Anders Behring Breivik - Ideologie und Wahnsinn -

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Wissen
Anders Behring Breivik
Ideologie und Wahnsinn
27.07.2011, 15:03
Von Markus C. Schulte von Drach
Psychopath! Wahnsinniger! Verrückter! Schnell war die
Öffentlichkeit dabei, ein Urteil über die geistigen Fähigkeiten und die
Psyche des Massenmörders Anders Behring Breivik abzugeben.
Doch was steckt überhaupt hinter den Begriffen - und kann ein
Geistesgestörter ein solches Verbrechen überhaupt planen?
Kaum war das Manifest des Massenmörders Anders Behring Breivik
bekannt geworden, wurde davor gewarnt, ihn als einen Psychopathen,
einen Verrückten oder Verwirrten darzustellen. Schließlich hat er über
Jahre an der Rechtfertigung seines Verbrechens gefeilt: Ein Manifest von
mehr als 1500 Seiten, in dem Breivik sein Weltbild ausbreitet - eine
Verschwörungstheorie, die sich speist aus einer Vielzahl von überwiegend
antiislamischen, nationalistischen Quellen.
Rosen schwimmen in der Nähe der Insel Utøya, wo Anders Behring Breivik mindestens 68
Menschen getötet hat. Acht weitere Menschen hat er in Oslo mit einer Bombe umgebracht.
Ist er ein Verrückter? (© AP)
Manchen treibt die Sorge um, eine Einschätzung Breiviks als verrückten
Einzelgänger könnte die reale Bedrohung verharmlosen, die von dieser
Seite ausgeht. Und spricht nicht schon seine akribische Vorbereitung und
seine planmäßiges Vorgehen dafür, dass er nicht geistesgestört sein
kann?
Tatsächlich ist die menschliche Psyche zu kompliziert und die Merkmale,
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die mit verschiedenen Geisteskrankheiten und Persönlichkeitsstörungen
zusammenhängen, zu vielfältig für eine solche schnelle Einschätzung der
Psyche des Massenmörders Breivik.
Natürlich gibt es Menschen, die aufgrund einer Krankheit oder Störung
verwirrt sind - wenn man den Begriff synonym für einen schwerwiegenden
Realitätsverlust verwendet. In seltenen Fällen kommt es vor, dass ein
solcherart "verwirrter" Mensch auch eine Gefahr für andere darstellt. In
der Vergangenheit ist es tatsächlich zu Attentaten geistig verwirrter
Personen auf einzelne Politiker gekommen. Bekannte Fälle sind zum
Beispiel der Messerangriff auf Oskar Lafontaine und die Schüsse auf
Wolfgang Schäuble 1990. Auch Mijailo Mijailovic, der Mörder der
schwedischen Außenministerin Anna Lindh 2003, und Jared Loughner,
der 2011 die Abgeordnete des US-Repräsentantenhauses Gabrielle
Gifford schwer verletzte, gehören offenbar in diese Gruppe.
Obwohl der Verdacht naheliegt, dass solche Attentate auf Politiker einen
politischen Hintergrund haben, ist das bei tatsächlich "verwirrten" Tätern
kaum der Fall. Die Opfer wurden eher aufgrund ihrer Prominenz zum Ziel,
ähnlich wie auch die Ex-Beatles John Lennon und George Harrison oder
die Tennisspielerin Monica Seles und der Bundesligaspieler Oliver Möller.
Niemand kann jetzt schon sagen, wie stark der Realitätsverlust bei Anders
Behrens Breivik ist. Ihn einfach nur als geistig verwirrten Täter zu
bezeichnen, erscheint angesichts seines geplanten Vorgehens und seines
Manifests aber wohl nicht angemessen. Menschen, deren "Verwirrung"
zum Beispiel auf eine schwere Schizophrenie oder eine manischdepressive Psychose zurückgeht, sind zu einem solchen Verhalten kaum
in der Lage - wenn es auch Ausnahmen gibt, wie etwa der historische Fall
des Ernst Wagner zeigt.
Ist Breivik ein Psychopath?
Ist Anders Behring Breivik aber ein Psychopath? Tatsächlich wird der
Begriff in der forensischen Psychiatrie immer seltener verwendet, genauso
wie der Begriff Soziopath. Und wenn Fachleute ihn benutzen, beziehen
sie sich in der Regel auf eine besonders schwere Form der sogenannten
dissozialen oder antisozialen Persönlichkeitsstörung.
Für Psychopathen wurden von US-Wissenschaftlern unter anderem
folgende Eigenschaften aufgelistet:
[] Sie können charmant sein, allerdings nur oberflächlich.
[] Sie entwickeln keine Schuldgefühle.
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[] Sie sind verantwortungslos, unehrlich, egozentrisch, unfähig zu
langfristigen Beziehungen.
[] Sie lernen nicht aus Bestrafung.
[] Sie sind gefühlsarm.
[] Sie sind nicht in der Lage, vorausschauend zu planen.
[] Besonders wichtig ist ihre Unfähigkeit, sich in andere hineinzufühlen.
Dieser Mangel an Empathiefähigkeit führt dazu, dass sie keine
Hemmungen haben, anderen zu schaden. Manche Psychopathen fallen
deshalb durch Gewaltverbrechen auf, durch Körperverletzung, Totschlag
oder Mord.
Eine besondere Form des Psychopathen ist der Soziopath, der doch
langfristig planen kann und in der Lage ist, anderen zumindest
vorzuspielen, er sei ein soziales, mitfühlendes Wesen. Ein Soziopath hat
keine Skrupel, jedes Mittel anzuwenden, um zum Ziel zu kommen - nur
weiß er, dass er nicht durch Straftaten auffallen darf und ist entsprechend
vorsichtig. Manche Soziopathen sind gerade aufgrund ihrer
Skrupellosigkeit in der Lage, durch Täuschung und Manipulation beruflich
aufzusteigen - als "Snakes in Suits" bezeichnet etwa der Experte Robert
D. Hare von der University of British Columbia in Kanada diese
Psychopathen, und vermutet, das mancher Manager in diese Kategorie
fällt. Auch viele Serienmörder gelten als Soziopathen.
Zwei Diagnosehandbücher ziehen Psychiatrer zurate, wenn sie ihre
Diagnose stellen sollen. Im Handbuch der Amerikanischen
Psychiatervereinigung, dem DSM-IV, entspricht dem Bild des
Psychopathen am ehesten die Antisoziale Persönlichkeitsstörung. Im
entsprechenden Handbuch der WHO, dem ICD-10, ist hier von der
Dissozialen Persönlichkeitsstörung die Rede. Die Liste der Merkmale, die
Hinweise auf eine solche Störung sein können, überschneidet sich
deutlich mit den oben genannten für Psychopathen. Drei Merkmale
müssen vorhanden sein, um die Diagnose zu rechtfertigen.
Allerdings ist der Komplex von Merkmalen, die einzelne Menschen
charakterisieren, zu vielfältig, als dass Eigenschaften, die auf eine
antisoziale/dissoziale Persönlichkeit hinweisen, nicht auch immer wieder
im Zusammenhang mit anderen schweren Persönlichkeitsstörungen
beobachtet werden.
Ein Beispiel hierfür ist der Unabomber Theodore Kaczynski, der zwischen
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1978 und 1995 im Namen eines fiktiven "Freedom Club" Briefbomben an
ausgewählte Repräsentanten der von ihm gehassten "industriellen
Gesellschaft" schickte. Er tötete drei Menschen, verletzte 23 und
rechtfertigte seine Taten in einem Manifest - einem Papier, aus dem der
norwegische Massenmörder Breivik abgeschrieben hat. Die Diagnose der
Experten lautete paranoide Persönlichkeitsstörung sowie Merkmale einer
sogenannten vermeidenden und einer antisozialen
Persönlichkeitsstörung. Umstritten war die Diagnose einer paranoiden
Schizophrenie.
Auch die Persönlichkeit des österreichischen Briefbombers Franz Fuchs
war gleich durch eine ganze Reihe von Störungen beeinträchtigt. Fuchs
verübte zwischen 1993 und 1997 im Namen der fiktiven Bajuwarischen
Befreiungsarmee Anschläge auf Angehörige und Vertreter von
Minderheiten, bei denen vier Menschen starben und 15 verletzt wurden.
Er wies Merkmale der schizoiden, der paranoiden, der fanatischen, der
zwanghaften und nicht zuletzt der narzisstischen Persönlichkeitsstörung
auf.
Mörderische Narzissten
Gerade die zuletzt genannte Störung wurde auch im Zusammenhang mit
Anders Behring Breivik mehrfach angesprochen. Menschen mit dieser
Störung zeichnen sich durch einige der folgenden Merkmale aus:
[] Sie halten sich selbst für großartig, einzigartig und besonders wichtig.
[] Sie sind arrogant und hochmütig.
[] Sie haben den Anspruch, dass andere ihre eingebildeten Erfolge und
Talente gebührend wahrnehmen und sie entsprechend bewundern
müssten.
[] Sie nutzen andere hemmungslos aus.
[] Sie phantasieren über Erfolge und Macht.
[] Häufig sind diese Menschen neidisch auf andere oder glauben, andere
seien neidisch auf sie.
[] Und sie zeigen eine mangelhafte Fähigkeit zur Empathie - weshalb die
Persönlichkeit dieser Menschen manchmal Überschneidungen mit der
antisozialen/dissozialen Persönlichkeit aufweist.
Diese Selbstüberschätzung kann in einen mörderischen Wahn münden,
wie zum Beispiel der Prozess um das Satanisten-Paar von Witten 2002
gezeigt hat. Das junge Ehepaar hatte 2001 einen Bekannten in ihre
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Wohnung gelockt und umgebracht. Die Psychiater bescheinigten beiden
eine "erhebliche narzisstische Persönlichkeitsstörung", die sich in
"überbordender Selbstbezogenheit und Selbstzentriertheit" gezeigt hatte.
Beiden wurde aufgrund der "zutiefst zerstörten, zerrütteten Persönlichkeit"
eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit zugestanden.
Der Verdacht, dass der Massenmörder aus Norwegen Merkmale dieser
Persönlichkeitsstörung aufweist, ist angesichts der Selbstinszenierung in
seinem Manifest und im Internet sicher naheliegend. Schließlich
betrachtet er sich als Speerspitze einer europäischen
Widerstandsbewegung, als Erster von Millionen, der zu den Waffen greift,
als Anführer eines Ritterordens, dessen Bedeutung er für so riesig hält,
dass er die Zeremonien, die Ausrüstung, sogar die Dienstgradabzeichen
der wohl nur in seiner Phantasie existierenden Ordensmitglieder bis ins
letzte Detail ausgearbeitet und in seinem Manifest erklärt hat. In diesem
Punkt unterscheidet er sich übrigens von Selbstmordattentätern oder den
RAF-Terroristen, die eher im Namen einer Organisation auftreten und sich
selbst weniger inszenieren.
Die Bedeutung, die Breivik für sich selbst in Anspruch nimmt, wächst mit
der Bedeutung, die er der fiktiven, gegen Europa gerichteten
islamistischen Verschwörung beimisst, die er in seinem Manifest
ausführlich beschreibt. Auffällig sind auch seine Ansprüche, als
hochmoralische, sympathische, menschliche Heldenfigur wahrgenommen
zu werden. Und schließlich muss jemand, der 68 Mitmenschen erschießt,
zumindest während der Tat unter einem Mangel an Empathiefähigkeit
leiden, die man sich als normaler Mensch gar nicht vorstellen kann oder
will.
Alle diese Hinweise auf die Persönlichkeit des Anders Behring Breivik
werden die Experten zu deuten wissen. Ihn einfach als Psychopathen zu
bezeichnen, als Verrückten oder Verwirrten, ist aber genauso falsch wie
davon auszugehen, dass jemand, der so planvoll vorgeht, nicht gestört
sein kann.
"Meiner Ansicht nach gibt es einige Taten, die per Definition den Geist
dahinter erkennen lassen", sagt Simon Baron-Cohen, britischer
Psychologe an der University of Cambridge. "Und der kaltblütige Mord an
einem unschuldigen Kind ist eine davon", schreibt er in seinem kürzlich
veröffentlichten Buch Zero Degrees of Empathy. A new theory of human
cruelty.
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