Verwirrspiel der Gefühle

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Verwirrspiel der Gefühle
Eine der bekanntesten Opern Georg Friedrich Händels erlebte im Großen Haus des
Mecklenburgischen Staatstheaters knapp 300 Jahre nach der Uraufführung in London die
Schweriner Erstaufführung. Das Publikum feierte die erste Schweriner Inszenierung des
"Julius Cäsar" in italienischer Sprache mit großem Jubel, stürmischem Beifall und
Bravorufen.
Wenn sich während der Ouvertüre der Vorhang öffnet, sieht man sich an den ägyptischen
Königshof versetzt. Der Bühnenbildner Michael Engel positioniert eine riesige,
goldglänzende Pyramide symmetrisch auf der Bühne, als sei die Welt in schönstem
Gleichgewicht. Vor diesem Symbol vollkommener Ausgeglichenheit etabliert Gastregisseur
Roland Velte ein Schauspiel, in dem Krieg, Liebe und Machtgier bis zur Maßlosigkeit
entarten und die Menschen in diesem verzerrten Gefüge ihrer Beziehungen untereinander das
Gefühl für ein Gleichgewicht zwischen Gutem und Bösem verlieren. Cäsar kämpft gegen
Pompejus um die Alleinherrschaft in Rom. Dieser Machtkampf spiegelt sich zwischen dem
jungen Ptolemäus und seiner Schwester und Gattin Kleopatra am Hof von Alexandria wider.
Bis dorthin verfolgt Cäsar seinen Widersacher, gerät aber über dessen Ermordung in Zorn.
Achillas, der Mörder, verliebt sich in Cornelia, die verzweifelte Gattin des ermordeten
Pompejus. Kleopatra verführt Cäsar, um durch seine Hilfe die Alleinherrschaft über den
ägyptischen Thron zu erlangen. Ein bis auf die Spitze getriebenes Verwirrspiel der
Beziehungen und Gefühle, das der Regisseur in einer fragwürdigen Apotheose der beiden
verliebten Herrscher auf einem Berg von Leichen in nunmehr wundgeschlagener Symmetrie
enden lässt.
Lebenspralle Direktheit und symbolische Bilder Doch gespielt wird zuvor in einem
faszinierenden Spannungsfeld zwischen lebenspraller Direktheit, symbolischer Bildhaftigkeit
und spannender Choreografie, mit der die ägyptischen Wachen eine ganze Da-Capo-Arie
souverän in Bewegung zu halten vermögen. Dazu bieten die Kostüme von Dorothea Jaumann
und ein herrlich drapiertes blaues Seidentuch reizvolle Blickpunkte.
Dem setzt Chefdirigent Matthias Foremny eine musikalisch ebenso fesselnde
Aufführung gegenüber. Die Staatskapelle in sparsamer Besetzung, das Continuo im
Wechsel von Cembalo und Harfe, die Soloinstrumente bei einzelnen Arien in den
Orchesterlogen sichtbar ausgestellt. Vom Dirigenten geht eine musiktheatralische
Vitalität aus, die die Zuhörer von mitreißend lebhaften Allegro-Passagen über langsame
Tempi voller Zartheit und Hingabe mit fein ziselierter Dynamik hinführt bis zum
prachtvollen Schlusschor, mit dessen Einstudierung sich der junge Chordirektor Ulrich
Barthel vorstellt.
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Der Countertenor Steve Wächter singt mit heller, sehr wandlungsfähiger und gewandter
Stimme einen Cäsar, dessen Weltherrscher-Souveränität allein vor der Urne seines Gegners in
fragendes Nachsinnen gerät. Ulrike Maria Maier betört ihn mit Grazie und einer mehr und
mehr an Ausdruckskraft gewinnenden Sopranstimme.
Phantasievoll gespielter, pubertärer Pharao. Brillant besteht neben ihr der junge Roman
Grübner, der einen pubertären Pharao phantasievoll zu spielen versteht und dessen
Gesangspart überzeugend mit Kraft und Wärme erfüllt.
Mit wunderbar weichem, expressivem Sopran, blond und weiß gewandet wird Dshamilja
Kaiser als Cornelia zum Symbol der Unschuld in der tödlichen Machtmühle. Sie singt ein
hinreißendes Duett mit ihrem Sohn Sextus, der durch Sarah van der Kemp mit teenagerhafter
Männlichkeit ausgestattet wird. Andreas Lettowsky als Achillas, Christian Hees in der Rolle
der Nirena und Frank Blees als Curio komplettieren ein vorzügliches Solistenensemble, das
am Schluss mit Beifall und Füße-trampeln wieder und wieder vor den Vorhang gerufen wird.
Schweriner Volkszeitung, 26. November 2007 |von Michael Baumgartl
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