Forschungs­ miniaturen Lea-Nina Fischer Bildnerisches Gestalten Gymnasium Kirchenfeld Nov. 2015 – Feb. 2016 Dokumentation Studentin: Lea-Nina Fischer Mentorin: Ruth Kunz Alle Rechte liegen bei der Pädagogischen Hochschule Bern. Lehren und Lernen mit Bildern Teilnehmende Beobachtung Bilder 04 07 08 Fotografische Dokumentation und Beschreibung des Arbeitsprozesses Interview mit der Lehrperson Interview mit einer Schülerin Dichte Beschreibung 20 Kommunikative Validierung Dank 27 25 14 16 10 Lehren und Lernen mit Bildern Ausgangslage, Forschungsfrage, Forschungsmethoden Ausgangslage Forschungsfrage Das Lehren und Lernen mit Bildern ist in vielen Disziplinen verankert. Davon zeugen Schaubilder und Diagramme, Karten und Fotografien. Sie zeigen, erklären – illustrieren. Als Impuls oder Kommunikationsanlass genutzt, als Quelle oder zur Präsentation von Ergebnissen stehen diese epistemischen Bilder in der Tradition des orbis pictus (Comenius 1658). Wie aber setzen junge Kunstpädagoginnen und Kunstpädagogen in ihrem Unterricht Bilder ein? Was zeigen sie und wie zeigen sie es? In welchen Phasen ihrer Unterrichtskonstruktion bekommt die Arbeit mit vorhandenen Bildern – seien es nun Kunstwerke oder profane Artefakte – eine Bedeutung? Und nicht zuletzt: Wie wirkt das Gezeigte in den Arbeitsprozess der Schülerinnen und Schüler hinein? Befördert es neue, ungeahnte Ideen/Lösungen? Oder leitet es zu „Nach-Bildern“ an? Kunstpädagogische und kunstwissenschaftliche Positionen dagegen entwerfen eine andere Perspektive auf das Ikonische: sie begreifen nicht-sprachliche Vermittlungsformen – anders als allgemeine Bilddidaktik – als dem Diskursiven äquivalent. Jenes Dictum der „ikonischen Differenz“ – ihrem „sinnerzeugenden Überschuss“ (Boehm 2007) – wird zum Anlass für die in der vorliegenden Arbeit entwickelte Frage nach der Interdependenz von kunstwissenschaftlichen Bildumgangsformen und künstlerisch-gestalterischer Arbeit. Fachentwicklung Die seit den späten 1980er Jahren kursierenden Modelle eines praktischen Respons auf Kunst1 schliessen an Warburgs Transformatio energetica oder – kritisch gesprochen – an die Geschichte der Vor-Bilder an.2 Durch einen handlungsorientierten Umgang mit Kunstwerken werden jedoch nicht nur die Grenzen zu den wissenschaftlich fundierten Methoden der Kunstgeschichte verwischt, auch die produktive Praxis der Lernenden erscheint in diesen kunstpädagogischen Ansätzen auf die Auseinandersetzung mit dem nobilitierten Werk reduziert (Busse 2014). Bildnerisches Gestalten ist aber weit mehr als ein blosser Reflex auf historische oder gegenwärtige Kunstpraxis. Als eine Methode der Kontaktnahme und Auseinandersetzung mit Welt – mit Räumen, Dingen und Menschen – macht es Wechselbeziehungen zwischen sinnlichen Erfahrungen, imaginierten und realisierten Bildern transparent. 1 Siehe dazu Gunter Otto: „Auslegen“. Velber, 1987; oder Eva Sturm: „Von Kunst aus“. Kunstvermittlung mit Gilles Deleuze. Wien: Turia&Kant, 2011. 2 Künstler haben sich seit jeher auf kunsthistorische Objekte bezogen – sei es durch Kopieren (im Kontext der Ausbildung), sei es durch Deuten mit eigenen künstlerischen Methoden (Appropriation) oder in Form der Umgestaltung eines ikonografischen Themas. Forschungsmethoden In ihren Forschungsminiaturen3 untersuchen Studierende das Zusammenspiel von gezeigten Bildern und individuellen gestalterischen Lösungen.4 Dabei praktizieren sie einen Methodenpluralismus: Feldnotizen teilnehmender Beobachtung werden mit der fotografischen Dokumentation des individuellen Arbeitsprozesses und einem Interview mit der Lehrperson sowie dem Schüler/der Schülerin ergänzt. Während die dokumentarischen Bildreihen gestalterische Entscheidungen der Lernenden beschreibbar machen, eröffnen die Interviews Einsichten in die Perceptbildung (Otto 1987) und die mit der Präsentation verbundenen Intentionen der Lehrperson. Für die Auswertung gilt es darum, ein der je anderen Fokussierung entsprechendes Verfahren zu wählen: zum einen orientiert an qualitativ-empirischen Methoden der Sozialforschung, zum andern an bildwissenschaftlichen Praktiken. Mithilfe der Inhaltsanalyse (Mayring 2002) werden die Intentionen der Lehrperson erfasst und ihre mit der Bild­ auswahl verbundenen Kriterien herausgearbeitet. In den selbstreflexiven Äusserungen der Lernenden dagegen lassen sich mögliche Indizien finden, wie sich Bildverstehen und Bildhandeln wechselseitig durchdringen. 3 Die vorliegenden Arbeiten fungieren als Leistungsnachweis Fachdidaktik 1 der PHBern. Sie beziehen sich auf Kernkompetenzen des Lehrens: die Fähigkeit zum Beobachten und Reflektieren. 4 Um diesen Fragen empirisch zu begegnen und eine reflektierte Praxis zu entwickeln, befragen die Studierenden einander im Rahmen des Fachpraktikums HS15/16 gegenseitig. LEISTUNGSNACHWEIS FACHDIDAKTIK 1 MA ART EDUCATION HKB 05 Erst in der Triangulation – wenn die aus den Interviews gewonnen Einsichten mit den in den analytischen Zeichnungen sich vermittelnden bildinhaltlichen und bildstrukturalen Ereignissen in ein Zusammenspiel treten – werden Aussagen dazu möglich, ob und wie die von der Lehrperson ausgewählten Bilder den gestalterischen Prozess beeinflussen, ihn fördern oder hemmen. Die Teilergebnisse aufeinander beziehend entwickeln die Studierenden eine Sensibilität für unterschiedliche, in der Begegnung mit Bildern angelegte Erfahrungsmöglichkeiten. Daraus entsteht eine Dichte Beschreibung (Geertz 2003). Literatur Altrichter, Herbert/Lobenwein, Waltraud/Welte, Heike (1997). PraktikerInnen als ForscherInnen. Forschung und Entwicklung durch Aktionsforschung. In: Barbara Friebertshäuser, Annedore Prengel: Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Weinheim / München: Juventa. Boehm, Gottfried (Hrsg.) (2008). Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens. Berlin: University Press. Busse, Klaus-Peter (2014). Kunst unterrichten. Die Vermittlung von Kunstgeschichte und künstlerischem Arbeiten. Oberhausen: Athena. Fiebertshäuser, Barbara (1997). Interviewtechniken – ein Überblick. In: Barbara Friebertshäuser, Annedore Prengel: Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Weinheim / München: Juventa. Geertz, Clifford (2003). Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Suhrkamp, Frankfurt: Suhrkamp. Lieber, Gabriele (Hrsg.) (2008). Lehren und Lernen mit Bildern. Hohengehren: Schneider Verlag. Mayring, Philipp (2002). Einführung in die qualitative Sozialforschung. Eine Anleitung zu qualitativem Denken. Weinheim/Basel: Beltz. Otto, Gunter & Maria (1987). Auslegen. Velber: Friedrich Verlag. LEA-NINA FISCHER 01 02 03 MA ART EDUCATION HKB BG-Zimmer Gymnasium Kirchenfeld Präsentation der Bilder an der Wandtafel Helvetiastrasse Bern 01 02 03 06 LEISTUNGSNACHWEIS FACHDIDAKTIK 1 MA ART EDUCATION HKB 07 Teilnehmende Beobachtung Situative Bedingungen Das Gymnasium Kirchenfeld verfügt über ein grosses BG-Zimmer mit geräumigen Arbeitsflächen und einem sogenannten „Atelier“ für die Lehrpersonen. Die Lehrperson unterrichtet eine sehr homogene Klasse, Prima Grundlagefach mit sieben Schülerinnen und sechs Schülern, die sehr konzentriert und aufmerksam arbeiten. Schülerin Leonie, welche ich während der Lektion beobachte und anschliessend ein Interview über ihren Umgang mit Bilder führe, sitzt am hinteren Tisch links im Klassenzimmer, arbeitet sehr selbständig und engagiert (siehe Abb. 01). An der Wandtafel hängt die ausgedruckte Präsentation von der vorhergehenden Lektion, ergänzt mit weiteren Beispielen für die individuelle Recherche der Schülerinnen und Schüler (siehe Abb. 02). Acht Gebäude von international bekannten Architekten, die in Bezug zur Aufgabenstellung stehen, sind hier in ausgedruckter Form präsentiert. Zudem stehen von der Lehrperson ausgewählte Bücher zur Verfügung, worin sich die Schülerinnen und Schüler in ihrem Arbeitsprozess orientieren und inspirieren lassen können. Einführung Die Klasse wurde von der Lehrperson mit einer mit Beamer projizierten Präsentation in der Lektion zuvor in das Thema eingeführt. Die Schülerinnen und Schüler sollten dabei verschiedene Möglichkeiten, wie moderne Architektur auf alte reagieren kann, kennenlernen. Unterschiedliche Bezüge wurden anhand konkreter Beispiele, wie zum Beispiel das Militärmuseum von Daniel Liebeskind oder das Voralberg Museum von Nachbaur, im Plenum untersucht. Formale, materielle und thematische Bezüge standen dabei im Fokus. Anschliessend an den Input besuchte die Klasse die Helvetiastrasse in Bern, wobei die Schülerinnen und Schüler vor Ort die Intentionen der Architekten an den Gebäuden interpretieren und Bezüge zur gebauten Umgebung erkennen konnten (siehe Abb. 03). Dadurch konnten sie sich eine eigene Meinung über miss- und gelungene Architektur bilden. Aufgabe Die Aufgabenstellung besteht darin, die Gebäude in der Helvetiastrasse in Bern, deren Gestaltung keinen grossen Bezug zu den alten Nachbargebäuden aufweist, umzugestalten. Die Schülerinnen und Schüler werden aufgefordert in Modellform Bauten zu entwickeln, die stärker mit den anliegenden Häuser korrespondieren. Am Schluss werden alle Bauten der Klasse zusammengefügt, um die neu gestaltete Helvetiastrasse zu visualisieren. In der Lektion, welche ich hospitierte, befanden sich die Schülerinnen und Schüler in der Phase I der Aufgabenstellung. Dabei mussten sie die Baufläche und das anliegende Nachbargebäude des ausgewählten Grundstücks vereinfacht nachbauen, um dann in einer weiteren Phase ein Modell ihres frei gestalteten Baus anzufügen. Die zentralen Kriterien der Aufgabenstellung sind Originalität, Nachvollziehbarkeit des Bezugs zum Nachbargebäude und die Entwicklung einer individuellen Formsprache. Lektionsverlauf Die Lehrperson führt die Klasse ein, indem sie auf das Bildmaterial an der Wandtafel aufmerksam macht und die Schülerinnen und Schüler daran erinnert, wo sie letzte Lektion standen und sie ermahnt, was das heutige Ziel der Lektion sei: Phase I der Aufgabenstellung zu beenden. Anschliessend zeigt die Lehrperson die verschiedenen Materialien, wie Karton und Alufolie, welche dabei verwendet werden können. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten individuell, die Lehrperson begleitet sie dabei und empfängt offene Fragen. Sie erklärt unter anderem auch, wie man beispielsweise ein Japanmesser korrekt verwendet, da sie das unsichere Verhalten einer Schülerin im Umgang mit dem Japanmesser beobachtet. Es ist eine ruhige Arbeitsatmosphäre, die Schülerinnen und Schüler haben jedoch grösstenteils zu wenig Zeit Phase I der Aufgabenstellung in dieser Lektion zu beenden. Die Lehrperson beschliesst die Lektion mit einem Ausblick für die nächste Lektion zu beenden und fordert die Klasse auf, die Arbeitsplätze und das Klassenzimmer aufzuräumen. LEA-NINA FISCHER 01 02 03 MA ART EDUCATION HKB Dancing House, Prag, 1996, Frank O. Gehry & Vlado Milunic Rathaus, Saint-Roch-de-l‘Achigan, Frankreich, 2012, Affleck de la Riva Architects Militärmuseum, Dresden 2011, Daniel Liebeskind Bilder Präsentationsform Das Bildmaterial befindet sich in der von mir hospitierten Lektion in ausgedruckter Form, an der Wandtafel aufgehängt. In der Lektion zuvor wurden die Bilder von der Lehrperson mit einem Beamer projiziert, um im Plenum die Kombination von historischer und moderner Architektur zu analysieren. Zeitgenössische Architekten wie Liebeskind, Gehry oder Nachbaur wurden von der Lehrperson vorgestellt. Der Fokus wurde vor allem auf die Struktur, den Aufbau, die Form und das Material der Architektur gelegt. Für die individuelle Recherche der Schülerinnen und Schüler hat die Lehrperson in der heutigen Lektion zusätzliche Bilder zu der Anordnung an der Wandtafel angefügt und Bücher aufgelegt. 01 02 03 08 LEISTUNGSNACHWEIS FACHDIDAKTIK 1 04 05 Voralberg Museum, 2013, Cukrowicz Nachbaur Militärmuseum, Dresden 2011, Daniel Liebeskind 04 05 MA ART EDUCATION HKB 09 LEA-NINA FISCHER 01 02 03 MA ART EDUCATION HKB 010 10 Arbeitsauftrag lesen Auswahl des Gebäudes Auswahl der Grundfläche Fotografische Dokumentation und Beschreibung des Arbeitsprozesses 08:00 Leonie liest die Aufgabenstellung, „Wenn ich ein Architekt wäre..“, aufmerksam durch und vertieft sich in die Arbeit. Sie hat keine weiteren Fragen. Sie beschäftigt sich heute weitgehend mit der Phase I des Auftrages, wobei sie das historische Gebäude ihrer Wahl, nach vorgegebenem Plan vereinfacht anfertigt. 01 08:04 08:10 Leonie wählt das historische Gebäude aus der Helvetiastrasse in Bern aus und liest die Informationen dazu selbstständig durch. 02 Leonie hat sich somit auch für ein spezifisches Grundstück aus der Helvetiastrasse entschieden. 03 LEISTUNGSNACHWEIS FACHDIDAKTIK 1 04 05 06 MA ART EDUCATION HKB 011 Übertragen der Masse, Schülerin Leonie Aufkleben und Zuschneiden der Fassade, Schülerin Leonie Zuschneiden beendet 08:15 Leonie überträgt die vorgegebenen Masse mit einem Lineal und einem Geodreieck mit Bleistift auf den Karton, welcher die Lehrperson bereit gelegt hat. 04 08:35 08:45 Leoine klebt die Kopie, welche sie mit den Informationen zum Gebäude und dem Grundstück erhalten hat, auf den Karton, um diesen anschliessend mit dem Japanmesser zuzuschneiden. 05 Leonie hat die Fassade angefertigt. 06 LEA-NINA FISCHER 07 08 09 MA ART EDUCATION HKB 012 12 Zuschneiden der weiteren Elemente, Schülerin Leonie Zusammenkleben der Elemente, Schülerin Leonie 3D-Modell im Prozess, Schülerin Leonie 08:50 Leonie überträgt die Masse der weiteren Fassaden. Es entstehen keine weiteren Fragen. Leonie führt Phase I der Aufgabenstellung nach Anleitung aus. 07 09:15 09:25 Leonie klebt die einzelnen Fassadenelemente aneinander. 08 Leonie fügt die beiden Enden der zweidimensionalen Fläche zusammen. Somit entsteht ein dreidimensionales Objekt, welches nun schon eher einem Modell ähnlich sieht. 09 LEISTUNGSNACHWEIS FACHDIDAKTIK 1 10 11 12 13 MA ART EDUCATION HKB 013 3D-Modell im Prozess, Schülerin Leoine mit Mitschülerin 3D-Modell Weiterarbeiten am Auftrag, Schülerin Leonie 09:26 Leonie erhält Unterstützung von einer Mitschülerin, um das Modell zusammen zu kleben. 10 09:30 09:32 Leonie setzt anschliessend das dreidimensionale Modell auf den Plan des Grundstücks. Phase I der Aufgabenstellung ist somit beendet. 11 Leonie entfernt das dreidimensionale Modell wiederum vom Plan des Grundstücks und verstaut es zur Aufbewahrung auf einem Regal. Anschliessend macht sie sich erste Gedanken zur Phase II der Aufgabenstellung, wobei es um die Gestaltung des anliegenden Gebäudes geht. 12 LEA-NINA FISCHER 014 MA ART EDUCATION HKB Interview mit der Lehrperson Transkript 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31. 32. 33. 34. 35. 36. 37. 38. 39. 40. 41. 42. 43. 44. 45. 46. 47. 48. 49. 50. I (Interviewerin): Was hast du mit deinem Input beabsichtigt? LP (Lehrperson): Ähm (--), ich wollte die Klasse mit verschiedenen Beispielen in das Thema einführen. Also unterschiedliche Möglichkeiten aufzeigen, wie moderne Architektur auf historische Gebäude eingehen kann. Ähm (--) und damit wollte ich auch den Blick der SuS schärfen, weil wir danach noch die alten und neuen Gebäude in der Helvetiastrasse vor Ort anschauen gingen. I: Hm (--). Und nach welchen Kriterien hast du denn die Bilder ausgewählt? LP: Ähm(--). Also hier spielt sicher auch mein Geschmack eine wichtige Rolle, aber vor allem wollte ich, dass möglichst viele unterschiedliche Beispiele von eben alter und neu kombinierter Architektur, (--) ähm, gezeigt werden. So dass auch eine möglichst grosse Bandbreite an Aspekten, wie dass moderne Architektur auf historische Bauten Bezug nehmen kann, gezeigt wird. I: Und ähm (-) von wo nimmst du denn das Bildmaterial? LP: Also meistens gehe ich so vor, dass ich in verschiedenen Büchern nach interessantem Material suche und dann eigentlich anhand von dem, im Internet weiter recherchiere, (--) ähm, aber die meisten Bilder lade ich dann eigentlich vom Internet herunter. I: Hm (-). In welcher Form hast du die Bilder präsentiert? LP: Ich habe sie zuerst projiziert und so konnten wir uns im Plenum mit den einzelnen Architekturwerken auseinandersetzten. Also, (--) ich habe da auch Fragen gestellt und sie konnten sich hier die Bilder wirklich anschauen und sich auch Zeit nehmen, um eben diese Bezüge zu finden von Alt- und Neubauten. Und dann, für die folgenden Doppellektionen, wo sie an ihren Arbeiten gearbeitet haben, habe ich die Bilder von der Präsentation ausgedruckt und habe diese auch noch ergänzt und durch andere Beispiele aus Bücher oder auch aus dem Internet. Und die habe ich dann an der Wandtafel aufgehängt. Zusätzlich auch noch Bücher, wo sie selbst Recherche betätigen konnten, somit waren die Bilder sozusagen auch für die Recherche vorgegeben. Also ich habe die Bilder ausgewählt, habe aber die Bücher, aus denen ich die Bilder hatte, noch zusätzlich aufgelegt, dass sie selber auch noch ein bisschen schauen und recherchieren konnten. (--) Aber es wurde eigentlich kaum genutzt. I: Ok. Und was erhoffst du dir für eine Wirkung der Bilder, bei den SuS? LP: Also sicher mal, dass (---) es ihr Interesse am Thema weckt. Und dass ihr Blick auch geschärft wird. Ähm (--) und auch, dass sie durch die verschiedenen aufgezeigten Bezüge von Alt- und Neubauten, (--) ähm also von modernen Bauten, die Bezug auf alte nehmen. (---) Dass sie eben selber auch kreativ werden und das dann ihren Aufgaben umsetzten und eigene Lösungen finden, wie sie dann eben in ihrem Neubau Bezüge zum Altbau herstellen können. I: Und ähm (---) du würdest jetzt nicht sagen, dass es zu Nach-Ahmung kam? (--) Also, dass die Bilder eigentlich die SuS so beeinflussten, dass sie diese Gebäude, diese Architektur, sozusagen kopieren wollten. LP: Ähm (lacht), das war sicher nicht wirklich möglich, aber ich weiss, dass einige sicher Beispiele, die gezeigt wurden, als Vorbilder genommen haben und dann einfach eines ausgewählt haben, dass ihnen besonders gefiel und dann etwas in dieser Art machen wollten. Aber so ganz kopieren konnten sie es nicht. Sie haben dann eigentlich wie die Idee genommen und sie dann erweitert und auf ihre Art und Weise umgesetzt, (--) würde ich sagen. I: Ja, die Mehrheit? (--) Oder gab es auch andere, wo sich jemand die Idee einfach geschnappt hat? Inhaltsanalyse Die Lehrperson hat die Intention die Schülerinnen und Schüler (SuS) mit der Bilderauswahl in das Thema einzuführen, um dadurch eine Bandbreite an Möglichkeiten aufzuzeigen, wie moderne Architektur auf historische Gebäude Bezug nehmen kann. Auswahlkriterien der Bilder: - Geschmack - Bandbreite an Beispielen - verschiedene Aspekte sollen aufgezeigt werden, wie moderne Architektur Bezug auf histroische Gebäude nehmen kann Bildquellen: - hauptsächlich Bücher - anschliessend für digitale Zwecke im Internet Methode (Präsentationsform) - Projizierung der Bilder für Besprechung im Plenum. - Ausgedruckte Version an der Wandtafel (mit zusätzlichen Beispielen) für eigenständige Recherche der SuS. Reflexion/Unterrichtsbeobachtung: Obwohl Bilder für die eigenständigen Recherche aufgelegt wurden, wurde dieses Angebot von den SuS kaum genutzt. Funktion der Bilder: Die Lehrperson erhofft sich bei der Auswahl der Bilder, dass Interesse am Thema geweckt wird, verschiedene Bezüge aufgezeigt werden können und dass die SuS dadurch kreativ werden (Verstärkung dieser Aussage durch Repetition) Reflexion/Einschätzung Gefallen an Bilder bewegt die SuS dazu, eine Idee zu übernehmen und diese dann zu erweitern. LEISTUNGSNACHWEIS FACHDIDAKTIK 1 51. 52. 53. 54. 55. 56. 57. 58. 59. 60. 61. 62. 63. 64. 65. 66. 67. 68. 69. 70. 71. 72. 73. 74. 75. 76. 77. 78. 79. 80. 81. 82. 83. 84. 85. 86. 87. 88. MA ART EDUCATION HKB LP: Nein (lacht), das gab es eigentlich nicht. Es gab schon so Formen, die übernommen wurden, aber ich glaube schon, dass jeder dann noch seinen eigenen Stil, seine eigene Idee, reingebracht hat. I: Hast du, also (---), oder wie ist dein Empfinden, wie die Bilder von der Klasse aufgenommen, also hmm (-) verarbeitet wurden? (---) Jetzt diesbezüglich? LP: Also, (--) ich habe den Eindruck, dass die Bilder bei der Klasse sehr gut angekommen sind und vorwiegend auch auf Interesse gestossen sind. Bei den einen mehr, bei den anderen weniger, klar. Aber ähm (---), und wie eben schon gesagt: Ich glaube es hat sie schon auch inspiriert, selber Lösungen zu finden, jetzt an ihrem konkreten Projekt. Wie sie Bezug nehmen können zum alten Gebäude. Ich glaube, ich habe nicht das Gefühl, dass jemand etwas kopiert hat, sondern einfach, dass er ein Vorbild hatte, weil das ihm speziell gefiel oder es speziell gut fand. Und dann eigentlich versuchte, auf diese Art etwas zu machen, aber halt eben noch etwas Selbstständiges daraus gemacht hat. I: Du warst ja noch mit der Klasse auf einem Spaziergang in der Helvetiastrasse in Bern. Was war die Idee dahinter? LP: Die Aufgabe, die ich dann auch gestellt habe, hat ja ganz konkret eigentlich mit der Helvetiastrasse zu tun. Eigentlich mit der Umgestaltung der Helvetiastrasse und ich denke, das ist immer gut, wenn man das schon kann, wenn man es vor Ort anschauen geht. (--) Und so waren wir eben in der Helvetiastrasse und haben da die Situation gemeinsam betrachtet, wie dort die neuen Gebäude mit den Alten harmonieren und so konnten sie sich selber auch ein Bild machen davon, dass es da nicht so gelungen ist. Und ich glaube auch, dass es dadurch für sie auch Sinn gemacht hat, diese Aufgabe. Sie sagen sich: In der Helvetiastrasse ist es nicht gelungen, neue und alte Architektur zu kombinieren, mehrheitlich, und dadurch auch motiviert wurden selber das umzugestalten. I: Ja. Jetzt äh (--) im Nachhinein: Bist du mit der Auswahl und mit der Menge der Bilder zufrieden? (--) Oder würdest du das nun für ein nächstes Mal anders gestalten? LP: Hmmm (---). Ich glaube die Bilderauswahl war sehr, also war gelungen, weil es verschiedenartige Style aufgezeigt hat von verschiedenen modernen, also zeitgenössischen Architekten und so es auch für jeden etwas dabei hatte. Also, für jeden Geschmack etwas dabei war. Also zu viele waren es nicht. Es waren sieben oder acht verschiedene Bauten. Und ich finde es auch nicht gut, wenn es zu viele Bilder sind. Dann sind sie, glaube ich, überfordert. Von dem her würde ich es, glaube ich, genauso machen. I: Ok. Vielen Dank für das ausführliche Interview (lacht). LP:Bitte. 015 Annahme von der Lehrperson: Die SuS haben gewisse Formen von gezeigten Beispielen übernommen, jedoch hat jede/r SuS seinen eigenen Stil integriert. Sie haben eigene Lösungswege gesucht und die Beisopiele mit ihren Vorstellungen assimiliert. Die Lehrperson hat den Eindruck, dass die SuS die Bilder zwar als Vorlage gebraucht, sie jedoch nicht kopiert haben. Durch den Gefallen an einem Bild, haben sie Inspiration gefunden, um eine selbständige Idee zu entwickeln. Bei dem Besuch der Helvetiastrasse beabsichtigt die Lehrperson, dass sich die SuS selbst ein Bild machen können, von dem, was an diesem Fallbeispiel bei der Kombination von moderner und alter Architektur gelungen ist und was nicht. Die Meinung von der Lehrperson, dass es hier nicht gelungen ist, wird vermittelt. Grundsatz/Haltung: Es ist immer gut, wenn man sich etwas vor Ort anschauen kann (Bezug zur realen städtebaulichen Situation). Methode für Motivation: Das Beispiel (Helvetiastrasse) ist nicht gelungen. Die SuS entwickeln eine kritische Sicht Motivation bei den SuS, es besser zu machen. Die Lehrperson nimmt an, dass die Bilder gut angekommen sind bei den SuS. Interesse wurde geweckt, es wurde selbständig damit gearbeitet. Es gab für jeden Geschmack etwas in der Bilderauswahl (Wertevermittlung). Grundsatz/Haltung: Die Lehrperson findet es nicht gut, zu viele Bilder zu zeigen,sonst seien die SuS überfordert. LEA-NINA FISCHER 016 MA ART EDUCATION HKB Interview mit einer Schülerin Transkript 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31. 32. 33. 34. 35. 36. 37. 38. 39. 40. 41. 42. 43. 44. 45. 46. 47. 48. 49. 50. I (Interviewerin): Welche Rolle spielt für dich die Auseinandersetzung mit Bilder im Arbeitsprozess? Wie starkt lässt du dich von Bilder beeinflussen? L (Leonie): Also es kommt etwas drauf an, was (---), also was die Aufgabe ist. Bei dem Haus, das wir jetzt anschauen, da habe ich mich einfach von dem Modell beeinflussen lassen, nicht von anderen Bildern. I: Also vom Modell von der Vorlage? L: Ja von der Vorlage. (---) Und wenn ich sonst arbeite, suche ich mir nicht oft Bilder. Ich suche mir meistens Zitate, die was mit dem Thema zu tun haben und versuche die dann umzusetzen. I: Ja (---). L: Und wenn es mir dann hilft, suche ich nach Bildern als Vorlage zum Thema aus dem Internet. I: Du gehst also mit Text vor. Du gibst im Internet ein Wort ein oder ein Zitat. Was für ein Zitat zum Beispiel? L: Zum Beispiel, (--) wir haben, wir machen jetzt Übungen für die Maturaprüfungen. Da haben wir jetzt das Thema Geheimnisse. Und da habe ich mir ein Zitat gesucht zu Geheimnissen und dann habe ich einfach auch mal gegooglet. Und da habe ich ein Zitat genommen, das mir gefällt und das ist von Georges Orwall. I: Ja (--). L: Ich weiss es gerade nicht auswendig, aber ja. I: Ja ja(---). Und nun zum Unterricht von Andrea. Wie fandest du die Auswahl der Bilder? Waren es genug, waren es zu viele, zu wenige? L: Ich fand es genug. Also ich fand halt das Thema sowieso sehr interessant und deshalb fand ich es auch interessant diese verschiedenen Bilder zu sehen und die verschiedenen Umsetzungsmöglichkeiten. I: Ja (-). Und also, es wurde bei dir auch Interesse geweckt durch die Bilder? L:Ja. I: Ja und ääähm (---), ihr habt ja die moderne Architektur in Bezug zu der historischen Architektur thematisiert. Ähhm(--), kannst du erläutern wodurch? Also, wie habt ihr das in Bezug gesetzt? L: Wir haben einfach, (--) äähm geschaut, also welche Zusammenhänge, welche formalen Zusammenhängen sie haben. Zum Beispiel bei diesem Haus (und zeigt auf ein Bild). Das ist ja ein Militärmuseum und das hat ja etwas extrem Destruktives der Neubau, den sie hingesetzt haben und auch (---). I: Also wie er das Gebäude sozusagen zerschneidet. L: Ja, also es sieht ja so aus, als wäre es aus dem All heruntergefallen. I: Ja, stimmt ja. L: Oder auch hier, auch hier ist es ja fast im goldenen Schnitt, das Verhältnis der beiden Gebäude und auch mit den Fenstern und der Farbe. Also wir haben so die Bezüge angeschaut. Oder mit der Höhe, oder jetzt hier zum Beispiel oder auch im Quartier. Ob die Höhe eingehalten wurde oder obs kleiner ist. Oder auch ob die Stockwerke auf den gleichen Höhen sind. I: Ja (--). Also vor allem formale Aspekte in dem Sinn. Also, die Bilder, haben sie dich motiviert für die Arbeit? Haben sie dich beeinflusst? L: Ja, also diese Bilder schon ja. Das im Quartier nicht unbedingt. Ich sehe das jeden Tag. Aber die Bilder hier schon, mit den Beispielen der bekannten Architekten. Ja, auch was für Möglichkeiten der Architektur bestehen. I: Ja (---). Also du hast das jetzt schon gesagt: Dich haben spezifische Bil- Inhaltsanalyse Reflexion persönlicher Arbeitsweise/Methoden: Bei der Recherche sucht Leonie zuerst durch Sprache (wie z.B. ein Zitat) nach Material. Der Sprachgebrauch fördert somit ihre Inspiration und das Generieren von inneren Bildern. Konkretisierung der Recherche-Form: Leonie reflektiert wie sie bei einem Auftrag mit dem Thema „Geheimnisse“ nach einem Zitat gesucht hat. Meinung/Haltung Leonie fand das Thema sowieso sehr interessant. Sie fand es auch interessant verschiedene Bilder mit verschiedenen Umsetzungsmöglichkeiten zu sehen. Die Menge der Bilder fand sie angemessen. 1. Interesse 2. Umsetzungsmöglichkeiten Reflexion Unterricht Leonie erinnert sich wie sie anhand der Beispiele, die formalen Zusammenhäge von historischer und moderner Architektur angeschaut haben. (siehe Abb. 03/04: Militärmuseum von Liebeskind) Erkenntnisse/Wissensaneignung: Reflexion im Plenum über formale Zusammenhänge, goldener Schnitt, Höhe, Verhältnisse, Stockwerke. Bringt unterschiedliche, anhand des Bildmaterials besprochene Faktoren ins Spiel und verweist darauf, wie vielfältig die in von der LP angesprochenen Bezüge waren. Die Bilder haben Leonie motiviert für die Arbeit, die Besichtigung der Helvetiastrasse LEISTUNGSNACHWEIS FACHDIDAKTIK 1 51. 52. 53. 54. 55. 56. 57. 58. 59. 60. 61. 62. 63. 64. 65. 66. 67. 68. 69. 70. 71. 72. 73. 74. 75. 76. 77. 78. 79. 80. 81. 82. 83. 84. 85. 86. 87. 88. 89. 90. 91. 92. 93. 94. 95. 96. 97. 98. 99. 100. MA ART EDUCATION HKB der besonders angesprochen. Also eben, das Militärmuseum oder das Voralberg Museum. L: Genau ja. I: Gibt es nun Elemente deiner jetzigen Arbeit, vielleicht kannst du das schon sagen, weil du dich nun mit der Umsetzung auseinandersetzt. Gibt es Elemente, die du übernehmen möchtest, welche dir hier als Vorlage dienen? L: Ähm, von Bildern jetzt hier? I:Ja. L: Nein, also nein, eigentlich nicht. Ich habe mich nur auf die Gebäude konzentriert der Aufgabe. Hier nicht unbedingt. I: Ok. Also du wirst frei etwas entwickeln, das nicht in Bezug steht zu den Bildern hier? L:Ne. I: Bist du froh auch Vorbilder zu haben, die deinen Prozess beeinflussen oder denkst du das benötigst du nicht unbedingt? L: Ich finds angenehm, dass wir Vorbilder haben, dass wir sehen können, was für Möglichkeiten wir überhaupt haben, ähm, ja aber ich denke, ich hätte es nicht unbedingt gebraucht. Ich fand es einfach auch sonst interessant. I: Kommt es denn auch vor, dass dich Bilder einschränken, im Sinne von, dass sie zu stark als Vorbild deiner kreativen Arbeiten stehen, und als einzig „richtig“ stehen? L: Ja, das gibts manchmal. Wenn ich zum Beispiel was suche und dann sehe ich ein Bild, das mir sehr gut gefällt, dann denke ich: Ich will etwas zum selben Thema machen. Und dann weiss ich einfach, ich werde sowieso nicht zufrieden sein, weil das Vorbild sowieso viel besser ist. I: Ja, ja. L: Ich will es ja auch nicht kopieren und ich könnte das Thema nicht besser umsetzten, als das Bild schon da ist. I: Aber das ist jetzt hier nicht der Fall? L:Nein. I: Ok. Das haben wir schon angesprochen: Ihr wart in der Helvetiastrasse und habt die Häuser vor Ort angeschaut. Fandest du das hilfreich für die Arbeit oder hättest du es nicht gebraucht als Inspiration für die Arbeit? L: Ne, nicht wirklich. Also, es hätte viel kürzer sein können. I: Ok. Ja. L: Es war zu lang, fand ich. I:Ok. L: Es war gut, dass wir es kurz angeschaut haben, sie hätte uns auch alleine losschicken können und ja: Schaut euch das mal an. Weil die Erläuterungen haben, also, das hätte man ja auch kurz schriftlich oder in Gruppen machen können. I: Ja, ok. Und ihr kennt es ja, weil die meisten hier wohnen. L: Es ist mein Schulweg. I: Könntest du dir auch einen BG-Unterricht vorstellen ohne jegliche Bilder? Oder Inspirations Quellen? L: Das ist schwierig vorzustellen. Weil, egal, wenn wir was machen, wir schauen immer zuerst ein Beispiel an oder so. Ob es formal ist, oder thematisch. Das ist schwierig, einfach ein Auftrag zu kriegen, (---) also ich kann es mir schon vorstellen, aber ich denke es wir dann viel anspruchsvoller. I: Hm (---). Ja, ja. Wünschst du dir vielleicht manchmal sogar mehr 017 wäre jedoch nicht nötig gewesen, da sie es täglich sieht (Schulweg). Leonie möchte die Bilder nicht als Vorlage benützen. Die Aussage „Hier nicht unbedingt“ spricht dafür, dass dies ansonsten schon auch vorkommen kann. Leonie möchte frei etwas enwtickeln und empfindet es als angenehm, Inspiration durch die Vorbilder zu erhalten, hätte sie jedoch nicht unbedingt gebraucht für diese Aufgabe. Die ästhetische Qualität eines Bildes löst Nachahmungsinteresse aus. Wenn Leonie recherchiert und dann ein Bild findet zum Thema, das ihr sehr gefällt, dann löst dies bei ihr ein Motivationsdefizit aus: Besser kann ich es sowieso nicht und kopieren will ich es auch nicht (Selbsteinschätzung). Bei der jetzigen Aufgabe von der Lehrperson ist dies nicht der Fall. Reflexion Unterricht: Leonie kritisiert die Methode der Lehrperson und macht einen Vorschlag. Sie hätte uns alleine in die Helvetiastrasse losschicken können und die Erläuterungen schriftlich dazu aushändigen. So war es zu zeitaufwänding und nicht sehr interessant, meint Leonie. Es ist schwierig für Leonie sich den Unterricht ohne Bildmaterial vorzustellen, weil LEA-NINA FISCHER Transkript 101. 102. 103. 104. 105. 106. 107. 108. 109. 110. 111. 112. 113. 114. 115. 018 MA ART EDUCATION HKB Material? Nutzt du kunsthistorische Quellen, wie Bücher und Internet? Schaust du selbst noch nach Bildern, recherchierst du? Oder reicht dir das, was du erhältst? L: Es ist unterschiedlich. Also manchmal habe ich einfach schon am Anfang, wenn ich das Thema höre, die zündende Idee und wenn es dann aber mal nicht so ist, dann habe ich extrem lange, um einen Prozess zu finden. Und dann suche ich meistens schon im Internet. I: Hauptsächlich Internet? L: Manchmal youtube oder so. Ja, wenn ich so eine Idee habe und dann schaue ich, ob es irgendeine Dokumentation über den Künstler gibt oder so. I:Ja. L: Und dann schaue ich mir das ein bisschen an. Aber so in Büchern eher selten. I: Ok. Ja, das ist es eigentlich auch schon. Vielen Dank für deine wertvollen Aussagen. Inhaltsanalyse Reflexion persönlicher Arbeitsweise/ Methoden: Recherche auf Eigeninitiative macht Leonie hauptsächlich im Internet (youtoube). LEA-NINA FISCHER 01 02 MA ART EDUCATION HKB 020 Militärmuseum, Dresden 2011, Daniel Liebeskind Militärmuseum, Dresden 2011, Daniel Liebeskind Dichte Beschreibung Eine Fallstudie 01 Durch Bilder kreativ werden Das Bildmaterial in Bezug zur Aufgabenstellung „Wenn ich ein Architekt wäre..“, möchte die Lehrperson so im Unterricht verwenden, dass die Schülerinnen und Schüler selbständig Bezüge zu ihrem Arbeitsprozess herstellen können und dadurch Inspiration erhalten, um kreativ zu arbeiten. L: [...] sieht ja so aus, als wäre es aus dem All heruntergefallen. (S. 16, Z. 38) Schülerin Leonie macht beispielsweise bei dem Gebäude von Daniel Liebeskind, dem Militärmuseum, direkt eine bildliche Assoziation und generiert dadurch ein inneres Bild (siehe Abb. 01/02). Es sähe aus, als sei der neu integrierte architektonische Teil aus dem All gefallen. Sie habe so oder so sehr grosses Interesse an dem Thema, was der Absicht der Lehrperson, mit der Präsentation der Bilder, das Interesse der Schülerinnen und Schüler zu wecken, zuvorkommt. Die formalen Bezüge und die unterschiedlichen Möglichkeiten, moderne Architektur in historische Gebäude zu integrieren, hat Leonie durch die Reflexion der Bilder im Plenum erkannt und für ihre persönliche Auseinandersetzung mit den Gebäuden in der Helvetiastrasse verknüpft. L: [...] Oder auch hier, auch hier ist es ja fast im goldenen Schnitt, das Verhältnis der beiden Gebäude und auch mit den Fenstern und der Farbe[...]. (S.16, Z. 40-41) 02 Die Bilder sollen, so meint die Lehrperson, ihren Blick schärfen, um anschliessend bei ihren Arbeiten für die Bezüge von Neubau zum Altbau, eigene Lösungen zu finden. Die Lehrperson besuchte mit der Klasse unter anderem auch die Helvetiastrasse in Bern, um die Schülerinnnen und Schüler für die Aufgabenstellung zu motivieren (siehe Abb. 03/06). LP: [...] so konnten sie sich selber auch ein Bild machen davon, dass es da nicht so gelungen ist. [...] Sie sagen sich: In der Helvetiastrasse ist es nicht gelungen, neue und alte Architektur zu kombinieren, [...], und dadurch auch motiviert wurden, selber das umzugestalten. (S. 15, Z. 72, 74-76) Sie gibt als Lehrperson somit auch ihre Meinung, beziehungsweise ihre Wertung preis, was sie als „nicht gelungen„ vermitteln möchte und äussert darauf ein Statement ihrer methodischen Haltung. LP: [...] das ist immer gut, wenn man das schon kann, wenn man es sich vor Ort anschauen geht. (S. 15, Z. 6970) Leonie hingegen lässt der Besuch in der Helvetiastrasse ziemlich kalt. Es habe sie kaum inspiriert, beziehungsweise zum Denken angeregt, da sie die Helvetiastrasse von ihrem täglichen Schulweg kenne und es sei somit eine ziemliche LEISTUNGSNACHWEIS FACHDIDAKTIK 1 03 04 MA ART EDUCATION HKB 021 Helvetiastrasse Bern Präsentation der Bilder an der Wandtafel 03 Zeitverschwendung gewesen. Sie macht darauf jedoch noch einen methodischen Vorschlag, man hätte die Erläuterungen als Lehrperson schriftlich aushändigen und alle Schülerinnen und Schüler individuell losschicken können. Leonie macht sich Gedanken zu einem möglichst speditiven Unterricht. Die Intention der Lehrperson, die Schülerinnen und Schüler durch den Besuch der Helvetiastrasse für die Aufgabenstellung zu motivieren, hat aber sicherlich auch bei Leonie Anklang gefunden. Sie macht nämlich die Aussage, dass wenn sie bei einer Aufgabenstellung bereits ein Vorbild sähe, welches ihr sehr gut gefalle, sie keine Motivation mehr aufbringen könne. L: [...], weil das Vorbild sowieso viel besser ist. [...] Ich will es ja auch nicht kopieren und ich könnte das Thema nicht besser umsetzen, als das Bild schon da ist. (S. 17, Z. 75/77-78) Hinsichtlich der Aufgabenstellung „Wenn ich ein Architekt wäre..“, wäre die Architektur in der Helvetiastrasse nach der Lehrperson ein „nicht gelungenes“ Vorbild und würde demzufolge - man nehme an Leonies Meinung stimme mit der der Lehrperson überein - eine Motivationsverstärkung bedeuten. 04 Sprache erzeugt innere Bilder Wie man der Aussage von Leonie zuvor entnehmen kann, ist es nicht in Leonies Interesse, ein Vorbild zu kopiern, beziehungsweise nachzuahmen. Vielmehr stellt sie sich der Herausforderung, selber innere Bilder zu generieren. Leonie äussert ihre persönliche Methode, wie sie bei der Recherche vorgeht. L: [...], suche nicht oft Bilder. Ich suche meistens Zitate, die was mit dem Thema zu tun haben und versuche die dann umzusetzten. (S. 16, Z. 7-9) Folglich ist es bei Leonie nicht in erster Linie ein Bild, welches sie für ihre persönliche künstlerische Arbeit inspiriert, sondern sie sucht nach Inspiration durch Sprache. Daraus lässt sich schliessen, dass Leonie infolgedessen dem Risiko entgehen kann, auf ein Bild zu stossen, welches ihr sehr gefällt, und sie dadurch hindern könnte, selber ein Bild zu entwickeln. Falls auch durch den Zugang mit Sprache, ihre Arbeit nicht ins Rollen kommt, sucht sich Leonie Bildoder Videomaterial aus dem Internet, welches sie inspirieren könnte. Das Angebot für die individuelle Recherche, welches von der Lehrperson zur Verfügung gestellt wurde - das heisst, die bereit gelegten Bücher, sowie die ausgedruckte Version der Bildpräsentation, aufgehängt an der Wandtafel - wurde jedoch von den Schülerinnen und Schüler im Allgemeinen kaum genutzt (siehe Abb. 04). LEA-NINA FISCHER 05 06 MA ART EDUCATION HKB 022 Übertragen der Masse, Schülerin Leonie Helvetiastrasse Bern 05 06 LP: [...] ich habe die Bilder ausgwählt, habe aber die Bücher, aus denen ich Bilder hatte, noch zusätzlich aufgelegt, dass sie selber auch noch ein bisschen schauen und recherchieren konnten. (--) Aber es wurde eigentlich kaum genutzt. (S. 14, Z. 29-32) Auch wenn Leonie aussagt, sie fände die Bilder zwar interessant, sie hätte sie jedoch nicht gebraucht für die Ausführung des Auftrags, ist es für sie „angenehm“, Vorbilder zu sehen, um die verschiedenen Möglichkeiten erfassen zu können. Dies auch aus Gewohnheit, bei einer Aufgabenstellung im Unterricht jeweils Vergleichsbeispiele zu erhalten. Der Lehrperson ist es wichtig, dass sie eine möglichst grosse Bandbreite an verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten von moderner und historischer Architektur aufgezeigen kann. Anhand der Bilder sollen Elemente wie beispielsweise die Struktur, die Form, das Material oder auch der Aufbau der Architektur analysiert werden können. Auch dass es innerhalb der Bilderauswahl, für „jeden Geschmack“ etwas dabei hat, scheint die Lehrperson zu berücksichtigen. Dadurch wird ihre Wertevermittlung, dass Geschmack im Umgang mit Bilder eine tragende Rolle spielt, transparent. Trotzdem kann sie mit Sicherheit sagen, dass die Schülerinnen und Schüler nicht versucht haben, die Vorbilder zu kopieren. Und dies obwohl der Gefallen für die Bilder, wie bei Leonie festgestellt werden konnte, einerseits Interesse wecken, aber auch eine Behinderung für den Kreativitätsfluss bedeuten kann. L: [...] weil, egal, wenn wir was machen, wir schauen immer zuerst ein Beispiel an oder so. Ob es formal ist, oder thematisch. (S. 17, Z. 96-97) LP: [...] ich habe nicht das Gefühl, dass jemand etwas kopiert hat, sondern einfach, dass er ein Vorbild hatte, weil das ihm speziell gefiel oder es speziell gut fand. [...] Sie haben dann wie die Idee genommen und sie dann erweitert und auf ihre Art und Weise umgesetzt [...]. (S. 14, Z. 44-48) Die Lehrperson hat durch ihre Bilderauswahl Pro-Beispiele und durch den Besuch in der Helvetiastrasse Contra-Beispiele aufzeigen können, was den Schülerinnen und Schülern gewisse Anhaltspunkte bezüglich der Erwartungen der Lehrperson verdeutlichte. LEISTUNGSNACHWEIS FACHDIDAKTIK 1 07 08 MA ART EDUCATION HKB 3D-Modell Rathaus, Saint-Roch-de-l‘Achigan, Frankreich, 2012, Affleck de la Riva Architects 07 Vor der kreativen Phase Bei der Umsetzung der Phase I innerhalb der Aufgabenstellung „Wenn ich ein Architekt wäre..“ (siehe Kapitel: Fotografische Dokumentation und Beschreibung des Arbeitsprozesses), kann man der ununterbrochenen Arbeitshaltung von Leonie entnehmen, dass es eher ein Ausführen nach Rezept ist, als eine kreative Herausforderung. Leonie hat sich zwar für ein individuelles Grundstück in der Helvetiastrasse entscheiden können, baut jedoch in der Phase I den historischen Teil des Gebäudes nach Plan. Folglich startet Leonie mit der kreativen Arbeit, sobald Phase I der Aufgabenstellung beendet ist (siehe Abb. 07). Durch das Interview mit Leonie, im Vergleich zu den Aussagen der Lehrperson, wird Leonie im Arbeitsprozess bestimmt auf eine lehreiche Art und Weise künstlerisch herausgefordert werden. Durch ihre persönlichen Recherchen, sei es in Sprach- oder Bildform, wird sie - ob die zündende Idee von Anfang an gegeben ist oder auch nicht - sicherlich einen Zugang zur Aufgabenstellung finden. L: Also manchmal habe ich einfach schon am Anfang, wenn ich das Thema höre, die zündende Idee und wenn es dann aber mal nicht so ist, dann habe ich extrem lange, um einen Prozess zu finden. (S. 18, Z. 104-107) 08 023 LEISTUNGSNACHWEIS FACHDIDAKTIK 1 01 02 03 MA ART EDUCATION HKB 3D-Modell historisches und neues Gebäude, Schülerin Leonie 3D-Modell neues Gebäude, Schülerin Leonie Bauhaus Dessau Kommunikative Validierung Leonie habe eine sehr selbständige Haltung während des Arbeitprozesses eingenommen und sich in die Thematik vertieft. Sie sei eine handwerklich talentierte Schülerin und habe somit das Modell ihres Baus sehr präzis hergestellt. Betrachtet man Leonies Endresultat, nimmt man an, dass sie sich von der minimalistischen Bauweise des Bauhaus Stils inspirieren liess (siehe Abb. 01 im Vergleich mit Abb. 03). Enstanden ist ein Flachdachgebäude mit einer strukturierten Fenster-, Balkonanordnung und einem charakteristischen kubusförmigem Überbau auf dem Dach. Die Lehrperson meinte, Leonie habe sich von Anfang an für die sehr minimalistische und funktionale Architektur begeistert. Anfänglich der Unterrichtseinheit hat die Lehrperson das Bauhaus Dessau erwähnt, worauf Leonie berichtete, dass sie dieses Gebäude schon einmal besucht habe. Die Proportionen, die Fensteranordnung, die Struktur, sowie die Stockwerkgrössen hat Leonie offensichtlich vom historischen Gebäude in der Helvetiastrasse übernommen. Man kann daraus schliessen, dass Leonie durch die Besprechung der Bilder im Plenum diese Bezüge für eine gelungene Kombination von historischer und moderner Architektur erkannt und für ihre eigenständige Umsetzung angewandt hat. Leonie habe zwar ihr vereinfachtes Modell der Phase I in angemessener Zeit umgesetzt, grösstenteils haben die Schülerinnen und Schüler jedoch zu viel Zeit dafür aufgewendet, wodurch dann die kreative Umsetzung des Neubaus darunter litt. Die Lehrperson würde bei einem nächsten Mal anfänglich der Aufgabenstellung ein Modell präsentieren, wobei für die Schülerinnen und Schüler ersichtlich wäre, was unter „vereinfachtem Nachbauen“ gemeint ist und wie man beispielsweise einfache Verbindungen von Elementen aus Karton schaffen kann. Der Dokumentation von Leonies Arbeit kann man entnehmen, dass sie keine weitere Recherche getätigt hat, sondern sich durch den Input der Lehrperson genug inspiriert fühlte. Dies war bei der gesamten Klasse grösstenteils der Fall. Die Lehrperson ist, im Abgleich mit den Resultaten der Schülerinnen und Schüler, mit der Bildauswahl und dem Besuch der Helvetiastrasse als Input weitgehend zufrieden und hat den Arbeitsprozess der Schülerinnen und Schüler, unter anderem von Leonie, als spannende Auseinandersetzung erlebt. 01 02 03 025 Dank An die Lehrperson, die Schülerin Leonie und die Fachdidaktikerin Ruth Kunz.