Aug Sep TOZ Magazin low - Tonhalle

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AUG —
SEP
MAGAZIN
Lionel Bringuier
Gespräch mit dem neuen
Chefdirigenten
Esa-Pekka Salonen
über den Creative Chair und
sein neues Werk «Karawane»
Yuja Wang
ist Artist in Residence beim
Tonhalle-Orchester Zürich
Lionel Bringuier
Chefdirigent
Mehr klassische Musik
für die Schweiz.
Die Credit Suisse unterstützt ausgewählte Orchester in der Schweiz und
engagiert sich seit fast 30 Jahren für das Tonhalle-Orchester Zürich.
credit-suisse.com/sponsoring
Verehrtes Publikum
—
«jolifanto bambla ô falli bambla ...» – so beginnt das Lautgedicht
«Karawane» von Hugo Ball, das Esa-Pekka Salonen zu seinem gleichnamigen neuen Werk für Orchester und Chor inspiriert hat. Der Komponist und Dirigent setzt sich mit dem Dadaismus und dessen
Mitbegründer Hugo Ball auseinander, der auch als einer der Pioniere
des Lautgedichts gilt. Mit dieser Uraufführung starten wir in die
neue Konzertsaison.
Auf den folgenden Seiten unseres Magazins möchten wir Sie
mit der Entstehung dieses Werks und der Herangehensweise des Komponisten an das Lautmaterial vertraut machen. Lionel Bringuier gibt
mit Salonens Komposition seinen Einstand als Chefdirigent des
Tonhalle-Orchesters Zürich. Im Gespräch gibt er Einblicke in seine
künftige Arbeit, seine musikalischen Schwerpunkte und seine Vorfreude
auf die Arbeit mit unserem Orchester.
Auch Yuja Wang, diesjährige Artist in Residence, möchten wir
Ihnen in einem ausführlichen Porträt näherbringen. Die chinesische
Pianistin wird sich in der Eröffnungswoche sehr vielseitig präsentieren
und unser Orchester auf der Europa-Tournee im März 2015 begleiten.
In diesem Magazin wollen wir Ihnen die faszinierenden Geschichten erzählen, die hinter unseren Programmen stehen, und Sie
mitnehmen auf eine Reise durch mehr als 300 Jahre Musikgeschichte.
Der Tag der offenen Tür bietet darüber hinaus Gelegenheit, Lionel
Bringuier, Esa-Pekka Salonen, Yuja Wang und natürlich die Musikerinnen
und Musiker unseres Tonhalle-Orchesters Zürich persönlich zu treffen.
Ich freue mich auf viele Begegnungen mit Ihnen und wünsche
uns allen eine an- und aufregende Konzertsaison.
Ilona Schmiel
Intendantin
Titelbild: Priska Ketterer
Die Konzerte der Tonhalle-Gesellschaft Zürich werden ermöglicht dank der Subventionen der Stadt Zürich sowie der Beiträge des Kantons Zürich.
Projekt-Partner: Privatbank Maerki Baumann & Co. AG, Radio SRF 2 Kultur, F. Aeschbach AG / U. Wampfler, Swiss Re, Swiss Life
Projekt-Förderer: Adrian T. Keller und Lisa Larsson, AVINA Stiftung, Monika und Thomas Bär, Baugarten-Stiftung, Ruth Burkhalter, Hans ImholzStiftung, Heidi Ras Stiftung, Hilti Foundation, International Music & Art Foundation, MBF Foundation, Pro Helvetia, Georg und Bertha SchwyzerWiniker-Stiftung Service-Partner: ACS-Reisen AG, Schellenberg Druck AG Medien-Partner: Neue Zürcher Zeitung
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
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Kulturelle und kulinarische
Highlights im Dolder Grand
Starten Sie Ihren Sonntagmorgen mit einer unserer Matinee-Lesungen, bereichern Sie Ihr
kulinarisches Wissen bei einem unserer Kochkurse und lassen Sie sich an unserem
neuen Gourmetfestival THE EPICURE – Days of Culinary Masterpieces von insgesamt
13 Spitzenköchen ins Schwelgen bringen.
Weitere Informationen erhalten Sie auf unserer Website.
The Dolder Grand
The City Resort of Zurich since 1899
Tel +41 44 456 60 00
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176 Zimmer und Suiten
The Restaurant, Garden Restaurant, Bar
Spa auf 4’000 Quadratmetern
10
—
Inhalt
—
Esa-Pekka Salonen
Uraufführung seines neuen
Werks «Karawane»
06 Lionel Bringuier über seine Arbeit
mit dem Tonhalle-Orchester Zürich
10 Ohren auf! Zur Uraufführung der
«Karawane» von Esa-Pekka Salonen
13 Hugo Ball und der Dadaismus
in Zürich
14 Stubete am See 2014
15 Alexander Krichel im Rahmen der
«Série jeunes»
16 Die Pianistin Yuja Wang –
Artist in Residence 2014/15
18 Hereinspaziert!
Tag der offenen Tür
20 Filmmusikwettbewerb –
Lifetime Award für Hans Zimmer
21 Blechbläser-Matinee
22 Charles Dutoit dirigiert
das Te Deum von Hector Berlioz
24 Max und Moritz im Konzert –
mit Timo Schlüssel
25 News
26 Patricia Kopatchinskaja im Gespräch
29 Aus der Zürcher Musikgeschichte
30 Kolumne
06
—
Fotos: Clive Barda, Priska Ketterer, Felix Broede, Tobias Madörin
Lionel Bringuier
dirigiert zur Saisoneröffnung
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—
Yuja Wang
mit Prokofjews zweitem
Klavierkonzert sowie in
einem Kammermusikabend
18
—
Tag der offenen Tür
Konzerte, Tanz, Swing, Film,
Fun, Podiumsgespräche,
Kinderprogramme, Führungen,
Workshops
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
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«Wow,
wir sind wirklich
ein gutes
Orchester ...»
—
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TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
Lionel Bringuier
im Interview
Lion e l B ri n g u i e r, im Septem be r
b e g i n n t Ih re Z e i t a l s C hef dir igent de s
To n h a lle - O rch e ste r s Zür ic h.
Wi rd Z ü ri ch zu Ih re m H a u ptw o hns it z ?
Zürich soll wirklich zu meinem Lebensmittelpunkt werden, ich will mich hier
niederlassen. Natürlich ist es mir als
musikalischem Direktor wichtig, nahe
dem Orchester und seinen Musikern zu
sein. Dazu gehört nicht nur unsere gemeinsame Arbeit mit Proben und Konzerten, sondern genauso, das Orchester
zu hören, wenn ein Gastdirigent mit
ihm musiziert.
Bereits ein halbes
Leben lang dirigiert
Lionel Bringuier.
Und doch ist der neue
Chefdirigent des
Tonhalle-Orchesters
Zürich erst 27 Jahre
alt – und gefragt
bei den bedeutendsten
Orchestern der Alten
und Neuen Welt.
Nun will er Zürich zu
seinem Mittelpunkt
machen.
S i e wolle n Prä se nz m a r k ie re n …
Genau. Damit jedermann spürt und
erkennt, dass ich wirklich daran interessiert bin, hier etwas zu erreichen. Das
ist der orchestrale Teil. Genauso wichtig
ist es mir, dem Publikum nahe und gegenüber jedem offen zu sein; ich mag
den gesellschaftlichen Kontakt und Austausch. Dieses Verständnis meiner neuen
Aufgabe in Zürich schliesst jedoch nicht
aus, dass ich weiterhin als Gast andere
Orchester dirigieren werde. Auch für das
Tonhalle-Orchester scheint es mir wichtig, dass sein Chef von anderen grossen
Orchestern eingeladen wird.
Fotos: Proska Ketterer, Alberto Venzago
im einklang mit ihrer Aufgabe in Zürich ...
Ja, natürlich. Und dazu gehört auch,
dass wir umgekehrt bedeutende Gastdirigenten und Solisten hierher nach
Zürich einladen können. An dieser wunderbaren Tradition wollen wir als neues
Leitungsteam – Ilona Schmiel, Marc
Barwisch und ich – arbeiten, dem Orchester höchste Qualität in Zürich wie
in der Welt zu sichern. Für mich ist
das Tonhalle-Orchester Zürich heute
eines der besten Orchester in der Welt.
Lionel Bringuier
im Interview
Das erkenne ich im Vergleich mit anderen Orchestern, die ich überall in der
Welt dirigiere. Jedes Mal, wenn ich nach
Zürich zurückkehre, wird mir bewusst:
Wow, wir sind wirklich ein gutes Orchester! Deshalb ist es mein erstes Ziel,
diese Qualität zu bewahren und weiterzuentwickeln.
Wie viele Wochen im Jahr werden Sie
dem Tonhalle-Orchester Zürich widmen?
Das hängt etwas davon ab, ob wir in
einer Saison auf Tournee gehen oder ob
einige Termine mehr hier in Zürich
angesetzt werden. Es pendelt sich wohl
zwischen zehn und zwölf Wochen ein.
Wel ch es R ep ert o i re werd en S ie mit
d em To n h al l e-Orch es t er in Ihre n e ige n en Ko n z ert en p f l eg en ? Wo lie gt Ihr
Haup t i n t eres s e?
Lionel Bringuier
Geboren in Nizza, studierte Lionel Bringuier
ab seinem dreizehnten Lebensjahr zunächst
Cello und ab dem Jahr 2000 auch Dirigieren.
Nur ein Jahr nach seinem Studienabschluss
gewann er 2005 die 49. Besançon Young
Conductors Competition. Seitdem dirigierte
er zahlreiche bedeutende Orchester und
war sechs Jahre lang Resident Conductor
beim Los Angeles Philharmonic, was zu einer
Zusammenarbeit zuerst mit Esa-Pekka
Salonen und anschliessend mit Gustavo
Dudamel führte.
Ich bin hier Musikdirektor, und die
Aufgabe des Musikdirektors ist es, alles –
vom Barock bis zur Gegenwart – zu
dirigieren. Mozart, Beethoven, Brahms,
Berlioz, Mussorgsky, Strawinsky und
zeitgenössische Musik.
I h r Vo rg än g er Davi d Z i n m an war noc h
As s i s t en t vo n Pi erre Mo n te u x – e ine
g ewi s s e Affi n i t ät für d i e französisc he
Trad i t i o n kö n n t e man i m Tonhalle Orch es t er d urch aus verm u te n. Ist das
eine besondere Voraussetzung für Sie?
Möglichweise verstehe ich nun, weshalb
ich so glücklich war, mit dem TonhalleOrchester Ravel zu spielen. Sie hatten
wunderbare Farben. Aber gleichzeitig erkennt man im deutschen Repertoire
diese ganz andere Tradition. Auf jeden
Fall habe ich mich mit den Musikern des
Tonhalle-Orchesters vom ersten Moment
an eng verbunden gefühlt. Es bedarf
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
7
in unserer gemeinsamen Arbeit gar nicht
so vieler Worte und Erklärungen, damit
die Musiker spüren, was ich fühle.
Ka n n d i e Tra d i t i on e i n e r I ns t it u t io n
wi e d er Z ü rch e r Ton h a ll e a uc h e ine
Last bede u t e n ?
Es ist mir bewusst, dass das Orchester
und dieser Saal eine grosse Tradition
haben, dass Brahms hier das Eröffnungskonzert dirigiert hat. Solche Dinge sind
als Basis wichtig, um zu verstehen, was
die Tonhalle heute ist. Natürlich habe
ich immer leidenschaftlich zeitgenössische Musik gepflegt. Dennoch wurde ich
nicht hierher engagiert, um in jedem
Konzert zeitgenössische Musik aufzuführen. Ich sehe meine Aufgaben und
Herausforderungen breiter: Die deutsche
Chortradition gehört ebenso dazu wie
französisches Repertoire – in meiner
ersten Saison vor allem Maurice Ravel –
oder russische Musik. Letztlich geht es
darum, einem breiten Publikum Auswahlmöglichkeiten zu bieten, damit
jeder das findet, was ihn fasziniert und
was er hören möchte. Dazu gehört auch,
ein junges Publikum, das zuvor vielleicht
noch nie mit klassischer Musik in
Verbindung gekommen war, für unsere
Konzerte zu motivieren.
Vi el e j un g e Le u t e h a b e n Mü he m it
der stren g ri t u a li si e rt e n k l a s s is c he n
Kon zer tfo rm . St e h e n S i e a l s ju nger
Di r i gen t f ü r Ve rä n d e ru ng en?
Am Schluss meiner Zeit als Musikdirektor
beim Sinfonieorchester von KastilienLeón hatten wir bei jedem Konzert einen
vollen Saal – darunter sehr viele junge
Leute. Das war nicht so, als ich dort begann. Man braucht jedoch drei oder vier
Jahre, um Dinge wirklich zu verändern.
Was gen a u h a b e n S i e g e m a c ht?
Als Erstes gründete ich eine Akademie.
Mit Musikern aus dem Konservatorium
von Salamanca veranstalteten wir
Probespiele, die Jurymitglieder waren
8
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
Mitglieder des Orchesters. So wählten
wir einige hervorragende junge Musikerinnen und Musiker aus, die bei
bestimmten Projekten im Orchester mitspielen durften. Auf einmal gab es neue,
sehr junge Gesichter im Orchester zu
sehen! Das heisst nicht, dass wir so
etwas auch in Zürich tun werden. Ich will
damit nur ausdrücken, dass es viele
Möglichkeiten und ganz unterschiedliche
Wege gibt, um eine junge Generation
für die klassische Musik und für ein Orchester zu interessieren.
Sind Sie o f f en für äh n l i ch e Pro j ekt e
a u c h in Zür ich ?
Auf jeden Fall. Das ist auch ein Grund,
weshalb ich hier leben will, um diese
jungen Leute zwischen 18 und 30 zu treffen, mit ihnen nach einem Konzert zu
sprechen, mit ihnen einen Drink zu nehmen. So werden sie sehen, dass es nicht
öde ist, ein Musiker oder ein Dirigent
zu sein, und dass klassische Musik nicht
langweilig zu sein braucht.
«
Die Musik
ist stets mein Ziel,
nicht mein Ego.
»
Lio nel B r ing ui er, b erei t s mi t d rei z eh n
s t a nde n Sie ers t mal s vo r ei n em Orc he s t e r …
Und jetzt, mit 27, wurde mir klar, dass
ich mein halbes bisheriges Leben mit
Dirigieren verbracht habe. Seit ich dreizehn war, habe ich jede Woche dirigiert,
die Konservatoriumsorchester in Paris
und Toulouse, Amateurorchester in
Marseille und Nizza. Ich war stets mit
dem Taktstock unterwegs und stand vor
vierzig, fünfzig Musikern. Natürlich denken die Leute, dass ich jung sei – aber
ich dirigiere bereits vierzehn Jahre!
Gleichzeitig möchte ich nie aufhören zu
lernen. Als Musiker strebt man immer
Perfektion an – im genauen Wissen, dass
dieses Ziel letztlich unerreichbar bleibt,
dass es immer weitergeht. Das erste
Werk übrigens, welches ich dirigierte,
war Beethovens Siebte.
Un d wi e war d i es e e rfah run g ?
Es war eine schwierige Situation für
mich. Ich begann damals in der Celloklasse am Pariser Konservatorium, und
die Musiker dieses Orchesters hatten
schon alle ihr Diplom. Die meisten von
ihnen spielten bereits in einem der
Rundfunkorchester, waren also schon
sehr erfahren. Angst hatte ich deswegen
keine, aber es war schon eine neue
Erfahrung … Bald gelang es mir jedoch,
das Dirigieren so zu begreifen wie ein
Solist, der sein Instrument nimmt, aufs
Podium geht und zu spielen beginnt.
Manche Werke habe ich inzwischen auch
schon oft dirigiert, Strawinskys «Feuervogel» zum Beispiel bestimmt schon
hundert Mal. (Lacht) Ich dirigiere wirklich viel – und die Freude daran ist mir
nie vergangen.
Wes h al b h ab en Si e s o früh vo m C e llo
auf d as Po d i um g ewech s el t ?
Das hat sich sehr natürlich ergeben.
Mein Ziel als Cellist war es immer, Kammermusik zu spielen. Die Musik ist stets
mein Ziel, nicht mein Ego. Das Dirigieren
gehörte zum Ausbildungsprogramm am
Pariser Konservatorium auch für uns
Instrumentalisten, doch nach zwei Jahren
trat ich in die wirkliche Dirigentenklasse
ein – und so verlagerte sich mit sechzehn meine musikalische Tätigkeit mehr
und mehr auf das Dirigieren. Bald einmal hatte ich mehr Konzerte als Dirigent
denn als Cellist. Dann kam der Dirigentenwettbewerb in Besançon – und alles
begann.
Lionel Bringuier
im Interview
Es bedarf in unserer
gemeinsamen Arbeit
gar nicht so vieler
Worte und Erklärungen, damit die
Musiker spüren, was
ich fühle.
Sp i el en Si e n o ch Cel l o ?
Manchmal.
Kan n man Si e kün ft i g vi elle ic ht als
Kammermus i ker g emei n s am mit Mu sikern I h res Orch es t ers erl e be n?
Eher nicht, das ist zu lange her, dass ich
wirklich ambitioniert gespielt habe. Und
das sind so wunderbare Musikerinnen
und Musiker – da würde ich eine Zumutung bedeuten …
ANDREA MEULI
Fotos: Proska Ketterer, Alberto Venzago
Auszug aus dem Gespräch mit Lionel Bringuier in der
Zeitschrift «Musik & Theater» (Ausgabe Mai/Juni 2014).
Lionel Bringuier
im Interview
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
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10
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
siegt auch in
en! Meine
haften, Ihre
erosteten
n klingen?»
Hugo Ball — beim Vortrag von Lautgedichten
Ohren
auf!
—
Esa-Pekka Salonen
Ohren auf!
Dada siegt auch i
Tönen! Meine
Herrschaften, Ihr
eingerosteten
Ohren klingen?»
Fotos: hugo-Ball-Sammlung, Schweizerisches Literaturarchiv, Bern; Katja Tähjä
«Aus und vorbei mit dem tönenden
Zopf einer, ach so herrlich begründeten
Tradition! Dada siegt auch in Tönen!
Meine Herrschaften, Ihre eingerosteten
Ohren klingen?», verkündete der Dadaist
Raoul Hausmann 1919 in Berlin. Und
er gab damit die Richtung an: Es war eine
Attacke aufs Ohr der Philister, wie einst
schon bei Robert Schumann, nun aber
mit der Vehemenz einer Avantgarde.
Zahlreiche Komponisten des 20. Jahrhunderts haben diesen Impetus aufgegriffen. Berühmt wurde John Cages
Neujahrswunsch: «Happy New Ears». Und
1977 nannte sich eine finnische Musikergruppe «Korvat auki!», zu Deutsch:
Ohren auf! Zu dieser jungen, initiativen
Gruppe, die sich polemisch gegen die
Musik der Vätergeneration wandte,
gehörten einige Komponisten, die heute
zu den Stars der zeitgenössischen Musik
zählen: Kaija Saariaho, Magnus Lindberg
und Esa-Pekka Salonen. Dieser dritte
freilich, 1958 in Helsinki geboren, ist
eher als hervorragender Dirigent bekannt geworden. Zu dirigieren, so sagte
er später, habe er eigentlich bloss gelernt, um seine eigenen Stücke und die
seiner Freunde aufzuführen. So engagierte
er sich für diese Neue Musik als Dirigent
mit dem neuen Ensemble Avanti!.
DIRIGIEREN ODER KOMPONIEREN?
Es war noch nichts Aussergewöhnliches,
dass er 1979 beim Finnischen Radiosinfonieorchester debütierte. Doch 1983
trat er mit Mahlers dritter Sinfonie beim
Philharmonia Orchestra in London auf,
und zwar so erfolgreich, dass er flugs zu
einer steilen Karriere durchstartete. Er
Esa-Pekka Salonen
Ohren auf!
Mit einem neuen
Werk für Chor und
Orchester bezieht der
finnische Dirigent
und Komponist
Esa-Pekka Salonen
seinen «Creative
Chair» beim TonhalleOrchester Zürich.
«Karawane» ist eine
Hommage an den
Dadaismus und damit
auf ein herausragendes Kapitel der
Zürcher Kulturgeschichte.
Esa-Pekka Salonen
Zum ersten Mal wird von der Tonhalle-Gesellschaft Zürich in dieser Saison ein Creative
Chair vergeben. Die Wahl fiel auf den aus
Finnland stammenden Komponisten und
Dirigenten Esa-Pekka Salonen. In neun Konzerten werden Werke von Salonen zu hören
sein, dirigiert vom Chefdirigenten Lionel
Bringuier, von Gastdirigenten sowie 2015
von Salonen selbst. In diversen Workshops,
Lectures und Gesprächsrunden werden
Einblicke in die Werkstatt des Creative ChairInhabers vermittelt. Zudem wird er eine
Meisterklasse Komposition an der Zürcher
Hochschule der Künste leiten.
B
Hugo
leitete diverse Orchester als Chef, so das
Los Angeles Philharmonic und das Philharmonia London sowie seit 2003 das
von ihm gegründete Baltic Sea Festival.
Ins Hintertreffen geriet dabei das eigene
Komponieren, dies vielleicht nicht nur,
weil Esa-Pekka Salonen so viel dirigierte,
sondern auch, weil ihn grundsätzliche
Zweifel an seiner Musik umtrieben. «Vier,
fünf Jahre lang komponierte ich nur
ganz wenig», sagte er vor einigen Jahren
im Interview, «und danach begann ich
von null auf wieder. Lange sammelte ich
Material, ohne den Druck des Komponierens, spielte mit unterschiedlichen
harmonischen Ideen, und endlich gelangte
ich zu dem Punkt, dass ich die Elemente
für eine Tonsprache beisammen hatte.
Sie ist natürlich nicht vollständig
verschieden von meiner früheren Musik,
aber in vieler Weise Hinsicht doch.
Ich brauchte diesen Break. Danach war
ich ziemlich produktiv, denn ich fühlte,
dass die Krise vorbei ist. Das ist der Weg,
auf dem ich für einige Zeit weitergehe.»
DAS PUBLIKUM NICHT VOR DEN
KOPF STOSSEN …
Es war ein Neuanfang, ein Aufbruch,
weg von den hyperkomplexen Klangstrukturen der 80er-Jahre hin zu klaren
Rhythmen, tonalen Harmonien, grossorchestralen Klangfarben und übersichtlichen Formverläufen. «Ich merke, dass
die Komponisten heute wieder eine
Musik schreiben, die ihre potenziellen
Zuhörer nicht vor den Kopf stossen will.
Ich halte nichts von Publikumsbefragungen und Ähnlichem, wie man es in der
kommerziellen Rock- und Popmusik tut,
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
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Ball
DIE KARAWANE
aber ich denke, es ist moralisch und
intellektuell ziemlich fragwürdig, wenn
ein Komponist sagt, er sei absolut nicht
an seinem Publikum interessiert.»
Werke Salonens waren in den letzten
Jahren bereits beim Tonhalle-Orchester
Zürich zu hören: «Insomnia» etwa
und die «LA Variations». Nun kommt er
auf den neu geschaffenen «Creative
Chair» des Tonhalle-Orchesters und begleitet seinen einstigen «assistant conductor» Lionel Bringuier in dessen erste
Zürcher Saison. Eine ganze Reihe seiner
Stücke von den frühen «Nachtliedern»
(1978) bis hin zum Klavierkonzert (2007)
und zum orchestralen «Nyx» erklingen
in diesem Jahr. Zur Eröffnung hat Salonen
ein neues Werk für Orchester und Chor
geschrieben, in dem er sich konkret auf
ein herausragendes Kapitel der Zürcher
Kulturgeschichte bezieht: auf den
Dadaismus. Hugo Balls Lautgedicht
«Karawane» diente ihm dafür als Vorlage.
Und damit bricht auch die TonhalleKarawane zu einer neuen Reise auf.
jolifanto bambla ô falli bambla
grossiga m’pfa habla horem
égiga goramen
higo bloiko russula huju
hollaka hollala anlogo bung
blago bung blago bung
bosso fataka ü üü ü
schampa wulla wussa ólobo
hej tatta gôrem
eschige zunbada
wulubu ssubudu uluw ssubudu
tumba ba- umf kusagauma
ba - umf
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
ogol
gnub
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Fotos: Clive Barda
THOMAS MEYER
Hugo Ball
und der Dadaismus
Hugo Ball
und der
Dadaismus
in Zürich
—
«jolifanto bambla ô
falli bambla»:
Ist das Babysprache?
Oder schlicht Unsinn?
Und so geht’s auch
gleich weiter:
«grossiga m’pfa
habla horem / égiga
goramem».
Und sogar: «hollaka
hollala».
Hollala, was soll denn das? werden sich
verdutzt auch die LeserInnen bzw. ZuhörerInnen um 1917 gefragt haben, wenn
sie sich nicht ohnehin in Grund und
Boden ärgerten. Denn das war nicht der
hohe lyrische Ton, den das Publikum von
Rainer Maria Rilke, Stefan George oder
Hugo von Hofmannsthal her gewohnt
war, sondern ein Frontalangriff auf den
gutbürgerlichen Literaturgeschmack.
«Dada» nannte sich diese Revolution,
wiederum kindersprachlich, und ausgebrochen war sie mitten im Chaos des
Ersten Weltkriegs – und doch in sicherer
Ferne von ihm – in Zürich, an der Spiegelgasse Nummer 1. Einige Häuser die
Gasse hinauf, in der Nr. 12, hatte einst
der literarische Revolutionär Georg
Büchner gewohnt, und noch ein Haus
weiter lebte damals Lenin. Eine geeignete
Umgebung also, um die Sprache zum
Einsturz zu bringen.
DADA WAR PROVOKATION
Mi 10.09.14
Do 11.09.14
19.30 Uhr, Grosser Saal
Saisoneröffnung
Tonhalle-Orchester Zürich
Lionel Bringuier Leitung
Yuja Wang Klavier
Artist in Residence
Zürcher Sing-Akademie
Tim Brown einstudierung
Esa-Pekka Salonen
Creative Chair
Karawane für Chor und
Orchester (UA)
Sergej Prokofjew Klavierkonzert
Nr. 2 g-Moll op. 16
Hector Berlioz
Symphonie fantastique op. 14
Unterstützt durch Credit Suisse
Artist in Residence wird unterstützt
durch Swiss Re
«Cabaret Voltaire» nannten Hugo Ball
und Emmy Hennings ihr Lokal, das
sie am 5. Februar 1916 eröffneten und
in dem sie ungewöhnliche Abende
durchführten. Alles entstand schnell,
all’improvviso, spontan, und der Sinn
ging rasch in Unsinn über. Die Künstler
wurden sofort davon angezogen: Hans
Arp, Tristan Tzara, Richard Hülsenbeck,
Georg Grosz und viele andere. Es ist
auch heute noch verblüffend, mit welcher Geschwindigkeit sich der Dadaismus da neue Bahnen brach. Gewiss:
Unsinnsliteratur gab es schon früher,
oft subtile wortspielerische Texte – man
denke nur an den 1914 verstorbenen
Christian Morgenstern. Das hier aber
war nicht mehr feinsinnig. Hier wurde
beleidigt und zerstört.
Und entsprechend reagierte das Publikum: «Man pfiff, schrie, warf kleine
Geldstücke, Orangenschalen und Schimpfworte auf die Bühne und stampfte
mit Füssen und Stühlen», berichteten
die «Basler Nachrichten» im April 1919.
«Dass nach dieser unglaublichen Verhöhnung des Publikums es nicht zu
Tätlichkeiten kam, ist wohl nur der allgemeinen Verblüffung zuzuschreiben …
ein Skandal, von dem alte Züricher
behaupten, sich nicht erinnern zu können, jemals einen ähnlichen erlebt zu
haben.»
DADA WAR MUSIK
Chefideologe der jungen Dada-Bewegung
war Hugo Ball (1886–1927), dessen
Lautgedicht «Karawane» auch die Grenze
zur Musik überschritt. «Mit diesen Tongedichten wollten wir verzichten auf eine
Sprache, die verwüstet und unmöglich
geworden ist durch den Journalismus.
Wir müssen uns in die tiefste Alchemie
des Wortes zurückziehen und selbst
die Alchemie des Wortes verlassen, um
so der Dichtung ihre heiligste Domäne
zu bewahren», schrieb er dazu.
Weil oft mehrere Texte simultan vorgetragen wurden, gingen die Worte
ohnehin in einen Sprachklang über. Der
anarchische Jazz, aber auch futuristische
Geräuschorgien lieferten den Sound
dazu. Befeuert von «Negertrommeln»
gingen die Partys oft in «kubistische Tänze» über. Dada war Musik: Es ist deshalb
kaum erstaunlich, dass die dadaistischen
Gedichte auch später die Komponisten
begeisterten, ob den Berliner Stefan
Wolpe, die Popgruppe «Talking Heads»
oder nun eben Esa-Pekka Salonen.
THOMAS MEYER
10./11.9., 18.30 Uhr, Kammermusiksaal
Einführung mit Lukas näf
Hugo Ball
und der Dadaismus
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
13
Stubete am See
2014
—
Fr 05.09.14
19.00–24.00 Uhr,
Kleiner Saal
Stubeteball
erster Stubeteball mit
3 Tanzkapellen
Sa 06.09.14
14.00–24.00 Uhr
So 07.09.14
10.00–19.00 Uhr
Stubete am See
Bühne 1: Tonhalle, Kleiner Saal
Bühne 2: Tonhalle, Grosser Saal
Bühne 3: Tonhalle, Vestibül
Bühne 4: Bauschänzli
Neu: Kinderprogramm
www.stubeteamsee.ch
In Zusammenarbeit mit der Tonhalle-Gesellschaft Zürich, Stadt Zürich und Pro Helvetia
TANZMUSIK WIE ZUR LANDIZEIT
Die Stubete am See ist das umfassendste Festival für Neue
Schweizer Volksmusik. Im Grossen und Kleinen Saal der Tonhalle
Zürich sowie im Vestibül findet jede Stunde ein Konzert statt.
Bei gutem Wetter gibt es zudem ein OpenAir auf dem Bauschänzli
zwischen Bellevue und Bürkliplatz, wo zum Tanz aufgespielt wird.
31 verschiedene ensembles werden auftreten. Verraten
seien nur einige Highlights. Zum Beispiel Viviane Chassot mit
ihrem phänomenalen Akkordeonspiel, welches sogar Alfred
Brendel ins Schwärmen brachte. Das Projekt «Ufzupft» bringt
das Spiel auf verschiedenen Schweizer Halszithern nach Zürich.
Das Ländlerorchester wird dieses Mal vom Wiener Tommaso
Huber zusammengestellt mit Musikanten aus Wien und Zürich
– Schweizer Volksmusik aus der Sicht eines Wieners und mit
österreichischen «Zutaten» wie Harfe oder Zugposaune.
14
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
FLORIAN WALSER
Detaillierte Informationen: www.stubeteamsee.ch
Fotos: pixxpower, Steven Haberland
4 Sprachregionen, 4 Bühnen, 44 Konzerte, 11 Premieren –
zur Saisoneröffnung an 3 Tagen das Festival für Neue
Schweizer Volksmusik
Auch Chorkultur ist angesagt sowie der Berner Liedermacher
Tinu Heiniger – er erstmals im künstlerischen Teamwork mit
zwei Monolithen der Schweizer Volksmusik: mit Töbi Tobler und
Markus Flückiger. Der Kleine Saal der Tonhalle Zürich mutiert
endlich wieder zum schönsten Ballsaal unserer Stadt mit einem
grossen Stubete-Ball, wo drei ausserordentliche Kapellen
während fünf Stunden zum Tanz aufspielen. erstmals tritt die
«Niinermusig reloaded» auf, eine Blechkapelle, die ausschliesslich
aus dem Repertoire des ehemaligen Tonhalle-Solo-Hornisten
Otto Würsch (1908–1962) musiziert und damit die Tanzmusik
der Landizeit (1939) zurück in die Tonhalle Zürich bringt.
Stubete am See 2014
Mit
Hirn und Herz
—
EIN WUNDERKIND
Staunen muss und darf man auch über die diversen anderen
Gaben, die der liebe Gott dem Sohn eines Ingenieurs und einer
Biologin in die Wiege legte. Denn nicht nur ist der schmucke
Filius auf dem besten Weg, eine internationale Karriere als Pianist hinzulegen (in Caracas und Tokio schwärmen die Klassikliebhaber schon jetzt in höchsten Tönen). er hat darüber hinaus
auch noch die Musse (und selbstredend das nötige Wissen), bei
Mathematik-Olympiaden zu reüssieren und bei Wettbewerben in
Sachen Fremdsprachen und Naturwissenschaften Preise abzuräumen. Früher nannte man dergleichen ein Wunderkind, heute
darf man sich einfach nur darüber freuen, wie selbstbestimmt
dieser Musikus mit hirn und herz durchs Leben schreitet.
Vielleicht ist es gerade diese Vielfalt an Interessen, die seine
interpretationen befruchtet und somit abhebt vom einerlei.
nie, ob bei Beethoven, Schumann oder eben bei Liszt, hat man
das Gefühl, hier müsse jemand mit K(r)ampf irgendeine expressivität vorspiegeln (wie es leider bei manchen Jungstars der
Szene der Fall ist). Diese expressivität ist im Moment der Tonerzeugung bereits da. Sie ist, im besten Sinne des Wortes, vorgedacht. Dazu gesellt sich eine profunde Technik; der einfluss
seiner prominenten (russischen) Lehrer Vladimir Krainew und
Dmitri Alexeev ist unüberhörbar. Doch würde dies wiederum
allein gewiss nicht genügen, um ein Stück wie den «erlkönig» so
zu erzählen, dass dem Hörer ein Schauer über den Nacken
fährt. Dazu, und so ist es im Leben wie in der Kunst, bedarf es
des gewissen etwas. Alexanders Krichel hat es.
JÜRGEN OTTEN
Im Rahmen der «Série jeunes» spielt der junge deutsche
Pianist Alexander Krichel Werke von Mendelssohn, Beethoven, Schumann, Liszt und Pēteris Vasks.
Das Gedicht kennt jeder. nun ja: fast jeder. Goethes «erlkönig»,
die schaurig-schöne Ballade über das Leben und den Tod – und
wie Letzterer sich manchmal sogar an Kindern vergreift, schamund gewissenlos. Franz Schubert hat es – natürlich – vertont,
und der andere Franz (Liszt) konnte nicht umhin, diesem existenziellen Notturno seine persönlich-pianistische Note zu geben. Herausgekommen ist dabei ein virtuoses Beben, das nicht
wenigen Pianisten schon gehörige Schwierigkeiten bereitet hat.
Nicht so Alexander Krichel. Der junge Mann aus Hamburg, letztjähriger eCho-Preisträger in der Kategorie «Bester nachwuchskünstler», spielt das Stück mit einer Leichtigkeit und Grandezza,
die staunen macht.
Alexander Krichel
Das gewisse etwas
Mo 22.09.14
19.30 Uhr, Kleiner Saal
Alexander Krichel Klavier
Felix Mendelssohn
Auf Flügeln des Gesanges
op. 34 Nr. 2 (Transkription
von Franz Liszt)
Robert Schumann
Frühlingsnacht op. 39 Nr. 12
(Transkription von Franz Liszt)
Widmung op. 25 Nr. 1 (Transkription von Franz Liszt)
Ludwig van Beethoven
Klaviersonate Nr. 31 As-Dur
op. 110
Pēteris Vasks
Sommerabendmusik (2009)
Robert Schumann
Sinfonische etüden op. 13
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
15
Der
Hang
zum
Feuer
—
So 14.09.14
19.30 Uhr, Kleiner Saal
Yuja Wang Klavier
Artist in Residence
Klaidi Sahatçi Violine
Thomas Grossenbacher
Violoncello
Felix Mendelssohn
Klaviertrio Nr. 2 c-Moll op. 66
Sergej Rachmaninow
Cellosonate g-Moll op. 19
Antonín Dvořák
Klaviertrio Nr. 4 e-Moll op. 90
«Dumky»
Foto: Felix Broede
Artist in Residence wird
unterstützt durch Swiss Re
16
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
Yuja Wang
Der Hang zum Feuer
Die Aufnahme ist ein halbes Jahrhundert alt,
und sie ist legendär: Gary Graffman spielt,
begleitet von den New Yorker Philharmonikern
unter Leitung von Leonard Bernstein, das
zweite Klavierkonzert und die Paganini-Variationen von Rachmaninow. Ach, seufzt es
innerlich, was für eine Leidenschaft waltet
da, welche Intensität, welch ein Klangempfinden. Gewiss wäre es nicht übertrieben,
wenn man als Besitzer dieser einspielung
sagte: «Tausend Mal berührt, tausend Mal ist
viel passiert.» Verbinden sich doch in
Graffmans Spiel tiefer Sinn und geradezu
betörende Sinnlichkeit mit jenem Hauch von
Melancholie, wie er so womöglich nur bei
Pianisten seiner Generation anzutreffen ist,
bei Horowitz, Richter, Solomon oder
Rubinstein.
VOM RECHT DER JUGEND
AUF REBELLION
Gary Graffman, Sohn jüdisch-russischer einwanderer, begann seine Studien als sehr
junger Mann am Curtis Institute of Music in
Philadelphia. Und an eben jener Ausbildungsstätte traf er Jahrzehnte später, genauer
2002, auf eine sehr junge Frau aus Peking,
die seine Schülerin wurde. Anscheinend war
es eine fruchtbare Zusammenarbeit. Denn
einer der Lieblingskomponisten von Yuja
Wang wurde Sergej Rachmaninow.
Und ihr interpretatorisches Vorbild ist Gary
Graffman. Auch wenn man sie nicht miteinander vergleichen sollte, diese nach Alter,
Habitus und Mentalität sehr unterschiedlichen Künstler, gibt es zumindest eine
Gemeinsamkeit: den Hang zum Feuer. Beide
Pianisten lieben das Passionierte, wobei dies
bei Graffman stets von der Aura des Grandseigneurs kontrolliert wird, während Yuja
Wang das Recht der Jugend auf Rebellion
einfordert. Ihr Spiel ist wesentlich schneller,
härter, sportiver.
EIN ECHTER HINGUCKER
Die Zeiten haben sich eben geändert. Und
mit ihnen Vorlieben wie Darstellungsweisen,
dazu muss man nur die Cover der altehrwürdigen Langspielplatten mit denen der CDs
Yuja Wang
Lionel
Bringuier
im Gepräch
Der
Hang zum
mitFeuer
Max Mustermann
gleichzeitig das eines Fabelwesens und eines
menschenfressenden Ungeheuers. Ihre zehn
Schlingenfinger wirken wie eine Boa Constrictor, ihr Kopf wie der eines Kindes, das sich
über die Tasten beugt.»
KULTSTATUS MIT RACHMANINOW
Die chinesische
Pianistin Yuja Wang
ist in dieser
Saison Artist in
Residence beim
Tonhalle-Orchester
Zürich.
von heute vergleichen. Yuja Wang zählt
diesbezüglich zu den Vorreitern der Postpostmoderne, sie ist, salopp gesagt, ein echter
hingucker (was im übrigen auch für ihre
furiosen Live-Auftritte gilt, von denen selbst
ein event-König wie Lang Lang noch lernen
könnte!). Auf ihrem dramaturgisch bezwingenden CD-Album mit dem poetischen Titel
«Fantasie» etwa posiert die junge Dame
als Todesengel – um sich dann zum Glück als
famose Interpretin sehr unterschiedlicher
Preziosen aus der Feder unter anderem von
Rachmaninow sowie von Skrjabin, Scarlatti,
Schubert und Johann Strauß zu entpuppen.
Wohlan, das sind «Sternstunden» der journalistischen Poesie. Und doch: Sie treffen den
Charakter der 1987 in Peking geborenen
Künstlerin besser, als es angesichts der ausgestreuten Blumen zunächst den Anschein
hat. Denn Yuja Wang lässt sich nicht festlegen
auf den Typus «virtuoses Wunderkind».
In ihr offenbart sich vielmehr jener Geist
Schillers, wie er uns im 15. Brief aus seinem
grossen essay «über die ästhetische erziehung des Menschen» begegnet: «Der Mensch
spielt nur, wo er in voller Bedeutung des
Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz
Mensch, wo er spielt.»
es ist ein Satz, der sehr schön beschreibt,
worin der Reiz des Klavierspiels von Yuja
Wang liegt, sei es in den etüden von Chopin,
Ligeti, Liszt und Skrjabin, sei es in romantischen Sonaten – oder sei es im Falle jenes
Komponisten, der zahllose Pianisten immer
schon mehr affizierte als andere: bei Sergej
Rachmaninow. Ihre CD-Aufnahmen der
Klavierkonzerte Nr. 2 (unter Claudio Abbado)
und Nr. 3 (mit dem von Gustavo Dudamel
geleiteten Simon Bolivar Orchestra) haben
Aussichten auf einen Kultstatus.
JÜRGEN OTTEN
Imposant wie stets ist auch hier das
Temperament, mit dem Yuja Wang zu Werke
geht. Die Läufe blitzen und perlen und rauschen vorbei, der Bass swingt, technische
hürden überspringt sie mit einer Leichtigkeit,
die eines Arcadi Volodos würdig wäre. Das
alles mischt sich mit einer wundersamen
Naivität der Herangehensweise, die anscheinend auch den Kritiker der französischen
Tageszeitung «Le Monde» nachhaltig bestrickte, als er, nach einem Konzert von Yuja
Wang womöglich noch ganz von Sinnen oder
zumindest berauscht, seinen Laptop aufklappte und die folgende eloge in das Gerät
tippte: «Das Klavierspiel von Yuja Wang ist
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
17
Im September 2010 durfte ich unter der
Leitung von David Zinman drei slawische
Tänze von AntonÍn Dvořák mitspielen.
Eine Registerprobe am Vormittag brachte zunächst die Liebhaber zusammen.
Am Nachmittag folgte dann im Grossen
Saal der Tonhalle die öffentliche Probe
mit der gesamten Besetzung. Im Publikum sassen mehrere Hundert Gäste, die
im Rahmen des «Tags der offenen Tür»
ihren Weg in die Tonhalle gefunden hatten. Schon der Gang von der Garderobe
auf die Bühne war einmalig, da Spannung und Freude, welche sich über die
18
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
Wochen der Vorbereitung im stillen Kämmerchen aufgebaut hatten, nun ihren
ersten Höhepunkt fanden. Nachdem alle
Musiker ihren Platz eingenommen hatten, kam David Zinman hinzu und
begrüsste Orchester und Liebhaber zur
Probe. In dem Moment, als David den
Taktstock hob und die Musiker ihre Instrumente in «Achtungstellung» brachten,
wurde klar: Nun wird gleich die Post abgehen. Der warme und klare sinfonische
Klang breitete sich in Sekundenbruchteilen im Saal aus und erreichte kurze Zeit
später mein Herz, das nun in doppeltem
Tempo schlug.
Sehe n Sie s ei t d em d as Orch es t er mi t
a ndere n A ug en ?
Obwohl ich das Tonhalle-Orchester
Zürich seit früher Kindheit verfolge, hat
das Mitwirken im Liebhaber-Orchester
zusätzliche Nähe zum Orchester erzeugt.
Zwischen mir und einigen Orchestermitgliedern haben sich durch das gemeinsame Musizieren Freundschaften angebahnt. Für mich wuchs das Orchester
dadurch aus der Anonymität heraus –
auch, weil der Orchesterklang mir vertraut zu werden begann. Je mehr ich
am Tag der offenen Tür 2010.
mich mit der Klangfarbe des TonhalleOrchesters auseinandersetzte, desto
mehr begann ich, dessen typischen
Klang von anderen Orchestern zu unterscheiden.
Was hat Sie dazu bewogen, erneut beim
L i eb h ab er-orch es t er mi t z umache n?
Unter der neuen Leitung von Lionel
Bringuier bin ich sehr gespannt, wie sich
der Klangcharakter des Orchesters verändern wird. Durch das erneute Mitwirken
im Liebhaber-Orchester bekomme ich
die Möglichkeit, in Lionels Arbeit Einsicht
zu gewinnen. Seine Einflüsse sind bekanntlich stark geprägt von Esa-Pekka
Salonen und Gustavo Dudamel während
seiner Dienstjahre mit dem Los Angeles
Philharmonic Orchestra. Ich hatte bereits die Möglichkeit, Lionel im Juni 2012
mit Brahms’ vierter Sinfonie mit dem
Tonhalle-Orchester Zürich zu erleben.
Ein wahres Meisterwerk, bei dem ein
Dirigent seine Qualitäten zum Vorschein
bringen kann. Seine jugendliche Frische
begeisterte das Publikum vom ersten
Takt an.
CHRISTIAN SCHWARZ
Tag der offenen Tür
Fotos: Priska Ketterer, Tobias Madörin
Davide Petrachi, Sie haben bereits einmal im Liebhaber-orchester mitgespielt. Was war das für eine erfahrung?
David Zinman, Andreas Janke und Davide Petrachi
Tag der
offenen Tür
—
Davide Petrachi
erzählt von seinen
Erfahrungen als
Mitglied im
Liebhaber-Orchester
anlässlich des «Tags
der offenen Tür».
Programm
Tag der offenen Tür, Sa 13.09.14
—
Konzerte
—
10.00 Uhr
Kinderprogramm
—
TOZ Wind Quintett
Divertimento mit Bläsern
10–18 Uhr
Basteltisch im Konzertfoyer
11.00 Uhr +
15.00 Uhr
Rhythmisches à la Stomp
Mit Töpfen, eimern und Besen ins
Reich des Rhythmus abtauchen
12.00 Uhr
Kinderaufführung:
Rhythmisches à la Stomp
eine kleine Kostprobe!
12.30 Uhr
15.30 Uhr
Konzert unter vier Ohren
ein ganz besonderes erlebnis!
Klaviermusik nur für dich und
deine Familie
13.00 Uhr
14.00 Uhr
Djemben-Session
Trommeln wie in Afrika
(für Kinder ab 7 Jahren)
15.15 Uhr
Kinderaufführung:
Djemben-Session
eine kleine Kostprobe!
17.00 Uhr
Prämierung des Kindermalwettbewerbs «Fantasie-Instrument»
Die originellsten Zeichnungen
werden ausgezeichnet
10.15 Uhr
Ensemble Forelle
Klänge aus dem «Forellenquintett»
von Franz Schubert
11.00 Uhr
Probe Liebhaber-Orchester
Lionel Bringuier probt den «Boléro»
12.30 Uhr
Streichquintett
Musikalischer Gruss aus Böhmen
13.30 Uhr
Salon Passion
Beschwingt in den Tag
13.30 Uhr
Duo Flöte / Orgel
Pfeifen non plus ultra
14.00 Uhr
Frank & Isabel
Square Dance zum Mittanzen
14.30 Uhr
Gypsy & More
Osteuropäische Volksmusik
14.30 Uhr
Tonhalle Orchester
Percussion Group
Die Vielfalt der Percussionswelt
vereint mit Witz und Humor
14.30 Uhr
Klavierquintett
Sinfonische Kammermusik mit vier
Bläsern und Klavier
15.15 Uhr
SAX & STRINGS
Swing, Jazz, Film und Fun
16.15 Uhr
Isaac, Martin & Monica
oboe und englischhorn:
«Virtuose Pastorale»
16.30 Uhr
The Blues Brothers
Music not for the tuba …
12.15 Uhr +
14.00 Uhr
Führung
Blick hinter die Kulissen
17.00 Uhr
Ilios Quartett
LioS beschwingt – von Dvořák bis Scott
12.15 Uhr +
16.00 Uhr
18.00 Uhr
Konzert des Tonhalle-Orchesters
Zürich / Liebhaber-Orchesters
Lionel Bringuier, Leitung
Yuja Wang Artist in Residence, Klavier
Workshop in der
Orchesterbibliothek
Spannender einblick in die Welt
der Noten
Tag der offenen Tür
Podiumsgespräche
—
12.15 Uhr
Der Beruf des Orchestermusikers
Michaela Braun im Gespräch mit den
Musikern Andreas Berger, Josef Gaszi,
Thomas Grossenbacher, Sascha
Neustroev und der Musikerin
Sabine Poyé Morel
13.00 Uhr
Intendantin und Chefdirigent
im Gespräch
Mit ilona Schmiel und Lionel Bringuier
14.00 Uhr
Von der Werkidee zur Aufführung
Ilona Schmiel im Gespräch mit
esa-Pekka Salonen
14.00 Uhr
Finanzierung des Orchesters
Susanne Kübler («Tages-Anzeiger» Kultur)
im Gespräch mit Martin Vollenwyder
(Präsident TGZ), André helfenstein
(CS, Leiter Region Zürich), Peter haerle
(Direktor der Dienstabteilung Kultur der
Stadt Zürich), Pierre Rossier (Präsident
Gönnerverein)
Führungen/
Workshops
—
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
19
3. Internationaler Filmmusikwettbewerb im Rahmen des
Zurich Film Festival
Mit meinen Kindern bin ich ihm in «Madagascar 3» begegnet.
Bei «Sherlock Holmes» konnte ich ihn mit meinem Mann geniessen, und bei «Frost/Nixon» war ich mit meiner Mutter und ihren
Freundinnen. oder war es doch damals «Thelma und Louise»?
Und jetzt begegne ich ihm endlich in Zürich – live und nicht via
Leinwand: hans Zimmer. Der gebürtige Deutsche ist einer der
innovativsten, kreativsten und höchstdekorierten FilmmusikKomponisten und -Produzenten der Gegenwart.
Mi 01.10.14
19.00 Uhr, Grosser Saal
Internationaler
Filmmusikwettbewerb
Tonhalle-Orchester Zürich
Frank Strobel Leitung
Eva Wannenmacher
Moderation
«Highlights» der Filmmusik von
Hans Zimmer
Suite aus Gladiator / end Titles
aus Driving Miss Daisy / Suite
aus The Lion King / Suite aus
Inception / «Zoostres Breakout»
aus Madagascar / «The end?»
aus Sherlock Holmes: Game
Of Shadows / «Roll Tide» aus
Crimson Tide
In Zusammenarbeit mit dem Zurich Film
Festival und dem Forum Filmmusik
18.00 Uhr, Kammermusiksaal
Einführung mit Matthias von Orelli
eVA WAnnenMACheR
Moderation
20
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
Lifetime Award für
Hans Zimmer
—
GOLDEN GLOBES – GRAMMYS – AWARDS
Hans Zimmer steuerte Kompositionen zu mehr als 100 Filmen
bei, die insgesamt über 22 Milliarden Dollar einspielten. er wurde
mit einem Academy Award, zwei Golden Globes, drei Grammys,
einem American Music Award und einem Tony Award ausgezeichnet. 2003 erhielt Zimmer von der ASCAP den begehrten
henry Mancini Award for Lifetime Achievement für seine beeindruckenden und einflussreichen Filmmusiken. Ausserdem wurde
ihm im Dezember 2010 ein Stern auf dem Hollywood Walk of
Fame gewidmet. Und nun wird ihm im Rahmen des Zurich Film
Festival der Lifetime Award verliehen.
Am 1. Oktober findet der 3. Internationale Filmmusikwettbewerb statt. Für den sechsminütigen Kurzfilm «MAXiMALL» des
Autorenquartetts Axel Tillement, Axel Cheriet, hadrien Ledieu
und Nawel Rahal soll ein Score für Sinfonieorchester realisiert
werden. Das ist die Aufgabe für die Wettbewerbsteilnehmer. Der
Sieger erhält das mit 10‘000 Franken dotierte Goldene Auge
«Best International Film Music 2014». Moderiert wird die Soiree
von eva Wannenmacher.
FILMMUSIK IN DER TONHALLE
Geehrt werden der Sieger bzw. die Siegerin des Filmmusikwettbewerbs und Hans Zimmer im Rahmen eines festlichen Konzertes im Grossen Saal der Tonhalle Zürich. Den Abend eröffnen
wird das Finalisten-Konzert, in dem das Tonhalle-Orchester
Zürich unter Leitung von Frank Strobel, einem Spezialisten für
Filmmusik, die fünf in die endauswahl gelangten Kompositionen
präsentieren wird. Der zweite Teil des Abends steht dann
musikalisch ganz im Zeichen von Hans Zimmer: Zur Aufführung
gelangen Ausschnitte aus Scores wie «The Lion King» oder
«Gladiator» und noch viele andere.
Wollten Sie nicht immer schon jenen Mann live sehen und erleben,
der uns sozusagen unbemerkt so viel grossartige Filmmusik
geschenkt hat? Am 1. Oktober 2014 um 19.30 Uhr bei uns in der
Tonhalle.
MICHAELA BRAUN
Hams Zimmer
Lifetime Award
So 28.09.14
Ein Feuerwerk für
Trompeten
und Posaunen
—
Kammermusik-Matinee mit Blechbläsern aus dem TonhalleOrchester Zürich
Gut möglich, dass das Zürcher Publikum vor 75 Jahren ein
solches Sonntagmorgen-Konzertprogramm als ziemlich ungewöhnlich empfunden hätte. Nicht, weil es zu unkonventionell
gewesen wäre, russische, italienische, sowjetische, US-amerikanische, böhmische und argentinische Theater- und Konzertmusik zusammenzuführen: ein solches Potpourri wäre um 1939,
nach zwei Dezennien der neuen Musik mit ihren experimenten
und Skandalen, keineswegs als zu wild erschienen. Vielmehr
waren damals die Stile, Besetzungen und Gattungen trotz allem
experimentieren noch viel klarer getrennt als heute: Das neue
wollte man auf allen ebenen neuartig haben, das Alte ebenso
authentisch alt (was unter anderem zur Herausbildung
der sogenannten «historischen Aufführungspraxis» führte).
11.15 Uhr, Kleiner Saal
Ein Feuerwerk für
Trompeten und Posaunen
Philippe Litzler Trompete
Heinz Saurer Trompete
Paulo Muñoz-Toledo Horn
Seth Quistad Posaune
Bill Thomas Bassposaune
Nikolaj Rimskij-Korsakow
Prozession der Fürsten aus der
Ballettoper «Mlada»
Antonio Vivaldi
Konzert in G-Dur
Giuseppe Verdi Ouvertüre zur
oper «La forza del destino»
Sergej Prokofjew Kijes
Hochzeit aus der Filmmusik
«Leutnant Kije» / Troika aus der
Filmmusik «Leutnant Kije»
Morgentanz aus dem Ballett
«Romeo und Julia»
Aaron Copland Buckaroo Holiday aus dem Ballett «Rodeo»
Bedřich Smetana
Tanz der Komödianten aus der
Oper «Die verkaufte Braut»
Alberto Ginastera estancia
Alexander Borodin
Polowetzer Tänze aus der Oper
«Fürst Igor»
10.30 Uhr, Grosser Saal
Einblicke mit Jens-Peter Schütte
11.00 Uhr, Treffpunkt Vestibül
Kinder-Matinee mit Sabine Appenzeller
für die Kinder der Konzertbesucher
(ab 4 J.)
Aber eingängige, leicht verständliche Theatermusik aus Opern
und Balletten für andere ensembles zu bearbeiten, gehörte
einer Praxis des 19. Jahrhunderts an, die man als «fortschrittlich»
gesinnter Liebhaber ernster Musik nicht mehr ohne Weiteres
goutierte. Und dann noch für Trompeten und Posaunen, also für
die «Brass-Band», die ihre Herkunft aus dem englischen Arbeitermilieu nie verleugnen konnte …
Doch obwohl man damals deutliche Trennungslinien zwischen
«Alter Musik» und «Neuer Musik» ansetzte (wobei man das späte
19. Jahrhundert möglichst ausklammerte), machte man innerhalb des Neuen kaum einen Unterschied mehr zwischen heiter
und ernst, hoch und niedrig, unterhaltend und «bildend» – und
bereitete damit dann doch den Grund für den stilistischen Pluralismus, für das wirkliche «anything goes», bei dem man heute
angelangt ist.
Foto: Fotolia
Musik aus drei Jahrhunderten, vom vivaldischen Barock bis zu
Prokofjews Filmmusik «Leutnant Kije» von 1933, sogar einschliesslich Werken des späteren 19. Jahrhunderts von Smetana
und Borodin, für eine eigentlich ganz fernliegende Besetzung
wie die Brass-Band zu bearbeiten, schafft jedenfalls einen
durchaus neuartigen Reiz. Da nämlich in der Musik das klangliche
«Gewand» sich gar nicht so leicht von seinem «Inhalt» trennen
lässt, klingt historische Musik in unbekannter und ungewohnter
Besetzung immer wieder frisch – und oft auch völlig neu.
JENS-PETER SCHÜTTE
Kammermusik-Matinee
ein Feuerwerk für Trompeten und Posaunen
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
21
Charles
Dutoit
dirigiert
Berlioz
—
Mi 17.09.14
Do 18.09.14
Fr 19.09.14
19.30 Uhr, Grosser Saal
Tonhalle-Orchester Zürich
Charles Dutoit Leitung
Erin Wall Sopran
Paul Groves Tenor
Zürcher Sing-Akademie
Zürcher Sängerknaben
Tim Brown einstudierung
Francis Poulenc Stabat Mater
Hector Berlioz Te Deum
Unterstützt durch Mercedes-Benz
17./19.9., 18.30 Uhr, Kleiner Saal
Einführung mit Roger Cahn
18.9., 18.30 Uhr, Kleiner Saal
Surprise mit Studierenden der ZHdK
22
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
Charles Dutoit
dirigiert Berlioz
«… kolossal, babylonisch, ninivesk»:
Das Te Deum von Hector Berlioz ist
gigantisch in jeder Hinsicht – was den
immensen Besetzungsaufwand anbelangt,
aber auch im Hinblick auf die aussergewöhnlichen Anforderungen an
die Musiker und an das Publikum. Bei
Charles Dutoit, einem der namhaftesten
Spezialisten für französische Musik,
liegt das Werk in denkbar besten
Händen – ein aussergewöhnliches
Konzerterlebnis, übrigens zum ersten
Mal in den Konzerten der TonhalleGesellschaft Zürich.
Foto: Priska Ketterer
Die Zuhörer damals am 30. April 1855 in
der Pariser Kirche St-eustache, wo die Uraufführung von Berlioz’ Te Deum stattfand –
übrigens kurz vor der eröffnung der ersten
Weltausstellung in Paris –, waren ratlos,
schockiert, überwältigt. Genau das hatte sich
Berlioz von der Wirkung seines neuen Werks
erhofft: dass die Zuhörer von der «Unermesslichkeit der Form» und vom «überdimensionalen Ausdruck zerschmettert wären». Und
begeistert berichtete er seinem Komponistenkollegen Franz Liszt: «es war kolossal, babylonisch, ninivesk. Die prächtige Kirche war
voll … Mein Gott, wenn Sie nur da gewesen
wären! Ich versichere Ihnen, es ist ein grossartiges Werk; das ‹Judex crederis› [der letzte
Satz] übertrifft alle enormitäten, deren ich
mich bisher schuldig gemacht habe.»
Babylonisch, ninivesk: Die Vergleiche aus
der Bibel sprechen für sich. Der Turmbau zu
Babel – seine Spitze sollte bis zum Himmel
reichen – war ein vergeblicher Versuch der
Menschen, Gott gleichzukommen. Auch Ninive,
CharlesBringuier
Lionel
Dutoit
im Gepräch
dirigiert
Berlioz
mit Max Mustermann
die legendäre, protzige Assyrerhauptstadt, in
der Bibel als Hure bezeichnet, war Gott
ebenfalls ein Dorn im Auge und folglich dem
Untergang geweiht.
KAISER UND KÖNIGE
über die entstehung des Te Deums wissen
wir nichts, es ist keine Auftragskomposition
und ist auch nicht für einen bestimmten
Anlass geschrieben worden. Sicher ist, dass
Berlioz das Werk in den Jahren 1848/49 komponierte – vielleicht im Hinblick auf einen
grossen Staatsakt, bei dem das pompöse
Werk zweifellos hervorragend repräsentiert
hätte. Die Hoffnung, es schliesslich am
2. Dezember 1852 anlässlich der Krönung
von Louis napoleon zum Kaiser uraufführen
zu können, erfüllte sich allerdings nicht.
Wahrhaft fürstlich waren indes die Begleitumstände zum Te Deum. Berlioz widmete
das Werk dem Prinzen Albert, dem Gemahl
der englischen Königin Victoria. In die Sub-
skriptionsliste zur Drucklegung trugen sich
neben dem englischen Königspaar der russische Zar und dessen Mutter, der König von
Belgien sowie weitere fünf deutsche Könige
nebst dem Kaiser von Österreich ein (der
Berlioz zudem einen Brillantring schickte).
KLANGMÄCHTIGES GOTTESLOB
Von der Uraufführung 1855 in der Pariser
Kirche St-eustache unter des Komponisten
höchsteigener Leitung muss eine überwältigende Wirkung ausgegangen sein. Zwei
Chöre mit je 100 Sängerinnen und Sängern,
im Mittelschiff postiert, sowie ein immenser
Kinderchor aus insgesamt 600 Kehlen, nicht
zu vergessen ein Solotenor im «Te ergo
quaesumus», vereinten sich zum klangmächtigen Gotteslob. Das Orchester, mit 160 Musikern besetzt, sollte nach Berlioz‘ Wünschen
über vierfache Holzbläser, viel Schlagwerk
(darunter vier Paar Pauken), einen massigen
Blechbläserapparat und 12 Harfen verfügen.
Und nicht zu vergessen die grosse Orgel,
die Königin der Instrumente, die über allem
thront. «Beide, Orgel sowohl wie Orchester,
sind Könige», schrieb Berlioz, «oder vielmehr:
eins ist Kaiser und eins ist Papst …» Und
beide gebieten mit aller Kraft über die gigantomanische Partitur und bieten sich auch
wechselseitig Paroli – besonders eindrücklich
gleich zu Beginn des Werks, wenn auf den
breiten eröffnungsakkord des vollen orchesters die Orgel mit einem ebenso kräftigen
Akkord antwortet. Klangräumliche Stereofonie sozusagen.
BERLIOZ HAD ME IN TEARS …
Charles Dutoit ist hier der ideale Interpret.
er hat das Werk öfters aufgeführt, etwa im
Februar 2013 in San Francisco, wo er, wie
auch hier in Zürich, vor dem Te Deum das
Stabat mater von Poulenc dirigierte. Aus den
Reaktionen von Zuhörern sei folgende herausgegriffen: “The performance was one of
the all-time favorite concerts of my life.
I have a feeling all the forces really had it
together and the final movement of the
Berlioz had me in tears.”
WERNER PFISTER
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
23
Max und Moritz
im Konzert
—
So 21.09.14
11.15 Uhr und 14.15 Uhr,
Grosser Saal
Der nächste Streich folgt
sogleich ...
Jugend Sinfonieorchester
Zürich MKZ
Massimiliano Matesic Leitung
Timo Schlüssel Regie und Spiel
Die zweite Sinfonie von Johannes Brahms und Streiche von
Wilhelm Busch
In Zusammenarbeit mit Musikschule
Konservatorium Zürich MKZ
Im ersten Familienkonzert der Saison sucht Timo
Schlüssel Verbindungen zwischen Brahms und Busch.
Fast immer – Ausnahmen waren bisher etwa «Baron Münchhausen und sein Pferd» oder «Die wilden Schwäne» – steht das
Musikstück am Anfang. Daraus entwickelt Timo Schlüssel sein
Konzept: «Beim hören des Werks und dem Lesen darüber
entstehen Ideen und daraus wiederum eine grobe Geschichte,
24
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
TiMo SChLüSSeL
Regie und Spiel
die vor den ersten Proben in Dialogform geschrieben wird. Bei
den szenischen Proben wird improvisiert und der Text überprüft
und natürlich angepasst und verbessert, bis die Geschichte zusammen mit der Musik eine runde Sache ergeben. Während
zwei bis drei Probenterminen mit dem Orchester wird das Stück
dann in voller Besetzung zusammengesetzt und geprobt.»
Für das erste Familienkonzert der Saison steht die zweite Sinfonie
von Brahms auf dem Programm, eine eher überraschende Wahl
für ein Familienkonzert. Die ernste Welt der norddeutschen
Romantik will Timo Schlüssel mit den komischen Figuren aus
dem Geschichtenfundus des (ebenfalls norddeutschen Romantikers) Wilhelm Busch auflockern. Wie bringt er diese Welten
zusammen? «Mir schwebt eine Geschichte vor, in welcher die
Figuren von Busch – Max und Moritz, Tante Julchen und andere
– auf Brahms treffen. ein bisschen Klamauk mit Tiefgang.»
Immer nach dem Schlüssel-Rezept: «Sparsam eingesetzter Slapstick kann nicht schaden.»
REINMAR WAGNER
Familienkonzert
Illustration: Anna Sommer
«Kinderfantasien sich zu eigen machen» heisst ein Schlüsselrezept von Timo Schlüssel, dem Schauspieler und Regisseur mit
eigener Produktionsfirma, der schon zahlreiche Familienkonzerte
für die Tonhalle-Gesellschaft Zürich konzipierte. «Man kann
aus einer Bockleiter, einem Abflussrohr und einer weissen
Steppdecke einen zugeschneiten Kirchturm, eine Festung oder
einen Baum, um den ein Bär kreist, entstehen lassen.» Klassik
kindergerecht zu vermitteln, bedeutet für Schlüssel auch
«klare Figurenzeichnung, wenig intellektuelle exkurse und den
einbezug der Kinder in die Geschichte. Das bedingt eine gewisse
Freiheit im Text und Improvisationswillen, andererseits sind
schnelle Wechsel der Bilder für Kinder kein Problem».
Orchester
— News
Aufnahmen
— News
KA RT ENVERKAUF
—
Billettkasse
Claridenstrasse 7, 8002 Zürich,
Wir gratulieren zum Jubiläum
Andreas Sami Violoncello, 25 Jahre
Andreas Berger Schlagzeug, 20 Jahre
Alexander Neustroev
stv. Solo-Violoncello, 15 Jahre
Martin Frutiger
englischhorn/oboe, 10 Jahre
Herzlich willkommen
Matvey Demin, stv. Solo-Flöte
Administration
— News
Wir gratulieren zum Jubiläum
Bernadette Haas
Mitarbeiterin Billettkasse, 15 Jahre
Christian Eigner
CRM/Webmaster, 15 Jahre
Mara Corleoni
Leiterin Musikvermittlung, 10 Jahre
Herzlich willkommen
Nathalie Widmer Sachbearbeiterin
Finanz- und Rechnungswesen
Wir verabschieden
Michelle Geser Sachbearbeiterin
Finanz- und Rechnungswesen
Kaja Di Ruggiero Sachbearbeiterin
Finanz- und Rechnungswesen
Tel. +41 44 206 34 34, Fax +41 44 206 34 69;
www.tonhalle-orchester.ch, [email protected]
Schalterverkauf
Mo bis Fr 10–18 Uhr resp. bis Konzertbeginn;
Sa / So / Feiertage 1½ Stunden vor Konzertbeginn
Bestellungen
Tel. Mo bis Fr 10–18 Uhr; internet, Fax und e-Mail;
Bearbeitung nach eingang der Bestellung
KLAIDI SAHATÇI
Albanian memories
Musik von albanischen Komponisten
aus dem 20. Jahrhundert,
gespielt von Klaidi Sahatçi (Violine)
und Dhurata Lazo (Klavier).
Weitere Vorverkaufsstellen
Billetzentrale BiZZ am Werdmühleplatz,
Musik Hug, Jecklin und Jelmoli City
Zahlungsbedingungen
Barzahlung, Rechnung, Kreditkarte (Amexco,
Diners, Mastercard, Visa), eC-Direct, Postcard.
Bei Zustellung per Post verrechnen wir einen
Unkostenbeitrag von CHF 8.–.
IMPRES S UM
—
Magazin Tonhalle-Orchester Zürich
16. Jahrgang, August/September 2014
Erscheinungsweise
sechsmal jährlich
Offizielles Vereinsorgan
der Tonhalle-Gesellschaft Zürich und des
Vereins «Gönner der Tonhalle-Gesellschaft Zürich»
MARTIN FRUTIGER
englischhorn
originalkompositionen für englischhorn,
gespielt von Martin Frutiger
(englischhorn), Petya Mihneva (Klavier)
und Sarah Verruhe (Harfe).
Herausgeberin
Tonhalle-Gesellschaft Zürich,
Gotthardstr. 5, 8002 Zürich,
Tel. +41 44 206 34 40, Fax +41 44 206 34 36,
www.tonhalle-orchester.ch
Redaktion
Michaela Braun, Werner Pfister
Gestaltung, Bildredaktion
parole gesellschaft für kommunikation mbh
Koordination
Perkussives
Feuerwerk
eva Menghetti
Druck
Schellenberg Druck AG
mit Benjamin Forster und
Klaus Schwärzler,
Solo-Paukist und Solo-Schlagzeuger
des Tonhalle-Orchesters Zürich
So, 28. September 2014, 19 Uhr
in der Klus Park Kapelle,
Asylstrasse 130, 8032 Zürich
Infos: www.facebook.com/klusclassics.ch
Inserate Publicitas Publimag AG
Redaktionsschluss
10. Juli 2014
Auflage
«ASCHENMUSIK»
mit Anita Leuzinger
Heinz Holliger (Oboe und Oboe
d’amore), Anita Leuzinger (Violoncello)
und Anton Kernjak (Klavier)
spielen Werke von Robert Schumann
und Heinz Holliger.
12’500 exemplare
ISSN 2235-1051
© Tonhalle-Gesellschaft Zürich.
Änderungen und alle Rechte vorbehalten.
Nachdruck nur mit schriftlicher
Genehmigung der Tonhalle-Gesellschaft.
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
25
«Jedes Stück
muss wie
eine
Uraufführung
klingen!»
—
Do 25.09.14
19.30 Uhr, Grosser Saal
Tonhalle-Orchester Zürich
Michael Sanderling Leitung
Patricia Kopatchinskaja
Violine
Joseph Haydn Sinfonie A-Dur
Hob. I:64 «Tempora mutantur»
Karl Amadeus Hartmann
Concerto funèbre für Solovioline und Streichorchester
Dmitri Schostakowitsch
Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47
Unterstützt durch Credit Suisse
18.30 Uhr, Kleiner Saal
Einführung mit Matthias von Orelli
Fr 26.09.14
19.30 Uhr, Grosser Saal
Tonhalle-Orchester Zürich
Michael Sanderling Leitung
Patricia Kopatchinskaja
Violine
Joseph Haydn Sinfonie A-Dur
Hob. I:64 «Tempora mutantur»
Karl Amadeus Hartmann
Concerto funèbre für Solovioline und Streichorchester
György Kurtág Aus: «Signs,
Games and Messages»
Aus: «Kafka-Fragmente» op. 24
Dmitri Schostakowitsch
Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47
18.00 Uhr, Kleiner Saal
Prélude – Künstlergespräch mit
musikalischer Umrahmung
Nach dem Konzert, Kleiner Saal
Ausklang mit Ilona Schmiel
26
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
Patricia Kopatchinskaja
spielt Hartmann
Foto: Marco Borggreve
Unterstützt durch Credit Suisse
Die Geigerin Patricia
Kopatchinskaja spielt das
«Concerto funèbre» von
Karl Amadeus Hartmann.
«Mu si k d e r Tra u e r » hies s H a r t m a nns
V i oli n k on ze rt a n f ä ngl ic h. Auf l e hnung
un d H of f n u n g slos ig k e it s c hw ing en
d a ri n a b e r e b e n so m it w ie Tra uer u nd
Verzwe i f lu n g . Pa t r ic ia Ko pa t c hins k a ja ,
welch e e m ot i on e n ve r binde n Sie m it
d i e se m St ü ck ?
Sie sagen es, genau diese Emotionen.
Das «Concerto funèbre» ist für mich einer
der stärksten musikalischen Eindrücke
überhaupt, in einer Liga mit dem zweiten
Violinkonzert von Bartók oder dem
Requiem von Mozart.
Wi e v e rsöh n li ch is t f ür Sie de r a bsc h li e sse n d e C h o ra l ?
Dieser Choral ist ein paradoxes Element.
Er gehörte zum Ritual aller kommunistischen Regimes: Er entspricht der
Trauerhymne auf die Toten der Russischen
Revolte von 1904. Der Text erwähnt zuerst die «unsterblichen Opfer» und endet
hoffnungsvoll mit der Aussicht auf
die Befreiung von der Tyrannei, eine Hoffnung, die ja wenigstens innerhalb des
Kommunismus trügerisch blieb. Eine
deutsche Nachdichtung stammt vom bedeutenden Dirigenten Hermann Scherchen, der das Lied als Gefangener im
Russland des Ersten Weltkrieges kennengelernt und als Mentor von Hartmann
diesen vielleicht damit bekannt gemacht
hat.
Wi e se h r i st h e u te dies e Mus ik no c h
a ls A u sd ru ck d e r de pr im iere nden
St i m m u n g e n v on 1 9 3 9 na c h de m Aus b ru ch d e s We lt k r ie g s z u em pf inde n?
PatriciaBringuier
Lionel
Kopatchinskaja
im Gepräch
spielt
Hartmann
mit Max Mustermann
Die Gültigkeit von Hartmanns «Concerto
funèbre» beschränkt sich für mich nicht
nur auf das Jahr 1939. Die menschliche
Existenz war und ist ja immer wieder ähnlich. Im Moment, wo wir uns unterhalten,
herrscht im Nahen und Mittleren Osten
ein kriegerischer Flächenbrand, überall
wagt sich der Antisemitismus wieder
ans Licht, und gemäss UNESCO sind heute
mehr Menschen auf der Flucht als je im
Zweiten Weltkrieg. Die Auflehnung gegen
Gewalt und Unrecht wird leider immer
ein Thema bleiben.
G ibt es b ei Hart man n Paral l el en
z u de n p o l i t i s ch en Sub t ext en i n
Sc ho s t ako wi t s ch s Mus i k?
Hartmanns Protest ist offen, und das Werk
wurde im nationalsozialistischen Deutschland nie aufgeführt. Schostakowitsch
dagegen musste sich gezwungenermassen
mit dem System arrangieren. Sein Protest
ist deshalb versteckt und oft nur zwischen
den Zeilen als sarkastisch-zynischer Unterton bemerkbar.
Sie hab en ei n mal g es ag t , Si e h ät t en
Angst, mit älteren Dirigenten zu spielen.
Hier haben Sie mit Michael Sanderling
e inen j un g en . Kei n G run d z ur
B es o rgn i s al s o ?
Manche Dirigenten der älteren Generation
kommen aus einer Tradition, in der ich
mich nicht wohlfühle. Sie wollen fertige
Sachen auf der Bühne präsentieren, sie
wissen schon, wie es geht. Ich weiss es
noch nicht – und ich möchte es auch noch
nicht wissen. Ich möchte Dinge auspro-
bieren, möchte fragen, ob es vielleicht
auch anders geht. Ich glaube, die Kunst
braucht das, um sich zu entwickeln,
um beweglich zu sein, um im Moment
wieder entstehen zu können. Jüngere Dirigenten gehen offener mit, wenn ich versuche, das Alte, Verstaubte zu sprengen.
Ich versuche bei jedem Konzert, von vorn
anzufangen, das Stück aufs Neue zu
sehen. Es muss etwas Unvorhergesehenes
passieren, etwas, das das Stück in den
Sinnen des Publikums wieder erfrischt,
das es wieder fühlen lässt, bis zum
Verwundbaren. Jedes Stück muss wie
eine Uraufführung klingen!
Hart man n t rei b t d i e Mus i k an die
emotionalen Grenzen und die Geige an
d i e G ren z en d er Aus d rucksfähigke it.
Wie fühlt man sich vor und nach einer
Auffüh run g d i es es Werks ?
Von jedem Stück, das man spielt, wird
man gefangen genommen. Im Moment
der Aufführung hofft man, dass man diese
Gefangenschaft verlassen, sich mit dem
Geist des Komponisten vereinigen und die
Seele des Stückes freilassen kann. So
etwas kann man nicht vorbereiten, es sind
nicht die Töne, die mich beschäftigen,
es ist die Mystik, die eintritt oder nicht
eintritt. Nachher muss man seine Knochen
und anderen Bestandteile zusammenlesen, zusammenfügen und versuchen,
wieder zu sich selber zu finden.
REINMAR WAGNER
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
27
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Otto Baumberger
Engagement für
Schweizer
Komponisten und
Musiker
—
Plakat «Schweizerisches Musik-Fest Leipzig, 1918».
AUS DER ZÜRCHER MUSIKGESCHICHTE
Treibende Kraft oder am Puls der Zeit den Aufbruch in die Zukunft wagen – beides charakterisiert ganz knapp Friedrich Hegar, den ersten Chefdirigenten des Tonhalle-Orchesters. Seine
Visionen haben Folgen bis heute.
Mit Friedrich Hegar wurde ein Dirigent an die Spitze des TonhalleOrchesters Zürich gewählt, der mit seinen Visionen, seiner Tatkraft und seiner musikalischen Professionalität einen legendären Aufbruch des Zürcher Musiklebens provozieren konnte. über
seine Anfänge beim Tonhalle-Orchester erinnerte sich Hegar
1906: «Mein Vorgänger war im Theater während eines Zwischenaktes in eine Versenkung gefallen, und ich musste als Konzertmeister die Vorstellung zu ende dirigieren. Da nicht alles ausser
Rand und Band geraten war, so machte man später auch einen
Versuch im Konzert mit mir, der dann die Ihnen bekannten
Folgen hatte.»
RÜCKBLICK UND AUFBRUCH
Die uns bekannten Folgen können hier zwar nicht alle
aufgezählt werden, aber eine dieser Folgen ist doch sehr bemerkenswert und dabei fast in Vergessenheit geraten. Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert schaute dieser aussergewöhnliche Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich nicht nur
auf erfolgreiche Jahre des Aufbruchs zurück (das Industriezeitalter war zu voller Blüte gereift, das Bürgertum hatte sich endgültig etabliert, Dichtung, Musik, Malerei und Architektur waren
mit grossartigen Meisterwerken in teilweise völlig neue Bereiche
vorgestossen), sondern er begriff die zurückliegenden Jahre
als Impuls für weitere Aufbrüche.
Die Gründung des Schweizer Tonkünstlervereins im Jahr 1900
war ein solches Unterfangen, dessen Zustandekommen massgeblich Friedrich Hegar zu verdanken war. Daran hatte auch
das Tonhalle-Orchester Zürich seinen Anteil: Hochambitioniert
startete der Verein 1900 mit zwei Kammermusik- und zwei
Orchesterkonzerten (eines davon mit Chor) – mit Hegar als
Festdirigenten und dem Tonhalle-Orchester als wichtigem Partner.
ÜBER DIE SCHWEIZER GRENZEN HINAUS
Ziel des Vereins war und ist die Förderung des zeitgenössischen
Schweizer Musikschaffens. Schon 1903 holte man den Allgemeinen Deutschen Musikverein an Bord und veranstaltete ein
gemeinsames Musikfest in Basel. Volkmar Andreae, der Nachfolger Friedrich Hegars, wiederholte dies 1910 in Zürich. Und mit
dem neuen Chefdirigenten des Tonhalle-Orchesters Zürich gelang es dann auch, die Verbreitung von Schweizer Musik im
Ausland zu fördern – das Schweizerische Musikfest in Leipzig
1918 war ein erster Höhepunkt.
MARGIT KLUSCH
Grosses erreicht
«Ohne den Tonkünstlerverein hätte dem schweizerischen Musiker und der schweizerischen Musik der Boden wohl noch lange
gefehlt, auf dem sie sich [...] hätten entwickeln können. Ohne
ihn wäre aber auch dem schweizerischen Publikum wohl noch
lange nicht zum Bewusstsein gekommen, dass unser Land
auch auf dem Gebiete der Musik Eigenes und dem Auslande
Ebenbürtiges zu leisten imstande sei. Er hat hier Grosses erreicht.»
WILHELM MERIAN
Der Schweizerische Tonkünstlerverein im zweiten Vierteljahrhundert seines
Bestehens, Festschrift zur Feier des 50-Jahr-Jubiläums, Atlantis Verlag Zürich.
Zürcher Musikgeschichte
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
29
KOLUMNE — Christian Berzins
Welche Aufgaben
hat heute ein
städtisches Sinfonieorchester
wahrzunehmen?
—
ChRiSTiAn BeRZinS
Kulturredaktor
der «Nordwestschweiz».
Ein Sinfonieorchester des 21. Jahrhunderts hat keine Aufgaben.
Es dient dem Vergnügen. Das macht den viel zu schlauen Intendanten und Intendantinnen fürchterliches Kopfzerbrechen.
Subventionen für Vergnügungen? Man muss doch …
Will ein städtisches Sinfonieorchester nicht erst die Leute ab 60
ansprechen, muss es gar nichts – schon gar keine umfassende
Klassikgrundversorgung bieten. Weder die 20-Jährigen, die
selten in den Konzertsaal kommen, noch die über 60-Jährigen
müssen Leopold Kozeluchs Sinfonien kennen.
Etwas ist allerdings klar: Ein Sinfonieorchester muss ein Publikum haben – ob durchmischt oder nicht, ist egal. Entscheidend ist, dass es in der Stadt wahrgenommen wird. Dafür
muss es im Sommer raus auf die städtischen Plätze, im Winter
im Saal auch einmal gratis oder für zehn Franken ein Wochenende lang spielen. Bei solchen Aktionen wird nämlich immer
auch die berüchtigte irritierende Schwelle überschritten. Einerseits lieben Menschen, die selten ins Konzert gehen, diese
Schwelle: Nur dank solcher «Hindernisse» – dem schönen
Kleid, der geistigen Vorbereitung, der Herausforderung für die
Konzentration – wird ihr Sinfoniekonzertabend zum Ereignis.
Andererseits ist diese Schwelle für viele tatsächlich ein Hindernis – eine unliebsame Aufgabe eben. Die Lösung ist einfach: Die
Sinfonieorchester müssen Konzerte in vielen bunten Varianten
anbieten: im coolen neuen Ambiente, in Kleinformationen,
lockere Konzerte im grossen Saal, natürlich nicht nur drei pro
Saison – und, naturgemäss, die stinknormalen Abo-Konzerte.
Sicher ist, dass niemand auf «früher» bauen sollte. Warum
dennoch 96 Prozent der Sinfoniekonzerte einem Ritus wie vor
gefühlten 1000 Jahren folgen, ist ein Rätsel. «Die Besucher
wollen das so», heisst es von den meisten Intendanten.
Dumm nur, dass bloss jene es so wollen, die sowieso kommen
– naturgemäss aber immer weniger werden.
Es gälte herauszufinden, was jene wollen, die nicht kommen.
Kürzere Konzerte? Konzertbeginn gleich nach der Arbeit um
18.30 Uhr? Oder erst um 20 Uhr? Ein tolles Speiseangebot im
Pausenfoyer, das nicht so aussieht wie jenes in der Altersheim-Kaffeevitrine? Ein paar wenige Worte zur Sinfonie vom
Dirigenten während des Konzertes und nicht eine Stunde
vorher vom Musikwissenschaftler für jene, die das «Heiligenstätter Testament» sowieso auswendig können? Und, pardon:
Vielleicht müssen die Sinfonieorchester in Zukunft auch einfach halb so oft spielen. Auch so spart man Geld.
Der Konzertsaal wird mehr und mehr zum Ort der emotionalen
Entspannung. Keiner will hier Aufgaben lösen. Der Rahmen
ist genauso wichtig wie die Musik an sich. Und wer fragt,
ob das dann wie in der Wellnessoase wäre, dem antworten
wir: «Na und?». Erfolgreiche moderne Kunstmuseen bieten
genau das an.
30
TonhALLe-oRCheSTeR ZüRiCh
Kolumne
Die Schweiz
als Film.
4.7.2014 bis
19.10.2014
www.kino.landesmuseum.ch
Passend zum Frack: Acht Zylinder.
Mercedes-Benz Automobil AG ist Partner des Tonhalle-Orchesters Zürich.
Dieser Virtuose trifft den Ton besonders gut: Mit 557 PS* aus acht Zylindern sorgt
der E 63 AMG 4MATIC für unvergleichliche, sportliche Kraft und eindrucksvolle KIänge.
Erleben Sie den Konzertmeister der Strasse bei der Mercedes-Benz Automobil AG.
Wir freuen uns auf Sie. Alle Standorte auf www.merbagretail.ch.
* E 63 AMG 4MATIC Limousine, 5 Türen, 5461 cm3, 557 PS (410 kW), Verbrauch: 10,3 l/100 km, CO 2 -Emission: 242 g/km (Durchschnitt aller verkauften Neuwagen 148 g/km), Energieeffizienz-Kategorie G.
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