Sammlung Stadterneuerung und soziale Bewegungen in Kreuzberg

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"MIT-BÜRGER- BETEILIGUNG
AM GÜLIZAR BAHNHOF
Br
(oCrtp
STUDIE ÜBER NOTWENDIGKEIT UND FUNKTION EINES TÜRKISCHEN
KULTURZENTRUMS MIT GEBETSRAUM IN BERLIN - KREUZBERG SO 36
.
Bearbeiter
Ulrike Harnisch
üzcan Ayanoglu
Betreuer
Yalgin Cetin
Im Auftrag der Internationalen Bauausstellung Berlin
Diese Studie ist in Zusammenarbeit mit der " Arbeitsgruppe Ausländer
im Verein SO 36, Berlin-Kreuzberg, enstanden.
Das Titelfoto ist von Kemal Kurt
I
-
1
-
Inhalt:
1.
Vorgeschichte
1„1
Ein türkisches Kulturzentrum mit Gebetsstätte
wird gefordert
1.1.1 Die Fatih-Gemeinde
1.1.2 Bürgerversanrnlung in der Tabor-Gemeinde
1.1.3 Die "AG Ausländer^ entwirft ein Konzept für
ein Kulturzentrum mit Gebetsstätte
1.1.4 Gespräch der "AG Ausländer''mit dem Religions¬
beauftragten
1.1.5 Gespräch mit dem Sprecher der Fatih-Gemeinde
1.1.6 . Gespräch der "AG Ausländer" mit Sprechern demo¬
kratischer Gruppen aus der Türkei
1.2
Wie die deutsche Öffentlichkeit
nach einem türkischen Kulturzentrum reagierte
1.2.1 Die Bürgerversarrmlung "Görlitzer Park" im März 84
1.2.2 Die Sondersitzung des Stadtteilausschusses im
Juli 1984
1.2.3 Pressereaktionen
2.
Ist ein Kulturzentrum mit Gebetsraum für die Be¬
völkerung aus der Türkei im SO 36 notwendig?
2.1
Soziologische Begründung
2.1.1 Der Entstehungsprozeß der Einwandererkolonie in
Kreuzberg
2.1.2 Sozialpsychologische.Überlegungen
2.1.3
Religionssoziologische Überlegungen
-
2.2
2
-
Begründung auf der Basis
2.2.1 Halkc* Devrimci Birligi (HDB)
2.2.1.1 Zusaimienf as sung des Interviews
2.2.2 Türk Merkezi (Türkenzentrum)
2.2.3 KQME<AR (Föderation der Arbeitervereine aus
Kurdistan in der BRD e.V.)
2.2.4 Islam Federasyonu (Islamische Föderation) und
Fatih Camii (FatihHtoschee)
2.2.5 Familie D.
2.2.6, Familie K.
3.
Zusammenfassung der Gesprächsergebnisse
3.1
Zusammenfassende Thesen
3.2
Protokolle der Diskussion in der "AG Ausländer"
4.
Zur Realisierung des Kulturzentrums
4.1
Überlegungen zum Nutzungs-, Träger- und Finanzierungsmodell
4.2
Der Entwurf von Berker
4.3
Andere Ansätze - Andere Standorte
-Moschee in Wien / Islamisches Kulturzentrum Oslo
“Projektgruppe Moritzplatz
-Entwurf Kremser 1977
5.
Das Fest auf dem Görlitzer Bahnhof:
Abschließende Wertung der Initiative für ein türkisches
Kulturzentrum mit Gebetsraum
3
1. Vorgeschichte
Seit spätestens dem Herbst 1983 ist im Stadtteil
SO 36 bekannt, daß ein Wettbewerb zur Gestaltung
des Geländes Görlitzer Bahnhof stattfinden soll.
Es gibt ein umfangreiches Symposion -veranstaltet
vom Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz.
Die Arbeitsgruppe Görlitzer Bahnhof trägt ihre
Forderungen vor. Es geht darum, für das Bahnhofs¬
gelände einen Park zu fordern und alle anderen
Nutzungen, die im Stadtteil gefordert werden, wie:
Sportplätze, Kinderbauernhof und Verkehrskinder¬
garten zurückzuweisen. Eine Gruppe von sehr akti¬
ven deutschen Bürgern hat sich hier zusammengetan;
sie empfinden sich als Sprecher der Stadtteilbe¬
wohner .
Der Senator
für Stadtentwicklung und Umweltschutz
BERLIN
Daß 40 % der Anwohner des Görlitzer Bahnhofs,
nämlich die Bewohner aus der Türkei bei diesem
Forderungskatalog der Bürger nicht mitsprechen,
weil sie weder an der Arbeitsgruppe teilgenommen
haben noch auch bei diesem Symposion sich zu
Worte melden, wird mit etwas Unbehagen registriert.
Ein deutsch-türkisch-kurdischer Nachbarschafts¬
verein meldet sich zu Wort und fordert Garten¬
land für Familien aus der Türkei, weist darauf
hin, daß diese Form der Aneignung von öffent¬
lichem Land vielleicht ein für Familien aus agra¬
rischen Gebieten geeignetes Angebot wäre. Als
Kohlkopfdenken und Schrebergarten-Ideologie wird
dieses Ansinnen scharf zurückgewiesen. Dennoch
bleibt ein schlechtes Gewissen bei der Arbeits¬
gruppe zurück; es ist nicht angenehm, daß die
40 % stumm bleiben. "Aber eigentlich haben sie
ja selbst schuld, wenn sie sich nicht beteiligen.
Sie könnten ja einfach kommen und sagen: Wir
wollen auch einen Park, genau wie ihr, für unse¬
re Picknicks, wir wollen nichts anderes."
Aus dem Protokoll des Symposions
"Görlitzer Park" vom 22.10.83:
— Ich spreche für den Nachbarschaftsverein Forsterstraße.
Wir sind ein Verein von türkischen und deutschen Familien,
die sich um die Verbesserung der Wohn- und Lebensbedingun¬
gen in ihrer Straße kümmern. Wir haben in unserem Verein
auch über den Görlitzer Bahnhof diskutiert und haben
folgenden Vorschlag, der ganz speziell von türkischen
Familien kämmt. Sie haben ihr Interesse angemeldet, eine
Gartennutzfläche zu haben auf diesem Gelände. Die Vor¬
stellung ist so, daß dieses Gartennutzgelände selbstän¬
dig verwaltet wird im Wechsel von etwa 20 Familien.
5
— Zum einen freue ich mich, daß überhaupt eine Dis¬
kussion stattgefunden hat und daß sich die türki¬
sche Bevölkerungsgruppe auch einmal zu Wort meldet,
sie werden ja meistens doch vernachlässigt, zum
anderen muß ich stark kritisieren, daß man den
Görlitzer Bahnhof zu einem großen Schrebergarten
umfunkionieren will.
— Die leeren Höfe, die es hier rundherum gibt, sind
noch lange nicht alle grün und da kann sich auch
die Kürbismentalität ausbreiten. Es gibt da auch
ein Programm, das recht mickerig ausgestattet ist,
und es gibt auch noch Auseinandersetzungen, wie weit
das wirksam werden kann. Dann eben wie gesagt, die
Arbeitsgruppe ist da offen. Wir hatten auch irttner
gedacht, eine Arbeitsgruppe, die nicht nur aus SPDoder AL- oder Vereinsleuten besteht, kann diese An¬
sprüche im Vorfeld schon sammeln.
1.1. Ein Kulturzentrum mit Gebetsraum wird ge¬
fordert
Es zeigt sich dann in den folgenden Monaten je¬
doch, daß die Beteiligung der türkischen Bevöl¬
kerung an stadtteilpolitischen Entscheidungen
sich nicht so einfach gestalten läßt wie man
das gerne hätte.
1.1.1
Die Fatih-Gemeinde
Auf dem Gelände des Görlitzer Bahnhofs befindet
sich die Fatih-Moschee, ursprünglich ein Lager¬
schuppen, der im August 1981 von den Mitgliedern
einer Moschee in der Skalitzerstraße 100 besetzt
und zur Moschee erklärt worden war.
6
Die Anwesenheit den Fatih~Mosch.se und ihrer Ge¬
meinde auf dem Gelände wird seitdem von der öffent
liehen Eigentümerin des Geländes Görlitzer Bahnhof
der Verwaltung des ehemaligen Reichsbahnvermögens,
geduldet.
Foto: Ralph Rieth
“Wir gehen hier nicht raus!“
60.000 Mark und 1.700 Arbeitsstunden
haben Angehörige der Islamischen Fö¬
deration in den vier Monaten in eine alte
Kartoffellagerhalle auf dem ehemali¬
gen Görlitzer Güterbahnhof gesteckt.
Mehr als 10.000 haben sich in dieser
Zeit in der selbst gebauten Moschee
zum Gebet niedergelassen. Statt in
dunklen Hinterhäusern wollen sie auch
in der Fremde unter menschwürdigen
Bedingungen ihren Glauben praktizie¬
ren. Nur haben die Verhandlungen mit
dem Eigentümer des Gebäudes, der
Reichsbahn, bisher zu keiner vertragli¬
chen Regelung der Nutzung geführt. In
diesem "Gewerbebereich" wäre kein
Platz für eine Moschee, ließen die OstEisenbahner wissen. “Wir gehen hier
nicht mehr raus“, erklärt Ali Melhikürencer, der die Gemeinde von der Not¬
wendigkeit einer Besetzung überzeugt
hat “Nur wenn andere Mieter auch ge¬
hen müssen.“ Am Montag wollen die
Türken mit dem Bau eines Minarettes
beginnen, damit die ehemalige Lager¬
halle zu einer “richtigen“ Moschee wird.
Am Dienstag werden sie mit dem Bau¬
stadtrat Orlowsky sprechen. Die
Reichsbahn hat allerdings angekün¬
digt, daß sie die Meinung des Kreuzber¬
ger Stadtrates nicht sonderlich interes-
- 7 -
1.1.2. Bürgerversammlung in der Taborgemeinde
Im Jahr des Symposions, 1983, sind das nun schon
immerhin zwei Jahre Duldung. Es zeigt sich auf
der 1. Bürgerversammlung zum Thema Görlitzer
Bahnhof am 8.2.84, die im Gemeindesaal der Ta¬
borgemeinde stattfindet, daß die Fatih-Gemeinde
sich in dieser Zeit in ihrer Moschee festgesetzt
hat, über einige 100 regelmäßige Besucher und
Gemeindemitglieder verfügt und nun auch nicht
mehr ohne weiteres bereit ist, von dem Gelände
zu weichen. Die vorwiegend deutsche Bürgerver¬
sammlung votiert in Anwesenheit einiger MoscheeVertreter dafür, daß die Fatih-Moschee auf dem
Gelände bleiben soll.
-Moschee;
Die Versammlung sprach sich für den Erhalt einer
Moschee aus, auch einem Neubau stand man nicht ab¬
lehnend gegenüber, da im Gebiet schließlich 40%
Türken leben. Der Gemeinderat der Fatih-Gemeinde
gab zu bedenken, daß ihre Moschee eigentlich schon
zu klein sei und sie nichts gegen neubauen hätten.
Außerdem, so meinten sie, wäre es in Berlin kein
Problem; alle Moslans unter ein Dach zu bekonmen, da
die Streitigkeiten nur politischer und nicht reli¬
giöser Art seien. Frau Klette (AG-Görlitzer Bahnhof)
stellte nochmal klar, daß die Moschee eigentlich ja
besetzt ist. Ein anderer Teilnehmer meinte, daß eine
Moschee in der Nähe von Wohnungen eine zu große Be¬
lästigung darstellen würde. Es wurde gewünscht,
sich die Türken auch an der übrigen Planung des Bahn¬
hofs beteiligen. Der Vertreter der Fatih-Goneinde bot
der Arbeitsgruppe einen Dolmetscher für eine Informa¬
tionsveranstaltung für türkische Mitbewohner an.
(Aus dem Protokoll der Bürgerversammlung vom
8.2.84)
1.1.3
Die A.G.-Ausländer im Verein SO 36
entwirft ein Konzept für ein Kultur¬
zentrum mit Gebetsstätte
An dieser Stelle nun wird die "Arbeitsgruppe
Ausländer" im Verein SO 36 hellhörig. Diese
Gruppe besteht aus circa 20 bis 30 Mitarbei¬
tern und Mitarbeiterinnen von Ausländerpro¬
jekten im Stadtteil SO 36, die als Mieterbe¬
rater (innen) , Gemeinwesenarbeiter(innen),
Sozialberater(innen), Drogenberater(innenjvor¬
wiegend mit der ausländischen Bevölkerung aus
der Türkei zu tun haben, außerdem aus Mitglie¬
dern der ansässigen ev. und kath. Kirchenge¬
meinden, die sich für die Situation ausländi¬
scher Familien besonders interessieren. Zwei
Drittel der Mitglieder in der Arbeitsgruppe
sind selbst aus der Türkei.
Fast alle an der Arbeitsgruppe Beteiligten ha¬
ben langjährige Erfahrungen im Ausländerbereich,
sowohl in der Sozialarbeit als auch der politi¬
schen Arbeit mit Vereinen und Initiativen, fast
alle haben eine akademische Ausbildung (Soziolo¬
gie, Sozialpädagogik, Jura, Ökonomie, etc.) und
gehören fortschrittlichen Gruppen an, die sich
gegen konservative Traditionen wenden.
Der öffentliche Erfolg der Vertreter der FatihGemeinde auf der Bürgerversammlung macht für die
Arbeitsgruppe folgende Punkte deutlich:
- Hier gibt es vielleicht zum ersten Mal eine
Initiative aus dem Kreis der türkischen Minder
heit, die wirklich von türkischen Arbeiterfa¬
milien getragen wird und die Kraft genug be¬
sitzt, sich mit der deutschen Öffentlichkeit
auseinanderzusetzen;
9
~ hier wird zum ersten Mal laut ein Interesse
im Stadtteil angemeldet/ die seit Jahren
vermißte stadtteilpolitische Beteiligung
der türkischen Minderheit bei der Planung
des G örlitzer Bahnhofs findet wirklich
statt;
- eine Vertreibung der Fatih-Gemeinde vom Ge¬
lände wäre als minderheitenfeindlicher Akt
zu verstehen und könnte auf keinen Fall ge¬
duldet werden, auch nicht von seiten der’Ar¬
beitsgruppe Ausländer;
- bei der Fatih-Gemeinde handelt es sich um
eine religiöse rechte Gruppierung, die kei¬
nesfalls als alleinige Interessenvertretung
der türkischen Bevölkerung in Kreuzberg 36
zu akzeptieren ist.
Vermutlich steht diese Gruppe als Mitglied der
Islamischen Föderation im Zusammenhang mit dem
Mord an dem fortschrittlichen Lehrer Celalettin
Kesin im Jahre 1980, ebenso mit der fanatischen
Kopftuchaktion in Kreuzberger Grundschulen im
Jahre 1980, bei der deutsche Lehrer(innen) mit
Drohungen unter Druck gesetzt wurden.
Nachspiel zur Ermordung Celattin Kesim
12 islamische Türken
«fW freigesprochen
Anderthalb Jahre nach dem blutigen Angriff rechtsgerichteter, isla¬
mischer Türken auf Mitglieder des demokratischen, türkischen Ar¬
beitervereins am Kottbusser Tor, bei dem der Gewerkschaftsfunk¬
tionär Celattin Kesim ermordet wurde, sind jetzt 12 derangeklagten
Türken freigesprochen worden.
10
MITTEILUNG.!
Unsere Töchter und Söhne,die hier zur Schule gehen,werden von
Lehrern und von Schulleitern beeinflußt und erpresst.
Wegen unseren konfessionellen Gründen müssen unsere Töchter sich
in islamischer Kleidung bekleiden.Aber das verstehen die Lehrer und
die Schulleiter nicht,oder sie wollen es absichtlich nicht verstehen.Sie
erpressen unsere Töchter und beleidigen sie.Die Anti-Islamischen
Lehrer wollen nicht,daß die islamischen Kinder in islamischer Klei¬
dung sind.Die Lehrer und die Schulleiter sind generell gegen den
Koran - Kursus und sie sind sehr chaotisch für die Muslimen,die in
Berlin leben.Das letzte Muster dafür,war die Broschüre von dem
Hier ist der PlatzJcommt und beweist uns eure Meinungen.Hört
endlich auf uns zu beleidigen und uns zu verdächtigen^onst wird
eine wahnsinnige Spur in eurem Gesicht verbleiben,die ihr in Zu¬
kunft nie wieder entfernen könnt.
Für die Arbeitsgruppe Ausländer, ganz besonders
für die türkischen und kurdischen Mitglieder,
die sich als eine Art Sprecher des fortschritt¬
lichen Teils der türkischen Bevölkerung verstehen,
ist klar, daß das Gewicht der Fatih-Gemeinde in
der derzeitigen Diskussion über das Bahnhofsge¬
lände zurückgedrängt werden muß, und daß For¬
derungen gestellt werden müssen, die über die
engen Interessen der Fatih-Gemeinde hinausgehen,
daß auf keinen Fall eine Sprecherrolle der FatihGemeinde hingenommen werden kann, daß ein eige¬
nes Konzept für die Nutzung des Görlitzer■Bahn¬
hofs und für die Berücksichtigung der Interessen
der türkischen Bewohnerschaft vorzulegen ist.
1) Abbildung entnommen aus: H.-G. Kleff,
Vom Bauern zum Industriearbeiter, Ingelheim 1984,
S. 263
11
Aus dieser Diskussion entsteht das Konzept
"Kulturzentrum mit Gebetsraum" der "Arbeits¬
gruppe Ausländer", das in letzter Minute, im
Juni 1984 noch in die Wettbewerbsunterlagen
beim Senator für Stadtentwicklung und Umwelt¬
schutz mitaufgenommen wurde, obwohl zu jenem
Zsitpunkt schon entschieden war oder zumindest
schien, daß eine Realisierung auf dem Gelände
des Görlitzer Bahnhofs ausgeschlossen sei.
Der Weg zu diesem Konzept führt über harte
Auseinandersetzungen innerhalb der "Arbeits¬
gruppe Ausländer" und mit Sprechern anderer
Gruppen, mit türkischen Arbeiterorganisationen
einerseits und mit islamischen Gruppen anderer¬
seits .
Der schwierige Punkt ist die Rolle des reli¬
giösen Bereichs im Kulturzentr-um. Die säkulare
Tradition der meisten Arbeitsgruppen-Mitglieder
wie auch der in die Diskussion einbezogenen Ar¬
beiter-Organisationen läßt es eigentlich nicht
zu, daß man sich für eine Gebetsstätte einsetzt.
Andererseits wird von den meisten Beteiligten er¬
kannt, daß die Einbeziehung der Religion für einen
erheblichen Teil der türkischen Minderheit eine
wesentliche Rolle spielt, daß der Konflikt um
die Fatih-Moschee auf dem Gelände des Görlitzer
Bahnhofs aktuell der Anlaß ist, Forderungen für
die Minderheit zu stellen, und daß es darum geht,
gleiche Rechte für die Minderheit durchzusetzen,
darunter auch das Recht auf Religionsausübung,
wozu auch ein angemessener, öffentlich gekenn¬
zeichneter Raum und Ort gehört.
12
1.1.4
Gespräch mit dem Religionsbeauftragten
Ende Februar 1984 findet ein Gespräch mit dem
Religionsbeauftragten der islamischen Union
statt, der von der "Arbeitsgruppe Ausländer"
dazu eingeladen wird. Die islamische Union ist
die vom türkischen Staat eingesetzte Vertretung
der islamischen Religion in Deutschland. Der
Religionsbeauftragte, der gleichzeitig höchster
Prediger der islamischen Union ist, ist Beam¬
ter des türkischen Konsulats. Laut Aussage des
damaligen Religionsbeauftragten verfügt die
islamische Union in Berlin über sechs Moscheen,
darunter aber keine in Kreuzberg.
Dem Konzept eines Kulturzentrums mit Gebets¬
raum gegenüber ist der Religionsbeauftragte
aufgeschlossen, ist auch anscheinend bereit,
mit Gruppen der Fatih-Gemeinde zusammenzuar¬
beiten.
Geld für einen Moscheebau sei über die türki¬
sche Regierung durchaus zu beschaffen.
Alles klingt in diesem Gespräch recht einfach.
Nur die bekannte Tatsache, daß die staatskontrol¬
lierte islamische Union und die theokratische
islamische Förderation, der die Fatih-Gemeinde
zugehört, sich seit Jahren bekämpfen, wird nicht
erwähnt.
1.1.5
Gespräch mit einem Sprecher der FatihGemeinde
Daß es hier alte Feindschaften zwischen den
Gruppen gibt, macht ein Gespräch mit einem
Vertreter der Fatih-Gemeinde im April 1984
deutlicher. Herr Y. stellt die Fatih-Gemein¬
de als eine islamische Selbsthilfegruppe von
türkischen Arbeitern dar, die sowohl von der
deutschen Seite wie auch von der eigenen Re¬
gierung im Stich gelassen wird und deshalb ge¬
zwungen ist, sich auf die eigene Kraft zu be¬
sinnen.
Die vom türkischen Staat eingesetzte Religions¬
vertretung lehnt er als Vertreter dieser Arbeitnehmer-Selbsthilfegruppe ab.
Die Selbstdarstellung als demokratischer Arbei¬
terverein weicht stark ab von dem Bild, das man
bis dahin von der Fatih-Gemeinde hatte, zeigt
aber, daß die Gemeinde auf das Angebot der tür¬
kisch-deutschen Stadtteilgruppe "Arbeitsgruppe
Ausländer" eingehen will.
Das Interesse der Fatih-Gemeinde, die Moschee zu
erhalten oder besser noch eine größere am sel¬
ben Standort zu bauen, ist stark. Die Möglichkeit,
im Bündnis mit den in der deutschen Öffentlich¬
keit anerkannten deutsch-türkischen Stadtteil¬
initiativen gemeinsam einem solchen Ziel näher
zu kommen, scheint von der Fatih-Gemeinde posi¬
tiv eingeschätzt zu v/erden. Der Vertreter akzep¬
tiert sogar ein Konzept, in dem weltliche Berei¬
che einbezogen sind und stellt sich sogar posi¬
tiv zu der Einbeziehung schiitischer (alevitischer) Gläubiger, die nach Meinung der "Arbeits¬
gruppe Ausländer" bei der Planung eines Kultur¬
zentrums gleichberechtigt mitbedacht werden müssen.
1 4
AG-Ausländer
Protckoll: Gespräch mit der Fatih-Moschee am 12.4.84
Anwesend. : Y.,
(Fatih-Moschee), G., A., Ö., U.
1. Vorgeschichte und jetziger Stand der Fatih-Moschee;
Y. äußert Befremden über den unterschiedlichen Ver¬
lauf der Versanmluncen zum Thema Görlitzer Bahnhof.
Wahrend die Bürgerversammlung in der Taborgemeinde
sich für die Erhaltung der Fatih-Moschee aussprach,
faßte die Mitgliederversammlung des Vereins SO 36
keinen Entschluß zu diesem Punkt; in der 2. Bürgerversammlung zum Görlitzer Bahnhof sprachen sich
verschiedene Teilnehmer für ein Kulturzentrum mit
Moschee aus. Y. fragt, wie es dazu kam.
Wir erklären die unterschiedlichen Stellungnahmen.
Y. erzählt die Vorgeschichte der Fatih-Moschee s
Die Moschee wurde 1981 besetzt. Ein amerikanischer
Vertreter der Alliierten habe sich damals für eine
Baugenehmigung für ein Minarett ausgesprochen. Die
Gemeinde habe die Auflage erhalten, das Minarett
innerhalb von 3 Monaten zu bauen. Dies sei nicht
gelungen. Nach der Frist sei die Baugenehmigung zu¬
rückgezogen worden. Nach wie vor suche die Gemeinde
nach einem Standort für eine richtige Moschee; die
jetzige Fatih-Moschee sei ja nur ein Schuppen. Ge¬
fordert werde ein Standort in Kreuzberg. Der Moschee¬
verein habe ca. 200 eingetragene Mitglieder.
Nach der Besetzuna habe die Gemeinde das Lagerge¬
bäude zunächst gemietet; später für 32.000,-- EM
gekauft. Sie habe einen Pachtvertrag mit der VDR
und zahle eine Pacht von 460,— EM monatlich für
das Gelände. Y. fragt nach einem Anspruch auf Ent¬
schädigung für die Kauf summe bei Räumung.
Y. stellt die Fatih-Gemeinde als einen Arbeitnehmerverein dar, der seinen Vorstand auf demokrati¬
sche Weise wähle. "Deutschland ist ein freies Land."
2. Politische Linie der Fatih-Ganeinde:
Y. wird nach der Beteiligung der Fatih-Gemeinde an
der Ermordung Kesins, der Kopftuchaktion und einer
antisemitischen Demonstration gefragt. Er stellt
alle diese Aktionen als Einzelinitiativen von Fana¬
tikern dar, für die der Verein nicht verantwortlich
sei. Nach der Zugehörigkeit des Vereins zur MSP ge¬
fragt, beschreibt Y. auch diese Tendenz als indivi¬
duelle Ausrichtung von unzufriedenen Arbeitnehmern,
- 15
die sich von ihrer Regierung im Stich gelassen
sehen, sich an die Partei binden, die ihnen am
meisten für ihre Interessen und die ihnen vor
allem Unterstützung in ihren religiösen Bedürf¬
nissen verspricht.
Zur Politik der Federasyon, zu der die FatihGemeinde gehört, bittet Y. uns, das Vorstands¬
mitglied der türkischen Gemeinde, D., zu befra¬
gen.
3. Verhältnis zur islamischen Union:
Die islamische Union wird als "verlängerte Hand der
türkischen Regierung" gesehen und damit abgelehnt.
Allerdings seien dennoch auf religiösem Gebiet
positive Kontakte möglich. So sei ein Austausch
der Prediger zwischen den verschiedenen Gemeinden
"imner möglich" gewesen. Mit B. von der islami¬
schen Union habe es Kontakte gegeben, B. sei aber
jetzt ausgetauscht worden.
Y. kritisiert den kemalistischen Laizismus, der
ja eigentlich Trennung von Religion und Staat for¬
dere, aber eine totale Kontrolle der Religion
durch den Staat praktiziere.
Kulturzentrum:
Frage: Wie ist die Meinung der Fatih-Ganeinde zu
einem islamischen Kulturzentrum, das neben einer
Moschee auch Versanmlungsräume, Bibliothek etc. um¬
fassen würde und für alle islamischen Gruppen offen
sein müßte?
Y. ist der Plan des Senats bekannt, mit dem türki¬
schen Konsulat und der islamischen Union zusammen
ein Kulturzentrum in Wilmersdorf zu gründen. Die
Fatih-Gemeinde sei darüber aber nicht offiziell in¬
formiert worden.
Y. lehnt ein Kulturzentrum für alle islamischen
Gruppen nicht ab, betont die Offenheit der FatihMoschee gegenüber allen islamischen Gläubigen. Auch
Schiiten würden an den Festtagen in der Fatih-Moschee
beten.
Der Islam achte alle Religionen, nur Atheisten und
Buddisten lehne er ab.
16
1.1.6
Gespräch der "AG-Ausländer" mit Spre¬
chern demokratischer Gruppen
Einer Einladung der "Arbeitsgruppe Ausländer"an
im Stadtteil ansässige türkische Arbeitervereine
und Initiativen über das Kulturzentrum zu dis¬
kutieren, folgen ein Vertreter des HDB (türki¬
sche Sozialdemokraten), zwei Vertreter des BTT
(Berlin Türk Toplulugu / Türkischer Bund Ber¬
lin) , ein türkischer Vertreter der Ausländer¬
kommission der GEW und ein Vertreter des Ju¬
gend- und Kulturzentrums Schlesische Straße.
Bei dieser Diskussion, die das erste Mal nur
türkische Gruppen einbezieht, wird die ganze
Skepsis gegenüber dem halbwegs als notwendig
angesehenen, halbwegs als gefährlich einge¬
schätzten Bündnis mit den islamischen Gruppen
noch einmal zum Ausdruck gebracht.
Wenn dann Ende Mai 1984 dennoch ein Konzept
"Kulturzentrum mit Gebetsraum" in die Wettbe¬
werbsunterlagen eingebracht wird, auf das sich
die "Arbeitsgruppe Ausländer" geeiniat hat. so
ist hier ein ganz bemerkenswerter Schritt voll¬
zogen, der vielleicht eine entscheidende Än¬
derung in der Geschichte der türkischen Migran¬
ten in Berlin bedeutet. Einige politisch sehr
kontrovers zueinander stehende Gruppen der tür¬
kischen Minderheit schließen ein minderheiten¬
spezifisches Bündnis, mit dem Ziel, sich im
Stadtteil einen Raum zu schaffen, wo man sich
in seiner Alltagskultur, zu der auch die all¬
täglichen religiösen Praktiken gehören, ausdrücken kann, mit dem man sich identifizieren
kann.
-
17
Dieses Bündnis liegt quer zu den traditio¬
nellen Kämpfen zwischen Rechts und Links,
es ist deshalb in seiner Kontinuität gefähr¬
det, muß aber erprobt und in seiner Bedeutung
für die Entwicklung der Minderheit und ihres
politischen Bewußtseins ernst genommen werden.
18
1-2. Wie die deutsche Öffentlichkeit auf diese
Forderung reagierte
1.2.1. Die Bürgerversammlung zum "Görlitzer Park"
im März 1984
Der erste öffentliche Auftritt der "Arbeits¬
gruppe Ausländer" mit der Forderung nach einem
Kulturzentrum mit Gebetsraum fand auf der Bür¬
gerversammlung am 14.3.84 zum Thema "Görlitzer
Park" statt. Im Schlesischen Tor sind etwa 300
Bürger versammelt, darunter fünf bis zehn Ver¬
treter der Fatih-Gemeinde, sonst keine türki¬
schen Bewohner außer den Mitgliedern der "Ar¬
beitsgruppe Ausländer". Auf dem Podium sitzt
die "Arbeitsgruppe Görlitzer Bahnhof", die für
die Parkplanung zuständigen Stadträte König
(Jugend und Sport), Orlowski (Bauwesen) und
Krüger (Finanzen), sowie ein Vertreter des Se¬
nators für Umwelt als Auslober des Wettbewerbs
"Görlitzer Bahnhof".
Als die Arbeitsgruppe "Görlitzer Bahnhof" das
heiße Eisen "Fatih-Moschee" in der Darstellung
ihrer Forderungen übergeht, hakt ein Vertreter
vom Ausländerbereich der AL nach und spricht
das Thema Moschee an; er fordert für eine Mo¬
schee den Standort Görlitzer Bahnhof. Zwei tür¬
kische Sprecher der "Arbeitsgruppe Ausländer"
stellen hier das Konzept "Kulturzentrum mit Ge¬
betsraum" vor, sprechen das Recht der türki¬
schen Bevölkerung an, in dem geplanten Park
etwas von ihren Bedürfnissen verwirklicht zu
sehen, das Recht, an dem Ort, der notgedrungen
-
19
zur zweiten Heimat geworden ist, ein Identi¬
fikationsobjekt zu finden, das etwas von der
eigenen Geschichte repräsentiert.
Die Reaktionen der deutschen Seite sind über¬
wiegend abwehrend. Das Thema "Kulturzentrum"
wird gar nicht aufgegriffen; sofort geht es
nur noch um "die Moschee", der übereifrig und
übereilt jede Existenzberechtigung zugestanden
wird, in diesem Punkt gibt man sich äußerst tole¬
rant, dabei völlig unkritisch gegenüber der Rolle
dieser Moschee, die ja auf dem Gelände des Görlitzer Bahnhofs vorhanden ist, nämlich der
Fatih-Moschee. Ganz und gar intolerant erscheint
die Kreuzberger deutsche Bürgerschaft gemein¬
sam mit ihren Stadträten gegenüber der Forde¬
rung, eine solche Moschee auf dem Görlitzer
Bahnhofs-Gelände zu bauen. Allzuschnell wer¬
den andere Standorte angeboten, solche, die gar
nicht im Wohngebiet der türkischen Bevölkerung
liegen, die derzeit die Fatih-Moschee nutzen.
Der Baustadtrat bietet den Moritz-Platz und
-noch absurder- den Kemperplatz an, weit außer¬
halb von Kreuzberg und überhaupt weitab vom Wohn¬
gebiet islamischer Familien.
Der Görlitzer Bahnhof soll Park werden, man ist
sich einig in der Verteidigung des geplanten
Kreuzberger Grüns gegen türkische Ansprüche jed¬
weder Art.
An der Standortfrage macht sich hier eine Ab¬
lehnung fest,, die vermutlich ethnozentrische
Motive hat, d. h.: den Bedürfnissen der eigenen
20
Kultur (hier: Grün für Kreuzberg) wird unge¬
fragt und entschieden Vorrang gegeben gegen-über Bedrüfnissen, die aus der Migrantenkul¬
tur stammen.
Über die Problematik der theokratischen Orien
tierung der Fatih-Gemeinde und die daraus re¬
sultierende Notwendigkeit, die Bedeutung die¬
ser Gruppe beim Thema "Moschee in Kreuzberg"
zurückzudrängen, wird nicht diskutiert.
Die Darstellung der Bürgerversammlung im Süd¬
ost-Expreß gibt genau die Stimmung der Mehr¬
heit der Bürgerversammlung wieder: Skepsis
gegen die rechtslastige Fatih-Gemeinde, ünver
ständnis für die minderheitenspezifische Par¬
teilichkeit der "Arbeitsgruppe Ausländer";
Nicht-Vers teilen der über die Moschee hinaus¬
gehende Forderung nach einem Kulturzentrum,
bei dem die Chance besteht, den religiösen
Bereich in seiner Bedeutung zurückzudrängen.
Eine sehr gute Gegendarstellung gibt der Le¬
serbrief von Christoph Albrecht (Ausländer¬
bereich der AL), der im Südost-Expreß vom
Mai 1984 abgedruckt wurde.
21
P
Betr.: „Moschee im Park”
Ich weiß ja nicht, wer den Kommen¬
tar „Moschee im Park” im. letzten
SÜDOST-Express geschrieben hat,
aber er/sie spricht darin unter ande¬
rem über einen Sachverhalt, den auf
der Versammlung zur Gestaltung des
Görlitzer Bahnhofs im Schlesischen
Tor niemand vertreten hat: „Mehr
Moschee wagen” — nicht eine Aus¬
sage ging in diese Richtung. Im Ge¬
genteil: Weg von der Moschee, aber
nicht weg mit der Moschee, das war
der Tenor, wie er ja auch in dem Be¬
richt „Bürgerforum zum Stadtpark
am 14. März” richtig wiedergegeben
wird. In der Tat: „... Moschee verla¬
gern oder zum Kulturzentrum aus¬
bauen ...” heißt die anstehende Ent¬
scheidung und wer dabei so laviert
wie die Arbeitsgruppe Görlitzer
Bahnhof, der treibt die Diskussion
in eine Schmuddel-Ecke. Warum
wurde bei der Präsentation der
Überlegungen der Arbeitsgruppe zur
Gestaltung des Geländes jeder Qua¬
dratmeter präzise beschrieben, justa¬
ment die Ecke, wo jetzt der als Mo¬
schee genutzte Schuppen steht, aber
ausgespart? -Was spricht denn dage¬
gen, hier eine in der Arbeitsgruppe
vorhandene Ablehnung oder unter¬
schiedliche Meinungen, soweit sie zu
diesem Punkt vorhanden sind, vor¬
zutragen und zur Diskussion zu stel¬
len? Die Arbeitsgruppe kann natür¬
lich zur Frage, ob diese Ecke für kul¬
turelle und religiöse Zwecke der isla¬
mischen Kreuzberger auch in Zu¬
kunft genutzt weren soll, nicht an
der Zustimmung bei der Veranstal¬
tung in der Tabor-Gemeinde (eine
Gegenstimme) und an dem Beifall,
den befürwortende Aussagen in der
Schlesischen-Tor-Veranstaltung be-.
kommen haben, Vorbeigehen.
Keine Frage, die Vorbehalten müs¬
sen auf den Tisch und offen disku¬
tiert werden, die Arbeitsgruppe GörI litzer Bahnhof sollte ihre Taktiererei
I in diesem Punkt aufgeben. Es geht
E schließlich um Entscheidungen, die
-
für viele Jahre Bestand haben wer¬
den und völlig zu Recht fordert die
Arbeitsgruppe ansonsten ja auch,
das vorausschauend geplant werden
soll. In der Frage Moschee/Islami¬
sches Zentrum würde mehr Weit1
blick zu der Erkenntnis führen, daß
in der zweiten und erst recht dritten
Ausländer-Generation extreme reli¬
giöse und politische Positionen all¬
mählich verschwinden. Wie schnell
das geht, hängt auch von dem Ver¬
halten der Aufnahme-Gesellschaft
gegenüber der Minderheit ab. Die
jetzt noch zu recht beargwöhnten/
rechtsradikalen Islam-Fanatiker soll-|
ten nicht so erfolgreich sein, daß ihre!
Gegner sich zu Reflex- anstelle von!
durchdachten Entscheidungen hin-'
reißen lassen. Klar ist natürlich, daß
die jetzigen Fatih-Moschee-Leute
nicht die Hausherren eines islami¬
schen Kulturzentrums sein dürfen;
dafür ist niemand und man sollte
sich in der Diskussion von solchen
falschen Fixierungen nicht länger
blockieren lassen. Ein für alle KiezBewohner nutzbares
islamisches,
Kulturzentrum mit einem Kinosaal, |
Versammlungsraum,
Bibliothek
usw. ergänzt diese Ecke auf stimmi¬
ge Weise, denn durch das Schwimm¬
bad bekommt der Spreewaldplatz ei¬
ne völlig neue Bedeutung für Kreuz¬
berg. Und auch wenn man selbst mit
Kirche nichts am Hut hat, wird man
das Bedürfnis nach Räumen zur Re¬
ligionsausübung mit aktiver Tole¬
ranz akzeptieren können.
Eins möge zum Schluß noch bedacht
werden: In zehn, zwanzig Jahren
wird es in Kreuzberg viele deutsche
Staatsbürger islamischen Glaubens
geben, die sowohl zu islamischer Re¬
ligion und Kultur ein vertrautes Ver¬
hältnis wie auch zu Kreuzberg ein
Heimatgefühl
haben
werden.
Kommt eine solche Entwicklung
nicht auch uns Deutschen aus Kiel
und Mannheim, aus Augsburg und
Freiburg, aus Kreuzberg und Tem¬
pelhof zugute, die wir uns in Kreuz¬
berg wohlfühlen?
Christoph Albrecht
-
22
-
1..2.2. Die Sondersitzung des Stadtteilaus¬
schusses im Juli 1984
Eine Sondersitzung des Stadtteilausschusses
im Verein SO 36 am 2.7.1984 zum Thema "Görlitzer Bahnhof" bringt das Ausmaß der Kon¬
troverse zu Tage.
Zu dieser Sitzung hat die "Arbeitsgruppe Aus¬
länder" eine breite Basis mobilisiert: Ver¬
treter der Fatih-Moschee, der Türkischen Ge¬
meinde, des Türkischen Bundes, des HDB und
des AL-Ausländerbereichs sind gekommen, um
den Beteiligungsanspruch der türkischen Be¬
völkerung anzumelden und die Forderung nach
einem Kulturzentrum zu unterstützen.
Ein so breites Bündnis zwischen türkischen
Gruppierungen von rechts bis links hat es in
der Geschichte der türkischen Einwanderer in
Berlin wahrscheinlich noch nicht gegeben.
Im Stadtteilausschuß sitzen bei dieser Begeg¬
nung neben dem Vorstand des Vereins SO 36 eini¬
ge Mitarbeiter dieses Vereins, die Arbeits¬
gruppe Ausländer, die Arbeitsgruppe Görlitzer
Bahnhof, Vertreter der Stadträte oder sie selbst
(Herr König), Vertreter der IBA, Vertreter des
Umweltsenators, ein Bürgerdeputierter der SPD,
der Sanierungsbeauftragte Herr Kokott und einige
Mitglieder des Vereins SO 36, die der AL und
der SPD nahestehen.
Bis auf wenige Ausnahmen bilden die anwesen¬
den Deutschen in der Diskussion eine klare Front
gegen die einstimmige Forderung der türkischen
Gruppen nach einem Kulturzentrum mit Gebetsraum.
23
2
Eine Zahl wird genannt: 10.000 in von den
insgesamt 140.000 m 2 Bahnhofsgelände wer¬
den für das Kulturzentrum beansprucht.
Die ablehnende Haltung der deutschen Ver¬
treter zwingt die türkischen Sprecher in
eine Einheitsfront, in die sie sich frei¬
willig nicht leicht begeben würden: ein
junger Mann aus der Fatih-Gemeinde weist
drohend daraufhin, daß die Fatih-Moschee
auf keinen Fall freiwillig geräumt wird
und bekommt Beifall von türkischen Gruppen,
die sich bei anderen Gelegenheiten eher von
Gruppierungen wie der Fatih-Gemeinde distan¬
zieren würden.
Bei den beteiligten Türken entsteht das Be¬
wußtsein, gemeinsam als Minderheit diskrimi¬
niert zu sein, in dem Anspruch auf Bürger¬
beteiligung nicht ernst genommen zu sein in
dem Moment, wo die Forderungen, die man stellt,
der Mehrheit nicht genehm sind.
Große Koalition
st unter unseren türkischen Mitbewohnern
angesagt—-zumindest was ihre etablierten
Wortführer anbelangt. Von rechts bis links,
von Türkischer Föderation über Türkische
Gemeinde bis zum Türkischen Bund (die re¬
gierungsnahe Türkische Union glänzte durch
Abwesenheit), waren alle vertreten, als es im
Laden des Vereins SO 36 um die Frage „Isla¬
misches Kulturzentrum mit Moschee auf dem
Görlitzer Bahnhof“ ging. Schlechte Vorbe¬
reitung, ungenaue Vorstellungen und viel zu
allgemeine Forderungen ihrerseits machten
es ihren deutschen Widersachern aus der AG
Görlitzer Bahnhof und der SPD leicht, den
Moschee-Anspruch auf ein Stück (lOOOOm2)
Stadtpark-Gelände zurückzuweisen. Stattdessen sollten die Türken sich mit einem Kul¬
turzentrum samt Moschee am Moritzplatz (
anfreunden, war der deutsche Tenor.
24
So kommentiert herablassend die Stadtteil¬
zeitung "Südost-Expreß" im August 1984.
"Schlechte Vorbereitung" und "ungenaue Vor¬
stellungen" werden den türkischen Sprechern
vorgeworfen, ein Vorwand, um die Ablehnung
der deutschen Interessensvertreter wie auch
die des Stadtteilblattes zu rechtfertigen.
Herr Kokott, der Sanierungsbeauftragte im
Bezirk, bringt klar zum Ausdruck, daß die
türkische Minderheit unterliegen muß: Eben¬
sowenig wie die Katholischen Kirchengemein¬
den sich in Preußen durchsetzen konnten,
wenn sie versuchten, ihre Kirchen auf öffent¬
liche Plätze zu bauen, ebenso wird es euch
Moslems nicht gelingen, eine Moschee auf das
repräsentative Gelände des Görlitzer Bahnhofs
zu bauen.
(In Preußen gab es ein entsprechendes Gesetz,
das den katholischen Gemeinden Bauland für
Kirchen nur in Blockinnenbereichen zugestand)
Der Stadtteilausschuß geht ohne Beschluß aus¬
einander ,
Keine Chance für
Kulturzentrum am
Görlitzer Balmhof?
(DW). |)lc ArbcilsRnippe „Ausländer“
des Vereins SO 36 hal im Rühmen des
vorgesehenen Wettbewerbs für das Gelän¬
de des jetzigen Görlitzer Bahnhofs den
Entwurf eines Kulturzentrums mit Mo¬
schee vorgelegt. Das Kulturzentrum soll
einerseits eine Slgnalfunklion habeit,’ die
Einwanderern auf der Suche nach einer
neuen Identität einen Bezugspunkt bietet.
Es soll andererseits nach dem Vorschlag
der Arbeitsgruppe der deutschen Bevölke¬
rung die Lcbensvielfall der Ausländer nüherbringen.
Die entwickelten Vorstellungen sind
unter den verschiedenen politischen
und religiösen türkischen Bevölkerungsgruppen ausfiihrlich'diskutiert worden
Die Initiative auf Basis eines relativ
brcilgelnchertcn
Gruppenspektrums
stellt eine neue Entwicklung in der Ge¬
schichte der Einwanderung dar.
'
Leider (mißte die Arbeitsgruppe des
Vereins SO 36 feststellen, daß auf der
Sitzung des zuständigen Kreuzberger
Stadtteilausschusses Anfang Juli keine
Empfehlung für die Idee eines entspre¬
chenden Kulturzentrums gegeben wur¬
de. Die Initiatoren halten daher die Ver¬
wirklichung eines kiezbezogenen Zen¬
trums für stark gefährdet. Sie sehen in
der unmittelbar vor der Eröffnung des
Wettbewerbsverlährens entstandöhen
Lage einen bezeichnenden Hinweis auf
die politische Rechtlosigkeit der auslän¬
dischen Bewohner. Sie stehe Im Gegen¬
satz zu dem Motto: „Der Görlitzer
Bahnhof ist für alle da.“
25
Am Tag danach wird im Bezirk Kreuzberg be¬
schlossen, den Ausschreibungstext der "Ar¬
beitsgruppe Ausländer" zum Kulturzentrum mit
Gebetsraum aus dem Wettbewerbstext zu strei¬
chen. (vgl. S. 6 ff).
Der zum ersten Mal mit Einigkeit und Stärke
vorgetragene Anspruch des türkischen Teils
der Bevölkerung, vorgetragen immerhin von
einer Reihe von im Stadtteil aktiven Gruppen,
ist zurückgewiesen.
Das schlechte Gewissen, das sich denn doch
bei einigen deutschen Interessenvertretern,
besonders auch bei der Bürgervertretung Ar¬
beitsgruppe Görlitzer Bahnhof regt, wird be¬
ruhigt mit dem Hinweis, man müsse sich eben
um einen anderen Standort bemühen.
1.2.3.
Pressereaktionen
Einige Tage später schickt die AG Ausländer eine
Pressemitteilung an die Berliner Tageszeitungen;
der Wettbeuerbsausschreibungstext zu Kulturzentrum
und Moschee ist beigefügt.
Moschee und Kulturzentrum
Im Umfeld des Görlitzer Bahnhofs leben 40 S Ausländer, ln
einzelnen Blocken bis zu 60 I.
fcs gibt mehrer türkische Gemeinden, die außerdem unterein¬
ander verfeindet sind (mit einer Moschee in Berlin ist es
nicht getan).
Auf dem westlichen Teil des Geländes wird derzeit ein
Lagerschuppen an der Ladestraße zur Skalitzer Straße hin
als Moschee genutzt, diese ist als Zwischennutzung zu ver¬
stehen.
Der westliche Geländeteil des Görlitzer Bahnhofs zwischen
Görlitzer Straße, Skalitzer Straße und Spreewaldplatz ist
26
auf Grund seiner Nähe zu diesen drei Straßen als Erholungsqelände minderwertig, durch seine Nähe zu dem Hallenbad als
Standtort einer öffentlichen Einrichtung aber sehr gut geDie Arbeitspruppe Ausländer des Vereins SO 36 ( ein Zusammen»
Schluß von Personen, die in SO 36 in verschiedenen Initiati¬
ven Stadtteilarbeit mit Ausländern machen) regt deshalb an,
daß die Teilnehmer des Wettbewerbes auch Vorschläge für eine
neue Gestaltung dieses westlichen Geländeteils mit der
Zielsetzung erarbeiten:
- Das Provisorium sollte bei einer Neugestaltung des Geländes
nicht gestrichen, sondern weiterentwickelt werden, indem zuaer
jetzt ausschließlich religiösen Nutzung weitere Nutzungen
im Rahmen eines Kulturzentrums ermöglicht werden.
- Die Moschee sollte eine Kapazität, von ca. 500 Personen naben. Dabei i st'zu beachtendaß dieser Kaum ohne bestuh 1 un"
benutzt wird, also eine geringere Platznutzung pro Person
- Moschee und. Kulturzentrum sollten direkt nebeneinander
liegen, ohne jedoch den" Charakter zu verrai tte in ,• aaß das
Ku Iturzentrum eine Einrichtung der Moschee ist» d.h. der
Charakter der Gebäude sollte offen sein, es darf nicht der
Eindruck entstehen, daß in diesen Gebäuden kein ^Einbl ick
möglich ist", sich da “Undurchsichtiges abspielt , das
Ganze darf kein “Fluchtburgen-Flair“ haben. Es muß auch
eine bewußt gestaltete offene Anbindung an das SpreewaldBad einerseits und an das Parkgelände andererseits haben.
- Die Funktionsraischung von Moschee und Kulturzentrum sol 1
eine Verengung im öffentlichen Verständnis auf ein
für Ausländer“ vermeiden und durch ein entsprechendes Raum¬
angebot ermöglicht werden, genannt sind:
. Ein großer Saal, der bis zu 500 Personen ^aßt».fUr F?iern
i n großen üruppen, durch mobile Zwischenwände in drei
kleinere Säle abtrennbar (Moschee)
. Fünf Räume für kleine Gruppen bis zu 30 Personen, für
Lernen, Beraten, Baste 1n, Spie len, in denen bprach- und
Alphabetisierungskurse stattfinden können; in den VOIKShochschul-Kurse, Mieter- und sonstige Beratung angeboten
werden können sowie auch kleinere Gruppen Video- oder
sonstige Filme sehen können. . ,
. Zwei Bibliotheksräume, die für Kinder bzw._dugendliche
Literatur in-deutscher bzw. den Migranten-Sprachen an¬
bietet sowie Videos, die ein Gegengewicht zu gewaltver¬
herrlichenden Videos darstellen.
Aufgabe der Wettbewerbsteilnehmer ist es, einen Gesamt-Komplex
zu gestalten, der, unter Berücksichtigung der Flächenknapp¬
heit und -konkurrenz (LeitbiId:Mehrfachnutzung) und ggflSo ln
Richtung Skalitzer Straße entwickelt, der von außen sofor^
als aus zwei unterschiedlichen Teilen mit ünTep^lne^jTcneh
Funktionen bestehend erKannt wird und als Moschee uno Kultur¬
zentrum TiTh auf die a'nwohnende Bevölkerung bezieht J^nt
gefragt ist ein Repräsentations-Komplex mit ei ner^überregi o^
nalen Ausstrahlung, dessentwegen man aus ganz Berlin anreist.
(Strategien für Kreuzberg)
AG-Ausländer
6.Juli 1984
PRESSEI-i ITTEILUN.G :■
Ist der Görlitzer Bahnhof wirklich für alle da?
Die AG 'Ausländer'
des Vereins SO 56 (ein Zusammenschluß von Per¬
sonen, die in SO 56 in verschiedenen Stadtteilinitiativen mit Aus¬
ländern arbeiten) hat sich seit über einem halben Jahr mit dem
Wettbewerb zur Neugestaltung des Geländes des jetzigen "Görlitzer
Bahnhofs" intensiv beschäftigt und im Rahmen des vorgesehenen
Wettbewerbs einen Entwurf für ein Kulturzentrum mit einer Moschee
auf diesem Gelände in Berlin-Kreuzberg vorgelegt.
')
Das Kulturzentrum mit Moschee soll einerseits durch die Verwendung
traditioneller Bauformen .und Gestaltungseleraente eine Signalfunktion
haben, die den Einwanderern einen Bezugspunkt auf der Suche nach
einer neuen Identität bietet, andererseits soll dieses Zentrum der
deutschen Bevölkerung anatolische Kultur - die Lebensvielfalt der
Einwanderer - näherbringen.
Die zentrale Fragestellung der AG 'Ausländer' war dabei, in welcher
Art und Weise die Bedürfnisse der in der Umgebung dieses Geländes
lebenden ausländischen Kiez-Bewohner, die ca. 40# der Gesamtbewoh¬
nerschaft ausmachen, in diesem Wettbewerbsverfahren berücksichtigt
werden können?
.
Wrangelstr. 40
1000 Berlin 36
Tel. 612 60 30
6123070
Berliner Bank
Depositenkasse 6
Kto.-Nr. 06-79300200
28
Die in der AG 'Ausländer' entwickelten Vorstellungen sind unter den
verschiedenen politischen und religiösen Gruppen der türkischen
Bewohner ausführlich diskutiert worden. Neben der AG 'Ausländer'
sind beteiligt
^
- die progressive Volkseinheit der Türkei e.V. (HUB)
- die Fatih-Moschee-Gemeinde
- die türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB)
- die türkische Gemeinde in Berlin
.— .der' türkische Bund für Gleichberechtigung in Berlin.
, Diese gemeinsame Initiative der verschiedenen Gruppen stellt eine
neue Entwicklung in der Geschichte der Einwanderung dar, die von
der deutschen Öffentlichkeit ernst genommen werden soll.
Unseres Erachtens nach muß das von uns vörgeschlagene Kulturzentrum
6in fester Bestandteil der Neugestaltung des Geländes sein, will
der Wettbewerb uneingeschränkt den Bedürfnissen der Kiezbewohner
Rechnung tragen.
Leider mußten wir und die erwähnten Organisationen am 2.Juli 1984
im Stadtteilausschuß (einem Gremium bestehend aus Vertretern des
Senators für Bau- und Wohnungswesens, desBezirksamts Kreuzberg,
der Internationalen Bauausstellung und des Vereins SO 36), wo das
Wettbewerbsverfahren lebhaft diskutiert wurde, erleben, daß der
Ausschuß keine Empfehlung für ein Kulturzentrum mit Moschee im
Rahmen des Neugestaltungswettbewerbs auf dem Gelände des Görlitzer
Bahnhofs aussprechen konnte. Somit ist die Konzeption und die Idee
für die Verwirklichung eines kiezdimensionierten Kulturzentrums
mit Moschee stark gefährdet.
Wir stellen mit Bedauern fest, daß die jetzt unmittelbar vor der
Eröffnung des Wettbewerbsverfahrens entstandene Lage für die poli¬
tische Rechtlosigkeit der ausländischen Bewohner sehr bezeichnend
ist und halten dies für eine bewußte Verdrehung des seit Jahren
geführten Diskussionsmottos "Der Görlitzer Bahnhof ist für alle da!"
/
Wir sind davon überzeugt, daß nur durch die Erfüllung einer kiez¬
dimensionierten Kulturzentrumsidee den allseitigen Bedürfnissen
der ausländischen und deutschen Gebietsbewohner entsprochen werden
kann. Wer diesen Aspekt nicht vor Augen hat, der betreibt in der
Realität eine andere Politik. Eine
eigene
Politik!
ArbeitSfcrunoe Ausländer
des Vereins SO 36
T.c.
Anlage: Konzept für ein Kulturzentrum auf dem Gelände des Görlitzer
Bahnhofs
29
Kennzeichnend für die süffisante bis hilflose
Reaktion des eher linken Teils der deutschen
Öffentlichkeit auf diese Niederlage der "tür¬
kischen Aktivisten" ist der Artikel in der
TAZ vom 13.7.1984, der durch einen Leserbrief
'Freitag, 13.7.84
taz .
Wer will die Kiez-Moschee am Görlitzer Bahnhof?
,Allah nicht den Rechten überlassen“
Oer Aufschrei scheint vorprogrammiert ln el>
nem Gebiet mit sowieso schon 40 Prozent tQr*
klscher Wohnbevölkerung als zusätzlicher
anatollscher Kulturexport eine pompöse Mo*
schee mit goldglänzenden Kuppeln und hoch*
ragenden Minaretten, von denen fünfmal täg*
llch bärtige Muezzins monoton Koransuren leiem? Oder, mal von links, Baustadtrat Or*
Seit gut anderthalb Jahren gibtea indem
an einer Ecke des Görlitzer Bahnholageländea gelegenen eiten Lagerschuppen
■ immer die gleichen für Außenstehende
unverständlichen Worte, Handlungen
und Gesten, wenden sich erwachsene
Männer mit einem .Allah-o-ekbar* (Gott
lat gröBer) ehrfürchtig in Richtung
Mekka. Manchmal, besonders um den
Fastenmonat .Ramadan" herum, sind es
1.000 bis 1.500 Menschen, Familien,
Nachbarn und Fremde, die sich hier um
den zur .Fatih-Moschee“ ernannten win¬
zigen Schuppen hemm versammeln.
Die einst von einerGmppe von Muselma¬
nen in Besitz genommene Örtlichkeit ist
längst von linken Händen mit den obSgatori sehen dicken Ohentteppichenausgeachlagen, der Bau eines Minaretts scheH
terta gerade noch am Bruch reiten der
Kreuzberger Bauaufsicht. Das Bezirks¬
amt hatte mit den zu Hausbesetzern ge¬
wordenen frommen Türken, weil esderm
so viele waren, notgedrungen eine Duldungsvereinbamng geschlossen, nach
der diese das Gelände bei Bedarf ohne
Entschädigung freiwillig zu räumen hät¬
ten. Innerhalb und außerhalb der Moacheehabe eine politische Betätigung zu
unterbleiben, verhieß eine weitere Auf¬
lage, und: es dürfe .keine spektakulären
baulichen Erweiterungen" geben.
Signal«
Jetzt erst merken Kreuzbergs Stadtväter,
daß sie die Rechnung ohne den Wirt ge¬
macht, haben: Zwar keine Erweiterung.
Standessen aber gleich ein muslimisches
.Denkmal und Monument" (Orfowsky)
fordern die Türken, zehntausend Qua- .
dratmeter groß an der Nordweststrecke
des Bahnhofsgeländes gleich oberhalb
des Spreewaldplatzes. Oie Lobbyisten
der .Fatih-Moschee" hatten nämlich wenn auch spät - von den Plänen gehört,
das riesige Bahnhofsgelände zumvielfältig genutzten Bürgerpark umzugestalrton, und sich einfach In die Schlange derzahlreichen Nutzungsinteressenten elngereiht Gewicht bekam ihr Ansinnen
erst als sieh dann neben der fundamen¬
talistischen .Islamischen _ Föderation“
auch Gruppen wie die Türkische Ge¬
meinde. der linke .türkische Bund für
Gleichberechtigung“ sowie türkische
Aktivisten Im Verein SO 36 zum Zweck¬
bündnisfanden, Das. was die „Fatih"-An¬
hänger wollten, nennen die Progressiven
jetzt neutral ein .Haus für Kiezbewobnei“; die gemeinsame Initiative wird von
Ihnen bereits überschwenglich als .eine
neue Entwicklung In der Geschichte der
Einwanderung" gefeiert.
.Die Gestaltung des Kulturzentrums mit
einer Moschee soll durch Verwendung
traditioneller Bauformen und Gestal¬
tungselemente eine Signalfunktion ha¬
ben. die sowohl den Bnwanderem einen
örtlichen Bezugspunkt bei der Entwick¬
lung einer neuen Identität bietet alsauch
der deutschen Bevölkerung vermitteln,
daß dieser zugewanderte Bevölkerungs¬
lowsky: .Das sind doch alles nur verkappte
Rechtsextremisten, die Mörder von Celattlm
Keslmt Ein Novum Ist sie schon, die bis Jetzt
einmalige Berliner Koalition von rechten und
linken türkischen Wortführern, die einträchtig
ein Islamisches Kulturzentrum Inklusive Moschee auf dem Kreuzberger Gelände des ehemaligen Görtltzer Bahnhofs verlangt
teten evangelischen Kirchengemeinden
teil hier bleiben wird und sich dement¬
und last not least die Bezirksverwaltung
sprechend einrichtar, steht In dem Ende
cu Trägem des projektierten islamischen
Juni von einer Ausländer-Arbeitsgruppe
im Verein SO 36 vorgelegten Nutzunge- t Kulturzentrums zu machen. Auch ki der
konzept zu lesen.
Türkei gebe es je sehr viele fortschritulDiese äußere Signalfunktion baue auf In¬
ehe Imams, versucht Cihan Arin die Sa¬
halten auf. die an religiösen, kulturellen
che schmackhaft zu machen; so manche
und sozialen Bedürfnissen der elngeMoschee Im Lende stände durcheus-unwanderten Bevölkerung ansebe. Dabei
ter dem Einfluß der von den Militärs vwmüsse der gesamte Komplex, Insbeson¬
fehmten Sozialdemokraten, der „Repu¬
dere in kultureller und sozialer Hinsicht
blikanischen Volkspartei" Bülen Ecevits.
der deutschen Bevölkerung offenstehen,
Wenn de nur rächt ein Bezirksvertreter
namens Werner Oriowsky wäre, der des
heißt es weiter. So könneein mit vorgese¬
henes kirtdsches Dampfbad das Defizit . angepriesene .Haus für Kiezbewohner"
an Bademöglichkeiten Ausgleichen hel¬ -. an der Stella aus stadtpianerischen Grürvfen. Ern Repräsentationskomplax mit ei¬ ,. den Juiochenhatr ablehnt Die schon
ner überörtlichen Ausstrahlung, der gro¬
jetzlauf ein paar tausend Quadratmetern
ße islamische Teile der Bevölkerung an¬
ziehe, wird hingegen ausgeschlossen.
mit grünem Roilrasen bedeckte Fläche
des ehemaligen Görlitzer Bahnhofs soll
- nach seinem Wunsch künftig in erster
Türkische Identität
Linie ein Erholungs- und Freizeitpark
.Wir können nicht unsere Augen vor der
werden, auf dem allenfalls noch ein Klnallmählichen Herausbildung einer türki¬
derbauemhof. ein Verkehrekindergar¬
schen identitätin unsararStadt verschlie¬
ßen“, sagt dazu der 35jährige türkische
ten. ein Depot des Gartenbauamtes so¬
wie die Liegeflächen für das SpreewsldArchJtektCihan Ahn, der das Konzept
Bad untergebracht werden könnten.
maßgeblich mjtformulierte. Arin, ein Mit¬
Nachdem sich auch der von Bezirk, Bau¬
begründer des linken .Türkischen Bun¬
des für Gleichberechtigung" und einer
senat IBA und Verein SO 36 beschickte
Stedtteilausschuß Im Bezirk dieser Auf¬
der ekfivsten im Ausländerberelch der
fassung anschlossea konnte Orfowsky
At. zählt zu dieser Identität ausdrücklich
1
auch das Bedürfnis nach Ausübung der
jetzt beim Senator für Stadtentwicklung
Islamischeg-Religlonsnten.
eine Slreichung des Moschee-Vorschla¬
Daß dieses-Bedürfnis nach einer religiö¬
ges aus dem Ausschreibungstext türdas
sen und ethnischen Identitätblsherweirt-,’
in Sachen Stadtteilpark anstehende
Wettbewwbsvertahren erreichen. .Da¬
lieh von reaklionären Islamischen Kultur¬
vereinen, türkischen Nationalisten und
mit". ao Oriowsky, .steht hunderprozerv6g lest, daß die Moschee nicht auf dem
Faschisten Im Dienste der türkischen Mi¬
litärregierung ausgenutzt wurde, weiß er
Gelände des Görtltzer Bahnhofs reali¬
natürlich. Doch darum gehl es Arin ge¬
siert wird".
rade. Er will die Islamische Religions¬
Das sei sowieso so eine dubiose Sache:
Bisher wäre die Forderung nämlich von
szene Im Rahmen einer langfristigen
einem der islamischen Föderation nahe¬
Auseinandersetzung .öffentlich kontrolstehenden metcedesfahrenden .Türken
Cerbarer" machen, die .Indoktrination
von Frauen und Kindern“ etndämmen.
mit Autoteielon", der diversen Immobi¬
lienbesitz und die ganzen türkischen Rei¬
Dabei liegt Arin insbesondere eine Aus¬
sebüros manage und der Verbindungen
einandersetzung mit der fundamentali¬
stischen Richtung des Islam am Herzen,
zum amerikanischen Stadtkommandan¬
ten und bis hinein In die Senatsverwal¬
die den Bewegungssptelraum der türki¬
tung für Stadtentvrickluog und Umwelt¬
schen Frau noch heute streng palrierchaschutz habe. 9« pressured worden.
lisch auf die Sphäre des Haushalts und
Der Baustadbat habe sich verständlich¬
der Kindererziehung beschränken will
erweise nicht quer zu den .Gebietsfür¬
und ihr selbst In den Moscheen noch
sten“ stellen können. weil er «eine politi¬
einen von den Männern abgesonderten
sche Kraft aus diesen Kreisen schöpfe,
Platz zuweist ■
vermutet hingegen Cihan Arin. Daß sich
Durch die Einbindung in das Zweck¬
auch die bezirkliche AL In die Ablehbündnis .etwas relativiert" werden soll
nungsiront eingereiht hat wertet er emo¬
speziell daa Monopol der fundemenUlitionslos als Ausdruck des .Kreuzberger
stischen .Islamischen Föderation" In
Stadtteilsyndikalismus".
Berlin, die den Anspruch erhebt alle
Dennoch: .So ohne weiteres kommt men
Muslime In Berlin zu vertreten und die
jetzt an der .nationalen Einheitsfront der
. einen Großteil der über das Stadtgebiet
Muslims“ nicht mehr vorbei", konzediert
verstreuten und provisorisch In Fabrike¬
such Oriowsky. Alle Beteiligten würden
tagen und Hinterhof-Lagerräumen un¬
sich nun bemühen,einen anderen Stand¬
tergebrachten 29 Gebetsmoscheen ver¬
ort für die Moschee zu finden. Die türki¬
waltet
schen Interessanten müßten notfalls ein
Um den Abkopplungsprozeß zu beför¬
Privatgelände kaufen.
dern, schlägt die Ausländer-AG im Ver¬
Thomas Knauf
ein SO 36 deshalb vor, unter anderem die
Arbeiterwohlfahrt, die In SO 36 beheima¬
30
der "Arbeitsgruppe Ausländer" in scharfer Form
korrigiert und ebenso durch einen Leserbrief
des türkischen Architekten Cihan Arm zurechtDonnerstag, 19.7.84
taz
-
'
hriefo
>JUh nicht dm R«chtm Obcrttt*
••n“
Als Initiatoren das Kofuapts Kultur»v
tmm ml* Mosche« auf dom Girlitz».
Bahnhof-Gelinde mich ton wir zu Eurem
Artikel Stellung nehmen. (_} Zugegebe¬
nermaßen Ist die ganze Initiativ« für
Außenstehend« schwer zu verstehen.
Wir hätten aber erwartet, daß einer, darin
der taz Artikel schreiben wM Eber eine
Sache, von der er nichts versteht, sich
dann doch wenigste na vorher bei den
Initiatoren gründlich Informiert (_) De¬
mit Ihr unseren Arger besser versteht
zählen wir hier dl« Fehlinformationen
und Unterstsllungm auf, die der Artikel
enthalt
I
• Gleich In der Oberechrtft und Im Fett¬
gedruckten stehen zwei falsch« Begriffe,
durch di« dl« ganze Initiativ« diffamiert
wird: Ein« .Kiez-Moschee“ und ein .Isla¬
misches Kulturzentrum“ haben wtr nicht
gefordert sondern ein Kulturzentrum mit
Dampfbad, Fe stri unten, Kaffeeneu* und
Toogarten, da* auch einen Gebetsraum
enthält Auch von einem Reprisenut»
lonibaul*tb*lun*nichtdleR*d*.(_)Wf
halten dleaen Stil für demgoglech.
. Wir sind Interessiert dann. Im Geepräch
m It denbekJendleAuthentizitälderzJ tierten Aussagen zu Oberprüfen.
Wir lind seit Jahren In der Auelinderar¬
beit engegiert und sind se gewohnt zu
beobachten, wie die Madien systema¬
tisch im Aulbau eines imm» offsnslver
werdenden Rassismus arbeiten. Daß die
taz sich mit einem Artikel wfa diesem an
dies» Entwicklung beteiligt bedeutet al¬
lerdings sin* Gefahr, dl* wir bisher nicht
gesehen heben: Dia ausländische Bevöl¬
kerung und mit Ihr such wir sind In Ge¬
fahr, auch dl* sogenannte links Scene1
auf Dauer als UnUrstützsr zu vertieren
und In eine bedrohliche Isolation zu gera¬
ten. Offenbar 1st das Thema Religion ge¬
meint unterschwellig* Ressentiments
ans Tageslicht zu bringen. Wir bitten
Euch dringend, diese Geschichte nicht
leichtfertig zu behendein,
Verln SO 38 e.V.
AG Ausländer
Empfindliches Thema
genüber dieser Eisicht Natürlich haben
diese Bedürfnisse mit einer Identität zu
tun, aber nicht mit einer naiions/en—wie
etwa türkischen —, sondern mit einer
ethnischen und vor altem kulturellen
Identität die für jeden Menschen lebens¬
notwendig 1st und Stofflichkeit braucht
Die Unmöglichkeit »He Menschen, die
dieses Bedürfnis haben, in den gleichen
politischen Topf ‘reinzuwerlen, dürfte ja
eine Binsenweisheit sein genauso wie die
Unmöglichkeit alle Christen als Anhän¬
ger einer politischen Richtung einzustu¬
fen. So kann niemand eine politische Mo¬
nopolstellung beanspruchen, wenn es
um allgemeine Kategorien wie .die Tür¬
ken“, .die Muslime“ oder .die Deut¬
schen“ geht; sie sind keineswegs homo¬
gene Gruppenkategorien. An dieser
Stelle entpuppt sich die ungeheure Pau°
schalltät der Aussage, alle Menschen aus
der Türkei, die sich für die Einrichtung
einer Moschee ln Kreuzberg einsetzen,
seien .verkappte Rechtsextremisten, die
Mörder von C KesJm", als eine ge¬
schmacklose, häßliche Provokation (Ich
möchte nicht glauben, daß Oriowsky Je
so etwas gesagt haben kann)..
Nicht zuletzt ärgert mich der unfaire jour¬
nalistische Stil des Autors: Anstatt sich
über das Konzept eines Kulturzentrums
bei den Initiatioren, nämlich bol der Aus¬
länder-AG des Vereins SO 36, gründlich
zu Informieren, genügt Ihm — trotz mei¬
nes ausdrücklichen Hinweises—ein Te¬
lefonat mit mir, obwohl Ich mehrmals
betont hatte, lediglich meine persönliche
Meinung zu den Dingen zu äußern. Der
Artikel erweckt den falschen End ruck,
als sei Ich der Initiator des ganzen—ein
sehr unsauberes Beispiel des Becherchloren»!
Die Lokalredaktion der taz täte gut daran,
wenn sie In solch einem empfindlichen
Thema anstatt ahnungslose Journalisten
zu beauftragen, mindestens richtig rech¬
erchieren und das Gesagte richtig reflek-'
Heren würde und des Thema mit erfor¬
derlicher Sachlichkeit und Sensibilität
anginge, will sie nicht auf der Ebene de«
billigen 'Blld’-Joumallsmus bleiben,
GhanArln
„War toil cte KItzmoachM am GörUtrar
Bahnhof?'Alah i^cht dM ftechtan Obarla*Mn~(taxv.1X&64)
.
Ena Raiha von falschen Informationen,
• Auf diese Weite schon auareichend kl
von falschen .Zitaten'* von mir und vor
Wallung gebrecht ertihit der faz-bes»
allem dl# gefährliche Quintessenz dea
im zweiten Abschnitt, daß dl* .Beniner
genannten Artikel» von T. Knauf zwang
Koalition von rechten und linken Wort¬
3
mich zur vorliegenden Richtigstallung
führern“ tage und schreibe 10.000 m für
und Stellungnahme.
Ihr .muslimisches Denkmal" fordert und
Weder in dem Konzept der Ausländerdas hirt sich |* nun so an. ala wollten sie
AQ de» Vereins SO 36 noch In meinem
den ganzen heiß umkämpften Girlitz»
Telefongespräch mit dem Autor war —
Bahnhof für sich. Daßderganze Girlitz»
wie der Autor schreibt—von einem .isla¬
Bahnhol 140.000 m> groß Ist wird natür¬
mischen Kulturzentrum“ die Rede, son¬
lich nicht erwähnt Auch daa hallen wir
dern lediglich von der Errichtung eine»
für demagog lach.
multifunktionalen Kulturzentrums mitef• Entatahenund Varfaufderganzsnlnnersehrbeecheldendimentlonlertsn Mo¬
Itlative werden gezielt falsch dargesteltt,
schee auf dem Gelände des Görlitzsr
dazu mit einem Untsrton hämlech»
Bahnhof» In Kreuzberg. Oie exotischen
Freude üb» die Ablehnung dea Bezirke.
Phantasien des Autors (.eine Moschee
Dl* Initiative IndlesarSachaglngelndeismit goldglänzanden Kuppeln und hoch¬
tikg von den ginnemahala^roflretslve"
ragenden Minaretten, von denen fünfmal
bezeichnetan Mitgliedern der AG Aus¬
täglich bärtige Muezzin» monoton
länder aus und nicht von dar Falh-MoKoransuren leiern* oder «Allah nicht den
echee, die sich — umgekehrt—erst spä¬
Rechten überlassen", O-Ton des Autor»)
ter anschloß, ala die AG Ausländer mit
mögen von seiner Ignoranz und Unwis¬
Ihrem Vorschlag ln die Öffentlichkeit
senheit. von einer Märchenmoschee ln
ging, und ela di* FaUh-Gemalnd* sah,
Antwort auf den Lsssrtrisf von Ohan
seinem Kopf zeugen; sie haben aller¬
daß hier zwar nicht Ihre ln laressen vertre¬
Arin vom 14X54: _ .
ten. aber doch Immerhin berücksichtigt. dings mit dem nichts zu tun, was seitens
Uebtr ÖJhan Ar1r%
der Organisationen der Menschen aus
wurden.
Daß nicht aln JaiamhchaaT, aondam aln"
der'TOrkei gefordert wird; nämlich mit
• "Filach lat*euch daa Verhalten dee
Stedltellausachutate
wtedargegeben,“ einer kleinen Moechee für die musllml- ’ jnulÜfunktlonaJas" Kuttumntrum und
auch nur aina taachakian dlmonsJosehen Bewohner rund um den Görlltzer
der »Ich nicht der Auffassung dea Bezirke
nlarta Moschea zur Dabatta stahl, nahma
Bahnhof und kein Representations¬
.anachloß", wie dw Schreiber behauptet
Ich zur Kenntnis, Dazu hatta Ich aller¬
objekt und Hochburg des Islam für Westsondern sich wegen sehr kontrovers»
dings schon Entsprechendes aus dam
Berlin.
Oer
Autor
würde
sich
sicherlich
Meinungen nicht zu einer gemeinsamen
Nutzungskonzept, das mir zusammen
nie erlauben, für die christlichen Kirchen
Empfehlung durch ringen konnte. Daa lat
mit einer Presseerklärung der Ausländerund Pfarrer In einem dermaßen empfind¬
Ja wohl auch etwas anderes
AG
Im Verein SO 3d als Informations*
lichen
Oiskusalonszusammenhang
solch
» Falsch Ist weiterhin, daß .die AL sich
grundlage ausreichend erschien, zitiert.
eiene verachtende, zynische Tonart anIn die Ablehnungsfront elngsrelhf“ hat
Exotische
Phantasien hege (leider?)
zuschalaen.
Immerhin haben drei aktiv« Mitglieder
nicht Ich, eondem wohl ein Teil der
Die Behauptung desAutors, mir läge eine
maßgeblich an der Entwicklung des Kon¬
Stammbevölkerung In SO 36; Orlowskys
Auseiandersetzung mit der fundamenta¬
zepts 'Kulturzentrum mit Gebetaraum'
Rundschlag galt lediglich den Hinter*
listischen Richtung des Islam am Herzen
mitgearbeitet
minnem der Mevlana-Moschee, aus der
über den Hebel der Einrichtung einer
» Die sogenannten JOezfflreten“. dl*
seiner
Meinung nach die Fatih-Moschee
Moschee in Kreuzberg, Ist ebenso unzu¬
' sich eindeutig gegen den Standort Girtllhervorging. Warum Du nicht mehr zu
treffend wie das angebliche JUtat“ von
zer Bahnhof ausaprechen, kommen eher
Deinen — von Dir bejahten Ausführun¬
mir zur Herausbildung einer türkischen
aus dar SPD und sind damit nicht die
gen In Sachen türkischer Identititsbli*
Identität Das Feld meiner politischen
Kreise, aus denen Han Ortcwsky .sein«
dung stehen willst, kann Ich nicht verste¬
Auseinandersetzungen mit Reaktionä¬
Kraft aclüpfe".
hen. Ebenso bleibt mir schleierhaft,
ren — seien sie Deutsche oder Ausländer
• OleZahlderMoacheen.dleangebllch
wieso nun plötzlich beim Kampf gegen
— Ist ein anderes; hier handelt es sich um
der 'Islamischen Föderation' zugehiren,
die Reaktion das Feld der Rallglon außen
die Anerkennung der religiösen Bedürf¬
1st auch nicht richtig. Nach eigenen An¬
vor bleiben soll. Ober den engedeuteten
nisse der Menschen aus der Türkei und
gehen der Federation verfügen sie zur
.empfindlichen Dlskusslonszusammen*
deren vernünftige Befriedigung Jenseits
Zeit über 17 Moscheen. 8 weitere Mo¬
hang“
In diesem Punkt hätte Ich gerne
politischer
Auseinandersetzungen
zwi¬
scheen In Berlin gehiren zu anderen Isla¬
mehr gehört Den Vorwurf der ZitatliP
schen Organisationen der Menschen aus
mischen Gruppen.
schung
weise Ich Im übrigen entschieden
der Türkei Es geht um die vorhandenen
Die Im Artikel mehrfach zitierten Kron¬
zurück.
Bedürfnisse dieser Menachenund umdie
zeugen Arfn und Orfowslcy sind nach urw
Dein thok
Oberwindung der Verschlossenheit ge¬
. tarer Vermutung falach wiedergegeben.
31
gerückt wurde.
Auf deutscher Seite wird nicht kapiert, daß hier
ein wesentlicher Schritt der Minderheit zu ge¬
meinsamer Willensbildung und zu einem Minder¬
heitsbewußtsein gegangen wurde, der durch die
Zurückweisung durch deutsche Interessengruppen
geradezu erzwungen wurde.
32 -
2- Ist ein Kulturzentrum mit Gebetsraum für
die Bevölkerung aus der Türkei in SO 36
notwendig?
2.1. Soziologische Begründung
Die Geschichte der Einwanderung in die USA
läßt einige regelmäßige Abläufe erkennen,
die auch für die Migration in Europa in der
Mitte des 20. Jahrhunders gelten mögen.
Geradezu als Bedingung der Integration in
die amerikanische Gesellschaft erwies sich
über eineinhalb Jahrhunderte bei den ver¬
schiedensten Gruppen zunächst die Segregation,
die Herausbildung ethnischer Kolonien, die
eine eigenständige sozial-kulturelle und öko¬
nomische Organisation aufweisen. Als Kenn¬
zeichen für das Vorhandensein solcher ethnisehen Kolonien gelten nach Heckmann ' und
den von ihm zitierten amerikanischen Migra¬
tionssoziologen "die Existenz eigener Kirchen¬
gemeinden, eigener schulischer Einrichtungen,
die Existenz von Vereinen, Geschäften, Restau¬
rants und Lokalen, sowie die Niederlassung
ausländischer Ärzt-". a„.a.O, (S. 210)
In den USA erfolgte der erste "Zusammenschluß
von Angehörigen einer Einwanderungsnationali¬
tät zumeist in Benefit Societies
(diese)
1) Friedrich Heckmann, Die Bundesrepub. lik
-Ein Einwanderungsland? Stuttgart 1981
33
waren Selbsthilfeorganisationen, die wegen
des Fehlens eines gesellschaftlichen Systems
der sozialen Sicherung in den USA lebens¬
notwendig waren". a.a.O.
(S. 211)
Die Chance, eigene soziale Sicherungssyste¬
me ebenso wie eigene Gewerkschaften zu grün¬
den, hatten die Immigranten, die seit Mitte
der 50er Jahre in die BRD strömten, hier
nicht, sie wurden in die bestehenden Siche¬
rungssysteme aufgenommen. Für die Heraus¬
bildung eines politischen Bewußtseins der
Minderheiten war dies sicher eher nachtei¬
lig.
Der zweite wesentliche Schritt zur Heraus¬
bildung und Festigung ethnischer Kolonien und
des entsprechenden Minoritätenbewußtseins war
in den USA auf jeden Fall immer die Gründung
von Gemeindezentren. Dies gilt für die christ¬
lichen und für die jüdischen Minoritäten in
den USA. "Eine Kirchengemeinde und ein natio¬
nales Schulwesen bilden auf der Gemeindeebene
das tragende Gerüst bei der Entwicklung und
Stabilisierung einer eigenständigen sozial¬
kulturellen Organisation der Minorität".
a.a.O.
(S. 212)
Viele Momente in der Entwicklung der Minder¬
heit aus der Türkei in West-Berlin weisen da¬
rauf hin, daß hier ähnliche Prozesse vorlie¬
gen wie in den Einwandererminoritäten in den
USA Vorgelegen haben. Innerhalb der türkischen
Minderheit spielen die Moscheen (inzwischen
insgesamt fast 30 in Berlin) zum Teil eine
- 34
ähnlich stabilisierende Rolle wie die
christlichen bzw, jüdischen Gemeindezen¬
tren in den USA. Allerdings scheint es
so, daß. die Gemeindezentren mehr an außer¬
religiösen Funktionen übernommen haben und
übernehmen als es die Moscheen tun, die
von den islamischen Migranten hauptsäch¬
lich an Feiertagen und an islamischen Fest¬
tagen und von Kindern zwischen 8 und 12
Jahren zu den Korankursen besucht werden.
Unsere These ist, daß ein Kulturzentrum
für Einwanderer aus der Türkei, in dem auch
religiöse Bedürfnisse befriedigt werden
können, mehr soziale Funktionen übernehmen
könnte als die Moscheen das zur Zeit tun.
Es könnte Ausdruck der "Organisation eines
eigenständigen sozialen Systems" sein, das
unserer Meinung nach in Kreuzberg 36 unter
der Minderheit aus der Türkei schon besteht.
Wir sehen es als positiven Faktor, wenn die
Mi^cis^heit ein eigenständiges soziales System
innerhalb der aufnehmenden Gesellschaft hat
und innerhalb dessen eine Gruppensolidarität
ermöglicht wird.
35 -
2.1.1. Der Entstehungsprozeß der Einwanderer¬
kolonie in Kreuzberg
Die Entstehung von Einwanderervierteln ist in
der Regel ein Resultat von Wohnungsmarktpro¬
zessen, aber zugleich auch von der spezifi¬
schen Bedürfnislage der Arbeitsimmigranten,
die als Eigendynamik des Einwandererprozesses
definiert werden kann. Man beobachtet in Deutsch¬
land seit Jahren den langsamen Entstehungspro¬
zeß der Einwanderung von Arbeitsimmigranten.
In den größeren Ballungszentren der Bundes¬
republik existierep/bedingt durch die räum¬
liche Segregation, schon Stadtviertel, in de¬
nen die ehemaligen "Gastarbeiter" dicht zu¬
sammen wohnen und leben. In solchen Stadtvier¬
teln gibt es auch Formen der eigenständigen
sozial-kulturellen Infrastruktur sowie die Ent¬
wicklung der zuerst als Wohnfolgeerscheinung
entstandenen eigenen Gewerbe bzw. Ökonomie.
In den klassischen Einwanderungsländern wie in
den USA, Kanada und Australien führte die Ein¬
wanderung von Menschen in den Ballungszentren
und größeren Metropolen zur Entstehung von Vier¬
teln, in denen die Eingewanderten von den übri¬
gen Stadtbewohnern getrennt wohnten. Es ent¬
standen "Little Italys", "Little Sicilys",
"Kleindeutschlands", "Chinatowns", "Jüdische
Ghettos","Polack Towns" und "Little Athens".
Ein einzelner oder einzelne Einwanderer, die
in einem Ort ohne andere Einwohner ihrer Na¬
tionalität Arbeit gefunden hatten, versuchten
von Anbeginn -bei Vorhandensein von Arbeits-
36
platzen- Verwandte, Freunde oder Bekannte
aus ihrer Heimat oder aus anderen Teilen der
USA nachzuholen.
"Der nächste Schritt zu ihrer Konsolidierung
und Konstitutionsmoment der Kolonie als ent¬
wickeltes System sozio-kultureller Beziehun¬
gen war die Gründung einer "Gesellschaft" in
Form einer Selbsthilfeorganisation zwecks Un¬
terstützung in Notfällen wie Krankheit, Tod
oder Arbeitslosigkeit aus einem gemeinsamen
Versicherungsfond. Die "Gesellschaft" war je¬
doch mehr als nur eine Versicherungsinstitu¬
tion; sie entwickelte sich zum sozialen Ver¬
kehrskreis, in dessen Rahmen Bälle, Picknicks,
Theateraufführungen oder Vorträge, aber auch
religiöse Feiern stattfanden*. Die Gründung
einer eigenen Kirchengemeinde und der Bau einer
Kirche mit angeschlossenen Versammlungs- und
Aktivitätsräumen bedeutete bei den polnischen
Einwanderern z. B. einen weiteren Konsoli¬
dierungsschritt, der gleichzeitig zur Folge
hatte, daß die politisch-soziale Führung der
Gruppe von der "Gesellschaft" auf die Kirchen¬
gemeinde überging.
Eine Lokalpresse entstand im etwa gleichen Ent¬
wicklungsstadium. Parallel zu diesen letzten
Schritten fand die "Homogenisierung" des Wohn¬
gebiets statt. Polnische Häusermakler, später
Wohnungsbaugesellschaften oder -genossenschaften sorgten dafür, daß freiwerdende Häuser bzw.
Wohnungen von Landsleuten bezogen wurden. Die¬
ser Konzentrationsprozeß wird zum Anlaß wei-
37
terer Konzentration: polnische Geschäfte
weiteten sich aus, neue wurden gegründet,
Ärzte und Rechtsanwälte polnischer Herkunft
ließen sich nieder". ^ ^
Inwieweit die Einwanderungsprozesse von Tür¬
ken mit den US-amerikanischen Erfahrungen
von polnischen Einwanderern zu vergleichen
sind, ist weiter zu untersuchen. Obwohl es
grundsätzlich Unterschiede zwischen den histo¬
risch anders gewachsenen Einwanderern aus der
Türkei und den Polen gibt, sind in der gegen¬
wärtigen Entwicklung der entstandenen Einwan¬
derung in der BRD gewisse und prozeßhafte Paralellitäten von damals und heute nicht zu
übersehen. Diese Merkmale sind die zahlenmäßige
Konzentration, ein gewisses Vereinswesen und
die Entstehung einer eigenständigen Ökonomie in
der Einwandererkolonie.
Bei der Entwicklung der Bevölkerungszahl der
Türken in Kreuzberg stellt man seit dem Anwerbestopp (1973) eine Stabilität fest. Obwohl
die Gesamtzahl der in Berlin (West) lebenden
Türken im Vergleich zu 1973 gestiegen ist,
blieb die Zahl der in Kreuzberg lebenden Tür¬
ken bis auf eine geringfügige Veränderung fest.
1)
Heckmann F.: Pluralismus und "Integration"
der Gastarbeiterbevölkerung, in: Wissenschaft
gegen Ausländerfeindlichkeit am 16. und 17. Dez.
1983 in Frankfurt, S. 62 - 63
38
Die Zahl von Türken in Berlin und
in Kreuzberg
Gesamtzahl
(%)
Kreuzberg
(%)
Ende 1973
79.468
44,6
25.275
66,7
Ende 1982
119.113
48,0
27.210
67,0
30.6.1983
118.547
30.6.1984
115.611
27.238
47,3
26.615 ca. 67,0
Quelle: Berliner Statistik / statistische Berichte
Oktober 1983/ Dezember 1984
Berliner
Statistik / Monatsschrift 7/84
Neben der Stabilisierung der Zahl von türkischen
Bewohnern in Kreuzberg hält der durchschnittlich
steigende Trend der Aufenthaltsdauer weiter an.
Das zeigt eine generelle Auswertung des Einwohner¬
registers nach Zuzugsjahren. Nach dieser Auswer¬
tung wurde ermittelt, daß, jeweils vom Jahresende
an gerechnet, deutlich weniger Ausländer in den
Jahren vor 1982 nach Berlin zugezogen waren
-nämlich bei den Türken 17,5%- als dies 1973 der
Fall war -nämlich bei den Türken 59,5 %-,
(Berliner Statistik 7/84^5. 238)
- 39 -
Im Süd-Ost 36 (SO 36) von Kreuzberg, insbe¬
sondere im Strategiengebiet, ist. die Zahl der
Einwanderer (davon bis zu 95 % aus der Türkei)
von 30 % der Gesamtbevölkerung im Jahre 1979
auf 35 % im Jahre 1983 gestiegen (auf über
50 % bei der jugendlichen Bevölkerung). Diese
Zahlen beweisen einen sich vollziehenden Nie¬
derlassungsprozeß der seit den sechziger Jahren
hier lebenden und arbeitenden Arbeiter und ihrer
Familien aus der Türkei. Dieser Prozeß ist und
war immer von einer Segregationsentwicklung die¬
ser Einwanderergruppe begleitet worden. Auf
Grund dieser Entwicklung entsteht eine stän¬
dige demographische Veränderung in Kreuzberg,
insbesondere in SO 36.
Parallel zu der bevölkerungsmäßigen Entwicklung
hat sich in den letzten Jahren auf dem Gewerbe¬
sektor ein Prozeß in Gang gesetzt, den wir hier
als Entwicklung einer eigenständigen Ökonomie
der Türken bezeichnen wollen. Es gibt keine zu¬
verlässigen Quellen über die Gesamtzahl der tür¬
kischen Betriebe in West-Berlin. Man schätzt sie
auf 2.000 - 3.000. Im Strategiengebiet beträgt
die Zahl der ausländischen Betriebe nach einer
Untersuchung der Forschungsstelle für Handel
(FfH) im Jahre 1983 118. In Gesamtkreuzberg be¬
trägt diese Zahl im Jahre 1983 456. Somit liegt
der prozentuale Anteil der ausländischen Gewerbe
bei 12 %.
Im Gebiet der Luisenstadt (FfH, 1984) ist der
prozentuale Anteil der ausländischen Betriebe
annähernd gleich wie im Strategiengebiet. Der
40
türkische Anteil innerhalb der ausländischen
Gewerbe beträgt ca. 85 %'. In den ausländischen
Betrieben arbeiten durchschnittlich 2,5 Per¬
sonen pro Betrieb, und davon sind 2,3 Personen
Ausländer.
In SO 36, insbesondere im Gebiet um die Wrangelstraße, sind 25 % der Betriebe in ausländischer
Hand, wobei dort 35 % der Bevölkerung aus Immi¬
grantenfamilien bestehen. Die ausländischen Be¬
triebe sind ausschließlich konsumnahe Betriebe.
Im Bereich "Dienstleistungen" steigt ihr Anteil
sogar auf 40 %.
Es existiert in Berlin-Kreuzberg und insbeson¬
dere im Gebiet SO 36 eine, wenn auch zuerst als
Wohnfolgeerscheinung, ökonomische Infrastruktur,
die ausschließlich auf die unmittelbaren Bedürf¬
nisse der vorwiegend aus der Türkei stammenden
Arbeitsimmigranten abzielt. 2/3 der Kundschaft
stammt aus der unmittelbaren Umgebung, und diese
2/3 bilden für diese Betriebe bzw. Geschäfte die
Stammkundschaft„
Es existieren außerdem zwei Interessenvertretungs¬
organisationen der türkischen Geschäftsleute, die
sich immer mehr mit den unmittelbaren Vor-Ort-Problernen der türkischen Gewerbe beschäftigen wer¬
den .
Acht türkische Banken sind in Berlin tätig (viele
in Kreuzberg) , v/obei nur eine -Türkiye i^ Bankas»
fdie türkische Arbeitsbank)- am Kottbusser Tor
Geschäftskonten führen darf.
Der überwiegende Teil der türkischen Gewerbetrei¬
benden beabsichtigt, in Zukunft den Betrieb beizu-
-
41
behalten oder zu erweitern. Trotz der in Zu¬
kunft auf einem kapitalistischen Markt zu er¬
wartenden Schwierigkeiten für diese existieren¬
de eigenständige Ökonomie wurde der Anfang ge¬
macht. Dieser Anfang der zuerst stark ethnisch
orientierten Ökonomie bekommt -historisch ge¬
sehen- eine hohe Bedeutung für die innere Sta¬
bilisierung der türkischen Kolonie in BerlinKreuzberg. Neben der Schaffung eigener Arbeits¬
möglichkeiten und der Investitionstätigkeit inner
halb der Kolonie bedeutet dieser Schritt zur öko¬
nomischen Selbständigkeit und dieser Wille dazu
einen menschlichen Fortschritt, wenn man berück¬
sichtigt, daß die jetzt Handel treibenden ehema¬
ligen Arbeiter aus der Türkei keine kaufmänni¬
schen bzw. kommerziellen Erfahrungen aus der Hei¬
mat mit nach Berlin gebracht haben. Diese Mobili¬
tät und dieser Wille zur Selbststärkung trägt da¬
zu bei, daß die Entwicklung und Konsolidierung
der türkischen Kolonie weitergeht, wodurch auch
andere Erscheinunasformen einer typischen Kolonie
bildung wie die Ansiedlung von Ärzten, Rechtsan¬
wälten, Maklern, die Entstehung einer Lokalpresse
die Entwicklung von Dachverbänden der verschiede¬
nen Berufszweige etc. forciert werden.
42
2.1.2
Sozialpsychologische Überlegungen
"Die Organisation eines eigenständigen sozia¬
len Systems dient der ökonomisch-sozialen Siche¬
rung der Minorität, schafft Assoziationen und
soziale Verkehrskreise innerhalb der Einwan¬
derergruppe, institutionalisiert Aktivitäten
und Riten zur Stabilisierung der Persönlichkeit
des Einwanderers und zur kulturspezifischen Sozialisation der nachfolgenden Einwanderergenera¬
tion. Dem neuankommenden Einwanderer erleichtert
sie die Eingewöhnung in und die Anpassung an
seine neuen Arbeits- und Lebensbedingungen."
a.a.O.
(S. 215)
Besonders für den überwiegenden Teil der Einwan¬
derer aus der Türkei gilt, daß der Sprung aus vor¬
industriellen Verhältnissen, in eine hochindustria¬
lisierte Gesellschaft wie die der BRD für das In¬
dividuum kaum zu verkraften ist. Erträglich ist
der Sprung nur dann, wenn eine schon bestehende
Einwanderergesellschaft den Einzelnen auffangen,
ihn integrieren kann. Die Einwanderergesellschaft
braucht aber Stätten der Selbstdefinition, die
auch nach außen Zeichen der eigenständigen Sozial¬
organisation sein können.
Mit den Jahren der Emigration wächst auch das Bedie in der Emigration entstandene eigen¬
ständige Kultur und Lebensform auszudrücken und
darzustellen, die weder mit der Alltagskultur
des aufnehmenden Landes noch mit der des Her¬
kunftslandes identisch ist.
Besonders für die heranwachsende Generation, die
sich nicht mehr voll mit der Herkunftsgesellschaft
43
identifiziert, entsteht das Bedürfnis nach
Identifikationsobjekten, die aus Not und Man¬
gel an Alternativen häufig in der "Gastgesell¬
schaft" gesucht werden (Disko-Kultur). Ange¬
bote, die eigene kulturelle Identität zum Aus¬
druck zu bringen oder minderheitenspezifische
Kultur aufzunehmen, wären gerade für die jün¬
gere Migrantengeneration dringend notwendig.
Ein autonomes Organisationssystem kann erstens
die Identitäts- und Stabilitätserhaltung nach
innen verstärken ("Binnenintegration") und
das Entstehen solcher autonomen Systeme d. h.
von den staatlichen Organen des Heimat- und
des Einwanderungslandes unabhäniger Systeme
wie z. B. das vorgeschlagene türkische Kultur¬
zentrum trägt dazu bei. Solche Systeme orien¬
tieren sich an den aktuellen und langfristigen
Interessen und Bedürfnissen der ethnischen Minder¬
heit und begünstigen auf Emanzipation gerichtete ge¬
sellschaftliche und politische Bewegungen. Solche
sozialen und politischen Bewegungen sind eher in der
Lage, Bewußtseinveränderungsprozesse unter den Be¬
troffenen zu initiieren.
^Dieser Begriff stammt von Georg Eiwert, der
ihn in seinem Habilitationsvortrag im Novem¬
ber 1980 an der Universität Bielefeld ent¬
wickelte .
Vgl.: Probleme der Ausländerintegration.
Gesellschaftliche Integration durch Binnen¬
integration? In: Kölner Zeitschrift für
Soziologie und Sozialpsychologie, 1982,
34. Jg. Heft 4
44
"Individualistische Reaktionsweisen wie der
Versuch des sozialen Aufstiegs in die Aufnahmegesellschaft oder das Verharren in Resig¬
nation und Apathie werden durch die ökonomi¬
schen und gesellschaftlichen Verhältnisse des
Einwanderungslandes und durch die vom Ein¬
wanderungsland betriebene Ausländerpolitik
gefördert bzw. unterstützt. Die kollektiven
Reaktionsweisen wie die Organisierung in auto¬
nomen Interessenvertretungsorganisationen und
der Aufbau einer an den eigenen Interessen
orientierten Infrastruktur müssen dagegen be¬
wußt und oft gegen den Widerstand und die Ab¬
lehnung der Aufnahmegesellschaft und der etab¬
lierten politischen Instanzen durchgesetzt wer¬
den ." ^
Neben den eigenen Emigrantenorganisationen könn¬
te das geplante türkische Kulturzentrum Vermitt¬
ler und Träger einer Identitäts- un- Stabilitäts¬
erhaltung sein, wobei hier zu beachten ist, daß
nicht die Aussperrung neuer Lern- und Erfahrungs¬
räume, sondern die zusätzliche situations- und
interessenbezogene Zulassung neuer gesellschaft¬
licher Impulse einen vorwärtsgerichteten aktiv
betriebenen gesellschaftspolitischen Prozeß in
Gang setzen.
1) Decker, Frank
unter Mitarbeit von
Ayanoglu, özcan: Ausländer im politischen Abseits
S. 158, Campus-Verlag, Frankfurt/New York, 1982
45
-
Die Herausbildung autonomer, d. h. von staat¬
lichen Institutionen unabhängiger Vertretungs¬
und Organisationsformen, wie das eigene Kultur¬
zentrum der türkischen Minderheit ist sowohl
Voraussetzung als auch Träger eines solchen
Emanzipationsprozesses.
46
2.1.3. Religionssoziologische Überlegungen
Wie für die meisten Immigrantengruppen in den
USA war und ist die Religion für die erste
Generation zumindest ein Halt in der Immigra¬
tion. Traditionelle Haltungen, religiöse Wer¬
tungen und Rituale werden zunächst stärker als
im Heimatland gepflegt. Bekannt ist, daß die
islamischen Gruppierungen im Emigrationsland
BRD und West-Berlin konservativere Ideologien
vertreten als im Heimatland, daß sie zum Teil
abergläubischen und fanatischen Sekten angehören, die in der Türkei verboten sind. 1)
Im folgenden beschreiben wir den historischen
und politischen Hintergrund dieser Entwicklung,
um auch aus dieser Sicht zu einer Einschätzung
der möglichen Funktion eines Kulturzentrums mit
islamischer Gebetsstätte zu gelangen.
Die Rolle des Islam in der neueren Türkei
Der Islam war im Osmanischen Reich (1299 - 1918)
das allgemeingültige Wertsystem. Der Koran, das
heilige Buch des Islam, war die "wahre Verfassung"
und das Fundament des Rechtswesens (Scheriat) für
das öffentliche Leben. Der seit dem 18. Jahrhun¬
dert sich verstärkende militärische Mißerfolg des
Osmanischen Reiches und der zunehmend' Einfluß
wisschenschaftlicher und technischer Erneuerungen
aus den europäischen Ländern führten dazu, daß der
Islam als tragende Orientierungsnorm bei der tür¬
kischen Intelligenz und dem Bürgertum zunehmend
an Einfluß verlor.
TT Vgl.:
Hans-Günther Kleff, Vom Bauern zum Industrie¬
arbeiter. Ingelheim 1984, S. 261 - 275.
47
Die neue politische Denkrichtung, der Modernismus
,
wurde vor allem von einem Teil der administrativen
und militärischen Intelligenz getragen, der auch
Mustafa Kemal
(Atatürk)
angehörte. Nach dem end¬
gültigen Zusammenbruch des Osmanischen Reiches im
ersten Weltkrieg und dem sich daran anschließenden
erfolgreichen nationalen Befreiungskrieg
der Tür¬
ken setzte unter Kemal Atatürk ein Modernisierungsbzw. Westernalisierungsprozeß ein, der die Türkei
zu einem unabhängigen, modernen,
zivilisierten,
de¬
mokratischen Staat und einer Gesellschaft nach west(2)
europäischem Vorbild führen sollte.
.
Die neue Staatsdoktrin
des sozio-politischen
Modernisierungsprozesses der Türkei war fortan
der Kemalismus
^ ,
dem vorjallem die führende
^Modernismus drückt den Willen aus, den geringen Intwicklungs
stand des Reiches in möglichst kurzer Zeit zu überwinden. Die
Die Mademisierungsbestrebungen zielten im osmanischen Reich
wie in der türkischen Republik im wesentlichen auf eine Re¬
formierung der gesellschaftlichen Institutionen.
(^Die Westemali sierung und Säkularisierung der Kultur und des
Rechts sollten nach" Vorstellungen von republikanischen Re¬
gierungen unter Atatürk jdie an den bürgerlich—tfkzidentalen
Leitbildern ausgerichteten Fundamente der neuen Türkei werden.
Die in dieser Hinsicht durchgeführten wichtigsten Reformen
sind:
-Abschaffung des Kalifats
-Annahme des lateinischen Alphabets
-Abschaffung des islamischen Rechtswesens (Scheriat)
-Übernahme der leicht modifizierten westlichen Rechtsnormen
-Säkularisierung des Erziehungswesens
-Streichung der Bezeichnung des Islam als Staatsreligion
-Aufhebung des Amtseides "im Namen Allahs"
-Abschaffung der religiösen Schulen
-Einführung des Wahlrechts für Frauen
Im Kernelismus ist die Westemalisierung der Türkei in sechs
Prinzipien niedergelegt:
-Nationalismus: Konstituierung des türkischen Nationalstaates
bei gleichzeitiger Absage an Turanismus und Panislamismus.
-Republikanismus: Keine neuerliche Errichtung einer relisiösen Verfassung.
-Säkularismus (Laizismus): Trennung von Staat und Religion
-Etatismus: Führende Rolle der staatlichen Aktivitäten bei
der ökonomischen Entwicklung des Landes.
-Populismus: Gleichheit der Bürger ohne Ansehen von Glauben,
Rasse und Sprache.
-Reformismus (Modernismus): Permanenz des Umwandlungsprozesses
von Staat und Gesellschaft.
48
bürokratisch-militärische Elite des Landes ver¬
pflichtet war.
Der Kemalismus geriet jedoch zwangsläufig mit
der traditionellen seit 600 Jahren existierenden
islamischen Weltanschauung in Konflikt, die aus
dem öffentlichen Leben ausgeschaltet wurde.Die
islamische Bewegung, die sowohl der Modernisierungs
bewegung gegen Ende des Ösmanischen Reiches als
auch dem Westernalisierungsprozeß unter Kemal Atatürk ablehnend gegenüber stand, blieb jedoch wäh¬
rend der Zeit der Einparteienherrschaft in der Tür¬
kei von 1921
- 1946 erfolglos.
Historisch trug das politische System Atatürks
zunächst revolutionäre gesellschaftliche Züge;
die existierenden gesellschaftlichen Widersprüche
zwischen feudalen bzw. naturalwirtschaftlichen
Produktionsverhältnissen mit entsprechenden feu¬
dal-klerikalen Traditionen einerseits und dem an¬
gestrebten nationalen Industrialisierungs- und Ver¬
staatlichungsprozeß, einhergehend mit europäisch
bürgerlichen Wertvorstellungen, führten jedoch
letztlich dazu, daß notwendige politisch-insti¬
tutionellen Maßnahmen zur Erneueruna unterbliew
ben
('T) . Voballern die bäuerlichen ländlichen Massen
denen die Modernisierungspolitik aufgezwungen wur¬
de, während eine radikale Landreform zugunsten der
ländlichen Massen letztlich nicht durchgeführt wur¬
de, blieben dem Westernalisierungs- und Modernisie¬
rungspolitik der kemalistischen Elite gegenüber ab¬
lehnend bis indifferent und weitgehend der islami¬
schen Tradition verhaftet.
(sf)
*
——
Der kemalistische Modernismus errichtete den politischen
Rahmen der gesellschaftlichen Reformen, vemachläßigte
aber seinen sozialen und ökonanischen Inhalt,um die ge¬
sellschaftlichen Widersprüche aufzulösen und die Neuerung
manifest zu machen.
49
Die politischen Funktionen des Islam in der Türkei
Die historischen Gegner des kemalistischen Moderni¬
sierungsprozesses der türkischen Gesellschaft nach
westlichem Vorbild wurden in erster Linie die reli¬
giösen islamischen Kräfte des Landes, da die kulturel¬
le,
sozioökonomische und politische Integration der
Türkei in die westliche Welt zuerst auf eine schmale
Schicht begrenzt blieb und die Mehrheit der Bevölke¬
rung in ihrem orientalisch-islamischen Wertsystem
verharrte. Die Auswirkungen des zweiten Weltkrieges,
der Anschluß an den kapitalistischen westlichen Welt¬
markt, die zunehmende Abhängigkeit der Türkei von
westlichen Industrienationen und die ständigen öko¬
nomischen und sozialen Krisen
^}führten zu einer be¬
ginnenden Kritik an der Westernalisierungspolitik auch
bei Teilen der verwestlichten Elite und zu einer Er¬
starkung der traditionellen islamischen Kräfte
Al3 Gegenid&ologie
^.
gegen die Westernalisierung stand
die Rückbesinnung auf den Islam.
"Die Wiederherstellung der Türkei als einer starken
und gesunden Kraft von internationalem Rang setzt des¬
halb die Rückkehr zu den eigenen Grundlagen, die im
politischen und kulturellen Raum des Islams gegeben
sind, voraus".
Tf)
^
'
siehe dazu: Keskin, H.: Die Türkei van osmanischen Reich zum
Nationalstaat, Berlin, 1978.
Schmidt, E. u. a,: Türkei, Politik, ökononie, Kultur,Berlin, 1980
Köker, Ahmet Fahir: Herausbildung der strukturellen Heterogeni¬
tät in einer unterentwickelten Gesellschaftformation am Bei¬
spiel der Türkei, Frankfurt a.M., Rita G. Fischer Verl., 1980
- Man braucht nur an die Erfolge der national-religiösen "Natio¬
nalen Heilspartei'' (MSP) von Erbakan während der siebziger
Jahre in der Türkei erinnern. Zur Frage "Reislamisierung" siehe:
Tibi, Bassam: Die Krise des modernen Islams, München, C.H.Beck,
...1981.
'Steinbach, Udo: Die Türkei im. Umbruch?, S. 49, in Orient 3/79
a.a.O.
50
Das Wiedererstarken der islamischen Kräfte,
denen
die türkischen Parteien und Regierungen seit 1950
-und sei es auch nur aus partei-, bzw. wahltakti¬
schen Gründen- mehr und mehr entgegengekommen sind,
ist u.a.
ein
(Neben)-Produkt des in der Türkei seit
der Gründung der Republik eingeschlagenen gesell¬
schaftlichen VerwestlichungsprozesseE
Die Reislami-
sierung ist damit auch eine "Gegenideologie" gegen
das bestehende System.
Der politische Träger der is¬
lamischen Tradition als "Gegenideologie" und Oppo¬
sition gegen die kemalistische Verfassung der Tür¬
kei war die 1973 gegründete und 1980 verbotene is¬
lamische "Nationale Heilspartei"
lin
(West)
(MSP), der in Ber¬
die "Islamische Föderation"
zuzurechnen
ist.
Der Islam stellt in der Türkei jedoch nicht nur eine
ideologische Stütze einer die säkulare Verfassung ab¬
lehnende Opposition dar,
sondern erhält auch im Rah¬
men einer säkularisierten Gesellschaft eine sozialintegrative Funktion. Das Ziel dieser Funktion war
nicht die Beseitigung des Islam ,
eine solche Form zu geben,
sondern"dem Islam
die vereinbar war mit
einer demokratischen Gesellschaftsstruktur und ihn
gleichzeitig zu einem Element der nationalen Kultur
und der sozialen Integration zu machen".
(h)
^
Thanä-Venske, Hanns: Die Bedeutung des Islam im Prozeß der
Integration türkischer Arbeiterfamilien in die Gesellschaft
der Bundesrepublik, Hamburg, Diplomarbeit am Seminar für
Sozialwissenschaften der Universität Hamburg, 1980, S. 93/94
51
Ende der vierziger / Anfang der fünfziger Jahre
wurde der Islam im Verlauf der Restaurationsbewe¬
gung wieder zu einem wichtigen Faktor in der tür¬
kischen Politik und Gesellschaft. Einführung des
Religionsunterrichtes an den Schulen, Einrichtung
von zahlreichen Ausbildungsstätten für Theologen,
Zulassung von Korankursen unter bestimmten Aufla¬
gen führten zu einem Anwachsen der Schülerzahlen
der Imam- und Predigerschulen. Die seit 1925 ver¬
botenen religiösen Orden traten wieder unter be¬
stimmten Deckmänteln an die Öffentlichkeit und
traten z. T., offen gegen das Prinzip des Laizismus
auf.
Die Doppelrolle des Islam,
in der Gesellschaftspoli¬
tik der Türkei, einmal als integrative Kraft einer
letztlich doch privaten Konfession und zum anderen
als ideologische Gegenkraft gegen eine westernalisierte türkische Gesellschaft blieb bis heute wider¬
sprüchlich und wurde von den islamischen Kräften nie
akzeptiert.
Diese Doppelrolle verhinderte auch seit dem Wieder¬
erstarken der islamischen Kräfte in der Türkei nicht
ihren gezielten Einsatz als Herrschaftsideologie und
das tendenzielle Zusammengehen islamischer und natio¬
nalistischer Bewegungen. In den siebziger Jahren wand¬
ten sich die religiösen Publikationen zunehmend von
allgemein religiösen Themen ab und polemisierten ge¬
gen .linksorientierte Gruppierungen in der Türkei.
Die neben der offiziellen Ideologie des k^malisti¬
schen Nationalismus in der Türkei ebenfalls existie¬
rende rechtsextremistisch-faschistische Form des
"großtürkischen Nationalismus" beruft sich auf den
-
52
historischen Vorläufer des Turanismus ^.
Zwar entwickelten sich Nationalismus und Islam,
historisch gesehen, unabhängig voneinander, doch
gingen sie eng miteinander zusammen, da als Teil
der nationalen Identität der Islam von den Natio¬
nalisten im Laufe der Zeit immer stärker erkannt
und benutzt wurde.
1) "Turan" bez eichnet das fiktive großtürkische Reich, das
nach den Plänen der Turanisten alle tatsächlichen oder an¬
geblichen Turkvölker von Innerasien bis zum Balkan umfassen
und beherrschen soll.
(
-
53
Die Funktion islamischer Vereine der Türkei in
der BRD und Berlin (West)
Die in der Bundesrepublik existierenden islamischen
Vereine sind auf Grund dieser Funktion und Stellung
des Islam
in der Türkei auch keinesfalls als ein¬
fache Religionsgemeinschaften zu sehen, wie es die
entsprechenden Vereine immer wieder darzustellen ver¬
suchen, sondern vertreten und verkörpern in ihrer
Peligionsunterweisung fast durchgehend auch politi¬
sche Richtungen und Ideologien.
Ähnlich wie in der Türkei, wo das Ignorieren der Be¬
dürfnisse und der Situation der türkischen ländlichen
Bevölkerung, an der die westlich orientierten Refor¬
men des Kemalismus vorbeigingen bzw. die z. T. zu
ihren- Lasten vorangetrieben wurden, zu einem Erstar¬
ken und zu einer im konservativen bis rechtextremen
politischen Lager angesiedelten Politisierung der is¬
lamischen Kräfte führte, zeichnet sich auch in der
Bundesrepublik ein zunehmender Einfluß der islami¬
schen Vereine ab. Die Funktion, die der Islam da¬
bei in der Bundesrepublik übernimmt, ist die glei¬
che, die der Islam unter der Westernalisierung in
der Türkei einnahm. Es ist der Versuch der Identi¬
tätsherstellung- und erhaltung in einer diskriminier¬
ten, marginalisierten und mißachteten gesellschaft¬
lichen Position. Die islamischen Vereine, unter Um¬
ständen vermischt mit nationalistischen Organisatio¬
nen, setzten dabei unmittelbar an dem legitimen Be¬
dürfnis der türkischen Bevölkerung zur Erhaltung
ihrer vom Islam geprägten Kultur und ihres Selbst¬
wertgefühles an, wobei unter der Bedingung der Emi¬
gration mit ihren ständigen Erfahrungen der Ablehnung
54
und Chancenlosigkeit nationalistische Radikali¬
sierungstendenzen und eine Übersteigerung tra¬
dierter Normenstrukturen zunehmen.
Die islamischen Vereinigungen zeigen ein ver¬
stärktes Sendungsbewußtsein und eine breite Or¬
ganisations- und Bündnisfähickeit
^
^.Sie treten
als übergreifende Interessensvertretungsorgane
der türkischen Muslime zunehmend selbstbewußter
auch an deutsche Behörden heran, vorjallem mit der
Forderung,
als "öffentlich-rechtliche Körperschaft"
und damit als offizielle Repräsentanten
Muslime in der Bundesrepublik und Berlin
aller
(West)
anerkannt und alleiniges Ausführungsorgan für den
islamischen Religionsunterricht in den deutschen
Schulen zu werden. Dazu stellen sie sich besonders
der deutschen Öffentlichkeit gegenüber als poli¬
tisch und religiös überparteiliche
dar
(1
)
(
^
J
Organisation
.
Dazu folgende Beispiele: Vier türkische und deutsche Or¬
ganisationen haben in Dortmund 1980 einen "Landesver¬
band islamischer Gemeinden in NRW" gegründet (IKZ,Islami¬
sche Gemeinde Dortmund, Nurdschu-Bewegung und Geneinschaft
de
MosleiTls
^tMoscheen
«Ch^raChiger
• In "Islamische
Berlin gründeten
19 Vereine
und
Anfang 1980 )eine
Föderation"
Ende August 1980 besetzten sogar Mitglieder der islamischen Föderation in Berlin ein Gebäude zwecks Errichtuno
einer Moschee (auf dem Gelände des Görlitzer Bahnhofs)
(Z) Hier ist daran zu erinnern, daß die Islamischen Kulturfr
^Jahre 1979 in
NRW Interesse
gezeigt hatten,
als
Öffentlich-Rechtliche
Körperschaft"
anerkannt
zu werAls Beispiel für den islamischen Religionsunterricht könnie
26x1:1:1
SJ^SS/
^SMCht
!P der ^werden.
gegründeten
schen
Federation
aufgezeigt
Sie will den "IslamiAuftrag
für Religionsunterricht für muslimische Kinder in Berliner
Schulen übernehmen. ^
55
Tatsache ist, daß die islamischen Kräfte, ver¬
mischt mit konservativ-nationalistischen Strömun¬
gen, einen erheblichen Teil der Schutzbedürfnisse,
des Identitätsvakuums und den Wunsch nach Gruppen¬
stabilität der türkischen Bevölkerung in der ihnen
fremden und z. T. ablehnend gegenüberstehenden Ein¬
wanderungsgesellschaft abdecken, allerdings bis
jetzt um den Preis, dafür isoliert und manipuliert
zu werden. Denn erstens ist der türkische Islam
in der Bundesrepublik zum Teil von den konserva¬
tiven bis rechtsextremistischen Organisationen in¬
filtriert, so daß über die islamische Religion zu
einem hohen Maße politische Inhalte nationalisti¬
scher und faschistischer Prägung transportiert
werden. Zweitens kann die islamische Bewegung allein
den Türken in der Bundesrpublik letztlich nur eine
religiöse Lebensführung gegen die moderne europäisch
geprägte Gesellschaft anbieten und schließt damit
zwangsläufig Entwicklungen aus, die durch Nationali¬
täten- und Kultur-übergreifende Handlungsansätze zur
Erkämpfung sozialer und politischer Rechte aller
Einwanderer führen könnten.
Wie wäre eine Veränderung dieser Funktion denkbar?
Ein Kulturzentrum mit Gebetsraum, wie es in dem Kon¬
zept der "AG-Ausländer" vorgeschlagen wird, wäre
als ein solcher Handlungsansatz zu bewerten, durch
den soziale und darüber hinaus auch politische Rech¬
te erkämpft werden können.
56
Eine öffentliche Anerkennung der Ausdrucks¬
formen des Islam würde einen wesentlichen Schritt
bedeuten, der zum Abbau radikaler christenfeind¬
licher und nationalistischer Tendenzen in den is¬
lamischen Gruppen beitragen könnte.
Gleichzeitig würde die Zusammenarbeit der islami¬
schen und demokratischen Einwanderergruppen unter
einer gemeinsam verabschiedeten Satzung, die nach
dem Konzept der Arbeitsgruppe gefordert wird,
zu einer demokratischen Kontrolle aller Gruppen
hinfuhren und zu einer Verweltlichung der religiö¬
sen Gruppen beitragen. Demokratisierung und Säku¬
larisierung sind die Entwicklungen, die'für den Is¬
lam in der Emigration unbedingt erzielt werden
müssen, wenn man nicht akzeptieren will, daß rechts¬
radikale Gruppen aus dem Heimatland abergläubische,
ängstliche und wenig informierte Teile der Bevöl¬
kerung aus der Türkei durch religiöse Verhetzung
und Indoktrinierung für ihre Ziele weiterhin mi߬
brauchen.
Positive Integration islamischer -Gruppen weist
Heinz-Dieter Schilling in seinem Bericht über is¬
lamische Gruppen in der Sowjet-Union nach 1), die
seit Entstehung der Sowjet-Union in ihrer Entfal¬
tung eher unterstützt als gehindert wurden, wie
es scheint.
1)
Der "rote" Halbmond, Zum Islam in der Sowjet-Union
in: taz, 11.5.1985, S. 12/13
- 57 -
Überraschender Weise registrierte Schilling
sogar ein friedliches Nebeneinander von Sunni¬
ten und Schiiten in der Sowjet-Union. "Viele
Moscheen werden von Sunniten und Schiiten
gleichzeitig zum Gebet benutzt." a.a.O. (S. 12)
Wenn auch vergleichbare Entwicklungen in der
BRD und Berlin (West) nicht wahrscheinlich sind,
so wird doch deutlich, welche Rolle die Gleich¬
berechtigung für die Ausprägung religiöser Grup¬
pen hat.
-fa2Als ich zum Sitz des Mufti, der seine Ver¬
waltung in einer alten, hervorragend re¬
novierten Medresse eingerichtet hat,
gehe, werde ich von Studenten der be¬
nachbarten Hochschule begrüßt: sie le¬
gen sich die Hand auf das Herz und wün¬
schen mir .Salem aleikum“, .Frieden sei
mit Dir“. In diesem und vielen ähnlichen
Augenblicken habe ich das Gefühl, daß
die Sowjetmacht weit weg ist und ich
mich in einem orientalischen Land befin¬
de.
Bine meiner ersten Fragen an den Mufti
war dann auch die nach dem Verhältnis
von Sowjetmacht und Islam. Der Mufti:
.Wir Geistlichen von Kasachstan und
Mittelasien gehen immer von dem aus,
was der Prophet Mohammed gesagt hat.
Das gilt natürlich auch für unser Verhält-
/fA.i.'gS?
nis zum Sozialismus und zur Sowjet¬
macht. Im Koran steht geschrieben, daß
der Islam angepaßt wird an alle Zeiten
und Mächte. Und Allah verlangt, daß wir
an diesen Bestimmungen des Korans festhalten bis zum Verfall der Welt. Die Zeit
seit der Oktoberrevolution (er sagt Okto¬
berrevolution, mein Dolmetscher über¬
setzt aus alter Gewohnheit .große Okto¬
berrevolution“) hat gezeigt, daß wir un¬
sere religiösen Bräuche gut ausüben kön¬
nen. Im Vergleich zu der Zeit vor der Re¬
volution (er sagt Oktoberrevolution,
mein Dolmetscher übersetzt aus alter Ge¬
wohnheit .große Oktoberrevolution“)
haben wir sehr große Fortschritte ge¬
macht. Muslime können heutzutage in je¬
der beliebigen Stellung arbeiten. Sie haban die gleichen Rechte wie alle anderen
Bürger der Sowjetunion.
Einen Trend zur Liberalisierung und Öffnung hin
zur deutschen Gesellschaft wie auch zu den nichtislamischen Gruppen beobachtet Jochen Blaschke
seit Beginn der achziger Jahre bei den islami¬
schen Gruppen.
^Jochen Blaschke, Islam und Politik unter türki¬
schen Arbeitsmigranten. In: Jahrbuch zur Geschich¬
te und Gesellschaft des Vorderen und Mittleren
Orients 1984. S. 295 - 368. Berlin 1985
58 -
2.2. Begründung auf der Basis empirischer Er¬
gebnisse:
Gespräche mit demokratischen und islamischen
Gruppen sowie mit Familien aus der Nachbar¬
schaft des Görlitzer Bahnhofs
2.2.1
Kalkei
Devrimci Birligi (HOB)
(Progressive Volkseinheit der Türkei e.V.)
und Berlin Türk Toplulu^u (BTT)
(Türkischer Bund in Berlin e.V.)
Interview am 15.2.1985:
Frage:
Das ist die erste Frage an Euch, inwieweit ein
solches Zentrum von Eurer Seite bejaht wird.
BTT:
Meine persönliche Meinung ist, daß wir so etwas
haben wollen, weil wir ja ein Zeichen setzen wollen,
das ist ein Politikum, es hat damit zunächst nichts
zu tun, wie groß das sein wird, was da drin sein
wird und Ähnliches. Wenn ich das im Türkischen
Bund einbringe, sagen die: "Wie kommen wir dazu,
überhaupt eine Moschee zu fordern oder zu wollen.
Es gibt auch andere Möglichkeiten, irgendwo Spu¬
ren zu hinterlassen." So ist die Meinung. Aber
wir hatten ja von Anfang an nicht eine Moschee
geplant, sondern so ein kleines Kulturzentrum,
das nur Stadtteilarbeit macht. Also es kann nicht
angehen, daß wir jetzt ein Zentrum haben für ganz
Kreuzberg, wo alle Aktivitäten dadrin stattfinden.
59
Das ist nicht der Sinn der Sache. Die ganze
Kultur- und Bildungsarbeit muß ja auf Stadt¬
teile und zwar bedarfsorientiert verteilt wer¬
den. Wenn man diesai Gesichtspunkt nicht aus
den Augen läßt, glaube ich, daß hier im Süd¬
osten von Kreuzberg eine solche Station mit
einer Bibliothek, ein paar Veranstaltungsräu¬
men und auch einem Gebetsraum oder wie man das
jetzt nennen will, existieren sollte.
Als Bildungsinstitution (der Sprecher ist Mit¬
arbeiter in der Volkshochschule Kreuzberg) sind
wir selbstverständlich daran interessiert, da
wir hier ja überall in den Stadtteilen unsere
Arbeit leisten, mit unseren Angeboten da hinein¬
zugehen. Auf der anderen Seite ist es als Politi¬
kum notwendig, sowohl der türkischen als der
deutschen Bevölkerung klar zu zeigen, daß wir
(wir als Türken) da sind, daß wir gewisse Be¬
dürfnisse haben, die anders sind als die der
anderen, und dafür müssen auch sichtbar Zeichen
da sein. Ich kann natürlich die Sache auch ganz
radikal machen und sagen: Was soll ich hier mit
einer Moschee? Ich brauche nur ein Minarett -als
Zeichen, und alles andere ist uninteressant.
Diese Einigkeit an diesem Abend (meint die Son¬
dersitzung des Stadtteilausschusses) war eigent¬
lich auch daraus geboren, daß wir gesagt haben:
Wenn wir nicht einig sind, werden sie uns herun¬
terputzen und auch wegfegen. Undobwohl wir einig
waren, waren doch einige Leute so weit, daß Angst
da war, die Angst, daß alle von rechts bis links
sozusagen am gleichen Strang ziehen, wie wir aus
60
-
der Reaktion von Herrn König gesehen haben.
Das (die Einigkeit) ist eigentlich für uns
auch ein Novum gewesen. Dort an dem Abend ist
die Sache eigentlich falsch dargestellt wor¬
den. Man dachte wirklich, daß wir die FatihMoschee vergrößern wollen. Das meinen wir eigent¬
lich auch nicht. Ich meine, der Standort ist
sehr wichtig, weil wir an den Stellen, wo wir
etwas haben wollen, auch einmal etwas haben
sollen und nicht wieder abgeschoben werden
sollten auf Ersatz. Deswegen ist der Moritz¬
platz und was sonst als Alternative angeboten
wurde, in dem Sinne keine Alternative, erstens
weil in der Gegend wenig Türken wohnen, sie mü߬
ten also erst wieder hinfahren, und zweitens weil
es nicht dort ist, wo wir es haben wollen, wo die
Notwendigkeit unserer Meinung nach ist. Wir müs¬
sen uns nur vor einer Sache hüten: Daß die Offiz e
^ ^^en sagen, wenn wir gewisse Forderungen stel¬
len: Was wollt ihr? Hier ist doch etwas für Euch.
Also ein Bau, ein türkisches Kulturzentrum wird
dann als Alibi dazu dienen, jede andere Forderung
vom Tisch zu fegen, weil es da ist. Deswegen darf
es keine große Dimension haben. Das muß die Di¬
mension haben, die zu den Bedürfnissen dieses
Stadtteils paßt. Wenn wir was Größeres haben
wollen, dann besetzen wir die Fläche am Anhalter
Bahnnof und lassen dort eine zweite Hagia Sofia
oder Süleymaniye bauen.
61
Frage;
Ja, was sagt denn der KDB zu einem beabsich¬
tigten Zentrum?
-Frage nach Mitgliederzahl und Anteil der
Kreuzberger
Mitglieder-
HDB;
Von unseren Mitgliedern schätze ich, daß höch¬
stens 30 % in Kreuzberg wohnen. Wir haben eine
starke Mitgliederkolonie in Schöneberg, Tegel
und Charlottenburg. Wir sind zwar ein Verein
in Kreuzberg, aber da wir eine bestimmte gesell¬
schaftliche Lücke füllen, bekommen wir Mitglie¬
der aus allen Stadtteilen. Deswegen kann man
nicht sagen, daß wir eher eine Stadtteilorgani¬
sation sind, das sind wir nicht.
Wir haben diese Idee bei uns im Verein ein paar¬
mal diskutiert, aber sie war sehr umstritten.
Wir haben das auch nicht zu
einem Ergebnis gebracht, so daß, wenn ich jetzt
abtworte, das mehr meine Meinung ist als die
der Mehrheit des HDB. Vielleicht kann A. als
jetziger Vorsitzender des Vereins eher Verbind¬
liches darüber sagen.
Ich sehe das nicht so wie N. das vorhin formu¬
liert hat, daß man mit so einem Projekt ein Zei¬
chen setzen könnte als türkische Kolonie in die¬
sem Bereich. Denn dafür denke ich, daß die Tür¬
ken in diesem Bereich bestimmte Voraussetzungen
einer starken Kolonie noch nicht errungen haben.
Ich denke, so ein Kulturzentrum müßte man, wenn
62
man wirklich ein Zeichen setzen will, mit
eigenen Mitteln errichten, nicht mit Mitteln
vom deutschen Staat. Wenn man wirklich so
stark
wäre
, dann wäre die Sache ganz
anders. Und wenn ich so sehe, so ein Kultur¬
zentrum und so einen Gebetsraum, dann sehe
ich grundsätzlich Widersprüche. Erstens sind
in diesem Bereich eine Reihe Projekte und
Vereine lokalisiert, die sich selber als Kul¬
turorganisation, als kulturschaffende Insti¬
tutionen sehen. Und zweitens sind in diesem
Bereich auch eine ganze Menge Gebetsräume,
die diese Funktion erfüllen und die darüberhinaus diesen Gruppen auch die Möglichkeit
geben, sich politisch und gesellschaftspoli¬
tisch zu treffen. Daher denke ich, daß die¬
ses Kulturzentrum erst eine Bedeutung erlan¬
gen kann, wenn es wirklich entweder von allen
zusammen getragen wird, oder, daß es z. B. vom
türkischen Staat betrieben wird, wirklich als
eine Organisation, ein Zentrum, was der tür¬
kische Staat seit Jahren vernachlässigt, den
eigenen Menschen überhaupt etwas anzubieten.
Ich habe nichts dagegen, daß Leute sich selbst
die Möglichkeit erarbeiten, kulturell tätig
zu sein. Aber darüberhinaus meine ich, daß ein
Staat sich diese Aufgabe stellen müßte, den
Millionen, die außerhalb des Landes leben -so
konzentriert wie in Berlin- dann hätte dieser
Staat unmittelbar die Aufgabe, diese Leute wei¬
terhin kulturell zu betreuen. Und das macht er
nicht, der türkische Staat, überhaupt nicht.
63
Und darum denke ich, dieses Zentrum könnte
nur die Bedeutung eines Zeichens haben, wenn
es von allen Gruppen zusammen oder vom tür¬
kischen Staat'betrieben" wird, als ein Arm
der kulturellen Betreuung der Türken in die¬
ser Stadt. Denn wir sollten uns nicht vor¬
machen, daß wir soweit sind, daß in einem Zen¬
trum linke Gruppierungen sozusagen linke Kul¬
tur anbieten und nebenan Rechte ihr Gebet ab¬
halten. Ich denke, wir sind noch nicht so weit.
Und die ganze politische Szene beweist das an
und für sich. Wir sind erst in der Phase des
Gesprächsuchens. Wir versuchen, miteinander
in Dialog zu kommen. Und wie man da so ein
Kulturzentrum gemeinsam betreiben kann, das
sprengt im Moment meine Vorstellung.
Diese grundsätzlichen Bedenken sehe ich als
Person, nicht als HDB. Ich weiß nicht, ob das
als grundsätzliche Stellungnahme erstmal aus¬
reicht.
Also vielleicht nochmal kurzgefaßt: Ich sage,
wir sind als türkische Kolonie noch nicht in der
Lage, weil wir noch zu schwach sind, sowohl wirt¬
schaftlich als auch in unserem Zusammenhalt(und
zweitens wird von sehr vielen Organisationen eine
Kulturarbeit geleistet. Und wenn man das zentra¬
lisieren will, wie soll das geschehen? Der tür¬
kische Staat hat im Moment kein Interesse daran,
weil er selber nicht weiß, was mit diesen Ar¬
beitsemigranten passieren soll. Sie sagen zwar
immer wieder: Wir sind dagegen, daß unsere Lands¬
leute ihre kulturelle Identität verlieren, die
-
64
reagieren sehr heftig, wenn in der zweiten
Generation Kulturkonflikte auftreten, -die
gelten immer als verlorene Generation- aber
die (der türkische Staat) tun nie was dafür,
daß die ihre kulturelle Identität -natürlich
die hiesigen Bedingungen einbezogen- erhal¬
ten können. Deswegen sehe ich grundsätzliche
Schwierigkeiten.
Frage;
Ja meinst du nicht, daß, wenn die türkische
Kolonie noch so schwach ist, wie du sie siehst,
daß so ein Zentrum zur Stärkung dieser Kolonie
beitragen könnte?
HDB:
Richtig. Aber wie gesagt: Welche gesellschaft¬
liche Macht sollte dahinter stecken 2 Das ist die
9
Frage.
Wenn es wirklich ein anziehendes, ein einflu߬
reiches Zentrum sein soll. Da frage ich mich:
Wer soll dahinter stecken? Die Geschichte mit
den zentralen Kulturstätten ist nicht ganz neu.
Es gab in der Vergangenheit solche Überlegungen.
Dann ist es auch vom Senat abgelehnt worden, eine
zentrale Kulturstätte einzurichten. Es gab klei¬
ne Interessensgemeinschaften, sowas auf die Bei¬
ne zu stellen. Aber letzten Endes sind die alle
gescheitert, weil erstens die immer wieder auf
den Senat losgegangen sind und gesagt haben: Gebt
uns Knete, wir werden sowas machen. Und der Senat
hat gesagt: Im Moment hab ich kein Interesse an
-
65
sowas. Deswegen ist es auch gescheitert.
Dieses Kulturzentrum, von dem wir sprechen,
scheint ein bißchen anders zu sein, weil es
mit einem Gebetsraum gekoppelt werden soll.
Aber da bin ich auch skeptisch, ob das wirk¬
lich der Sinn sein soll. Denn: das Zeichen
seh ich nicht, das im Errichten eines Mina¬
retts besteht. Sondern: wenn von diesem Zen¬
trum wirklich sehr starke kulturelle Impulse
ausgehen, dann ist es für mich ein Zeichen,
nicht das Minarett.
Frage:
Das Gespräch mit den religiösen Gruppen bringt
aber eine neue Qualität in die ganze Geschich¬
te. Man darf nicht vergessen, daß der Auslöser
der ganzen Diskussion die Fatih-Moschee war,
die ja als erste türkische Gruppe eigenständig
eine Besetzung gewagt hat......
(Kassettenaufnahme nicht zu verstehen)
BTT:
Das Bedürfnis (nach Religionsausübung) ist ja da.
Dieses Grundbedürfnis möchte ich als Aufgeklärter
nicht mißbrauchen, aber benutzen. Deswegen sa¬
ge ich: in diesem Zentrum muß auch eine Stätte
sein, wo gewisse Menschen, die sonst nicht da
hineinkommen, ein Bedürfnis befriedigen können.
Menschenskind, keiner von Euch kommt auf die Idee,
zu sagen: in diesem Kulturzentrum wollen wir kei¬
ne Toiletten haben. Wenn dies ein Grundbedürfnis
66
ist, dann müssen wir auch dafür sorgen, daß
es befriedigt wird. Ansonsten machen es ja
andere, das sehen wir ja.
Wir könnten jetzt natürlich davon ausgehen
und sagen: in Kreuzberg sind allein 10 oder
15 Moscheen und Gebetsstätten, wozu brauchen
wir noch eine? Ich finde, wenn wir eine Dis¬
kussion darüber machen, sollten wir davon aus¬
gehen: Ist es überhaupt notwendig? Und wenn
wir feststellen, daß es notwendig ist, sollten
wir festlegen, wer das bauen soll, dann kommt,
wer das tragen soll, dann kommen die inhalt¬
lichen Sachen, was dadrin gemacht werden kann,
in dieser Reihenfolge müßte man das machen.
Denn wenn die jetzt anfangen, darüber zu strei¬
ten, wer eigentlich der Träger sein soll, dann
ist die Sache von Anfang an gestorben.
HDB:
Mit dem Beirat, das hab ich absichtlich gesagt:
Denn wenn die Funktion nicht vorher bestimmt
wird, dann hat es auch keinen Sinn, daß wir
versuchen, sowas zu bauen. Funktion, Arbeits¬
weise u.s.w. muß man auch am Anfang zur Dis¬
kussion stellen. Nehmen wir an, daß da eine
Moschee gebaut würde, und nach dem Bau machen
wir eine Diskussion. Dann stellen wir fest, daß
wir nun da praktisch nicht mehr mitarbeiten kön
nen. Denn was sollen wir mit einer Moschee anfangen? Also dieses Vorhaben muß in seiner Funk
tion gleichzeitig diskutiert werden.
- 67
BTT:
Das ist klar. Auf der anderen Seite dürfen
wir nicht blauäuigig sein. Wenn man die wirt¬
schaftliche Macht vor Augen sieht und auch
die Möglichkeit, sich finanzielle Ressourcen
zu öffnen, sind die so gefürchteten Rechten
ja am längeren Hebel, in jedem Falle, Denn
wenn die wirklich wollten, könnten sie heute
die 30 bis 40 Millionen, die für soetwas nö¬
tig sind, auf irgendeine Weise auf den Tisch
legen. Und da würden wir nur die Augen aufreißen wie kleine Kinder vor großen Geschen¬
ken und zugucken, was da eigentlich los ist,
HDB;
Ja, heißt das, daß du sowaswünschst?
BTT:
Nein, nein.
HDB:
Du schraubst aber deine Ansprüche angesichts der
Realität ziemlich niedrig.
BTT:
Ja, gewiß. Ich will klein,klein anfangen, und
zwar mit diesem Zentrum. Als diese Geschichte
mit der Fatih-Moschee aktuell wurde und wir ge¬
sagt haben: nur so eine Gebetsstätte in einer
Kulturstätte (ich sage nicht mehr Zentrum), da
kam der Vertreter, dieser junge Mann, von der
68
-
Fatih-Moschee und sagte: Was, die wollen uns
nur 1000 m
geben? Wir brauchen das gesamte
Gelände mit 140000 m2, alles wollte er haben
und wollte eine Moschee wie die Süleymaniye
da hinstellen.
HOB:
Das würde ich auch begrüßen. Das würde ich
auch gern haben, aber nicht eine kleine Kul¬
turstätte mit sehr vielen Kompromissen. Eure
psychologischen und sozialpsychologischen Be¬
gründungen hier, wofür man ein Kulturzentrum
braucht, zur Erhaltung und Verteidigung der
kulturellen Identität, zur Behauptung des eige¬
nen Kulturkreises, das ist ja alles richtig.
Aber das ist nur durch sowas möglich. Ich wür¬
de es wirklich begrüßen, wenn die islamischen
Kräfte mit Geldern vom Iran oder Saudi-Arabien
so etwas bauen würden. Das ist wirklich etwas,
das Jahrhunderte dauern würde, auch wenn ich
kein religiöser Mensch bin, will ich das haben
als eine Zeichensetzung. Aber machen wir uns
nichts vor: Kultur macht man mit viel Geld. Es
ist halt so, wenn die dann kommen und verglei¬
chen, andere, die sind gekommen und haben eine
Kirche gebaut und haben dann drumherum sich an¬
gesiedelt (meint Immigranten in USA z.B.).
So eine Gesellschaft sind wir aber nicht. Es
sind zwei hauptsächliche Kultur - -Richtungen
in der türkischen Gesellschaft, die sich bis¬
her gegenseitig unheimlich vermieden haben. Die
haben wahnsinnige Berührungsangst: die sogenannten
- 69
westlich Orientierten und die sogenannten öst¬
lich Orientierten. Und im Moment macht man
sich in der Türkei Gedanken darüber, -und wir
machen das auch- wie man daraus eine Synthese
machen kann. Aber wir sind noch nicht mal am
Anfang. Wir sind noch beim Überlegen: Wie kön¬
nen denn wir es überhaupt machen, daß wir die¬
se 60/70 Jahre andauernde Isolation aufheben
und miteinander reden?- Wir haben noch nicht
einmal eine politische Macht aufgebaut, weil
wir nie miteinander gesprochen haben. Den Streit
innerhalb der Linken will ich dabei gar nicht
ansprechen. Für mich geht es wirklich hauptsäch¬
lich um diese beiden Richtungen. Und wir haben
keine wirtschaftliche Macht im Moment, diese
Kolonie hat diese Macht nicht, der wirklich ga¬
lanteste türkische Geschäftsmann von Berlin hat
ja nur Schulden, überhaupt kein Geld. Also Ge¬
schäftsleute in dem Sinne sind sie gar nicht,
daß ich mit denen sprechen kann und Kompromisse
schließen kann, damit ich Geld kriege. Diese Kon¬
stellation gibt es ja gar nicht. Ich könnte zu
diesem Verein der türkischen Geschäftsleute nicht
hingehen und sagen: "Wir machen jetzt kulturelle
Arbeit. Gib mal 5000.-- DM." Die würden nicht
einen Pfennig geben, weil sie das Geld gar nicht
haben. Wir haben keinen richtigen Geschäftsmann
in dieser Stadt. Deshalb müssen wir kleine Bröt¬
chen backen(und die backen wir auch seit Jahren.
Verdammt noch mal, jeder backt diese kleinen Bröt¬
chen in seinem eigenen Laden. Deshalb halte ich
diese Idee vom Zeichensetzen für verfrüht.
- 70
Wir versuchen doch bei BTT seit 2 Jahren, daß
die sogenannten Westlichen sich einigen, wir
bringen das nicht auf einen gemeinsamen Nenner.
Seit 2 Jahren haben wir es noch nicht einmal
zu einem Termin gebracht
(meint,'mit den isla¬
mischen Gruppen). Mit denen haben wir zwar ein¬
mal ganz kurz gesprochen, aber inhaltlich über¬
haupt nicht. Deswegen sage ich: es ist verfrüht,
über sowas mit den Senatsstellen zu kämpfen und
zu sagen: Gebt mal Geld. Wir sind so wirklich
darauf angewiesen, die Bedingungen des Senats
zu akzeptieren, weil wir selber noch keine Linie
haben, weder politisch noch wirtschaftlich,noch
kulturell sind wir einheitlich.
BTT:
Auf der anderen Seite werden 100 Millionen für
den Mendelssohnbäu ausgegeben. Glaubst du, daß
sie dem Peter Stein oder der Schaubühne darein
gucken können in das Theater? Niemals....
Daß wir am kürzeren Hebel sitzen, ist mir auch
klar, aber ich sage -wie sagt man im Türkischen
so schön: "Einem Kind, das nicht schreit, gibt
man nicht die Brust."- Wir müssen irgendwann mal
anfangen zu fordern und zwar gewaltig zu for¬
dern. Und eine der Forderungen könnte so etwas
sein. Ich persönlich bin eben nicht dafür, daß
irgendwo ein Zentrum hingesetzt wird, wo man
alles hineinschieben kann und dann sagen kann:
Was wollt ihr denn, da habt ihr doch was. Denn
Barbara John wollte ja an der Wissmannstraße so
etwas machen, auch ein Zeichen setzen, über die
71
Grenzen Berlins oder Deutschlands hinaus. Das
war ihre Idee. Da sollte ein Zentrum entstehen,
wo an erster Stelle ausländische Nachbarschaft
was machen sollte. Wobei die erste Reaktion
von der Nachbarschaft kam, die sagten: Was, da
wollt ihr eine Gaststätte machen? Die erste
Reaktion war: Nein, das wollen wir nicht. Und
als die Gelder ohnehin gestrichen wurden, -da¬
hinter stand ja niemand-, da wir ja gesagt ha¬
ben, wenn sie in der Wissmannstraße so ein Kul¬
turzentrum hinsetzen, dann gibt es in den näch¬
sten Jahren für kulturelle Angelegenheiten kei¬
nen Pfennig mehr.
Frage:
Wenn man die Entwicklung in Kreuzberg in den
letzten Jahren betrachtet,
(ungefähre Wie¬
dergabe der Rede) dann sieht man, daß es gewisse
Änderungen gibt im Straßenbild, in der Bevölke¬
rungsstruktur, Man kann vermuten, daß eine eth¬
nische Kolonie entstanden ist, die schon Merk¬
male von Eigenständigkeit hat. Es könnte sein,
daß so ein Zentrum die Funktion hätte, diese eth
nische Kolonie zu stabilisieren.
BTT:
Man spricht viel von der 'Kulturellen Identität"
und tut dabei häufig so, als sei das etwas Sta¬
tisches. Eine Konservierung von dem, was uns ver
loren geht, können wir in einer Industriegesell¬
schaft auf keinen Fall schaffen. Man kann voraus
sehen, daß die islamische Religion in Europa in
72
50 oder 100 Jahren anders aussehen wird, als
die Religion, die da war,
(die mitgebracht
wurde). Es gibt mit Sicherheit sehr sehr we¬
nige Einwanderer, die es geschafft haben, ihre
Religion so zu konservieren, wie sie das woll¬
ten. Das haben nur die deutschen Einwanderer
in Amerika geschafft, diese Sekte, die nicht
einmal Knöpfe benutzen, die nur binden, die
kein Licht, keinen Motor, überhaupt keine Zivi¬
lisation hineingelassen haben. Das können wir
hier nicht schaffen, und das ist auch gar nicht
erstrebenswert. Und deswegen sage ich, unsere
Kultur wird sich entwickeln, irgendwann mal
wird was Neues entstehen, und etwas zu konser¬
vieren, wird uns mit Sicherheit schwer fallen.
HDB:
Für uns sowieso. Weil die Religion in unserer
Erziehung, in unserem Leben, in unserer Denk¬
weise keine Rolle gespielt hat.
BTT:
Den anderen wird es auch schwer fallen.
HDB:
Bei den anderen ist es viel stärker ausgeprägt.
Das ist ja auch die Schwierigkeit, bei dem Ver¬
such, sich politisch zu etablieren, sich als Kolo¬
nie zu etablieren, weil diejenigen, die bisher die¬
se ganze Emigrantenpolitik versucht haben zu be¬
einflussen, die haben dieses Thema nie berück-
73
-
sichtigt. Das ist ja unsere Schwierigkeit.
Die anderen Auswanderer hatten es wahnsinnig
viel leichter, weil sie ihre Religion als
eine Selbstverständlichkeit betrachtet ha¬
ben. Aber wir haben das nie getan. Wir ha¬
ben bisher nicht einmal ein Bedürfnis gehabt,
mit den sogenannten Religiösen zu sprechen.
Wir haben immer wieder gesagt: Ach, laß die,
die kennen sowieso nur ihr Gebet.
BTT;
Wir wissen, daß das ein Fehler war.
HDB:
Ja, jetzt haben wir das eingesehen. Aber jetzt
wissen wir auch nicht mehr, wie wir damit um¬
gehen sollen.
BTT:
Ja, ganz einfach bei solchen Gelegenheiten. Wenn
jetzt eine Gruppe kommt, die irgendetwas für ihre
Religion haben will, dann fällt uns verdammt noch
mal die Aufgabe zu, diese Gruppe zu unterstützen.
HDB:
Also, wenn ich mit denen Gespräche führe, weißt
du, was die uns sagen? Was ihr macht,ist doch
Quatsch, Mensch! Die einzige Möglichkeit liegt
in der islamischen Gesellschaftsordnung. Die ha¬
ben auch eine bestimmte Vorstellung. Und diese Vor¬
stellung ist von der unseren soweit entfernt, daß
74
wir wahnsinnig viel Zeit brauchen, um mitein¬
ander zu einem bestimmten Konsens zu kommen.
Ich kenne solche Leute von der Arbeit und so.
Ich rede immer wieder mit denen. Es gelingt
mir nicht, bis zu einem bestimmten Punkt zu
kommen. Sie lehnen (meine politischen Vorstel¬
lungen) vollkommen ab. Und jetzt versuche ich,
mir vorzustellen, wie ich gesellschaftlich und
kulturell was mit denen zusammen machen kann.
Ob wir überhaupt diese Toleranz gegenseitig
aufbringen können, daß sie z. B. in ihrem Ge¬
betsraum dasitzen und sagen: "Alles Scheiße
mit dieser westlichen Gesellschaft. Hoch die
islamische Gesellschaft!" Ob wir dann diese
Toleranz aufbringen können, und sagen können:
"Laß die doch machen!" Ich glaube nicht, daß
wir soweit sind.
Frage:
Wir haben ja ein Gespräch gehabt mit der FatihGemeinde. Da habe ich mich über ein paar Punkte
sehr gewundert. Y., ein Sprecher der Gemeinde,
sprach mit uns. Y. scheint selbst Arbeiter zu
sein, er sprach sehr gut Deutsch, hat die ganze
Sache auf Deutsch dargestellt und hat folgendes
gesagt: "Wir sind ein Arbeitnehmerselbsthilfe¬
verein. Wir sind vom türkischen Staat in unserer
religiösen Bedürfnissen im Stich gelassen wor¬
den, deswegen haben wir uns zusammengeschlossen
und gesagt: Wir müssen uns selbst organisieren.
Wir wählen unseren Vorstand demokratisch. Wir
entsprechen damit vollkommen den Idealen, die
-
die Deutschen haben
75
-
Es ist so, daß wir
hauptsächlich von der Kraft der Mitglieder le¬
ben, "
HDB;
Gut gelernt.
Frage;
Ja, gut gelernt. Aber ich hatte den Eindruck,
daß dieser Mann dies nicht nur aus Opportunis¬
mus gesagt hat, sondern daß in seinem Bewußt¬
sein auch Teile des Gesagten wirklich waren,
was für mich andeutet, daß sich solche Gruppen
auch verändern, daß das jahrelange Zusammenle¬
ben als Arbeiter in den Betrieben, wo man Ver¬
trauensleute erlebt, wo man gewerkschaftliche
Arbeit sieht, daß dies doch das Bewußtsein ver¬
ändert. Die Hausbesetzung war ja eine sehr eigen
artige Geschichte. Sie (die Fatih-Gemeinde) sind
ja dort in die Nähe der Hausbesetzerbewegung ge¬
raten und sind ja zum Teil auch von dieser Seite
unterstützt worden. Da, meine ich, sind Verände¬
rungen im Gang, die Ihr vielleicht auch nicht
wahrnehmt.
HDB s
Das ist möglich.
Frage:
Ich habe mit verschiedenen deutschen Lehrerkolle
gen gesprochen, die mit deutschen Klassen die
Fatih-Moschee besucht haben. Und die sagen dann:
-
76
"Eigenartig, wir haben den Eindruck, daß die
viel offener sind, als von unseren türkischen
Freunden immer behauptet wird. Sie zeigen uns
ihren Koranunterricht. Sie verkaufen Kassetten
mit den Predigten von Dural. Sie lassen uns
fotographieren, sie machen Öffentlichkeitsar¬
beit." Das ist doch eine Entwicklung, denn das
ist doch eine Gruppe, die in der Türkei gar
nicht öffentlich arbeiten dürfte, hier aber
einerseits diese VJege nutzt, andererseits aber
auch kontrollierbar wird.
(zu M. vom HDB)
Ich hab mich sehr gewundert, daß du sagst: Ich
wünsche mir eine Riesen-Moschee, mit der ich dann
nichts am Hut habe. Ich meine, das ist doch ein
wichtiger Anspruch als Linker, daß, wenn eine
religiöse Stätte irgendwo entsteht, man die Mög¬
lichkeit hat zu kontrollieren, was dort geschieht.
Es ist doch wichtig, daß die Sekten, die im Un¬
tergrund arbeiten und die Leute beeinflussen, ge¬
zwungen werden, an die Oberfläche zu kommen, an
die Öffentlichkeit zu treten. Das ist doch ein
entscheidender Anspruch an Euch, Und nicht zu
sagen: Laß sie die Moschee bauen, damit ist das
Zeichen wenigstens da.
HDB:
Das habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt: An¬
fangs werd ich bestimmt nichts damit zu tun ha¬
ben, weil ich nicht dazu bereit bin. Aber eine
Moschee ist etwas, das Jahrhunderte bestehen
bleibt. Und ich erhoffe mir, daß endlich in die-
- 77
ser Gesellschaft diese Berührungsangst abge¬
baut wird, daß die Westlichen mit den öst¬
lichen Orientierten gemeinsam zu einer Syn¬
these kommen. Und da ich Hoffnung auf diesen
Gedanken setze, sage ich, auch wenn sie jetzt
eine Moschee hinsetzen, mit der ich anfangs
nichts anfangen kann, bin ich dafür, denn ich
hoffe, daß sich im Laufe der nächsten Jahre
etwas verändern wird. Dann haben wir vielleicht
gemeinsam ein Zeichen nach 50 Jahren, wo wir
vielleicht beide sagen können: "Das ist unsere
Moschee, das ist unser Kulturzentrum." Das ist
meine Hoffnung. Weil der türkische Staat das
nicht macht, weil er diese Notwendigkeit nicht
sieht.
Frage:
So ein Kulturzentrum hätte ja einmaligen Charak¬
ter. Du mußt ja auch sehen, daß ein türkisches
Gemeindehaus oder Kulturzentrum nirgends besteht.
HDB:
Doch, in einigen Städten in der Bundesrepublik
gibt es sogenannte Türkeihäuser, die von den Kon¬
sulaten betrieben werden. Und normalerweise soll¬
ten diese Häuser ja die Funktion der kulturellen
Betreuung haben, z. B. in Frankfurt oder Hannover,
Köln.
Frage:
Sind das richtig abgetrennte Häuser mit einem ge¬
wissen baulichen Anspruch?
78
HDB:
Nein, die haben nicht so einen vorzeigehaften
Charakter, das sind auch solche Räume, die sie
gemietet haben, weil sie ja keine andere Mög¬
lichkeit haben, Aber weil sie keine richtige
Kulturpolitik haben, wissen sie selber nicht,
was sie damit anfangen sollen.
Frage:
Ja, wir machen ja was anderes. Wir mieten keine
Räume, sondern wir lassen etwas Neues entstehen.
Und da setzen wir einige bestimmte historische
Elemente hinein, die wir aus unserem Land mitge¬
bracht haben, baulich und inhaltlich. Das hat
natürlich Anziehungskraft, egal in welcher Di¬
mension es entsteht, es ist einmalig.
HDB:
O.K. Aber wer soll diese Elemente, die wir mitge¬
bracht haben, in ein Mosaik zusammensetzen? Das
ist die Frage,
Frage:
Ja, die Frage ist klar. Es geht um die Organi¬
sationsstruktur dieser Kolonie, egal ob östlich,
westlich, religiös, demokratisch oder wie. Die¬
se Organisationsstruktur muß historisch gesehen,
die Elemente zu dieser Verschmelzung liefern. Des¬
halb ist es notwendig, wenn man soetwas macht,
auch mit den Organisationsstrukturen der anderen
Kräfte zusammenzuarbeiten, oder Berührungspunkte
79
zu finden, wo man vielleicht Zusammenarbeiten
kann. Das müssen wir auch als demokratische
Organisation immer im Auge behalten.
HDB:
Das war ja auch mein Vorschlag. Aber ich habe
gesagt: Wir sind wahnsinnig am Anfang. Wir ha¬
ben noch nicht mal angefangen, miteinander zu
reden.
Frage:
....(nicht verständlich) So ein Kulturzentrum
könnte ein Ort sein, wo man aufeinander zugehen
kann,
HDB:
Also bis wir die Notwendigkeit eingesehen haben,
hat es ja 8 bis 10 Jahre gedauert, wann wir das
dann auf die Beine stellen werden
BTT:
Aber es geht nicht, daß wir sagen: Warten wir
noch 10 Jahre.
HDB:
Aber kannst du denn wirklich deine kulturelle
Identität plötzlich so überwinden? Kannst du das?
Also ich kann es nicht. Ich sehe diese Schwierig¬
keit. Wenn man mich z.B. zu einem gemeinsamen Ge¬
bet einladen würde, ich frag mich, ob ich der Ein¬
ladung folgen könnte oder nicht
80
HOB;
Aber die gehen doch davon aus, daß wir alle
Mohammedaner sind. Und diese Antikommunismus¬
kampagnen, die seit Jahren in der Türkei be¬
trieben wurden, die darfst du auch nicht ver¬
gessen. Für die sind wir gottlose Kommunisten,
die ihre Frauen an jeden verschenken können.
Die haben das im Hinterkopf. Die können das auch
nicht so einfach überwinden. Wir reden zwar von
unseren Annäherungsversuchen, aber was für Mau¬
ern bei denen bestehen, darüber machen wir uns
keine Gedanken.,.,
Aber ihr habt doch erzählt, daß bei dieser Stadt¬
teilausschußsitzung auch AL- und SPD-Leute wahn¬
sinnig erbost waren über diesen Gedanken, Linke
mit Rechte zusammenzubringen.
BTT;
Ja, sie zeigten sich erbost, aber in Wirklich¬
keit waren das Angstzustände, vor allem bei Herrn
König, als er gesehen hat; Aha, wenn die was wol¬
len, können sie sich auch einig werden. Was er
von diesem Abend mitgenommen hat und was er auch
im Bezirksamt berichten wollte, das war dieser
Kern. Ich fand den Abend einen der wenigen Abende,
wo sowas deutlich wird, wenn wir auch nicht viel
erreicht haben.
HDB;
Aber was ich ansprechen wollte: Wie wir jetzt
Unterstützung bekommen können in der deutschen
Öffentlichkeit.
81
BTT;
Das ist ein Interessenkonflikt. Herr König
will Sportplätze haben. Ich bin ja auch nicht
gegen Sportplätze. Auf der anderen Seite kom¬
men die ehemals linken Bonzen jetzt und wollen
einen Park vor der Tür haben. Ich bin ja auch
dafür, denn in Kreuzberg ist die Luft misera¬
bel, Das sind solche Interessenkonflikte, die
ausgeräumt werden müssen. Das kannst du nur,
indem du für deine Sache kämpfst. Du mußt auch
so sehr Demokrat sein: Wenn du verloren hast,
dann hast du verloren.
- 82
2.2.1.1
Zusammenfassung des Interviews mit
Vertretern des HDB und des BTT vom
15.2.1985
\
"Moschee als Zeichensetzung"
Hauptergebnis des Gesprächs ist die Aussage,
daß ein Kulturzentrum gewünscht wird und ge¬
fordert wird als Zeichensetzung und als Iden¬
tifikationsobjekt für die türkische Minderheit.
Die Einbeziehung eines Gebetsraumes wird dabei
akzeptiert. Über politische und ideologische
Differenzen und Feindschaften innerhalb der Min¬
derheit hinweg wird das Bewußtsein ethnischer
Zugehörigkeit zum Ausdruck gebracht, es ist die
Rede von der "ethnischen Kolonie", die Anspruch
auf einen Ort habe, der nach außen wie nach
innen kulturelle Identifizierung anbieten könne.
Dabei wird die Moschee mit Minarett als kultu¬
relles Zeichen hingenommen oder sogar gewünscht,
auch wenn die Inhalte, die in der Moschee ver¬
treten werden, von den interviewten Gruppen
nicht immer unterstützt werden.
Die Forderung nach einem Kulturzentrum wendet
sich gegen die Dominanz und den Ethnozentris¬
mus der (westlichen) herrschenden Kultur. Die
islamische Prägung der eigenen Kultur wird in
der Entgegensetzung gegen europäische Kultur
akzeptiert, oder als Selbstverständlichkeit dar¬
gestellt. Dabei ist deutlich, daß diese positive
Wertung des Islam als Reaktion auf Ausbeutung
und Diskriminierung der türkischen Minderheit
zu verstehen ist, als antüpperiallstische Ten¬
denz, die auch eine Solidarisierung mit tradi-
83
tionellen Inhalten ermöglicht, die im eigenen
Land bekämpft werden.
"Berührungsängste"
Die Sprecher des HDB sind in der Ideologie des
Kemalismus aufgewachsen und sind dementsprechend
in der Grundtendenz prowestlich, antiklerikal
und aufklärerisch eingestellt.
Erst in der Konfrontation mit der Diskriminie¬
rung islamischer Minderheiten wird ihnen bewußt,
daß sie mit dem Kemalismus auch die Zurückdrängung türkisch/islamischer Prägungen akzeptiert
haben.
Sie sprechen von Berührungsängsten, die seit Be¬
ginn des Kemalismus in der Türkei zwischen den
sich als fortschrittlich verstehenden Kräften
und dem Islam und seinen Vertretern bestehen,
und die auch in der Emigrationssituation weiter
bestehen. Ein Teil der Sprecher betont, daß die
Zeit gekommen sei, diese Berührungsängste zu über¬
winden. Die gemeinsame Diskriminierung durch die
fremde Gesellschaft, die sich besonders auch ge¬
gen die islamische Prägung der Minderheit aus
der Türkei wendet, zwingt dazu, sich zu verstän¬
digen. Ebenso wird aber auch die Meinung vertre¬
ten, daß der Zeitpunkt zur Solidarisierung noch
nicht gekommen sei, weil die materiellen Voraus¬
setzungen für eine ernstgemeinte Zusammenarbeit
von linken und islamischen Gruppen sich noch ent¬
wickeln müssen.
Das Kulturzentrum wird als Chance gesehen, gegen¬
seitige Ressentiments der Gruppen zu bearbeiten
- 84
und in einer gemeinsamen Initiative möglicher¬
weise zu überwinden. Dabei gehen die Sozialisten
einen Schritt auf die islamischen Gruppen zu,
wenn sie das Bedürfnis nach religiöser Bindung
als Grundbedürfnis anerkennen und sogar so weit
gehen, daß sie einen Ort für die Ausübung der
Religion fordern.
Gewünscht wird allerdings eine Organisations¬
form für das Kulturzentrum, die Machtkämpfe zwi¬
schen sozialistischen und islamischen Gruppen
von vornherein verhindert, die einen institutio¬
neilen Schutz bietet gegen die befürchtete Domi¬
nanz irgendeiner der beteiligten Gruppen.
"Kein Alibi"
Die Initiative für ein türkisches Kulturzentrum
in SO 36 wird von den Sozialdemokraten unter aus¬
länderpolitischen und stadtteilpolitischen Aspek¬
ten gesehen.
Gewünscht wird ein Kulturzentrum, das dem Bedarf
im Stadtteil angemessen ist, nicht ein repräsenta¬
tives Projekt, das in der ganzen Stadt als Alibi
benutzt werden kann, wenn Forderungen der Minder¬
heiten auf Selbstdarstellung und Befriedigung kul¬
tureller Bedürfnisse geäußert werden. Die Gefahr
bestehe immer, wenn soziale oder kulturelle Ange¬
bote für Ausländer vorhanden seien, daß damit alle
weiteren Forderungen blockiert werden könnten.
Für den Stadtteil SO 36 sehen die Sprecher die
Notwendigkeit, sich mit anderen Interessen, grup¬
pen auseinanderzusetzen, die Anspruch auf das Ge¬
lände Görlitzer Bahnhof erheben. Die Forderung von
- 85
deutscher Seite, die türkische Bevölkerung
solle sich an der Planung und Gestaltung des
Görlitzer Bahnhofs beteiligen, sei ernstzuneh
men.
Der Anspruch auf 10.000 m
2
vom Gesamtgelände
für ein Kulturzentrum sei als dieser Beitrag
zur Mitbestimmung zu verstehen. Darauf müsse
in der stadtteilpolitischen Diskussion bestan
den werden.
86
2.2.2.
Türk Merkezi (TZ)
(Türkenzentrum e.V.)
Interview am 19.2.1985
TZ :
Unser Volk besitzt eine eigenständige und be¬
sondere Kultur, Die Türken haben einerseits
eine eigene Kultur entwickelt, andererseits zur
internationalen Kulturentwicklung beigetragen.
Die Menschen aus der Türkei haben natürlicher¬
weise ihre Kulturen hierher mitgebracht. Sie wur¬
den beeinflußt und umgekehrt.
Es ist eine gute
Sache, wenn unsere traditionellen Normen und Kul¬
turen in einem Kulturzentrum dargestellt werden.
Wenn unsere Menschen hier sind, sollten ihre kul¬
turellen Normen einen Ausdruck finden. Es gibt
aber offene Punkte, die schon geklärt werden
sollen. Wenn wir "unsere Kultur" sagen, erinnern
wir uns an Badehäuser (Hamam), an Märkte, an Mo¬
scheen, an Bibliotheken, u.s.w. In einem Kultur¬
zentrumskomplex kann man diese Kulturelemente
zusammenbringen. Man muß aber wissen, wie so ein
Vorhaben finanziert wird. Wer wird so ein Kultur¬
zentrum finanzieren? Ob der Senat oder die IBA
es finanzieren werden? Oder werden die Finanzie¬
rungsmöglichkeiten der halboffenen Institutionen
erschlossen? Werden vielleicht private Personen
angesprochen? Wie wird die Verwaltung dieses Kul¬
turzentrums aussehen? Ob sich diese Institutionen
oder Privatpersonen bei der Verwaltung einmischen
werden? Wie stark wird diese Einmischung sein?
- 87
Ob der türkische Mensch hier in der Lage sein
wird, eigene Kultur eigenständig in einer In¬
teraktion mit anderen Kulturen zu entwickeln?
V7ir würden unsererseits diese Absicht unter¬
stützen, wenn dieses Kulturzentrum in einer de¬
mokratischen Art und Weise entstehen und ver¬
waltet werden würde. In der Verwaltung sollten
die Türken auch die Mehrheit besitzen.
Diese oben genannten Fragen sollen aber ge¬
klärt werden. Daß eine Moschee beziehungsweise
ein Raum für die Befriedigung der religiösen
Bedürfnisse in so einem Kulturkomplex vorhan¬
den sein sollte, finden wir natürlich. Unsere
Organisation und die uns nahen Organisationen
denken sicherlich genauso. Wir würden diese
Idee von einem Kulturzentrum auf einer Platt¬
form mit anderen türkischen Organisationen dis¬
kutieren und unsere Ideen weiterentwickeln.
Frage:
Wie sollte die Verwaltung von so einem Kultur¬
zentrum, in dem verschiedene Bedürfnisse befrie¬
digt werden sollen, aussehen?
TZ ;
Dieses Kulturzentrum sollte nicht nur ein Ort
der Darstellung der mitgebrachten Kultur sein,
sondern auch ein Ort der Auseinandersetzungen
wegen des Kulturaustausches -bzw.-Wechsels der
Menschen, Es müßte auch ein Ort der Lösungssuche
sein. Vor allem sollte dieses Kulturzentrum ein
Platz sein, an dem zum Reichtum der internationa-
88
len türkischen Kultur beigetragen wird. Die
anderen Kulturen sollen dort auch die türki¬
sche Kultur beeinflussen und reicher machen.
Es geht also in diesem Sinne um eine demokra¬
tisch bestimmte Verwaltung, in der die Tür¬
ken eine maßgebende Rolle spielen müssen.
Frage:
Spielt für Sie eine Rolle, daß die islamischen
Organisationen, die Sie bekanntlich kennen, in
so einer demokratischen Verwaltung mitarbeiten?
TZ :
Religiöse Bedürfnisse sind menschliche Bedürf¬
nisse. Wenn wir von einer demokratisch bestimm¬
ten Verwaltung sprechen, klammern wir die Orga¬
nisationen, die auf der Basis des Islam organi¬
siert sind, nicht aus. Unser Zusammensein wird
demokratisch sein. Wir wissen aber auch, daß
manche faschistische Gruppen die Religion für
ihre Absichten ausnutzen. Solche faschistische
Gruppen kommen für so einen Kulturzentrumkomplex
nicht in Frage.
Frage;
Es gibt verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten
dieses Zentrums. Es könnte eine eigene Finanzie¬
rung seitens der türkischen Kolonie
vorgestellt werden. Oder die islamischen Or¬
ganisationen finanzieren mit verschiedenen Quel¬
len. Die türkischen Geschäftsleute, gar der tür¬
kische Staat könnten tätig werden, was die Fi-
89
nanzierung dieses Zentrums angeht. Der deut¬
sche Senat könnte genauso mitfinanzieren. Mei¬
nen Sie nicht, daß verschiedene Finanzierungs¬
stellen verschiedene Abhängigkeitsrisiken mit¬
bringen?
TZ;
Im Kulturzen triam sollte es keine nationalisti¬
sche, keine chauvinistische Eigenschaft geben.
Wenn wir von einer demokratischen Führung re¬
den, meinen wir natürlich nicht, daß die Finanzierer einen Einfluß in der Führung haben
sollten. Es geht hier darum, ob die fähigei und
bewußten Menschen aus der Türkei die Führung
übernehmen werden oder nicht.
Wie die Finanzierung dieses Kulturzentrums aussehen soll, ist die Sache einer Diskussion, in
der die Lösung mit allen beteiligten türkischen
Organisationen gefunden werden soll. Wir würden
unsere Meinung zur konkreten Finanzierungsmög¬
lichkeit auf einer Plattform darstellen, wo auch
mit anderen Organisationen gemeinsam diskutiert
wird.
Frage;
Können die türkischen Organisationen bzw. die Tür¬
ken die Führung dieses Zentrums übernehmen, ohne
später miteinander zu streiten? Oder sollte man
vielleicht die Senats- bzw. deutsche Seite in
die Führungs- und Verwaltungsangelegenheiten miteinbeziehen?
90
TZ :
Wir glauben fest daran, daß die türkischenOr¬
ganisationen auf einer demokratischen Platt¬
form über die Führung eines solchen Kultur¬
zentrums eine befriedigende Lösung ohne Ein¬
mischung der deutschen Seite finden werden.
Die deutsche Seite könnte höchstens uns in
dieser Phase behilflich sein. Wir hoffen nicht,
daß die deutsche Seite den Anspruch erheben
wird, "hier haben wir Euch finanziert, jetzt
möchten wir Euch auch führen". Wir sind gegen
solche Lösungen der Zwänge.
Frage;
In so einem Kulturzentrumkomplex werden auch
Angebote an die religiöse Seite in Form einer
Moschee bzw. eines Gebetsraumes gemacht. Wie
wird man klar kommen, wenn die religiösen tür¬
kischen Organisationen den Anspruch erheben,
die Räume zu führen und inhaltlich zu verwaltenf
TZ :
Die religiösen und weltlichen Rgume sind aufgrund
der räumlichen Enge enger zueinander gerückt. So
etwas gibt es in der Türkei nicht. Wenn es auch
am Anfang manche Schwierigkeiten geben sollte,
was Ihre Frage betrifft, werden die betreffen¬
den Organisationen wissen, diese Schwierigkeiten
zu meistern. Daran glauben wir fest.
- 91 -
2c2o3
KOMKAR
(Föderation der Arbeitervereine aus
Kurdistan in der BRD e.V.)
Ergebnisprotokoll des Interviews vom
16,5,1985
Über die Bedeutung eines Kulturzentrums;
Es ist eine Notwendigkeit, daß wir ein Kultur¬
zentrum haben. Die Menschen aus der Türkei ha¬
ben verschiedene Mentalitäten und verschiedene
Erfahrungen. Das alles muß an einem Ort ausge¬
tauscht werden. Der Erfahrungsaustausch zwi¬
schen diesen Menschen soll nicht nur auf der
Ebene von Kaffeehäusern geschehen, sondern an
einem bewußten Ort wie beim geplanten Kultur¬
zentrum.
So ein Kommunikationsort ist
sowohl für die
1. Generation als auch für die 2. Generation
von Bedeutung.
Heimatorientierte Bedürfnisse und die neuent¬
standenen Gewohnheiten hier bilden für die 1 . Ge¬
neration genügend Stoff, im Rahmen dieses Kultur¬
zentrums zu diskutieren und an die nachfolgenden
Generationen als Kulturerbe -als Reichtum an Er¬
fahrungen- weiterzugeben. Für mich ist dieser
Ort -das Zentrum- eine Chance zur Erfahrungs¬
und Kulturerweiterung.
Über die Zukunftsperspektiven der ethnischen
Minderheit:
Es gibt sicherlich sehr viele Probleme, was unsere
92
Zukunkt betrifft. Gerade deshalb ist es jetzt
mehr als notwendig, über die Zukunftsperspek¬
tiven gemeinsam zu diskutieren und gemeinsame
Lösungsvorschläge auszuarbeiten. Wir haben als
ethnische Minderheit genügend Kompetenzen ange¬
sammelt. Diese Kompetenzen sollen endlich ge¬
meinsam nach außen getragen werden, damit wir
eine gemeinsame Kraft bilden können. Da wir bis
jetzt nicht gemeinsam handeln konnten, weil wir
so zersplittert sind, haben wir bisher die ge¬
wünschte Herangehensweise als eine soziale Kraft
nicht geschafft. Wir werden aber entdecken, daß
wir gemeinsam eine Kraft darstellen, wenn wir
auf einmal zusammen sind. Sicherlich gibt es ver¬
schiedene Barrieren, wie die politischen Verhält¬
nisse, fehlende Wahlrechte, etc. Man sollte sich
aber darüber im klaren sein, wie man gemeinsam
diese Barrieren überwinden kann. Darüber müssen
wir ein gemeinsames Bewußtsein entwickeln.
Über die strukturellen Schwierigkeiten einer ge¬
meinsamen Kraftbildung der ethnischen Minderheit
in Kreuzberg;
Die Schwierigkeiten, die wir zur Zeit haben, re¬
sultieren aus den politischen Lebensverhältnissen
Die Menschen leben im Rahmen dieser Verhältnisse
praktisch rechtlos. Man muß irgendwo anfangen, da
mit man Mut bekommt. Man sollte nicht abwarten.
Solange die Menschen arbeiten und produzieren,
werden sie anfangen können. So ein Kulturzentrum
würde zur Herausbildung und zum Zusammenschluß
dieser Kräfte bzw. Menschen ungemein helfen.
93
-
Somit können wir feststellen, wo wir stark
und schwach sind. Dieses Bewußtsein muß an so
einem Ort entwickelt und erprobt werden. Dann
erst kann man über die Schwierigkeiten urtei
len, inwieweit sie überwunden werden können
oder nicht.
Über die Schwierigkeiten der gemeinsamen Be¬
friedigung der weltlichen und religiösen Be¬
dürfnisse im Rahmen eines Kulturzentrums.
Die Schwierigkeit der Unverträglichkeit der bei¬
den Bereiche (des weltlichen und des religiösen)
ist auch ein Produkt der türkischen Realität. Die
Kontaktlosigkeit zwischen beiden Bereichen führt
zu Unverträglichkeit, zu Mißverständnissen etc.
Man muß diese Barriere durch Kontaktförderung
überwinden und die Ausbeutung der Religion für
andere Zwecke aufheben.
Die 'Menschen, die aus der Türkei nach Deutschland
kommen, stammen überwiegend aus ländlichen Gebie¬
ten. In jedem Dorf gibt es neben der Institution
"Schule" auch eine Institution "Religion", symbo¬
lisiert durch eine Moschee. Religion ist ein Be¬
standteil des Lebens dieser Menschen. Das ist
eine Tatsache.
Ein Gemeinsames dieser Menschen ist die Religion
-der Islam. Durch die Nationalität oder nationale
Herkunft haben diese Menschen wenig gemeinsam
(Türken, Kurden, etc.). Das ist eine andere Tat¬
sache. Durch strukturelle Schwäche (politische
Rechtlosigkeit, keine ökonomische Kraft, national¬
politische Zersplitterung etc.) haben die Menschen
94
aus der Türkei hier in der Emigration selten
etwas Gemeinsames. Der einzige Punkt, wo sie
eine gemeinsame Eigenschaft besitzen, ist der
Islam. Deshalb ist der Islam in der Diaspora
so einflußreich und bedeutsam. Die islamische
Religion hat die Menschen aus der-Türkei kul¬
turell mitbeeinflußt. Daher sehe ich im Kultur¬
zentrum eine einmalige Chance, diesen gemein¬
samen Punkt (im Ausland) im positiven Sinn wei¬
terentwickeln zu können. Dieser gemeinsame Punkt
könnte natürlich durch die radikalen islamischen
Kräfte zu einer negativen Entwicklung hin be¬
einflußt werden: Sich zurückzuziehen. Konser¬
vieren, Feinde Schaffen etc. Das ist natürlich
nicht in unserem Sinne. Man müßte eigentlich
die kulturellen Eigenschaften der Menschen aus
der Türkei hier in Deutschland, wo eine Vielzahl
an Kulturen existiert, weiterleben und sich ent¬
wickeln lassen, ohne den aggressiven Nationalis¬
mus einzubeziehen.
Über die Notwendigkeit des Dialoges zwischen den
verschiedenen Organisationen und Personen aus
der Türkei:
Wir haben einen Mangel an Dialog. Die Angewohn¬
heit der Dialoglosigkeit, aus der Türkei mitge¬
bracht, dauert hier weiter an. Wir haben hier
eine Chance, den Dialoa zu beginnen. Der aemeinsame Punkt (Islam) der Menschen aus der Türkei ist
die Gewähr dafür. Die Dialoglosigkeit führt diese
Menschen in die Moscheen hinein, wo sie etwas hören.
-
95
kommunizieren und sich befriedigen. Wir können
mit diesen Menschen ohne weiteres einen Dialog
hersteilen, auch wenn wir nicht in die Moscheen
gehen, aber indem wir vor der Religion Achtung
haben und die Rolle des Islam in der türkischen
Gesellschaft bewußt achten.
Man sollte mit diesen Menschen gemeinsame Ideale
aufbauen. Diese Menschen arbeiten in den Fabriken
wie wir. Ich beschwere mich auf der gewerkschaft¬
lichen Ebene; sie beschweren sich auf der Ebene
der Moschee. In der Moschee können natürlich sämt¬
liche Themen diskutiert werden. Daher müssen wir
mit diesen Menschen an einem Ort (Kulturzentrum)
unter bestimmten Bedingungen Zusammenkommen. Die
geographische Enge des Lebensraumes in West-Ber¬
lin bringt uns sowieso mehrere Male täglich zu¬
sammen .
Uber die gemeinsame Verwaltung des Kulturzentrums
durch verschiedene Gruppen:
Die Notwendigkeit eines Zentrums liegt auf der Hand.
Der Senat sollte für so ein Zentrum ein Finanzie¬
rungsmodell entwerfen. Verschiedene Personen, die
ein solches Projekt sinnvoll und nützlich finden,
würden zur Finanzierung mit beitragen.Der Senat
soll aber eine gewisse Finanzierungshilfe gewähr¬
leisten, weil wir in dieser Gesellschaft arbeiten,
unsere Pflichten erfüllen und zum Wohlstand mit bei¬
tragen. Die öffentlichen Gelder sollten solche öffent¬
lichen Projekte ohne weiteres mitfinanzieren. Selbst¬
verständlich erwarten wir, daß der Staat unsere Be¬
dürfnisse (kulturell und sozial) befriedigt bzw.
96
finanziert. Das ist die Aufgabe des Staates.
Ein anderer Punkt ist die Verwaltung und die
Führung dieses Zentrums. Diese Kompetenzen soll¬
ten bei der türkischen bzw. bei der nichtdeut¬
schen Seite liegen. Sonst geht die ursprüngli¬
che Idee zur Gründung dieses Zentrums verloren.
Ich glaube nicht, daß es bei der gemeinsamen
Verwaltung und Führung Probleme geben wird, so¬
lange man durch Dialog die Notwendigkeit eines
Zentrums bewußt hält. Solange die Idee der Zen¬
trumsgründung bewußt ist, wird es keine Tricks
um die Führung dieses Zentrums geben. Wichtig
ist hierbei -ich betone es nochmal- das Begrei¬
fen dieser Idee. Bis jetzt gibt es kein Beispiel
dafür, daß wir dieser Herausforderung entspro¬
chen hätten. Wenn wir jetzt diese Chance wahr¬
nehmen, haben wir auch ein historisches Ergebnis.
- 97
2.2.4
Islam Federasyonu (IF)
(Islamische Föderation)
Fatih Camii (FM)
(Fatih-Moschee e.V.)
Interview’ vom 6.-3.-8-5'
IF/FMt
Ich möchte zuerst in einer Sache Klarheit
schaffen: Die Islamische Föderation ist die
wichtigste und stärkste religiöse Gruppierung
in Berlin. Das Thema "Moschee in Berlin" ist
nicht die einzige Beschäftigung der Föderation.
Dieses Thema nehmen wir ernst, aber nicht als
erstes und wichtigstes. Man kann sagen, daß wir
in dieser Richtung keine Öffentlichkeitsarbeit
gemacht haben. Die Forderung nach einer Moschee
steht auch jetzt noch nicht als Nummer eins auf
unserer Tagesordnung. Wir besitzen die Möglich¬
keit, die Öffentlichkeit dafür zu mobilisieren.
Jeden Freitag und Sonntag erreichen wir minde¬
stens 5000 Menschen. Außerdem erreichen wir durch
unsere Flugblätter noch mehr Menschen, die nicht
zu uns kommen. Es liegt an uns, daß die Forderung
nach einer Moschee in Kreuzberg nicht stark ver¬
treten wird, weil wir die türkische Öffentlich¬
keit nicht dafür mobilisiert haben. Diejenigen,
die beten wollten, haben so oder so in den vor¬
handenen Moscheen Gebetsmöglichkeiten gefunden.
Trotzdem, wenn wir jetzt sagen, daß die Moschee
noch nicht auf unserer Tagesordnung steht-,- dann
bedeutet das nicht, daß wir in Berlin keine Mo¬
schee brauchen. Nein, so meinen wir es nicht. Ber¬
lin braucht eine Moschee, zumindest aus kultureller
98
Sicht. Ich würde behaupten, daß man entsprechend
der aktuellen Berlinpolitik diese Moschee für
die Muslime in dieser Stadt aus verschiedenen
Gründen braucht (meint u.a. das Interesse des
Senats, Berlin touristisch attraktiv zu machen).
Die Regierenden sehen das irgendwie auch ein.
Das Thema "Moschee" wird aber nicht nur in un¬
seren religiösen Organisationen diskutiert, auch
außerhalb unserer Gruppen finden solche Diskussio¬
nen statt. Diese Gruppen kommen irgendwann zu uns
und fragen uns, was wir zu machen gedenken (meint
Gruppen wie die "AG Ausländer" oder BTT oder auch
deutsche Parteien). Wir wissen, daß so eine Mo¬
schee eine Last von mindestens 5 Millionen Mark
bedeutet. Wir meinen gegenüber solchen Gruppen:
wenn ihr uns ein Grundstück zur Verfügung stellt,
können wir ohne weiteres eine Moschee bauen. Eine
Moschee in Berlin muß aber an zentraler Stelle
stehen, z. B. in der Nähe der Universität (meint:
in Dahlem). An einem zentralen Ort eine Moschee
zu errichten, das ist unser Ziel, Weder Moritz¬
platz noch Görlitzer Bahnhof kommen für so eine
groß angelegte Moschee in Frage. Aber wenn die zu¬
ständige Stadtplanungsbehörde den Moritzplatz als
einzig möglichen Platz zeigt, werden wir uns ge¬
zwungen sehen, diese Entscheidung zu akzeptieren.
Auf dem Gelände des Görlitzer Bahnhofs haben wir
eine Moschee und eine "Vereinigung für die Lehre
vom Koran"
(Verein der Fatih-Moschee). In der
Fatih-Moschee haben wir ca. 150.000,— DM inve¬
stiert, die alle gespendet wurden. Jetzt müssen
wir den Platz verlassen. Das tut natürlich weh
-=
99
und ist bitter, obwohl wir dort seit fünf Jah¬
ren beten. Da ich dort Imam (Hodscha) bin, in¬
teressiert uns natürlich, wie mit dem Görlitzer
Bahnhof verfahren wird, unabhängig vom Thema
"Moschee in Berlin" oder dem Moritzplatzvor¬
haben .
Die politische Landschaft von Berlin darf auch
nicht vergessen werden. Wenn die bisherigen Re¬
gierenden weiter die Regierungsmacht in der Hand
halten, dann weiß ich nicht, ob man mit dem Gör¬
litzer Bahnhof überhaupt eine Chance hat oder
nicht (meint CDU).
Frage:
Nicht nur die CDU ist gegen die Errichtung eines
Kulturzentrums mit Moschee auf dem Gelände vom
Görlitzer Bahnhof, sondern auch die anderen Par¬
teien sind dagegen. Woran liegt das nach Ihrer
Meinung?
IF/FM:
Wir haben bis jetzt keine Öffentlichkeitsarbeit
gegenüber den Deutschen geleistet. In der Presse
stehen meistens negative Berichte über uns. Die
Vorurteile und negative Umstände verursachen eine
ablehnende Meinung. Die Fatih-Moschee ist jetzt
eine der aktivsten Moscheen geworden, seit wir
eine offene Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Die
Ausländer kommen zu uns. Wir haben nichts zu ver¬
bergen, Jeder kann sehen und mit uns diskutieren.
Auf diese Weise hoffen wir, daß die negative Kam¬
pagne gegen die Moscheen verhindert wird. Wir
100
wollen
unsere Moscheen gegenüber der Öffent¬
lichkeit weiter öffnen. Die Ängste der anderen
Seite wollen wir wegnehmen.
Das darf aber nicht so verstanden werden, daß
wir eine missionarische Tätigkeit vorbereiten.
Dazu sind wir weder materiell noch personell im¬
stande. Wir haben, was die islamische Religion
inhaltlich betrifft, mit den Menschen aus der
Türkei große Schwierigkeiten (meint den Einfluß
der islamischen Sekten verschiedener Richtungen).
Frage;
Gibt es in der Diaspora für die Religion oder
deren Symbol Moschee*eine Chance, für alle bzw.
für die Mehrheit der türkischen Minderheit ein
Identifikationsobjekt zu werden?
IF/FM:
Wir müssen irgendwann mit unseren Ideen heraus¬
kommen und die Menschen, egal ob sie religiöse
sind oder nicht, darüber aufklären, daß die Reli¬
gion nicht nur für die gläubigen Menschen geschaf¬
fen worden ist, sondern für alle. Das ist natür¬
lich eine Propaganda für uns, die wir bis jetzt
nicht planmäßig durchgeführt haben. Wenn wir jetzt
eine Moschee auf dem Gelände des Görlitzer Bahnhofs
haben, haben wir sie gehabt aus unmittelbaren Be¬
dürfnissen der Türken hier. Nicht wegen einer Pla¬
nungsstrategie, nicht wegen einer missionarischen
Tätigkeit. Es gibt hier in Berlin keine Bewegung
von einer Gruppe, die unbedingt eine Moschee er-
101
richten möchten. Dafür haben wir auch keine
Öffentlichkeitsarbeit geleistet. Aber wenn
wir mit einer Öffentlichkeitsarbeit jetzt an¬
fangen würden, würden wir mit Sicherheit die
größte Mehrheit der Türken hier erreichen, egal
ob sie definitiv für eine Moschee sind oder
nicht. Das ist keine leichtfertige Prognose,
sondern eine Erfahrung von uns. Daß zwar die
Türken in Details sehr unterschiedlich sind
aber bei der Grundlinie immer das Gleiche for¬
dern. Ich meine hier die Grundbedürfnisse der
Menschen, die religiöser Art sind.
Frage;
Denken Sie an eine Möglichkeit, ob ein Kultur¬
zentrum in Kreuzberg für wichtige gesellschaft¬
liche Gruppen eine Chance ermöglicht, wo eine
Plattform entsteht, auf dem man vielleicht zu¬
einander bewegt, Vorurteile abbaut und Koopera¬
tionen anstrebt? Besitzt so ein Kulturzentrum die¬
se Chance?
IF/FM;
Es gibt mehrere Mauern zwischen Menschen und deren
Organisationen. Jeder hat dazu beigetragen. Wir
auch. Nach einer Zeit sehen wir aber die Reali¬
tät. daß die Änaste, Mauer, Rachegelüste diese
Menschen und Gruooen nicht befriedigen. Das ist
auch kein Ziel der Religion. Der Islam strebt eine
glückliche und zufriedene Gesellschaft an. Dafür
sind wir bereit, die nötigsten Schritte zu tun,
damit wir uns zueinander bewegen.
102
Wenn so ein Kulturkomplex existieren würde, wür¬
den wir alle die Chance besitzen, festzustellen,
ob die verschiedenen Gruppen fähig und imstande
sind, gegenseitig Toleranz zu üben, Verständnis
zu zeigen und zu akzeptieren. Das ist eine Mög¬
lichkeit um festzustellen, wieweit wir gekommen
sind. Diese Feststellung ist für uns und für die
anderen sehr wichtig. Wir sind aber bereit, in
so einem Kulturkomplex mit den anderen Gruppen
zusammenzuarbeiten. Wir sind bereit, für die Er¬
richtung eines Kulturzentrums mit den anderen tür¬
kischen Gruppen zusammenzuarbeiten.
- 103 -
2.2.5
Interview mit Familie D., Anwohner des
Görlitzer Bahnhofs am 18.5.1985
(gekürzt wiedergegeben)
Konzept und Planung des Kulturzentrums mit Moschee
wurden vorgestellt.
A.D. :
Für mich ist sehr wichtig, daß es in diesem Kul¬
turzentrum ein türkisches Dampfbad (hamam) geben
müßte. Viele Türken hier haben zu Hause keine Ba¬
degelegenheiten. Ein hamam wäre für diesen Stadt¬
teil sehr nützlich. Wir benutzen die öffentlichen
Badeanstalten, um uns sauberzuhalten; sie sind
aber fremd für uns, weil sie so offen sind. Ein
hamam ist uns von zu Hause vertraut. Man weiß,
wie man sich dort verhält. Ich kann behaupten,
daß die Türken ein hamam massenhaft besuchen wür¬
den, um auf die in der Türkei übliche: Art und Wei¬
se zu baden und sich dabei auch in der Mutterspra¬
che unterhalten zu können. Es ist eine sehr gute
Idee, dieses hamam.
Zur Moschee kann ich sagen: Ich möchte nicht, daß
die Fatih-Moschee dort wegziehen muß. Deshalb be¬
grüße ich die Idee, in das Kulturzentrum einen Ge¬
betsraum mit aufzunehmen. Meine Kinder gehen in die
Schule und in die Korankurse der Ulu Camii (Wiener¬
straße 12). Wir haben viele Freunde, die für ihre
Kinder keinen Platz in einem Korankurs gefunden
haben. Es gibt zu wenig Plätze. Es werden mehr ge¬
braucht. Eigentlich müßte ein solches Kulturzen¬
trum Korankursplätze anbieten. Viele türkische
- 104
Familien würden ihre Kinder dann dort hinschikken.
Auf dem türkischen Friedhof bauen sie jetzt ein
Minarett nach unserer Art (Flughafenstraße).
Bei der Fatih-Moschee war das nicht möglich
(wurde vom Stadtrat Orlowsky nicht genehmigt).
Es ist gut, ein Minarett zu haben. Für viele
Türken hier im Stadtteil ist es ungünstig, wenn
die Fatih-Moschee vom Görlitzer Bahnhof weg¬
ziehen muß. Vom Schlesischen Tor z.B. bis zur
Ulu-Camii (in der Wiener Straße) ist ein weiter
Weg. Ich selbst benutze z.B. fürs Beten die drei
Moscheen hier in der Nähe: Fatih, Muradiye
und
Ulu, je nachdem, wo ich langgehen muß, möglichst
immer die nächste.
Diese drei Moscheen können etwa 3.000 bis 3.500
Menschen aufnehmen. Trotzdem findet man in der
Fastenzeit (Ramadan) keinen Platz, wenn man nicht
sehr früh hingeht. Am Freitag ist es ähnlich. In
die Ulu-Camii kommen auch viele Frauen zum Beten.
Kreuzberg braucht eine große Moschee. Als Mohamme¬
daner brauchen wir einen großen Platz für eine
große Moschee, in der wir beten können. Aber man
gibt uns diesen Platz nicht. Wenn es für so ein
Zentrum einen bleibenden Platz geben würde, wäre
ich sehr froh. Viele Mohammedaner werden sowieso
in Berlin bleiben. Sie werden so ein Zentrum mit
Moschee für immer benutzen. So ein Zentrum könnte
auch unsere deutschen Freunde vielleicht von unserer Religion überzeugen. So ein1 Zentrum, in das
auch andere Menschen aus anderen Völkern reinkom¬
men können, kann ich meine Unterstützung garantie¬
ren. Viele Türken würden auch sicher gerne spenden,
als gute Tat würden sie es tun.
105
Für den Garten dieses Zentrums kann ich meine
Hilfe und die meiner Kinder anbieten. Ich ver¬
stehe dieses Handwerk ganz gut.
Ich würde z.B. auch ganz gerne für das Stückchen
Garten mehr machen (meint ein Stück Garten auf
dem Kinderbauernhof, das ihm vom Nachbarschafts¬
verein Forsterstraße verschafft wurde). Aber ich
denke manchmal: Der Garten gehört Dir nicht. Ich
habe keine Garantie dafür. Wenn ich die hätte,
könnte ich sehr viel dort anpflanzen. Wir brau¬
chen solche Garantie und Sicherheit.
In dem Garten des Kulturzentrums z.B. könnte ich
etwas anpflanzen und die Ernte dem Kulturzentrum
spendieren, besonders für die Korankurse, damit
sie,dort für die Kinder kostenlos kochen können.
106
2.2.6
Interview mit Familie K., Anwohner des
Görlitzer Bahnhofs am 14.6.1985
(gekürzt wiedergegeben)
Über die Achtung der Sitten von Menschen, die in
diesem Kulturzentrum beten wollen:
Nach unseren islamischen Sitten ist es nicht rich¬
tig, daß neben der Moschee bzw. dem Gebetsraum
eine Schwimmhalle mit Freifläche existiert, wo
sich halbnackte Menschen bewegen.
Die verschiedenen kulturellen Aktivitäten können
neben dem Gebäude einer Schwimmhalle ohne weiteres
und ohne Sittenwidrigkeit durchgeführt werden.
Aber eine Moschee ist neben einer Schwimmhalle
nicht angebracht. Es könnte später ein Problem
werden, weil die islamisch orientierten kulturel¬
len Bedürfnisse durch das Gebet in diesem Zentrum
befriedigt werden sollen.
Über die Spuren der Minderheiten in diesem Stadt¬
teil;
Wir haben viel früher vorgeschlagen, daß bei der
Planung des Schwimmbades am Spreewaldplatz auch
ein türkisches Bad (hamam) mitgeplant werden sollte.
Wir haben es damals gewünscht, aber mehr wurde da¬
raus nicht. Für mehr Aktivitäten, für mehr Spuren
brauchen wir einen Platz, einen Raum. Dann können
wir uns eher entfalten und unsere Bedürfnisse be¬
friedigen. Wir müssen solche Möglichkeiten für die
weiteren Generationen (Jugendlichen) schaffen. Sie
werden solche Angebote eher annehmen. Sie brauchen
es. Räume für verschie&e Kurse, Säle für die Hoch-
107
zelten brauchen wir jederzeit. Die vorhande¬
nen Säle reichen nicht aus, und sie sind sehr
teuer (4.000.— DM bis 5.000.-- DM). Es ist
wichtig, daß in diesem Zentrum ein Saal für verschiedene Feierlichkeiten miteingeplant wird.
Viele Familien verbringen ihre Freizeit weit weg
vom Wohnhaus (z.B. im Tiergarten oder auf der
Hasenheide). Wenn es für die türkischen Familien
hier im Kiez so eine Möglichkeit geben würde, et¬
wa eine Parkanlage und ein türkisches Kulturzentrum, blieben sie in ihrem Bezirk; sie brauchten
dann nicht wegzugehen.
Über die beabsichtigte Planung einer Moschee bzw.
eines Gebetsraumes in diesem Zentrum;
Ich bin nicht religiös, aber ich bin nicht gegen
die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse. Ich
bin aber gegen die Ausnutzung socher Bedürfnisse
durch theokratisch faschistisch orientierte Kräfte.
Eine Möglichkeit der Ausnutzung durch solche Kräf¬
te darf in diesem Zentrum nicht gegeben werden.
Uber die Befürchtung von Konflikten zwischen Tür¬
ken und Kurden:
Für uns alle (für die Minderheitsgruppe aus der
Türkei) soll es ein Kulturzentrum geben. Wir müs¬
sen dort unsere Möglichkeiten entfalten. Wir müssen
dort unsere Kräfte für eine Gleichberechtigung zu¬
sammentun. Diese Schritte sind nötig. Ich befürchte
aber manchmal, daß wir Kurden vonseiten der Türken
(gemeint sind hier auch die Lasen, Tscherkessen etc.)
108
nicht voll akzeptiert werden und es deshalb
zwischen uns Probleme geben wird. Dieser Reali¬
tät sollte man auch Rechnung tragen und die ge¬
meinsame Lei.tung, die in der Hand der Minder¬
heit aus der Türkei liegen sollte, so zusammen¬
setzen, daß später zu erwartende Konflikte zu
keiner Zerstörung führen.
109
3. Zusammenfassung der Vorgeschichte, der
Literatur und der Gesprächsergebnisse:
3.1. Zusaimnenfassende Thesen:
3.1.1 Unter den politischen, religiösen und
ethnischen Gruppen der Einwanderer aus
der Türkei ist eine Bereitschaft ent¬
standen, miteinander ins Gespräch zu
kommen und sich zusammenzuschließen.
Gemeinsame erlittene Unterdrückung und
Diskriminierung verursachen ein Minder¬
heitenbewußtsein, das ideologische Gegen¬
sätze innerhalb der Minderheit überbrückbar erscheinen läßt.
3.1.2 Militanz und Radikalität des Islam in der
Diaspora-Situation werden sich abschwächen,
wenn den islamischen Gruppen die Möglich¬
keit der öffentlichen Repräsentanz ihrer
Religion, des Dialogs mit demokratischen
Gruppen geboten werden, und wenn eine völli¬
ge Gleichberechtigung der Einwanderer aus der
Türkei durchgesetzt wird.
3.1.3 Ein Kulturzentrum mit Gebetsraum, wie es im
Konzept der "AG. Ausländer" vorgeschlagen
wird, ist geeignet, den Prozeß des Zusammen¬
schlusses der Minderheit einerseits, und den
Prozeß der Liberalisierung islamischer Grup¬
pen andererseits voranzutreiben.
-
110
3.1.4 Für die deutsche Öffentlichkeit treten
mit dieser Entwicklung die Einwanderer¬
gruppen aus der Türkei zum ersten Mal als
geschlossene Minderheit auf. Erstmals wird
der Machtfaktor "Minderheit" unübersehbar,
der Prozeß kann zur Stärkung der Forderung
nach Wahlrecht beitragen, kann aber auch
zu einer Polarisierung im Stadtteil bei¬
tragen .
3.1.5 Gemeinsame Meinung ist, daß Konzept und
Verwaltung des Kulturzentrums ausschlie߬
lich in Händen von Vertretern der Minder¬
heit aus der Türkei liegen sollten. Finan¬
zierung und Aufbau des Zentrums sollte
allerdings durch die öffentliche Hand und
durch Unterstützer auf deutscher Seite mit¬
getragen werden.
3.2. Protokoll der Diskussion dieser Thesen
in der "AG. Ausländer" am 12.6.1985
Vertreten sind: "Wohnen und Leben",
Verein SO 36, IBA,
Ausländerbereich der AL
zu These 1:
Die Bereitschaft zum Dialog und zum Zusammen¬
schluß mit bisher eher feindlichen Gruppen sehen
einige Diskussionsteilnehmer nur auf der Seite
der linken Gruppen. Auf seiten der islamischen
Gruppen wird die Gesprächsbereitschaft eher als
taktische Maßnahme gesehen. Es gehe den islami¬
schen Gruppen vorrangig um die Durchsetzung ihres
Interesses, repräsentative Gebetsstätten errich¬
ten zu können. Hierzu werde ein Zweckbündnis mit
linken Gruppen zeitweise zugestanden. Den isla¬
mischen Gruppen sei bekannt, daß die besten In¬
teressen Vertreter der Minderheit (Sozial- und
Rechtsberater, Sozialarbeiter etc.) eher den lin¬
ken Gruppen zugehören, und daß man Anlaß habe, de¬
ren Fähigkeiten zu nutzen. Die Öffnung der islami¬
schen Gruppen zu den demokratischen Gruppen hin
sei klar als Taktik erkennbar, wenn man die Ver¬
öffentlichungen dieser Gruppen genauer betrachte
,
die islamische Ideologie reaktionärer Prägung in
demokratischem Aufzug verkaufe, etwa wenn eine
"Islamische Verfassung"
(Islam ana^tsasi) mit 25 Para
graphen vorgeführt wird, die in der Form an die Ver
fassung westeuropäischer Demokratie angelehnt ist.
Trotz dieser Meinung über den taktischen Charakter
der Gesprächsbereitschaft bei den islamischen Grup¬
pen wird ein Zugehen auf diese Gruppen begrüßt. Da-
112
bei sei zu betonen, daß diese Bereitschaft der
linken Gruppen keinesfalls mit der sogenannten
Reis1amisierung zu tun habe, sondern alleine auf
politische Motive zurückzuführen sei.
Andere Diskussionsteilnehmer sehen Annäherungen
zwischen linken und rechten Gruppen nicht nur als
taktisches Vorgehen auf seiten der Rechten, son¬
dern als eine durch politische Veränderungen be¬
dingte Annäherung: so habe der sogenannte "Lummer¬
erlaß" vom Winter 1981 die Gruppen notgedrungen
zusammengebracht, da sich alle Gruppen gemeinsam
dagegen wehren mußten; ähnlich habe sich der Wi¬
derstand gegen die Militärregierung in der Tür¬
kei, der von linken wie von rechten Gruppen -wenn
auch aus sehr verschiedenen Motiven- getragen wird,
für die Minderheit in der Tendenz eher einigend
ausgewirkt.
zu These 2 und 3:
Ansätze der islamischen Gruppen zur Liberalisierung
und zur Anpassung an die Industriegesellschaft wer¬
den durch verschiedene Beispiele belegt: sowohl in
der Türkei wie auch hier ist zu beobachten, wie ver¬
schiedene religiöse Vorschriften (Fasten, Gebet) ent¬
sprechend den Lebensbedingungen der Industriegesell¬
schaft abgeschwächt werden, wenn z. B. das Nach¬
mittagsgebet aufgegeben oder dccä Fasten von immer
weniger Gläubigen eingehalten wird. Auch auf ver¬
schiedene Versuche, den Islam zu einer Synthese mit
dem Marxismus zu bringen oder auch aus dem Islam
eine quasi marxistische Interpretation der Gesell¬
schaft abzuleiten, wird hingewiesen.
-
113
Das Kulturzentrum als Ort der Auseinandersetzung
zwischen islamischen und demokratischen Gruppen
würde eine sehr wichtige Rolle im Prozeß der
Verweltlichung und Liberalisierung der islami¬
schen Ideologie spielen.
Nicht zu vergessen sei allerdings der Einfluß,
den die Entwicklung des Weltislam auf die isla¬
mischen Gruppen in der Emigration nehmen könne.
Eine weitere Radikalisierung des Islam in den
islamischen Ländern und eine Verstärkung des an¬
tikolonialen Kampfes in diesen Ländern würde
sich auf jeden Fall auch in den islamischen Grup¬
pen im Ausland spiegeln.
Umso wichtiger seien dann aber Bemühungen, die
islamische Gruppen und vor allem auch deren Basis
in einen Prozeß der Demokratisierung und Ausein¬
andersetzung mit den aktuellen politischen Ver¬
hältnissen. Rechten und Forderunaen in der Industrieaesellschaft einzubeziehen.
zu These.4:
Im Gegensatz zu der Radikalität der islamischen
Gruppen, die als reaktionär eingeschätzt wird, be¬
grüßen die Diskussionsteilnehmer eine Radikalität
der ethnischen Minderheit, die sich auf die'iDurchsetzung gleicher Rechte bezieht. Auch Polarisierun¬
gen zwischen verschieden-nationalen Teilen der
Stadtteilbevölkerung müßten dabei in Kauf genommen
werden. Eine Radikalität auf seiten der nationalen
Minderheiten führe nicht zu Rückzug und Festhalten
an vorindustrieller Ideologie wie die Radikalität
der islamischen Gruppen, sondern zur Emanzipation.
zu These 5:
Der Anspruch, Konzept und Verwaltung des Kul¬
turzentrums vorrangig den Vertretern der Min¬
derheit zu übergeben, wird zwar von allen Dis¬
kussionsteilnehmern unterstützt. Sehr stark be¬
tont wird andererseits die Verpflichtung der
deutschen Regierung und Verwaltung, dieses Kul¬
turzentrum als eine notwendige Infrastruktur¬
einrichtung für Einwanderer zu finanzieren. Ab¬
gelehnt wird der Vorschlag der Fatih-MoscheeLeute, ihren Teil, die Gebetsstätte, selbst zu
finanzieren. Daraus abzuleitende Ansprüche auf
Selbstbestimmung des von ihnen finanzierten Teils
werden ganz und gar zurückgewiesen. Finanzielle
Beteiligung
der interessierten Gruppen sei nur
denkbar als Eingabe in einen für das ganze Zen¬
trum geltenden Topf, der gemeinsam vom Träger¬
verein zu verwalten sei. Vorrechte einzelner
Gruppen, die durch die Höhe des Finanzierungs¬
anteils zu erkaufen wären, seien von vorneherein
auszuschließen.
Für die Satzung wird gefordert, daß der Träger¬
verein sich in den Dienst von Völkerverständigung,
Gleichberechtigung von Minderheiten, Wahrung und
Durchsetzung der Menschenrechte stellen sollte,
um nationalistische, theokratische oder gar fa¬
schistische Tendenzen von vorneherein aus dem
Zentrum auszugrenzen.
-- 115 -
4. Zur Realisierung des Kulturzentrums
4„1. Nutzungs-, Träger- und Finanzierungsmodell
Aus dem Interviews geht hervor, daß die von der
"AG Ausländer" vorgeschlagenen Nutzungen ange¬
nommen werden. Dampfbad, Gebetsraum und Räume
für Festlichkeiten werden von allen Gruppen und
auch von einzelnen Familien akzeptiert.
Zwei Aspekte, die bei der Organisation zu beach¬
ten sind, werden genannt:
-die stadtteilorientierte Dimension (kein AlibiProjekt)
(BTT / KDB)
-keine Abhängigkeit von deutschen Kontrollinstanzen (TZ / KOMKAR)
Die zweite Forderung hat zur Konsequenz, daß die
Form der Stiftung für das Finanzierungsmodell even¬
tuell ausscheidet, weil Stiftungen den Justizmini¬
sterien der Länder -in Berlin also dem Senat für
Justiz- unterstehen.
Weniger eingreifende Kontrolle ist bei der Form
des eingetragenen Vereins zu erwarten. Bei dieser
Form besteht die Möglichkeit, den gesamten Vor¬
stand in die Hand der Beteiligten zu geben.
Rechenschaft wird an erster Stelle den Mitgliedern
gegeben, außerdem dem Amtsgericht und dem Finanz¬
amt gegenüber, wenn Gemeinnützigkeit beantragt
ist.
Einblick in die Konstruktion gemeinnütziger Or¬
ganisationen gibt das Buch "Stichwort Spendenwesen",1)
1) hrsg. v. R. Borgmann-Quade, 1982, Eigenverlag
des DZI Berlin
116 -
das Organisationsform, Ziel und Arbeitsweise
von mehr als 40 Verbänden dieser Art vorstellt.
Nur wenige darunter sind Stiftungen, die weit¬
aus größte Zahl hat die Form des eingetragenen
Vereins.
Leider hat das herausgebende Institut des ge¬
nannten äußerst informativen Buches, das Deut¬
sche Zentralinstitut für soziale Fragen, un¬
sere Bitte um Beratung über Organisationsform
und Finanzierungsmodell abgelehnt
des Schreiben,
Von einem Mitglied des Ausländerbereichs der AL
kommt der Vorschlag, zum 30. Jahrestag der An¬
werbung ausländischer Arbeitskräfte eine Spen¬
denaktion für das Kulturzentrum zu initiieren,
die sich an die Firmen und Konzerne wendet,- die
von der Anwerbung und Beschäftigung ausländi¬
scher Arbeiter profitiert haben und weiter pro¬
fitieren.
Auf den Stadtteil bezogen, gilt dies hauptsäch¬
lich für die Firma De-Te-We und die großen Kauf¬
häuser und Supermärkte, deren Kundenstamm zur
Hälfte ausländischer Herkunft ist: Karstadt, Bilka,
Woolworth, Kaiser's (Kottbusser Tor) , Alueda
(Ohlauerstraße) , und Aldi (Kottbusser Damm, Rei¬
chenberger Straße, in der Markthalle Eisenbahn¬
straße) . Auf die Berliner Ebene bezogen kommen
Konzerne wie Siemens, Mercedes, AEG, Borsig etc.
in Betracht.
Über Spendenwilligkeit dieser Firmen können wir
nichts aussagen, bevor nicht ein konkreter Ver¬
such mit diesen Firmen unternommen wurde: dazu
-117
wäre es notwendig, einen Förderverein zu grün¬
den, der diese Firmen ansprechen müßte. Der
Förderverein "Türkisches Kulturzentrum e.V."
müßte auch deutsche Freunde -am besten Stadtteil-Prominervz- im Vorstand und in der Mit¬
gliederschaft haben, um Vertrauen und morali¬
sche Pflichtgefühle, wie auch Einsicht in die
Reklamewirksamkeit bei den potentiellen Geld¬
gebern zu erzeugen.
AM das
Heutsehe Zeatral-Iastitut für Soziale Trage«
Beraadottestr. 94
r
1 Berlin, 33
A
Betr.s Beratung in Brägen der 3tiftüaga- fcaw.
Sehr geehrte Hamen und Herren,
•f^'4
.e«!
aus der Veröffentlichung Ihres Instituts 'Stietngj^t
T
entnehmen wir, dad Mitarbeiter Ihres Instituts ee^'jsut ji^er ^ag^n^di
Stiftungs- und Vereinsrech&s informiert sind. Unsere’Arhel^ss^uppn 1
ist Srkger einer Initiative für ein türUsches, pl|turzentrum7in.'"I'
Ireuzberg 36. Von der1' Internationalen Bauausstellüng haben'wir den
Auftrag, ein Gutachten Uker Bedingungen, Möglichkeiten und AdtreeB|,te«
eines solchen Kulturzentrums zu erarbeiten, das u.a.' auch'Stellung
nimmt zu fragen der Organisations- und Rechtsform. -
..y ^
y
Beteiligt an der Arbeit und der Verwaltung in einem solchen Zentrum«
wären auf jeden fall politische Gruppen aus der Türkei, aber,auch:,
religiöse Gruppierungen, für die erwartungsgemäß schwierige Zusammen¬
arbeit solcher Gruppen wie auch für das
Verhältnis zur deutschen
Öffentlichkeit ist es sehr wichtig, eine Organisationeform Iz.u fin-^
den, die den Aktiven Autonomie ;ga£fkatiert, aber gleichzeitig£eine''
demokratische Kontrolle ermöglicht. Ebenso wichtig ist die frage,, weil
finanzierungsmöglichfeeiten und - formen denkbar wären.
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Vir hätten
großes
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«; • v
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*U
Interesse, uns in^einem Gespräch, i
darüber infäormieren zu lassen, welche Organlsatfoasformen in
Frage
kämen. Auf Grund des ISA-Auftrags wäre eine Honorie¬
rung des ^eratungsgesprächs möglich.
für eignen Termin-Vorschlag wären wir
Mit freuijadliehen Grüßen,
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fi
'■
*
118
4.2
Kulturzentrumentwurf als Diskussionsgrund¬
lage für die "AG Ausländer" Anfang Mai 1985.
ün in der Diskussion um das Kulturzentrum einen Schritt
weiterzukanmen, gaben wir (die Gutachter) dem türkischen
Architekten Kemal Berker den Auftrag, einen Entwurf zum
Kultur Zentrum mit Gebetsraum vorzulegen, Aufgabe war,
die beiden sich an die Fatih-Moschee anschließenden Bahn¬
hofsgebäude an der Görlitzerstraße in die Planung einzu¬
beziehen und das Nutzungskonzept entsprechend den Vorschlä¬
gen der "AG Ausländer" zu gestalten. Die Festlegung auf die
beiden Gebäude ist darauf zurückzuführen, daß nach"Auskunft
der Eigentümerin des Bahnhofgeländes, der Verwaltung des
Reichsbahnvermögens, eine Baugenehmigung für neue
auf dem Gelände ausgeschlossen sei. Der Entwurf soll eine
konkretere Vorstellung vermitteln, wie ein solches Kultur¬
zentrum aussehen könnte und damit die Diskussion beleben.
Der Entwurf von Kemal Berker zum. Kulturzentrum
liegt vor.
Die Straßensilhouette bezieht die zwei bestehen¬
den festen Gebäude ein, setzt an die Stelle des
jetzigen Schuppens, der zur Fatih-Moschee um¬
gebaut wurde, ein drittes Gebäude. Die drei Ge¬
bäude fügen sich einigermaßen unauffällig in die
Umgebung ein, auffallend ist nur die orienta¬
lisch-bunte Farbgebung.
Kritik wird geäußert:
Als Zeichensetzung für die Kultur der Völker der
Türkei und für das islamische Moment darin sei
dieser Entwurf nicht geeignet, da er eher Ele¬
mente des preußischen Industriebaus als Momente
der Moscheen-Architektur aufnehme.
Als Identifikationsobjekt könne eine solche Ge¬
bäudereihe nicht wirksam werden, weil sie sich
zu stark an der Stadtkultur mitteleuropäischer
Großstädte orientiere.
Ein Minarett wie auch eine Kuppel fehlen in dem
Entwurf, dies wird von einigen türkischen Mit¬
gliedern der Arbeitsgruppe bemängelt.
Einige Mitglieder sind mit dem Entwurf als integrativem Angebot einverstanden.
c
-
4.3
119
Andere Ansätze - Andere Standorte
Vergleichbare Ansätze aus anderen Städten liegen
vor, wir verweisen hier nur en passant darauf:
Denn in den Kulturzentren in Oslo und Wien han¬
delt es sich um islamische Zentren mit weltlichen
Anhängseln.
Die Akzente sind umgekehrt, beide Zentren sind
nationenübergreifend und stark religiös geprägt.
PRELIMINARY PROJECT JUNE 1910
THE FOUNDATION OF ISLAM CENTRE OSLO
The objective of the Foundation is to build a Mosque in Oslo with relevant institutions and facili
ties for Muslims in Norway, and to ensure the future running of this Centre.
All Muslims in Norway, irrespective of nationality, may be members of this Foundation.
120
Sehr geehrter Herr Oberstadtrat Kainrath';
In Berlin - Kreuitterg gibt es eine Initiative für ein türkisches
Kulturzentru« mit Moschee, die von einer Reihe von politischen und
religiösen Gruppen der Türken unterstützt wircf;
Durch Kollegen in der Internationalen Bauausstellung Berlin wurden
wir darauf hingewiesen, daß Sie in Wien ein Konzept für eine Mosche«
entwickelt haberft das für uns interessant sein dürftet
Wir möchten Sie bittend uns wenn möglich Informationsmaterial zuzuschicken'. Ganz besonders interessiert uns dabei die Rechtsform
(Stiftung oder Verein) und das Finanzierungsmodell'i
Falls Sie Interesse an unseren Konzepten und Vorarbeiten habend
sind wir gern bereit** sie Ihnen zurmVerfügung zu stellen.
Im voraus dankend mit freundlichen Grüßen^
MAGISTRATSOIREKTION DER STADT UIEN
Koordinationsbüro
Rathaus, Stiege 4, Halbstock, Zi. 247
A-1082 Wien
Wien, 19. Juni 198S
M85KAI01
Frau
Dr. Ulrike Harnisch
Verein S036
AG Ausländer
ForsterstraOe 20
1000 Berlin 36
Sehr geehrte Frau Dr. Harnisch!
Es «ar nicht ganz leicht, von meinem Gesprächspartner im
•Islamischen Zentrum Wien' genaue Auskünfte zu bekommen.
Folgendes hat sich ergeben:
Der Islam ist als Religion in Österreich offiziell anerkannt
(das scheint viel zu erleichtern). Das Zentrum wurde von ’allen'
(6-7) islamischen Ländern errichtet (genauere Rechtsform unbe¬
kannt). Die Genehmigung dazu gab die österreichische Bundesregie
rung. Die Investitionskosten wurden von Saudiarabien getragen,
die laufenden Kosten konnten bisher durch Spenden aufgebracht
werden.
Für weitere Informationen sollten Sie sich vielleicht direkt
an das Zentrum wenden:
Islamic Centre Vienna
Islamisches Zentrum Wien
A-1210 Uien
Am Hubertusdamra 17-19
Tel.: 30 13 89, 30 63 63
Mit freundlichen Grüßen
Dipl.Ing. Wilhelm Kainrath
Oberstadtbaurat
121
Ein über 10 Jahre alter Entwurf von Engelbert
Kremser für ein türkisches Kulturzentrum liegt
vor, der für den Standort Blücherplatz geplant
war.
Standort ;
Blüdwrplitz - Dtr hier vorgesehene Standort des
Kulturzentrums erscheint iußerst günstig, da er kurz¬
fristig In der Nihe der türkischen Ballungsgebiete
und zudem an einem Verkehrsknotenpunkt liegt, so
daB er auch später im Falla der Streuung der türki¬
schen Bevölkerung von sämtlichen Stadtteilen aus
gut erreichbar ist.
Das türkische Kulturzentrum mit seiner Moschee als
gewichtigem Zentralbau würde In der vorliegenden
Konzeption den Blücherplatz mit der Amerlka-Gedenk-Blbtiothek und der Nachbarschaft der Kirche
.Zum heiligen Kreuz" zu einem kulturellen Zentrum
.Berlins aufwerten. Falls |edoch der Widerstand zu
groß ist. diesen Platz In der vorliegenden Form zu
bereichern, würde sich sicherlich auch ein anderer
finden lassen. Dies würde jedoch eine andere Kon¬
zeption der Gebäude zur Folge haben.
Die Finanzierung ln Höhe von 6,6 Millionen DM wurde
von einem türkischen Zeitungsverleger vertraglich ge¬
sichert. Der Verleger beabsichtigte, das Objekt nach
Fertigstellung und einjähriger Anlaufzeit als Stiftung
einer öffentlichen Institution des Landes Berlin zu
übergeben. Der Berliner Senat sollte lediglich ein
Grundstück zur Verfügung stellen. Der Senat lehnte
das Projekt ab und teilte mit. .daB die beteiligten
Ressorts übereinstimmend nicht der Auffassung sind.
daB In Berlin zentral ein Kulturzentrum für eine
Gruppe der ausländischen Mitbürger unserer Stadt
errichtet werden sollte".
Türkisches Kulturzentrum mit Moschee. Grundriß
122
Ein anderer wohlmeinender Plan zum Bau eines
türkischen Kulturzentrum bzw. einer Moschee
wird von der Projektgruppe Moritzplatz betrie¬
ben .
Die Vorstellungen über dieses Zentrum sind immer¬
hin auch so weit gediehen, daß ein.Entwurf vor¬
liegt.
Beiden Ansätzen gemeinsam ist, daß sie vorwiegend
von deutscher Seite betrieben wurden und werden.
Eine Bewertung aus türkischer Sicht stellt der
Artikel von Selcuk Iskender in der Stadtteil¬
zeitung "Ekin" vom März 1985 dar:
MOSCHEE AM
MORITZPLA
TZ
I
Auf der Rückseite eines Kreuzbergfaltplans für Touristen steht geschrieben, daß
es in Kreuzberg „nach Kebab und Knoblauch duftet, orientalische Musik in der
Luft liegt und verschleierte Frauen das Straßenbild prägen.“ Orient in Kreuzberg?
Nicht ganz! Es fehlen eine Moschee und ein Bazar aus 1 001 Nacht, um das Kli¬
schee zu vervollständigen. Erst dann ist „Türkberg“ eine Reise wert. Die Projekt¬
gruppe Moritzplatz möchte aber das exotische Bild eher heute als morgen verwirk¬
lichen. Direkt am Moritzplatz, abgelegen und dicht an der Mauer.
Was steht eigentlich dahinter? Planen die Deutschen eine Moschee für Türken,
oder wollen sie selber darin beten?
Die Geschichte geht etwas zurück. 1984 wurde in SO 36 unter dem Motto „Der
Görlitzer Bahnhof ist für alle da!“ ein Wettbewerb für die Neugestaltung das alten
Bahnhofgeländes vorbereitet. Eine Arbeitsgruppe Ausländer (Ein Zusammen¬
schluß von Stadtteilinitiativen, die in SO 36 Ausländerarbeit machen ) hat das Mot¬
to das Wettbewerbs wörtlich genommen und wollte die Interessen der türkischen
Bewohner bei der Baugestaltung berücksichtigt wissen. Nach intensiven Diskussionen mit den verschiedenen türkischen Gruppen und Bewohnern wurde ein
Konzept entwickelt, wonach ein Kulturzentrum mit Moschee fester Bestandteil der
Planung sein sollte. Das Kulturzentrum sollte einerseits durch die Verwendung
traditioneller Bauformen und Gestaltungselemente eine Signaifunktion haben, die
den Einwanderern einen Bezugspunkt auf der Suche nach einer neuen Identität
bietet, andererseits sollte dieses Zentrum der deutschen Bevölkerung anatolische
Kultur näherbringen, aber nicht als eine touristische Attraktion dienen.
Die zentrale Fragestellung der AG Ausländer war dabei, in welcher Art und Weise
die Bedürfnisse der in der Umgebung dieses Geländes lebenden ausländischen
Bewohner (ca. 40%) berücksichtigt werden könnten. Das Konzept wurde aber
von allen an den Vorbereitungen teilnehmenden deutschen Gruppen vehement
abgelehnt. Der heilige Ort „Görlitzer Bahnhof“ wurde tapfer verteidigt. Der Vorwurf der nicht gleichberechtigten Behandlung der Türken bei den EntscheidungsProzessen wurde zurückgewiesen und Bereitschaft bekundet, gemeinsame Lösungen zu suchen. Es waren aber leere Versprechungen. Einige haben das Thema
;
J
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1
1 23
völlig verdrängt, andere hatten schon vorher Moritzplatz als Alternative themati¬
siert. Obwohl die Arbeitsgruppe Ausländer damals den Moritzplatz als Standort
abgelehnt und die Projektgruppe aufgefordert hat, in der Frage des Kulturzen¬
trums mit ihr zusammenzuarbeiten, ist sie bis heute aus der Diskussion ausge¬
klammert worden. Parad'* bei der Geschichte ist, daß die energischen Gegner
des Kulturzentrums aut dem Görlitzer Bahnhof die jetzigen Betreiber des Mo¬
scheeprojekts am Moritzplatz sind. Sie brauchen die Türken nicht, sie wissen bes¬
ser, was für die Türken gut ist.
Die ganze Diskussion um das Kulturzentrum ist sehr bezeichnend für die politi¬
sche Rechtlosigkeit der ausländischen Bewohner. Sie haben nicht mal auf Bezirk¬
sebene bei den sie betreffenden Entscheidungen Mitspracherecht. Es ist aber kein
Wunder. Es heißt nicht „( Mit jbürgerbeteiligung", sondern „Bürgerbeteiligung".
i
Selcuk Iskender
Diskussionsvorschläge für mögliche Lösungsansätze
hier: [Deutsch-türkisches Kulturzentrum mit Basar-Läden und MoschEs
124 -
5.
Das Fest auf dem Görlitzer Bahnhof am
22.6.1985
Abschließend berichten wir von einer Nach¬
diskussion zum Fest auf dem Görlitzer Bahnhof,
die die"AG Ausländer" am 27.6.85 führte.
Diese Nachdiskussion beleuchtet noch einmal
alle Konflikte, die mit der Forderung nach
einem türkischen Kulturzentrum mit Gebets¬
raum verbunden sind und beleuchtet auch noch
einmal die stadtteilpolitisch brisante Frage
nach dem Standort.
Die "AG Ausländer" hatte zu dem Fest auf dem
Görlitzer Bahnhof das folgende Flugblatt herge¬
stellt :
KG Ausländer
DER
Wir
GÖRLITZER
BAHKHOT
KUSS
Verein SO 36.
PARK
MEKSEM
I
«iflvmtjndan. Aue* «Ir braudan Luft «d Crtn hier 1» Stadttail.
Abcn KQenm wir ira dolt Tiifriarim 9db«n? - Nal&>
»,w-H für ixmatomms TOrJuü. lat «Iß PM* «Im gut* S«c**.
AlMT für Ixmabmrqes mm dar TOricai £dü*ß nocL «ndsrs Ettuga ala «In Park.
Kmubogmc mm da TOrfcai haban kaln« Orfct w dou ai* g«a*ißs*m Ihr* Kultur
«S Ihr* Rallglcn aaifcan Wnnan. Sla xahlaß x« Stojam vd* jadar öfftacha
Xxvuzfaazuar, Tin>in—n dafQr «bar nur wanlg« Elnrldits«g«ß mgÄotan, dl* spasl«ll
ihran BadOrfniaMn gerecht uardam Baratmgaatallan, Trxnen- und MSdchanlAdao,
r.TT«« an Ott VOl3a*a*achula. Van 11—i Udan xnd Knr»an «rdan Im Jahr vl«Al«ic*t
•ym hi* vm Kxmabcryer «a« dar TOxkal «rralrfJt. De Stadttail laben abar inahr
*la IO OCX) Hmachan MB dar TQrkal.
Daß Krauxbazuar aua dar TOifcal noch ander« BedQrfni— habot,, kam man daran a«h«n,
daß Oiaatarv—mtalbaigen auf «ritlach lanar gut Baaucht »Ind, ebanao wla Polklor*Varmetaltxngen mif Statetailfaatmi dad türkl«*a Thaatar- iwi Halkgruff» la
Stadtteil drlmand nach Wboan auchan, daß die Famlllm aus dar Türkei Ihre gzodan
Hochzeiten nirtt 1* Stadtteil, falam »man, aandam bla iur Trabrennbahn
darf
— nüsacn, ua einen Festsael zu bekamen. Nicht zuletzt zelgtdie
Beaetzian elnaa Sctunxns auf da« GQrUtzer Bahnhof (1981) durch di« Fatih-Gameinde,
dl* drlmmd «Inan Gebeteraua brauchte, daA vaitar den Elrwmdaram aua dar Türkei
Badflrfniaee vcahoskn aiad, die nur Auch Eigeninitiative befriedigt werden ttnnen,
d* «ich "»«n-k und Senat dense nicht künaern.
KU dl« r»UWt»ci»« v™ Mrlltur BWKihol widrilrdt >*zö*n. Auch Oa
VbtKUlh, ir JC AualAhdcTf ln du P*rta}.lJcd« ein mltunenuroi. mit Ulamlei*««
l^bturu eumhexiehmic wurie vor ^n» Jehr von den UerentuortUchen ^gelehnt.
Dee Aomept der AG Auellnder eeh Feet- mvl TheeterrJuee, »IbUothek und Videothek
voff( eboieo ein tUzkledM DmepflMd md eine G^mteetlttei ellee minemmmn eollte
VO. ijjijnischan GnAgm Airch einen gotminewen TrAgerverein
wexwltet
■! W i
cee xunrept vurde und wird voei verKhlrientn ektiv« Gnggien
Im Stadtteil mterstützt.
Wir fordern daher weiter - trots der Ablehnmg durch Bezirk und Senat «ln
UjLUüH&dtiun. nuJ- CjeßU&KUun,
Ouf ckun.
!
>Whr als 10 000 e2 braucht man dafür nicht. Die übrigen 130 C00 *2 «ollen grün werdm.
Hi AÜSIANOER IM VEREIN SO 38
125
An Stelltafeln zeigte die "AG Ausländer" dazu
den Entwurf eines Kulturzentrums in den auf dem
Görlitzer Bahnhof vorhandenen Bahnhofsgebäuden
an der Görlitzer Straße. Dieser Entwurf stammt'
von dem Architekten Kemal Berker, der von den
Autoren des Gutachtens beauftragt wurde, einen
Entwurf für diesen Standort vorzulegen.
Mitglieder der "AG Ausländer" hatten sich auf
dem Fest in der Nähe der Stelltafeln aufgehalten,
mit mit Festteilnehmern über den Entwurf und die
Forderung nach einem Kulturzentrum ins Gespräch
zu kommen.
Eine Absprache mit der Fatih-Gemeinde über den
Inhalt des Flugblattes war aus zeitlichen Gründen
vor dem Fest nicht mehr zustande gekommen.
So eine Absprache wäre wichtig gewesen, da das
Fest auf dem Görlitzer Bahnhofsgelände ein Fest
der deutschen’*Arbeitsgruppe ' Görlitzer Bahnhof"
war, bei dem die Forderung nach einem Park und
die Ablehnung jeder anderen Nutzung noch einmal
mit Nachdruck vertreten werden sollte. Das hieß
aber: es sollte ein Fest werden für den Park und
gegen andere Nutzer also auch gegen die Fatih-Ge¬
meinde u.a., die jedoch sehr freundlich zur akti¬
ven Teilnahme an dem Fest eingeladen worden war.
Der Widerspruch war den Einladenden £o sicher
nicht bewußt gewesen.
Bei dem Fest erst stellte sich dann heraus, daß
die Fatih-Gemeinde dieser widersprüchlichen Strate¬
gie gegenüber ziemlich hilflos gehandelt hatte:
sie hatte sich durch die Organisierung von Ring¬
kämpfen an der Gestaltung eines Festes beteiligt,
das ihre erfolgreiche Vertreibung feierte. Ihre
eigene Forderung, nämlich die Moschee auf dem
Bahnhofsgelände behalten zu können oder einen
angemessenen anderen Standort angeboten zu be¬
kommen, hatte die Fatih-Gemeinde in keiner Wei¬
se in die Festöffentlichkeit gebracht.
Die von der "AG Ausländer" auf dem Flugblatt
formulierte Forderung
war unter diesen Umstän¬
den für die Fatih-Gemeinde eine Möglichkeit, ihre
Problematik überhaupt zur Diskussion zu stellen.
Mehrere Mitglieder der "AG Ausländer" berichten,
daß die Fatih-Anhänger das Flugblatt der "AG Aus¬
länder" verteilten und aushängten, nachdem sie
eine Änderung vorgenommen hatten: aus dem "Ge¬
betsraum" des Flugblattes war eine "Moschee" gewor
den. Überschrift darüber: "Was wird aus unserer
Moschee?"
Zwei Mitglieder der "AG Ausländer" hatten mit dem
Sprecher der Gemeinde über die aktuelle Situation
gesprochen. Es hatte sich herausgestellt, daß die
Fatih-Gemeinde nur noch einen Monat Frist bis zur
Räumung der Moschee hatte und die Frist auf Grund
eines Formfehlers bei der Kündigung des Pachtver¬
trages allenfalls noch um drei Monate verlängern
konnte.
Der Sprecher der Gemeinde hatte noch einmal be¬
tont, wie sehr die Gemeinde und auch deren reli¬
giöser Anführer bereit sei, mit der "AG Ausländer"
zusammenzuarbeiten in der Forderung nach einem Kul
turzentrum. Auch die weltlichen Teile des geplan¬
ten Zentrums, das Bad, die Festsäle und kulturel¬
len Angebote waren von ihm als äußerst notwendig
127
anerkannt worden.
Die Nachdiskussion zu dieser Veranstaltung und
zu diesen Gesprächen ergibt eine selbstkritische
Wertung der bisherigen Aktivität der "AG Aus¬
länder". Die Situation und die Meinungsäußerung
der Fatih-Gemeinde wie auch die Konstellation
auf dem Park-Fest zeigen, daß die Chance, die
Forderung nach dem Zentrum mit der von Vertrei¬
bung betroffenen Gemeinde gemeinsam sehr nach¬
drücklich in die Öffentlichkeit zu bringen, vor
handen war und ist und daß diese Chance nicht
ausreichend aktiv von der "AG Ausländer ge¬
nutzt wurde.
Ein Teil der "AG Ausländer" spricht von den be¬
kannten Berührungsängsten, die ein öffentliches
Zusammengehen mit der islamischen Gruppe unmög¬
lich macht. Es gelingt nicht, die Fatih-Gemeinde
in die Diskussion um das Kulturzentrum so einzu
binden, daß gemeinsam öffentlich Druck erzeugt
werden kann. Ein Mitglied der Gruppe spricht von
"halbherziger Solidarität", die jede entscheiden¬
de Aktivität für das Kulturzentrum lähme, während
auf der anderen Seite die Planung des Parks voran¬
schreite und die Chance, von dem Bahnhofsgelände
noch etwas für das Kulturzentrum zu retten, immer
geringer werde.
Daß ein gemeinsames Vorgehen und entschiedene
Schritte in die Öffentlichkeit hinein unbedingt
erforderlich sind, zeigt das Presseecho AL-eigener
und AL-naher Blätter: Von der Flugblattaktion für
ein türkisches Kulturzentrum ist nicht die Rede,
die Forderung der Minderheit wird nicht einmal von
-
128
dem ausländerfreundlichen Teil der Öffentlich¬
keit wahrgenommen. Der Artikel in dem Stadtteil¬
blatt "Ekln" dagegen ist von einem Mitglied
der "AG Ausländer".
Parkfest Görlitzer Bahnhof
Ein Ringcrwcttkampf, Pantomime,
Blasmusik und eine Ausstellung bilde¬
ten den Rahmen des Parkfestes der Ar¬
beitsgruppe Görlitzer Bahnhof am 23.
Juni auf dem Bahnhofsgelände. Anlaß
des Festes,.war, den Forderungen der
Arbeitsgruppe nach einem bürgerge¬
rechten Park unter Beteiligung der An¬
wohner Nachdruck zu verleihen. Die
AG tritt gegen einen umzäunten Sport¬
platz mit Flutlicht und Kunststoffbelag
und für einen integrierten Park mit ver¬
steckter Umzäunung und Schotterra¬
sen ein. Weiter wird die Errichtung ei¬
nes Verkehrskindergartens, eines Kin¬
derbauemhofs und die Schaffung von
Ausbildungsplätzen im Gartenbau ge¬
fordert. Mit der Realisierung des Gör¬
litzer Parks soll umgehend begonnen
werden.
Görlitzer Bahnhof
Infofest für
Bürgerpark
Das Görlitzer Bahnhofsgelände'soll
zum Stadtteilpark umgestaltet wer¬
den. Damit nicht über die Köpfe und
Wünsche der Anwohner hinweg ge¬
gangen wird, veranstaltete die AG
■Görlitzer Bahnhof« am Wochenende
ein Informationsfest. Trotz regneri¬
scher Wetterlage fanden sich Immer¬
hin 250 SO 36er ein, um bei Sport,
Musik und Tanz Ihre Vorstellungen
von einem lebendigen Bürgerpark
kundzutun.
Ein Ringertumier mit anschließender Sie¬
gerehrung veranstalteten türkische An¬
wohner. Kinder fanden ausreichend Ge¬
legenheit zum Verkleiden und Schmin¬
ken. An bunten Stelltafeln stellten sich zu¬
dem zahlreiche Kreuzberger Initiativen
vor. Gleichfalls präsentierte die Anwohner-lnitaitive ihre Pläne zum Bürgeipark.
Nach Ansicht derlnitiative besteht die Ge¬
fahr, daß im Verlauf der Konkretisierung
des Wettbewerbsentwurfes das ur¬
sprüngliche Konzept verfälscht wird. Bei¬
spielsweise soll die geplante Wiese für
Spiel- und Sportmöglichkeiten einer elngezäunten, mit Flutlicht und Kunstbelag
ausgestatteten Wiese weichen.
Neben Ausbildungsplätzen für Jugendli¬
che im Gartenbau, Biotopen oder früh¬
zeitlicher »Bebaumung« fordert die Initia¬
tive ein Modellprojekt »Görlitzer Park«,
damit die Annahme des Parks durch
seine zukünftigen Benutzer sicherge¬
stelltwird. ^ (oi ^ taz
129
Tcmmfizl Afcustos 1985
Görlitzer Bahnhof alam yesillendirilecek
KÜLTÜR MERKEZI iSTERIZ!
Görlitzer Bahnhof U- Bahn dungm.n arkas.nda kalan ve 140.000 metrekare büyüklügünde bir alan var. Burada eskiden Kreozb.rg'in en ö"*™1'
dan biri vardi 2. Dünya savajinda bu isasyon tamamen bombalanarak yikildi ve
harabe hanne'^ldi. slva, sonras, bu harabenin kahnt.lan da tenuzlenerek bupm
görülen bo$ alan meydana gcldu
Kreuzberg’de küitürei ve dini ihtiyaglanmizi gerektigi bigimde giderecek bir
yerimiz yoktur. Bizler de her Alman
Kreuzberg'li gibi vergi ödemekteyiz,
fakat bunun kar^iligi olarak bizjm igin
agilan dam?ma yerleri, kadmlar ve
geng kizlar igin bulujma yerleri,
halk yüksek okulu kurslari gibi hizmetler umamen yetersiz kalmakudir. Bu
hizmetler bölgemizde yajayan onbinin
üzerinde Türkiyelinin gok az bir kismma ulagabilmektedir.
Semtimizde yapilan tiyatro gösterileri
dolup ta$maktadir. Oüzenlenen Semt
jenliklerine folklor gruplarimiz yogun
bir jekilde katilmaktadir. Gösteri yapabilmek igin salon arayan tiyatro ve
müzik gruplarinin sayisi her gegen gün
artmaktadir. Bizler dügün salonu bulabilmek igin Kreuzberg'den u Mariendorftaki hipodroma kadar gitmek zorunda kalmakuyiz. Bunin bunlar semtimizde bu ihtiyaglari karjilayacak bir
kültür merlezine ihtiyag oldugunu
kanitlamakudif.
r-T-'-v
GÖRLiTZERPARKTA
Böige akinleri uzun zamandan beri
bu alanm büyük bir park haline getigetirilmesi igin Qalijmalar yapmakta
idi. Berlin Senatosu halkm bu istegini
kabul ederek, gegtigimiz yil bir proje
yarismasi agtu Bu yarrjmanm agilmaai ile kavga da ba?ladi bölgede.
Halkm bir kismi bütün alanm yejillendirilmesini itterken, bir kismi da bol
miktarda spor alam da yapilmasmi
önerdi. Bu arada bir de
"Verein
SO 36 Yabancilar Cali?ma Grubu"
ortaya atilarak bir kültür merkezi
kurulmzsmi önerdi. Calijma grubunun
bu hakh inegi ortaligi karijtirdi. AImanlarin hepsi bu defa bir ledere k
Türklerin bu istegine kar?! gikti. Oysa
bu kültür merkezi senelerden beri bu¬
rada yajayan bizlerin küitürei ve dini
ihtiyaglanni gidcrebilmesi bakimindan
gerekli idi. özellikle yerel Alman gruplannin karji koymasi nedeni ile yetkililer kültür merkezini projeden gikarttilar.
gAYIRGORE?!
Geftigimiz haziran ayi sonlarmda
Görlitzer Bahnhof alamnda bir jenlik
düzenlendi. Bu selige Kreuzberg’li
Türkler de katildilar »e bir de güre?
müsabakasi lertiplediler. Yari;maya
gocuklar ve genfer katildi. Derece
alanlara da sejitli ödüller verildi.
;enligi "Görlitzer Park (^ah$ma
Grubu" tarafindan düzenlendi. Bu
jenlikte ayrica "Verein SO 36 Yabancilar Gfubu" hazirladigi kültür
merkezi projesini tanitti.
önerilen kültür merkezinde : Eglence
ve tiyatro gösterileri i?in bir salon,
kütüphane, video kulübü, hamam ve
bir de mescid ön görülmü$tü. Kültür
inerkezinin tümünün ise demokratik ve
dini kunjlu$larin bir araya gelerek kuy
racaklari bir ?ati altmda idare edilmesi
ana prensip olarak saptanmi$ti. Bu
görü$ bölgede bulunan ?e$itli aktif
gruplar tarafindan da desteklenmekte.
- 130 -
Mit diesem Diskussionsergebnis möchten wir das
Gutachten abschließen.
Ergebnis:
Aus
allen Diskussionen und Interviews wie auch
aus dieser an letzter Stelle wiedergegebenen Dis¬
kussion geht hervor, daß die Brisanz der Initia¬
tive für ein türkisches Kulturzentrum in Kreuz¬
berg 36 vor allem in der Einbeziehung einer Ge¬
betsstätte liegt.An diesem Thema entscheidet
sich, wie stark oder schwach die ethnische Kolo¬
nie gegenüber der Aufnahmegesellschaft ist, ob
sie sich solidarisieren kann, wie weit die "Binnen¬
integration" vorangeschritten ist.
Daß eine Stätte da sein muß für große Familien¬
feste, für Theater, Film, Musik etc. aus der Tür¬
kei, dies alles wird von allen Gruppen auf deut¬
scher wie auf türkischer Seite akzeptiert. Was
für die Arbeiterorganisationen und auch für die
Initiatoren in der "AG Ausländer" nicht klar ist,
i3t wie man mit islamischen Gruppen Zusammengehen
kann in der Durchsetzung und später auch in der
Organisation eines solchen Zentrums.
Daß dieses Zentrum eine Sache der Minderheit sein
muß und nicht eine deutsch-türkische Initiative,
wird aus dieser Diskussion auch deutlich. Es geht
bei der gesamten Initiative vorrangig um Selbst¬
definition und Binnenintegration innerhalb der
Minderheit aus der Türkei, nicht um einen kulturel¬
len Austausch zwischen Deutschen und Immigranten
aus der Türkei. Daß dies so ist, wird an der
Thematik "'Gebetsstätte" deutlich, an der sich
die verschiedenen Gruppen entweder einigen oder
trennen.
131
Wie stark die Tendenz zur Binnenintegration
innerhalb der türkischen Kolonie ist, wird
sich daran zeigen, ob das Kulturzentrum mit
Gebetsstätte durchgesetzt wird auch gegen den
Widerstand der deutschen Öffentlichkeit., der
sich zur Zeit scheinbar nur auf den Standort
Görlitzer Bahnhof bezieht.
Für die sehr schwierige aber notwendige Zu¬
sammenarbeit der verschiedenen Gruppen der Min¬
derheit bietet gerade dieser Widerstand eine
gute Chance, Deshalb ist es nach unserer Mei¬
nung für die Durchsetzung des Konzepts "Kultur
Zentrum" sehr wichtig, daß an dem Standort wei
ter festgehalten wird.
- 132
Literaturverzeichnis:
Jochen Blaschfc^ Islam und Politik unter türkischen Arbeitsimigranten. In: Jahrbcuh zur Geschichte und Gesell¬
schaft des Vorderen und Mittleren Orients 1984,
Berlin 1985.
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psychologie 1982, 34. Jg., Heft 4.
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keit am 16. und 17. Dez. 1983 in Frankfurt, S. 62-63.
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Berlin 1982.
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