Fritz Marci

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interjuli
01 i 2012
„this
land is Your land”
Kindliche und jugendliche umweltschützer
in der Kinder- und jugendliteratur
Jana Mikota
Literatur wiederfindet und als Produkt kultureller Diskurse geführt
wird. Seit den 1980er Jahren konnte
sich in dem Kontext das Forschungsfeld des aus den USA stammenden interdisziplinären Ansatzes des Ecocriticism auch im deutschsprachigen
Raum etablieren. Cheryll Glotfelty, die
maßgebliche Forschungen im Bereich
des Ecocriticism verfasst, plädiert
dafür, „Natur“ als eine weitere Analysekategorie neben gender zu nehmen
und diese nicht ausschließlich auf jene
Texte, die man als ökologische Literatur begreifen könnte, anzuwenden:
Die globalen Umweltkatastrophen,
Klimaveränderungen und Umweltschutz
sind zentrale Themen der politischen
Debatten seit den 1980er Jahren und
sind spätestens seit der Katastrophe in
Fukushima im Frühjahr 2011 für
einen kurzen Zeitraum in den Mittelpunkt der politischen Debatten gerückt. Auch die Kinder- und Jugendliteratur verschließt die Augen nicht
vor solchen Themen und widmet sich
auf unterschiedliche Weise der Klimakatastrophe sowie dem Zusammenhang zwischen Umwelt und Globalisierung. Oder anders gesagt: Die Kinder- und Jugendliteratur nimmt somit
auch den öffentlichen Diskurs um
Umweltschutz auf.
Natur ist aber nicht erst seit den
Debatten um Umweltschutz ein
Thema der Literatur geworden, sondern war und ist eine Projektionsfläche kultureller Entwürfe. Bereits in
Romanen des 19. Jahrhunderts wird
ein Blick auf die dargestellte Natur
geworfen, der sich bis heute in der
Simply put, ecocriticism is the
study of the relationship between
literature and the physical environment. Just as feminist criticism
examines language and literature
from a gender-conscious perspective, and Marxist criticism brings
an awareness of modes of production and economic class to its readings of texts, ecocriticism takes an
earth-centered approach to literary studies. (zit. nach Starre 17)
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Jugendliche uMweltschützer in der KJl
Auch innerhalb der Kinder- und
Jugendliteratur spielt Natur eine wichtige Rolle: Kinder agieren in der Umwelt (etwa durch Spiele im Wald), sie
reagieren auf ihre Umwelt und erleben diese unterschiedlich. Ähnlich wie
in der Allgemeinliteratur muss jedoch
zwischen zwei Richtungen differenziert werden:
(1) Natur als Analysekategorie der
Kinder- und Jugendliteratur allgemein;
(2) Natur als Analysekategorie der
sog. ökologischen Kinder- und Jugendliteratur
Der Ansatz des Ecocriticism
wurde bislang nur in wenigen Forschungsarbeiten im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur verarbeitet.
1995 er- schien der Sammelband Naturkind – Landkind – Stadtkind von Ulrich Nassen, der Beiträge zu den
Themen Natur und Zivilisation zusammenfasst und stark historisch orientiert ist, Dagmar Lindenpütz greift
in ihren Arbeiten den Begriff der ökologischen Kinder- und Jugendliteratur
auf und entwickelt eine Systematik:
Texte zur ökologischen Aufklärung,
Texte zur ethischen Fundierung sowie
radikal skeptische Texte. 2011 folgt
dann der Sammelband Die angekündigte Katastrophe oder: KJL und Umweltschutz, der sich ebenfalls mit der ökologischen Kinder- und Jugendliteratur
auseinandersetzt. 2010 erschien
zudem der Beitrag Blumenkinder. Kinder- und Jugendliteratur ökokritisch betrachtet von Julia Hoffmann, der die
Theorien des Ecocriticism nicht ausschließlich auf ökologische Kinderund Jugendromane anwendet.
Basierend auf diesen Gedanken
wird im folgenden Beitrag jene Kinder- und Jugendliteratur untersucht,
die man als ökologische Kinder- und
Jugendliteratur bezeichnet. Der Begriff ökologische Kinder- und Jugendliteratur meint hier jene Texte, in
denen Umwelt und die ökologische
Krise thematisiert und problematisiert
werden. Zugleich greifen die Texte
Nachhaltigkeit und Verantwortung
sowie den ökologischen Diskurs –
Zerstörung ländlicher Räume, Treibhauseffekt – auf. Ähnlich wie die ökologische Allgemeinliteratur möchte
auch die ökologische Kinder- und Jugendliteratur das Bewusstsein der
Leser für die Umweltkrise sensibilisieren. Die hier untersuchte Literatur ist
einerseits politisch, kann andererseits
als eine moralische Warnliteratur gelesen werden. Die ökologische Kinderund Jugendliteratur lässt sich – vereinfacht formuliert – grob in zwei Richtungen einteilen:
(1) Texte zur ökologischen Aufklärung
(z.B. Eulen, Am Rande der Gefahr, Eingekreist. Cols Geschichte, Aktion Löwenzahn);
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(2) Dystopien, in denen die Welt durch
Umweltkatastrophen zerstört ist (z.B.
Die Wolke, Die letzten Kinder von Schewenborn, Die Welt, wie wir sie kannten,
Euer schönes Leben kotzt mich an, PanemTrilogie)
Beide Richtungen gehen unterschiedlich mit Fragen aus der Umweltbewegung um: Während die Texte zur
ökologischen Aufklärung den Leser
für den Umweltschutz sensibilisieren
möchten, zeigen die Dystopien, was
passieren könnte, wenn man nicht
(richtig) handelt.
Die ökologische Kinder- und Jugendliteratur versteht sich nicht als
verwissenschaftliche Kinder- und Jugendliteratur, die streng und möglichst genau den ökologischen Diskurs
vorstellen möchte. Vielmehr greifen
die Autoren die unterschiedlichen
Weltbilder und Wertvorstellungen auf,
die von den im Text auftretenden Protagonisten – Umweltschützer, Politiker, Vertreter der Massenmedien,
Mitläufer – verkörpert werden. Der
folgende Beitrag möchte anhand ausgewählter Romane, die exemplarisch
die Bandbreite der ökologischen Kinder- und Jugendliteratur aufzeigen
sollen, deren Wertvorstellungen und
Leitbilder herausarbeiten. Damit zeigt
die ökologische Kinder- und Jugendliteratur bewusst aus unterschiedlichen Blickwinkeln den Diskurs, um
den Lesern nicht nur die Bandbreite
der Thematik ‚Umweltschutz’ (z.B. die
Rettung der Tiere vor der eigenen
Haustür; Abholzung des Regenwaldes) zu demonstrieren, sondern ihnen
auch unterschiedliche Lesarten anzubieten. Der Beitrag konzentriert sich
dabei auf die Darstellung der kindlichen bzw. jugendlichen Protagonisten.
Aufgenommen werden erzählende
Texte, die seit den 1970er Jahren erschienen sind, ohne zwischen
deutschsprachigen und Übersetzungen zu unterscheiden. Bei den Übersetzungen handelt es sich um solche
aus dem englischsprachigen Raum, in
denen durchaus deutlich wird, dass
der ökologische Diskurs dem deutschen sehr ähnlich ist und mit ähnlichen Prämissen argumentiert: In den
hier untersuchten Romanen herrscht
der Wunsch vor, die Menschen der
narrativen Welt, aber auch die Leser
über die Gefahren einer ökologischen
Krise aufzuklären. Hinzu kommt noch
der Gedanke, die ökologische Krise
mittels der aufklärerischen Tendenz
abzuwenden. Zugleich zeigt sich eine
Entwicklung innerhalb der ökologischen Kinder- und Jugendliteratur:
Während die Texte der 1970er und
1980er Jahre die Umweltproblematik
vor der eigenen Haustür thematisieren,
mitunter auch zu Vereinfachungen
greifen, so zeigt sich seit den 1990er
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Jugendliche uMweltschützer in der KJl
Jahren die Umweltkrise als ein globales
Problem in den literarischen Texten.
t
exte zur ökologischen
aufklärung
Die Texte dieser Gruppierung dienen
überwiegend der ökologischen Aufklärung und existieren seit den 1970er
Jahren. Die ökologische Krise wird in
den Texten mit einer Unaufgeklärtheit
der Bevölkerung erläutert (vgl. Lindenpütz 55). Ziel ist es daher, fundiertes Wissen in literarischer Form zu verbreiten. Damit steht ein solcher Ansatz
in der Tradition der aufklärerischen
Kinder- und Jugendliteratur. Die ökologischen „Aufklärungserzählungen
[betonen] die Abbild- und Vorbildfunktion des literarischen Textes“ (Lindenpütz 55, Hvh. i. T.) Romane wie Lasst
den Uhu leben! (2003), Aktion Löwenzahn
(1981), Das Findelkind vom Watt (1980)
oder Conni rettet die Tiere (2011) bieten
den Lesern Möglichkeiten, das Handeln der Protagonisten nachzuahmen.
Doch nicht nur die narrative Ebene
greift ein solches Vorgehen an, auch
auf der paratextuellen Ebene erfolgt
eine Positionierung und Aufklärung
der Leser. Bereits in den Titeln wird
der Kampf gegen die Zerstörung der
Natur aufgenommen: Lasst den Uhu
leben! oder Aktion Löwenzahn zeigen,
dass es sich um engagierte Kinderund Jugendliteratur handelt.
Abb. 1: Lasst den Uhu leben von Nina Rauprich
Ein Teil der Kinder- und Jugendromane nimmt Vor- und Nachworte auf,
die man als lenkend bezeichnen kann.
Sie werden entweder vom Autor
selbst oder von bekannten Umweltschützern verfasst. Dort wird auf die
reale Situation hingewiesen und auf
deren Folgen aufmerksam gemacht.
So heißt es beispielsweise in Lasst den
Uhu leben!:
Meine lieben jungen Freunde,
zu den vielen Tierarten, die im
Laufe der Jahre immer seltener
wurden und in manchen Gegenden schon ausgestorben waren,
gehört der Uhu.
Vor allem bei uns hat man diesem
scheuen Nachtgreif viel Böses angetan. Aberglaube, Unwissenheit
und blindwütige Jägerei haben zu
seiner Ausrottung geführt.
Doch tatkräftige Naturschützer
haben sich dafür eingesetzt, dass
der Uhu bei uns wieder heimisch
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wurde. Wie sie dabei vorgingen,
wie viel Arbeit und Schwierigkeiten damit verbunden waren, erzählt dieses Buch.
Naturschutz ist jedoch nicht nur
Aufgabe einiger weniger Idealisten. Wir alle müssen wieder lernen, dass die Natur eine
wunderbare große Familie ist, in
der jedes Geschöpf und jede
Pflanze einen unersetzlichen Platz
haben. Und wir müssen danach
handeln. (Rauprich 7)
hier vorgestellten Romanen in einem
privaten oder einen schulischen Raum
statt (vgl. hierzu etwa den Roman
Eulen).
Auch die Widmungen und Motti
verweisen auf Akteure des Umweltschutzes und deuten die Lesart der
Romane an. In Nachworten oder Erklärungen werden dann Fachbegriffe
erläutert. Nachworte, Widmungen
oder Erklärungen der Fachbegriffe
heben den fiktiven Gehalt der Texte
zum Teil auf und formulieren die Zielsetzungen – also die umweltpädagogischen Konzepte – der Autoren.
Der Uhu muss geschützt werden, was
sowohl der Titel Lasst den Uhu leben! als
auch das Vorwort, das von Bernhard
Grzimek verfasst wurde, deutlich machen. Zugleich spiegelt sich in einem
solchen Vorgehen auch die Intention
der Romane wider, denn die Lesart
wird so vorgegeben. Die Romane
möchten Leser für Umweltfragen sensibilisieren, was sich auch auf der paratextuellen Ebene zeigt. Für alternative
Lesarten wird kein Raum gelassen. Das
Vorwort benennt zudem auch die Problematik und appelliert an die Leser,
dementsprechend zu handeln.
Weitere Paratexte sind Werbehinweise auf Umweltschutzorganisationen wie NABU. Solche Werbetexte für
Organisation fordern den Leser explizit auf, sich aktiv am Umweltschutz
zu beteiligen. Obwohl die Begleittexte
auf solche Organisationen verweisen,
finden die meisten Aktionen in den
a
kteure der umweltbewegung: „deshalb nennen
wir uns noComs“
Die Akteure in der ökologischen Kinder- und Jugendliteratur haben unterschiedliche Vorstellungen von der
Umwelt, was sich auch in ihrer Haltung zu Umweltfragen widerspiegelt:
Die einen sehen in ihr die Produktionsgrundlage, nutzen die Ressourcen
der Natur, um Geld zu verdienen und
machen sich so die Natur untertan.
Solche Zugänge zur Natur, die man
als rational sowie spirituell bezeichnen könnte, werden seit dem 18. Jahrhundert in der europäischen Literatur
diskutiert, finden sich auch in der
Kinder- und Jugendliteratur und zwar
nicht ausschließlich in der ökologischen,
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Jugendliche uMweltschützer in der KJl
a
kteure der Bewegung:
die umweltschützer
sondern auch in Texten wie Heidi
wieder.
Auch das Figurenarsenal zeigt ein
breites Spektrum: Es sind einerseits
Gegner der Umweltbewegung, andererseits auch jene, die explizit an der
Zerstörung der Umwelt beteiligt sind.
Andere dagegen möchten die Natur
schützen und die Gesetze der Natur
nicht zerstören, sondern im Einklang
mit ihnen leben. Hinzu kommen jedoch auch Personen, die sich nicht der
Umweltbewegung anschließen, oder
jene, die von der Umweltzerstörung
profitieren, ohne explizit an ihr beteiligt zu sein, und schließlich noch
Desinteressierte.
Die Kinder- und Jugendromane
nehmen somit ein Gut-Böse-Schema
auf: Gut sind, zumindest in den Texten der 1970er bis in die 1990er Jahre
hinein, die Umweltschützer, böse die
Gegner. In den 1990er Jahren und
nach 2000 wandelt sich das Schema
und differenziert sich aus: Die Gegner
lassen sich nicht mehr auf einzelne
Personen reduzieren, die Konzerne
agieren global und damit wird Umweltschutz auch ein globales Thema.
Hinzu kommen noch Fragen, die etwa
im Roman Am Rande der Gefahr aufgenommen werden: Ist Umweltschutz
ein Thema der weißen, westeuropäischen und nordamerikanischen
Menschen?
Die Akteure der Umweltschützer sind
jene Gruppe, die die Natur schützen
und mit ihr im Einklang leben möchte.
Sie werden bereits in der Kinder- und
Jugendliteratur der 1970er und 1980er
Jahre als Menschen entworfen, die außerhalb der Gesellschaft stehen, eine
gute, meist akademische, Ausbildung
haben und sich schon/ auch äußerlich
von der breiten Bevölkerungsmasse
unterscheiden. In Lasst den Uhu leben!
tritt mit dem Biologiestudenten Benno
beispielsweise ein Tierschützer auf,
der in einer Hütte im Wald lebt und
sich um Uhus kümmert. Er erklärt den
Kindern, die einen Uhu im Garten
haben, dass er in der Stadt eine Existenz als Student führt, jedoch sein
einsames Leben im Wald bevorzugt.
Damit entspricht Benno einer Figur,
Abb. 2: Hanni Schaafs Aktion Löwenzahn
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müssen erst noch für die Fragen sensibilisiert werden und von Erwachsenen in die Problematik eingeführt
werden.
In Eingekreist: Cols Geschichte wird
die Rodung von Wäldern in Australien kritisiert. Im Mittelpunkt steht der
etwa 17-jährige Col, der in einer australischen Kleinstadt in ärmeren Verhältnissen aufgewachsen ist. Die
Männer arbeiten überwiegend in der
Holzwirtschaft, die seit einigen Jahren
heftig kritisiert wird. Col ist sich der
Problematik bewusst, liebt den Wald,
sympathisiert mit der Umweltbewegung und fürchtet sie zugleich. Er
gerät zwischen die Fronten. Auch hier
prallen also Welten aufeinander: Während die Holzfäller und ihre Familien
eher aus der Unterschicht stammen
und nur eine geringe Schulbildung besitzen, sind es wiederum die Umweltschützer, die gebildet, wohlhabend
die sich als Bild durch die ökologische
Kinder- und Jugendliteratur zieht: Der
einsame und verantwortungsbewusste Kämpfer für die Natur. Solche
Helfer arbeiten freiwillig und ehrenamtlich. In den Texten der 1970er und
1980er Jahre wird nicht nur das Spektrum der Umweltbewegung noch
deutlicher, auch die Unterschiede zu
der bürgerlichen Bevölkerung werden
hervorgehoben. In dem Roman Aktion
Löwenzahn heißt es beispielsweise:
Dann kam noch hinzu, daß wir
uns in der Laubenkolonie ungeheuer einig waren. Das ist natürlich kein Wunder. Die Leute, die
an der Trasse wohnen, werden ja
nur durch den kommenden Verkehr belästigt. Wir aber werden
dadurch bedroht. […] Und außerdem kam uns zugute, daß ein großer Teil, zumindest der jüngeren
Kolonisten, überdurchschnittlich
gut gebildet ist. Sie waren oder
sind
durchweg
Studenten.
Schauen Sie sich mal an, wie viele
Lehrer da wohnen. Dann ein paar
Volkswirtschaftler, die sich ganz
gut im Gestrüpp der Gesetze auskennen und leichter einen Draht
zu den richtigen Stellen finden.
(Schaaf 83)
Das Zitat macht klar: Die Umweltbewegung kann als eine Bewegung betrachtet werden, die von Intellektuellen sowie von Erwachsenen getragen wird. Jugendliche und Kinder
Abb. 3: Eingekreist: Cols Geschichte von Nadia Wheatley
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Jugendliche uMweltschützer in der KJl
sind und zudem noch aus der Stadt
kommen. Zugleich werden die Umweltschützer abfällig als „Ökos“
(Wheatly 25) bezeichnet und mit bestimmten Klischees versehen:
Jugendliche von außen in die Umweltbewegung eingeführt. Sie tasten
sich an unterschiedliche Aktionen –
etwa das Verteilen von Flugblättern
oder das Beobachten von Vögeln –
heran und lernen so die unterschiedlichen Positionen und Strategien sowohl der Umweltschützer als auch
der Gegner kennen. Mit der Einführung der ökologisch denkenden Protagonisten sollen die Leser zum
Nachdenken angeregt werden. Die
Akteure haben bereits einen solchen
Lernprozess durchlebt, den nun auch
die Leser nachvollziehen sollen. Die
ersten Untersuchungen zeigen also,
dass die kindlichen Protagonisten oftmals von außen motiviert werden,
sich mit der Umweltproblematik
auseinanderzusetzen.
Der Zugang ändert sich in den
1990er Jahren, denn jetzt treten Kinder
und Jugendliche stärker als Umwelt-
Schickimickis aus der Stadt,
dachte ich, die uns erzählen, was
wir mit unserem Land machen
sollen. Wenn es nach ihr ginge,
wäre der Alte seinen Job los, ich
würde nie einen kriegen, und ihr
wäre das alles egal. […] Berufsdemonstranten, so nannte der Alte
sie. Leben von der Arbeitslosenunterstützung, reisen im ganzen
Land rum, verhindern, daß Arbeiter Arbeit haben. (Wheatly 11f.)
Ein Miteinander der beiden Gruppierungen scheint unmöglich und
beide Parteien kümmern sich kaum
um ein friedliches Zusammenleben.
Neben dem Konflikt zwischen Erwachsenen und Jugendlichen sowie
Intellektuellen und Arbeitern wird
zudem der Konflikt zwischen Stadtund Landmenschen diskutiert. Deutlich wird, dass die Stadtmenschen
ein idealisiertes Bild von Natur besitzen, während die Arbeiter die Natur
nutzen, um Geld zu verdienen.
Damit bedrohen die „Ökos“ deren
Einnahmequelle.
In den drei ausgewählten Romanen – Lasst den Uhu leben!, Aktion Löwenzahn und Eingekreist: Cols
Geschichte – werden die Kinder bzw.
Abb. 4: Eulen von Carl Hiaasen (2002/ 2003)
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schützer auf und engagieren sich. In
Eulen (engl. 2002, dt. 2003) lässt Carl
Hiaasen explizit den Prototyp eines
jugendlichen Umweltschützers auftreten. Der Junge Roy bemerkt eines
Tages, dass auf einem Baugrundstück
eine seltene Eulenart ihre Nester gebaut brütet. Doch auf diesem Grundstück soll ein Fast-Food-Restaurant
entstehen und erst nach mehreren Sabotageakten nehmen immer mehr
Menschen an den Protesten teil und
können so letztendlich den Bau des
Fast-Food-Restaurants verhindern. Jugendliche stellen sich gemeinsam mit
Erwachsenen gegen die Baumaschinen und singen das Lied „This Land is
Your Land” von Woody Guthrie und
machen deutlich, dass das Land auch
den Jugendlichen gehört. Die Thematik in Eulen erinnert an Lasst den Uhu
leben! und andere Texte. Der Unterschied findet sich jedoch in der Haltung der jugendlichen Protagonisten:
Sie nehmen selbst die Fragen des Umweltschutzes auf, sind somit aktiv,
kümmern sich, klären sich auch gegenseitig auf und verweisen die Erwachsenen in den Hintergrund. Roy
recherchiert beispielsweise alleine im
Internet, ohne dass ihm ein erwachsener Umweltaktivist alles erklären
muss. Damit nehmen die Umweltromane wie Eulen ihre Leser ernst,
trauen ihnen selbstständiges Handeln
zu und verzichten auf langwierige
wissenschaftliche Passagen. Romane
wie Eulen zeigen zudem, dass Erwachsene, die sich nicht explizit in Umweltschutzorganisationen engagieren, auch
ein Umweltbewusstsein entwickelt
haben und ihre Kinder unterstützen.
Eine solche Darstellung verdeutlicht,
dass Umweltschutz in der breiten
Bevölkerung wahrgenommen wird.
Seit den 1990er Jahren erscheinen
auch Kinder- und Jugendromane, die
den globalen Charakter der ökologischen Krise herausarbeiten und nicht
ausschließlich über bestimmte bedrohte Tierarten berichten. Auch der
Handlungsort verändert sich: Die Umweltschützer agieren jetzt an unterschiedlichen Orten und sind oftmals
miteinander vernetzt. Dennoch wird
auch hier der Umweltschützer nicht
als eine Figur entworfen, die akzeptiert wird. Stattdessen verkörpert der
Umweltschützer in den Texten seit den
1990er Jahren nach wie vor einen
Außenseiter:
„Wir leben so, wie der Rest der
Menschheit es eigentlich auch tun
müsste, um die Erde nicht völlig
zugrunde zu richten“, sagte Leah
mit einer Mischung aus Stolz und
Trotz. „Energie brauchen wir
kaum. Wir verwerten alles wieder,
nichts wird verschwendet. Wir
verzichten auf Dinge, die uns sowieso nicht wichtig sind.“
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Jugendliche uMweltschützer in der KJl
„Zum Beispiel?“
„Shoppingcenter, Einkäufe, die
Berge von Plastikmüll verursachen. Wagenladungen von elektronischen Geräten in unserem
Alltag.“ (Brandis 271f.)
Mit solchen Worten wird eine Gruppe
von Umweltaktivisten im Roman Ruf
der Tiefe, der teilweise schon dystopische Züge trägt, eingeführt. Die Gruppe
kämpft gegen die Zerstörung der Natur
und lebt jedoch fernab der Zivilisation
auf einer einsamen Insel. Von dort aus
organisiert sie Aktionen. Die Gruppe
versucht, mit neuen Energien zu leben,
und argumentiert gegen die Wegwerfund Konsumgesellschaft. Ihr ist die
„Dreiheit der Dinge“ (Brandis 274)
wichtig: das Land, das Meer und der
Himmel. Der Mensch soll genau diese
Dreiheit schützen. In Aussagen wie dieser wird die Gaia-Hypothese aufgegriffen, die – vereinfacht gesagt – die Erde
und die gesamte Biosphäre als ein Lebewesen betrachtet (vgl. u.a. Lovelock
1991). Tatsächlich stehen die Umweltschützer in dem Roman in der Tradition
der Hippiebewegung. Technologische
Erneuerungen bedeuten nur bedingt
den Fortschritt. Leon, die Hauptfigur in
dem Roman Ruf der Tiefe, argumentiert
auch dagegen:
Abb. 5: Katja Brandis/ Hans-Peter
Ziemek: Ruf der Tiefe
gerne so leben. Aber es gibt leider
kein idyllisches Tal in ihrer Nähe,
in dem das Essen auf den Bäumen
wächst.“ Er schaute hoch zu einer
Kokospalme, die sich über ihm
erhob und ihm jeden Moment eine
Nuss auf den Kopf donnern
konnte.
„Wir auf Big Island sind nur eine
kleine Kolonie – aber es gibt
immer mehr von uns, auch in den
Städten.“ Leahs Augen blitzten
kampfeslustig. „Wir beweisen an
jedem einzelnen Tag, dass Menschen nicht nur zerstören und ausbeuten. Deshalb nennen wir uns
NoComs. Von No Compromise –
wir gehen keine faulen Kompromisse ein.“ (Brandis 272)
Ähnlich wie in anderen ökologischen
Texten tritt hier eine Gruppe von umweltbewussten Menschen auf, die sich
zudem für ein Leben außerhalb der
Gesellschaft und damit fast schon außerhalb der Zivilisation entschieden
hat.
Leon war nicht sicher, was er
davon halten sollte. „Vielleicht
würden andere Menschen auch
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Betrachtet man das Bild der Akteure der Umweltbewegung von
ihrem Erscheinungsbild seit den
1970er Jahren, so lässt sich festhalten,
dass sie sich kaum verändert haben.
Sie erinnern an Hippies und leben im
Einklang mit der Natur. Es sind weitestgehend gut ausgebildete Menschen, die die Gefahren der Umweltzerstörung erkannt haben und die
Natur weder ausbeuten noch zerstören möchten. Man kann also vorsichtig formulieren, dass ein bestimmtes
Bild des Umweltschützers in der Kinder- und Jugendliteratur existiert. Dieses wird immer wieder aufgenommen. Was sich allerdings ändert,
ist der Handlungsraum der Bewegung: Die Umweltbewegung agiert
global und Menschen handeln nicht
nur aus gemeinsamen Stadtteilen, sondern aus unterschiedlichen Ländern.
In Ruf der Tiefe beispielsweise besteht
die Gruppe NoCom aus Schweizern,
Deutschen und Amerikanern, die sich
für eine gemeinsame Idee engagieren.
ihr Anliegen nicht verstehen. Während
in der Literatur der 1970er bis 1990er
Jahren die Umweltschützer noch mit
Spaziergängern diskutieren, die beispielsweise die Nistplätze von Vögeln
stören, so treten die Gegner in der späteren Literatur nach und nach als Konzerne auf, die weltweit agieren. Die
Umweltfrage ist, das machen Romane
wie Der Ruf der Tiefe seit den 1990er
Jahren deutlich, ein globales Problem
und auch die Gegner lassen sich nicht
als Einzelpersonen diagnostizieren.
Die Konzerne agieren weltweit und
zerstören damit auch global die Natur.
Ihre Argumente sind die Schaffung
von Arbeitsplätzen und die Verbesserung der Lebensstandards. Oder anders gesagt: In den Augen der Konzerne bedrohen die Umweltschützer,
so wird es bereits in Cols Geschichte betont, den Fortschritt und den Reichtum der Gesellschaft.
Die Abholzung der Regenwälder
dient beispielsweise in dem Roman
Am Rande der Gefahr dem Tourismus,
der der einheimischen Bevölkerung in
Indonesien Arbeitsplätze sichern soll.
Die Umweltschützer im Roman argumentieren jedoch, dass sich westeuropäische Konzerne bereichern wollen.
Aber die Abholzung bedeutet in den
Augen zahlreicher Indonesier Fortschritt. Umweltschutz hingegen wird
als etwas „Weißes“, Westeuropäisches
V
erantwortliche für die
umweltzerstörung
In der hier behandelten Literatur ist
Umweltschutz (noch) keine Alltäglichkeit und Selbstverständlichkeit.
Immer wieder treffen in den Romanen
umweltbewusste Akteure auf Gegner,
die sich ihren Ideen widersetzen und
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betrachtet, das von außen in die Länder getragen wird. So heißt es im
Roman Am Rande der Gefahr:
(1) Die Umwelt ist nach einer atomaren Katastrophe zerstört (z.B. Die
Wolke, Die letzten Kinder von Schewenborn);
(2) Die Umwelt ist durch eine Umweltkatastrophe zerstört (z.B. Die Welt,
wie wir sie kannten, Euer schönes Leben
kotzt mich an, Panem-Trilogie).
Anders als in der Kinder- und Jugendliteratur zur ökologischen Aufklärung setzten sich die Dystopien
weniger mit Umweltschützern auseinander, sondern zeigen, was passiert,
wenn man die Bedrohung nicht ernst
nimmt. Verantwortlich für die Zerstörung der Welt, und auch das machen
sowohl aktuelle als auch frühere Romane klar, ist die Eltern- sowie Großelterngeneration.
Aber wurde denn für den Safaripark nicht rücksichtslos gefällt?
Ajip reagierte barsch auf diese
Frage: „Ihr Europäer kommt hierher und wollt uns etwas über Umweltschutz erzählen? In ganz
Europa gibt es keinen Urwald
mehr. In Indonesien steht mehr
Wald unter Naturschutz als in
ganz Europa. Deutschland hat
seine Wälder längst zerstört oder
zu Nutzwäldern gemacht. Indonesien will sich auch entwickeln.
Dafür muss es seine natürlichen
Ressourcen nutzen. Alles andere
ist eine neue Form von Kolonialismus.“
„Öko-Kolonialismus!“, ergänzte
meine Mutter. (Chotjewitz 86)
a
tomare Katastrophen in
der Kjl
Natur wird hier also unterschiedlich wahrgenommen. Ein Teil der
Menschen sieht Natur als Produktionsgrundlage, der andere als einen
fast schon spirituellen Raum, den es zu
schützen gilt. Antworten darauf, welche Ansicht richtig und welche falsch
ist, liefert der Roman nur bedingt.
Die bekanntesten Romane der ökologischen Kinder- und Jugendliteratur
im deutschsprachigen Raum sind die
Texte von Gudrun Pausewang. 1983
veröffentlicht Gudrun Pausewang den
Roman Die letzten Kinder von Schewenborn oder … sieht so unsere Zukunft aus?
und gestaltet die Auswirkungen eines
fiktiven Atombombenangriffs auf
Deutschland.
d
ie Folgen der umweltzerstörung: dystopien
Die Kinder- und Jugendliteratur zum
Umweltschutz kennt zwei unterschiedliche Arten der Dystopie, wobei
jugendliterarische Texte dominieren:
Es kam ganz plötzlich, so plötzlich, dass es viele Leute in Badehosen oder im Liegestuhl überrascht
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hat. Es kam wie aus heiterem
Himmel. (Pausewang 1997, 13).
Nicht die konkreten Ursachen stehen
im Mittelpunkt des Textes, sondern
die Tage, Wochen und Jahre danach.
Der Roman basiert auf Dokumenten
über Hiroshima und Nagasaki.
Roland, der zu Beginn der Handlung fast 13-jährige Ich-Erzähler, befindet sich mit seinen Eltern und
seinen Geschwistern auf der Fahrt zu
seinen Großeltern, als die Atombombe auf Deutschland fällt.
Deutschland ist verwüstet und nach
und nach mehren sich die Gerüchte,
dass fast alle (west-)deutschen Großstädte zerstört wurden. Die Familie
bleibt zunächst in Schewenborn, die
Großeltern sind bei dem Angriff auf
Fulda gestorben. Pausewang bietet
den Lesern kein Happy End an. Verantwortung gegenüber einer besseren
Zukunft möchte Roland seinen Schülern, die er nach Katastrophe unterrichtet, weitergeben. Roland fungiert
offensichtlich als Sprachrohr für die
Vorstellungen, die die Autorin ihren
Lesern vermitteln möchte. Sie sieht in
den Kindern Hoffnungsträger einer
besseren Zukunft. Zugleich möchte
sie an die Leser appellieren, etwas zu
verändern und gegen die atomare
Aufrüstung zu protestieren.
Der Roman Die Wolke (1987) trägt
als Mahnung den Untertitel Jetzt werden
Abb. 6: Gudrun Pausewangs Die Wolke in der
Auflage von 2009
wir nicht mehr sagen können, wir hätten
von nichts gewusst, was die Intention
der Autorin noch betonen soll: Der
Roman kritisiert das Verschweigen
der Gefahren, die von Kernkraftwerken ausgehen. Hintergrund des Romans ist der Reaktorunfall in
Tschernobyl 1986. Doch der Untertitel
ist noch mehr: Er stellt eine Verbindung zu dem Themenkomplex Nationalsozialismus her. Ähnlich wie in
ihren Werken Überleben! oder Ein wunderbarer Vater geht es auch in der Wolke
um das Wissen, Schweigen und angebliche Nichtwissen der Generation,
die den Zweiten Weltkrieg er- und
überlebt hat.
Erzählt wird die Geschichte aus der
Sicht der 14-jährigen Janna-Berta, die
alleine mit ihrem Bruder Ulli einen Reaktorunfall miterlebt und mit ihm aus
Schlitz, Nordhessen, fliehen muss. Unterwegs stirbt Ulli, den Leichnam muss
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Janna-Berta zurücklassen. Sie gerät in
radioaktiven Regen und bricht an der
Grenze zur DDR zusammen.
Pausewang entwirft in beiden Romanen Mitläufer, Gegner, Befürworter und Opfer der Kernkraft. Sie zeigt,
wie egoistisch und hilflos die Menschen auf das Schreckensszenarium
reagieren. Janna-Bertas Großmutter
Berta glaubt beispielsweise nicht an
die Gefahren und hält Atomkraft
noch immer für den Fortschritt. Mit
Großmutter Jo, den Eltern und Tante
Almut werden Gegner entworfen, die
immer wieder vor den Gefahren gewarnt und öffentlich demonstriert
haben. In beiden Romanen zeigt Pausewang, wie drastisch Menschen sich
ändern, kritisiert nicht nur ihren Egoismus, sondern zeigt auch, dass sie
nach solchen Katastrophen schweigen und vergessen möchten.
Pausewangs Bücher möchten
wachrütteln und lassen sich in den
Kontext der Friedensbewegung einordnen. In beiden Romanen bricht
Pausewang mit Tabus und mutet den
Lesern extreme Situationen zu. Rolands Mutter beispielsweise ist bereits vor dem Angriff der Atombombe schwanger, ihre Tochter Jessica
Marta kommt nach der Katastrophe
auf die Welt:
Ich erstarrte. Ich konnte nicht
schreien. Ich saß ganz steif.
Jugendliche uMweltschützer in der KJl
Meine kleine Schwester Jessica
Marta hatte keine Augen. Dort,
wo sie hätten sein müssen, war
nichts als Haut, gewöhnliche
Haut. Nur eine Nase war da, und
ein Mund, der an meiner Brust
herumsuchte und saugen wollte.
Mich lähmte ein solches Grausen,
dass ich nicht einmal imstande
war, das Kissen wieder zusammenzuraffen, als sich das Kind
bloßstrampelte. Da lag es, nackt
und blutig, und ich sah, dass es
nur Stummelarme besaß. (Pausewang 1997, 171)
Jessica Martha wird schließlich vom
Vater getötet, da er ihr wenig Überlebenschancen gibt. Den Lesern bleibt
es überlassen, den Akt der Sterbehilfe
zu kommentieren und zu diskutieren.
Die Wolke und Die letzten Kinder von
Schewenborn sind engagierte Jugendromane, die kenntnisreich über mögliche Folgen von Kernenergie
informieren und sich gegen eine bewahrpädagogische Verharmlosung
wehren. Pausewang lässt die Schrecken einer Katastrophe, eines SuperGAUs nicht aus. Ihre literarischen
Figuren Janna-Berta und Roland sind
Hoffnungsträger einer besseren Zukunft. Beide kritisieren die Erwachsenen und es ist vor allem Janna-Berta,
die mit der nationalsozialistischen
Vergangenheit ihrer Großeltern hadert
und ihr Schweigen bzw. Verharmlosen
bereits vor der Katastrophe missbilligt.
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Pausewangs Romane Die letzten
Kinder von Schewenborn oder Die Wolke
stehen für die so genannten negativen
Utopien im Bereich der fantastischen
Kinder- und Jugendliteratur der
1980er Jahre. Nickel-Bacon ordnet sie
der „sozialen Fantasie“ (401) zu, Pausewang nutzt hier die Mittel der Subjektivierung und Emotionalisierung,
um den Leser aufzuklären und aufzurütteln. Tatsächlich wird eine solche
Literatur auch von anderen Autoren
aufgegriffen und in den 1990er Jahren
fortgesetzt.
nach Antworten suchen müssen. Während in Romanen von Gudrun Pausewang der Schuldige benannt werden
kann, lässt sich in den Romanen von
Lloyd, Pfeffer oder Collins die Schuld
nicht mehr explizit zuweisen. Vielmehr werden die Konsequenzen der
Lebensführung gezeigt. Mit der zerstörten Welt verändern sich auch die
Lebensweisen.
In Euer schönes Leben kotzt mich an
(2010, engl. 2009) von Saci Loyd wird
die Verantwortung für die Umweltkatastrophe der Elterngeneration zugeschrieben. Die Hauptperson Laura
fasst in einem Aufsatz zusammen:
d
ie Welt nach umweltkatastrophen
Die Elterngeneration der 1970er
Jahre war sehr egoistisch. So haben
sie beispielsweise das Moodlight
erfunden, statt wie unsere Großeltern die Socken unter einer 40Watt-Birne zu stopfen. Sie ließen
sich vom Lifestyle-Magazinen wie
der Daily Mail beeinflussen, was
zu zügellosem Konsumverhalten
führte. Meine Eltern sind Exhippies aus der Generation von 1970,
ihr Hochzeitsfoto ist einfach superpeinlich. Alle beide haben darauf
so viele Haare, als würden sie
darum wetteifern, wer die meisten
hat. Sie sehen aus wie Einwanderer aus Osteuropa, dabei kommt
mein Vater aus Axminster in
Devon und leitet den Fachbereich
Reise und Tourismus in einem College und meine Mum kommt aus
dem Norden des Staates New York
In aktuellen Romanen wie Euer schönes
Leben kotzt mich an (2010, engl. 2009)
von Saci Lloyd, Die Welt, wie wir sie
kannten (eng. 2006, dt. 2010) von Susan
Beth Pfeffer, aber auch der Panem-Trilogie (engl. 2008-2010, dt. 2009-2011)
von Suzanne Collins ist die Welt nach
Umweltkatastrophen zerstört und die
Menschen müssen sich in einer veränderten Welt zurechtfinden. Die Art der
Katastrophe ist für die Romane zweitrangig, denn die Veränderungen dominieren die Handlungen: Der Egoismus der Menschen wird ebenso kritisiert wie die politische Lage nach der
Katastrophe. Im Mittelpunkt stehen
Kinder bzw. Jugendliche, die sich in
der neuen Welt zurechtfinden und
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MiKota
Jugendliche uMweltschützer in der KJl
und arbeitet in einem Verlag. Meiner Meinung nach gehören Exhippies zu der gefährlichsten Sorte
von Leuten, weil sie ihr Leben tatsächlich für lebenswert halten.
(Lloyd 32 f.)
Die Elterngeneration hat, so zeigt
es der Roman, Schwierigkeiten, sich
der neuen Situation, u.a. dem Energiesparen, anzupassen und auf bestimmte Hobbies zu verzichten.
Ähnlich wie in dem Roman Die Welt,
wie wir sie kannten müssen sich die Erwachsenen erst zurechtfinden und
ihre neue Rolle definieren. Während
also die Texte zur ökologischen Aufklärung den Hippie als Paradebeispiel
des Umweltschützers positiv besetzen, ihn immer wieder auftreten lassen und seine Haltung zur Natur
hervorheben, so setzt sich Lloyd in
Euer schönes Leben kotzt mich an kritisch
mit der Hippiekultur auseinander und
prangert eine mögliche Doppelmoral
an. Hippies wie Lauras Eltern, haben
die Jugendkultur eine Zeit lang genossen, eine alternative Lebensform ausprobiert und diese dann abgelegt.
Nicht nur die Frisuren und Kleidung
haben sich verändert, auch die Ideale
sind nach und nach verschwunden.
Während Romane wie Die Welt, wie
wir sie kannten und Euer schönes Leben
kotzt mich an die unmittelbaren Folgen
der Umweltkatastrophe und die
Veränderungen des menschlichen
Abb. 7: Der erste Band von Suzanne Collins’
Panem-Trilogie
Handelns schildern, so wählt die
Panem-Trilogie einen anderen Zugang.
Nordamerika ist bereits seit Jahrzehnten nach Kriegen und Umweltkatastrophen zerstört und wurde in
unterschiedliche Distrikte unterteilt.
Dabei bekommt jeder Distrikt eine eigene Rolle, ist u.a. für Landwirtschaft
oder Kohleabbau zuständig und wird
vom „Kapitol“ regiert und auch kontrolliert. Collins entwirft ein hierarchisch organisiertes Miteinander der
Menschen, das ihnen nur wenige Freiheiten und Entfaltungsmöglichkeit
aufzeigt. Alternative Lebensmodelle
scheint es nicht zu geben und das Streben nach Macht bestimmt Regierende
und Rebellen. Oder anders gesagt:
Collins möchte ihre Leser weniger für
die Fragen des Umweltschutzes sensibilisieren, sondern möchte Lebensmöglichkeiten nach der Katastrophe
aufzeigen. Die Panem-Trilogie endet
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hoffnungsvoll: Die Hauptfiguren Katniss und Peeta überleben die Hungerspiele sowie den Aufstand und
planen, ein Buch über die Zeit der
Hungerspiele zu schreiben. Gleichzeit
werden diese Ereignisse schon im
Schulunterricht behandelt und auch
Denkmäler sind errichtet worden.
Doch soll vor allem das Buch von Katniss und Peeta zu einer Aufklärung
beitragen und damit soll auch indirekt
die Romanreihe Panem zur Aufklärung der Leser beitragen.
den Tieren aufzubauen als darum,
Tiere zu retten.
Das Retten von Kröten oder Uhus,
die Zerstörung des Regenwaldes und
der Tiefsee sowie die Umweltkatastrophe, die die Energiezufuhr zusammenbrechen lässt, sind nur eine kleine
Auswahl von Themen, die sich im Bereich der ökologischen Kinder- und Jugendliteratur finden. Die Auswahl der
Texte macht deutlich, dass auch die
Kinder- und Jugendliteratur Bezüge
zu zeitgenössischen Umweltdiskursen
aufgreift und ein kursorischer Überblick deutet an, wie sich die Diskurse
auch in der ökologischen Kinder- und
Jugendliteratur verändert haben.
In früheren Romanen agieren die
kindlichen und jugendlichen Helden
vor der eigenen Haustür und fungieren so als Vorbilder für die Leser und
erst nach und nach wird die globale
Idee des Umweltschutzes auch in der
Kinder- und Jugendliteratur aufgenommen. Anders gesagt: Ein großer
Teil der Texte deutet an, dass Umweltschutz heute beginnen muss und es
sich um ein nachhaltiges Projekt handelt. Die Kinder in den hier vorgestellten Romanen kümmern sich um den
Nachwuchs der Tiere, übernehmen
die Elternrolle und sorgen so dafür,
dass der Fortbestand der gefährdeten
Tiere gewährleistet ist. Damit sind die
kindlichen Figuren zugleich auch Trä-
B
ezüge zu zeitgenössischen umweltdiskursen
Der wichtigste in der KJL genannte
Grund für die Zerstörung der Umwelt
ist die Geldgier der Menschen, die die
Natur bis zum Schluss ausbeuten und
nicht an die Zukunft denken. Weitere
Gründe sind Gedankenlosigkeit und
Egoismus1. Ein in den frühen ökologischen Kinder- und Jugendromanen
häufig skizziertes Problem ist der Umgang mit den Wildtieren: Sie stehen
im engen Kontakt mit den Menschen,
was zu einer Domestizierung führen
kann. Aber auch das ändert sich im
Laufe der 1980er und 1990er Jahre. In
Conni rettet die Tiere engagiert sich
schließlich Conni im Naturschutzbund und rettet Kröten, indem sie sie
über die Straße trägt. Es geht weniger
darum, eine liebevolle Beziehung zu
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Jugendliche uMweltschützer in der KJl
in Gesprächen aufgezeigt, während
die Texte, die als Dystopien entworfen
werden, immer wieder andeuten, dass
die Erwachsenen die Nachhaltigkeit
nicht ernst genommen haben und die
Welt zerstörten. Vor allem Suzanne
Collins zeigt in der Panem-Trilogie, wie
sich eine Zukunft gestalten könnte.
Demokratie funktioniert nicht mehr,
Egoismus und Machtstreben existieren sowohl auf Seiten der Regierenden
als auch der Rebellen und somit verzichtet Collins auf ein Gut-BöseSchema. In den Dystopien für jugendliche Leser geht es jedoch nicht ausschließlich um die Frage, warum die
Erde zerstört wurde – die Ursachen,
auch das deuten die Dystopien an
sind vielfältig und reichen von kosmischen Zusammenstößen über Umweltkatastrophen und Kriege. Vielmehr stellen sich die Autoren die
Frage, wie Menschen nach einer solchen Katastrophe handeln. Collins,
Pfeffer und Lloyd zeigen, wie sich
neue Gemeinschaften herausbilden
und wie die Figuren auch mit der Vergangenheit umgehen. Alle drei Autorinnen zeigen, dass die Protagonisten
nach der Katastrophe nicht unbedingt
zu besseren Menschen werden,
sondern Egoismus und Machthunger
dominieren und lediglich von den
Hauptfiguren teilweise in Frage
gestellt werden. Ähnlich wie die
ger der Hoffnung, dass die Idee des
Umweltschutzes fortgesetzt wird.
Die ökologische Kinder- und Jugendliteratur zeigt nicht nur die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur der letzten Jahre, sondern
auch die veränderte Haltung gegenüber ökologischem Denken. In Romanen wie Aktion Löwenzahn (1981) geht
die Initiative zum Umweltschutz noch
von Erwachsenen aus, Umweltschutz
prägt noch nicht den Alltag der Menschen und die ‚Ökos’ nehmen eine Außenseiterposition ein, werden jedoch
klar positiv konnotiert und als Vorbilder betrachtet. Umweltschutz, auch
das macht die Lektüre der frühen
Texte klar, muss gelernt und die Menschen müssen erst auf die Problematik
aufmerksam gemacht werden:
‚Natur’ und ‚Umwelt’ sind kulturell bedingte Konstrukte, an deren
Konstituierung ‚schöne’ Literatur
in der Vergangenheit wesentlichen
Anteil gehabt hat und die sie
heute noch beeinflussen kann.
(Goodbody 25)
Auch die ökologische Kinder- und Jugendliteratur kann als Speicher für
kulturelle Deutungsmuster betrachtet
werden, die Debatten um Umweltschutz aufgreifen und den Lesern unterschiedliche Lesarten anbieten.
Die Notwendigkeit des nachhaltigen Handelns wird den Protagonisten
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ökologische Kinder- und Jugendliteratur möchten auch die Dystopien ihre
Leser wachrütteln und aufklären.
Ein ökokritischer Ansatz fördert
das Nachdenken und bewirkt, dass
sich auch die Leser mit Umwelt und
Umweltzerstörung auseinandersetzen. Insofern bildet das Feld des
Ecocriticism spannende Aspekte für
neue Lesarten der Kinder- und
Jugendliteratur.
Jana Mikota (*1973) arbeitet an der Universität Siegen in der Literaturdidaktik
u.a. an ihrem Habilitationsprojekt zum Thema „Lektürekanones an höheren
Mädchenschulen 1870-1933“. Ihre Forschungsschwerpunkte sind (Kinder- und
Jugend-)Literatur der Weimarer Republik
und des Exils, Schriftstellerinnen des 19.
Jahrhunderts, historische/ aktuelle Leseund Kanonforschung.
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Jugendliche uMweltschützer in der KJl
Anmerkungen
1
In Aktion Löwenzahn setzen sich beispielsweise Menschen dafür ein, eine Schnellstraße
durch ein anderes Wohngebiet zu bauen, damit sie es selber ruhiger haben.
LiterAturAngAben
PRIMÄRLITERATUR
Boehme, Julia. Conni rettet Tiere. Hamburg: Carlsen 2011.
Brandis, Katja & Ziemek, Hans-Peter. Ruf der Tiefe. Weinheim: Beltz 2011.
Chotjewitz, David. Am Rande der Gefahr. Hamburg: Carlsen 2009.
Collins, Suzanne. Die Tribute von Panem: Tödliche Spiele. Hamburg: Oetinger 2009.
Falls, Kat. Das Leuchten. Ravensburg: Ravensburger Buchverlag 2011.
George, Jean Craighead. Der Ruf des weißen Wals. Würzburg: Arena 1991.
Hiaasen, Carl. Eulen. Weinheim: Beltz 2006.
---. Fette Fische. Weinheim: Beltz 2007.
Lloyd, Saci. Euer schönes Leben kotzt mich an. Ein Umweltroman aus dem Jahr 2015. Würzburg: Arena 2010.
Nowotny, Joachim. Der Riese im Paradies. Berlin: Kinderbuchverlag 1969.
Pausewang, Gudrun. Die letzten Kinder von Schewenborn oder … sieht so unsere Zukunft aus?
Ravensburg: Maier 1983. [im Text zit. aus: Ravensburger: Ravensburg 1987]
---. Die Wolke. Ravensburg: Maier 1997 [1987].
Pfeffer, Susan Beth. Die Welt, wie wir sie kannten. Hamburg: Carlsen 2010.
Rauprich, Nina. Lasst den Uhu leben! München: DTV 2009.
Schaaf, Hanni. Aktion Löwenzahn. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1984.
Wheatly, Nadia. Eingekreist: Cols Geschichte. Weinheim: Beltz 1991.
Winsemius, Dieuwke. Das Findelkind vom Watt. München: DTV 232009.
SEKUNDÄRLITERATUR
Ermisch, Maren/Kruse, Ulrike/Stobbe, Urte (Hg.). Ökologische Transformationen und literarische Repräsentationen. Göttingen: Universitätsverlag 2010.
Goodbody, Axel. „Literatur und Ökologie: Zur Einführung”. In: Goodbody, Axel (Hg.):
Literatur und Ökologie. Amsterdam: Ropodi 1998, 11-40.
Hoffmann, Julia. „Blumenkinder: Kinder- und Jugendliteratur ökokritisch betrachtet”.
In: Ermisch, Maren/Kruse, Ulrike/Stobbe, Urte (Hg.). Ökologische Transformationn
und literarische Repräsentationen. Göttingen: Universitätsverlag 2010, 35-58.
Lindenpütz, Dagmar. Das Kinderbuch als Medium ökologischer Bildung. Untersuchungen zur
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Konzeption von Natur und Umwelt in der erzählenden Kinderliteratur seit 1970.
Essen: Die blaue Eule 1999.
---. „Natur und Umwelt als Thema der Kinder- und Jugendliteratur”. In: Lange, Günter
(Hg.). Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur. Band 2: Medien und Sachbuch,
Ausgewählte thematische Aspekte, Ausgewählte poetologische Aspekte, Produktion und
Rezeption, KJL und Unterricht. Hohengehren: Schneider, 2000. 727-745.
Lovelock, James. Das Gaia-Prinzip: die Biographie unseres Planeten Zürich; München: Artemis & Winkler, 1991.
Nassen, Ulrich (Hg.): Naturkind, Landkind, Stadtkind. Literarische Bilderwelten kindlicher
Umwelt. München: Fink, 1995.
Nickel-Bacon, Irmgard. „Fantastische Literatur”. In: Wild, Reiner (Hg.). Geschichte der
deutschen Kinder- und Jugendliteratur. Stuttgart u. Weimar: Metzler, 2008. 393-405.
Oeste, Bettina. „Natur und Umwelt(-schutz) in der Kinder- und Jugendliteratur. Eine
kurze Geschichte der deutschsprachigen ökologischen KJL”. In: Knobloch, Jörg
(Hg.). Die angekündigte Katastrophe oder: KJL und Umweltschutz. kjl ] m, 2009, H.
4. 3-9.
Starre, Alexander. „Always Already Green: Zur Entwicklung und den literaturtheoretischen Prämissen des amerikanischen Ecocriticism”. In: Ermisch, Maren/Kruse,
Ulrike/Stobbe, Urte (Hg.). Ökologische Transformationn und literarische Repräsentationen. Göttingen: Universitätsverlag, 2010. 13-34.
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