Die „Soirees de Vienne“

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Die „Soirees de© Vienne“:
Gibt es ein ‘Österreichisches’ in Franz Liszts
Schubert-Bearbeitungen?
Gerhard J. WINKLER, Eisenstadt
I.
Die Soirees de Vienne1bilden in Liszts CEuvre einen merkwürdigen Nachzügler:
Entworfen zwar wohl schon 18462 in Wien, erschienen sie erst während der
Weimarer Zeit, 1852/53, in Druck3, und sie fallen als letzte der SchubertBearbeitungen in eine Phase, in der der Höhepunkt von Liszts kompositorischer
Auseinandersetzung mit Schubert bereits überschritten war. Der Titel läßt sogar
offene Assoziationen an Liszts Virtuosenzeit anklingen, an die Pendants der
Soirees musicales nach Rossini und der Soirees italiennes nach Mercadante4.
Die Formulierung „Soirees de Vienne“ entwirft eine imaginäre Szenerie, die
eines Salons, und weist sie einem genius loci zu („Wiener Abendgesellschaften“);
der Name Schubert rückt in den Untertitel, der wiederum mit der Genrebezeichnung,
die er enthält, die Salon-Atmosphäre noch unterstreicht: Valses-Caprices d ’apres
Schubert.
Aber nicht nur damit sind die Soirees de Vienne ganz auf den Wiener Dunstkreis
bezogen: Die Erstausgabe, die im traditionsreichen Wiener Verlag Spina erschien,
trägt die Widmung an Simon Löwy, einem Wiener Bankier im Umkreis von Liszts
„oncle-cousin“ Eduard. Liszt kannte Löwy schon seit 1838; er stand mit ihm 1851
in näherem brieflichen Kontakt, weil Löwy biographisches Material für einen
geplanten Schubert-Artikel Liszts liefern sollte5 Nach mehreren Auflagen ließ
Liszt die Soirees de Vienne noch 1883 bei August Cranz in Leipzig in einer als
„Nouvelle Edition augmentee par l ’Auteur“ bezeichneten, tatsächlich aber nur
wenig veränderten Neufassung6erscheinen, deren Widmungsträgerin keine gerin­
gere als die Fürstin Metternich ist, jene Pauline Metternich, die als Gattin des
Österreichischen Botschafters maßgeblich bei der Lancierung des Pariser
Tannhäuser von 1861 beteiligt gewesen war. Die Widmung trägt der Tatsache
Rechnung, daß Liszt die Soirees de Vienne in den Pariser und Wiener Salons der
Fürstin oft gespielt hatte, wo er sie, wie man aus einem Brief aus dem Jahre 1875
erfährt, mit dem Beinamen „Wiener Backhändeln“ belegte - was Liszt in dem
Brief übrigens mit dem Wortspiel „sans Bach ni Händel“ begleitet7
Wien, Schubert, Walzer: Diese Kombination fordert dazu heraus, am Beispiel
der Soirees de Vienne einmal versuchsweise über das ‘Österreichische’ in der
Musik Liszts nachzudenken. Da man bei Liszt nicht weit etwa mit dem kommt,
was in der heutigen Musikwissenschaft unter dem Begriff des „Österreichischen
in der M usik“, namentlich der Musik Schuberts und Bruckners, kursiert8, gilt es
zunächst, bei ihm selbst einen festen Punkt zu gewinnen, von dem man sich
abstoßen kann.
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II.
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Dieser scheint im Reisebrief an Lambert Massart gegeben, der, datiert mit
Venedig, April und Mai 1838, im September desselben Jahres in der Pariser Revue
et Gazette musicale erschien9, und der jenes so berühmte wie oft zitierte Postskrip­
tum („P.S.“) enthält, worin Liszt den Bericht von seinen Wiener und Pester
Benefizkonzerten zugunsten der Donauüberschwemmungsopfer mit dem Be­
kenntnis zum ungarischen Vaterland verbindet.
Zuvor, im Haupttext, berichtet Liszt von einer Abendveranstaltung im M ailän­
der Palais der russischen Gräfin Samoyloff („comtesse Samoiloff“) 10, bei der sich
die feine Gesellschaft Mailands zusammengefunden habe, um den Auftritten
verschiedener Gesangszelebritäten beizuwohnen, die Liszt kenntnisreich kom­
mentiert. Dem Hauskonzert habe sich ein Ball angeschlossen. Liszt, plötzlich
angeekelt von dem Treiben, habe sich entfernt und allein in einem sehr phanta­
stisch eingerichteten Boudoir wiedergefunden. Dort sei er in einen tranceartigen
Schlummer gefallen, wo ihn - der russische Tee sei wohl etwas stark gewesen eine Traumvision überfallen habe. Darin sei er einer unheimlichen Figur begeg­
net, einem bleichen, melancholisch-stummen Wandersmann, den er durch imagi­
näre Bilderfluchten und phantasmagorische Landschaften verfolgt und schließ­
lich mit dramatischer Geste zur Rede stellt, um ihm eine Antwort auf die Frage
nach Zweck und Ziel seines Unterwegsseins abzutrotzen. Er erhält den Bescheid,
er möge nicht zu erfahren verlangen, was ihm selbst - dem Fremdling, der schon
Äonen unterwegs sei -, nicht gelungen sei: das Geheimnis der Wanderschaft zu
ergründen. Alle Aspirationen, etwas zu wissen, zu vermögen oder zu genießen,
seien vergeblich. Des Fragers Los seien Unwissenheit, Ohnmacht und Versagung:
„‘Adieu.- Ne cherche point ä savoir, ton lot est l ’ignorance. Ne cherche pas ä p ou voir, ton
lot est l ’impuissance. N e cherche pas ä jo u ir, ton lot est l ’abstinence.’“11
Wieder aufgewacht, habe sich Liszt zu Hause ans Klavier gesetzt, wo in ihm der
traurige und poetische Gesang von Schuberts Wanderer aufgestiegen sei, der
entfernte Ähnlichkeit mit den geheimnisvollen Harmonien gehabt hätte, die die
Traumerscheinung begleiteten.
Liszts Hinweis auf den Wanderer ist ein deutlicher Fingerzeig, denn die
Traumsequenz stellt in ihren wesentlichsten Punkten eine freie Paraphrase des
Wanderer-Textes12dar (Textmarken: „[...] ich bin ein Fremdling überall [...] Dort,
wo du nicht bist, da ist das Glück.“), wobei die Figur des Wandersmanns vom
mythischen Archetyp, Ahasver selbst, überblendet ist und massive Anleihen an
den Motiven der zeitgenössischen literarischen sog. „Schwarzen Romantik“
nimmt: Ennui, Opiumrausch (!), Chiffren des Weltschmerzes und nicht zuletzt
dem Doppelgängermotiv. Die etwas mystifikatorisch eingesetzte Symbolik legt
nämlich die Deutung nahe, daß es sich bei diesem Wanderer-Ahasver um ein
Ebenbild des Künstlers handelt (ein Spiegelsymbol spielt hier eine diskrete, aber
wichtige Rolle)13, um sein ‘wahres Selbst’ oder eine Art überhöhte Imago, von
dem Liszts Traum-Ich im Dialogtext Gewißheit über die eigene Bestimmung
empfängt: der Künstler als ein Wanderer, ein voyageur, der unablässig unterwegs
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ist nach einer erahnten,
aber unerreichbaren
Heimat.
Das ganze Mailänder Bühnen­
inventar dieses Reisebriefes wird also mit einem Mal zur Staffage und Kulisse für
das ewige Drama des Künstlers. Die Traumsequenz stellt eine schwarze Variante
dessen dar, was man aus anderen Äußerungen als die Künstlermetaphysik des
frühen Liszt kennt14. Zwischendurch blitzt mit der Bezeichnung „pelerin“ das
‘weiße’ Gegenbild des Voyageurs auf: der Pilger, der im Gegensatz zu diesem
Hoffnung hat, dereinst ein Ziel zu erreichen15. Dies klingt an so manche andere
Formulierung Liszts an, wo es heißt, der Künstler habe seine innerste Bestimmung
eben darin, daß er kompromißlos und unablässig nach dem Höchsten strebe. Aber
auch in dieser Version ist der Weg selbst das Ziel; der Hauptakzent scheint auf der
Unablässigkeit eines Strebens zu liegen, das einzig darin Gewißheit hat, daß ein
Ideal, das erreichbar ist, kein Ideal mehr sein kann.
Der Text enthält somit eine bedeutende Mitteilung über Liszts Selbstverständ­
nis als Künstler, dargeboten im literarischen Genre des Reisebriefs, der bei
fiktiver intimer Mitteilung öffentliche Selbstinszenierung erlaubt und dabei noch
die Funktion eines Korrespondentenberichts erfüllt. Liszts Künstlerimago tritt
hier nicht nur verschlüsselt in der Figur des Wanderer-Voyageurs auf, sondern
auch wie auf einer imaginären Bühne: Denn das Opiumtraum-Motiv führt eine
deutliche und beinahe räumliche Spaltung in zwei Handlungsebenen herbei: hier
die der Öffentlichkeit und des Salons, die der Künstler flieht, dort der Schauplatz
seiner inneren Subjektivität, seines ‘eigentlichen’ Selbst. Die Traumsequenz setzt
zwar einen deutlichen Kontrapunkt zum ersten Teil des Briefes, wo Liszt von
seinen Mailänder Konzerten und weiteren Salonereignissen berichtet. Die beiden
Handlungsebenen schließen einander jedoch nicht aus, sondern sind ineinander
verschachtelt: Es ist, als ob die Traumerzählung nicht nur Antithese, sondern auch
W iderspiegelung des Schicksals eines reisenden Virtuosen sei, dessen groteske
Unbilden Liszt zu Beginn mit unverhohlenem Sarkasmus schildert. Der Text ist
von einem reisenden Musiker an einen seßhaften gerichtet16; das VoyageurSyndrom, wie man es nennen könnte, betrifft die gesamte Konstellation in ihren
‘äußeren’ und ‘inneren’ Handlungsebenen.
Sehr charakteristisch ist hier die (auch an vielen Parallelstellen ablesbare)
Distanzierung Liszts von dem, was seine künstlerische Arena und Haupteinnah­
mequelle ist und noch ein Jahrzehnt bleiben wird: die des Virtuosen und Salonlö­
wen. Es handelt sich dabei um mehr als um eine bloße literarische Attitüde: Hier
wird zweifellos ein psychodynamisches Spannungsfeld markiert, das für Liszt von
zentraler Bedeutung ist. (Es ist ja kaum Zufall, daß es sich bei den Begriffen des
„voyageur“ und des „pelerin“ geradezu um die Titelvarianten von Liszts Haupt­
werk aus dieser Periode, dem Album d ’un voyageur bzw. den Annees de pelerinage,
handelt.) Meistens ergreift Liszt gegen den Virtuosen, der sich und seine Kunst
öffentlich prostituieren muß, die Option ‘Beethoven’, also das Ideal des ‘seriösen’
Künstlers, wie er einer Zentralsonne gleich in Liszts psychischer Landschaft steht.
In diesem Fall aber wird eine andere Perspektive eröffnet, für die Schuberts
Wanderer abermals als Wegmarke fungiert. Das Postskriptum nämlich, das neben
dem patriotischen Bekenntnis zu Ungarn auch einen Bericht über Wiener Ereig­
nisse (Schuberts Lieder und Clara Wieck) enthält, scheint nämlich eine indirekte
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Antwort auf das ‘Voyageur-Syndrom’
zu sein.
der
Traumsequenz ist Schuberts
W anderer sozusagen zu gleichen Teilen auf die ‘weiße’ und ‘schwarze’ Symbolik
aufgeteilt: Die Schubertsche Musik steht für den fernen Abglanz jener Heimat, die
für den Wanderer laut Text unerreichbar ist. Das Bekenntnis zur ungarischen
Nation aber eröffnet gleichsam eine neue Option, die das Dilemma, von dem im
Haupttext die Rede ist, zwar nicht ‘löst’, aber entschärft: Der ewigen W ander­
schaft des Künstlers wird eine Heimat in Reichweite gegenübergestellt, im
Medium eines nationalen Kollektivs, das sowohl die uneigentliche Existenz des
Künstlers wie auch dessen subjektive Privathölle aufhebt.
Es sind also drei Ebenen, die gleichsam das Hauptszenario dieses Textes bilden:
die des Virtuosen, die des Wanderer-Voyageurs und die des patriotischen Be­
kenntnisses. Alle drei sind durch das Voyageur-Syndrom miteinander verschränkt
und zentral mit dem Schubertschen Wanderer verschlüsselt. In gegenseitiger
Verweisung illustrieren sie sozusagen die psychodramatische ‘Urszene’ des
Künstlers Liszt, das verborgene Zentrum, das auf sein Verhalten als Künstler
ausstrahlt und daher auch allen weiteren Überlegungen vorausgestellt werden
muß.
III.
In das Hauptszenario des Textes ist eine versteckte Nebenhandlung einge­
schrieben: Auf dem Mailänder Hausball der schönen Comtesse Samoyloff wird
nach Walzern von Johann Strauß getanzt:
„Les diamants, les fleurs, les gazes, les satins flottaient, papillonaient, tourbillonaient au
son d ’une entrainante valse de Strauss.“17
Der bloße Nachname genügt offensichtlich: Dem französischen Lesepublikum,
das der primäre Adressat des Lisztschen Reisebriefs ist, muß „Strauss“ bereits ein
Begriff sein. Johann Strauß („Vater“, 1804-1848) hatte gerade zur Jahreswende
1837/38 mit seinem Orchester in Paris wahre Triumphe gefeiert. Der StraußWalzer ist in Liszts Text prominent plaziert. Er hat seine Stelle unmittelbar vor der
Traumsequenz und fungiert geradezu als deren Initialmoment. Er verstärkt einer­
seits den Opium-Effekt: Liszt versieht ihn mit dem Beiwort „entrainante“ („une
valse entrainante“) „hinreißend“, „mit sich fortreißend“ wodurch er sehr
treffend das elektrisierende Moment wiedergibt, das als Charakteristikum des
Wiener Walzers gilt18 und gleichzeitig eine bedrohlich-intoxikative Komponente
einfließen läßt. Andererseits ist der Strauß-Walzer M itauslöser des Einsamkeits­
syndroms: Musik, so Liszt, habe als solche die Wirkung, ihn von der Welt
abzusondern; d.h. der Walzer ruft zunächst den Zustand des Auf-sich-selbstZurückgeworfenseins hervor, aus dem sich erst die Traumvision freisetzt. Trotz
dieser Vertracktheiten ist der Strauß-Walzer in diesem Text natürlich ganz auf der
‘oberen’ Handlungsebene, der der Öffentlichkeit und des Salons, angesiedelt,
woraus sich parallel zu den Schwerelinien dieses Textes eine interessante Konstel­
lation ergibt, in der sich gleichsam die europäische Großmächtepolitik vor 1848
spiegelt: Vor dem Wanderer-Traum der Wiener Walzer, nach ihm, im Postskrip­
tum, das patriotische Bekenntnis zu Ungarn.
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Johann Strauß ©der
Ältere ist wie später sein Sohn Repräsentant nicht nur eines
musikalischen Genres, das des typischen Wiener Walzers, der seine europäische
Geburtsstunde beim Wiener Kongreß hat, sondern auch des kaiserlichen Wien
selbst, als dessen Exportartikel der Walzer zweifellos schon zu dieser Zeit gilt.
Strauß hat sich gerade in den Dreißigerjahren durch Konzerttourneen bereits
international bekannt gemacht. Für den Schauplatz des Textes ist jedoch ein
anderer Punkt entscheidend: Der Mailänder Salon befindet sich 1838, politisch
gesehen, ja nicht abstrakt in Italien, sondern in einer österreichischen Provinz. Die
Lombardei und Venezien, von wo der Reisebrief und sein Postskriptum datiert
sind, haben mit dem Königreich Ungarn gemeinsam, daß sie Staatsteile des
Österreichischen Kaiserreiches sind (die Lombardei bis 1859, Venezien bis 1866).
Mit dem Strauß-Walzer ist gleichsam die Besatzungsmacht präsent. Dies mag in
der abgehobenen Sphäre des Hausballs, wie sie Liszt beschreibt, überhaupt nicht
ins Gewicht fallen - die feine Mailänder Gesellschaft hat sich mit den politischen
Gegebenheiten arrangiert -, gibt aber vor allem aus dem Lichte des Späteren ein
latentes Bedrohungsbild wieder: Zehn Jahre später wird der österreichische
Feldmarschall Radetzky vom Palazzo der Sforza aus die Stadt bombardieren
derselbe Radetzky, dem Strauß der Ältere im selben Jahr 1848 jenes Musikstück
widmen wird, den Radetzky-Marsch op. 228, der heute als Inbegriff österreichi­
scher Musik gilt und beim traditionellen Neujahrskonzert der Wiener Philharmo­
niker als obligate letzte Zugabe in alle Welt übertragen wird. Im selben Jahr 1848
wird auch das Unabhängigkeitsproblem Ungarns innerhalb der HabsburgerMonarchie zum ersten Mal zur vollen politischen Brisanz gelangen.
IV
Der Reisebrief scheint also ein latentes politisches Szenario zu enthalten, in
dessen Mitte Österreich steht. Wenn man vom „Österreichischen“ spricht, so muß
man stets evident halten, daß dieser Begriff im 19. Jahrhundert nicht ‘national’
besetzt ist. Er bezeichnet jenes Staatsgebilde des Österreichischen Kaiserreiches,
das als Konglomerat der Habsburgischen Erb- und Kronländer 1804/06 aus dem
Zusammenbruch des Heiligen Römischen Reiches hervorgegangen ist. Als Staats­
idee ist Österreich, die „Domus Austria“, der universalistische Deckbegriff für die
Völker und Nationen, die er unter sich faßt. Diese gemeinsame dynastische
Klammer erwies sich als identitätsstiftendes Moment jedoch zunehmend als
brüchig gegenüber den einzelstaatlichen Selbständigkeitsbestrebungen, die sich
im 19. Jahrhundert unter der Flagge des ‘Nationalen’ artikulierten, und sich
zentrifugal, auf Kosten des Gesamtgebildes, auswirkten. So kommt es eben, daß
es um die Mitte des 19. Jahrhunderts zwar eine deutsche, eine italienische, eine
ungarische, aber keine österreichische National-Bewegung gab, und daß - inso­
fern das ‘nationale Paradigma’, wie man es nennen könnte, nicht nur eine
fundamentale politische Triebfeder darstellte, sondern auch im geistig-kulturellen
Bereich mächtige Synchronisierungseffekte hervorrief das ‘Österreichische’
auch auf der musikgeschichtlichen Landkarte des 19. Jahrhunderts einen weißen
Fleck markiert, sozusagen die Leerstelle zwischen der „Idee der deutschen M usik“
und den verschiedenen „Nationalen Schulen“ M ittel-Osteuropas19
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Wie nimmt sich© Liszts
Bekenntnis
Ungarn
in diesem
Kontext aus? Hat Liszts
Postskriptum die politische Qualität antiösterreichischer Parteinahme?
Der Text selbst ist hierin nicht sehr deutlich. Er ist einerseits durch das
Voyageur-Syndrom geprägt und durch andere literarische Topoi vermittelt und als
Mitteilung natürlich auf das französische Publikum berechnet, dem gegenüber
sich Liszt da als Angehöriger eines undomestizierten, aber stolzen Volkes präsen­
tiert („O ma sauvage et lontaine patrie !“)20, ein „edler W ilder“ in der Tradition von
Chateaubriands Rene. Versucht man, das, was Liszt aus seiner ‘französischen’
Geisteslage in diesen Text einbrachte, von jenem zu isolieren, was tatsächlich auf
das ungarische Erlebnis von 1838 zurückzuführen ist, so scheint der Text sehr
wohl eine neue Option zu eröffnen. Liszt scheint sich zunächst bewußt zu sein, daß
sein Bekenntnis auch eine latente politische Dimension hat. Im Sprachgestus
schwingt ähnlich wie im Falle des Lyoner Arbeiterelends21 ein Jahr zuvor ein
wenig der parti pris für die Erniedrigten und Entrechteten mit; und wenn er seinen
ungarischen Landsleuten eine ruhmreiche Zukunft prophezeiht, dann bewegt er
sich hart an der Grenze dessen, was etwa ein Jahrzehnt später vielleicht auch einen
Metternichschen Polizeibeamten interessiert haben würde.
Dazu zwei Beobachtungen, die das Problem zwar nicht lösen, aber doch
plastischer hervortreten lassen:
1. Liszts Bekenntnis von 1838 setzt eine Zäsur, die noch nicht vorhanden war,
als Liszt fünfzehn Jahre zuvor aus Wien abreiste: Seiner Herkunft nach ist Liszt
„Ungar“ strenggenommen lediglich in geographischem Sinn. Das Königreich
Ungarn erhielt - wie die gesamte Habsburger-Monarchie - eine flächendeckende
Verwaltungsstruktur (Einführung von Bezirkshauptmannschaften usw.) erst mit
den Reformen der Fünfzigerjahre. Die erste für den jungen Liszt im west­
ungarischen Raiding relevante politische Struktur war die Esterhäzysche Zentral­
verwaltung in Eisenstadt gewesen, deren Beamtenschaft sein Vater angehörte. Die
Amtssprache dieser Verwaltung - sowie Liszts Muttersprache wie auch die seiner
Vorfahren väterlicherseits - war Deutsch und nicht Ungarisch, die Sprache der
Landbevölkerung. Der Fürst selber hielt sich in Wien am Kaiserhof auf; der
ungarische König, dessen Untertan Liszt mittelbar war, war mit dem österreichi­
schen Kaiser identisch und residierte in Wien. Als Liszt 1823 in Wien an Diabellis
Variationen-Ausschreibung teilnahm, wurde er selbstverständlich als „(Knabe
von 11 Jahren) geboren in Ungarn“ in den so benannten „Vaterländischen Künstler­
verein“22 miteinbezogen.
Liszt hätte 1838 also, wenn er „ma patrie“ sagt, in diesem Quiproquo verschie­
dene ‘Vaterländer’ auswählen können. Daß er eine bestimmte Wahl traf, zeigt, daß
er sich mit einer politisch-nationalen Geisteslage in Ungarn synchronisierte wenn
nicht solidarisierte, die zur Zeit seiner Kindheit noch nicht virulent war und nun,
repräsentiert durch verschiedene Gruppierungen, letztlich auf eine Los-vonHabsburg-Bewegung hinauslief.
2. Wenn dieser Solidarisierungseffekt allerdings je wirksam wurde, dann nicht
in politischer Aktion oder in der Weise, daß Liszt daraufhin geradewegs ‘sein
Leben verändert’ hätte. Liszt hat nicht nur nicht öffentlich Partei genommen für
die politische Sache Ungarns (das hat ihm Heine 1849 bekanntlich sehr zum
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Vorwurf gemacht23);
er hatfürsich
nach
Beendigung
seiner Virtuosenreisen auch
zunächst keineswegs in Ungarn, sondern in Weimar niedergelassen. Wenn sich
also sein Ungarn-Erlebnis, so überwältigend es für ihn gewesen sein mag, in seiner
Biographie zunächst niederschlägt, dann einerseits ‘äußerlich’ in der Tourneen­
planung des Virtuosen (den beiden Ungarntourneen 1839/40 und 1846) und
andererseits in seinen ungarischen Kompositionen, die später in das Projekt der
Ungarischen Rhapsodien münden. Ungarn, wie Liszt es im Postskriptum seines
Reisebriefs als eine Imago von „Heimat“ anvisiert, bleibt noch auf Jahre hinaus
eine topographische Chiffre für eine künstlerische Option, die dem Schlüsseler­
lebnis von 1838 wohl sogar bereits vorausgegangen sein mag, sich aber mit ihm
erst vollends eröffnet hat, ein emotional-heroisches Ferment seines künstlerischen
Wirkens.
Mit anderen Worten: Obwohl im Postskriptum von ungarischer oder Zigeuner­
musik usw. noch keine Rede ist, ist es eine eigentlich durch und durch künstleri­
sche Konsequenz, die Liszts nationales Bekenntnis zunächst (die Rede ist vom
Zeitraum bis zum Ende der Virtuosenjahre) zeitigte. Doch ebenso wie die natio­
nale H inw endung zu U ngarn auf der sozusagen ‘p o litis c h e n ’ Ebene
unausgesprochenermaßen das Urteil über Österreich enthält, so ist auch in Liszts
künstlerischem Verhalten die Frage des ‘Österreichischen’ in der Entscheidung
für Ungarn verborgen. Man hat also, um zum Kern des Themas „Liszt und das
Österreichische“ vorzustoßen, Liszts Werk selbst zu befragen. Dies soll im
folgenden in Form eines Gedankenexperiments versucht werden.
V
Liszt hat bis zum Ende seiner Virtuosenzeit eine ganze Reihe von Kompositio­
nen verfaßt, die in Titel oder Sujet usw. einen Bezug zu Orten, Landschaften,
Staaten oder Nationen aufweisen. Diese wären zunächst in einer chronologisch
angeordneten Liste zu erfassen. Der Katalog müßte weit genug sein, um auch jene
Werke aufzunehmen, in denen der Bezug literarisch vermittelt ist, wie im Falle
von Vallee d ’Obermann, oder sekundär über ein bearbeitetes Original gegeben ist,
wie im Falle der Ouvertüre zu Guillaume Teil beide Stücke wären z.B. der
Schweiz zuzuordnen. Zweifellos müßte in einer ganzen Reihe von Streitfällen erst
entschieden werden, ob sie überhaupt in die Auswahl gehören oder nicht. Auch
müßte bei dieser Zuordnung unentschieden bleiben, ob „Schweiz“ oder „Italien“
geographische Begriffe im eigentlichen Sinn sind oder ihrerseits literarisch oder
sonstwie kulturell geprägte Topoi usw. Das Resultat des Verfahrens wäre jeden­
falls ein Katalog derjenigen Kompositionen Liszts vor 1848, die eine ‘nationale’
Beziehung im weitesten Sinne des Wortes aufweisen.
Der zweite Schritt beträfe die innere Strukturierung dieses Materials: Man
müßte für jede Komposition die Unterscheidung treffen, ob die ‘nationale’
Zuordnung ‘äußerlich’ ist bzw. sich in völlig konventionellem Rahmen bewegt
und eigentlich keine individuelle Aussagekraft hat, oder ob damit eine dezidierte
‘nationale’ Hinwendung des Komponisten verbunden ist. Dieser Analyseschritt
würde vermutlich die Versuchsanordnung vor unüberwindbare Probleme stellen,
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denn es müßte zweifellos
für jede
Komposition
ein
eigenes
ästhetisches Kategorien­
system entwickelt werden, innerhalb dessen der Stellenwert des ‘nationalen’
Faktors zu ermitteln wäre. Um trotzdem einigermaßen pragmatisch vorzugehen,
ohne in allzugroße Abstraktionen zu fallen, könnte man vorschlagen, den Reise­
brief von 1838 für das Gedankenexperiment fruchtbar zu machen. Wenn dieser
Text ein zentrales psychodynamisches Spannungsfeld des Künstlers und Virtuo­
sen Liszt markiert, dann müßte er auch die inneren Ordnungskriterien für Liszts
Werke dieser Periode liefern können. Es sind die drei Handlungsebenen des
Textes, nämlich die des reisenden Virtuosen, die des Wanderer-Voyageurs und die
des patriotischen Bekenntnisses, die im W erkkatalog Liszts abgebildet und in die
analogen Werkkategorien übersetzt werden könnten: das ‘Reiserepertoire’ des
Virtuosen, die Projekte mit ‘seriösem Anspruch’ und die ‘nationalen Projekte’
selbst. Dazu folgende Erläuterungen:
1. Das ‘Reiserepertoire’
Diese Kategorie betrifft die konventionelle Ebene: Nicht nur in Liszts Werk­
liste, sondern auch in denen Czernys, M oscheies’, Kalkbrenners oder Thalbergs24
findet sich eine große Anzahl von Kompositionen ‘nationaler’ Charakteristik oder
mit Bezug zu Orten und Landschaften. Es gehörte offenbar zum Brauch des
reisenden Musikers, durch Stücke dieser Art dem Publikum der Stadt, in der man
das Konzert gibt, eine Hommage darzubringen oder durch die musikalische Kunde
von anderen Ländern und Menschen umgekehrt das Flair der Internationalität, die
den Virtuosen auszeichnet, zu unterstreichen. Das (Euvre seiner Kollegen blieb
auch in den Vierzigerjahren von den politisch-nationalen Strömungen, dem
‘Erwachen der Nationen’, nicht unberührt25. Dazu kommt, daß das ‘Nationale’ seit
dem 18. Jahrhundert auch durch verschiedene europäische Tanztypen (wie bei­
spielsweise die Polonaise oder die Ecossaise usw.) besetzt war. Das ganze Repertoire
reicht hier vom „Souvenir de “ in Form eines Albumblatts bis zur Fantasie über
‘offizielle’ Hymnen zu verschiedensten Anlässen. Auch Thalberg hat mehrere
Arten von ‘National’-Melodien benutzt; seine musikalische Huldigung an die
Königin Victoria zu ihrem Regierungsantritt, die Grande Fantaisie sur les Airs
nationaux Anglais: God save the Queen etR ule Britannia op. 27, mit der er 1837
gegen Liszt angetreten ist, gehört letztlich auch in dieses Genre. Liszt hat dazu
sogar ein Pendant aufzu weisen, seine Bearbeitung God save the Queen von 184126.
2. Die Ebene des ‘W anderer-Voyageurs’
Die erste Ebene ist, was sie allein betrifft, bei Liszt unterhöhlt und getragen
durch eine von allem Anfang an engagierte, sozusagen ‘Herdersche’ Intention,
nach substanzielleren musikalischen Charakteren der Regionen, Städte oder
Länder zu suchen, die in seine Wahrnehmung fielen. In diese Kategorie wäre z.B.
Liszts konsequentes und systematisches Sammeln von Nationalmelodien aller
Arten einzuordnen, aus denen dann die einschlägigen Kompositionen wie die
ungarischen Magyar Dallok oder andererseits etwa auch die 1845 anläßlich der
Spanientournee entstandene Große Konzertfantasie über spanische Weisen27
erwuchsen. (Auch das eben' erwähnte God save the Queen von 1841 z.B. war
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offensichtlich als©Teil
einer fürFantasie
überdownload
engliche
Nationalmelodien gedacht.)28
Es handelt sich also hier bei Liszt um ein regelrechtes künstlerisches Konzept, das
der „Nationalmelodien“, das man in dem Gedankenexperiment wohl der Ebene
des Wanderer-Voyageurs zuordnen muß. Denn es findet nicht nur direkten
kompositorischen Niederschlag in den Bearbeitungen von und Fantasien über
Nationalmelodien, sondern führt auch zur höchst eigenwilligen Konzeption des
Album d ’un voyageur, das in dieser Zusammenstellung neben der Erstfassung von
Vallee d ’Obermann, worin die Schweiz nur noch als poetischer Ort eines
Psychodramas fungiert, eben auch die Sammlung der Fleurs melodiques des Alpes
enthält (und
laut Vorwort
in einem späteren Stadium Nationalmelodien
verschiedener Völker, darunter auch ungarische, enthalten sollte)29 Wenn man
vom „W eltbürger“ Liszt spricht, sollte man nicht verschweigen, daß es die
Chiffren der eigenen Heimatlosigkeit sind, die der Künstler Liszt im Album d ’un
voyageur in Gestalt der Schweizer Melodien und Impressionen um sich versam­
melt.
Erst von diesem Komplex setzt sich die Ebene der dezidiert ‘nationalen
Projekte’ ab:
3. Die ‘nationalen Projekte’
Franz Liszt hat einerseits während seiner Deutschland-Tourneen einige Kom­
positionen für Männerchor verfaßt, die als Dokumente eines patriotischen Enga­
gements in der deutschen Nationalbewegung des Vormärz verstanden werden
können30 - ein Anliegen Liszts, das, ästhetisch transformiert, im späteren Weima­
rer Schaffen Liszts zweifellos seine Fortsetzung findet. Das Konzept der „National­
melodien“ andererseits setzt sich jedoch gleichsam auf Ungarn fest, wo es sich mit einer gewissen Verzögerung - über die Zwischenstufe der Magyar Rhapsodiäk
von 1846 schließlich in den Ungarischen Rhapsodien mit ihrem ideologischen
Überbau („Ungarisches Nationalepos in Tönen“) des Zigeunerbuches31 materiali­
siert - ganz zu schweigen von dem Sog, der vom musikalischen Prinzip „Ungarn“
auf Liszts spätere Werke ausgehen sollte.
Man sieht also: Zwischen den drei Kategorien sind eigentlich keine scharfen
Trennlinien zu ziehen; sie sind weniger als Schubladen zu verstehen, in die man
Liszts Werke hineinzuzwängen hätte, sondern bezeichnen eher Spannungsfelder,
zu denen jede einzelne Komposition jeweils unterschiedlichen Abstand einneh­
men kann.
Trotzdem könnte man nun in einem dritten Schritt versuchen, die bisherigen
Kategorisierungsergebnisse graphisch zu veranschaulichen: Man könnte auf einer
europäischen Landkarte jedes Werk mit geographischem oder ‘nationalem’ Bezug
mit einem Punkt oder durch Schraffur eintragen; geplante Werke sowie verschie­
dene Fassungen eines Werkes müßten separat berücksichtigt werden. Die drei
Werkebenen könnten durch verschiedene Farbtönung, oder noch besser, in drei­
dimensionaler Versuchsanordnung durch Eintragung auf übereinandergelagerten
Folien wiedergegeben werden. Das Resultat wäre sozusagen ein europäischer
Atlas für Liszts Schaffen bis 1848, der das Thema „Liszt und die Nationalitäten“
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www.biologiezentrum.at könnte nicht nur
für diesen Zeitraum
statistisch
abbildet.
Dieses
Kartendiagramm
für den gesamten Zeitraum, sondern auch etwa für Jahresschnitte erstellt werden,
sodaß man anhand von deren Abfolge die ‘nationale’ Entwicklung des Komponi­
sten Liszt in seinen Werken ablesen könnte.
Wie immer das Ergebnis eines solchen statistischen Versuchs ausfallen und
welche Aussagekraft man ihm letztlich beizumessen geneigt wäre - für die Frage
nach Liszts Verhältnis zum ‘Österreichischen’ kann man jedenfalls die Antwort
vorausnehmen. Das Ergebnis des Gedankenexperiments wäre eindeutig: Während
man über dem ungarischen Territorium eine intensive Färbung bzw. hohe vertika­
le Streuungsdichte der Eintragungen erwarten darf - sozusagen vom ‘Virtuosen­
stück’ Pester Karneval über die Magyar Dallok und Rhapsodiäk bis zum tatsäch­
lich zensurnotorischen32 Räköczi-Marsch -, ergäbe sich hingegen auf dem Gebiet
des heutigen Österreich eine geradewegs weiße Fläche: Liszt hat sich, wenn man
von der Grande fantaisie sur la Tyrolienne de Vopera La Fiancee d ’Auber (1829/
1839)33 und einem 1843 komponierten Ländler34, einer merkwürdigen Stilübung,
absieht, kompositorisch niemals etwa um ‘österreichische Nationalmelodien’
bemüht; er hat nicht - wie Clara Wieck bei ihrem Wiener Aufenthalt von 1838 die österreichische „Volkshymne“ mit der Melodie Joseph Haydns, das Gott
erhalte, bearbeitet35 (bei dem übrigens Eduard Hanslick 1848 klarsichtig bemerk­
te, es sei eben kein Nationallied, sondern eine Kaiserhymne)36, noch einen StraußWalzer oder gar den Radetzky-Marsch', das ‘Alpenländische’ ist bei ihm nicht
durch das ‘Steirische’ oder ‘Tirolische’, sondern durch die Schweiz besetzt, dem
klassischen europäischen Land romantischer Natur- und Ursprungssehnsucht.
Auf diese Weise redupliziert Liszt durch eine Leerstelle in seinem sonst so
flächendeckend europäischen (Euvre den weißen Fleck auf der Landkarte der
‘musikalischen Nationalitäten’, den Österreich zu dieser Zeit darstellt.
Vielmehr beginnt die ungarische Karte für Liszt bereits in Wien. Wien ist
sozusagen in dieser Zeit Liszts ungarischer Brückenkopf: Von Wien aus werden
die ungarischen Tourneen unternommen, in Wien ist der Sitz des Verlagshauses
Haslinger, das auch die Magyar Dallok druckt. Dies alles spricht eine beredtere
Sprache als es ein flammendes patriotisches Bekenntnis je könnte. Auch Schubert,
mit dessen Liedern sich Liszt zwar schon weit vor 1838 zu beschäftigen begonnen
hat, die er aber ab diesem Jahr in größerer Anzahl überträgt, ist nicht eigentlich
‘wienerisch’ besetzt, sondern ein Faktor eigener Größe, der in Liszts ideologi­
schem System, wie die „Wanderer“-Episode illustriert, tief sitzt. Man könnte
sogar umgekehrt behaupten: Nicht Schubert ist für ihn ‘wienerisch’, sondern Wien
durch Schubert besetzt. Vielmehr muß man sogar eine Schubert-Bearbeitung
Liszts eben aus dem Jahr 1838 in die Vorgeschichte der Ungarischen National­
melodien rechnen, die Melodies hongroises d ’apres Schubert37 nach dessen
vierhändigem Divertissement ä l ’hongroise op. 54 [D 818] - und das vor allem,
weil sich in den virtuosen Passagen schon ein Vorgeschmack auf die adaptierten
Zigeunerspielweisen finden läßt. Dies zeigt nebenbei, daß Liszt den „ungarischen
Nationalstil“ keineswegs ‘erfunden’ hat, sondern sich seinerseits bereits in einer
„All’Ongarese“-Tradition befindet, die über Schubert selbst bis in die Werke
Joseph Haydns zurückreicht38. Schubert erfüllt hier für Liszt beinahe eine ähnliche
83
Landesmuseum für
Burgenland, Austria,E.Th.
download A.
unterHoffmann,
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Funktion wie die ©deutschen
Romantiker
Heine und Tieck für
Richard Wagner, die diesem die mittelalterlichen Stoffe zunächst literarisch
vermittelten, bevor er sich den Quellen selbst zuwandte.
In diesem Licht betrachtet ist Liszts Reisebrief an Lambert Massart ein bedeu­
tendes musikhistorisches Dokument des 19. Jahrhunderts: Er belegt eindrucks­
voll, daß für einen Künstler wie Liszt, der ‘seine’ Sache mit einem nationalen
Aufbruch zu verbinden geneigt war, das ‘Österreichische’ unattraktiv sein mußte.
Das ‘Österreichische’ als ‘Ton’ oder musikalischer ‘Nationalcharakter’ mag in
der Musik des 19. Jahrhunderts - Schubert, Bruckner - zwar nachträglich festge­
macht werden können, hatte aber - im Sinne eines ‘nationalen’ Gesamtentwurfs kein Korrelat im zeitgenössischen künstlerischen Bewußtsein.
V
Umso mehr überrascht und freut einen daher die Existenz der Soirees de Vienne,
die diese Lücke bei Liszt füllen. Der ideelle Hintergrund hat sich natürlich bis
1852 gewandelt: Liszt ist in Weimar seßhaft und hat in der klassischen Weimarer
Tradition eine künstlerische Heimat gefunden: 1851 sind die Ungarischen Rhap­
sodien erschienen; Schubert ist für Liszt in Weimar auch nach Abschluß der
wesentlichen Bearbeitungen noch aktuell. So würde er 1854 im Weimarer Hof­
theater Schuberts Alfonso und Estrella herausbringen; auch plante Liszt mit der
Fürstin Wittgenstein 1851 eine literarische Studie über Schubert, zu der - wie
anfangs erwähnt Simon Löwy, der Widmungsträger der Soirees de Vienne,
biographisches Material liefern sollte. Hier sah Liszt vermutlich die Gelegenheit,
ein wegen anderer Okkupationen zurückgestelltes Projekt nachzuholen.
Die Soirees de Vienne bestehen aus neun Folgen, in denen Liszt Schubertsche
Tänze zu Klavierstücken von der Ausdehnung der Chopinschen Walzer zusam­
menstellt.
Schuberts Originale sind „Ländler“, „Deutsche“ und „Walzer“, die Schubert
selbst ab 1821 in mehreren Ausgaben veröffentlichen ließ. Liszt konnte sich bei
seiner Bearbeitung konkret auf folgende Drucke stützen, die das in den Soirees de
Vienne verwendete Material enthalten39:
36 Originaltänze fü r Klavier op. 9 [= D 365], komponiert zwischen März 1818
und Juli 1821, erschienen 1821 in zwei Heften, Wien, Cappi & Diabelli, Verl.Nr. 873/874;
12 Walzer, 17 Ländler und 9 Ecossaisen fü r Klavier op. 18 [=D 145], einzelne
Tänze datierbar zwischen 1815 und 1821, erschienen 1823 in zwei Heften,
Wien, Cappi & Diabelli, Verl.-Nr. 1216/17;
16 Deutsche und 2 Ecossaisen fü r Klavier op. 33 [= D 783], zum Teil
komponiert zwischen Januar 1823 und Juli 1824, erschienen 1825, Wien, Cappi
& Diabelli, Verl.-Nr. 45;
34 Valses sentimentales fü r Klavier op. 50 [= D 779], komponiert ca. 1823,
erschienen in zwei Heften 1825, Wien, A. Diabelli & Co., Verl.-Nr. 2073/2074;
16 Ländler und 2 Ecossaisen („Hommage aux belles Viennoises. Wiener
84
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für Burgenland,
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Damen-Ländler“)
fü r Klavier
op.Austria,
67 download
[= D unter
734],
erschienen 1826, Wien, A.
Diabelli & Co., Verl.-Nr. 2442;
12 Walzer fü r Klavier („Valses nobles“) op. 77 [= D 969], erschienen 1827,
Wien, Tobias Haslinger, Verl.-Nr. 4920;
Schuberts Tänze sind in der Regel sehr kurze Musikstücke, meist bestehend aus
zwei achttaktigen Notenzeilen mit Wiederholungszeichen, sodaß sich, wenn man
den Notentext der Ausgaben Nummer für Nummer spielt, die endlose Folge aa bb
cc dd usw. ergibt. Erst die späteren Drucke weisen Tänze in der dreiteiligen
Disposition mit Trios auf.
Die „Ländler“, „Deutschen“ und „Walzer“ entsprechen einem Tanztypus, der
seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in Wien modern zu werden begann und der
musikalisches Resultat eines sozialen Emanzipationsprozesses ist, denn er mar­
kiert die Ablösung von den höfischen Tanzformen wie dem Menuett. Auch diese
Entwicklung vollzog sich bereits im Medium des ‘Nationalen’, wobei allerdings
die deutschen Bezeichnungen wie überhaupt der Titel „Deutsche“ mehr Synonym
für den gesellschaftlichen Trägerwechsel oder den sozialen Standort („Ländler“)
sind als im Sinne des späteren 19. Jahrhunderts ‘national’ inspiriert. Ethnogra­
phisch gesehen sind „Ländler“, „Deutsche“ und „W alzer“ Mitglieder oder Ab­
kömmlinge ein und derselben Tanzfamilie; „Ländler“ gilt als Sammelname für die
im süddeutschen Raum verbreiteten Volkstänze im langsamen Dreivierteltakt.
Die Terminologie ist keineswegs eindeutig und eine scharfe Unterscheidung
zwischen den Typen schwierig zu treffen, da musikalische und choreographische
Sachverhalte, sozial- und sprachgeschichtliche Kriterien ineinandergreifen. Der
Begriff „Deutscher Tanz“ konnte um 1800 gleichzeitig für verschiedene Tanz­
formen angewandt werden: für den „Ländler“ als dessen städtisches Gegenstück,
für die Schlußfigur des Ländlers, für „das W alzen“ usw. Als gesichert gilt, daß
sich der „Walzer“ als ein nicht an ein choreographisches Muster gebundener
Rundtanz aus dem „Deutschen“ entwickelt hat40.
Schuberts Tänze sind Gebrauchsmusik, geschrieben nicht für den großen
Rahmen, sondern für Hausbälle oder andere gesellige Zusammenkünfte, z.B. auch
die sog. „Schubertiaden“ Als solche sind sie im Umgangston sozusagen ganz
biedermeierliches Wien und weisen den für Schubert tiefstmöglichen individuel­
len Bearbeitungsgrad auf. (Trotzdem kann Schubert es natürlich nicht verhindern,
daß überall sein ‘Ton’, eben das unverwechselbare Idiom, durchdringt.) Auch bei
Schubert ist es schwierig, exakte musikalische Kriterien für die Unterscheidung
zwischen den Typen angeben zu können: Die Titel der „Deutschen“, „Ländler“
und „W alzer“ - der letztere Begriff taucht bei Schubert im Autograph nur einmal
auf - sind größtenteils vertauschbar und auch von Schubert selbst als Synonyma
gebraucht41. Mit ihnen greift Liszt jedenfalls auf die Vorformen des Walzers
zurück, wie er sie während seiner frühen Wiener Zeit wohl kennengelernt haben
mag: Sie halten sozusagen den ideellen Punkt in der Entwicklung des Walzers fest,
bevor sich aus der spezifisch Wiener Linie, die in den Walzertyp Lanners und
Strauß’ mündet, der Walzer als allgemeiner Tanztyp ohne nationale Prägung
85
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abspaltet. (Der Wiener
Kongreß
von Austria,
1815download
repräsentiert
diese historische Schnitt­
stelle.42)
Die folgende Tabelle gibt die von Liszt in den Soirees de Vienne (I-IX) verwen­
deten Schubert-Tänze in der Reihenfolge ihres Auftretens wieder:
I
Op. 9, Nr. 22 (= H. 2, Nr. 4)
Op. 67, „Ländler“ Nr. 14
Op. 33, „Deutscher“ Nr. 15
II
Op.
Op.
Op.
Op.
Op.
Op.
9, Nr. 1
18, „Ländler“ Nr. 3 (= H. 2, Nr. 3)
9, Nr. 6 [1. Achttakter]
18, „Ländler“ Nr. 4 (= H. 2, Nr. 4) [1. Achttakter]
18, „Ländler“ Nr. 5 (= H. 2, Nr. 5) [1. Achttakter]
9, Nr. 32 (= H. 2, Nr. 14)
III
Op.
Op.
Op.
Op.
Op.
Op.
Op.
18, „W alzer“ Nr. 1
33, „Deutscher“ Nr. 4
9, Nr. 19 (= H. 2, Nr. 1)
9, Nr. 20 (= H. 2, Nr. 2)
9, Nr. 25 (= H. 2, Nr. 7)
18, „W alzer“ Nr. 6
18, „W alzer“ Nr. 9
IV
Op. 9, Nr. 29 (= H. 2, Nr. 11)
Op. 9, Nr. 33 (= H. 2, Nr. 15)
V
Op. 9, Nr. 14
Op. 77, Nr. 3
VI
Op. 77, Nr. 9
Op. 77, Nr. 10
Op. 50, Nr. 13
86
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VII
Op. 33, „Deutscher“ Nr. 1
Op. 33, „Deutscher“ Nr. 7
Op. 33, „Deutscher“ Nr. 10
VIII
Op.
Op.
Op.
Op.
Op.
Op.
Op.
33,
77,
77,
33,
33,
33,
33,
„Deutscher“ Nr.
Nr. 11
Nr. 2
„Deutscher“ Nr.
„Deutscher“ Nr.
„Deutscher“ Nr.
„Deutscher“ Nr.
9
5
14
13
2
IX
Op. 9, Nr. 2
Was ist das Bauprinzip der Soirees de Vienne?
Um bei den musikalischen Bausteinen zu beginnen: Schuberts Tänze weisen
trotz ihres knappen Zuschnitts und des engen Rahmens, in dem sie sich bewegen,
eine erstaunliche Spannweite an verschiedenen Charakteren auf: Das Spektrum
reicht hier von den ‘ländlerisch’-derben, ganz in der Dreiklangsmelodik und den
Schwerpunkten des Dreivierteltakts verhafteten wie Op. 9/19 (III. Soiree) über
harmonisch verfeinerte bis zu rhythmisch komplexen Typen wie etwa der
hemiolisch gegen den Dreivierteltakt geschriebenen Nr. 13 aus den Valses senti­
mentales op. 50, die Liszt für das große Mittelstück seiner brillanten VI. Soiree
verwendet. Liszt - dies bereits eines der Bauprinzipien der Soirees - läßt Schuberts
Tänze syntaktisch unangetastet und gibt sie in der Regel vollständig wieder. Das
Hauptaugenmerk der Bearbeitung betrifft die pianistische Faktur.
Hier ist Liszt sehr erfinderisch und behutsam zugleich. Manche Tänze rührt er
beinahe überhaupt nicht an; sei erscheinen in den Soirees sozusagen als
Schubertsches ‘Original’. Bei manchen anderen variiert Liszt lediglich die Ober­
stimme (vgl. z.B. die Hinzufügung des ‘Echos’ bei Op. 33/14 in Soiree VIII);
manche aber ertönen bei Liszt gleich vorneweg in einer von der Originalgestalt
abweichenden Variante, ihres umgangsmusikalischen Gehäuses mit seiner beina­
he omnipräsenten ‘Hm-ta-ta’-Begleitung völlig entkleidet und auf den pianistischen
Stand eines lyrischen Klavierstücks von Chopin gehoben: Aus Op. 9/1 wird am
Beginn der II. Soiree ein wunderbar schwebendes Gebilde mit MittelstimmenBinnenmelodik der ineinandergreifenden Hände; der „Deutsche“ Nr. 10 aus
Op. 33 wird in der VII. Soiree zu einer regelrechten kleinen Valse melancolique:
(Notenbeispiel 1, siehe S. 88).
87
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Auch in der Materialkombination
sind
dieunterSoirees
sehr variabel und von
unterschiedlicher Dichte: Während die mittleren Soirees IV und V nur auf jeweils
zwei Schubert-Tänzen fußen, werden in Nr. III und Nr. VIII nicht weniger als
sieben verarbeitet. Trotzdem bleibt das Baumuster für alle Soirees dasselbe,
nämlich das der einfachen architektonischen Zusammenstellung. (Die IX. Soiree
bildet insofern eine Ausnahme, als es sich um eine einfache Variationenfolge über
einen einzigen Schubertschen Tanz, den sog. „Sehnsuchts-“ oder „Trauerwalzer“,
handelt.) Liszt kombiniert die Schubertschen Tänze zu größeren Einheiten in der
Art der Walzer Johann Strauß’, Walzerfolgen mit wiederkehrenden Abschnitten,
die mit einem Großbuchstaben-Formschema in der Art der musikalischen For­
menlehre leicht wiedergegeben werden können: A, B, A ’ usw. Überleitende oder
andere ‘freie’ Partien - sieht man von den Schlußcoden ab - sind knapp, ‘entwikkelnde’ oder gar ‘durchführende’ Passagen rar. Einleitungen werden meist aus
dem Material der Tänze selbst gestaltet. Das einzige kompositorische Mittel, das
in großem Maßstab zum Tragen kommt, ist das der Variation bzw. Varianten­
bildung, sei es in Form der primären bearbeitenden Zurichtung des Original­
materials, sei es in Form der Travestie wiederkehrender Formabschnitte (A \ A ”
usw.). Liszts ‘eigener’ Anteil verschwindet also nahezu völlig hinter den
Schubertschen Originalen, die sozusagen ganz ‘als sie selber’ präsentiert werden.
Liszt betätigt sich hier als pianistischer Dramaturg, der nach einem perfekten
Szenenplan die einzelnen Tanznummern nacheinander auftreten läßt. Die M etho­
den dieser Dramaturgie sind mannigfaltig: Liszt entreißt die Tänze, die er aus­
wählt, den schier endlosen Ketten, in denen sie in den Schubertschen Drucken
aufscheinen, und gruppiert sie zu plastischen Formabläufen, indem er einerseits
durch Gruppierung Gewichte verteilt und andererseits die charakterliche Abschat­
tierung dadurch unterstützt, daß er das in den Tänzen schlummernde musikalische
Potential herausarbeitet.
Als ein sehr instruktives Beispiel für die Machart der Soirees kann die Nr. IV
gelten. Sie fußt auf nur zwei Schubertschen Tänzen; daher ist hier dem einzelnen
Tanz größere Aufmerksamkeit gewidmet, das Niveau der Variantenbildung höher
als in anderen Soirees. Ihr Dispositionsschema ist einfach: Einl. - A - B - A ’ - B ’
- A. Hier werden nicht Schubert-Tänze zu größeren Formteilen zusammengefaßt
wie etwa in Soiree Nr. II, sondern die bearbeiteten Tänze markieren auch die
Formzäsuren.
Soiree IV beginnt mit einer kurzen ‘freien’ Einleitung, in der Liszt zunächst
augenzwinkernd auf eine bekannte Beethoven-Sonate (Op. 31/3) anspielt. Das
charakteristische Motiv (siehe Notenbeispiel 2a, S. 91) bereitet den Zuhörer aber
auf die beherrschende rhythmische Figur des ersten verwendeten SchubertWalzers, Op. 9/29, vor.
Abschnitt A: Schuberts Op. 9/29 stellt formal eine regelrechte a-b-a-Form von
dreimal je acht Takten dar, durch Wiederholungszeichen geteilt zu je 8 und 16
Takten. Sein Rahmenteil ist nicht nur melodisch, sondern auch harmonisch
‘auftaktig’: Er beginnt mit einem verminderten Septakkord als Vorhaltsharmonie
zum Quartsextakkord derTonika; erst auf T. 4 kommt die Tonika (im Schubertschen
Original D-Dur) zum Liegen. T. 5-8 ist eine Wiederholung von T. 1-4 in Lagen-
89
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Wechsel. Der Mittelteil
ist ganz von der Dominantharmonie der Mollparallele
dominiert; hier bekommt das punktierte Motiv - nun eine verminderte Septime gais im Dominantnonenakkord von h-moll - einen heroisch-schmerzlichen Akzent.
Nahtlos schließt an den Mittelteil die Wiederholung des Rahmenteils an: Der
verminderte Septakkord des Beginns erhält nun die Funktion einer verbindenen
Rückleitung zur Tonika.
In der IV. Soiree ist dieser Tanz nach Des-Dur versetzt. Liszt läßt den musika­
lischen Organismus, den er darstellt, melodisch vollkommen intakt. Neben dem
Ausschreiben der Wiederholungen und dem Auffüllen des Klaviersatzes im
zweiten Teil ist es ein sehr unscheinbares, aber umso wirksameres Detail, worin
seine Bearbeitung wirksam wird: Er bricht die kontinuierliche Dreiviertelbegleitung
der linken Hand auf, im vorderen Rahmenteil dadurch, daß er den Baß ton erst auf
den zweiten Schlag folgen und den Taktschwerpunkt durch Pause ausspart; im
schließenden Rahmenteil faßt er die nachschlagenden Viertelakkorde zu einer
Halben zusammen (NB 2b-c). Durch diesen einfachen Kunstgriff wird das Gebil­
de noch nervöser und fragiler, der Leidenschaftsausbruch im Mittelteil noch
unvorhergesehener und wuchtiger. Nach kurzem Einhalt schließt ohne Überlei­
tung Abschnitt B an.
Abschnitt B ist jener Schubert-Walzer op. 9/33, den Liszt bereits in der dritten
der Apparitions von 183443bearbeitet hat. Das, was nun in der IV. Soiree in A-Dur
in größtem Kontrast zum Vorangehenden anhebt, scheint mit dem Schubertschen
Original (NB 2d) zunächst gar nichts zu tun zu haben: Der Schubertsche Walzer
hat sich in eine ruhige, ausgedehnte Akkordfolge transformiert, bei der die
Hauptmelodie des Schubertschen Tanzes durch den Daumen der rechten Hand
beinahe nur eben angedeutet ist (NB 2e). Schuberts Op. 9/33, im Original in F-Dur,
besteht aus zweimal 16 Takten ohne Wiederholungszeichen. In seiner Mittelpartie
wendet sich der Walzer in die Mediante As-Dur, um erst ganz zum Schluß nach FDur zurückzukehren. Liszt kappt den Verlauf des Originals um die letzte, die
Tonika befestigende Schlußwendung und läßt sein Gebilde in konsequentem
Pianissimo zweimal durchlaufen, im zweiten Durchlauf zu einer auch pianistisch
weitgespannten Klangfläche geöffnet (NB 2f), einer Variante, die sich wieder
deutlicher an das Schubertsche Original hält (Oberstimmenmelodie, ‘W alzer­
begleitung’). Der Abschnitt B müßte damit eigentlich korrekt als b-b’ wiederge­
geben werden.
Die Rückkehr zu Abschnitt A ’ erfolgt nicht unmittelbar, obwohl die Vorzeich­
nung Des-Dur sofort eintritt. Es wird zunächst eine chromatische AchtelnotenDurchgangsfigur exponiert, zu der die linke Hand gleichsam versuchsweise,
jeweils durch einen Pausentakt getrennt, die vier Taktmotive von Op. 9/29
(Abschnitt A) intoniert. Hier handelt es sich sozusagen um einen im Notentext
festgehaltenen improvisatorischen Vorgang, der der Komposition selbst voraus­
geht und ‘eigentlich’ nicht in den Notentext gehört, nämlich wie der Komponist
Liszt am Klavier eine neue Variante ausprobiert. Der chromatische Gang paßt
offenbar hervorragend zur ohnehin nervösen Grundstimmung von Abschnitt A: Er
ist nun auf mannigfache Weise ständiger Begleiter des Durchlaufs von A ’, der am
Schluß durch Wiederholung erweitert und bis ins Fortissimo („Agitato assai con
90
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Allegretto con lntlmo sentlmento.
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Notenbeispiel 2
91
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somma passione“)© Landesmuseum
gesteigertfür Burgenland,
wird. An
dieser
Stelle
hat der musikalische Verlauf
der IV Soiree seine Spannungsperipetie.
Die neuerliche W iederkehr des Abschnitts B, der als b-b” wiedergegeben
werden müßte, ist eigentlich schon als Coda zu werten: Liszt beginnt nochmals mit
b, das sich dann jedoch unversehens von A-Dur nach Des-Dur, der Grundtonart
der Soiree zurückwendet, wo der Schubertsche Walzer nun sozusagen auch seine
Maske fallen läßt und nach und nach in Schubertscher Originalfaktur erklingt
(b” ). Auch das ist unter Liszts souveränem Zugriff möglich: daß eine ‘Bearbei­
tung’ sich schrittweise zum ‘O riginal’ zurückentwickelt! (Die „Allegretto
malinconico“-Einleitung der I. Soiree z.B. wird im Mittelteil dieses Stücks wieder
aufgegriffen und entpuppt sich dort als Variante des Walzers op. 33/15, der erst
danach in ‘Originalgestalt’ - Melodie in der Oberstimme - erklingt.) Der Schluß
der IV. Soiree ist außerordentlich knapp und ganz aus dem ‘Geist des Schubertschen
Originals’ geboren, gleichsam ohne Fremdmittel bewerkstelligt: Liszt bricht b ”
am Ende der Mediantenpartie (Fes-Dur, als E-Dur notiert) ab und schließt noch
einmal die ersten vier Takte von Op. 9/29 (A) an (der verminderte Septakkord des
Beginns erweist sich einmal mehr als Brückenharmonie zum Vorangegangenen),
die zögernd und unter taktweisen Fermatenpunkten im allerletzten Takt die
Tonika Des-Dur herbeiführen.
Es ist kaum möglich, auf die delikaten Details gesondert einzugehen, die man
in Liszt Soirees de Vienne antrifft. Es sind nur wenige bearbeitende Kunstgriffe,
die aus der Zusammenstellung zweier Walzer einen perfekten musikalischen
Organismus mit konsequenter Dramaturgie entstehen lassen. Gerade am Beispiel
von Schuberts Op. 9/33 tritt Liszts Bearbeitungsart in den Soirees deutlich zutage:
Auch in der 3. Apparition erklingt Schuberts Walzer zunächst vollständig (in einer
Variante übrigens, die b ’ der IV Soiree ähnelt); umgekehrt tritt auch in der IV
Soiree der Schubert-Walzer in äußerlich sehr veränderter Gestalt auf. Doch
während er in der 3. Apparition, fragmentiert in seine Einzelteile, von einer
grüblerischen Phantasie unter wechselnde Beleuchtung genommen wird, um
schließlich selbst ein Teil der zerklüfteten musikalischen Landschaft des jungen
Liszt zu werden, stellt die bearbeitende Zurichtung, die ihm in der IV Soiree
widerfährt, nur eine musikalische Travestie dar, die den ‘Körper’ des Originals
zwar umkleidet, aber sonst nicht antastet.
Um nun schließlich zum Kern der Fragestellung zu kommen: Wie steht Liszt
zum ‘Österreichischen’ in Schuberts Tänzen?
Es ist aus dem Bisherigen hervorgegangen, daß der ästhetische Reiz der Soirees
zu einem nicht geringen Ausmaß mit dem Mittel der kontrastierenden Abschattie­
rung zwischen den zusammengestellten Schubert-Tänzen erzielt wird, ein Kon­
trast, der nicht nur auf den Charakterunterschieden der Tänze selbst beruht,
sondern durch die verschiedenen Niveaus der Bearbeitung verstärkt wird. Eine
sehr eigenartige Wirkung aber ist dann gegeben, wenn einer der Tänze vom
alpenländisch-bodenständigen ‘Ländler’-Typus mitten im hochartifiziellen Klavier­
satz ganz unbehauen dasteht wie etwa Schuberts Op. 9/19 in der III. Soiree.
Zweifellos liegt in diesem, in manchen Passagen der Soirees mit Absicht provo­
92
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zierten Spannungsverhältnis
den
Niveaus
ein Schlüssel zur Beantwor­
tung der Frage nach dem ‘Österreichischen’
Franz Liszt hat diese ästhetische Distanz an einer Stelle der VIII. Soiree sogar
offen, wie auf einer Bühne, inszeniert (siehe NB 3). Schuberts Op. 77/2 wird dort
in lapidarem Klaviersatz gleichsam als eine imaginäre Musikkapelle („quasi
tromba“) eingeführt, die zuerst direkt unter dem Fenster bläst (ff) und sich dann
im Verlauf des Stücks allmählich vom Zuhörer entfernt („2da volta dim.“) Erst
danach, mit einer abrupten Rückung in die Mediante B-Dur und im Piano, erfolgt
ein kompletter zweiter Durchlauf des Tanzes in konventioneller Klavierfaktur
(die jeweiligen ausgeschriebenen Wiederholungen haben sogar weitgehend Schu­
berts Originalgestalt).
Die Bruchstelle zwischen den beiden Verlaufs Varianten zeigt einen kompletten
Wechsel der musikalischen Bedeutungsebenen an - als ob der Mann am Klavier
nun über das reflektiert, was er gerade von der Straße her gehört hat. Wenn man
will, kann man in den wenigen Takten das Verhältnis Liszts zur ‘österreichischen
Volksmusik’ festgehalten sehen inszeniert im Medium eines Schubertschen
Tanzes, der ja selbst eine erste Bearbeitung von ‘Volksmusik’ darstellt.
VI.
Es ist ein Hauptmerkmal der Soirees de Vienne, daß Liszt beinahe während des
gesamten Verlaufs ohne die große, ostentative Virtuosität auskommt - die kleinen
Notenwerte, ein Charakteristikum, das einem im Vergleich etwa zu den Melodies
hongroises d ’apres Schubert sofort in die Augen springt. (Eine Ausnahme bildet
hier die bewußt als Kontrapunkt gesetzte VI. Soiree, deren Kadenzen in der
zweiten Fassung noch erweitert wurden.) Liszt setzt zwar die subtilsten pianistischen
93
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Techniken ein, um
den poetischen
Gehalt
dieser
gleichsam zu sich selber
zu bringen, aber er läßt Schubert sozusagen bei sich zu Hause und hält sich
innerhalb der Grenzen des Genres; das gilt auch für die „Sehnsuchtswalzer“Variationen der XI. Soiree. Damit wahrt er gleichzeitig den Schauplatz seines
Sujets: die Abendgesellschaft in einem Wiener Bürgerhaus mit all ihrer biedermeierlichen Behäbigkeit.
Man hat über Liszts Transkriptionen von Schubert-Liedern gesagt, Liszt kom­
poniere da auch seinen eigenen Abstand zum Original hinein44. Das gilt noch viel
mehr für die Soirees de Vienne, wo diese Distanz bewußt inszeniert ist und
genaugenommen die ästhetische Pointe des Ganzen ausmacht. Durch die Lichtund Schatten Wirkung seiner Bearbeitungstechnik inszeniert Liszt nicht nur das an
Schubert, was er schon im Brief an Lambert Massart dessen Naivität und Ur­
sprünglichkeit genannt hatte (man möchte hinzufügen: Unverwechselbarkeit),
sondern er gibt vom Salon aus auch den Blick auf die Ländler frei - alles natürlich
durch das Medium Schubert hindurch, der hier als Unschärferelation nicht weg­
gerechnet werden kann. Wenn irgendetwas, so könnte man die so sorgsam in ihrer
Unbehauenheit hervorgehobenen Ländler aus heutiger naiver Perspektive
als‘Österreichische Nationalmelodien’ ansehen, und man könnte sich vorstellen,
wie eine entsprechende Komposition Liszts über solche ausgesehen haben mag.
Doch gerade in diesem Punkt springt der entscheidende Unterschied ins Auge:
In der 3. Apparition mag der Schubert-Walzer, vier Jahre vor dem Reisebrief an
Lambert Massart, als musikalische Chiffre von Ursprungssehnsucht fungiert
haben, und man hat diese Komposition zweifellos dem geistigen Milieu des
„W anderer-Voyageurs“ zuzuordnen; bei den Soirees de Vienne jedoch geht es
nicht um musikalische Verwurzelungstaktiken und -rituale, noch um den großen
nationalen Aufbruch, als dessen Medium jede Art ‘Volksgut’ stets gedient hat. In
den Soirees hält Liszt den Schubertschen Originalstücken gegenüber denselben
ästhetischen Abstand wie der gebrauchsmusikalischen Sphäre, der sie ihrerseits
entstammen. Die Soirees de Vienne sind ganz Abkömmlinge der Salon-Sphäre, für
die sie auch geschrieben sind. Wenn in Ihnen die ästhetische Distanz zum
‘Originalmaterial’ zum Tragen kommt, dann in Form subtiler kompositorischer
Ironie. Und es mag sein, daß dieser
sozusagen ‘M ahlersche’ Zug ein
unverfälschteres Abbild des ‘Österreichischen’ ist, als es ein patriotisches Be­
kenntnis je sein könnte.
Anmerkungen:
1 R 252/ S 427 (V gl. Peter Raabe, Verzeichnis a ller Werke L iszts nach Gruppen geordnet,
in: Peter Raabe, Franz Liszt, Bd. 2, L iszts Schaffen, 2. erg. A uflage, hrsg. von Felix Raabe,
Tutzing 1968, S. 241-364, hier: S. 285 f.; Humphrey Searle, Franz Liszt, in: The New
Grove. The C om poser B iography Series, E arly Rom antic M asters I, London 1985, Werk­
verzeichnis S. 322-368).
2 Vgl. Lina Ramann, Franz Liszt. Als K ünstler und Mensch, Bd. 2, 2. Abt., Leipzig 1894, S.
506.
3 Soirees de Vienne. V alses-C aprices d ’apres F. Schubert en neuf livraisons. Vienne: C.A.
Spina, Verl.-Nrn. C.S. 9300-9308.
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4 R 236/ S 424 bzw.
R 220/ für
S Burgenland,
411, erschienen
1838
1839; auch Liszts DonizettiLiedbearbeitungen aus den N uits d ’ete ä P au silippe (R 153/ S 399, erschienen 1839) sind
im Untertitel gleichsam in Fortsetzung der sechs Mercadante-Übertragungen als Soirees
italiennes No. 7-9 bezeichnet.
5 Vgl. B rief Liszts an Carolyne von Sayn-W ittgenstein vom 3. Mai 1851, in: Franz Liszts
Briefe, hrsg. von La Mara, Bd. 4, Leipzig 1900, S. 105.
6 Verl.-Nr. C 22720; die Neufassung betrifft - neben kleineren Details - vor allem die VI.
Soiree, die Liszt an mehreren Stellen u.a. durch Hinzufügungen von Kadenzen erweiterte.
D iese wiederum fußen auf Varianten, die Liszt 1869 für seine Schülerin Sophie Menter
anfertigte (Manuskript in der Library o f Congress, Sign. M L96.L58, siehe The M usic
M anuscripts, F irst Editions, and C orrespondence o f Franz L iszt in the C ollections o f the
M usic D ivision, Library o f Congress, W ashington 1991, S. 17); D ie Soirees de Vienne sind
(mit separatem Abdruck der zw ei Fassungen der VI. S oiree) im Neudruck in Liszt.
K lavierw erke, hrsg. v. Emil Sauer, Band X, Bearbeitungen (Edition Peters Nr. 3602b), im
Neudruck zugänglich.
7 B rief Liszts an Pauline Metternich vom 12. Dezember 1875; in: Franz L iszts Briefe, Bd.
8, Leipzig 1905, S. 303.
8 Hier sei exemplarisch auf die grundlegende Studie Harald Kaufmanns verwiesen: Versuch
über das Ö sterreichische in der Musik, in: ders., Fingerübungen. M usikgesellschaft und
W ertungsforschung, W ien 1970, S. 24-43.
9 L ettre d ’un bachelier es musique. A.M. Lam bert M assart [Revue et G azette m usicale de
P aris, 2. September 1838, S. 345-352], im folgenden zitiert nach: Franz Liszt. P ages
rom antiques, hrsg. v. Jean Chantavoine, Paris 1912 (Reprint hrsg. v. Serge Gut, Plan de la
Tour 1985), S. 207-240; deutsch in: G esam m elte Schriften von Franz L iszt, hrsg. v. Lina
Ramann, Bd. 2, Leipzig 1881, S. 202-228.
10 P ages rom antiques (siehe Anm. 9), S. 219 ff. Liszt bezieht sich hier offensichtlich auf eine
große Soiree, die am 21. Februar 1838 im Mailänder Palais (via Borgonuovo Nr. 20) der
Gräfin zu Ehren der italienischen Sängerin Giuditta Pasta veranstaltet wurde (C orriere
delle dam eN r. 11 v. 2 5 .2 .1 8 3 8; für die Information sei Herrn Luciano Chiappari gedankt.)
Julia Pahlen-Sam oyloff (1803-1875) ist Widmungsträgerin der Ricordi-Ausgabe von
Liszts Soirees m usicales.
11 Ebd., S. 228.
12 Franz Schubert, D er W anderer („Ich komme vom Gebirge her“), Text von Georg Philipp
Schmidt („von Lübeck“), D 489, komponiert 1816, 3. Fassung veröffentlicht 1821. Liszts
Klaviertranskription von Schuberts W anderer (Nr. 11 der 12 Lieder, 1835-1837, R 243/ S
558) erschien im selben Jahr 1838.
13
„[...] j ’aper9us dans sa main un instrument d’une forme bizarre, dont le metal poli brillait
comme une miroir ardent aux derniers rayons du soleil. Le vent [...] m ’apporta les accents
de la lyre m ysterieuse [...]“; P ages rom antiques, S. 226.
14 Vgl. z.B. Liszts Charakterisierung des Künstlers am Beginn seiner Artikelserie De la
Situation des artistes et de leur condition dans la societe in der G azette m usicale 1835,
P ages rom antiques, S. 4 f.
15 „[...] es-tu le pelerin plein d’espoir qui marche avec ardeur vers un sejour de paix et de
benediction?“, ebd., S. 225.
16 Lambert Massart (1811-1892) war Violinprofessor am Pariser Conservatoire.
17 Liszt, ebd., S. 222.
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18 V gl. Reingard W©itzmann,
Wiener
W alzer
und
W iener
Ballkultur. Von d er Tanzextase zum
W alzertraum, in: Bürgersinn und Auft>egehren. B iederm eier und Vormärz in Wien 18151848, A usstellungskatalog des Historischen M useums der Stadt W ien, W ien 1987,
S. 130 ff.
19 Vgl. dazu Carl Dahlhaus, Die M usikgeschichte Ö sterreichs und die Idee der deutschen
Musik, in: D eutschland und Ö sterreich. Ein bilaterales G eschichtsbuch, hrsg. v. Robert A.
Kann und Friedrich E. Prinz, W ien - München 1980, S. 322-349.
Es ist bezeichnend, daß die Idee des „Österreichischen“ als kulturgeschichtlicher Mythos
erst rückblickend mit dem Zusammenbruch des Habsburgerreiches ‘entdeckt’ wurde.
Ebenso setzt in der österreichischen Musikliteratur und -publizistik die Entdeckung des
„Österreichischen in der M usik“ bzw. der „österreichischen M usik“ als Teil einer kulturel­
len Identitätssuche der Ersten Republik erst 1918 ein; vgl. Rudolf Flotzinger, Musik als
Medium und Argument, in: Aufbruch und Untergang. Ö sterreichische K ultur zwischen
1918 und 1938, hrsg. v. Franz Kadrnoska, W ien u.a. 1981, S. 380 f.; vgl. zu diesem
Kom plex auch die A ufsätze des M illenium sheftes der Ö sterreichischen M usikzeitschrift,
H. 2-3/1996.
20 Pages rom antiques (siehe Anm. 9), S. 234.
21 Vgl. Liszts R eisebrief A A dolphe P ictet [Revue et G azette m usicale, 11. Februar 1838],
ebd., S. 140 f.
22 Anton D iabellis V aterländischer Künstlerverein. Zweite Abteilung (1824), hrsg. v. Günter
Brosche (= Denkm äler d er Tonkunst in Ö sterreich 136), Graz 1983, S. 21; in der
V oranzeige ist von jenen Tonkünstlern die Rede, „die gegenwärtig auf Österreichs
classischem Boden blühen“, ebd., S. VII.
23 „[...] Auch Liszt taucht wieder auf, der Franz, / Er lebt, er liegt nicht blutgerötet / A uf einem
Schlachtfeld Ungarlands; / Kein Russe, noch Kroat hat ihn getötet. // Es fiel der Freiheit
letzte Schanz’; / Und Ungarn blutet sich zu Tode - / Doch unversehrt blieb Ritter Franz, /
Sein Säbel auch - er liegt in der Kom m ode.“, Heinrich Heine, Im O ktober 1849, in: ders.,
Säm tliche Schriften, hrsg. v. Klaus Briegleb, München 1976, Bd. 6/1, S. 116-118.
24 Vgl. dazu den Beitrag von Bettina B erlinghoff in diesem Band, S. 46.
25 Exemplarisch Kalkbrenners Opus 185 aus dem Jahr 1848: Les n ationalites musicales. Six
Esquisses, Leipzig: B reitkop f & Härtel, Verl.-Nr.: 7902 („L’Ecosse, laR ussie, l ’Angleterre,
l ’A llem agne et l ’Irlande“); vgl. dazu Hans Nautsch, Friedrich Kalkbrenner. Wirkung und
W erk(= H am burger B eiträge zur M usikw issenschaft 25), Hamburg 1983, W erkverzeichnis
S. 211-241.
26 R 98/ S 235.
27
R 89/ S 253. D ie G roße K onzertfantasie über spanische Weisen enthält
allerdings neben
einer Bezugnahme auf die M elodie des Fandango, den bereits Mozart in Le N ozze die
F igaro benutzte, auch die M elodie der Cachucha, mit der die österreichische Tänzerin
Fanny Elssler im Ballett Le D iable boiteux, Paris 1837, Begeisterungsstürme hervorrief.
28 Vgl. Peter Raabe (siehe Anm. 1), Bd. 2, S. 260.
29
Vgl. den Beitrag von Bettina B erlinghoff in diesem Band, S. 54 f.
30
Vgl. den Beitrag von Michael Saffle in diesem Band, S. 120 f.
31 Vgl. dazu D etlef Altenburg, L iszts Idee eines ungarischen N ationalepos in Tönen, in:
Studia M usicologica 28 (1986), S. 213-223.
32 Vgl. Maria Parkai-Eckhardt, D ie H andschriften des R äköczi-M arsches von Franz L iszt in
d er Szechenyi Nationalbibliothek, B udapest, in: Studia M usicologica 17 (1975), S. 350 ff.
33 R 116/ S 385 bzw. 385a.
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34 R 3 4 / S 2 1 1 .
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35 Souvenir de Vienne. Im promptu p o u r le Piano-F orte p a r Clara Wieck, Oeuvre 9, Wien:
D iabelli, Verl.-Nr. 6530. Ihr Verlobter Robert Schumann hat bekanntlich in seinen
Faschings schwank aus Wien op. 26 das M arseillaise-Thema, eingebaut. Clara W ieck ist im
Postskriptum desselben Reisebriefs an Lambert Massart Gegenstand der Würdigung
Liszts, der sie 1838 in Wien kennengelernt hat (siehe Pages rom antiques, siehe Anm. 9, S.
237 f.
36 „Österreich hat w ie Rußland kein eigentliches Nationallied, sondern bloß einen kaiserli­
chen Hym nus.“, Eduard Hanslick, W iener Freiheitsm usik [in: Beilage zur Wiener Zeitung
v. 3.9.1848], in: Sämtliche Schriften. H istorisch kritische A usgabe, hrsg. v. Dietmar
Strauß, Band 1/1, Wien u.a. 1993, S. 178.
37 R 2 5 0 / S 425.
38 Vgl. Jonathan Beilmann, The „ Style H o n g ro is“ in the M usic o f W estern Europe, Boston
1993.
39 Nach Otto Erich Deutsch, Franz Schubert. Thematisches Verzeichnis sein er Werke in
chronologischer Folge, Neuausgabe im Rahmen der Neuen Schubert-Ausgabe, Kassel u.a.
1978.
40 Vgl. dazu Sabine Schutte, D er Ländler. Untersuchungen zur m usikalischen Struktur
ungeradtaktiger österreich isch er Volkstänze (= C ollection d ’etudes m usicologiques 52),
Strasbourg Baden-Baden 1970, S. 27 f., S. 104 ff., sow ie Reingard Witzmann, D er
Ländler in Wien. Ein B eitrag zur E ntwicklungsgeschichte des W iener W alzers bis in die
Z eit des W iener K ongresses (= Veröffentlichungen d er Kom m ission fü r den Volkskunde­
atlas in Ö sterreich 4), Wien 1976; Eva Campaniu, D ie Tänze d er H aydn-Zeit, in: Joseph
Haydn. B ericht über den Internationalen Joseph Haydn K ongress 1982, hrsg. v. Eva
Badura-Skoda, München 1986, S. 470-475.
41 Vgl. Walburga Litschauer, Tänze fü r K lavier zu zw ei Händen, in: R eclam s Musikführer
Franz Schubert, hrsg. v. Walther Dürr und Arnold Feil, Stuttgart 1991, S. 328-330; sow ie
dies., Franz Schuberts Tänze zwischen Im provisation und Werk, in: M usiktheorie 10
(1995), H. l , S. 3-9.
42 Vgl. Reingard Witzmann (siehe Anm. 18)
43 (R 11/ S 155); F antaisie sur une valse de Frangois Schubert.
44 Peter Gülke in einem Festvortrag zum Thema Glanz und Elend d er virtuosen Aneignung:
L iszt und Schubert anläßlich der 11. Weimarer Liszt-Tage am 21. Oktober 1993.
45 P ages rom antiques (siehe Anm. 9), S. 239.
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