Leben ohne Gott

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SWR2 Wissen – Manuskriptdienst
Leben ohne Gott – Friedrich Nietzsche und Albert Camus
Sechste Folge der Reihe: Gläubige Gottesleugner
Autor: Rolf Cantzen
Redaktion: Jürgen von Esenwein / Udo Zindel
Regie: Reinhard Winkler
Sendung: 19. August 2014, 8.30 Uhr, SWR2 Wissen
Erstsendedatum: 21.02.1997
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1
Zitator:
Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne
anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: "Ich suche Gott! Ich suche Gott!” – Da
dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er
ein großes Gelächter. "Wohin ist Gott?", rief er, "ich will es euch sagen! Wir haben ihn
getötet, – ihr und ich. Wir sind alle seine Mörder.”
Erzählerin:
Dass Gott tot ist, ist nach Friedrich Nietzsche eine Tatsache, doch alles andere als ein Grund
zur unbeschwerten Freude. Der Tod Gottes ist auch ein schwerer Verlust, wenn auch ein
notwendiger. Die Ungläubigen auf dem Markt lachen den "tollen Menschen" aus. Sie
scheinen nicht zu ahnen, welche Möglichkeiten und welche Belastungen der Tod Gottes in
sich birgt.
Zitator:
Aber wie haben wir das gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns
den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Das taten wir, als wir die Erde von
ihrer Sonne losketteten. Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns?
Ansage:
Leben ohne Gott – Friedrich Nietzsche und Albert Camus.
Folge 6 der Reihe: Gläubige Gottesleugner, eine Sendung von Rolf Cantzen.
Erzählerin:
Der Mensch hat sich Gott – symbolisiert durch das Meer – einverleibt: Das Unendliche und
Ewige ist endlich geworden. Der Horizont ist weggewischt: Es gibt keine Grenzen mehr –
und Grenzen geben Sicherheit. Die Erde hat sich von der Sonne losgelöst: Die Sonne steht
in der antiken Philosophie für die Idee des Guten, Schönen und Wahren. Was tun ohne
Orientierung, ohne vorgegebenen Sinn?
Zitator:
Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt
bisher besaß, es ist unter unseren Messern verblutet? Ist die Größe der Tat nicht zu groß für
uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?
Erzählerin:
Doch wie sollen aus unterwürfigen Gottesknechten freie Götter werden, wie aus gehorsamen
Befehlsempfängern Menschen, die allein sich selbst verantwortlich sind?
Musik als "Signal": Richard Wagner: Einzug der Götter in Walhall.
Zitator: Wenn Gott tot ist, ist alles erlaubt!
Erzählerin:
Aber es bleibt die Frage, ob der getötete Gott wirklich tot ist. Nietzsche weist immer wieder
darauf hin: Solange es noch Werte, Normen und Moralvorstellungen gibt, die mit dem toten
Gott verbunden sind, solange lebt er weiter.
Zitator: Die Moral ist Gottes letztes Gesicht, das man zerstören muss.
Erzählerin:
Der französische Schriftsteller Albert Camus bezieht sich in seinen philosophischen Essays
immer wieder auf Nietzsche – und auf "metaphysische Revolten", auf Infragestellungen
Gottes:
2
Zitator:
Der Herr dieser Welt muss, nachdem ihm seine Legitimität abgestritten ist, gestürzt werden.
Der Mensch muss seinen Platz einnehmen. Doch was heißt, Gott sein? Gerade erkennen,
dass alles erlaubt ist, jedes andere Gesetz als sein eigenes zurückweisen.
Erzählerin:
Dieses Thema begleitete Camus sein ganzes Leben – in seinen Tagebüchern, frühen
Stücken und Romanen und auch in seiner letzten großen Erzählung "Der Fall", die den
Ausschlag dafür gab, dass er 1957 den Nobelpreis erhielt.
Musik: Strauss, Also sprach Zarathustra. Von der großen Sehnsucht.
Erzählerin:
Der 25-jährige Albert Camus schrieb 1938 sein erstes Bühnenstück, das Schauspiel
"Caligula", das unter dem Eindruck seiner Nietzsche-Lektüre entstand. Bis zu seinem Tod im
Jahre 1960 arbeitete er es immer wieder um. Doch an der Figur des Caligula änderte sich
wenig. Der Ausgangspunkt: Der junge Caligula, ein bis dahin liebenswerter Kaiser,
verschwindet nach dem Tode seiner inzestuös geliebten Schwester und kehrt nach drei
Tagen in seinen Palast zurück. Es kommt zu einem Gespräch zwischen ihm und Helicon,
dessen Position Camus nicht näher gekennzeichnet hat.
Zitator: Du warst lange fort.
Zitator: Es war schwer zu finden.
Zitator: Was denn?
Zitator: Was ich haben wollte.
Zitator: Und was wolltest du haben?
Zitator: Den Mond.
Zitator: Wie bitte?
Zitator: Ja, ich wollte den Mond.
Zitator: Ach so! – Wozu?
Zitator: Du denkst, ich sei verrückt. Ich bin nicht verrückt. Ich hatte plötzlich ein Bedürfnis
nach dem Unmöglichen. – So wie die Dinge sind, scheinen sie mir nicht befriedigend.
Zitator: Diese Meinung ist ziemlich weit verbreitet.
Zitator:
Das stimmt. Aber früher wusste ich es nicht. Jetzt hingegen weiß ich es. Die Welt in ihrer
jetzigen Gestalt ist nicht zu ertragen. Darum habe ich den Mond nötig oder das Glück oder
die Unsterblichkeit, etwas, was vielleicht unsinnig ist, aber nicht von dieser Welt.
Zitator: Das ist eine Überlegung, die sich hören lässt.
Zitator:
Ich weiß, was du denkst. So viel Aufhebens um den Tod einer Frau! Nein, das ist es nicht.
Dieser Tod ist nur das Zeichen einer Wahrheit, die mir den Mond unentbehrlich macht. Es ist
eine ganz einfache, ganz klare, ein bisschen törichte Wahrheit, aber sie ist mühsam zu
entdecken und schwer zu ertragen.
3
Zitator: Und welches ist diese Wahrheit, Caligula?
Zitator: Die Menschen sterben, und sie sind nicht glücklich.
Erzählerin:
Trotz nahezu ungeteiltem Lob tun sich die Interpreten mit ihren Erklärungsversuchen schwer.
Klar ist: Es handelt sich um eine Konfrontation des Menschen mit seinem als absurd
erkannten Dasein – und um die aussichtslose Auflehnung dagegen. Camus' Essay "Der
Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde" lässt sich als philosophischer
Kommentar zu diesem Stück lesen. Zu Beginn heißt es dort:
Zitator:
Das Absurde wurde bisher als Ergebnis verstanden, in diesem Versuch wird es aber als
Ausgangspunkt betrachtet.
Erzählerin:
Die Philosophie Nietzsches war maßgeblich daran beteiligt, dass "das Absurde" zum
Ausgangspunkt des Denkens werden konnte. Nietzsche legte – Camus zufolge – die
Grundlagen des Absurden offen. Doch das Absurde ist nicht durch Definitionen "in den Griff"
zu bekommen. Es ist nicht in Begriffe zu bannen und zu kontrollieren.
Musik als "Signal": Richard Wagner: Einzug der Götter in Walhall.
Zitator:
Das Absurde entsteht aus der Gegenüberstellung des Menschen, der fragt, und der Welt, die
vernunftwidrig schweigt.
Erzählerin: Nietzsche wusste von dieser Gegenüberstellung:
Zitator: Es gibt eine metaphysische Ehre, die Absurdität der Welt zu ertragen.
Erzählerin:
Obwohl Friedrich Nietzsche den Begriff des Absurden wenig benutzt, ist das Phänomen des
Absurden präsent. Nur eine gott-lose Welt kann wirklich als absurd erlebt und ertragen
werden. Religiöse Denker versuchen, sich gleichsam durch einen Sprung aus der Welt
heraus zum “lieben” Gott zu retten. Das absurde Fremd- und Verlassenheitsgefühl treibt sie
zurück in die Arme des “lieben” Gottes beziehungsweise in die sie selbst beschränkende
Gottesfiktion. "Ich glaube, weil es sinnlos ist" – solche und andere Formulierungen
rechtfertigen die Flucht zurück. Camus und Nietzsche verachten einen solchen Selbstbetrug.
Erzählerin:
Der Tod Gottes ist Nietzsche zufolge kein einmaliges Ereignis – so schnell ist Gott nicht tot
zu kriegen. Sein Sterben ist ein langer Prozess, der das Denken der Neuzeit bestimmt und
mit der Zerstörung aller Glaubensinhalte der traditionellen Philosophie endet, das heißt: im
Nihilismus.
Zitator:
Der philosophische Nihilist ist der Überzeugung, dass alles Geschehen sinnlos und
umsonstig ist; und es sollte kein sinnloses und umsonstiges Sein geben. Es läuft auf die
absurde Wertung hinaus: der Charakter des Daseins müsste den Philosophen Vergnügen
machen ...
Erzählerin:
... und das Aufbegehren gegen das sinnlose Sein macht Vergnügen, allerding nicht nur.
4
Friedrich Nietzsche lebte von 1844 bis 1900. Sein bekanntestes Werk "Also sprach
Zarathustra" erschien 1883. Hier verarbeitet Nietzsche seine früheren Schriften. Der 30jährige Zarathustra verlässt seine Heimat und zieht sich für zehn Jahre als eine Art
unchristlicher Einsiedler ins Gebirge zurück. Dann geht er, wie Nietzsche schreibt, "abwärts":
Zitator:
Als er aber in die Wälder kam, stand auf einmal ein Greis vor ihm: "Nicht fremd ist mir dieser
Wanderer: Wie im Meere lebtest du in der Einsamkeit, und das Meer trug dich. Wehe, du
willst ans Land steigen?" Zarathustra antwortete: "Ich liebe die Menschen." "Warum", sagte
der Heilige, "ging ich doch in den Wald und in die Einöde? War es nicht, weil ich die
Menschen allzu sehr liebte? Jetzt liebe ich Gott: die Menschen liebe ich nicht. Der Mensch ist
mir eine zu unvollkommene Sache. Liebe zu den Menschen würde mich umbringen." Als
Zarathustra aber allein war, sprach er also zu seinem Herzen: "Sollte es denn möglich sein!
Dieser alte Heilige hat in seinem Walde noch nichts davon gehört, dass Gott tot ist!"
Erzählerin:
... das ist die erste grundlegende Aussage in der Vorrede des "Zarathustra". Die zweite zielt
auf die Überwindung der Leerstellen, die durch den Tod Gottes entstanden sind.
Zitator:
Und Zarathustra sprach also zum Volke: Ich lehre euch den Übermenschen. ... der
Übermensch ist der Sinn der Erde!
Erzählerin:
Der Übermensch empört sich gegen seine Entmündigung durch Gottesglauben und
Gottesmoral und fordert trotzig sein volles Menschsein. Sein Gegenstück ist der "letzte
Mensch". Er erreicht das Stadium einer "geschickten Tierrasse", gleicht verblüffend dem
heutigen Durchschnittsbürger und ist für Nietzsche "das Letzte":
Zitator:
"Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?" – so fragt der letzte
Mensch und blinzelt. Kein Hirt und keine Herde! Jeder will das Gleiche, jeder ist gleich: wer
anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus. "Wir haben das Glück erfunden" – sagen die letzten
Menschen und blinzeln.
Erzählerin:
Dieser letzte Mensch hat die Nachfolge des Gottgläubigen angetreten, unterscheidet sich
aber in seiner Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit aber nicht von ihm. Der Übermensch
hingegen revoltiert. Er gibt sich nicht zufrieden, wie die letzten Menschen.
Zitator: Bleib der Erde treu!
Erzählerin:
... so lautet der letzte der drei Grundsätze der Vorrede. In Nietzsches dichterischphilosophischem "Zarathustra" findet sich auf einer anderen Argumentationsebene noch ein
anderer "Dreischritt":
Zitator:
Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kamele wird, und zum
Löwen das Kamel, und zum Kinde zuletzt der Löwe.
Erzählerin:
Damit markiert Nietzsche einen auch historisch nachvollziehbaren Entwicklungsgang: Das
Kamel steht für das christlich-religiöse Bewusstsein, das sich am "Du sollst" der Gebote
orientiert und als Herdentier mit einem konformistischen Herden-Instinkt ausgestattet ist. Der
Löwe steht für den Übermenschen, für "den Willen zur Macht". Er symbolisiert das
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revoltierende "Ich will". Das Kind schließlich steht für das schlichte "Ich bin", für das neue
unschuldige Ja-Sagen zur Welt ohne jegliche metaphysische Fluchtmöglichkeit.
Zitator:
Alles geht, alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins. Alles stirbt, alles blüht wieder
auf; ewig läuft das Jahr des Seins.
Erzählerin:
In diesem Stadium der Einsicht akzeptiert und genießt der Mensch sein Dasein. Er hat sich
endgültig verabschiedet von Metaphysik, Moral, Religion und überlässt sich der ewigen
Wiederkehr des Gleichen.
Musik als "Signal": Richard Wagner: Einzug der Götter in Walhall.
Zitator: Lustvoll lebt der Mensch nur im Bewusstsein ewiger Diesseitigkeit.
Zitator: Eins!
Zitator: O Mensch! Gib acht!
Zitator: Zwei!
Zitator: Was spricht die tiefe Mitternacht?
Zitator: Drei!
Zitator: Ich schlief, ich schlief –
Zitator: Vier!
Zitator: Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –
Zitator: Fünf!
Zitator: Die Welt ist tief,
Zitator: Sechs!
Zitator: Und tiefer als der Tag gedacht.
Zitator: Sieben!
Zitator: Tief ist ihr Weh –
Zitator: Acht!
Zitator: Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Zitator: Neun!
Zitator: Weh spricht: Vergeh!
Zitator: Zehn!
Zitator: Doch alle Lust will Ewigkeit –
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Zitator: Elf!
Zitator: – will tiefe, tiefe Ewigkeit!
Zitator: Zwölf!
Erzählerin:
Das ist die Entwicklung des Menschen vom "Du sollst" des Kamels über das "Ich will" des
Löwen zum "Ich bin" des Kindes. Doch nach Nietzsche ist die christliche
Herdenvergangenheit noch nicht überwunden und zur selbstbewussten Gegenwart des
Löwen – "Ich will" – können sich wenige durchringen und so bleiben die allermeisten "letzte
Menschen".
Musik: Strauss: Also sprach Zarathustra. Von der großen Sehnsucht.
Erzählerin:
Caligula – zweifellos eher Übermensch als letzter Mensch – befiehlt allen Patriziern, ein
Testament zu verfassen, in dem sie dem Staat ihre Besitztümer überlassen. Anschließend
lässt er einige von ihnen umbringen, wahllos, beliebig, so wie er gerade will.
Zitator:
Regieren heißt stehlen, das weiß jedes Kind. Auf das wie kommt es an. Ich für meinen Teil
werde unverhohlen stehlen. Und ich habe beschlossen logisch zu sein. Ich werde die
Widersprechenden und die Widersprüche ausrotten.
Zitator: Das ist ein Scherz, nicht wahr?
Zitator: Nicht eigentlich. Das ist Pädagogik.
Zitator: Das ist nicht möglich, Caligula!
Zitator: Eben!
Zitator: Ich verstehe dich nicht.
Zitator: Eben! Es handelt sich um das, was nicht möglich ist, oder vielmehr geht es darum,
möglich zu machen, was nicht möglich ist.
Zitator: Das ist ein Spiel, dem keine Grenzen gesetzt sind, der Zeitvertreib eines Verrückten.
Zitator:
Nein, die Stärke des Kaisers. Ich habe endlich den Nutzen der Macht erkannt. Sie gewährt
dem Unmöglichen gewisse Möglichkeiten. Von heute an und in alle Zukunft hat meine
Freiheit keine Grenzen mehr. Diese Welt ist ohne Bedeutung, und wer das erkennt, gewinnt
seine Freiheit.
Erzählerin:
Damit widerspricht Caligula sowohl Camus als auch Nietzsche. Nichts hat Bedeutung außer
der Welt. Denn mit Gott sind alle überirdischen Wahrheiten als Lüge entlarvt. Vor dem
Christentum gab es noch irdische Wahrheiten.
Zitator:
Wer begreift, was da vernichtet wurde, mag zusehen, ob er überhaupt noch etwas in den
Händen hat. Alles, was bisher "Wahrheit" hieß, ist als die unterirdische Form der Lüge
erkannt.
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Erzählerin:
Das Christentum verlegte das Schwergewicht des Lebens ins Jenseits, ins Nichts, wie
Nietzsche schreibt.
Zitator:
Ich heiße das Christentum den Einen großen Fluch, die Eine große innerlichste
Verdorbenheit, den Einen großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig, heimlich,
unterirdisch, klein genug ist, – ich heiße es den Einen unsterblichen Schandfleck der
Menschheit.
Erzählerin:
Doch in der erzwungenen und freiwilligen Unterwerfung unter die Christenherrschaft gab es
bequeme Verbindlichkeiten. Die Menschen bekamen gesagt, was gut und böse ist.
Nietzsche jedoch plädiert für eine Moral jenseits von Gut und Böse.
Musik als "Signal": Richard Wagner: Einzug der Götter in Walhall.
Zitator: Es gibt keine allgemein verbindliche Moral.
Erzählerin:
Das schafft Freiheit – für den Übermenschen – und Unsicherheit für den christlich oder
religiös geprägten Rest der Welt. Nietzsche ist nie ganz frei von Ressentiment – allerdings
von einem Ressentiment, das radikale Erkenntnisse freilegt.
Zitator:
In der Tat, wir Philosophen und "freien Geister" fühlen uns bei der Nachricht, dass der "alte
Gott tot" ist, wie von einer neuen Morgenröte angestrahlt; unser Herz strömt dabei über vor
Dankbarkeit, Erstaunen, Ahnung, Erwartung – endlich erscheint uns der Horizont wieder frei,
gesetzt selbst, dass er nicht hell ist, endlich dürfen unsere Schiffe wieder auslaufen, auf jede
Gefahr hin auslaufen, jedes Wagnis des Erkennenden ist wieder erlaubt.
Erzählerin:
Nietzsche hat sich zu diesem Wagnis entschlossen und – um im Bild zu bleiben: Das Schiff
hat keinen neuen Hafen gefunden. Es bleibt die Freude an der riskanten Seefahrt.
Zitator: Das ist die extremste Form des Nihilismus: Das Nichts (das "Sinnlose") ewig!
Musik: Strauss: Also sprach Zarathustra. Von der großen Sehnsucht.
Zitator:
Du willst dich ja den Göttern gleichsetzen, Caligula! Ich kenne keinen schlimmeren
Wahnwitz.
Zitator:
Du hältst mich für verrückt. Und doch – was ist ein Gott, dass ich mich ihm gleichzusetzen
wünsche? Was ich heute mit aller Kraft begehre, steht höher als die Götter. Ich übernehme
ein Reich, dessen Herrscher Unmöglichkeit heißt.
Zitator:
Es steht nicht in deiner Macht, dass der Himmel nicht mehr Himmel ist, dass ein schönes
Geschöpf hässlich wird und ein Menschenherz fühllos.
Zitator:
Ich will den Himmel dem Meere vermischen, Hässlichkeit und Schönheit vermengen, dem
Leiden Gelächter entlocken.
8
Zitator:
Es gibt Gut und Böse, Erhaben und Niedrig, Gerecht und Ungerecht. Ich schwöre dir, dass
dies alles sich nicht ändern wird.
Zitator:
Es ist mein Wille, es zu ändern. Und dann, den Mond in meiner Hand, werde ich vielleicht
selber verwandelt und die Welt mit mir, dann endlich werden die Menschen nicht mehr
sterben und glücklich sein.
Erzählerin:
Der Nihilismus ist das Ergebnis der abendländischen Philosophie – diese Erkenntnis
übernahm Camus von Nietzsche. Darüber hinaus gibt es weitere Gemeinsamkeiten: Den
Atheismus, die Ablehnung des Christentums, und nicht zuletzt die Versuche, dem Sinnlosen
Sinn zu geben: Sowohl Nietzsche als auch Camus bejahen das Leben und versuchen eine
Umwertung der christlichen, den Menschen demütigenden Werte. Beide wollten keine neuen
Gebote, kein "Du sollst".
Camus humanistischer Philosophie geht es vor allem um die Klarstellung der
Verantwortlichkeit und das heißt: um die Freiheit des Menschen.
Zitator:
Wir kennen die Alternative: entweder sind wir nicht frei, und der allmächtige Gott ist für das
Böse verantwortlich. Oder wir sind frei und verantwortlich, aber Gott ist nicht allmächtig. Alle
scholastischen Spitzfindigkeiten haben der Schärfe dieses Paradoxons nichts hinzugefügt
oder genommen.
Erzählerin:
Camus entscheidet sich mit Nietzsche für die Freiheit des Menschen und gegen den
Gedanken eines allmächtigen Gottes, der das Böse und das Leiden der unfreien und damit
unschuldigen Menschen gewollt hat. Diese "Ermächtigung" des Menschen, seine Freiheit
und Verantwortlichkeit, nehmen dem Leben seinen fiktiven "überirdisch-garantierten" Sinn.
Zitator:
Aufstehen, Straßenbahn, vier Stunden Arbeit, Essen, Straßenbahn, vier Stunden Arbeit,
Essen, Schlafen, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, immer
derselbe Rhythmus – das ist sehr lange ein bequemer Weg. Eines Tages aber steht das
"Warum" da, und mit diesem Überdruss, in den sich Erstaunen mischt, fängt alles an. "Fängt
an" – das ist wichtig. Der Überdruss ist das Ende eines mechanischen Lebens, gleichzeitig
aber auch der Anfang einer Bewusstseinsregung.
Erzählerin:
Das absurde Gefühl stellt sich ein, eine existenzielle Verunsicherung über ein Dasein ohne
übergeordneten Sinn. Die von Nietzsche verachteten "letzten Menschen" scheinen diese
Sinnfrage vergessen zu können. Bewusste Menschen können sich ihr – Camus zufolge –
nicht entziehen:
Zitator:
Es ist jener Zwiespalt zwischen dem sehnsüchtigen Geist und der enttäuschenden Welt; es
ist mein Heimweh nach der Einheit, dieses zersplitterte Universum und der Widerspruch, der
beide verbindet.
Erzählerin:
Diesen Widerspruch und Zwiespalt drückt der Begriff des Absurden aus. Das Absurde lässt
sich nicht "überwinden" oder in einer neuen Sicherheit oder in einem anderen "Sinn"
aufheben – das Absurde lässt sich nur "aushalten". Es ist eine Gratwanderung.
9
Zitator:
Ich weiß nicht, ob diese Welt einen Sinn hat, der über mich hinausgeht. Aber ich weiß, dass
ich diesen Sinn nicht kenne und dass ich ihn unmöglich erkennen kann.
Erzählerin: Doch Camus betont auch, dass kein Grund ist, zu verzweifeln.
Zitator:
Was bedeutet mir ein Sinn, der außerhalb meiner Situation liegt? Ich kann nur innerhalb
menschlicher Grenzen etwas begreifen.
Erzählerin:
Eine bescheidene Sicherheit bieten zwei Gewissheiten. Die erste ist nach Camus das
"Heimweh" nach Einheit mit der Welt und das andere das Unvermögen, in dieser Welt ein
vernünftiges, rationales Prinzip zu erkennen.
Musik als "Signal": Richard Wagner: Einzug der Götter in Walhall.
Zitator:
Leben heißt: das Absurde leben lassen. Das Absurde leben lassen heißt: ihm ins Auge zu
sehen.
Erzählerin:
Das bedeutet nicht, selbstquälerisch über den verlorenen Sinn zu lamentieren. Wie
Nietzsche empfiehlt auch Camus eine Art Flucht nach vorn:
Zitator:
Es hat den Anschein, dass das Leben um so besser gelebt werden wird, je weniger sinnvoll
es ist.
Erzählerin:
Selbstmord aus dem Gefühl der Sinnlosigkeit heraus lehnt Camus entschieden ab. Denn er
wäre das Eingeständnis, dass Leben einen Sinn hat, der verfehlt wurde. Der Reiz des
Lebens besteht aber gerade in seiner Sinnlosigkeit, und die richtige "Würze" bekommt es
durch die Revolte, durch Auflehnung und Eigensinn, durch den Kampf, wie Camus schreibt,
gegen die überlegene Wirklichkeit.
Zitator:
Der absurde Mensch kann nur alles ausschöpfen und sich selber erschöpfen.
Erzählerin:
Das menschliche Endstadium, von dem Nietzsche träumte, das Akzeptieren der ewigen
Wiederkehr des Gleichen im kindlichen "Ich bin" scheint Camus weniger gereizt zu haben. Er
bleibt beim trotzigen "Ich will" stehen. Zum Abschluss seines philosophischen Essays bezieht
er sich auf den antiken Mythos von Sisyphos. Sisyphos war gestorben, erhielt aber von den
Göttern die Erlaubnis, zwecks Züchtigung seiner unfolgsamen Frau, kurzfristig auf die Erde
zurückzukommen. Dort gefiel es ihm so gut, dass er bis an sein Lebensende blieb. Post
mortem verurteilten ihn die Götter dazu, einen Steinblock auf einen Berg hinaufzuwälzen,
von dessen Gipfel er immer wieder herunterrollte. Diese Sisyphosarbeit gilt als Symbol des
Sinnlosen. Sisyphos akzeptierte diese Strafe. Camus versichert:
Zitator:
Der Kampf gegen den Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns
Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.
Musik: Strauss: Also sprach Zarathustra. Von der großen Sehnsucht.
10
Erzählerin:
Caligula wälzt keinen Stein auf einen Gipfel; dennoch versucht auch er, auf seine Weise das
Unmögliche Wirklichkeit werden zu lassen. Glücklich wird er dabei nicht:
Caligula wird ermordet, nachdem er selbst unzählige Menschen ermordet hat.
Musik: Strauss: Also sprach Zarathustra. Von der großen Sehnsucht.
Erzählerin: Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen.
Zitator: Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?
Erzählerin:
… so fragt der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der
Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.
Zitator: Wir haben das Glück erfunden ...
Erzählerin: … sagen die letzten Menschen und blinzeln.
Zitator:
Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht hinauswirft,
und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren! Wehe, es kommt die Zeit des
verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann.
* * *
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