XIAN 08. - 10. November 2003 Nach einer Nacht im Soft-Sleeper ohne Heizung (man hatte vergessen den Strom an unseren Waggon anzuschließen) kamen wir gegen 07:30 in Xian an. Wie bereits von der Reiseleitung angekündigt, erwartete uns eine regnerische und zum Teil verschneite alte Hauptstadt Chinas. Nach der Erfrischung und einem kurzem Frühstück ging es gestärkt an zur berühmten Terrakotta-Armee. Diese aus Ton modellierte Armee ist einer der großartigsten Funde in der Geschichte der jüngeren Archäologie. Die Nachwelt verdankt dieses neue Weltwunder dem ersten Kaiser von China, Qin Shi Huangdi (259-210 v. Chr.). Er ließ 247 v. Chr. am Fuß des Li-Berges eine gigantische Grabanlage errichten, die als seine zukünftige Nekropole dienen sollte. Die Bauarbeiten dauerten 37 Jahre und nach Fertigstellung umfasste die Grabanlage ein Gebiet von insgesamt 225 qkm. Etwa 700.000 Künstler, Architekten und Terrakotta-Krieger Zwangsarbeiter schufen eine Welt aus Flüssen, Seen und Modellen von Palästen und platzierten davor eine gewaltige tönerne Armee, die dem Kaiser auch im Jenseits uneingeschränkte Macht sichern sollte. Entdeckt wurde die Anlage im Jahre 1974 zufällig von einem Bauern, der einen Brunnen bauen wollte. Dieser Bauer lebt noch heute und schreibt auf Wunsch eine Widmung in einen zuvor erworbenen Bildband der Terrakotta Krieger. Bisher ist nur ein Bruchteil der Fläche der Gesamtnekropole erforscht und ausgegraben. Die eindrucksvollsten bisherigen Funde sind die etwa 2000 von 7300 lebensgroßen tönernen Kriegern, die bis heute freigelegt wurden. Die Museumsanlage besteht aus 4 großen Hallen, die die bisherigen Funde beherbergen und sichern. In der ersten Halle befindet sich unter einem riesigen Dach die größte Grube mit den am Besten erhaltenen und rekonstruierten Terrakotta-Soldaten. Sie enthält ca. 6000 Soldaten, die den rechten Flügel der kaiserlichen Garde bilden. Die lebensgroßen Pferde- und Kriegerfiguren sind aufgereiht in Schlachtordnung in elf Korridoren. Die gesamte Anlage war einst von Balken und einer drei Meter dicken Erdschicht bedeckt. Als bei einem Bauernaufstand wenige Jahre nach dem Tod von Kaiser Qui Shi die Figuren zerstört und die Grabanlagen in Brand gesteckt wurden, stürzten die Decken ein und begruben die Soldaten unter sich. So müssen die Funde aufwendig restauriert werden. Im vorderen Bereich der Halle sind Pferde- und Soldatenfiguren (u.a. stehende und kniende Bogenschützen, gepanzerte Speerträger) angeordnet, die Reihen dahinter befinden sich noch im Originalzustand wie bei der Grubenöffnung - d.h. zerfallen und beschädigt. Die gesamte Formation ist ca. 210 m lang und 60 m breit. Am Ende der Halle stehen einzelne Figuren, die gerade wieder hergestellt wurden. Die Unterkörper sind massiv und die Oberkörper, wegen des sonst zu großen Gewichts auf den Beinen, hohl. Die Köpfe wurden dann getrennt hergestellt und später befestigt. Das Faszinierendste daran ist, dass jedes Gesicht individuell gestaltet ist und keines dem anderen gleicht. Es sieht so aus, als habe je ein Soldat aus Kaisers Armee für das jeweilige Gesicht Modell gestanden. Die Detailtreue ist wirklich erstaunlich. Nicht nur, dass die Gesichtsausdrücke so individuell und unterschiedlich gestaltet sind, sogar die Lebenslinien auf den Innenseiten der Hände wurden nachgebildet. Alle Soldaten sind ca. 180 cm groß. Die Krieger waren ursprünglich bunt bemalt und trugen hölzerne Waffen. Im Laufe der Zeit verfaulte das Holz und deswegen fehlen sie heute ebenso wie die hölzernen Pferdewagen. Es gibt aber auch Theorien, die besagen, dass sie echte Waffen trugen und die Grabanlage später von Feinden geplündert wurde, um die Waffen zu rauben. Zur Bemalung der Figuren wurde u.a. die Farbe Purpur verwendet, die schon damals künstlich hergestellt wurde (in Europa erst im 19. Jh. entdeckt). Man vermutet, dass alle Arbeiter und Künstler, die an der Grabanlage gearbeitet haben, auf einen Befehl des Kaisers lebendig begraben wurden, um das Staatsgeheimnis der Nekropole zu wahren. Es ist sonst nicht erklärbar, dass keine Aufzeichnungen und Überlieferungen über die Anlage bekannt wurden. In der zweiten, kleineren Halle sind in der Grube kleinere abgetrennte Räume zu sehen. Hier befinden sich nur einige wenige Soldatenfiguren. Man interpretiert sie als Darstellungen der Mitglieder der militärischen Führung. In der dritten, ebenfalls sehr großen Halle, arbeiten noch die Archäologen, und die meisten Tonsoldaten sind noch nicht freigelegt. Man konnte beobachten in welchem Zustand sich die Figuren befinden, nachdem die eingestürzte Erdschicht entfernt wurde, und welches Puzzle nötig ist, die einzelnen Figurenteile und Fragmente zusammenzusetzen. In Vitrinen sind einige typische und charakteristische Figuren ausgestellt: z.B. ein General, ein kniender und ein stehender Bogenschütze, ein Soldat mit Pferd. In der vierten Halle befindet sich ein Museum in dem verschiedene Funde aus den Gruben ausgestellt sind. Die größte Attraktion der Ausstellung sind zwei vergoldete Bronzewagen mit Pferden, die am Fuß des Grabhügels von Kaiser Qin Shi gefunden wurden. Maßstabsgetreu (1:2) sind aus 3.000 Einzelteilen ein Reise- und ein Begleitwagen des Qin-Kaisers nachgebildet. Vergoldeter Bronzewagen Außerhalb des Museums gab es für wenig Geld Kopien der Soldaten in allen Größen zu erwerben. Anschließend konnte man sich im Hotel von den beiden Soft-Sleeper Nächten erholen. Am nächsten Tag ging es an das Südtor der Stadt Xian. Von der Stadtmauer (1374 bis 1378 erbaut) war der imposante Glockenturm in der Stadtmitte trotz Regenwetter schon zu erkennen. Die 14 km lange Mauer ist mustergültig renoviert und mit Durchfahrten für den Straßenverkehr versehen. In einem Gebäude des Südtores war eine Ausstellung über die Stadt Xian zu besichtigen. Trotz Schneeregen diente eine Schneeballschlacht gegen eine australische Reisegruppe zur Aufheiterung. Mit dem Bus ging es zu dem Provinzmuseum im ehemaligen Kloster des Konfuzius und der dazugehörigen Gedenksteingalerie. Früher wurden in China wichtige Texte in Stein graviert, um sie für die Nachwelt zu erhalten. Von Chinas Stelensammlung ist diese die bedeutendste. Diese einzigartige Sammlung wird auch als "steinerne Bibliothek Chinas" oder auch "Schatzkammer der Kalligraphien" bezeichnet. Einige der 3200 Platten (1700 sind ausgestellt) sind 2500 Jahre alt. Das größte Projekt wurde 837 realisiert; der konfuzianische Schriftenkanon auf 114 Platten. Die mit einem Kreuz geschmückte „Nestorianische Stele“ von 781 bezeugt die Existenz einer christlichen Gemeinde im damaligen Chang ´an (heute Xian). Nestorianische Stehle mit Christuskreuz Durch "Steinabreibungen" konnten Abdrücke von den Steinplatten mit den schönsten Kalligraphie-Stilen auf Papier übertragen werden. Dieser Vorläufer der Drucktechnik wurde eindrucksvoll vorgeführt. Anschließend ging es zu einer Jadesteinschleiferei, in der man der Herstellung von Figuren und Skulpturen zuschauen konnte. Natürlich wurden hier auch Kunstwerke aus Jade zum Kauf angeboten. Nächster Punkt der Tour durch Xian war die große Wildganspagode, die sich im Cien Tempel befindet. Die Entstehung der berühmtesten Pagode des Landes ist eng verknüpft mit Xuanzang (602 bis 664), Chinas bekanntestem Indienpilger und bedeutendstem buddhistischen Philosophen. Um die heiligen Schriften feuersicher zu verwahren, die er im Jahr 649 von der Reise mitgebracht hatte, ließ der Kaiser diese Pagode errichten. Trotz mehrmaliger Erneuerung wahrt der 60 m hohe wuchtige Turm noch ganz den Stil der TangZeit. Ein Gruppenbild mit einem tibetischen Mönch vor der Xuanzang Statue schloss den Besuch ab. …zusammen mit buddhistischem Mönch Der Nachmittag stand zur freien Verfügung. Eine Besichtigung des Glocken- und des Trommelturmes sowie der ältesten Moschee von China werden in jedem Reiseführer empfohlen. Ein schöner Ausblick in alle vier Himmelsrichtungen belohnte die Besteigung des Glockenturmes. Nur ein Steinwurf ist der Trommelturm entfernt. Beide Türme verkündeten einst die Tages- und Nachtzeiten. Die mächtigen Türme wurden 1380 bzw. 1384 erbaut, der 36 m hohe Glockenturm steht jedoch an der heutigen Stelle erst seit 1582. Er bildet das Zentrum der mingzeitlichen Stadt, deren Hauptstraßen von den Stadttoren auf ihn zuführen. Einige, von der ungewohnten chinesischen Küche strapazierte Mägen, wollten sich an diesem Abend in der einzigen Pizzeria von Xian erholen, was aber eher den gegenteiligen Effekt mit sich brachte. Lars Stuckert / Florian Geil