Infoblatt - Akademie der Diözese Rottenburg

Werbung
Blickdicht
Bilder von Christa Munkert
Werbung für Fotooptik, für Eisprodukte und für die Modebranche in einer
konfessionsgebundenen Akademie? Ist die katholische Akademie mittlerweile auch
zum Werbeträger geworden, um fehlende Gelder mit Hilfe von Werbemaßnahmen
auszugleichen? Das könnte man derzeit im Tagungszentrum Hohenheim auf den
ersten Blick meinen.
Beim vordergründigen Betrachten erkennt man zunächst nur die zum Teil aus älteren
Kampagnen bekannten Plakate. Das ist ein Indiz, wie stark wir bereits in unserem
Alltag auf Werbung konditioniert sind. Intensiveres Anschauen verdeutlicht jedoch
malerische und zeichnerische Eingriffe; es sind Übermalungen, die auf die Plakate
mit Dispersionsfarbe aufgetragen wurden. Die Plakate selbst dienten dafür als
Malgrund.
Angeregt wurde die Künstlerin Christa Munkert bei ihrem künstlerischen Vorgehen
durch den dänischen Künstler Asger Jorn (1914-1973), der eine Zeitlang das
Übermalen alter Bilder zu seinem künstlerischen Prinzip erhob. Das Verwenden von
Werbung innerhalb der Kunst ist ebenfalls nicht neu. In der Pop Art lehnte sich eine
ganze Bewegung erst Mitte der 50er-Jahre in England, dann ab Ende der 50er-Jahre
in Amerika daran an. Die kunsthistorischen Vorbilder der Pop Art setzten der
Banalität der Werbung nichts Gestisches entgegen, so wie es die Stuttgarter
Künstlerin Christa Munkert macht. Ein Künstler wie Andy Warhol reproduzierte die
Werbung seriell und banalisierte sie dadurch in mehrfacher Hinsicht.
Die Werbeplakate erhält Munkert von den Verteilerstellen. Es sind die Firmen, die die
Plakate im öffentlichen Raum platzieren und an den Plakatsäulen und anderen
Werbeträgern anbringen. Die Künstlerin darf sich jedoch nur ausgediente Exemplare
mitnehmen, deren Kampagne abgelaufen ist. Juristisch hat sie sich dahingehend
beraten lassen, dass sie die Plakate künstlerisch nutzen darf. Einzig die teilweise auf
den Plakaten abgebildeten Models haben Persönlichkeitsrechte auf den
Ablichtungen.
Munkert nutzt die Plakate als Inspirationsquelle. Oft hängen sie unberührt tagelang
bei ihr im Atelier bis sie sich ihnen künstlerisch nähert. Die Künstlerin geht mit den
Plakaten zunächst einen Dialog ein, tritt mit ihnen primär in eine visuelle
Kommunikation, bevor sie mit ihren künstlerischen Mitteln antwortet. Grundsätzlich
sind es zwei verschiedene Ansätze, mit denen sie ihre Umsetzung verwirklicht –
zeichnerisch und malerisch.
Beim malerischen Eingriff argumentiert sie flächiger, denn beim zeichnerischen
Vorgehen. Sie reagiert meist mit abstrakten Formationen auf die Form- und
Farbkombination der Plakatvorgaben. So zieht sie bereits vorhandene Felder
zusammen und akzentuiert Formgebilde. Stellenweise rahmt sie vorhandene Worte
und Satzfragmente ein, wie bei dem Plakat im großen Saal mit dem Titel „Ich jetzt“.
Auf diesem landschaftlichen Doppelplakat arbeitet Munkert gegen die liebliche Idylle
an und legt ein grau konturiertes Netzwerk über beide Plakatteile. Die individuellen,
singulären Papierplakate, die für unterschiedlichste Produkte werben, werden von
der Künstlerin zusammengebracht und verbunden. Die ursprüngliche werbende
Intention interessiert die Künstlerin nicht. Auf dem einen Plakat ist es das Wort
„Energie“, das umrandet und hervorgehoben wird, während auf dem Nachbarplakat
die Worte „ich jetzt“ zu lesen sind, die dem Doppelplakat auch seinen Titel gaben.
Die anderen Satzfragmente des Slogans wurden übermalt. Munkert geht es dabei
gar nicht darum eine tief greifende Sinnhaftigkeit zu erzeugen, sie beschäftigt sich
konkret mit dem vorhandenen Potenzial. In diesem Beispiel arbeitet sie gegen die
idyllische Komposition, wie sie häufig in der Werbung eingesetzt wird, vor allem, um
uns angebliche Ferienparadiese zu versprechen. Ihre Titel sind sehr subtil
ausgewählt und sind oft auch den Slogans entnommen. Es klingt schon fast grotesk,
wenn auf einer Zigarettenwerbung die Warnung „Rauchen kann tödlich sein“
auftaucht. Munkert begegnet dieser Werbung zeichnerisch, indem sie einen
„Schattenreiter“ hinzufügt und die ausgesprochene Warnung so fast verdoppelt: der
Tod reitet mit. Dieses Sujet ist fast als ein kunsthistorisches Zitat eines
apokalyptischen Reiters zu verstehen, wie es vielfach an den Tod gemahnend durch
die Kunstgeschichte ‚reitet’. Überhaupt nutzt Munkert kunsthistorische Zitate, um
ihren Plakatmotiven zu begegnen bzw. diesen mit den ‚Waffen’ einer Malerin zu
kontern. Dem voyeuristischen männlichen Fotograf setzt sie zeichnerisch eine
entzückende liegende Weiblichkeit von François Boucher entgegen, die dem Bild
„Blonde Odalisque“ von 1752 entlehnt ist. Der Betrachter wird gleichsam als Voyeur
entlarvt. Das fotografische Doppelbild wird durch die Zeichnung sogar
zusammengehalten. Im Bild „Temptation“ hat sie ihre Wut über die angeblichen
Verführungskünste einer Eissorte zum Ausdruck gebracht. Diesem
‚Verführungsmotiv’ begegnet sie mit einer weiteren Verführung, dem jugendlichen
Bacchus von Caravaggio aus dem Jahr 1597, der einem süßlich schmachtend
entgegenblickt.
Grundsätzlich sind wir vielen Verführungen – auch durch die Werbung – ausgesetzt,
es kommt jedoch immer darauf an, wie man ihnen begegnet.
Ilonka Czerny
(0711/1640-724)
Akademie der Diözese
Rottenburg-Stuttgart
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