Deutsch-französisches Verhältnis nach 1945

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Zwischen Staatsräson und politischer Stereotypik: Auf dem Weg nach Europa
Die Zeit der Krisen von 1945-1963 aus der Sicht der Rheinlande
R. Pfromm (Bonn)
Frankreich - dreimal gedemütigt
Der Blitzsieg der deutschen Invasoren in Frankreich im Zweiten Weltkrieg war eine Niederlage, wie sie Frankreich seit Sedan nicht wiedererlebt hatte. Sie traumatisierte dieses Land,
das weder auf den Krieg vorbereitet war, noch eine solche Katastrophe für möglich gehalten
hatte. Das Frankreich von 1939 kann man nicht verstehen, ohne einen Blick auf die Jahre vor
den Krieg zu werfen.
Frankreichs Angst vor dem pickelhaubigen Deutschen – eines der politischen Stereotypen bis
in die Gegenwart hinein (Grosser in DFI/DgfAP, 45,60) - geht auf den Krieg von 1870/71
zurück, als General Helmuth von Moltke bei der kleinen Maas-Festung Sedan in einer
Kesselschlacht die gesamte Armee des französischen Marschalls MacMahon, etwa 130 000
Mann, mitsamt ihren Kaiser Napoleon III, zur Kapitulation zwangen. In London hatte man zu
Beginn des Krieges gewettet, daß Fankreich in sechs Wochen in Berlin stehen werde.
Napoleon hatte strategisch auf seine Wunderwaffe gesetzt, das „chassepot-Gewehr“ und
Moltke auf die Eisenbahn als Garant für eine funktionierende Logistik. Er sollte Recht
behalten: Frankreichs Niederlage folgte. Aber aus dem vier Monate lang von den Deutschen
belagerten, gnadenlos bombadierten und ausgehungerten Paris meldete sich gleich nach dem
Krieg wie schon zuvor seit 1850, Victor Hugo aus dem Parlament. Diesmal mit dem Satz:
„Meine Revanche heißt Verbrüderung. Nieder mit den Grenzpfählen. Der Rhein für alle! Ein
Hoch auf die Vereinigten Staaten von Europa!“ Und wir wollen nicht vergessen, daß er ein
Europa unter Frankreichs Führung meinte.
Frankreich hegte noch heroische und düstere Erinnerungen an den Großen Krieg von 19141918. Man ahnte zwar, daß das Land seinen ersten Platz in Europa verloren hatte, warf sich
aber immer noch zum Beschützer kleinerer Nationen auf. Man lebte in einer Phase, in der seit
1918 nicht Neues mehr geschaffen worden war: Der Ruhm der Vergangenheit – das zeigen
auch Résistance-Gedichte – prägte die Symbolik des Denkens. Der 14 juillet 1939 brachte
Paris die größte Militärparade seit 1919. 1938 noch hatte man den 20. Jahrestag des Sieges
über Deutschland gefeiert; jetzt stand der 150 Jahrestag der Französischen Revolution an.
Frankreich, das Symbole liebt, feierte. Niemals zuvor, las man in den Zeitungen, hatte man
eine so starke motorisierte Armee besessen und man zeigte sie der Welt, den Eindruck einer
unwiderstehlichen Macht demonstrierend.
Aber es kam anders, ganz anders und mit Auswirkungen bis heute, recht schlimm: Vor dem
Debakel von 1940 war Pétain der große Schweiger, aber er wußte, daß das Land ihn brauchen
würde. In der ersten Maihälfte 1940 war es soweit, obwohl er nicht in die Regierung Reynaud
paßte, weil er den Briten mißtraute. Marschall Pétain glaubt, berichtete Botschafter Bullitt,
daß GB Frankreich nicht helfen werde, sondern ohne Widerstand einen Kompromißfrieden
mit Hitler anstrebe. Für den Marschall gab es nur eine Konsequenz, den Waffenstillstand mit
Deutschland. Im Unterschied zu de Gaulle sah es Pétain als Verrat an, Frankreich zu verlassen
und de Gaulle wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Am 21 Juni 1940 traf man sich im
Wald von Compiègne, an eben derselben Stelle, wo die Deutschen am Ende des Ersten
Weltkrieges eine ihrer Meinung nach demütigenden Waffenstillstand hatten unterzeichnen
müssen, in demselben Eisenbahnwaggon, der dort bis heute der Nachwelt erhalten geblieben
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ist. Hitlers Delegation formulierte den Text von 1918 um, aktualisierte ihn sozusagen, als
Revanche für 1918: La France à l‘heure allemande, zwar zeitlich später anzusetzen,
nämlich in den Beginn der vierziger Jahre, ist seither ein verbales Trauma, das Journalisten –
auch heute noch - immer wieder benutzen, um Emotionen gegen die Deutschen zu wecken,
eine Art „kraut-bashing“ à la française.
Mit seinem Londoner Aufruf am 18. Juni 1940 zum Widerstand gegen die deutschen
Besatzer leitete der General den unglaublichen Prozeß ein, an dessen Ende das besetzte und
gedemütigte Frankreich – il n‘y avait plus de gloire à s‘y référer - auf dem „Rücksitz der USJeeps“ mit allen daraus erwachsenden Folgen für seinen Status innerhalb der Siegermächte –
als Sieger aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgehen sollte. Der wortgewaltige „MikroGeneral“, wie ihn das Vichy-Regime wegen seiner Rundfunkappelle verächtlich genannt
hatte, konnte nicht nur Washingtons Pläne abwehren, Frankreich und Deutschland dem
Besatzungsstatut zu unterstellen. Er erreichte sogar, daß Frankreich als eine der Weltmächte
in den Weltsicherheitsrat kam.
Die Operation „Overload“, die Invasion in der Normandie am 06. Juni 1944 - filmisch von
Cornelius Ryan in dem Melodram „Der längste Tag“ dargestellt – war der Beginn der
Befreiung Frankreichs (Pfromm 1995, 162). Um nicht sein Gesicht zu verlieren, erstrotzte de
Gaulle von General Eisenhower, daß die französische Panzerdivision unter General Leclerc
als Spitzenformation des auf Paris vorstoßenden Angriffsteils eingesetzt wurde. Der
triumphale Einzug in Paris am 25. August 1945 wurde also mit Bedacht vorbereitet. Der
Retter de Gaulle war am Tag der Befreiung schon eine Legende, ohne daß das gegen ihn
verhängte Todesurteil weiter eine Rolle gespielt hätte. Am 20. Januar 1946 trat de Gaulle
spektakulär zurück. Innenpolitisch hatte er sich mit seinen Vorstellungen einer auf ihn
zugeschnittenen Präsidialregierung (noch) nicht durchsetzen können. Verbittert zog er sich
zurück auf sein Gut, wo er zwischen 1952-1958 seine Kriegsmemoiren schrieb. Danach
bereitete er sich auf seine Rückkehr in die Politik vor, bis er – erst 12 Jahre später – wieder in
den vorderen Linien der Politik stand.
Aus dem Ablauf der Nachkriegsgeschichte gewann de Gaulle nach einigen Umwegen die
Einsicht, daß die USA und SU die Welt in einer doppelten Hegemonie beherrschten. Sein
Ziel war es daher, diese Hegemonie zugunsten eines unabhängigen Europas mit einem starken
Frankreich in Führungsposition als dritte Kraft aufzuheben. Damit führte er die Gedanken
Hugos mit denen Hitlers, einer Expansion in den Osten, zusammen. Unter Führung
Frankreichs im Bündnis mit den Deutschen unter Abschluß der übrigen europäischen Staaten,
als Reflex der Pentarchie sozusagen, sollte ein „Europa der Vaterländer“ entstehen, das als
eigenständiger Faktor in der Weltpolitik aufzutreten vermochte. Das sind Gedanken, die
schon in den Zwanziger und Dreißiger Jahren, übrigens auch in Belgien, bestanden:
Coudenhove-Kalergi, Briand und Herriot seien lediglich erwähnt (Pfromm 1995,25). Zu
seiner Europa-Politik fragt man sich heute, ob die Gemeinschaft ohne seinen Widerstand
gegen „Supranationales„ heute nicht weiter wäre – auch wenn mitunter die Verhandlungen
der EG-Europäer über eine politische Union häufig an seine Vorschläge aus den 60er Jahren
erinnerte.
In den USA wurde das Problem der „Wieder-Ordnung Europas“ anfangs hauptsächlich
unter wirtschaftlichern Aspekten gesehen. Noch 1946 wird von offizieller amerikanischer
Seite zu der von einigen Europäern erhobenen Forderung nach einem geeinten Europa zu
hören, daß die Regierung einem europäischen Wirtschaftsland, in dem jede politische
Blockbildung vermieden werde, wohlwollend gegenüber stehe. John Forster Dulles, damals
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Vertreter der USA bei den Vereinten Nationen, formulierte bereits 1947, daß Europa nicht
gesunden könne, solange es in kleine Wirtschaftseinheiten aufgeteilt sei (Bliesener 1962,11).
Die Politik der Weimarer Republik war von Anfang an auf eine Revision des Versailler
Vertrages ausgerichtet, während F auf einer strengen Vertragserfüllung bestand
(„L‘Allemagne payera.“). Die französische Härte findet ihre Erklärung in den besonders
schweren Kriegsverlusten, die die deutsche Invasion bewirkt hatte, nämlich 1,4 Millionen
Tote, 3 Millionen Verwundete, ihrem Sicherheitsverlangen und der Forderung nach
Auslöschung der Erniedrigung von 1871. Die hohen Reparationszahlungen mußten auf
mehreren Konferenzen (Dawsplan 1924, Youngplan 1930) der tatsächlichen deutschen
Wirtschaftskapazität angepaßt werden. In D hatten die Parteien der Rechten die Propaganda
gegen den „ Diktatfrieden“ sowie gegen die „Erfüllungspolitik“ der Weimarer Regierung nie
eingestellt. Nach der Machtergreifung strebten die Nazis nicht mehr nur nach Revision,
sondern Hitler verstieß mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht (1935) und der
Rheinlandbesetzung (1936) gegen ausdrückliche Verbote des Versailler Vertrages, ohne daß
die Alliierten nennenswert reagiert hätten (Schmidt u.a., II, 1983,378, troisième République,
ebd. 383).
Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges kam dem Rhein-Ruhrgebiet bei der politischen
Neuordnung also eine entscheidende Rolle zu. Frankreich forderte wie schon 1919 eine
Abtrennung der Rheinlande vom Deutschen Reich, wobei ihm die Schaffung des Staates
Rhenania, später die Aufteilung des linksrheinischen Gebietes in mehrere unabhängige
Staaten vorschwebte. Das Ruhrgebiet sollte internationalisiert werden. Beide Maßnahmen
hielt F zum Schutz seiner Grenzen und für die Sicherheit Europas für unverzichtbar. Bei den
Briten stießen diese Pläne, zumal die Sowjets sie unterstützen, um einen Fuß ins Ruhrgebiet
zu bekommen, das zu ihrem Verwaltungsbereich gehörte, auf entschiedenen Widerstand. Im
Dezember 1945 legten die Briten einen Plan vor, der die Besetzung von Nordrhein-Westfalen
für 50 Jahre und die Leitung des Managements durch Deutsche aber unter internationaler
Kontrolle vorsah. Es gab noch weitere Varianten, die 1946 in London zu einer Entscheidung
führte, die die heutigen Grenzen von NRW festlegte, d.h. die Rheinlande und Westfalen mit
zwei unterschiedlichen Mentalitäten zusammenführte (Boldt u.a. 1988,39).
Der Versuch, im Rahmen einer westeuropäischen Integration zu Einfluß- und Kontrollmöglichkeiten auf das wirtschaftliche und militärische Potential Westdeutschlands, insbesondere seines wichtigsten Industriegebietes an Rhein und Ruhr zu gelangen, führte zum sog.
Schumann-Plan (1950). Für die Bereiche Kohle und Stahl schlug er einen gemeinsamen
Markt vor. Sein Vorschlag, die deutsch-französische Kohle- und Stahlindustrie zusammenzuführen, wurde auch unter dem Aspekt einer späten indirekten Reparation, vom französischen Kabinett gebilligt. Das war unter den vielen Ansätzen der erste konstruktive, der darauf
zielte, einen europäischen Wirtschaftsraum zu schaffen. Dieser, die OEEC und der Europarat
sollten sich als für die zukünftige Entwicklung fruchtbare Entscheidungen erweisen
(Bliesener 1962,38-40; Boldt u.a. 1988, 40).
Die zunehmende Spannung unter den ehemaligen Alliierten hatte 1949 schon zur Gründung
der Nordatlantischen Verteidigungsorganisation, der NATO, geführt, der die meisten der
westlichen Staaten beigetreten waren. Schon damals wurde klar, daß aus finanziellen und
militärischen Gründen eine Beteiligung der Bundesrepublik nötig würde. Der Korea-Krieg,
der den kalten Krieg zwischen Warschauer Pakt und NATO bestätigte, ließ die USA den
Druck auf seine ehemaligen Alliierten verstärken. Es wurde deutlich, daß Deutschland durch
seine Teilung ebenso wie Korea zu einer Nahtstelle der westlichen Welt geworden war, die
es zu verteidigen galt. Bisher hat D keine Rolle gespielt; es wurde ja durch die Besatzungs3
mächte vertreten. Auch der 1949 neu gegründeten Bundesrepublik kam Souveränität zu, da
sie noch immer nicht mehr als eine relativ umfassende staatliche Selbstorganisation war.
Eine Wiederbewaffnung stieß bis 1954 und danach auf den Widerstand Frankreichs.
Angesichts der eigenen innenpolitischen Schwäche, den Wechsel seiner Regierungen wird F
in den folgenden Jahren zum Symbol einer eher schleppenden Fortführung der europäischen
Integration (Bliesener, 30-32).
So zukunftsträchtig sich die Montangemeinschaft vom ersten Augenblick ihrer Verbindung an
erwies, so unglücklich und verworren war das Schicksal der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, mit der der französische Ministerpräsident Pleven im gleichen Jahr 1950 – in
Ergänzung des Schumann-plans - die unmittelbar drohende Wiederbewaffnung der Bundesrepublik aufzufangen und in einen gesamteuropäischen Verteidigungskörper zu neutralisieren
hoffte. Pleven wollte deutsche Kontingente mit in die europäische Verteidigungsfront gegen
die Kommunisten einbeziehen, ohne die bestehenden nationalen Armeen, vor allem die frz.
Aus der Hand zu geben. Eine eigene deutsche Armee war ja in F nicht akzeptabel. Der schon
paraphierte und von den übrigen europäischen Parlamenten wurde nach mehrtägiger Debatte
im französischen Parlament fallengelassen. Damit aber hatte F in den Augen der Unterzeichnerstaaten an politischem Kredit verloren. Nur die Sowjets triumphierten. Die USA waren
vergrätzt, weil sie ja die Initiatoren gewesen waren. Auf Initiative nunmehr GB – verlängerter
Arm der USA in Europa? - fand nur neun Monate später eine Konferenz in London statt.
Ziel war es, das Besatzungsregime in der Bundesrepublik zu beenden, den Brüsseler Vertrag
unter Beitritt von D und It zur Westeuropäischen Union auszubauen und die BrepD in die
NATO aufzunehmen, während die USA und GB weiterhin ire Truppen auf dem Boden der
Brep stationierten. Der Pleven-Plan hat die Bewaffnung der Brep nicht verhindern können,
weil NATO-Interessen angesichts einer wachsenden Bedrohung durch die SU höher
gewichtet wurden (Bliesener 1962,51,5?,60)
De Gaulle schwebte für Frankreich ein souveräner Nationalstaat mit atomarer
Bewaffnung in einem Bündnis mit anderen gleichberechtigten Nationalstaaten vor. Im
Rahmen dieser Konzeption hatte der General eine eigene Atomwaffe mit einer eigenen
Militärstrategie entwickeln lassen, die in Grundzügen bis heute Bestand hat. Während die
Amerikaner unter Kennedy den atomaren Schutz für den europäischen Kontinent verringerten
und dort trotz sowjetischer Bedrohung auf die konventionelle Verteidigung setzte, ließ die
französische Strategie keinen Zweifel daran, daß das Überschreiten der deutsch-deutschen
Grenze für sie eine Verletzung des nationalen Sicherheitsinteresses bedeutete und den Einsatz
von Atomwaffen nach sich ziehen werde. Der Aufmarschraum Deutschland hatte also auch
einen positiven Aspekt.
Von der deutsche Mittellage zur Westbindung
Was seit dem Großen Kurfürst keine Politik hatte bewirken können, das bewirkte der zweite
Weltkrieg: die Befreiung Deutschlands, hier der Bundesrepublik, aus der Mittellage. Wie
einst am Limes entlang des Rheins, eine Grenze, die Victor Hugo im Unterschied zu Hitler
noch respektierte, endete die zivilisierte Welt für die Propagandisten am „Eisernen Vorhang“.
Östlich der Elbe pflegte Adenauer zu sagen, beginnen die Steppen Asiens. D. bzw. was von
ihm übrig geblieben war, befand sich nicht mehr in Europas Mitte, sondern an seinem Rand:
Damit wurde die Westbildung zur Konsequenz. Von der Westintegration bis zur Ostpolitik
vermochte sie Bonns Außenpolitik Richtung und Ziel zu sein, auch wenn im Ausland und
auch in F immer wieder bis in jüngste Zeit Zweifel an dieser Richtung laut wurden. Die
Wiedervereinigung hatte Adenauer mit allen Umwegen und Zwischenstationen stets im Blick.
Willy Brandt und später Helmut Schmidts Verdienst war es, der vagen Formel der
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„Überwindung der Teilung“ den ursprünglichen Inhalt zurückgegeben zu haben. Kohl ging
weiter, er setzte auf die Integration D und Fs in einem Europa, dessen Strukturen offen
blieben: Bundesstaat oder Staatenbund, vorzugsweise mit einem föderativen Charakter, um
die Ethnien und Regionen zu stärken.
Nachdem die Tschechoslowakei unter dem Druck der Sowjetunion ihre ursprüngliche Zusage
zur Teilnahme am Marschallplan zurückgezogen hatte, wurde dieses Hilfsprogramm
ausschließlich von den USA getragen, während die Europäer gleichzeitig die Organisation
für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC, heute OECD) ins leben riefen.
Als diese 1948 in Kraft trat, gehörten ihr die drei westlichen Besatzungszonen an. Frankreich
hatte sich bei der Gründungskonferenz bereiterklärt, mit jedem Land, das sich hierzu
bereiterklärte, eine Zollunion einzugehen. Verträge wurde paraphiert, aber nie ratifiziert. Der
Grund lag meist darin, daß man sich nicht einigen konnte über die Beteiligung D, dessen drei
Besatzungszonen 1949 zu einem Bundesstaat strukturierte (Bliesener 1962, 13, 19).
Ende der 50er- Anfang der 60er Jahre geben die USA eine ganze Reihe dis dato unbestrittener
Positionen auf, die Frankreich ausfüllen konnte. Spätestens seit dem Bau der Mauer im
August 1961 erkannten die Politiker in der Brep ihr Dilemma: weiterhin den engen Anschluß
an die USA aus Dankbarkeit und Schutzbedürfnis bewahren oder sich vorsichtig den neuen
Verhältnissen anpassen, um sich Frankreich enger anzuschließen, wo die deutschen Interessen
offenbar besser aufgehoben schienen als bei den angelsächsischen Mächten.
Während der 19. Regierungskrise der IV Republik 1958 drängte de Gaulle, der sich 1946 aus
Widerwillen gegen die „Parteienherrschaft“ aus der Politik verabschiedet hatte, das Kabinett
zum Rücktritt und übernahm selbst das Ruder. Zum zweiten Mal wurde er zum Retter
Frankreichs auf dem Höhepunkt der Kolonialkriege. Gleichzeitig trieb er als geopolitisch
denkender Staatschef die Aussöhnung mit Adenauers Deutschland voran. Jetzt sah der
General, der nach 1945 D noch in möglichst viele Teile zerschlagen wollte, in einer Achse
Paris-Bonn die beste Gewähr für eine Unabhängigkeit von den Supemächten (L‘Express 26
oct.1996).
Trizonesien
Auf der Konferenz in Potsdam von Juli bis August 1945 trifft man einschneidende Beschlüsse
für den Verlierer Deutschland aber in den wichtigsten Fragen einer Nachkriegspolitik kommt
man nicht weiter. Die Sieger verpflichten sich zwar, Deutschland als einen Wirtschaftsraum
zu behandeln aber riegeln bald schon ihre Besatzungsgebiete voneinander ab. Großbritannien
verspricht bei einem künftigen Friedensvertrag der Sowjetunion Königsberg und halb Ostpreußen zuzuerkennen. Sie nehmen auch hin, daß Stalin in der Zwischenzeit die deutschen
Gebiete bis zur Oder und Lausitzer Neiße (Schlesien) den Polen zur Verwaltung gegeben hat,
behalten jedoch die endgültige Festlegung der Ostgrenze einem künftigen Friedensvertrag
vor. Trotz der Atlantikcharta beschließen die Alliierten, um den Sowjets entgegenzukommen,
die Umsiedlung der in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn befindlichen deutschen
Bevölkerung. Die genannten Staaten halten sich aber nicht an diese Beschlüsse: Millionen
von Deutschen werden auf zum Teil brutale Weise vertrieben.
Die Besatzungsmächte, zu denen auch Frankreich gehört, bilden einen Kontrollrat mit Sitz in
Berlin. Die Stadt wird in vier Sektoren eingeteilt und von den Truppen verwaltet. Schon
1948 stellt er diese Aufgaben ein, weil die Gegensätze zwischen den Mächten zu groß
werden. Die sowjetische Besatzungszone erfährt trotz der Beschlüsse von Potsdam eine
radikale Umgestaltung. Ohne jede Entschädigung wird schon 1945 jeder größerer Besitz
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enteignet. Bevor die Westmächte sich dazu entschließen können, läßt die SU wieder deutsche
Parteien zu, aber mit dem Ziel, eine Einheitspartei, die SED, zu gründen. Ein Blick in das
Haus der Geschichte in Bonn verschafft plastische Einsichten.
Die westlichen Besatzungszonen werden von Amerikanern, Engländern und Franzose recht
unterschiedlich regiert und ebenfalls voneinander abgeriegelt. Wer von einer Zone in die
andere wollte, brauchte dazu Erlaubnisscheine. Bis 1947 entstehen elf Länder. Ihre Grenzen
richten sich nach den Besatzungsgebieten und nach dem Ermessen der Sieger. Preußen wird
nach dem Kontrollratsbeschluß aufgelöst. Bayern verliert die Pfalz. Im früheren BadenWürttemberg bilden sich zunächst drei Länder, die sich aber nach einer Volksbefragung 1952
zu einem Land Baden-Württemberg zusammenschließen.
Zu Beginn des Jahres 1947 werden die amerikanische und britische Zone wenigsten wirtschaftlich zu einer Bizone zusammen gefaßt. Anfangs 1948 entsteht durch Hinzutritt des
französisches Besatzungsgebiet die „Trizone“. Vorher haben die Franzosen das Saarland aus
ihrer Zone herausgelöst. Sie wollen es für immer von Deutschland trennen und sich wenigsten
wirtschaftlich völlig angliedern. Über die Bildung eines neuen deutschen Staates gehen die
Meinungen der Siegermächte weit auseinander. Man kommt nicht daran vorbei, Propaganda
hin, Revanche her: Not und Elend herrschen nach dem Krieg in größerem Ausmaß. Furchtbar
ist das Schicksal einer Mehrzahl von Flüchtlingen und Vertriebenen. In den USA, die in der
lebensunfähigen Trizone eine Milliarde nach der anderen hineinpumpen müssen, setzt sich
der Wunsch nach einer deutschen Regierung als erstes durch. Die Sowjetunion aber will nur
dann eine gesamtdeutsche Regierung zulassen, wenn es ihren Einfluß auf ganz Deutschland
ausdehnen kann. Unter diesen Umständen beschließen die Westmächte, ohne die Sowjetunion
zu handeln.
Die Westmächte führen in der Trizone und in Westberlin eine neue Währung ein, die
„Deutsche Mark“; zudem fordern sie die Länder auf, gemeinsam eine neue deutsche
Verfassung zu entwerfen. Um diese Pläne zu stören, versucht die Sowjetunion, die
Westmächte aus Berlin zu verdrängen: sie sperrt alle Land- und Wasserstraßen. In dieser
krisenhaften Situation fallen die ermunternden Worte J.F. Kennedys: „Ich bin ein Berliner.“
Das Gebäck hat damit, wie mancher Amerikaner meint, nichts zu tun. Warum der eine
Amerikaner und der andere Berliner heißt, ist eine eigene Geschichte. Die Blockade scheitert,
weil die USA eine „Luftbrücke“ einrichten, um Care-pakete abzuwehren. In einem Jahr
wurden etwa 2 Millionen Tonnen Güter nach Westberlin befördert. An der Abwehr des
sowjetischen Anschlags haben die Westberliner selbst einen wesentlichen Anteil durch ihre
Standhaftigkeit trotz großer Entbehrungen. Diese Hilfe haben die Deutschen den Amerikanern
nicht vergessen, wodurch sich deutscherseits für die Bildung von Europa Bremsen ergeben
haben.
Einige Lieder der „Bläck Föös“, der armen Socken, einer rheinischen Sängergruppe der 80er
und 90er Jahre, die historische Lieder peppig aufbereitet hat, spiegelt die Zeit vor und nach
dem Zweiten Weltkrieg: „Die hinger de Jardinge ston un spinxe“ wendet sich gegen die
Gesinnungsschnüffelei und totale Überwachung, das „Kartoffellied“ erzählt vom „fringsen“
und das „Trizonesienlied“ rebelliert die Bevölkerung gegen die Kleinkariiertheit der Besatzer.
Eine Nachricht aus der „Neuen Illustrierten Zeitung“ am 21.4.1949 belegt: „ Bei dem ersten
internationalen Steherrennen in Köln wurde bei der Siegerehrung der Belgier die belgische,
bei der Siegerrunde der Schweizer die schweizerische Nationalhymne gespielt. Als der
deutsche Sieger seine Ehrenrunde fuhr, half man sich mit dem Karnevalslied „Wir sind die
Eingeborenen von Trizonesien“, denn die deutsche Nationalhymne durfte ja nicht gespielt
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werden. Karl Berbuir hat überdies „Oh Mosella“ gedichtet, in dem er sich darüber beklagt,
daß die französische Besatzungsmacht die Moselweingüter beschlagnahmt hat.
Die Bonner Republik und Strasbourg – politische Städte am Rhein
Das kleine Bonn, das bespöttelte Bundesdorf, entwickelte sich aus den bescheidenen Anfängen 1949 zu einem respektierten Bundeshauptdorf, das beinahe Bundeshauptstadt auf Dauer
geworden wäre (Marienfeld 1989,42). In den 50 Jahren (1949-1999) seiner Existenz wurden
442 Eintragungen ins Goldene Buch der Stadt getätigt. Die junge Republik und ihre kriegszerstörte Hauptstadt Bonn besaßen 1949/50 noch wenig Reputation. Am 04. Februar 1945
fanden die letzten Bombenangriffe statt; am 8. März rücken US-Amerikaner in der Stadt ein.
Am 08. Mai 1949 tritt das Grundgesetz in Kraft, das im Museum König ausgehandelt
wurde. Bonn richtet sich als provisorische Bundeshauptstadt ein (Marienfeld,63). Die
alliierten Mächte betrachteten die Bundesrepublik noch als „Paria“, als Außenseiter. F.
Außenminister Robert Schumann wollte November 1949 auf der Durchreise mit Bkzler K.
Adenauer kurz auf dem Bonner Bahnhof ohne Aufhebens mit ihm konferieren. Doch der
gewitzte „Alte“ ließ einen roten Teppich vor dem Bahnsteig eins (dem ersten von dreien)
ausrollen und es sah aus wie ein richtiger Staatsbesuch: Adenauer lächelte breit und R.
Schumann schaute eher gequält drein. US-Präsident Dwight D. Eisenhauer fuhr erst im
August 1959 zusammen mit dem Bkzler im offenen Mercedes durch Bonn und nahm wie
später de Gaulle ein Bad in der Menge. Der Enthusiasmus der Bevölkerung war bei de Gaulle
weit größer. Am 07. März gründete der französische Botschafter François Poncet zusammen
mit K. Adenauer das Institut français, das aus dem Club Frankreich-Deutschland
hervorgegangen ist.
Es ist der föderative Aufbau der Bundesrepublik, der seine Wurzeln im vielgestaltigen Rheinland hat. Der Rhein als Symbol und Zankapfel zwischen D u F wurde als Trennlinie überwunden und zu einem europäischen Symbol der Vereinigung stilisiert. Als 1945 de Gaulle
mit einem Schnellboot über den Rhein fuhr, äußerte er, ganz nach Victor Hugo : „ Die Ufer
des Rheins – gestern noch Kampfesscheide, morgen schon Band der Vereinigung“. Die
Rheinachse hat sich nach dem zweiten Weltkrieg zum Rückgrat aller Verkehrsbewegungen
entwickelt; zugleich ballen sich entlang des Rheins auch die wichtigsten Verkehrsströme
(nach Boldt u.a. 1988,26,46,62).
Zwei spektakuläre dtsch-frz. Veranstaltungen – Adenauers Besuch in Frankreich und de
Gaulles Reise durch die Bundesrepublik – bereiteten den dtsch-frz. Vertag von 1963 vor. Acht
Tage zuvor hatte der General den Engländern die Tür zum europäischen Markt zugeschlagen
mit der Begründung, sie seien das Trojanische Pferd der Vereinigten Staaten. Der Vertrag
mitten im Kalten Krieg, als überall in Europa geheime Untergrundnetze im Westen entstanden
und der Mythos der Speznazy im Osten aufkam, um den Guerillakrieg gegen sowjetische
Invasion vorzubereiten, hatte der eigensinnig General schon 1953 seine unerhörte Vision
eines „Europas der Vaterländer“ vorgetragene: Eine Konföderation über die Blockgrenzen
hinweg, die die Völker aneinanderbindet, ohne ihnen den Handlungsspielraum zu nehmen. De
Gaulle der sich übrigens schon als fünfzehnjähriger Knabe mit Politik befaßte, verband zu
zweifelsfrei politischen Weitblick mit prophetischen Qualitäten. Die Idee eines vereinigten
Europas (Förster 1967) ist keine Idee von de Gaulle oder von Churchill, sie besteht – ohne
Konzept - seit Karl dem Großen, aber es ist ihr Verdienst, sie bereits in die Nachkriegsverhandlungen eingebracht zu haben. Er glaubte nicht an die Dauer der kommunistischen
Ideologie und hatte für die DDR als einem künstlichen politischen Gebilde wenig übrig. Kein
Wunder, war er doch selbst auch noch durch das Gedankengut eines Barrès geprägt. Schon
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sehr früh trat er für die Wiedervereinigung Deutschlands ein, natürlich mit Bindung an
Frankreich.
Der christdemokratische Elsässer Pierre Pflimlin (gut detsch Pfläumlein) begann seinen
Kampf für Europa als Abgeordneter des Departements Unterelsaß. 24 Jahre lang war er
Bürgermeister von Strasbourg, 22 Jahre Mitglied der Nationalversammlung und suchte den
dtsch-frz Ausgleich vor der Haustür mit Baden-Württemberg. Von 1942- 1962, also 16 lange
Jahre, war er Minister für Landwirtschaft. Als Ministerpräsident arbeitete er von Mai bis Juni
1958 unter Staatspräsident René Coty, der 1959 sein Amt an de Gaulle übergab und damit die
IV Republik beendete. Als sich de Gaulle auf der historischen Pressekonferenz vom 15. Mai
1962 über den Verfechter der europäischen Integration lustig machte, trat der Volksrepublikaner Pflimlin zusammen mit vier Amtskollegen noch am gleichen Tag zurück, knapp einen
Monat, nachdem er auf Wunsch des Generals das Amt angenommen hatte.
Das Elsaß hatte mit Baden-Württemberg als einem einheitlichen Kulturraum mit mehreren
Dialekten eine ganz andere Geschichte gemeinsam als die Rheinlande links und rechts des
Rheins im Norden. Unter Napoleon wie schon vorher unter Louis XIV erstreckte sich das
Elsaß um 1806 noch über den Rhein bis weit hinter Freiburg nach Baden hinein und grenzte
an das Königreich Württemberg, auch wenn oder gerade weil der Rhein als natürliche Grenze
gesehen wurde. Das südliche Oberrheingebiet kann also als Musterbeispiel für einen Raum
gelten, der mit historischer Hypothek belastet ist. Wegen der unsicheren Grenzsituation, allein
das Elsaß wechselte in den letzen hundert Jahren dreimal seine Staatszugehörigkeit, bestand
für diesen Raum kein großes wirtschaftliches Interesse, was sich erst in den letzten Jahren
geändert hat (s. ALFA/CMK 1999; Boldt u.a. 1988,41,61).
Die Saar-Frage
Das Saargebiet, als Teil der französischen Besatzungszone, war von Anfang an in besonderer
weise in die französischen Interessen eingebunden. Schon im Ersten Weltkrieg suchte F eine
nachhaltige Schutzgarantie gegen deutsche Revanchismus zu erhalten (Marienfeld 1989,69).
Neben Elsaß/Lothringen sollte auch das Saarland sozusagen als Bollwerk dienen. Der
Vertrag von Versailles (28. Juni 1919) aber sah vor, das Saargebiet 15 Jahre lang einem
Völkerbundsmandat zu unterstellen. Der Übergangscharakter dieser Lösung mußte
zwangsweise zur Unruhe führen (Schmidt u.a.,II, 1983,376).
Die gleichbleibenden Zielvorstellungen der französischen Saarpolitik werden deutlich an
einer Vielzahl von Konventionen, die zwischen 1948 und 1953 mit der Saarregierung
abgeschlossen wurden, um das Gebiet F anzuschließen. Bei den Landtagswahlen im Nov.
1952 werden wieder einmal die deutschen Parteien nicht zugelassen (Marienfeld 1989, 6974). Vom ersten Augenblick der Gründung der Brep an begann das Saarproblem, die dtschfrz. Beziehungen zu belasten. Auf französischer Seite wurde von mangelndem europäischem
Geist und dtsch Revanchismus geredet und auf deutscher von frz. Ultranationalismus und
antiquierten territorialen Annexionswünschen, wobei Parallellen zu den Sowjets gezogen
wurden.
Die innerdeutsche Politik, d.h. Regierung und Opposition, geriet aus den Fugen, als neben
der Brep auch das Saarland mit Unterstützung F als assoziiertes Mitglied dem Europarat
beitrat. Dem Pariser Abkommen war eine besonderes dtsch-frz. Abkommen über die Saar
vorangestellt worden, das bis zum Abschuß eines endgültigen Friedensvertrages aufrecht
erhalten bleiben sollte. Nicht nur in der Saar und der Brep, auch in anderen Ländern kam es
zu Diskussionen. Am 23 Okt 1955 fand eine Volksabstimmung über den Status statt. Mit
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ungeahnter Mehrheit wurde das Abkommen abgelehnt. In dieser höchst kritischen Situation
setzte sich die Staatsräson durch und über nationale Hemmnisse hinweg. Nach einem
Austausch einer Reihe von Telegrammen zwischen Bkzler und Président begannen
unverzüglich neue Verhandlungen. Acht Monate später wurde die Saar in die Brep
eingegliedert und den wirtschaftlichen Interessen F Rechnung getragen (Bliesner 1962,61,66).
Frankreichs Kalkül zur deutschen Mittellage: Deutschlands Westbindung
Machtpolitisch betrachtet gab es für D und F in Europa zwei Muster: F. hatte seine Lage in
Europa zu überprüfen. Entweder eine südeuropäische Achse zu eröffnen, von Athen über
Rom bis Madrid, um den Einfluß des „nördlichen“, auf D bezogenen Teil Europas
einzudämmen oder mit D einen gemeinsamen Weg zu gehen. Paris setzte, noch vom
Pentarchiedenken des 19. Jh geprägt, indes nicht auf das traditionelle Gleichgewichtskalkül:
die Folge wäre nämlich gewesen, sich von D abzusetzen, um ein Gegengewicht zu eröffnen.
Damit wäre eine Anlehnung D an die angelsächsischen Mächte England und USA, gegen die
man seit dem Zweiten Weltkrieg Ressentiments hegte, in die Wege geleitet worden.
Rivalitäten, die sich in stillschweigenden Gegenbündnissen oder Blockierungsstrategien
ausgedrückt hätten, hätten verhindert, daß Europa seine Probleme anpackt. Damit begann die
Entscheidung für das dtsch-frz „(W-) Ehepaar“ zur Bekämpfung des deutschen Dilemmas,
sich nach Westen oder Osten zu orientieren und er Furcht der Franzosen, die Brep könnte
nach Osten abdriften, ein beliebtes Stereotyp der 70er und 80er Jahre und seit Merkel auch
der Jetztzeit wieder .
Die Mittellage war womöglich auch der Grund dafür, daß Friedrich der Große um die
Jahrhundertwende Großmacht neben F, E, Span, It werden wollte. Er vereinigte seine
zwischen den Niederlanden und der Memel verstreuten Besitzungen und führte sie zielstrebig
nach und nach zusammen. Der Erwerb Schlesiens sollte Preußen die Machtbasis einer
Großmacht verschaffen. Nach drei Kriegen um diese Gebiete kam Preußen der „déstruction
totale“ nahe. Daß es der Koalition der anderen Großmächte nicht erlag, verdankte Friedrich
seiner Beschränkung auf sein unmittelbares Ziel Schlesien.
Otto von Bismarck, Ministerpräsident von Preußen und 1871 erster Reichskanzler
„schmiedete“ das Deutsche Reich endgültig zusammen. Der Reichstag des Norddeutschen
Bundes – mit Bismarcks „Sattelrede“ vom 11. März 1867 („Meine Herren, arbeiten wir rasch!
Setzen wird D sozusagen in den Sattel; reiten wird es schon können.“ ) und seinen
Verfassungsentwurf, der am 16. April 1867 verabschiedet wurde, war nur eine erste Etappe
auf dem Weg zu einem neuen Deutschland einschließlich der süddeutschen Länder.
1871 nimmt das Rheinland den Kulturkampf mit Preußen auf. Ursache ist die Opposition des
jetzt in der Zentrumspartei vereinten politischen Katholizismus gegen das kleindeutsche,
überwiegend protestantische Reich. Diese Opposition festigt die Bastionen des Zentrums in
den rheinischen Städten, so auch in Bonn, das selbst nach dem Zweiten Weltkrieg als eine
überwiegend katholische Stadt lange Zeit CDU wählte.
Vom Reich zeitweise alleingelassen, mußte sich das überwiegend reichstreue Rheinland
gegen die schon seit 1918/19 feststellbaren Separatisten erwehren. Sie erstrebten eine
unabhängige rheinische Republik. Zeitweise gab es in der Zentrumspartei auch ein solches
Ziel, ließen es aber später fallen. Großbritannien und die USA lehnten diese Bestrebungen ab,
Frankreich dagegen passen diese ins Konzept. Im Februar 1920 besetzen die Franzosen die
Rheinlande und bleiben dort bis 1926. Das Verhältnis zur Bevölkerung gestaltet sich harmonisch, weil die Regenten diese für sich gewinnen wollen. Am 11.01.1923 sind Franzosen und
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Belgier wegen rückständiger Reparationszahlungen ins Ruhrgebiet einmarschiert. Reichskanzler Cuno ordnet „passiven Widerstand“ an und löste damit scharfe Reaktionen der
Franzosen aus.
Man muß wissen, daß seit dem Ersten Weltkrieg durch die Briten die Idee der psychologischen Kampfesführung, d.h. der Propaganda, aufkam und bald von allen Seiten geführt
wurde mit dem Ziel der Desinformation. Aber auch im Binnenverhältnis der Staaten wurde,
insbesondere seit das Radio existierte, dieses Mittel kräftig genutzt. Nicht nur das gerne
militärisch auftretende Preußen, das seiner Bevölkerung zu einer eigenen Mentalität des
Säbelrasselns und Überheblichkeit verhalf, welches sich weit in die 6oer Jahre des 20 Jh
hinein noch hielt (s. Landserromane), sondern auch die Umorientierung des Bewußtseins der
Bürger war ein Ziel schon vor den Nazis. 1923 waren die separatistischen Bestrebungen im
Rheinland groß und weil mit dem Begriff verschiedene Interpretationen verbunden waren,
kam es zu Unruhen. Darunter war auch die Idee einer eigenen Westdeutschen Republik
innerhalb der Reichsgrenzen: Adenauer stand dieser Idee einige Zeit nahe. Die Agitation der
Deutschlandtreuen richtete sich ab 1920 gegen die Franzosen und besonders gegen die
schwarzen Soldaten, die als Schänder weißer, deutscher Frauen hingestellt wurden (Boldt u.a.
1988,37).
Karl Marx, der bereist 1842/3 in Köln für die „Rheinische Zeitung“ gearbeitet hatte, kehrte im
Revolutionsjahr 1848 aus Paris zurück, weil Köln das Zentrum der Rheinprovinz war, die in
jeder Beziehung damals der fortschrittlichste Teil Deutschlands war. Zudem herrschte in
Berlin das „elende preußische Landrecht“, im Rheinland aber, aus Tradition das französische
Recht und damit „ unbedingte Pressefreiheit“ (Boldt u.a. 1988,32). Der Napoleonische Code
civil wurde denn auch zur Vorlage für das deutsche Bürgerliche Gesetzbuch.
Konrad Adenauer ist seit 1919 Oberbürgermeister von Köln und Mitglied des Herrenhauses
(Oberhauses), von 1920 bis 1932 gar Präsident des Preußischen Staatsrates. Er lavierte
geschickt zwischen den Besatzern England und Frankreich, sowie deren Furcht vor dem
Kommunismus. Er untergrub französische Annektionsbestrebungen und, wie Clemenceau in
seinen Memoiren schreibt, auch die Separatistenbewegung. 1929 wurde Adenauer noch
einmal, das dritte Mal, höchst knapp zum Oberbürgermeister gewählt; 1933 setzen ihn die
Nazis ab (Wolf/Engelhardt, 73,221; Boldt u.a. 1988,37).
Eine Anekdote aus den Nachkriegsrheinland, die mir 1999 in Düren zu Ohren kam, mag die
Langfristigkeit des separatistischen Gedankenguts belegen: in der kleinen, zu 99 % zerstörten
Stadt Düren, einer einst durch Papierproduktion sehr reichen Kleinstadt, wollten zwei
Familien nach dem Zweiten Weltkrieg nicht, daß ihre Kinder sich ehelichten. Der Grund war,
daß die andere Familie sich immer noch wünschte, daß das Gebiet von den Ardennen bis nach
Köln den Franzosen zufalle. Als gute Deutsche mochte die eine von diesem sog.
„neufranzösischem“ Gedankengut nichts, aber auch nichts hören.
Der „cauchemar des coalitions“ verließ Bismarck nie. Einziges Ziel seiner Diplomatie war die
Verhinderung einer Koalition gegen D. Die Balkan-Krise, die London, Wien und Petersburg
gegeneinander führte, hielt er bewußt am Leben. Dieses permanente Krisenmanagement
stellte höchste Anforderungen an die Berliner Diplomatie. Berlin hatte keine Zele, die den
anderen Mächten als Orientierung gedient hätte. Solche Ziele wurden erst deutlich, als die
Weimarer Republik sich die Aufgabe stellte, die Versailler Verträge zu revidieren. Die
Siegermächte verstanden dieses Ziel nur allzu gut aus ihrer militärischen Sichtweise. So bot
GB Hitler, um des „general settlement“ willen alles, was er wollte, Danzig, Österreich und die
Tschechoslowakei. Nur friedlich sollte es zugehen.
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Von dieser Konzeption aus wird das Verhalten de Gaulles in der Berlin-Frage verständlich:
er war gegen jede Veränderung des Status von Berlin. Und an eben diesem Punkt verzahnten
sich die deutschen und französischen Interessen. Während die SU den Status von Berlin
verändern wollte und die USA und GB als Folge zu Konzessionen bereit waren, wahrte
Frankreich allein den Status quo. In Bonn beobachteten 1958 alle Parteien mit Besorgnis die
Entwicklung im Nachbarland.
Besonders Adenauers Wirtschaftsminister und Vizekanzler Ludwig Erhard gab in seinen
Presseerklärungen seinen Unmut über de Gaulle und dessen antiamerikanische und kritischeuropäische Haltung Ausdruck. Das sollte sich als Fehler erweisen, denn de Gaulle fand
später kein harmonisches Verhältnis zu ihm, als dieser zum Nachfolger Adenauers gewählt
wurde. Das nächste Jahrzehnt (die 60er Jahre) sollten zeigen, wie entscheidend die erste
Begegnung Adenauers mi de Gaulle war: Schon zwei Monate nach Adenauers Empfang in La
Bosserie, dem Hause de Gaulles in Colombey-les deux-Eglises als erster und einziger
Staatsmann fand das zweite Gespräch am 26. November 1958 in Bad Kreuznach statt,
während dem bereits eine politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit der sechs EWGStaaten verhandelt wurde.
Frankreichs nationalistischen Reflexe
Zehnjahre nach dem ersten Versuch, die Westmächte aus Berlin zu verdrängen, starteten die
Sowjets, unter Chruschtschow hoch pokernd, den zweiten Versuch mit dem Berlinultimatum
vom 27. Nov. 1958 und dem Friedensvertragsvorschlag von Januar 1959 (Marienfeld 1989,
111-115). Ihren Höhenpunkt hatte die westliche Politik bei der Außenministerkonferenz 1959
gefunden, die im Gefolge der neuen sowjetischen Initiative stand. Die drei Westmächte legten
einen Plan vor, der die Wiedervereinigung Deutschlands, europäische Sicherheit und
Friedensregelung miteinander verknüpfte. Die Sowjets schlagen vor, Westberlin zu
entmilitarisieren und zur vereinten Hauptstadt der DDR zu machen. Eine Konföderation der
beiden deutschen Staaten könne als Vorstufe der Wiedervereinigung betrachtet werden. Die
Westmächte hätten sechs Monate Zeit, darüber nachzudenken. Dieser Versuch, die
Westmächte aus Berlin zu verdrängen, wurde mit einem Vorschlag zur Wiedervereinigug
verstärkt. Die Oder-Neiße-Linie wurde betont, der Austritt der beiden deutschen Staaten aus
den Bündnissen gefordert. Beide Pläne waren für die BrepD und für die Westmächte
unannehmbar. Aber was tun angesichts des sowjetischen Drucks? Verschiedenste Pläne
kamen auf dem Tisch. Das Ultimatum verstrich; die Sowjets beließen es bei der Drohung.
Im März 1959 gibt de Gaulle, wohl in Reaktion auf den Deutschlandplan der SPD vom 8.
März (Marienfeld 1989,115), in einer Pressekonferenz seine berühmt gewordene Deutschland-Erklärung ab:“ Die Wiedervereinigung sei das normale Schicksal des deutschen Volkes“,
vorausgesetzt .... daß es auf die Gebiete jenseits von Oder-Neiße und auf Atomwaffen
verzichte. Und er rät „bis das Ideal erreicht werden könne“ sollten beide deutschen Staaten
„die gegenseitigen und Beziehungen auf allen praktischen Gebieten vermehren“ (aus: Die Zeit
23. November 1990).
Zu historischen Sternstunden wurden die Begegnungen von Adenauer und de Gaulle, nachdem sie sich aus der Ferne beobachtet hatten: Vor der Presse äußerte de Gaulle beispielsweise
schon am 16. März 1950, daß er seit Jahren die Taten und Worte Konrad Adenauers
aufmerksam verfolgt habe. Zum 100. Geburtstag de Gaulles fand eine Ausstellung ihm zu
Ehren im Bundeskanzlerhaus in Rhöndorf bei Bonn statt (GA 21/22 November 1990).
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Einen weiteren Höhepunkt der Begegnungen mit dem Präsidenten der Republik brachte der
erste Staatsbesuch eines französischen Staatsoberhauptes nach dem Krieg in Deutschland vom
4-9 September 1962. De Gaulle fand die Herzen der Deutschen durch flammende Reden, in
denen er zur Verzeihung und Freundschaft in Bonn, Köln, Düsseldorf, Duisburg, Hamburg,
Stuttgart und München aufrief. Wer die beiden Staatschefs erlebte, fand in ihnen patriarchalische Persönlichkeiten. Am 22. Januar 1963 kam es zum deutsch-frz Vertrag und wenig
später zur Gründung des dtsch-frz. Jugendwerks in Rhöndorf (Schmidt u.a. II, 1983, 373). Der
Vertrag in Bonn sollte nach Auffassung de Gaulles die Grundlage für eine gemeinsame
Ostpolitik bilden nach dem Grundsatz „détente, entente, coopération“. Er löste einen Sturm
der Entrüstung in Washington und London aus und teilte die dtsche Innenpolitik bald in
„Europäer“ und „Atlantiker“. Der Bundestag ratifizierte den Vertrag mi einer Präambel,
durch die ihn der General entwertet sieht. Die NATO wird zum Hebel und Prüfstein der
dtsch-amerikanischen Beziehungen, mit der Folge, daß die Atlantiker siegten. Dieser Streit
zwischen den „Atlantikern“, die der Zusammenarbeit mit den USA den Vorrang einräumten
und den „Gaullisten“ spaltete nicht nur die CDU/CSU als die größte Regierungspartei,
sondern belastetet auch die Regierungsarbeit in den kommenden Jahren bis zum Herbst 1966.
In der Sicherheitspolitik erschien die Übereinstimmung zwischen den beiden Staaten am
größten: beide wünschten sich à la longue eine „unabhängige Verteidigung“ von den USA.
Keine politisches Argument aber dürfte den General so lange überdauert haben, wie seine
Forderung, daß Frankreich sich durch kein Bündnissystem „die Hände binden lassen“ sollte.
Auch in Zukunft werde der Staat jeden Zugzwang auszuweichen suchen. Seine scharfe
Ablehnung einer europäischen Armee im Jahre 1954 hinderte ihn nicht daran, sich 1963 der
Notwendigkeit einer zunächst gemeinsamen dtsc-frz. Und anschließend auch europäischen
Verteidigungspolitik bewußt zu sein. Am 28.08.1987 wurde die Übung „Kecker Spatz“
gefahren; die Bemühungen um eine Europäische Armee nehmen zu Beginn des zweiten
Jahrtausends angesichts knapper werdender Mittel und der Globalisierung Konturen an
(Menyesch/Uterwedde 41988,67).
Bibliographie:
Bliesener, Erich (1962): Europäische Integration als Thema der Karikatur. Heidelberg-Berlin:
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Zabern: Steiner.
Documents. Revue des Questions Allemandes No 4/95. Numéro spécial. 50e Anniversaire.
L‘Allemagne. Les Hommes – les Evénements 1945-1995. Paris.
Dokumente/Documents-Deutsch-Französische Institut Ludwigsburg (Hrsg.) (1988): Deutschland-Frankreich. Ein neues Kapitel ihrer Geschichte 1948-1988. France- Allemagne. Un
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Leenhardt, Jacques; Robert Picht (1989): 100 Schlüsselbegriffe für Deutsche und Franzosen.
München: Piper.
Le Monde (1989): 1939-1940. L‘Année terrible. 27.03-24.08.
Maillard, Pierre (1990) De Gaulle et l‘Allemagne. Paris: Plon.
Marienfeld, Wolfgang (1989): Das Deutschlandproblem im Spiegel der politischen Karikatur.
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