Ohne Barriere - Dr. med. Jürgen Seifert

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„Ohne Barriere“
Versorgung psychisch kranker, schwer und
mehrfach behinderter Kinder
Jürgen Seifert
Würzburg
Inhalt





Historische Aspekte
Rechtliche Aspekte
Versorgungsbedarf
Inanspruchnahme
Psychosoziale Versorgung für Menschen mit
Behinderung
 Kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung
für Menschen mit Behinderung
 Multimodale Konzepte
 Beispiel: Klinik am Greinberg
Historische Kontexte
1. Die Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ zur Zeit des
Nationalsozialismus 1933-45.
2. Nach dem Krieg: Die „Oligophrenieabteilungen“ der
psychiatrischen Landeskrankenhäuser und die
Betreuungsbedingungen in den Anstalten der
Behindertenhilfe  Enthospitalisierung 1980/1990
3. Die „Entdeckung der Seele“ von Menschen mit
geistiger Behinderung in den 1980/90er Jahren in
Deutschland
4. Der neue Rechtsrahmen: Die UN-Konvention über die
Rechte von Menschen mit Behinderungen
Historischer Kontext
2. Nach dem Krieg:
Die „Oligophrenieabteilungen“ der
psychiatrischen Landeskrankenhäuser und die
Betreuungsbedingungen in den Anstalten der
Behindertenhilfe
 Verwahrung, Sicherung der (physiologischen)
Grundbedürfnisse
Keine Diagnostik, keine Therapie, keine Rehabilitation
 „Brutale Realität“ und „elende menschenunwürdige Verhältnisse“ (Psychiatrie-Enquête 1975)
Normalisierung und Integration
Weitere Forderung der Psychiatrie-Enquête 1975 :
 „Die Versorgung psychisch Kranker und erwachsener geistig
Behinderter muß getrennt werden. Geistig Behinderte leben in
psychiatrischen Krankenhäusern überwiegend nur deshalb,
weil andere beschützende Wohnangebote für sie fehlen ... Die
Versorgung erwachsener geistig behinderter Menschen soll
künftig nicht mehr innerhalb psychiatrischer Behandlungszentren stattfinden“.
 Enthospitalisierung: 1980 bis weit in die
1990er Jahre
 Das psychiatrische Versorgungssystem
entledigte sich der Verantwortung für Menschen
mit geistiger Behinderung
UN-Konvention über die Rechte von
Menschen mit Behinderungen
 … ist also zu verstehen auf dem Hintergrund auf
der historischen Erfahrungen, dass Menschen
mit Behinderungen in der Wahrnehmung und
Verwirklichung ihrer allgemeinen Rechte
weltweit und in allen Gesellschaften mehr oder
weniger eingeschränkt wurden und werden;
 .. ist daher ein Signal für eine andauernde
Bedrohungssituation, das zu dringendem
politischen Handeln auffordert.
UN-Konvention und gesundheitliche
Versorgung (1)
Recht auf Gesundheit (Art. 25)
Recht auf ein „erreichbares Höchstmaß von
Gesundheit“
Verfügbarkeit: „eine unentgeltliche oder
erschwingliche Gesundheitsversorgung in
derselben Bandbreite, von derselben Qualität und
auf demselben Standard … wie (bei) anderen
Menschen“, und so gemeindenah wie möglich
UN-Konvention und gesundheitliche
Versorgung (3)
 Schaffung spezialisierter
gesundheitsbezogener Angebote
für Menschen mit Behinderungen
 „Verschiedenheit akzeptieren (…) heißt auch,
Verschiedenartigkeit von Behandlungsnotwendigkeiten
akzeptieren und spezifische Behandlungsdifferenzierungen praktizieren“ (wenn sie eine
Qualitätsverbesserung und adäquate
Therapiemöglichkeiten bedeuten) (Wunder, 2011)
UN-Konvention und psychiatrischpsychotherapeutische Versorgung (3)
Kinder und Jugendliche mit geistiger
Behinderung und zusätzlichen psychischen
Störungen müssen uneingeschränkt das
psychiatrisch-psychotherapeutische
Versorgungssystem nutzen können!
 Keine Barrieren der Inanspruchnahme
 Standardgemäße Diagnostik und Therapie
 Berücksichtigung ihrer speziellen
Voraussetzungen und Bedürfnisse
Versorgungsbedarf
Welches Ausmaß hat das
Problem?
Stand der Wissenschaft
Grundkonsens ?
1. Menschen mit geistiger Behinderung haben eine 3-4mal
höheres Risiko, eine psychische Störung zu entwickeln
als nicht intelligenzgeminderte Menschen.
2. Bei Menschen mit geistiger Behinderung können alle
Formen von Verhaltensauffälligkeiten, Problemverhalten
und psychischen Störungen auftreten.
3. Die Art und Weise, wie sich diese Auffälligkeiten
darstellen („Symptomatik“, „Ausgestaltung“), wird
erheblich vom Schweregrad der intellektuellen
Beeinträchtigung beeinflusst.
Prävalenz psychischer Störungen bei
Kindern und Jugendlichen
mit geistiger Behinderung
RUTTER et al.
(1970)
Totalerhebung
(Isle of Wight-Studie)
Kinder mit IQ<70
CORBETT
(1979)
Kindern bis zu 15 Jahren 47% psychiatrische Diagnose
IQ unterhalb von 50
EINFELD & TONGE
(1996)
4-18-jährige Kinder und
Jugendliche
47% „klinisch signifikante
emotionale oder Verhaltensstörungen“
STRØMME & DISETH
(2000)
Totalerhebung aller
Kinder einer norweg.
Region
42% bei schwerbehinderten
33% bei leichtbehinderten
Internationaler
Konsens
50% psychisch auffällig
Prävalenz gegenüber nichtbehinderten Kindern und
Jugendlichen ist
3 – 4 mal höher
Versorgungsbedarf
 0,5 – 3% aller Kinder und Jugendlichen sind intelligenzgemindert ( kleine Gruppe)
 30-50% davon leiden an Verhaltensauffälligkeiten und
psychischen Störungen ( für die Gruppe selbst ein doch
erheblicher Bedarf)
Mitbedacht werden müssen die Folgen
 Ausschluss aus dem gesellschaftlichen Leben
(zusätzliche Teilhabebeinträchtigung /Behinderung 
„Teufelskreis“)
 für die Familien ( erhebliche zusätzliche Risiken für die
Angehörigen)
 für die Kindergärten und Schulen ( Risiken für Personal
und Mitschüler; Notwendigkeit zusätzlichen Betreuungsund Sicherungsmaßnahmen)
Inanspruchnahme
 Nur ein Drittel der als psychiatrisch auffällig
eingeschätzten Kinder wurden jemals von
einem Kinder- und Jugendpsychiater untersucht
(STRØMME & DISETH, 2000)
 Weniger als 10% der geistig behinderten Kinder
mit psychiatrischen Störungen wurden einem
psychologischen oder psychiatrischen
Spezialisten vorgestellt
(EINFELD & TONGE, 1996)
 In Deutschland?
Inanspruchnahme
.. ist ein hochkomplexes psychologisches und
soziales Geschehen und abhängig von
Vorhandensein/Zugänglichkeit entsprechender
Dienste  Struktur und Organisation
Leistungsangebot  Qualität der Dienste
Die entscheidende Voraussetzung: Ein Problem
muss als klärungs- oder veränderungsbedürftig
eingeschätzt/wahrgenommen werden
Würden Sie bei solchen Verhaltensauffälligkeiten Ihres Kindes den Psychiater
hinzuziehen?
 Übermäßig und nachhaltig störende, gefährliche, auffällige
Verhaltensweisen
 Relativ abrupte, nachhaltige Änderungen des Verhaltens
und/oder der Stimmungslage
 Verlust ehemals vorhandener Fähigkeiten und Fertigkeiten
 Fehlende Reaktionen auf ehemals aktivierende Angebote
 (plötzliche) Zunahme bekannter Äußerungsformen von
Leiden und Schmerz
 fehlende Bewältigungsstrategien auf erkennbare
Belastungen
 konkrete Vermutungen über Traumatisierungen
Versorgungsproblem
„Overshadowing“
Noch weitverbreitet: Betreuungspersonen sind nicht
bereit und/oder in der Lage, die seelischen und
verhaltensmäßigen Äußerungsformen von
Menschen mit geistiger Behinderung in ihren
unterschiedlichen Qualitäten wahrzunehmen
Sie bleiben verdeckt, „im Schatten“ einer
eingeengten Sichtweise vom geistig behinderten
Menschen
Alle Äußerungsformen werden als Ausdruck der
geistigen Behinderung verstanden  keine
Einleitung diagnostischer Maßnahmen (als
zwingende Voraussetzung jedweder Form von
Therapie)
Warum „Overshadowing“?
 Fehlendes Wissen, Alltagstheorie, traditionelle Sicht:
„Geistig Behinderte sind so!“
 Psychologische Abwehr:
„Auch noch psychisch gestört?! Das ertrage ich nicht!“
 Professionelle (pädagogische) Haltung:
„Wir kriegen das schon hin, wenn wir nur die
Lebensbedingungen verändern!“ (Reduzierung auf
Person-Umwelt-Problem)
 Ideologischer Grundsatz:
„… die konkreten Hilfen sind überpädagogisiert,
übertherapeutisiert, überdiagnostiziert und
übermedizinisiert ( Empowerment und Inklusion ist
die Lösung!) (Wüllenweber, 2011)
Inanspruchnahme
Vordringlich also:
Änderungen der Haltungen und Einstellungen
gegenüber Kindern und Jugendlichen mit
Intelligenzminderung
Die Bereitschaft zur Wahrnehmung der
Verhaltensauffälligkeiten auch als möglichen
Ausdruck inneren Erlebens, von Konflikten mit sich
und der Welt, von seelischen Reaktionsformen auf
die Anforderungen des Lebens
 bedeutet die grundsätzliche Anerkennung des
Menschseins auch von intelligenzgeminderten
Kindern und Jugendlichen
Struktur und Organisation der
psychosozialen Versorgung von
intelligenzgeminderten Kindern
und Jugendlichen
Ambulantes kinder- und jugendpsychiatrisch-psychotherapeutisches Versorgungssystem nach
Zugangswegen und Kostenträgern
Institution, Berufsgruppe, Diagnostik- und Therapieangebot

Zuweisung/Zugang durch
Kostenträger




Selbstmelder
Jugendamt
Sozialhilfeträger
Schulen



Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst des
Gesundheitsamtes
Sozialpsychiatrischer Dienst des Gesundheitsamtes
Diverse spezialisierte Beratungsstellen für alle Arten von
Behinderungen
Kommune/Staat (Gesundheitsamt
als Teil des Öffentlichen
Gesundheitsdienstes ÖGD)





Kinder- und Jugendpsychiater
Erwachsenenpsychiater
andere ärztliche Psychotherapeuten
Institutsambulanzen der Kliniken
Sozialpädiatrische Zentren (SPZ)


Selbstmelder
Ärztliche
Überweisung
(Hausarzt, Facharzt)

Krankenkasse (Private und
Gesetzliche Krankenversicherung
SGB V)



Psychologische Psychotherapeuten
Kinder- und Jugendlichen-psychotherapeuten
nicht kassenzugelassene Psychologische Psychotherapeuten


Selbstmelder
Ärztliche
Überweisung
(Hausarzt, Facharzt)

Krankenkasse (Private und
Gesetzliche Krankenver-sicherung
SGB V)
Kostenerstattungsverfahren
Selbstzahler




Logopäden
Ergotherapeuten
Krankengymnastik (Physiotherapie)
Heilpädagogen (im Rahmen der Frühförderung)

Ärztliche
Überweisung
(Hausarzt, Facharzt)

Krankenkasse (Private und
Gesetzliche Krankenver-sicherung
SGB V)







Erziehungsberatungsstellen
Heilpädagogen
Kunstherapeuten
Musiktherapeuten
Mototherapeuten.
Hippotherapie
Diverse ambulante Angebote der Erziehungs- und
Eingliederungshilfe (meist sog. freier Träger)



Selbstmelder
Jugendamt
Sozialamt

Erziehungshilfe (§§ 27-33 SGB
VIII)
Eingliederungshilfe für seelische
behinderte Kinder und Jugendliche
(§ 35a SGB VIII)
Eingliederungshilfe für Behinderte
(§§53, 54 SGB XII)
Selbstzahler

Förderschulen/Sonderschulen für Verhaltensauffällige und
Behinderte aller Art
Div.Formen spezieller Sonder- und integrativer Schulangebote
Schulpsychologischer Dienst









Selbstmelder
Schulverwaltung


Bundesland nach Schulgesetzen
und Verwaltungsvorschriften
Selbstzahler
Mängel in der Struktur der
allg. psychosozialen Versorgung




Unübersichtlichkeit: Zugangsbarrieren mit Ausschluss
bestimmter Gruppen
Unklare professionelle Zuständigkeiten mit
verschiedenen partikularen, ständischen Interessen
„Versäulung“ und gegenseitige „Abschottung“ der
Hilfesysteme (vgl. Wacker et al., 2009;
13. Kinder- und Jugendbericht, 2009): der Komplexität der
Probleme und der gesellschaftlichen
Lebenswirklichkeit nicht (mehr) angemessen
Unberechenbare Rechtsauslegung und
Beschlusslage: je nach Region, Amt, Sachbearbeiter
unterschiedliche Entscheidungskriterien
Kinder- und jugendpsychiatrische
Versorgung - Problemlage
 „Unzureichend und unbefriedigend ist die kinder- und
jugendpsychiatrische Betreuung von Menschen mit
Behinderungen und zugleich psychischen Störungen“
 Insbes. Kinder und Jugendliche mit Mehrfachbehinderung,
schwergradigen umschriebenen Entwicklungsstörungen,
tiefgreifenden Entwicklungsstörungen (Autistische Störungen)
 Ein „akuter Ausbaubedarf für konsiliarische, teilstationäre
und vollstationäre Versorgung und somit auch in Lehre
und Forschung“ wird angemahnt.
Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Bundesarbeitsgemeinschaft leitender
Klinikärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Berufsverband der Ärzte für Kinder- und
Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (Hrsg.) (2003): Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in der
Bundesrepublik Deutschland. Die Versorgung von psychisch kranken Kindern, Jugendlichen und ihren
Familien. Schattauer, Stuttgart, New York. 3. Aufl. (Redaktion: WARNKE, A., LEHMKUHL, G.)
Defizitäres Angebot
Kinder- und Jugendpsychiatrie
Nur ca. 10% der Kliniken in Deutschland halten
ein spezielles ambulantes oder stationäres
Behandlungsangebot vor (Hennicke, 2005; 2008)
Die Versorgungsdichte im ambulanten Bereich
ist nicht bekannt; eindrucksmäßig defizitär
(insbes. Psychotherapie)
Die wissenschaftliche Psychiatrie befasst sich
nicht oder nur am Rande mit dem Thema
Das bedeutet häufig in der stationären
Versorgung …
 Verweigerung der stationären Aufnahme (va. von schwerer
Behinderten oder von Kindern und Jugendlichen mit
schwerem expansivem Problemverhalten)
 Aufnahme i.d.R. im Rahmen der regionalen
Versorgungsverpflichtungen, aber dann überwiegend nur zur
sog. Krisenintervention
 Verweise an SPZ, Behindertenhilfe, Jugendamt etc.
 Vernachlässigung elementarer Standards der Diagnostik und
Behandlung; Häufigste Therapieform: Psychopharmaka
 Umdeutung als „pädagogisches Problem“ (Eltern, Schulen
Heime)
 Wenn stationäre Aufnahme: Unpassende, unangemessene
Bedingungen, Routinen und Abläufe auf den Regelstationen
Struktur und Organisation
der Kinder- und Jugendpsychiatrie …
ist der Komplexität der Lebensprobleme/
seelischen Probleme von intelligenzgeminderten
Kindern und Jugendlichen nicht gewachsen
hat zu hohe „Hürden“ für die Inanspruchnahmen
ist regional – stellenweise dramatisch – defizitär
sowohl quantitativ als auch qualitativ 
mangelhafte Leistungsfähigkeit
Fachliche Herausforderungen an die
Kinder- und Jugendpsychiatrie
1. Qualifizierung der (multidimensionalen)
Diagnostik und Differentialdiagnostik
2. Konzepte der multimodalen Therapie
Entwicklungsorientierung
 Alle Auffälligkeiten können nur auf dem
Hintergrund des individuellen
Entwicklungstandes richtig verstanden
werden („Entwicklungsorientierung“). D.h.:
 Je nach Lebensalter und Schweregrad der
Behinderung (d.h. Entwicklungsstand) der
Person prägen sich Verhaltensweisen (und
Störungsbilder) unterschiedlich aus
Berücksichtigung zweier
Entwicklungsebenen
1. Lebensalter: körperlicher Reifungsstand,
Lebenserfahrung, Beziehungs- und
Bindungsqualitäten
2. Schweregrad der geistigen Behinderung:
Kognitive und sozio-emotionale Entwicklungsstufe,
deren Ausdrucksformen, Erlebnisweisen und
Bewältigungsmöglichkeiten (
Behinderungstypische Äußerungsformen)
Diese Entwicklungsprozesse laufen nicht parallel: Mit
zunehmendem Lebensalter wird die Diskrepanz zum
Entwicklungsalter (Entwicklungsstand) im größer.
Modell der Entwicklungsstörung
(-defizit; -abweichung)
Individueller
Entwicklungs
stand
Multimodale Therapiekonzepte (2)
 Die strukturellen und organisatorischen
Voraussetzungen ihrer multimodalen
Verfügbarmachung sind tatsächlich
vorhanden:
 Frühförderung („Frühe Hilfen“),
 Sozialpädiatrische Zentren,
 §119a SGB V (Ambulante Behandlung in
Einrichtungen der Behindertenhilfe)
 Sozialpsychiatrievereinbarung (SPV) der Kinderund Jugendpsychiatrie
 Psychiatrische Institutsambulanzen der Kliniken
(PIA)
Multimodale Therapiekonzepte (3)
Dagegen stehen:
 Partikulare, ständische Interessen
verschiedener Professionen
 (Ideologische) Versorgungstraditionen
und die „Versäulung“ der Hilfesysteme
 Finanzielle Minderausstattung und
Kostendämpfungen, Dominanz der
„Verbilligungserwartung“
Herausforderungen und
Lösungsideen (1)
Kinder- und Jugendpsychiatrie
 Schaffung regionaler spezialisierter Angebote in den Praxen,
Ambulanzen und Kliniken in jeder Region;
 Modifikation/Anpassung etablierter, evidenzbasierter
Verfahren auf die besonderen Voraussetzungen und
Bedürfnisse geistig behinderter Patienten;
 Nutzung und Finanzierung verschiedener heilpädagogischer
und kreativtherapeutischer Verfahren, die nach
Expertenkonsens sich in der Praxis bewährt haben;
 Assessment: Qualifizierung psychiatrischer und
heilpädagogischer Diagnostik zur Erkennung seelischer
Leidensformen bei Menschen mit geistiger Behinderung.
 Etablierung einer wissenschaftlichen Forschung
Herausforderungen und
Lösungsideen (2)
Psychosoziale Versorgung
 Qualifizierung der Mitarbeiter in den betreuenden
Einrichtungen (Kiga, Schulen) in der Wahrnehmung der
Lebensäußerungen („Anti-overshadowing“)
 Aufklärung der Angehörigen
 Bereitschaft und Möglichkeit der Vernetzung mit den
psychosozialen Diensten der Region
 Gesundheitsbezogene Leistungen für Menschen mit geistiger
Behinderung sind „Komplexleistungen“, die nur
interdisziplinär, multiprofessionell und bereichsübergreifend
erbracht werden können
(Mischfinanzierung nach SGB V, SGB XII und SGB VIII)
Als Schluss
“Wenn es gelingen würde, in der Aus- und Weiterbildung von Ärzten, anderen Gesundheitsberufen,
pädagogischen Berufen und Betreuungspersonen
eine Veränderung der Grundverständnisses
(“paradigm shift”) zu bewirken, indem sie verstehen
und anerkennen, dass psychische Störungen (bei
Menschen mit geistiger Behinderung) genauso
möglich sind, würde dies eine wesentliche
Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung (…)
zur Folge haben.”
TONGE, B. (2003):Children with learning disabilities and psychiatric problems. In:
FRASER, W., KERR, M.(Eds.): Seminars in the Psychiatry of Learning Disabilities.
Gaskell, London, pp. 98-114 Übers. KH)
Klinik am Greinberg
Klinik am Greinberg
 Eröffnung März 2012
 Spezialeinrichtung für schwer- und mehrfach
behinderte Kinder und Jugendliche, die
gleichzeitig unter psychischen Erkrankungen
leiden
 Kooperationsprojekt
 Trägerschaft Bezirk Unterfranken
 medizinische Versorgung UKW/KJPPP
Klinik am Greinberg –
multiprofessionelles Team
TIERGESTÜTZTE
THERAPIE
LOGOPÄDIE
HEIL
PÄDAGOGIK
PHYSIKER
SEKRETARIATE
BEWEGUNGS
THERAPIE
ÄRZTE
PSYCHOLOGEN
ERGO
THERAPIE
SOZIAL
DIENST
MUSIK
THERAPIE
LABOR
LEHRER
PFLEGEDIENST
ERZIEHER
Multiprofessionelles Team








Ltd. Oberarzt
3 Assistenzarztstellen
1 Psychologenstelle
3 Fachtherapeuten
Schule: Sonderschullehrer, Heilpädagoge
19,5 Stellen Pflegefachkräfte und Heilerziehungspfleger
zusätzliche Ressourcen durch KJPPP
15 Betten
Vorgespräch


Kontaktdaten der Sorgeberechtigten
Vorbefunde und Voruntersuchungen
 Augen, HNO, Zähne, EKG, EEG, MRT











Psychiatrische Diagnosen
Somatische Diagnosen
Symptomatik / Aufnahmegrund
Aktuelle Medikation
Aufnahmeindikation
Motivation
Akute Eigen-/Fremdgefährdung
Betreuungsaufwand auf Station
Fragen der Familie
Ggf. Empfehlung weiterer Maßnahmen/Untersuchungen
Stationsführung / Erläuterung der stat. Rahmenbedingungen / Infomaterial
Vordiagnosen /
Behandlungsauftrag











ADHS, hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens
Störung des Sozialverhaltens (und der Emotionen)
Bindungsstörung
Tic-Störung
Bindungsstörung
Schizophrenie
Affektive Störungen
Posttraumatische Belastungsstörung
Anpassungsstörung
Störungen der Sexualpräferenz
Tiefgreifende Entwicklungsstörungen (Frühkindlicher Autismus,
atypischer Autismus)
Multiaxiale Klassifikation
psychischer Störungen
 1. Achse: Klinisch-psychiatrisches Syndrom
 2. Achse: Umschriebene Entwicklungsstörungen
 3. Achse: Intelligenzniveau
 4. Achse: Körperliche Symptomatik
 5. Achse: Assoziierte abnorme psychosoziale Umstände
 6. Achse: Globale Beurteilung des
psychosozialen Funktionsniveaus
42
Behandlungskonzept
 Grundsätzlich: keine besondere Therapie für
Menschen mit Intelligenzminderung
 aber besondere Herausforderung durch
 eingeschränkte Kommunikationsfähigkeiten
 geringe Introspektionsfähigkeit
 eingeschränkte Informationsverarbeitung
 stärkere Einbindung von Familien und
Einrichtungen
Multimodales
Behandlungskonzept
 Verzahnung und Absprache der Behandlungselemente durch
OA/CA-Visite, morgendliche Teambesprechung, tägliche Übergabe
zwischen Therapeuten und Pflegeteam
 Strukturierter Rahmen und Tagesablauf, häufig Umsetzung der
verhaltenstherapeutischen Maßnahmen durch die Pflege
 Psychoedukation Eltern und Kind sowie Bezugspersonen
 Einzel- und Gruppenpsychotherapie
 Psychopharmakologische Behandlung
 Behandlung pädiatrischer und neuropädiatrischer
Erkrankungen
 Körperbezogene Behandlung
 Erlebnistherapeutische Behandlung
 Individuelle Beschulung
 Nachstationäre Perspektivenplanung
Intervention - Überblick
 Zusammenarbeit mit Familie und Einrichtung
 Ziele des Aufenthalts abstimmen, immer
Verbesserung der Lebensqualität des Kindes
 First things first
 Passung zur Familie / Einrichtung
 Training Familienmitglieder / Erzieher
 Hospitation / Hometreatment
 Belastungserprobungen
 Anpassung von Anforderungen
 Reduzierung von Anforderungen
 Strukturierung von Aufgaben, Teilaufgaben
 Klare Tages- und Wochenstruktur, geeignete
Visualisierungshilfen
 feste Bezugsperson
 Veränderung von Konsequenzen
 Training von adaptiven Fertigkeiten
 Soziale Kompetenztraining, basale Coping-Strategien
 Anbahnung von alternativer Kommunikation (Talker, Gebärden)
 Selbstständige Beschäftigung
Mittag
Vormittag
Strukturierter Rahmen und
Tagesablauf
Montag,
22.09.2014
Dienstag,
23.09.2014
Mittwoch,
24.09.2014
Donnerstag,
25.09.2014
Freitag,
26.09.2014
Samstag,
27.09.2014
Sonntag,
28.09.2014
7.45 Frühstück
7.45 Frühstück
7.45 Frühstück
7.45 Frühstück
7.45 Frühstück
7.45 Frühstück
7.45 Frühstück
8.15 Morgenkreis
8.15 Morgenkreis
8.15 Morgenkreis
8.15 Morgenkreis
8.15 Morgenkreis
9.00 Morgenrunde Ärzte/
Therapeuten
9.00-11.30
9.00 Morgenrunde Ärzte/ Therapeuten
9.00 Oberarztvisite:
Rundgang auf Station
9.00 Morgenrunde Ärzte/
Therapeuten
10.00 Hundetherapie
Oberarztvisite
12.00-14.00
Mittagessen/Pause
12.00 -14.00
Mittagessen/Pause
12.00-14.00 Mittagessen/Pause
12.00 -14.00
Mittagessen/Pause
12.00-14.00
Mittagessen/Pause
12.00-14.00
Mittagsessen/Pause
12.00 -14.00
Mittagessen/Pause
13.00-14.00 Große Übergabe
auf Station mit Ärzten/
Therapeuten
13.00-14.00 Übergabe auf
Station
13.00-14.00 Übergabe auf Station
13.00-13.45 Übergabe auf
Station
13.30-14.15 Fixiertraining/
Schutztechniken 14-tägig
13.00-14.00 Übergabe auf
Station mit
Fallbesprechung
13.00-14.00 Übergabe
auf Station
13.00-14.00 Übergabe auf
Station
14.00-15.00 Freundegruppe
14.00 -15.00
interne Fortbildung
Nachmittag
14.00-17.00 Besuchsnachmittag
15.00 Süßes Teilchen
15.00 Süßes Teilchen
Ab 14.00
Spielgruppe
für Kinder
ohne Besuch
14.0017.00
Besuchsnachmittag
14.00-15.00 SOKO
Ab 14.00
Spielgrupp
e für
Kinder
ohne
Besuch
15.00 Süßes Teilchen
15.00 Süßes Teilchen
15.00 Süßes Teilchen
15.00 Süßes Teilchen
15.00 Süßes Teilchen
17.30 Abendessen
17.30 Abendessen
17.30 Abendessen
17.30 Abendessen
17.30 Abendessen
16.00
16.15 - 16.45 Entspannung
17.30 Abendessen
17.30 Abendessen
z.B. Training sozialer und
emotionaler Kompetenzen
 Freundegruppe (möglichst alle Patienten)
 Ziel: Training basaler sozialer Kompetenzen




Kontaktaufnahme und Distanz
soziale Wahrnehmung
Emotionserkennung, -beschreibung und -management
Umgang mit Konflikten
 Ablauf




Blitzlicht
Abschiedshand, Lobbox
Konfliktlösung (Kinder untereinander), Stationsregeln
zusätzliche Themen nach aktuellem Bedarf
 z.B. Umgang mit Heimweh, wie gewinne ich einen Freund,
sexuelle Aufklärung...
Schulteam
der KaG- Klassen in der Graf-zu-Bentheim Schule
• Sonderschullehrer(16 Std.)
• Heilpädagogen (45 Std.)
d.h.: 70 wöchentliche Unterrichtsstunden
• Heilpädagogische
Unterrichtshilfe (11 Std.)
=> 4,5 Std. pro Schüler in der Woche
Pädagogisches Konzept
 Grundlage: Lehrplan für den Förderschwerpunkt geistige
Entwicklung
 gekoppelt mit individueller Therapieplanung
 Normalität und Struktur während des Klinikaufenthaltes
 Integration verhaltenstherapeutischer Maßnahmen
 Strukturierung der Arbeitssituation und flexible
Gestaltung des Lernsettings
 Flexibilität und Sicherheit im Team
Anforderung an Therapeuten
 Ausdauer und Geduld
 Veränderungen und Entwicklung benötigen mehr Zeit,
durchschnittliche Liegezeit KaG deutlich höher als stationäre
Behandlung Nichtbehinderter, einzelne Therapieeinheiten
kürzer, dafür öfter)
 Beachtung Übertragung und Gegenübertragung
 besondere Herausforderungen durch auto- und
fremdaggressives Verhalten, aber auch Kotschmieren und
Urinieren, anhaltendes Schreien, etc.
 Vertrauen und angemessene Distanz
 Keine Scheu, kein Ekel, keine Angst
Anforderung an Therapeuten
 haltende und stützende Atmosphäre
 Kombination sprachlicher und nichtsprachlicher
Anteile
 Phantasie und Flexibilität
 Teamfähigkeit
 Kritikfähigkeit
 Interprofessionelle Zusammenarbeit
Vielen Dank für Ihre
Aufmerksamkeit
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