frauen, sondern auch `andere' Männer, z.B. solche, die keinen angemessenen
sozialen Status haben (z.B. in Herrenclubs wie Rotary oder Lions), und/oder
solche, denen es an bestimmten Fähigkeiten, Tugenden oder auch an Mut
fehlt (z.B. sich eine Mensur schlagen zu lassen). Über den Auschluß der
` Anderen' erfolgt eine implizite Bestimmung dessen, was Mannsein bedeutet:
z.B. verantwortungsbewußter Umgang mit finanziellen Ressourcen und mit
Abhängigen oder Ertragen von Initiationsschmerzen, `ohne mit der Wimper
zu zucken"'.
Von Marginalisierung sind heterosexuelle männliche Lebensweisen betroffen, die sich dem hegemonialen Muster explizit entziehen oder die dagegen opponieren. Eine typische Reaktion gegenüber diesen Formen einer 'al
ternativen' Männlichkeit ist die Karikatur. Der `Hausmann', der `bewegte
Mann' sind bevorzugte Objekte. Die im Vergleich zur Homophobie `sanfte'
Form der Abwertung zeigt, daß die Majoritätskultur hierin kaum eine ernsthafte Bedrohung sieht. Wie die Analyse der Subkultur der Männergruppen
zeigen wird, stehen solche Alternativen in einem höchst ambivalenten Verhältnis zur hegemonialen Form der Männlichkeit. Die Probleme, die diese
` Dissidenten' mit dem gewählten Lebensentwurf haben, belegen eindrucksvoll die weithin ungebrochene Macht des vorherrschenden Leitbildes.
96
97
In früheren Epochen (z.B. Athen) und in anderen Kulturen gelten hingegen institutionalisierte und zeitlich limitierte sexuelle Kontakte zwischen (älteren und jüngeren) Männern als
notwendiger Schritt der Mannwerdung (vgl. Gilmore 1991, S. 161f£; Winterling 1990;
Bohle 1990).
Instruktive ethnographische Beschreibungen verschiedener Männerbünde und ihrer Praktiken und Riten finden sich in dem zweibändigen Sammelband von Völger/Welck 1990.
Hegemoniale Maskulinität ist ein Orientierungsmuster, ein Modell, das
nur von den wenigsten Männern in vollem Umfang realisiert werden kann,
das aber von den meisten gestützt wird, da es ein effektives symbolisches
Mittel zur Reproduktion gegebener Machtrelationen zwischen den Geschlechtern darstellt (vgl. Donaldson 1993, S. 645f.). Auch wer nicht in der
Lage ist, durch sein Einkommen Frau und Kindern ein von finanziellen Sorgen freies Leben zu ermöglichen, verteidigt das Leitbild des Mannes als Familienernährer bzw. begreift sich sogar als ein solcher und trägt damit zur
Reproduktion der Geschlechterordnung bei (vgl. Kap. 7.2). Connell (1995, S.
79f.) nennt dies ` komplizenhafte' Maskulinität. Er differenziert damit - anders als das Patnarchatskonzept - zwischen kulturellem Ideal und der alltäglichen Realität des Zusammenlebens von Mann und Frau, setzt das eine nicht
mit dem anderen gleich, kann aber gleichwohl erklären, weshalb das von nur
wenigen realisierte Ideal kulturmächtig bleibt.
Eine entscheidende institutionelle Stütze solcher Wirklichkeitskonstruktionen sind homosoziale, männerbündische Zusammenschlüsse, wie sie in
Gestalt von Burschenschaften, Herrenclubs, Stammtischen, Vereinen u.v.m.
existieren. Da s sind soziale und nicht selten auch physikalische Räume, in die
man sich temporär zurückzieht. Angesichts sich verändernder Geschlechterverhältnisse kommt diesen Refugien vor allem die Funktion zu, sich wechselseitig der Normalität und vor allem auch der im moralischen Sinne Angemessenheit der eigenen Überzeugungen und Alltagspraktiken zu vergewissern.
Männerbünde sind nach wie vor eine wichtige institutionelle Stütze männlicher Solidargemeinschaft (s. Kap. 7.7).
Das Konzept der hegemonialen Maskulinität begreift Männlichkeit nicht
als eine Eigenschaft der individuellen Person, sondern als in sozialer Interaktion - zwischen Männern und Frauen und von Männern untereinander - (re-)
produzierte und in Institutionen verfestigte Handlungspraxis (vgl. Connell
1993, S. 602). An der für die frühe bürgerliche Gesellschaft und deren Begriff der Ehre wichtigen Institution des Duells sei dies paradigmatisch erläutert (vgl. Frevert 1991, S. 214ff.). Der Ehrenzweikampf Mann gegen Mann
hatte immer auch, wenn nicht sogar primär die Funktion eines Männlichkeitsbeweises. Was auf dem Spiel stand, war die „Manneswürde", der „Mannesstolz" u.ä.. Einer Ehrverletzung durch eine satisfaktionsfähige Person
nicht mit einer Duellforderung zu begegnen bzw. einer solchen sich zu entziehen kam einem Männlichkeitsverlust gleich. In den Regeln des Duells war
freilich festgelegt, wer in diesem Sinne seine Männlichkeit zu beweisen hatte:
der adelige und der bürgerliche Mann. Nicht `Jedermann' war privilegiert, in
dieser Weise einen Ehrenhandel auszutragen. Und Frauen schon gar nicht. In
diesem doppelten Ausschluß, des anderen Geschlechts - wurde die Ehre einer
bürgerlichen Frau verletzt, hatte deren Mann stellvertretend und als MitBeleidigter zu handeln - und von untergeordneten Angehörigen des eigenen
Geschlechts, zeigt sich die komplexe Ordnungsstruktur der hegemonialen
102
Maskulinität. Die Distinktion im Klassenverhältnis und der Vollzug der Geschlechterdifferenz sind eng miteinander verknüpft.
Worin sich die hegemoniale Maskulinität manifestiert, ist den Prozessen
des sozialen Wandels unterworfen. Das Duell hat ausgedient, und auch das
Militär scheint seine Bedeutung als eine zentrale Institution hegemonialer
Maskulinität zumindest in Deutschland seit 1945 verloren zu haben (vgl. Seifert 1992). Einer These Connells (1993, S. 613ff.) zufolge kommt gegenwärtig dem technokratischen Milieu des Managements und den Professionen eine
hervorgehobene Bedeutung zu. In dem einen Fall basiert hegemoniale Maskulinität auf interpersoneller Dominanz, in dem anderen auf Wissen und Expertise. Vermutlich korrespondiert der Differenzierung der Zentren gesellschaftlicher und politischer Macht in der Gegenwartsgesellschaft eine Pluralität hegemonialer Maskulinitäten, welche um Institutionen wie Wirtschaft,
Politik, Militär, Profession, Kirche u.a. organisiert sind. Einschlägige Forschungen fehlen nahezu vollständig. Auch ist es eine empirisch offene Frage,
ob hegemoniale Maskulinität an höhere soziale Milieus gebunden ist, bzw. a n
den Besitz ökonomischen, sozialen oder kulturellen Kapitals im Sinne Bourdieus. Eine ungeklärte Frage ist auch, welche Bedeutung einer körperbetonten Virilität, wie sie z.B. durch die Figur des Rambo symbolisiert wird, zukommt im Vergleich mit einer Männlichkeit, wie sie etwa der `smarte' und
'jung-dynamische' Börsenmakler präsentiert.
Wenn man das Konzept so faßt, daß damit nicht eine Charaktereigenschaft bestimmter Männer aus höheren sozialen Schichten gemeint ist, sondern ein kulturelles Modell mit hoher Breitenwirkung, als Ideologie der
Männlichkeit, dann wäre zu fragen, wie sich hegemoniale Maskulinität in
unterschiedlichen sozialen Milieus manifestiert9'. In diesem Zusammenhang
ist eine Studie von Cockburn (1991b) über Ausgrenzungsstrategien instruktiv, die Facharbeiter im englischen Druckgewerbe gegenüber ungelernten
männlichen Arbeitern wie gegenüber Frauen einsetzen. Die traditionelle
Form des Druckens erforderte neben manuellem Geschick und einer gewissen körperlichen Kraft eine qualifizierte Ausbildung. Mit der Einführung des
Computersatzes war im Prizip jeder und jede, die eine konventionelle
Schreibmaschinentastatur bedienen können, in der Lage, im Druckgewerbe
zu arbeiten, also auch ungelernte Arbeiter und die bis dahin weitgehend ausgeschlossenen Frauen. Deren fortgesetzte Ausgrenzung durch die gewerkschaftlich gut organisierten Drucker läßt sich zutreffend als Prozeß der sozialen Schließung begreifen. Man kann aber auch mit Cockbum annehmen,
„daß die bewußte Abgrenzung der gelernten von den ungelernten Arbeitern
gleichzeitig ein Schritt zur Konstruktion von Geschlechtsidentität ist` (S. 76).
98
In einer ausführlichen Diskussion des Connellschen Ansatzes stellt Armbruster (1993, S.
83) die Frage, „ob nicht an verschiedenen Orten oder in verschiedenen Diskursen jeweils
andere Versionen von Männlichkeit hegemonial sind".
103
Da der Computersatz manuelle Abläufe beinhaltet, die sich nicht mehr von
typischer `Frauenarbeit' unterscheiden, kommt der symbolischen Grenzziehung, die durch unterschiedliche Lohnniveaus abgestützt wird, eine erhöhte
Bedeutung zu. Dadurch, daß die Facharbeiter bestimmte Tätigkeiten für sich
reservieren und mit gewerkschaftlicher Unterstützung als qualifizierte definieren, betonen sie ihre hegemoniale Position sowohl gegenüber Frauen als
auch gegenüber den ungelernten Männern, die `Frauentätigkeiten' ausüben.
Das Konzept der hegemonialen Maskulinität ist ein Ansatz zu einer soziologischen Theorie der Männlichkeit, eine ausformulierte Theorie ist es
noch nicht. Wie die letzten Bemerkungen zeigen, ist der Gehalt oder die Sub
stanz dieser Form von Männlichkeit noch unzureichend bestimmt. Connells
Ausführungen informieren mehr über Verhältnisse und Beziehungsstrukturen
zwischen den Geschlechtern und unter Männern als darüber, was Männlichkeit bzw. was Männer als ein Geschlecht ausmacht. Der tentative Charakter
seiner Theoriebildung wird aber m.E. der Komplexität des Gegenstandes eher
gerecht als das Patriarchatskonzept, das die sich überlagernden Dominanzstrukturen nicht berücksichtigt. Das impliziert eine größere methodologische
Offenheit, die einer empirischen Rekonstruktion und damit einer Sozialforschung als Entdeckungsstrategie Perspektiven eröffnet. Der Begriff der hegemonialen Maskulinität läßt sich im Sinne einer interpretativen Methodologie als „sensitizing concept" begreifen (vgl. Blumer 1954, Denzin 1970).
Connells Ansatz ist eine machttheoretische Analyse der Männlichkeit, welche
es vermeidet, Macht nur als top-down-Prozeß und nur als Instrument zur Regulierung des Verhältnisses von Männern und Frauen zu konzipieren. Mit
dem von Gramsci entlehnten Begriff der Hegemonie gewinnt eine kultursoziologische Analyse der Ungleichheit der Geschlechter an Bedeutung. Das
Verständnis von hegemonialer Maskulinität als praktizierte Ideologie verweist auf ein wissenssoziologisches Verständnis, für das die Frage nach den
lebensweltlichen Fundierungen kultureller Deutungsmuster naheliegt: „lt
does imply that ideology has to be seen as things people do, and that ideological practice has to be seen as occuring in, and responding to, definite contexts" (Connell 1987, S. 244).
hängige Variable, die zur Erklärung von Merkmalsverteilungen herangezogen wird, macht Geschlecht zu einer Ressource, deren soziologischer Gehalt
zumeist ungeklärt bleibt. Nur selten wird Geschlecht zum Topos. Andere
Standardvariablen, vor allem die soziale Schichtzugehörigkeit, sind Gegenstand umfassender Theoriebildung und Streitobjekt zwischen verschiedenen
soziologischen `Schulen'. Eine prima facie dem Geschlecht in ihrer biologischen Dimension verwandte Variable, das Alter der Untersuchungspersonen,
erfährt in der Umformung zur Kohorte und noch stärker als Indikator für Generationszugehörigkeit eine Verwendung, die an soziologischen Kriterien
orientiert ist. Im Falle des Geschlechts appelliert ein großer Teil der soziologischen Forschung nach wie vor implizit an Selbstverständlichkeiten des
Alltagsbewußtseins und übernimmt damit ein naiv biologistisches Verständnis. Das erklärt den Mangel an genuin soziologischen Konzeptualisierungen
von Geschlecht. Trotz aller institutionellen Erfolge der Frauenforschung ist
eine soziologische Geschlechtertheorie allenfalls in Ansätzen vorzufinden".
Zumal die deutsche Soziologie befindet sich gegenüber der amerikanischen
und auch der britischen Forschung, die unter dem Titel „gender studies" diese
Problemstellung zu bearbeiten begonnen hat, in einem Reflexionsrückstand.
Vorhandene Ansätze zu einer soziologischen Konzeptualisierung von
Geschlecht lassen sich danach unterscheiden, ob sie den Aspekt der sozialen
Ungleichheit im Geschlechterverhältnis betonen oder ob sie die situierte Dar
stellung der Geschlechterdifferenz im alltäglichen Handeln fokussieren. Die
erste Perspektive entspricht einer sozialstrukturellen Betrachtung, die zweite
einer interaktionstheoretischen. Connells Konzept der hegemonialen Maskulinität (s. Kap. 3.2) versucht beides miteinander zu verknüpfen.
Daß mit Geschlecht eine zentrale Dimension sozialer Ungleichheit benannt ist, darüber besteht in der soziologischen Ungleichheitsforschung inzwischen ein weitgehender Konsens. Neuere Arbeiten versuchen, die ge
schlechtsspezifischen Disparitäten in ein allgemeines Modell sozialer Ungleichheit zu integrieren (vgl. Beck 1986, Hradil 1987a, 1987b; Kreckel
1987, 1992). In der Frauenforschung gibt es eine intensive Diskussion darüber, ob Geschlecht analog zu der Dimension sozialer Ungleichheit konzi99
Geschlecht Sand Habitus. Überlegungen zu einer
soziologischen Theorie der Männlichkeit
Das Geschlecht der Untersuchungspersonen ist eine Variable, die in nahezu
jeder empirisch-soziologischen Untersuchung erhoben und in der Regel auch
in Auswertung und Interpretation berücksichtigt wird. Die Weise, in der die
gängige soziologische Forschungspraxis `Geschlecht' verwendet, als unab104
Hirschauer (1994, S. 669) sieht zwei Gründe für die „soziologische Indifferenz gegenüber
dem sozialen Phänomen der Geschlechterunterscheidung": die implizite Naturalisierung
des Phänomens und eine Arbeitsteilung mit der Frauenforschung. Dieser Arbeitsteilung sei
die Frage „nach dem sozialen Charakter der Geschlechterdifferenz" zum Opfer gefallen.
„Denn auch die Frauenforschung griff diese Fragestellung über Jahrzehnte nicht auf, sondern verwendete die Geschlechtskategorisierung einfach zur Organisation ihrer Themen,
Theonen und ihres Personals". Ähnlich urteilen Gildemeister und Wetterer (1992), die in
der „Positivierung der Differenz" (S. 203), wie sie von einem Teil der deutschen Frauenforschung betrieben werde, einen Grund dafür sehen, daß „die Frauenforschung in einem sehr
grundlegenden Bereich an Selbstverständlichkeiten des Alltagshandelns (partizipiert), statt
sie zum Gegenstand kritischer Analyse zu machen" (S. 204). (Vgl. auch Nunner-Winkler
1 994).
105
piert werden kann, die Basis der traditionellen Theorien sozialer Stratifikation ist: Geschlecht als Klasse oder „Klasse Geschlecht" (Beer 1987) - die Begrifflichkeit verweist darauf, daß hier explizit ein „Anschluß an die marxistische Theorietradition" (Kreckel 1959, S. 305) gesucht wird bzw. worden ist
(vgl. auch Gyba 1994). Die Probleme einer solchen Strategie der Theoriebildung sind recht bald erkannt worden. Geschlecht verliert bzw. gewinnt erst
gar nicht den Status einer primären sozialen Kategorie (vgl. Gerson/Peiss
1985). Geschlechtliche Ungleichheit ist etwas qualitativ anderes als klassenspezifische Ungleichheit, weil die Differenz, an die die soziale Ungleichbehandlung anknüpft und die als Legitimationsbasis bemüht wird, sich in mindestens zwei Punkten fundamental unterscheidet.
Erstens ist die geschlechtliche Differenz binär codiert. Auf- und Abstieg
sind nicht möglich, auch kein mehr oder weniger. Ein Mensch ist entweder
Mann oder Frau, und das lebenslänglich. Die vermeintliche Ausnahme der
Transsexualität bestätigt nur die selbstverständliche Gültigkeit dieser Ordnung. Sowohl in der Selbstwahrnehmung der Transsexuellen als auch an der
Weise, wie Fälle von Transsexualität gesellschaftlich prozediert werden, wird
dies deutlich. Die transsexuelle Person fühlt sich immer schon dem Geschlecht zugehörig, als das sie (an-)erkannt werden möchte, und genau diese
biographische Kontinuität wird von den begutachtenden (Psychologen) und
entscheidenden (Gericht) Instanzen als Voraussetzung fair eine operative und
personenstandsrechtliche `Geschlechtsumwandlung' gefordert (vgl. Hirsehauer 1993).
Zweitens erfahren Frauen eine soziale Behandlung, die sich von derjenigen untergeordneter Gruppen in anderen Ungleichheitsverhältnissen deutlich
unterscheidet. Goffman (1994c, S. 115ff.) hat darauf hingewiesen, daß sich
das Geschlechterverhältnis durch eine spezifische blähe in der Distanz auszeichnet, eine Nähe, die die Grenzen immer wieder transzendiert. Diese Nähe
hat ökologische, soziale und emotionale Dimensionen. Anders als die Angehörigen verschiedener sozialer Klassen sind Frauen und Männer (zumindest
in industrialisierten Gesellschaften) nicht räumlich voneinander getrennt; sie
wohnen nicht nur in denselben Stadtvierteln, sondern auch in denselben
Wohnungen, teilen Tisch und Bett. Frauen gegenüber gibt es eine Vielzahl
von Ritualen der Ehrerbietung und der Höflichkeit, für die es in der Interaktion von Statushöheren mit Statusniedriegeren im Klassenverhältnis kein
Aquivalent gibt"'. Und schließlich gründen intime Beziehungen von Frauen
und Männern in unserer Kultur gewöhnlich auf Liebe"'. Das Verhältnis von
„intimate strangers" (Rubin 1983) verleiht der Ungleichheit der Geschlechter
100 Daß solche Rituale ein Element der geschlechtlichen Dominanzordnungsind,relativiert deren Bedeutung für die Bestimmung der Besonderheiten der geschlechtlichen Ungleichheitsrelation keineswegs. Vielmehr ist dies ein weiterer Hinweis darauf, daß Geschlecht eine
primäre soziale Kategorie ist, die einer eigenen Konzeptualisierung bedarf.
1 01 Zum Verhältnis von Liebe und Dominanz vgl. Dröge-Modelmog 1987.
106
eine Dimension, die eine einfache Analogisierung zum Klassenverhältnis als
wenig aussichtsreiche Strategie der Theoriebildung erscheinen läßt.
Die in Kapitel 2.2 dargestellten interaktionstheoretischen Ansätze, welche den Aspekt der situierten Produktion und die Darstellung der Geschlechtszugehörigkeit, also die Dimension der Performanz in den Vorder
grund stellen, markieren den Gegenpol zu der klassentheoretischen Konzeptualisierung'°z. Dem klassentheoretischen Verständnis gilt Geschlecht in seiner dichotomen Gestalt als gegeben; erklärungsbedürftig ist allein die Ungleichbehandlung, die sich daran knüpft. Die sozialkonstruktivistische Perspektive, am konsequentesten die Ethnomethodologie, sieht die Zweigeschlechtlichkeit selbst als soziale Praxis, als „generatives Muster der Herstellung sozialer Ordnung" (Gildemeister/Wetterer 1992, S. 230). Dabei wird
nicht nur einfach Differenz hergestellt, sondern zugleich eine Dominanzordnung: der Primat des Männlichen. Ethnomethodologisch orientierte Frauenforscherinnen ziehen daraus die Konsequenz, daß eine „Enthierarchisierung
der Differenz" nicht gelingen kann, „ohne das binäre Grundmuster in Frage
zu stellen" (Gildemeister/Wetterer 1992, S. 248)'°'.
Die Pole, zwischen denen der geschlechtersoziologische Diskurs osziliert, sind aus der allgemeinen soziologischen Theoriediskussion bekannt:
Mikro und Makro, Handlung und Struktur. Deutlich wird, welche Dimensio
nen eine soziologische Theorie des Geschlechts zu berücksichtigen hätte: die
sozialstrukturell verankerte Ungleichheit der Geschlechter in gleicher Weise
wie die situierte oder lokale Produktion der Sozialordnung der Zweigeschlechtlichkeit. Des weiteren erscheint es mir sinnvoll, die im Konzept von
Geschlecht als Klasse enthaltene Intention, die Konzeptualisierung von geschlechtlicher Disparität an die allgemeine soziologische Diskussion über soziale Ungleichheit anzubinden, aufzunehmen. In dieser Diskussion stellt m.E.
Bourdieus kultursoziologisch gefaßter Begriff des Habitus den anspruchvollsten Versuch dar, die Dimensionen von Sozialstruktur und sozialem Handeln
miteinander zu vermitteln. Eine Übertragung des bei Bourdieu vornehmlich
auf die Klassenlage bezogenen Habitusbegriff auf die Geschlechtslage erscheint mir als eine fruchtbare Strategie, um eine soziologische Geschlechtertheorie zu entwickeln, die nicht nur zu rekonstruieren erlaubt, wie Zweigeschlechtlichkeit als soziale Tatsache konstruiert wird, sondern auch, wie - in
diesem Fall - Mannsein sich in einer distinkten sozialen Praxis reproduziert 1 14.
102 Diskurstheoretische Ansätze wie z.B. den von Judith Butler (1991) lasse ich hier außer Betracht. Ich beschränke mich auf explizit soziologische Ansätze.
1 03 Die geschlechter- und wissenschaftspolitischen Konsequenzen einer solchen Perspektive
sind weitreichend. Sie betreffen die Frage, inwieweit Frauenförderung und Frauenforschung die unintendierte Folge einer Dramatisierung und Reifizierung der Geschlechterdifferenz haben, statt sie abzubauen (vgl. Gildemeister/Wetterer 1992, S. 247f).
104 Maihofer (1994) bemerkt, daß die zweite Fragestellung in den sozialkonstruktivistischen
107
4.1 Habitusbegriff und Geschlechterverhältnis bei hierre Bourdieu
Der Begriff des geschlechtlichen Habitus, der im folgenden näher erläutert
werden wird, entstammt nicht einfach einer theoretischen Übertragung der
Bourdieuschen Kategorien auf das Geschlechterverhältnis. Vielmehr hat sich
i m Zuge der Interpretation des Datenmaterials, vor allem desjenigen aus den
Gruppendiskussionen (s. Kap. 7), gezeigt, daß sich Lebenslagen von Männern vor allem danach unterscheiden, inwieweit sie durch eine geschlechtsbezogene habituelle Sicherheit gekennzeichnet sind. Im Sinne des ` grounded
theory approach' stellt die Bezugnahme auf Bourdieu den Versuch dar, eine
gegenstandsbezogene Theoriebildung an eine formale Theorie anzubinden
(vgl. Strauss 1987, S. 241ff.)'". Das ermöglicht, wie noch zu zeigen sein
wird, in umgekehrter Richtung ein tieferes Verständnis des Datenmaterials.
Das Bourdieusche Konzept des Habitus ist bekannt genug, daß es ausreicht, dessen Logik kurz zu skizzieren. Habitus meint ein System dauerhafter Dispositionen, ein „Erzeugungsprinzip von Strategien, die es ermöglichen,
unvorhergesehenen und fortwährend neuartigen Situationen entgegenzutreten" (Bourdieu 1979, S. 165). Basis eines Habitus ist eine spezifische Soziallage. Akteure, die sich durch die Gemeinsamkeit einer Soziallage auszeichnen, tendieren dazu, soziale Situationen in ähnlicher Weise wahrzunehmen
und ähnlich zu handeln: weil sie einen ihrer Soziallage korrespondierenden
Habitus ausgebildet haben, der, als „Handlungs-, Wahrnehmungs- und
Denkmatrix" (Bourdieu 1979, S. 169) wirkend, typische Muster der Problembewältigung generiert. Der Habitus fungiert als ein „gesellschaftlicher
Orientierungssinn" (Bourdieu 1987, S. 728). Da jeder Soziallage ein und nur
ein Habitus eignet, bedeutet die durch ihn ermöglichte soziale Orientierung
i mmer auch soziale Differenzierung, „ein praktisches Vermögen des Umgangs mit sozialen Differenzen" (Bordleu 1987, S. 728). Insofern ist der
Habitus nicht neutrales Mittel der Orientierung in der sozialen Welt, sondern
Mechanismus der Reproduktion sozialer Ungleichheit. Wie i mmer auch die
Intentionen des individuellen Akteurs sein mögen; in dem Maße, in dem sein
Ansätzen zu kurz kommt. Sie fordert eine Perspektive ein, die berücksichtigt, daß ungeachtet der Tatsache, daß Geschlecht sozial konstruiert ist, Frauen und Männer in den geschlechtsbezogenen Praxen „tatsächlich existieren" (S. 258).
1 05 Die Etikettierung des Habituskonzepts als formale Theorie gibt diesem Konzept einen Status, den es der Intention Bourdieus zufolge nicht hat, den es aber im Zuge der Theoriediskussion in der Soziologie mehr und mehr erhält. Bourdieu versteht seine Arbeiten eher
nicht als `große Theorie', vielmehr kritisiert er die Tendenz zu einer „theoretizistischen
Deutung" seiner empirischen Studien (1989, S. 396) und grenzt seine Art der Theoriebildung als „wahrnehmungs- und Aktionsprogramm", „das sich nur aus der empirischen Arbeit, in der es realisiert wird, erschließt", von einem Stil der Theoriediskussion ab, die er
„theoretische Theorie" nennt: „ein prophetischer oder programmatischer Diskurs, der sich
selbst Zweck ist und aus der Konfrontation mit anderen Theorien erwächst und von ihr
lebt" (1997a, S. 59).
108
Handeln durch den Habitus bestimmt ist, gibt es ein `unschuldiges' Handeln
nicht"'.
Ein Soziallage ist bei Bourdieu durch eine bestimmte Kapitalkonfiguration bestimmt, d.h. durch ein bestimmtes Verhältnis von ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital. Welche Kapitalsorten in welchem Maße beses
sen werden oder auch nicht, das bestimmt letztlich, welcher Habitus ausgebildet wird. Erworben bzw. „inkorporiert", in den Leib eingeschrieben, wird
der Habitus in der Primärsozialisation, und manifest wird er in distinkten Lebensstilen (vgl. Bourdieu 1987).
Bei Bourdieu wird die Soziallage vornehmlich als Klassenlage gefaßt,
und wenn er von Habitus spricht, dann meint er zumeist den Klassenhabitus.
Diese Engführung ist aber keinesfalls zwingend. Der Habitusbegriff läßt sich
zur Analyse sozialen Handelns im Rahmen anderer Soziallagen als der durch
Klassenzugehörigkeit bestimmten verwenden, ohne die Logik des Begriffs
aufzubrechen.
In den Arbeiten Bourdieus selbst, vor allem in den früheren, finden sich
einige Hinweise auf ein breiteres Verständnis des Habitusbegriffs. So erklärt
er z.B. den Generationskonflikt dadurch, daß „unterschiedliche Habitusfor
men aufeinanderprallen ..., die gemäß unterschiedlichen generativen Modi
erzeugt wurden" (Bourdieu 1979, S. 168). An anderer Stelle spricht er vom
Habitus einer Kultur, „im Sinne einer in einer homogenen Gruppe erworbenen kulturellen Kompetenz" (ebd., S. 181). Das freilich sind beiläufige Bemerkungen, denen keine weiteren Erläuterungen folgen. Einen größeren
Raum beanspruchen Ausführungen zum Geschlechterverhältnis. Die „Arbeitsteilung zwischen den sozialen Klassen, Altersgruppen und Geschlechtern" (Bourdieu 1987, S. 727) wird in den Schemata des Habitus wiedergegeben, diesen sozialen Unterschieden korrespondieren „geschichtlich ausgebildete Wahmehmungs- und Bewertungsschemata" (ebd., S. 730). Eine soziale
Klasse ist für Bourdieu (1987, S. 185) nicht zuletzt dadurch bestimmt, welche
Stellung und welchen Wert sie „den beiden Geschlechtern und deren gesellschaftlich ausgebildeten Einstellungen einräumt`.
In den zumeist recht umfangreichen Arbeiten, in denen Bourdieu das
Habituskonzept entwickelt und weitergeführt hat (1970, 1979, 1987, 1993),
behandelt er Geschlecht nicht in einer systematischen Weise und auch nicht
als ein grundlegendes organisierendes Prinzip. Begriff und Theorie des geschlechtlichen Habitus findet man hier nicht. Erst in jüngster Zeit, in einem
umfangreichen Artikel über die „männliche Herrschaft" (1997b) hat sich
Bourdieu schwerpunktmäßig mit dem Geschlechterverhältnis befaßt. Hier
1 06 Hier ist natürlich nicht von ad personam zurechenbarer Schuld die Rede. Das Handeln ist
insofern nicht unschuldig, als jedes individuelle Handeln eingebunden ist in die Matrix der
auf spezifische Soziallagen bezogenen Habitus und die in diese Matrix eingelassenen Ungleichheitsrelationen reproduziert.
109
spricht er an einer Stelle von einem „vergeschlechtlichten und vergeschlechtlichenden Habitus" (S. 167). Dieser Habitus fungiert in gleicher Weise wie
der Klassenhabitus als gesellschaftlicher Orientierungssinn: „Der Habitus erzeugt gesellschaftlich vergeschlechtlichte Konstruktionen der Welt und des
Körpers, die zwar keine geistigen Repräsentationen, doch darum nicht weniger aktiv sind. Desgleichen bringt er synthetische und passende Antworten
hervor" (S. 167). Bourdieu entwickelt eine Vorstellung von der „gesellschaftlichen Konstruktion des Geschlechts", die der Goffmanschen nahekommt
(s.o.): „Der männliche und der weibliche Körper, und ganz speziell die Geschlechtsorgane, die, weil sie den Geschlechtsunterschied verdichten, prädestiniert sind, ihn zu symbolisieren, werden gemäß den praktischen Schemata
des Habitus wahrgenommen und konstruiert" (S. 174).
Der Artikel ist - neben Connells Begriff der hegemonialen Maskulinität sicherlich der theoretisch anspruchvollste und soziologisch ertragreichste
Beitrag zu einer Analyse männlicher Herrschaft. Der Begriff des Ge
schlechtshabitus wird allerdings mehr angedeutet als systematisch entfaltet.
In einem vor wenigen Jahren gegebenen Interview äußert Bourdieu sich zu
den Möglichkeiten eines solchen Begriffs ambivalent. Zwar bezeichnet er das
Geschlecht als „eine ganz fundamentale Dimension des Habitus" (1997c, S.
222), meldet aber wenig später Zweifel an, ob es Sinn mache, von einem Geschlechtshabitus in gleicher Weise zu sprechen wie vom Klassenhabitus. Die
Klassensozialisation erscheint ihm als grundlegend, „selbst wenn sie zutiefst
von der Geschlechtssozialisation beeinflußt wird" (S. 224). Bourdieu hält die
Entscheidung explizit offen: „Aber vielleicht müssen wir dieses Problem
schlicht und einfach fallenlassen, weil wir nicht die Mittel haben, es zu entscheiden: Was wir beobachten, das sind immer gesellschaftlich und geschlechtlich konstruierte Habitus" (S. 225).
Der Artikel über die männliche Herrschaft hat als empirische Basis die
ethnologische Feldforschung, die Bourdieu Ende der fünfziger Jahre in der
kabylischen Gesellschaft in Algerien durchgeführt hat. Diese Forschungen
sind ebenfalls der empirische Hintergrund gewesen, auf dem er den Begriff
des Habitus als inkorporierte soziale Struktur entwickelt hat (vgl. Bourdieu
1979). Die kabylische Gesellschaft kennt nur ein Prinzip sozialer Differenzierung: das Geschlecht. Die Ordnung sowohl des privaten als auch des öffentlichen Raums sowie die Organisation der Zeit basieren auf der geschlechtlichen Matrix. Soziale Unterschiede sind nach der Unterscheidung männlich/weiblich codiert (vgl. Krais 1993, S. 213f.). „Die Polarität der Geschlechter ... kommt in der Aufteilung des Vorstellungs- und Wertsystems in
zwei komplementäre und zugleich antagonistische Prinzipien zum Ausdruck"
(Bourdieu 1979, S. 35). Der weiblichen Welt des Innen und des Passiven
steht die männliche des Außen und des Aktiven gegenüber. Diesem Prinzip
gehorcht auch die Organisation des Binnenraums des Hauses, der in sich
„nach einem Gefüge homologer Gegensätze aufgebaut" ist (ebd., S. 53), eben
den gleichen, die das Haus und die Außenwelt voneinander trennen. Alle sozialen Beziehungen werden im geschlechtlichen Code erfaßt, nicht zuletzt die
verwandtschaftlichen:
„Die parallele patrilineare Kusine steht als kultivierte, ` geradegerichtete' Frau der parallelen matrilinearen Kusine, d.h. der natürlichen, `krummen', unheilbringenden und
unreinen Frau, gegenüber wie das Weiblich-Männliche dem Weiblich-Weiblichen"
(Bourdieu 1979, S. 97).
Das ethnologische Material nutzt Bourdieu, um sein Konzept des Habitus als
inkorporierte soziale Struktur zu entwickeln 117.
Die weibliche Tugend „orientiert den gesamten weiblichen Körper nach unten, zur
Erde, zum Haus, nach Innen hin, während die männliche Vorbildlichkeit ihre Bestätigung in der Bewegung nach oben, nach draußen, zu den anderen Männern hin findet"
(Bourdieu 1979, S. 196).
Die männliche Körperorientierung wird als zentrifugal, die weibliche als zentripetal beschrieben. Die Unterschiede in der Einverleibung sozialer Strukturen, die hier die des Geschlechterverhältnisses sind, manifestieren sich, so
Bourdieu, noch in der Wahrnehmung des Geschlechtsaktes. Die sozialen
Gelegenheiten, in denen die Strukturen der geschlechtlichen Teilung der sozialen Welt angeeignet werden, sind die Beziehungen zu Vater und Mutter
(vgl. Bourdieu 1979, S. 193) und das kindliche Spiel (vgl. ebd., S. 190f) 10 a.
Das Geschlechterverhältnis hat bei Bourdieu gewissermaßen den Status
eines heuristischen Hilfsmittels, um zentrale Elemente des Habitusbegriffs zu
entwickeln. Wie noch zu zeigen sein wird, ist es nicht zufällig, daß der
Aspekt der Einverleibung von Strukturen am Beispiel der Verkörperung des
Geschlechtsstatus beschrieben wird, gilt doch der Körper in unserer Kultur
als ultimativer Geschlechtsbeweis. In Frauen- und Geschlechterforschung
gibt es einige Versuche und Anregungen, einen Begriff des geschlechtlichen
Habitus zu entwickeln (vgl. Conway-Long 1994, S. 71ff., Frerichs 1997;
Krais 1993; Liebau 1992; McCall 1992). Daran knüpft sich die Erwartung,
die subtilen Mechanismen der Reproduktion der Geschlechterordnung erfassen und gerade auch die These von `Tätern' und `Opfern' in einer nichtvoluntaristischen Weise reformulieren zu können (vgl. Krais 1993, S. 217)' 01.
1 07 Im „Entwurf einer Theorie der Praxis" beziehen sich die Beispiele in dem Kapitel über die
„Einverleibung der Strukturen" (Bourdieu 1979, S. 189-202) vornehmlich auf die Geschlechtszugehörigkeit und das Geschlechterverhältnis.
108 Auf die Bedeutung des kindlichen Spiels für die Aneignung der dem eigenen Geschlecht
sozial angemessenen Dispositionen verweisen aus der Perspektive der kognitiven Entwicklungspsychologie Piaget (1973, S. 80ff) und Gilligan (1984). Diese Übereinstimmung
ist nicht zufällig. Piagets Modell der Adaptation von Handlungs- und Wahrnehmungsschemata an eine widerständige Umwelt hat starke Affinitäten zu Bourdieus Verständnis des
Körpers als „Analogien-Operator" (vgl. IRaphael 1 991, S. 250f)
109 An Bourdieus Theorie ist häufig kritisiert worden, daß sie mit ihrem Klassenbegriff der
4.2 Geschlechtlicher Habitus - ein Entwurf
„Denn als solche, das heißt als etwas über die Summe der einzelnen Mitglieder Hinausgehendes, existiert eine Gruppe dauerhaft ja nur, insofern jedes einzelne Mitglied
die dazu erforderliche Einstellung mitbringt, daß es durch und für die Gruppe existiert, oder genauer, gemäß den ihrer Existenz zugrunde liegenden Prinzipien existiert" (Bourdieu 1988, S. 110f.).
Gleichgültig, wie man die biologische Basis der Geschlechterdifferenz einschätzt, ob man im Sinne der sex-Bender-Unterscheidung ein vorsoziales
biologisches Substrat annimmt oder ob man auch dieses ethnomethodologisch dekonstruiert, ein soziologischer Begriff von Geschlecht meint notwendig mehr bzw. anderes als den Besitz bestimmter biologischer Merkmale. In
einem handlungstheoretisch-soziologischen Sinne besteht ein Geschlecht aus
einer und existiert in einer distinkten Handlungspraxis. Sozial ist ein Geschlecht mehr als die Summe derjenigen Personen, denen aufgrund einer
nach der Geburt vorgenommenen Inspektion („Hebammengeschlecht") oder
sonstiger Kriterien (Chromosomen, Gonaden, Hormone) ein bestimmtes Geschlecht zugewiesen worden ist. Die auf Berufsgruppen gemünzte Feststell ung Bourdieus übertragend, läßt sich sagen, daß ein Geschlecht nur dadurch
(sozial) existiert, daß die Angehörigen einer Geschlechtskategorie gemäß einem Prinzip handeln, das für diese, nicht aber für die andere Geschlechtskategorie Gültigkeit hat. Mit anderen Worten: Die soziale Existenz eines Geschlechts ist an einen spezifischen Habitus gebunden, der bestimmte Praxen
generiert und andere verhindert"".
In einer vergleichbaren Perspektive bemerkt Goffman (1981, S. 40), Angehörige einer Geschlechtskategorie seien dadurch gekennzeichnet, daß sie
fähig und bereit sind, bei ihren Geschlechtsdarstellungen einen bestimmten
Plan einzuhalten. An anderer Stelle führt Goffman (1994c, S. 113) den Begriff „Genderismus" ein, um zu bezeichnen, daß das Handeln der Mitglieder
einer Geschlechtsklasse nicht „bloß als eine Reaktion der Individuen auf eine
formal festgesetzte Regel angesehen werden kann", sondern „durch etwas
motiviert und gestaltet ist, das den einzelnen Körpern innewohnt`.
Vielfalt ausdifferenzierter Lebenslagen in der modernen postindustriellen Gesellschaft nicht
gerecht wird. Zu berücksichtigen sei auch, in welcher Weise sich „die kollektiven Erfahrungen der einzelnen Generationen (...), Nationalitäten, Geschlechter, Altersgruppen in
Form spezifischer Habitus" (Hradil 1 989, S. 126) niederschlagen. Wiewohl es nicht das
Ziel der vorliegenden Arbeit ist, die Bourdieusche Theorie fortzuentwickeln - der Rekurs
auf Bourdieu ist, wie erwähnt, durch die Erwartung eines besseren Gegenstandsverständnisses motiviert -, so mag die Entwicklung eines Begriffs des geschlechtlichen Habitus
doch vielleicht auch dazu beitragen, daß die Engführung des Habitus als Klassenhabitus ein
wenig aufgebrochen wird.
Allgemein heißt es bei Bourdieu (1993, S. 111): „Die Soziologie behandelt alle biologischen Individuen als identisch, die als Erzeugnisse derselben objektiven Bedingungen mit
denselben Habitusfonnen ausgestattet sind".
112
In diesem Zusammenhang läßt sich das ethnomethodologische Konzept
des „doing Bender" aufnehmen. Der geschlechtliche Habitus ist Basis von
„doing Bender", garantiert als „modus operandi" dessen Geordnetheit. Für
das Individuum bedeutet das: Im Habitus hat es ein Geschlecht („opus operatum"), indem es ein Geschlecht `tut' („modus operandi"). Insofern als dieses Tun nicht voluntaristisch beliebig ist, sondern im Rahmen des Habitus
geschieht, ist Geschlecht - obwohl dem Individuum als Merkmal zugeschrieben - keine individuelle Eigenschaft"'. Andererseits reproduziert sich der
Habitus nur im Handeln, so daß Geschlecht nicht etwas dem Handeln der
Akteure Externes ist. Mit dieser intersubjektivitäts- und handlungstheoretischen Bestimmung läßt sich das ethnomethodologische Konzept des „doing
gender" begrifflich differenzieren: „Gender is obviously rauch more than a
role or an individual characteristic: it is a mechanism whereby situated social
action contributes to the reproduction of social structure" (West/Fenstermaker 1995, S. 21).
Bourdieu bestimmt den Habitus als „einverleibte, zur Natur gewordene
und damit als solche vergessene Geschichte" (1993, S. 105). Der geschlechtliche Habitus ist verkörperte und naturalisierte Praxis par excellence. Hirsch
auer (1993, S. 60) bezeichnet den Körper als „fleischliches Gedächtnis von
Darstellungen". Der Körper `weiß', wie man sich darstellen muß, um als Frau
bzw. als Mann anerkannt zu werden; im Körper ist die Geschlechtlichkeit
habitualisiert. Stärker bzw. buchstäblicher als der Klassenhabitus scheint der
geschlechtliche verkörpert zu sein. In den dominanten kulturellen Deutungsmustern über Geschlechtszugehörigkeit und Geschlechterverhältnisse sind
Kultur und Natur zu einer unauflösbaren Einheit verbundenllz. Das Deutungsmuster des physiologischen Fundiertseins der Geschlechterdifferenz
bestimmt den common Sense, aber nicht nur diesen. Geschlechtscharaktere
gelten als natürliche Folge des Dimorphismus" 3. Soziale Differenzierung
kann sich auf die physiologische Differenz der Körper als unhintergehbare
Basis berufen. Eine Naturalisierung von sozialer Praxis und von historisch
111 Hirschauer (1994, S. 673) sieht - unter Rekurs auf Bourdieu - auch den geschlechtlichen
Körper in dieser Weise vergesellschaftet: „Daß Individuen nicht autonom über ihren Körper verfügen, führt hier nicht auf den phänomenologischen Gedanken, daß sie ihr Leib sind,
sondern auf den, daß er ihnen nicht allein gehört. Wenn Individuen ihr Leib sind, dann
nicht ihr eigener. Der Habitus ist ein gesellschaftlicher Körper: mit Haut und Haaren gehört
er der Gesellschaft".
112 Auch Goffman (1981, S. 39) betont, daß das Verhältnis zur Natur ein Moment ist, hinsichtlich dessen sich Geschlechtslage und Klassenlage unterscheiden. „Zusammenfassend können wir sagen, daß das Geschlecht, zusammen mit dem Lebensalter - vielleicht mehr als so
ziale Klassen und andere gesellschaftliche Unterteilungen -, ein Verständnis dafür ermöglicht, wie wir unsere Natur letztlich begreifen und wie oder wo wir diese Natur zeigen sollen".
113 Dieses Deutungsmuster findet sich in einer Vielzahl der Gruppendiskussionen wieder, auf
die im empirischen Teil der Arbeit eingegangen werden wird.
113
gewordenen Verhältnissen ist nirgendwo leichter zu bewerkstelligen als dort,
wo der Rekurs auf ein körperliches Substrat möglich ist"'. „Denn in diesem
Fall findet die Transformation eines willkürlichen Produktes der Geschichte
in Natur eine scheinbare Grundlage ... in den Erscheinungsformen des Körpers" (Bourdieu 1997b, S. 169). Die als zweite Natur realisierte Geschichte
erscheint als erste, der geschlechtliche Habitus als von der Natur diktiertes
Schicksal"'.
Mehr als beim Klassenhabitus ist beim geschlechtlichen verdeckt, daß
eine soziale Praxis in Gestalt von Habitualisierungen in den Körper eingeschrieben worden ist. Das Unsichtbarmachen der Tatsache, daß der ge
schlechtliche Körper ein kulturell erzeugter ist, macht nachgerade die Kompetenz des doing gender aus. Ein Blick auf die geschlechtlichen `Grenzgänger', auf die Transsexuellen, hilft, dies zu verdeutlichen. Der neue, ein dem
angestrebten Geschlecht angemessener Körper muß mittels kunstvoller Praktiken gezielt erzeugt werden. Aber erst in dem Maße, in dem Transsexuelle
die erlernten körperlichen Mittel der Geschlechtsdarstellung (Gesten, Tonlage beim Sprechen, Positionierung i m Raum usw.) als erlernte vergessen, d.h.
habitualisieren, entsteht ein geschlechtlicher Körper, der den Eindruck vermittelt, als sei er die Basis der geschlechtlichen Performanz, als seien die
arstellungen „nur sein natürlicher `Verhaltensausdruck"` (Hirschauer 1993,
S. 48). Erst wenn dies gelingt, wenn sich ein geschlechtlicher Habitus als
selbstverständliche verkörperte Praxis entwickelt, ist eine Anerkennung im
gewählten Geschlecht gewährleistet.
Das „passing" der Transsexuellen (Garfinkel 1967) läßt sich folglich begreifen als Tilgung von in den Körper eingeschriebenen Dispositionen, nämlich derjenigen, in die sie sozialisiert worden sind, und als gleichzeitiges Ein
schreiben angemessener neuer Dispositionen. Dieser Prozeß impliziert, daß
Habitusformen erworben werden, die sich auf die Semantik der Ungleichheit
der Geschlechter beziehen. Die symbolischen Ressourcen, deren sich die
Unterscheidung von zwei Geschlechtern bedient, sind gewonnen aus den
Unterschieden der Geschlechterordnung. Mit der Aneignung einer typisch
weiblichen Art, sich zu kleiden, zu schminken, zu sprechen usw., wird auch
eine bestimmte Position in einem sozialen Ordnungsgefüge eingenommen.
Daß dieses Substrat selbst kulturell erzeugt ist, hat Laqueur (1992) in seiner Sozialgeschichte des geschlechtlichen Körpers eindrucksvoll gezeigt. Dies kann hier jedoch vernachlässigt werden, weil die soziale Praxis den Körper als vorsozial wahrnimmt,
Wie diese Naturalisierung sozialgeschichtlich entstanden ist, in welchen gesellschaftlichen
Konstellationen, das zeigen Studien zur „Erfindung" der Geschlechtscharaktere in der bürgerlichen Gesellschaft (vgl. Hausen 1976; Honegger 1991; Frevert 1995). Erst gegen Ende
des 18. Jahrhunderts, mit der Etablierung der vergleichenden Anatomie konstituiert sich, so
Honegger (1991, S. 8), „der Körper auf moderne Weise als erzeugungsmächtiger ' Analogien-Operator' (Pierre Bourdieu), der es vor allem gestattet, die Geschlechterdifferenz zu
regulieren".
Was Transsexuelle sich in mühsamen Lernprozessen intentional aneignen und dann als Angeeignetes wieder vergessen müssen, wird ansonsten im
Sozialisationsprozeß eher beiläufig erworben. Dort wird „der Körper zu einer
Art Analogien-Operator ausgebildet ..., der praktische Äquivalenzen zwischen diversen Teilungen der sozialen Welt stiftet - Teilung der Geschlechter,
der Alters- und Gesellschaftsklassen ... Geleistet wird dies durch Integration
der Symbolik sozialer Herrschaft und Unterwerfung mit der Symbolik sexueller Herrschaft und Unterwerfung im Rahmen ein-und-derselben Körpersprache" (Bourdieu 1987, S. 740f., Fn. 13). Untersuchungen über nonverbale
Kommunikation haben gezeigt, daß die „Körperstrategien", mit denen Dominanz zwischen Statushohen und Statusniedrigen hergestellt und ausgedrückt wird, denen gleichen, die in der Interaktion von Männern und Frauen
zum Tragen kommen (vgl. Henley 1988; Bourdieu 1993, S. 132f.).
Auf die sozialisatorische Aneignung des geschlechtlichen Habitus durch
das Individuum kann hier ebensowenig eingegangen werden wie auf die Sozialgeschichte der gesellschaftlichen und kulturellen Genese des weiblichen
und des männlichen Habitus. Hier soll eine andere Frage behandelt werden,
deren Beantwortung wichtig ist für die Interpretation der im empirischen Teil
präsentierten Daten. Gibt es pro Geschlecht einen Habitus oder mehrere?
Gibt es jeweils eine geschlechtliche Soziallage oder mehrere? In der Bourdieuschen Konzeption des Klassenhabitus eignet einer sozialen Klasse ein
und nur ein Habitus. Soziologische Modernisierungstheorien betonen das
Aufbrechen von tradierten Bindungen und Zugehörigkeiten. „Jenseits von
Stand und Klasse", heißt es bei Beck (1983). Auch von Geschlecht? Die
Frauenforschung thematisiert im Zuge einer Abkehr von einer auf weiße
Frauen der Mittelschicht zentrierten Perspektive (vgl. West/Fenstennaker
1995, S. 10ff.) mehr und mehr die Vielfalt von weiblichen Lebenswelten und
weiblichen Lebensentwürfen. In den men's studier ist es üblich geworden,
von Maskulinitäten zu sprechen und den Singular zu vermeiden. All dies
wird gewöhnlich mit dem vorsorglichen Hinweis versehen, eine postmoderne
Beliebigkeit sei damit nicht verbunden.
Im Hinblick auf Weiblichkeit und Männlichkeit den Plural zu verwenden
steht einem Konzept von jeweils einem geschlechtlichen Habitus nicht entgegen. Hier sind unterschiedliche Dimensionen angesprochen: zum einen Ausdrucksformen (Maskulinitäten), zum anderen ein generierendes Prinzip
(Habitus). Dies führt zu folgenden These: Es gibt pro Geschlecht einen
Habitus, also einen männlichen und einen weiblichen. Der jeweilige Habitus
manifestiert sich nicht in einer Uniformität von Handlungen, Einstellungen,
Attributen; es gibt vielmehr unterschiedliche Ausprägungen von Femininität
und Maskulinität, wobei soziales Milieu, Generationszugehörigkeit, Entwicklungsphase und familiäre Situation sich als lebensweltliche Erfahrungshintergründe erweisen, deren Relevanzstrukturen Einfluß auf die Muster haben, in denen sich der geschlechtliche Habitus manifestiert. Selbst dort, wo
der geschlechtliche Habitus intentional geleugnet bzw. abgelehnt wird, erweist sich - im Sinne der Dialektik von Determination und Emergenz - seine
strukturelle Macht.
Der Begriff des geschlechtlichen Habitus unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von dem verbreiteten Konzept der Geschlechtsrolle:
Habitus meint nicht, daß man eine Geschlechtsrolle hat, sondern daß man
alles Handeln, gleichgültig, welche spezifische Rolle jeweils aktualisiert
ist, nach einem bestimmten erzeugenden Prinzip gestaltet.
Soziale Rollen sind an bestimmte Positionen in bestimmten sozialen Situationen gebunden (Lehrerrolle, Vaterrolle usw.). Daraus ergibt sich ein
fundamentales konzeptionelles Problem des Geschiechtsrollenbegriffs,
ist doing gender doch virtuell in jeder sozialen Situation gefordert. Dieses Problem vermeidet der Begriff des Geschlechtshabitus. Er stellt damit
Geschlecht konzeptionell, hinsichtlich des Stellenwertes als soziologische Kategorie, dem Begriff der Klasse gleich, bestimmt Geschlecht mithin als Gegenstand der allgemeinen Soziologie, während die Kategorie
der Geschlechtsrolle eher auf eine spezielle Soziologie verweist.
Auch wenn ein Individuum in einer sozialen Rolle aufgehen mag, der
Rollenbegriff faßt die Rolle als eine gesellschaftlich organisierte Erwartungshaltung, die dem Akteur äußerlich bleibt, und nicht als inkorporierte
soziale Struktur. Von Rollen kann man sich distanzieren, der Habitus als
` fleischliches Gedächtnis' erinnert beständig an die Macht der Struktur.
Geschlechtsrolle ist ein komplementär konzipierter Begriff. Habitus faßt
das Geschlechterverhältnis als Ungleichheitsrelation.
e Überlegungen zum geschlechtlichen Habitus sind Ergebnis zum einen
der Adaptation der Bourdieuschen Theorie auf die Geschlechterlage, zum anderen der Interpretation der Daten. Da diese Daten einem Forschungsprojekt
über „kollektive Orientierungen von Männern" entstammen, soll die These
im folgenden anhand des männlichen Geschlechtshabitus erläutert werden.
Damit ist zugleich eine Überleitung zum empirischen Teil der Arbeit verbunden. Diese thematische Spezifizierung macht eine Einschränkung notwendig.
Die Ausführungen zum männlichen Geschlechtshabitus beruhen auf datenbasierter Theoriebildung (grounded theory). Inwieweit der weibliche Geschlechtshabitus ähnlich strukturiert ist, bedürfte einer empirischen Prüfung,
die entweder in einer vergleichbaren empirischen Studie vorgenommen werden könnte oder die die vorhandenen Untersuchungen über weibliche Lebenswelten, Weiblichkeitsmuster u.ä. entsprechend rekonstruieren müßte.
Beides steht außerhalb des Fokus der vorliegenden Arbeit.
116
4.3 Der männliche Geschlechtshabitus
Im geschlechtlichen Habitus ist immer zweierlei ausgedrückt: eine Strategie
der Differenz und eine Position im Gefüge der Geschlechterordnung. An die
Unterscheidung von Männern und Frauen knüpfen sich Unterschiede. Eine
Konzeption des männlichen Geschlechtshabitus maß mithin sowohl berücksichtigen, wie Mannsein in Abgrenzung von Frausein sich konstituiert (Dimension der Differenz), als auch, wie in der Herstellung der Differenz männliche Dominanz entsteht (Dimension der Ungleichheit).
Die beiden Dimensionen können allenfalls analytisch voneinander geschieden werden, und auch das nur schwierig. Auch dort, wo scheinbar neutral weibliche und männliche Eigenschaften gegenübergestellt (etwa in sozi
alpsychologischen Studien der Geschlechterdifferenzforschung) oder wo Mitster der Handlungs- und Weltorientierung (z.B. die Parsonsschen „pattern variables'`) geschlechtlich konnotiert werden, folgt die Ungleichheit gleichsam
auf dem Fuße. Die kulturelle Wertigkeit von Orientierungsalternativen wie
aktiv versus passiv oder universalistisch versus partikularistisch ist immer
mitpräsent und immer mitgedacht. bloch in der feministischen Aufwertung
des Duldenden, der Weltverbundenheit usw. - in Bourdieuscher Terminologie: des weiblichen kulturellen Kapitals (z.B. bei Chodorow oder bei Gilligan) - kommt die kulturell dominierende Werteordnung zum Tragen und zum
Ausdruck.
In den vorliegenden soziologischen Versuchen von Simmel bis Connell,
ein Konzept von Männlichkeit zu entwerfen, wird allemal deutlich, daß „doing Bender" „doing difference" ist und daß die Herstellung der Differenz sich
der gesellschaftlichen Semantik sozialer Ungleichheit bedient. Es wird aber
auch deutlich - und dies wiederum bereits bei Simmel -, daß die Invisibilisierung des Geschlechtlichen im Handeln von Männern ein entscheidendes
Merkmal und die zentrale `Strategie' des männlichen doing gender ist, mithin
Bestimmungselement des männlichen Habitus. Die Transformation von
Macht in Recht ist für Simmel Ausdruck und Mittel dieser Invisibilisierung.
Aus dem willkürlichen „Aasnutzer der Macht" wird „der Träger einer objektiven Gesetzlichkeit" (Simmel 1985, S. 202). Schon bei Simmel wird der Zusammenhang von Differenz und Dominanz deutlich, wird sichtbar, wie Differenz sich in und durch Dominanz herstellt.
Dominanz, Über- und Unterordnung, Abhängigkeiten und Ungleichheiten gibt es nicht nur im Verhältnis der Geschlechter zueinander, sondern auch
in binnengeschlechtlichen Beziehungen. In Connells Begriff der „hegemonia
len Maskulinität" ist dies festgehalten. Ausgangspunkt der Connellschen
Theorie von Männlichkeit ist die gesellschaftliche Dominanz von Männern
über Frauen. Die soziale Konstruktion von Männlichkeit kann nur adäquat
begriffen werden, wenn zugleich die Qualität der Konstruktion der Ge-
schlechterdifferenz berücksichtigt wird. Die Relationalität der Kategorie Geschlecht ist unaufhebbar. Insofern als das Konzept der hegemonialen Maskulinität Männlichkeit nicht als eine Eigenschaft der individuellen Person begreift, sondern als in sozialer Interaktion - zwischen Männern und Frauen und
von Männern untereinander - (re-)produzierte und in Institutionen verfestigte
Handlungspraxis, liegt diesem Konzept eine Logik zugrunde, die der des
Habitusbegriffs kompatibel ist.
Der Begriff der hegemonialen Maskulinität stellt das kulturell erzeugte
Einverständnis der Unterprivilegierten heraus. Dieses, nicht so sehr physische
Gewalt, garantiert das Funktionieren der Geschlechterordnung. Bourdieu
spricht im Zusammenhang mit männlicher Dominanz von symbolischer Gewalt. „ Symbolische Gewalt übt einen Zwang aus, der durch eine abgepreßte
Anerkennung vermittelt ist, die der Beherrschte dem Herrschenden zu zollen
nicht umhin kann" (Bourdieu 1997b, S. 164). Diese Gewalt funktioniert nur
solange, wie sie nicht als solche erkannt wird. Das kulturell erzeugte Einverständnis begründet eine gewisse `Komplizenschaft' zwischen `Opfer' und
` Täter' (vgl. Krais 1993, S. 232f.)' 16. In privaten Beziehungen zwischen
Frauen und Männern unterstützen die Erotisierung der Dominanz und die
Tatsache, daß solche Beziehungen nicht selten auf Liebe gründen, die ' Komplizenschaft' (vgl. Dröge-Modelmog 1987). Gesellschaftlich wird sie abgesichert durch einen kulturellen Moralkonsens sowie durch einen Rekurs auf
allgemeingültige Deutungsmuster"'. Feministische Diskurse versuchen die
Allgemeinheit, d.h. Geschlechtsneutralität solcher Deutungsmuster als geschlechtlich konnotiert zu dekonstruieren. Ein prominentes Beispiel ist Gilligans (1984) These, die herrschende Gerechtigkeitsmoral sei keine universelle, sondern eine spezifisch männliche Moral.
Hegemoniale Maskulinität ist der Kern des männlichen Habitus, ist das
Erzeugungsprinzip eines vom männlichen Habitus generierten doing gender
bzw. ` doing masculinity', Erzeugungsprinzip und nicht die Praxis selbst. Der
männliche Habitus kann sich folglich in einer Vielzahl von Formen äußern,
als Generalverantwortlichkeit für Wohl und Wehe der Familie (Familienoberhaupt) ebenso wie in physischer Gewalt, in Formen prosozialen Handelns
(Beschützer) wie in Hypermaskulinität (Rambo, Macho)'ls. Hegemoniale
Umgekehrt impliziert ein Aufkündigen der Komplizenschaft, symbolische Gewalt als Gewalt zu thematisieren. Das ist die Strategie des Feminismus. „Im ideologischen Kampf zwischen Gruppen (z.B. Alters- oder Geschlechtsklassen) oder gesellschaftlichen Klassen um
die Definition der Wirklichkeit wird der symbolischen Gewalt als verkannter und anerkannter, also legitimer Gewalt das Bewußtmachen der Willkür gegenübergestellt, das den
Herrschenden einen Teil ihrer symbolischen Stärke nimmt, indem es Verkennung beseitigt"
(Bourdieu 1993, S. 244, Fn. 1).
117 An der besagten `Komplizenschaft' scheitern u.a. immer wieder Versuche, Maßnahmen positiver Diskriminierung zugunsten von Frauen zu implementieren (vgl. Muster 1992).
118 Bourdieu (1997b, S. 215f) spricht von einer gesellschaftlich konstituierten „libido doniinandi" des Mannes, die, „und das oft in derselben Bewegung, ebenso zu extremen Ge-
118
Maskulinität ist zudem der Maßstab, der an das Handeln eines Mannes von
anderen Männern herangetragen wird (und oft auch von Frauen). Wer sich
dem Habitus zu entziehen versucht, wird von den anderen an dessen Gültigkeit erinnert, und sei es nur derart, daß ein verheirateter Arbeiter, der regelmäßig ohne Pausenbrote zur Arbeit kommt, von seinen Kollegen gefragt
wird, ob seine Frau ihm denn keine Brote schmiere. Massivere Formen der
` Erinnerung' sind Etikettierungen wie ` Weichei' oder ` Männerheulverein' für
Männer, die als `bewegte' Männer den männlichen Habitus offensiv angreifen"'. Also nicht nur die Erzeugung des eigenen, sondern auch die Bewertung des fremden Handelns geschieht im Rahmen der vom Habitus vorgesehen Parameter.
Ein Leben gemäß dem (männlichen) Habitus erzeugt habituelle Sicherheit. Dieser Begriff hat einen spezifischeren Sinn als derjenige der „ontologisehen Sicherheit", wie Anthony Giddens (1991, S. 92ff.) ihn im Rahmen sei
ner modernisierungstheoretischen Analyse verwendet. Gleichwohl knüpfen
sich, wie wir noch sehen werden, auch an den Begriff der habituellen Sicherheit modernisierungstheoretische Folgerungen. Ontologische Sicherheit
meint eine Art Urvertrauen sowohl in die Kontinuität von Selbstidentität als
auch in die Konstanz der Strukturen der umgebenden Sozialwelt. Das erinnert
an die von Alfred Schütz (1971, S. 257f.) in Anschluß an Husserl als Basis
des Alltagshandelns benannten Konstanzidealisierungen des ,;und so weiter"
und des „immer wieder". Mit habitueller Sicherheit ist eine Sicherheit gemeint, die ein Handeln betrifft, das unter den Geltungsbereich eines bestimmten Habitus und in den Rahmen einer bestimmten Sozialordnung fällt,
hier derjenigen der Zweigeschlechtlichkeit. Habituelle Sicherheit impliziert
eine „selbstbewußte Zustimmung zum habituellen Schicksal" (Janning 1991,
S. 31), ist positiv angenommener Zwang. Sie erweist sich in einer indexikal
vollzogenen Verortung im Beziehungsgeflecht der Geschlechter" 1 ° (im Gewalttätigkeiten des virilen Egoismus wie zu äußersten Opfern der Hingabe und der Uneigennützigkeit führen" könne.
119 Diese Beispiele sind dem empirischen Material entnommen.
120 Joachim Matthes (1985, S. 370) hat den ethnomethodologischen Begriff der Indexikalität
gewählt, um den Modus zu charakterisieren, in dem Generationen sich selbst thematisieren.
Dies geschehe nicht in Form eines „Gruppenbewußtseins", sondern „solche Selbstthematisierungen (werden) immer im Wechselspiel der generationellen Verhältnisse indexikal getroffen". Setzt man an die Stelle von generationellen Verhältnissen Geschlechterverhältnisse, dann kann für ein männliches ` Geschlechtsbewußtsein', das von Selbstzweifeln und
Identitätskrisen nicht affiziert ist, gleiches gesagt werden. Die Ethnomethodologie verwendet den Begriff der Indexikalität, um das rekursive Verhältnis von singulärer Erscheinung
(eine Äußerung, eine Handlung) und übergreifendem Muster (eine Regel, ein Orientierungsmuster, ein Deutungsmuster) zu bezeichnen. Die wechselseitige Bezugnahme geschieht in der Routine des Alltagshandelns nicht explizit bzw. nicht qua Reflexion, sondern
eben als vorreflexive Routinepraxis in der Manier des „praktischen Bewußtseins" (Giddens). Nur dann, wenn die Routinebasis des Handelns gestört wird, wie es in den bekannten
Krisenexperimenten Garfinkels der Fall ist, sehen sich die Handelnden gezwungen, ihr
gensatz zu einer diskursiv vorgenommenen Positionsbestimmung), und sie
hat zu Folge, daß man seine Männlichkeit nicht als Ergebnis von (intentional
gesteuertem) Handeln begreift. Damit, d.h. mit einem intendierten Darstellen,
hätte man sie vielmehr bereits verloren. Habituelle Sicherheit kommt dem
gleich, was Bourdieu „Doxa" nennt, beruht auf einer „gewohnheitsmäßigen
Verwurzelung mit der alltäglichen Ordnung des Ungefragten und Selbstverständlichen" (Bourdieu 1987, S. 668). Diese Verwurzelung ist umso eher
möglich, je stabiler die Ordnung ist und je vollständiger die Dispositionen der
Akteure, d.h. ihr Habitus, die Strukturen der Ordnung reproduzieren (vgl.
Bourdieu 1979, S. 327).
Die Ordnung der Geschlechter ist am Ausgang des 20. Jahrhunderts alles
andere als stabil. Das müßte Auswirkungen auf Ausmaß und Äußerungsformen habitueller Sicherheit haben. Hierauf wird im empirischen Teil der Ar
beit näher eingegangen. Dieser Teil der Arbeit ist unter die Leitfrage gestellt,
ob angesichts der zunehmenden Instabilität der Geschlechterordnung die Lebenspraxis noch die Anwendungsbedingungen des männlicher Geschlechtshabitus erfüllt. Inwieweit repräsentieren die Anwendungsbedingungen in einer Epoche deutlichen sozialen Wandels des Geschlechterverhäfnisses noch
einen partikularen Zustand" (Bourdieu 1979, S. 171) derjenigen Struktur,
die - historisch-genetisch - der Entwicklung des männlichen Geschlechtshabitus zugrundeliegen? Diese Leitfrage läßt sich milieu- und generationsspezifisch differenzieren. Sind die Anwendungsbedingungen beispielsweise
in höheren sozialen Milieus mit einem hohen Einkommen des Mannes eher
gegeben als in Arbeitermilieus, in denen das Familieneinkommen in einem
hohen Maße von der Erwerbstätigkeit der Frau abhängt?
Veränderungen in den Strukturen der Sozialordnung ziehen nicht automatisch einen Wandel der Habitusformen nach sich. Bourdieu bezeichnet das
Beharrungsvermögen des Habitus bzw. dessen relative Autonomie als „Hysteresiseffekt". Hieran knüpft sich die Frage, mit welchen Strategien die .Akteure eine habituelle Sicherheit aufrechterhalten, wenn die Strukturen, denen
die Anwendungsbedingungen des Habitus korrespondieren, in Auflösung begriffen sind. Normalisierung und Nihilierung sind hier probate (kognitive)
Mittel.
ie Strukturen der Geschlechterordnung werden nicht alle zugleich brüchig, und nicht alle Männer sind in gleichem Maße davon betroffen. Eine
Gleichzeitigkeit von Umbruch und Routine kennzeichnet die Lebenslage der
meisten Männer. Ein Personalchef in einem großen Unternehmen beispielsweise erfährt in seinem beruflichen Alltag den Wandel der Geschlechterverhältnisse unmittelbar in Gestalt von Forderungen der Frauenbeauftragten des
Betriebs, lebt aber in traditionellen familiären Verhältnissen, die auch von
Handeln bzw. ihre Äußerungen zu „formulieren" bzw. zu „entindexikalisieren", d.h. sich
und den anderen explizit zu machen, was ihr Handeln bedeutet.
120
seiner Ehefrau nicht problematisiert werden. Solche Ungleichzeitigkeiten
werfen die Frage auf, welche Bereiche der alltäglichen Lebenswelt besonders
sensibel sind für habituelle Verunsicherungen.
Im Geschlechterdiskurs, wie er von den Medien vermittelt wird, spielt
die These von einer Krise des Mannes oder einer Krise der Männlichkeit eine
große Rolle. Ob die so verbreitet ist wie behauptet, mag man zu Recht be
zweifeln. Allerdings läßt sich nicht übersehen, daß es Männer gibt, die ihre
geschlechtliche Existenz als krisengeschüttelt begreifen. Wenn man sich den
Erfahrungen, Selbstdeutungen und Sehnsüchten dieser Männer in einer analytischen Perspektive zuwendet, wie sie den Garfinkelschen Krisenexperimenten zugrundeliegt, dann läßt sich an den Bruchstellen der Geschlechterordnung viel über deren Funktionieren erfahren. Diesen Männern ist der geschlechtliche Habitus von einer Vorgabe zu einer Aufgabe geworden. Vor
allem zeigt sich an den Reaktionen dieser habituell tief verunsicherten Männer, welche fundamentale Bedeutung den leibgebundenen Expressionen zukommt. Tendenziell schreibt sich eine habituelle Verunsicherung in den Körper ein. Die Mittel der körpergebundenen geschlechtlichen Selbstpräsentation
werden nicht mehr oder nur unzureichend beherrscht. Der Körper versagt als
fleischliches Gedächtnis. Dem Beobachter teilt sich dies als Stilbruch mit, als
nicht authentische Selbstpräsentation. Umgekehrt tauchen in den Sehnsüchten verunsicherter Männer immer wieder Bilder einer ostentativ körperlichen
Virilität auf, diese Männer sehnen sich nach einer am Körper eindeutig ablesbaren Männlichkeit. Einmal mehr macht sich die Dialektik von Determination und Emergenz geltend.
11. Empirie: Geschlecht und Männlichkeit in den
iskursen der Männer
pti®naüe
ännlichkeite
„Noch vor nicht allzulanger Zeit war die Frau der dunkle und unerschlossene Kontinent der Menschheit, und niemand wäre auf die Idee
gekommen, den Mann in Frage zu stellen. Männlichkeit erschien als
etwas Selbstverständliches: strahlend, naturgegeben und der Weiblichkeit entgegengesetzt. In den letzten drei Jahrzehnten sind diese
jahrtausendealten Selbstverständlichkeiten in sich zusammengebrochen. Indem die Frauen sich neu definierten, zwangen sie die Männer,
das gleiche zu tun." (Elisabeth Badinter: XY. Die Identität des Mannes, 1993, S. 1lf)
„In den hochtechnisierten Nationen haben die Partnerschaftsbeziehungen in den vergangenen 30 Jahren erhebliche Verfallserscheinungen
gezeigt. Archaische Strukturen, die sich seit Tausenden von Jahren
bewährt hatten, wurden durch die Wandlung zur arbeitsteiligen Gesellschaft und den gewaltigen Informationstransfer gravierend verändert." (Joachim H. Bürger: Mann, bist Du gut! 1990, S. 7)
„Was eine richtige Frau ist, kann ich sehr viel leichter beantworten,
als was ein richtiger Mann ist, und das hängt genau mit diesen scheiß
letzten 30 Jahren zusammen. Ich sehe für mich immer noch so viel
Verunsicherung, was die Beantwortung dieser Frage angeht." (Mitglied einer Männergruppe, 1993)
Die das Ideal der Androgynie lobende Philosophin, der medienerprobte Restaurateur einer gefährdeten Männerherrlichkeit, der `neue' Mann - sie sind
sich einig in der Diagnose, daß im Verhältnis von Frauen und Männern in
den vergangenen 30 Jahren fundamentale Veränderungen stattgefunden haben. Auch wenn heute - insbesondere in Hinblick auf die Reaktion von Männern, aber nicht nur von diesen - vor einem „backlash" gewarnt wird, in dessen Folge Verbesserungen der gesellschaftlichen Situation von Frauen zurückgeschraubt werden (vgl. Faludi 1993), verliert die Diagnose nicht an
Gültigkeit. Auf einen „backlash" hinzuweisen impliziert, daß sich zuvor etwas geändert hat. Und es impliziert, daß bestimmte Akteure und gesellschaftliche Gruppierungen auf die veränderte Lage reagieren, mit welchem
Ergebnis auch immer.
Dieser Teil der Arbeit befaßt sich mit den Reaktionen derjenigen, gegen
deren Willen das Geschlechterverhältnis zu einem sozial konflikthaften ge123
macht worden ist. Jedenfalls sind die Prozesse des sozialen Wandels des Geschlechterverhältnisses nicht auf ein intentionales politisches Handeln (der
Mehrheit) der Männer zurückzuführen. Beck und Beck-Gensheim (1990)
sprechen zutreffend von der „erlittenen Emanzipation" der Männer, so sie
denn überhaupt stattfindet'z'.
Das Erkenntnisinteresse richtet sich auf Folgendes: Wie reagieren Männer auf den erwähnten und in seinen lebensweltlichen Manifestationen noch
näher zti beschreibenden Wandel des Geschlechterverhältnisses? Kommen
Selbstverständlichkeiten abhanden? Werden sie Gegenstand eines Diskurses
und somit reflexiv eingeholt? Welche (geschlechterpolitischen) Orientierungen werden entwickelt und wie werden sie handlungspraktisch realisiert?
Den TheoretikerInnen einer reflexiven Modernisierung gilt der „Zerfallsprozeß stabiler sozialer Zusammenhänge" als eine ausgemachte Sache und
die „Frauenemanzipation" als ein wichtiger Erosionsfaktor (Keupp 1994, S.
338). Fraglosigkeiten (ver-)schwinden, eine Vielfalt von Sinnlieferanten versucht die Leerstellen auszufüllen, die brüchig gewordene Traditionen und Ligaturen hinterlassen haben. Für manche kündigt sich eine „Multioptionsgesellschaft` (Gross 1994) an, in der der Mensch zum „homo optionis" wird,
dem „Leben, Tod, Geschlecht, Körperlichkeit ..." (Beck/Beck-Gernsheim
1 994b, S. 16) wand vieles mehr zur Entscheidung aufgegeben sind. Diese Tendenzen der Enttraditionalisierung machen vor dem Geschlechterverhältnis
nicht halt, und sie machen sich, folgt man der Diagnose von Beck und BeckGernsheim (1990), insbesondere in den privaten Beziehungen von Frau und
Mann bemerkeoar. Mit der Freisetzung der Frauen aus quasi-ständischen Bindungen verflüchtigen sich traditionell verbürgte Sicherheiten. Das potenziert
das Konfliktpotential zwischen den Geschlechtern und läßt Frau und Mann in
einen Beziehungsdauerdiskurs eintreten. Die Gemeinsamkeiten des ehelichen
bzw. partnerschaftlichen Zusammenlebens sind nicht mehr durch ökonomische und schon gar nicht durch ständische Zwänge vorgegeben, die Partner
müssen sie in immer neuen Aushandlungen selbst konstituieren. Die Ehe
verliert den Charakter des Selbstverständlichen, statt dessen wird der Begründungszwang institutionalisiert und auf Dauer gestellt. Die Akteure, die
diese Prozesse gesellschaftlicher Modernisierung vorantreiben, gehören nicht
dem Geschlecht an, das die Moderne auf den Weg gebracht hat. Die Männer
sperren sich eher gegen diesen Modernisierungsschub, als daß sie sich zu
In den (polemischen) Worten einer der Parteien im `Krieg der Geschlechter', aus der Sicht
der sog. „Maskulinisten" (zu diesem Typus männlicher Orientierung s. Kap. 6.2) stellt sich
das, was den Männern widerfährt, folgendermaßen dar. Gegen die feministische These vom
„Krieg der Männer gegen die Frauen" wird argumentiert: „Nach üblichem Sprachgebrauch
fängt - privat oder von Staats wegen - einen `Krieg' an, wer an einem realen Zustand gegen
den willen des anderen etwas mit Gewalt verändern will. Es sind die Feministinnen, die
Frauen, die am status quo etwas verändern wollen, nicht die Männer. Diese lassen den
Frauenkrieg stillschweigend über sich ergehen" (Walz 1993, S. 8).
124
dessen Protagonisten machen. Es sind die Frauen, die das letzte Relikt aus
vormoderner Zeit, „das geschlechtsständische Binnengefüge der Kleinfamilie" (Beck/Beck-Gensheim 1990, S. 8) in Frage stellen - und damit den
Grundwiderspruch der Moderne, deren geschlechtliche Halbierung.
Die TheoretikerInnen der sozialen Konstruktion von Geschlecht betrachten die Prozesse der Erosion geschlechtlicher Selbstverständlichkeiten
aus einer anderen und radikaleren Perspektive. Eine umfassende Veränderung
der Geschlechterverhältnisse im Sinne einer „Enthierarchisierung der Differenz" erscheint Gildemeister und Wetterer (1992, S. 248) nur möglich, wenn
das binäre Grundmuster selbst in Frage gestellt wird, und sie werfen die Frage auf, „ob gegenwärtig Brüche und Widersprüche in der Codierung der Geschlechterverhältnisse zu beobachten sind, die sich als Ansatzpunkte einer
,realen Dekonstruktion' der Differenz interpretieren lassen" (ebd., S. 246, Fn.
32). Hirschauer sieht (1993, S. 351) Anzeichen einer realen Dekonstruktion.
Er stellt zum Abschluß seiner Studie über Transsexualität fest, „daß ein großer Teil der Angehörigen der westlichen Kultur selbst zu Geschlechtsmigranten geworden ist`. Als Indikator nennt er die von den TheoretikerInnen
der reflexiven Modernisierung betonten Tendenzen zu Emanzipation, Individualisierung, Nivellierung der Geschlechtsrollen. Wie jene sieht er freilich
auch eine „`Rückseite' aus verschwundenen Orientierungen und verlorenen
Sicherheiten, aus zögernden Suchbewegungen nach neuen oder ängstlicher
Rückkehr zu alten Lebensstilen und aus hastigen Reaffirmationen ` der' Differenz" (ebd.).
Diese andere Seite der Moderne beleuchtet Ulrich Beck (1993, S. 99ff.)
unter dem Stichwort „Gegenmoderne". Sie wird von der reflexiven Modernisierung selbst provoziert. Das Schwinden von Fraglosigkeiten läßt Sehn
süchte nach neuen oder alten Sicherheiten entstehen. „Wieviel Auflösung
verträgt der Mensch?" - In dieser Frage drückt sich nach Beck (1993, S. 143)
ein zentrales Dilemma reflexiver Modernisierung aus. Das Geschlechterverhäitnis, insbesondere die Reaktionen der Männer auf die Veränderungen, die
dieses Verhältnis in den letzten 20 bis 30 Jahren erfahren hat, sind ein 'Anschauungsobjekt' par excellence, an dem sich die Ungleichzeitigkeiten von
Modernisierungsprozessen und Widerstände gegen eine Auflösung von Sicherheiten deutlich beobachten lassen.
Wenn man den Blick auf den öffentlichen Diskurs über den Mann richtet,
dann erscheint die These von der Multioptionsgesellschaft auch für das Geschlechterverhältnis als plausibel. Diverse Sinnlieferanten, von den Kirchen
über Therapeuten bis hin zu selbst ernannten Gurus, offerieren eine bunte
Vielfalt von Deutungen und Männlichkeitsentwürfen. In der Angebotspalette
ist vorn unbeirrten Macho über den mittlerweile als Auslaufmodell gehandelten Softie bis zum neuen `wilden' Mann einiges zu finden. In den Buchhandlungen kann der nach Orientierung suchende Mann oder die Frau, die ihrem Partner auf die Sprünge helfen will, die Sinnofferten käuflich erwerben.
125
Schaut man sich die Optionen im einzelnen an, so entdeckt man Anregungen
zu einer auf Dauer gestellten reflexiven Identitätsarbeit in gleicher Weise wie
eindeutige Aufforderungen, die alte `Männerherrlichkeit' wieder herzustellen
und den Frauen zu zeigen, `was Sache ist'.
Das folgende Kapitel (6) wird der Diskursivierung des Mannseins in ihren Konsequenzen für die Habitualisierung von Männlichkeit nachgehen, und
es wird dazu die Diskurse, in denen das geschieht, in Hinblick auf Deu
tungsmuster und geschlechterpolitische Orientierungen analysieren"'. In der
einschlägigen Literatur lassen sich drei Teildiskurse unterscheiden: ein Defizitdiskurs, ein Maskulinismusdiskurs und ein Differenzdiskurs. Der Defizitdiskurs, der den Beginn des Schreibens über Männlichkeit markiert und bis
heute fortgeführt wird, macht die Geschlechtszugehörigkeit des Mannes zum
Problem und zum Gegenstand einer reflexiven Therapeutisierung. Die beiden
anderen Diskurse sind Reaktionen auf den ersten und treten mit dem Versprechen auf, die mit der Reflexivierung verbundenen Unsicherheiten aufzulösen; der Maskulinismusdiskurs durch eine Rückkehr zu alter `Männerherrlichkeit', der Differenzdiskurs durch eine Wiedergewinnung einer ursprünglichen `Männerenergie'. In beiden ist die reflexive Auseinandersetzung mit
der eigenen Geschlechtsidentität tendenziell stillgelegt.
Hat man sich allerdings einmal auf den Diskurs eingelassen, ist eine
Rückkehr zu einem Zustand ` vorreflexiver Unschuld' nicht mehr oder zumindest nicht unmittelbar möglich. Das zeigt sich, wenn man den Blick von
dem medial vermittelten Diskurs löst und sich lebensweltlich verankerten
kollektiven Orientierungen zuwendet. Dies wird im übernächsten Kapitel (7)
geschehen. Einschlägige Daten sind in Gruppendiskussionen mit real existierenden Gruppen von Männern unterschiedlicher Art gewonnen worden. Der
Blick auf diese Empirie bewahrt zum einen davor, die Bedeutung des medialen Diskurses in quantitativer Hinsicht zu überschätzen, also was seine Rezeptionsbreite betrifft. Einem großen Teil der Männer, möglicherweise der
Majorität ist die eigene Geschlechtlichkeit nach wie vor etwas fraglos Gegebenes. Zwar werden Veränderungen im Verhältnis von Männern und Frauen
nicht ignoriert, doch resultieren daraus keine fundamentalen Irritationen. Kognitive Normalisierungsstrategien und die homosoziale Atmosphäre männerbündischer Zusammenschlüsse leisten hier Entscheidendes zur Bewahrung
tradierter Sinnwelten. Darin liegt eine zentrale Funktion von Stammtischen,
Fußballmannschaften, Männerwohngemeinschaften und Herrenclubs. Eine
habituelle Sicherheit kennzeichnet die geschlechtliche Lebenslage dieser
Männer.
122 Die beiden nachfolgenden Kapitel (6 und 7) basieren auf Daten, die in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Forschungsprojekt mit dem Titel „Die Symbolik der Geschlechtszugehörigkeit. Kollektive Orientierungen vor, Männern im Wandel des
Geschlechterverhältnisses" gewonnen wurden.
126
Zum anderen zeigen die Gruppendiskussionen, daß innerhalb der Szene
männerbewegter Männer und an deren Rändern der mediale Männlichkeitsdiskurs starke lebensweltliche Entsprechungen und Verankerungen hat. Die
jenigen, die ihr Mannsein in den von dem Defizitdiskurs vorgegebenen Deutungsmustern begreifen, haben nahezu jede habituelle Sicherheit verloren,
wenn es um den eigenen Geschlechtsstatus geht. Sie sind gewissermaßen
` heimatlos' im eigenen Geschlecht geworden. Da dies in einer Kultur, in der
Geschlecht ein ` major status' ist, nur schwer über längere Zeit auszuhalten
ist, verwundert es nicht, daß die Sicherheitsverheißungen des Differenzdiskurses in jüngster Zeit in der Männergruppenszene einen wahren Boom der
Aufmerksamkeit erfahren.
Beide Analysen - die des medial vermittelten Diskurses und die der lebensweltlich verankerten Orientierungen - ergeben ein Bild einer in sich brüchigen Modernisierung der Männlichkeit. In der These von der Krise des
Mannes findet dies seinen popularisierten Ausdruck. Im Schlußkapitel wird
diskutiert werden, ob diese These auch dann Bestand hat, wenn man einen
soziologischen Krisenbegriff zugrundelegt.
Die Erörterung dieser Fragen kann nur wenige empirische Untersuchungen zum Vergleich heranziehen. Wie oben (Kap. 3.2) erwähnt, bewegt sich
die empirische Männerforschung in Deutschland weitgehend auf unvermes
senem Neuland. Die bereits zahlreicheren Untersuchungen aus den USA und
aus Großbritannien lassen sich nicht umstandslos als Vergleichshorizont heranziehen. Zwar dürfte es unstrittig sein, daß die Prinzipien und Mechanismen
der geschlechtlichen Differenzierung in westlichen Industriegesellschaften
gewisse grundlegende Gemeinsamkeiten aufweisen. Dennoch enthebt dies
nicht der Notwendigkeit einer eigenständigen Forschung, in der kulturelle
Besonderheiten zu Tage gefördert werden, welche die Konstruktion von Geschlecht hierzulande von derjenigen in den USA unterscheiden. Gerade auf
der Ebene der Inhalte kultureller geschlechtlicher Leitbilder sind - nicht zuletzt in Folge verschiedener historischer Bedingungen - nicht unerhebliche
Differenzen zu erwarten. Als Beispiel sei auf die unterschiedliche Bedeutung
hingewiesen, die sportlicher Aktivität bei der Konstruktion von Männlichkeit
zukommt. In den USA in einer bestimmten Altersphase und in bestimmten
institutionellen Kontexten (College, Universität) von hoher Relevanz (vgl.
Messner 1957; Whitson 1990), spielt sie hierzulande eine geringere Rolle.
Gerade wenn man die soziokulturelle Variabilität der Konstruktion von Geschlechtszugehörigkeit in Rechnung stellt, kann man solche kulturellen Unterschieden nicht außer acht lassen.
Die empirischen Forschungen, die den Ausführungen der folgenden Kapitel zugrundeliegen, sind in der Perspektive der Wissenssoziologie durchgeführt worden. Kapitel sechs basiert auf einer Deutungsmusteranalyse kultu
reller Leitbilder, wie sie in der Männerverständigungsliteratur offeriert werden. In Kapitel sieben werden alltägliche Diskurse von Männern in Hinblick
127
auf die darin enthaltenen Deutungs- und Orientierungsmuster rekonstruiert.
Die Einzelheiten der methodischen Verfahren werden zu Beginn der jeweiligen Kapitel erläutert.
In beiden Analysen geht es um die Rekonstruktion kollektiver Sinngehalte, zunächst auf der Ebene der Kulturproduktion, dann auf der alltäglicher
Lebenswelten. Ein Text der Männerverständigungsliteratur wird ebenso wie
ein Beitrag in einer Gruppendiskussion als Dokument für eine symbolische
Sinnwelt verstanden, die sich in dem Dokument ausdrückt, aber über dieses
hinausweist. Das Konzept des Deutungsmusters wird hier in einem wissenssoziologischen Sinne verwendet"'. Mit dem Begriff des Deutungsmusters
sind typisierende Problemlösungen mit intersubjektiver Relevanz bezeichnet.
Wie Typisierungen stehen sie in einem Verweisungszusammenhang auf gesellschaftlich gültige Normen und Regeln. Sie sind problembezogen in dem
Sinne, daß sie in einem funktionalen Bezug zu objektiven Handlungsproblemen stehen. Sie verweisen auf Problemkonstellationen, die -je nach Fokus für eine soziale Gruppe, eine soziale Organisation oder für die Gesellschaft
insgesamt von zentraler Bedeutung sind. Deutungsmuster haben den Status
„relativer Autonomie". Trotz des funktionalen Bezugs auf objektive Handlungsprobleme sind sie hinsichtlich der Konstruktionsprinzipien und Gültigkeitskriterien autonom und konstituieren so eine eigene Dimension sozialer
Wirklichkeit. Das erklärt die beträchtliche Stabilität von Deutungsmustern,
die allerdings prinzipiell als entwicklungsoffen konzipiert sind.
In den männlichen Selbstdeutungen läßt sich beides, Konstanz und Wandel, beobachten. Deren Ausprägungen sollen in den beiden folgenden Kapiteln nicht nur beschrieben werden, es wird auch gefragt werden, unter wel
chen lebensweltlichen Bedingungen das eine oder das andere typischerweise
,gedeiht'.
1 23 Neben dem wissenssoziologischen Ansatz der Deutungsmusteranalyse gibt es einen strukturtheoretischen, der von Ulrich Oevermann entwickelt worden und eng mit dem Verfahren
der objektiven Hermeneutik verbunden ist. Zur Entstehung des Deutungsmusteransatzes,
seinen Varianten und den methodischen Verfahren der Deutungsmusternalyse vgl. Lüders/Meuser 1996 und Meuser/Sackmann 1992b.
128
m
Von Mann z Mann. Rekonstruktionen und
Rekonstruktionen von Männlichkeit in der
Männerverständigungsliteraturr 24
Es ist unübersehbar, daß der Mann Gegenstand eines öffentlichen Diskurses
geworden ist. Kaum eine Bildungsinstitution, die nicht Foren und Gesprächskreise über die Rolle des Mannes, den Wandel der Männlichkeit, über Wege
zur männlichen Identität u.v.m anbietet. Die Beiträge über die gesellschaftliche Situation des Mannes und über immer neue Formen von Männerbewegungen (immer noch aktuell sind die sog. `wilden Männer') in Radio, TV und
Printmedien sind kaum noch zu überblicken. Die Kirchen haben die Probleme, die (manche) Männer mit ihrer Männlichkeit haben, als Gegenstand seelsorgerischer Arbeit entdeckt. Selbst bis in das Zentrum institutionalisierter
Politik, zumindest bis in den Vorhof der Macht - in Gestalt der Parteien SPD
und Grüne - hat es die Männerthematik gebracht, eine erstaunliche Karriere
in kurzer Zeit. „Männlichkeit" hat Konjunktur 125 , und wie auch immer die
Diagnosen lauten - ob der Mann in einer Krise ist oder nur verunsichert,
vielleicht auch von den Frauen unterdrückt - sicher ist: Der Mann ist ins Gerede gekommen.
Ich lasse zunächst außer Betracht, was die verschiedenen `Geschichten'
über die Situation des Mannes erzählen, und betrachte das Phänomen der
Diskursivierung als solches. Eine `elaborierte' Form finden wir in dem Genre
der Männerverständigungsliteratur, das sich in den letzten 15 bis 20 Jahren
recht erfolgreich auf dem Buchmarkt zu etablieren vermocht hat. Die Titel
gehen in die Hunderte ' 26 und führen bisweilen die Bestsellerliste der Rubrik
„Sachbücher" an. Der Terminus `Verständigungsliteratur' meint Texte, in
denen Männer über sich und für sich sprechen, als Betroffene zu Betroffenen.
In Verständigungstexten"' schreibt potentiell `jedermann', wenngleich auch
124 Dieses Kapitel ist eine überarbeitete und erweiterte Version von zwei zuvor publizierten
Aufsätzen (Meuser 1995a und 1995b).
125 Die hier notierten Beobachtungen beziehen sich auf Diskurse über Männlichkeit, auf verschiedene Weisen einer reflexiven Vergewisserung von bislang fraglos Gegebenem. Parallel dazu läßt sich eine andere Form der medialen Inszenierung von Männlichkeit konstatieren. Eine Sendung wie „Mann-oh-Mann" (SAT 1) präsentiert den Mann als Objekt weiblicher Begierde, und in der Werbung häufen sich Anzeigen, die auf die erotische Ausstrahlung des männlichen Körpers setzen. Wie beides, Diskursivierung des Mannseins und öffentliche Inszenierung des männlichen Körpers, zusammenhängt, ob hier mehr als nur zeitliche Parallelitäten zu entdecken sind, ist eine kultursoziologisch interessante Frage, auf die
hier nur hingewiesen werden kann.
1 26 1993 offerierte der Buchhandel knapp 200 einschlägige Bücher (vgl. Köhler 1993, S. 67).
1 27 Der Terminus „Verständigungstexte" bezeichnet eine in den siebziger Jahren entstandene
Literaturform, die, emanzipatorisch orientiert, weniger auf professionelle literarische Kompetenz der Autoren und Autorinnen als auf eine aus Betroffenheit resultierende Authentizi-
129
hier Experten den Markt dominieren. In jüngster Zeit werden die allgegenwärtigen Psycho-Experten von Experten für Mythisches und Spirituelles abgelöst. Einige Beispiele besonders auflagenstarker Bücher: „Männer lassen
lieben" von Wilfried Wieck (1990), „Mann, bist Du gut!" von Joachim Bürger (1990), „Feuer im Bauch" von Sam Keen (1992) und „Eisenhans" von
Robert Bly (1991). Diese Literatur bietet Orientierungshilfen an, symbolische
Ressourcen, die in einer Epoche der Individualisierung, in der die Menschen
unter den Zwang des Entscheidens gestellt sind, offenkundig breit nachgefragt werden. Geschlechtersoziologisch interessant ist daran, daß es nunmehr
- eine vergleichbare Frauenliteratur existiert bekanntlich schon länger - Männer sind, deren Geschlechtlichkeit Gegenstand einer öffentlichen Kommunikation geworden ist.
Meine These ist, daß diese Diskursivierung als solche, d.h. unabhängig
von den Inhalten der jeweiligen Teildiskurse, am Bestand des fraglos Gegebenen rüttelt, eben indem ein explizites bzw. diskursiv verfügbares Wissen
von Männlichkeit erzeugt wird. Männer haben schon immer gewußt, was ein
` ganzer Kerl' ist, wer dazugehört und wer nicht, woran man seinesgleichen
erkennt, ob jemand ein Mann ist oder eine `Memme'. Nur, wenn man Männer
auffordert zu beschreiben, was Männlichkeit ist, stellt man sie vor große
Schwierigkeiten. Sie können das, was sie darüber wissen, in der Regel nicht
benennen. Die Form dieses Wissens läßt sich in Anschluß an Anthony Giddens (1988, S. 55ff.) als praktisches Bewußtsein begreifen. Es ist ein implizites, diskursiv nur begrenzt verfügbares Wissen, zentriert um ein normatives
Modell und auf eine entsprechende moralische Ordnung verweisend. In dem
Konzept der hegemonialen Maskulinität ist dies auf den Begriff gebracht (s.
Kap. 3.2).
Die traditionell verbürgte Männlichkeit ist eine fraglos gegebene. Männliches ` Geschlechtsbewußtsein' äußert sich gewissermaßen en passant.
Männlichkeitsrituale sind eine Ausdrucksform auf symbolisch-expressiver
Ebene. Werden sie exzessiv praktiziert, `springt' die geschlechtliche Konnotation gleichsam `ins Auge'. Beim `Kampftrinken' bis zum Umfallen zeigt
man sich gegenseitig an, daß man ein `ganzer Mann' ist - sofern man nicht
vorzeitig aufgibt. Prügelorgien von Hooligans dienen nicht nur der Aggressionsabfuhr, sondern auch der Selbstvergewisserung und der Darstellung der
eigenen Männlichkeit (vgl. Becker 1990; Matthesius 1992, S. 191ff.). Die
unter Hooligans verstärkt zu beobachtende Tendenz, auch ohne einen besonderen, sichtbaren Anlaß (z.B. in Reaktion auf die Verletzung territorialer
Rechte) körperlich gewaltsam zu agieren, verdeutlicht dies (vgl. Matthesius
tät setzte. Der Suhrkamp-Verlag hat eine so bezeichnete Reihe herausgegeben, in der neben
Verständigungstexten von z.B. Schülern und Lehrern, von Frauen und Männern mit Kindern, von Gefangenen, von Frauen auch ein Band mit dem Titel „Männersachen" (MüllerSchwefe 1979) erschienen ist.
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1992, S. 191). Die alltägliche Normalität des fraglos gegebenen männlichen
` Geschlechtsbewußtseins' ist freilich weniger leicht zu entschlüsseln; in Kapitel 7 soll dies zumindest ansatzweise versucht werden.
Zunächst aber geht es um die auf der Ebene der Kulturproduktion angesiedelten Bemühungen, das Selbstverständliche diskursiv anzueignen, Bemühungen, die zwar nicht den Alltag des sprichwörtlichen Mannes auf der Stra
ße ausmachen, die aber in ihrer kulturellen Bedeutsamkeit, männliches Geschlechtshandeln in der und aus der maskulinen Binnenperspektive zu fokussieren, näher zu betrachten sind. In modernisierungstheoretischer Perspektive
ist die Diskursivierung von Männlichkeit als ein Reflexivwerden von Selbstverständlichkeiten zu begreifen. Fraglosigkeiten kommen zumindest tendenziell abhanden. Traditionelle Ordnungsgewißheiten werden ausgehöhlt. Der
wissenssoziologischen Modernisierungstheorie gilt als entscheidendes
Merkmal der Moderne, daß der „Zustand des unreflektierten ` Zuhauseseins'
in der sozialen Welt" (Bergen/Bergen/Kellner 1987, S. 71) verlassen wird. Insofern steht hier auch eine Modernisierung von Männlichkeit zur Debatte.
Inwieweit mit all dem eine `Krise des Mannes' einhergeht oder ob die
Männerrolle zum Risikofaktor wird, wie vielfach behauptet, wird im abschließenden Kapitel diskutiert werden. An dieser Stelle sei hervorgehoben,
daß die Verunsicherung weiter reicht, als dies gemeinhin gesehen wird.
Wenn von einem Männlichkeitsdiskurs gesprochen wird, dann richtet sich
der Blick auf die sog. `neuen Männer', neuerdings auch auf die `wilden Männer' und auf die Männerbewegung 1 21. Solche das traditionelle Männerbild
kritisch beleuchtende Formen männlicher Selbstthematisierung sind ohne
Zweifel wichtige Indikatoren. Bedeutsamer - gerade unter modernisiernangstheoretischen Aspekten - scheint mir aber zu sein, daß auch andere Männer
beginnen, öffentlich über den Mann zu reden. Wenn Männer, die an traditionellen Mustern von Männlichkeit festhalten bzw. die diese revitalisieren
wollen, Bücher schreiben und die Medienöffentlichkeit suchen, um ihre Thesen `unters Volk zu bringen', dann zeigt dies, daß die Basis traditioneller
Männlichkeit brüchig zu werden beginnt bzw. daß es keine allgemeingültige
Definition von Mannsein mehr gibt. Offensichtlich können Autoren wie Joachim Bürger, der nicht müde wird zu verkünden: „Mann bist du gut", oder
128 Die in der geschlechterpolitischen Auseinandersetzung heftig umstrittene Frage, ob es eine
Männerbewegung, analog zur Frauenbewegung oder wie auch immer orientiert, überhaupt
gibt, kann im Rahmen der hier verfolgten Forschungsinteressen unbeantwortet bleiben. Die
einschlägigen Diskussionen darüber, ob Angehörige des privilegierten Geschlechts in der
Lage sind, eine soziale Bewegung zu formieren, deren Programm der Entzug der eigenen
Privilegien ist, sollen hier nicht repliziert werden. Als Datum ist vielmehr zu registrieren,
daß ein entsprechendes Selbstverständnis weit verbreitet ist. Das berühmte Diktum von
William 1. Thomas zugrundelegend, demzufolge etwas real ist, wenn Menschen es als real
definieren, muß man also von der Existenz einer Männerbewegung ausgehen, vielleicht
nicht in gesamtgesellschaftlicher Perspektive, wohl aber hinsichtlich bestimmter Subsinnwelten.
Felix Stern mit seinem Hilferuf „Und wer befreit die Männer", offensichtlich
können solche deutlich nicht männerbewegten Männer nicht mehr umhin,
sich in ihrer Geschlechtlichkeit zu definieren und ihre Position Frauen gegenüber zu legitimieren. Die kulturelle Bedeutsamkeit solcher Entwicklungen
erschließt sich, wenn man sie der von Georg Simmel analysierten Konstitution des Männlichen als eines Allgemein-Menschlichen, mithin der kulturellen
` Entgeschlechtlichung' des Mannes kontrastiert (s. Kap. 1.2). Wenn Männer,
die in der von Simmel beschriebenen Welt das Ideal einer männlichen Existenz sehen, die traditionelle Männerherrlichkeit explizit beschwören und in
einen Diskurs darüber eintreten, was Mannsein bedeutet, dann ist dies in soziologischer Perspektive ein gravierenderer Indikator für einen Wandel
männlicher Existenzweisen, als es die kritischen Thesen veränderungswilliger Männer sind. Daß die verschiedenen Diskurse unterschiedliche Lösungen
propagieren, daß sie z.T. diametral entgegengesetzte geschlechterpolitische
Perspektiven verfolgen, ist ein relevantes Datum, wenn man die einzelnen
Diskurse analysiert. Und es ist natürlich vor allem dann ein relevantes Datum, wenn man sich mit den Bedingungen des Mannseins in politischer Absicht auseinandersetzt, also Perspektiven der Veränderung formulieren will.
In gegenwartsdiagnostischer Perspektive ist aber bereits die Diskursivierung
von Männlichkeit als solche ein soziologisch bedeutsames Phänomen. Unabhängig vom jeweiligen Inhalt ist diskursive Verständigung der Tod des fraglos Gültigen. Sie befördert eine Erosion von Selbstverständlichkeiten gewissermaßen von innen, auch wenn sie eine Reaktion auf die Herausforderungen
des Feminismus ist.
Die folgende Darstellung der Teildiskurse konzentriert sich auf einige in
zweifacher Hinsicht besonders exponierte Bücher der Männerverständigungsliteratur. Es handelt sich um Titel, die erstens sehr hohe Auflagen er
reicht haben (bis zu 250000)' 29 und die zweitens von anderen Autoren sowie
in der Medienöffentlichkeit zitiert, diskutiert, kritisiert, also in der einen oder
der anderen Form beachtet werden. Die Auswahl umfaßt mithin die den Diskurs dominierenden und prägenden Bücher. Zugleich ist auf diese Weise das
Spektrum der Deutungsmuster und geschlechterpolitischen Orientierungen,
die den Männlichkeitsdiskurs bestimmen, repräsentiert. Dieser Einschätzung
liegt eine inhaltsanalytische Auswertung von insgesamt 50 Büchern zugrunde, die in dem eingangs erwähnten Forschungsprojekt durchgeführt wurde'».
1 29 Die Auflagenhöhe konnte durch Anfragen bei den Verlagen ermittelt werden. Die Angaben
beziehen sich auf das Jahr 1994. Inzwischen haben einige Titel, insbesondere die Bestsell er, höhere Auflagen erreicht.
130 Die Stichprobenbildung erfolgte in zwei Schritten. Zunächst wurden all die Titel ausgewählt, deren Auflagenhöhe über 15000 Exemplaren liegt. Damit ist sichergestellt, daß die
den Diskurs dominierenden Bücher, 21 an der Zahl, ohne Ausnahme im sample vertreten
sind. In einem zweiten Schritt wurden die restlichen 29 Bücher nach dem Zufallsprinzip
ausgewählt. Sie haben eine Auflagenhöhe zwischen 5000 und 10000 Exemplaren. Die mei-
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Deutungsmusteranalysen kultureller Diskurse, die große Textmengen
produzieren, sind vor das Problem gestellt,..eine immense Fülle an Material
zu bewältigen (vgl. Lüders/Meuser 1996). Offentliche Diskurse, so auch die
Männerverständigungsliteratur, zeichnen sich durch ein hohes Maß an Redundanz aus. Nicht nur variieren verschiedene Autoren ein bestimmtes Thema
in durchaus nicht immer origineller Weise, auch bei dem einzelnen Text
rechtfertigt der Gehalt in den seltensten Fällen den Umfang. Ein Verfahren,
das sich als methodisch kontrolliert bewährt hat, besteht darin, zunächst die
Einleitung eines jeden Buches zum Gegenstand einer gründlichen hermeneutischen Interpretation zu machen. Nicht nur bei wissenschaftlichen Texten
fungiert die Einleitung als „Ort der Relevanz-Inszenierung" (Knorr-Cetina
1984, S. 207). Gerade bei populären Texten dient die Einleitung dazu, das
Interesse einer potentiellen Leserschaft zu wecken; in ihr wird gezeigt, was
mit dem Text vermittelt werden soll. Es hat sich herausgestellt, daß sämtliche
Einleitungen einem bestimmten formalen Muster der Relevanzinszenierung
folgen. Dieses besteht aus den folgenden Elementen: 1. Benennung des für
den Text zentralen Themas (z.B. Liebesunfähigkeit des Mannes, Unterdrükkung des Mannes durch die Frau); z. Bezugnahme auf einen Diskurs, in dessen Horizont das Thema abgehandelt wird (Feminismus, Männerbewegung);
3. Benenung eines in diesem Diskurs bislang vernachlässigten Aspektes (die
psychischen Leiden des Mannes, die spirituelle Energie des Mannes); 4.
Formulierung einer Perspektive (Kampf dem Feminismus, Gründung einer
Männergruppe); 5. Demonstration der Kompetenz des Autors, dem Diskurs
etwas Relevantes hinzufügen zu können (Erfahrung in der Männerarbeit, Mut
zur Provokation); 6. Benennung des Adressatenkreises, an den sich das Buch
wendet (nur Männer oder Männer und Frauen).
Zentrale Deutungsmuster sowie die darin erkennbaren geschlechterpolitischen Orientierungen lassen sich durch eine Interpretation der Einleitung rekonstruieren. Das Ergebnis einer sequentiell verfahrenden Analyse ist jeweils
als eine Strukturhypothese zu verstehen, die dann auf ihre Stimmigkeit am
Gesamttext zu überprüfen ist. Dabei gilt ein besonderes Augenmerk möglichen Gegenevidenzen (Falsifikationskriterium). Ein weiterer Nutzen dieses
zweiten Interpretationsschrittes ist, daß die Deutungsmuster eine empirische
Verdichtung oder Anreicherung erfahren. So läßt sich beispielsweise bei dem
Deutungsmuster des Mannes als Defizitwesen herausarbeiten, in welchen
alltäglichen Handlungsfeldern sich die defizitäre Lage in welcher Weise manifestiert: von intimen Beziehungen zu Frauen (in Gestalt männlicher Liebesunfähigkeit) über die Berufstätigkeit (Kooperationsunfähigkeit) bis zum
Umgang mit dem eigenen Körper (starke gesundheitliche Gefährdungen).
sten der 50 Bücher befassen sich allgemein mit dem Thema Männlichkeit, einige setzen
Schwerpunkte, z.B. der Mann als Hausmann oder - in jüngster Zeit vermehrt - der Mann als
Vater (vgl. hierzu Meuser 1998). Ich beziehe mich hier nur auf die allgemeinen Texte.
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