Aufschwung 2004: Unsicherheitsfaktoren

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Economics
Themen international
28. Oktober 2003
Nr. 285
Aktuelle Themen
Aufschwung 2004: Unsicherheitsfaktoren
•
Im 2. Quartal 2003 hat sich die Wirtschaft in den USA und Japan deutlich erholt,
während Euroland weiterhin in Stagnation gefangen blieb. Frühindikatoren deuten
darauf hin, dass sich dank der Impulse durch die Geld- und Fiskalpolitik die
Konjunkturerholung der G3-Länder im 2. Hj. weiter beschleunigt.
•
Ob dies zu einem nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung führen wird, hängt
entscheidend davon ab, ob das Ungleichgewicht zwischen Ersparnisbildung und
Investitionen im privaten Sektor, das während des New Economy Hypes und
aufgrund der Aktienmarkteuphorie entstand, ausreichend korrigiert wurde.
•
Die finanzielle Situation der amerikanischen Haushalte hat sich im 1. Hj. dank
sinkender Zinsen verbessert. Dies ermöglichte den Haushalten teure
Konsumentenkredite durch preiswertere Hypothekendarlehen zu ersetzen. Trotz
der höheren Verschuldung hat sich das Nettovermögen der amerikanischen
Haushalte aufgrund steigender Immobilienpreise und Aktienkurse erhöht.
•
Die japanischen Unternehmen haben einige Fortschritte auf dem Weg der
Schuldenreduzierung gemacht. Die Kostensenkungsmaßnahmen führten zu einer
Stabilisierung der Betriebsergebnisse und steigenden Investitionsausgaben.
•
Im Unterschied zu den USA konzentrierten sich die Umstrukturierungen der
Unternehmen in den EWU-Ländern allein auf die Verringerung der
Investitionsausgaben. Während die Zahl der Beschäftigten in den USA um 2%
reduziert wurde, hat der Abbau von Arbeitsplätzen in Euroland erst vor kurzer
Zeit begonnen. Deshalb sind die Lohnstückkosten relativ hoch geblieben, was
einen deutlichen Anstieg der Unternehmensgewinne verhinderte.
•
Aufgrund der Ausgabenkürzungen hat sich die interne Finanzierungsquote der
europäischen Unternehmen jedoch verbessert. Die Cash Flow-Situation dürfte somit
kein Hindernis für eine Steigerung der Investitionsausgaben sein. Dies wäre nur der
Fall, wenn die Unternehmen in Europa und in den USA interne Mittel zur Korrektur
ihrer Schuldenquote in Relation zum BIP verwenden, die weiterhin um über 10
(Euroland) bzw. 14 Prozentpunkte (USA) höher ist als 1997.
•
Die USA ist die Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft; Konsequenz ist ein
Anstieg des US-Leistungsbilanzdefizits auf 5 ½% des BIP in 2004. Diese Tendenz
verstärkt die Bedenken, dass eine Korrektur dieses Ungleichgewichts bevorstehen
könnte.
•
Eine weitere Abwertung des USD um 25% wäre notwendig, um das
Leistungsbilanzdefizit innerhalb von zwei bis drei Jahren zu korrigieren. Dies
hätte gravierende Konsequenzen für die Weltwirtschaft. Der Wachstumsvorsprung
der USA und die bessere Gewinnentwicklung deuten jedoch darauf hin, dass ein
großer Teil der internationalen Ersparnisse weiterhin in den USA angelegt werden.
Editor
Stefan Schneider
+49 69 910-31790
[email protected]
Publikationsassistenz
Bettina Giesel
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Frankfurt am Main
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DB Research Management
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Bernhard Gräf, +49 69 910-31738 ([email protected])
Stefan Schneider, +49 69 910-31790 ([email protected])
Aktuelle Themen
2
Economics
28. Oktober 2003
28. Oktober 2003
Aktuelle Themen
Aufschwung 2004: zahlreiche Unsicherheitsfaktoren
Nach der Schwäche zum Jahresbeginn hat sich die Konjunktur in den
USA und Japan deutlich belebt, während die Wirtschaft der EU-Länder
weiterhin stagniert. Frühindikatoren deuten darauf hin, dass sich die
konjunkturelle Erholung im 2. Hj. beschleunigen wird und die EWU-Länder
auf den Wachstumspfad zurückkehren. Diese Entwicklung stützt sich
auf massive geldpolitische Impulse in allen drei Wirtschaftszonen mit
einem Rückgang der realen Kurzfristzinsen auf -1% in den USA und auf
ca. 0% in Europa und Japan. Außerdem geht von der Fiskalpolitik in den
USA erhebliche Schubkraft aus. Die monetären und fiskalpolitischen
Impulse haben den privaten Sektor den notwendigen Spielraum verschafft,
die massiven Ungleichgewichte zwischen Investitionen und inländischer
Ersparnis aus der Phase der New Economy und des boomenden
Aktienmarktes zu korrigieren. Die Frage, ob die Korrektur ausreichend
für eine nachhaltige Konjunkturerholung ist, wird von entscheidender
Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung im Jahr 2004 sein und ist
deshalb einer der Hauptaspekte dieses Berichts.
Die finanzielle Situation der amerikanischen Haushalte scheint auf den
ersten Blick relativ angespannt, während der Unternehmenssektor die
Trendwende geschafft haben dürfte: die Unternehmensgewinne (NichtFinanzbereich) sind in sieben aufeinander folgenden Quartalen gestiegen
und haben im 2. Quartal eine Steigerungsrate von 21% gg. Vj. erreicht,
während die Investitionen außerhalb des Wohnungsbaus um 5,6% (gg.
Vq., ann.) gestiegen sind. Dagegen präsentiert sich der
Unternehmenssektor in Europa und Japan in einem weniger günstigen
Licht. In Japan werden die Rückführung der Verschuldung, die
Kostensenkungsmaßnahmen und die Anpassung der Kapitalinvestitionen
darüber entscheiden, ob die Wachstumsbelebung im 1. Hj. mehr ist als
ein vorübergehendes Phänomen. In Europa wird ein Anstieg der
Investitionen erforderlich sein, um eine ausreichend hohe Inlandsnachfrage
zu erzeugen, damit die währungsbedingten Verluste der Nettoexporte
ausgeglichen werden können.
Durch die unterschiedliche Fiskalpolitik in den G3-Ländern hat sich das
Ungleichgewicht in der Binnennachfrage der einzelnen Länder verstärkt,
dies kommt insbesondere im immer weiter steigenden
Leistungsbilanzdefizit der USA zum Ausdruck. In der volkswirtschaftlichen
Literatur wird darauf verwiesen, dass eine Anpassung über eine
Abwertung des USD erfolgen muss. Aufgrund relativ hoher
Importelastizität des US-Wachstums und der relativ geringen
Preiselastizität der US-Importnachfrage würde eine Verringerung des USLeistungsbilanzdefizits auf ein tragbares Niveau (3 bis 3 ½% des BIP) in
den nächsten zwei bis drei Jahren eine Abwertung des USD um weitere
25% erfordern, was gravierende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft hätte.
Nur wenn sich die Anpassungen über einen deutlich längeren Zeitraum
erstrecken, ist unsere Wachstumsprognose von 2 ¾% für die
Industrieländer im Jahr 2004 erreichbar. Eine stärkerer Anstieg der USUnternehmensgewinne und ein höherer Wachstumstrend der USA könnten
zu ausreichenden privaten und öffentlichen Kapitalzuflüssen führen, um
das Leistungsbilanzdefizit in den nächsten 1 ½ Jahren ohne massive
Wechselkursanpassungen zu finanzieren.
Die folgende Analyse (die durch fehlende vergleichbare Statistiken
erschwert wurde) deutet darauf hin, dass das Ungleichgewicht in Bezug
auf den privaten Konsum und die Investitionen in der Tat reduziert werden
konnte. Unser Artikel konzentriert sich auf drei Themenbereiche: die
Finanzsituation
der
amerikanischen
Haushalte,
die
Unternehmensbilanzen in Japan und Euroland und das USLeistungsbilanzdefizit.
Economics
Vor dem globalen Aufschwung
6
1,2
Frühindikator (rechts)
USA
1,0
G7-BIP
(links)
0,8
0,6
5
4
EWU
3
0,4
2
0,2
1
0,0
0
-0,2
-1
Japan
-2
-0,4
% gg. Vq.
% gg. Vq.
-3
-0,6
00
01
02
03
BIP
2002
2003
2004
USA
2,4
2,8
3,9
Japan
0,2
2,3
1,8
EWU
0,7
0,4
1,7
Deutschland
0,2
0,0
1,8
Industrieländer
1,6
1,8
2,7
2004
Inflation
2002
2003
USA
1,6
2,4
1,8
Japan
-0,9
-0,3
-0,3
EWU
2,3
2,0
1,5
Deutschland
1,4
0,9
0,5
USA: Verschuldung der
privaten Haushalte
160
Private Haushalte,
gesamt
150
140
130
120
ohne
Selbständige
110
100
90
% des verfügbaren Einkommens
80
70
90
92
94
96
98
00
02
3
Aktuelle Themen
1. USA: Finanzielle Situation der privaten Haushalte –
besser als ihr Ruf
28. Oktober 2003
USA: Nettofinanzvermögen
der privaten Haushalte
Die Verschuldung der amerikanischen Haushalte ist in jüngster Zeit weiter
kräftig gestiegen und hat Ende Juni 2003 nahezu 115% ihrer verfügbaren
Einkommen erreicht. Einschließlich der Selbständigen beträgt sie sogar
knapp 157% und liegt damit deutlich über der Verschuldungsquote
deutscher Haushalte (Ende 2002: 111%). Dies hat Befürchtungen genährt,
dass die Verschuldungssituation den privaten Konsum merklich dämpfen
und damit die wichtigste Stütze der amerikanischen Konjunktur zum
Einsturz bringen könnte.
400
350
300
250
Finanzvermögen kräftiger als Verschuldung gestiegen
Die finanzielle Situation der amerikanischen Haushalte stellt sich aber
besser dar, als sich aus den Verschuldungszahlen vermuten lässt. Denn
gleichzeitig haben sich ihre Finanzvermögen aufgrund der
Aktienmarkterholung kräftiger als die Verschuldung erhöht (auf gut 395%
der verfügbaren Einkommen), so dass die Nettofinanzvermögen
amerikanischer Haushalte Ende Juni 2003 mit rund 280% um fast 20%Punkte über ihrem Tiefstand von Ende September 2002 lagen.
Amerikanische Haushalte profitieren aufgrund ihres hohen Aktienanteils
(direkte und indirekte Aktienanlagen machen mehr als die Hälfte der
Finanzvermögen aus) weitaus stärker von Kursveränderungen als
beispielsweise deutsche Haushalte, deren Aktienquote merklich unter
10% liegt. Zudem haben auch die Immobilienvermögen amerikanischer
Haushalte weiter zugenommen und die Vermögens-/
Verschuldungssituation sich damit zusätzlich verbessert. Allerdings
würden bei einem starken Zinsanstieg die Immobilienpreise sinken.
Schätzungen zufolge, verringert ein 10%iger Rückgang die Nettovermögen
der privaten Haushalte um etwa 4%.
% des verfügbaren Einkommens
200
90
92
94
96
98
00
02
USA: Schuldendienst der
privaten Haushalte
15
14
Gesamt
13
Schuldendienstbelastung rückläufig
Für die Beurteilung der finanziellen Situation ist weniger die absolute
Verschuldung maßgebend, sondern die daraus resultierende Belastung,
d.h. die Zins- und Tilgungszahlungen. Die Schuldendienstbelastung liegt
zwar immer noch auf einem hohen Niveau, hat sich aber seit ihrem
Höchststand von fast 14,5% der verfügbaren Einkommen auf zuletzt
knapp 14% zurückgebildet. Dies liegt zum einen daran, dass
amerikanische Haushalte direkt von den gesunkenen Zinsen profitieren,
zum anderen an umfangreichen Refinanzierungen der Hypothekenkredite.
Diese sind in den USA im Gegensatz zu Deutschland einfach
durchführbar. Durch die gestiegenen Immobilienpreise sind Hypotheken
höher belastbar. Die Differenz zur Ablösung der alten Hypothek steht zu
Modernisierungen, aber auch zu Konsumzwecken zur Verfügung.
Letztlich wurden mit niedrig verzinsten Hypothekenkredite zu einem
erheblichen Teil Konsumentenkredite mit hoher Zinsbelastung substituiert.
Dies zeigt sich auch an den relativen Anteilen: Hypothekenkredite
machen knapp 70% der gesamten Verschuldung aus. Ihr Anteil an der
Gesamtverschuldung hat sich seit Anfang 2000 um rund 4%-Punkte
erhöht, während gleichzeitig der Anteil der Konsumentenkredite um fast
3%-Punkte auf knapp 21% gesunken ist. Amerikanische Haushalte haben
durch die Hypothekenrefinanzierungen zwar ihre Verschuldung insgesamt
erhöht, die Schuldendienstbelastung jedoch nicht. Auch der jüngste
Zinsanstieg wird daran so schnell nichts ändern. Etwa 80% der
Hypothekenkredite sind zu festen Zinssätzen abgeschlossen und haben
eine geschätzte durchschnittliche Laufzeit von 3 bis 4 Jahren. Allerdings
hat der starke Anstieg der Immobilienkredite das Zinsänderungs-Risiko
für die staatlichen Refinanzierungsinstitute der Hypothekenbanken (Fannie
4
450
Economics
12
% des verfügbaren Einkommens
11
10
% des verfügbaren Einkommens
9
Konsumentenkredite
8
7
6
Immobilienkredite
5
4
80 82 84 86 88 90 92 94 96 98 00 02
28. Oktober 2003
Aktuelle Themen
Mae, Freddie Mac) merklich erhöht. Die Hedging-Strategien dieser
Institute könnten die negativen Auswirkungen eines kräftigen Zinsanstiegs
merklich verstärken.
Privater Konsum: Kein Einbruch in Sicht
Der private Konsum dürfte durch den jüngsten Zinsanstieg über den
Schuldendienst auf absehbare Zeit kaum getroffen werden. Allerdings
haben die steigenden Zinsen zu einem Einbruch bei der
Hypothekenrefinanzierung geführt. Dies bedeutet, dass die HypothekenCashouts merklich niedriger ausfallen werden, aber aufgrund weiter
steigender Immobilienpreise immer noch möglich sind. Demgegenüber
stehen merkliche Steuerentlastungen. Das jüngste Steuerpaket entlastet
die amerikanischen Konsumenten im 2. Halbjahr um rund USD 35 Mrd.
Im kommenden Jahr summieren sich die Entlastungen sogar auf
insgesamt etwa USD 105 Mrd. (knapp 1 ½% ihrer verfügbaren
Einkommen). Damit sind die von uns prognostizierten
Konsumsteigerungen 2003 und 2004 von knapp 3% bzw. 3 ½% bei
gleichzeitiger Erhöhung der Sparquote von 3,7 auf 4 ¼% in 2004
erreichbar, auch wenn die Beschäftigungszunahme hinter der in früheren
Aufschwüngen zurückbleibt.
USA: Schuldenstruktur
70
24
Konsumentenkredite
(links)
23
69
68
67
22
66
Immobilienkredite (rechts)
21
%-Anteil
65
64
63
20
95 96 97 98 99 00 01 02 03
2. Verbesserung der Bilanzsituation in Japan und
Europa
Japan: Renditen verharren auf niedrigem Niveau
Die japanische Wirtschaft hat im 1. Hj. alle Beobachter überrascht. Das
BIP-Wachstum von über 3% (ann.) war sogar höher als in den USA,
obwohl in Japan keine fiskalpolitischen Ankurbelungsmaßnahmen
vorgenommen wurden. Die Frühindikatoren deuten darauf hin, dass sich
der Aufschwung in der nächsten Zeit fortsetzen wird. Die Nachhaltigkeit
des Aufschwungs ist von der weiteren Entwicklung des
Unternehmenssektors sowie den Aktienkursen und Immobilienpreisen
abhängig. Die starken Verluste am Aktien- und Immobilienmarkt und die
folgenden Bilanzanpassungen waren ursächlich für die großen
wirtschaftlichen Probleme Japans in den letzten Jahren.
Die Unternehmen haben in den vergangenen sieben Jahren ihre
Verschuldung beträchtlich zurückgeführt; die Gesamtverschuldung
verringerte sich vom Höchststand Ende 1995 bis zum 1. Hj. 2003 um
JPY 275 Billionen (siehe Chart). Die reale Verbesserung ist natürlich
weniger ausgeprägt. Das Verhältnis von Fremd- zu Eigenkapital fiel im
gleichen Zeitraum von über 3:1 unter 2:1, ist damit jedoch weiterhin höher
als in anderen Industrienationen, wo es unter 1:1 liegt. Durch den Anstieg
der Aktienkurse in der letzten Zeit verringert sich die Notwendigkeit von
Bilanzanpassungen.
Kostensenkungsmaßnahmen waren erfolgreich, wobei die Ertragslage
der japanischen Unternehmen im historischen und internationalen
Vergleich jedoch weiterhin sehr schwach ist. Im 2. Quartal 2003 betrug
die Eigenkapitalrendite der japanischen Industrieunternehmen 2,7% und
lag damit kaum über dem historischen Tiefstand vom Jahresbeginn 2002.
Die Gesamtkapitalrentabilität von 0,7% und die Kapitalrendite von 2,9%
liegen ebenfalls nur leicht über ihren historischen Tiefständen. Verglichen
mit einem Renditeniveau von 1 ½% für Staatsanleihen sieht die
Ertragssituation im Unternehmensbereich z. Zt. jedoch nicht so schlecht
aus. Die wirtschaftliche Situation Japans hat sich offensichtlich auf
niedrigem Renditeniveau stabilisiert.
Economics
Japan: Verbesserung
der Bilanzsituation
900
5,0
4,5
4,0
Gesamtverschuldung
(rechts)
Bill. Yen
800
700
3,5
600
3,0
500
2,5
400
2,0
Debt-Equity-Ratio (links)
300
200
1,5
80 82 84 86 88 90 92 94 96 98 00 02
Japan: Operating Returns
1,8
10
%, 4Q gl. Durchschn.
1,6
1,4
7
Gesamtkapital- 6
rendite (links)
5
1,2
1,0
0,8
0,6
0,4
0,2
9
8
Eigenkapitalrendite (rechts)
Umsatzrendite
(rechts)
%, 4Q gl. Durchschn.
0,0
4
3
2
1
0
80 82 84 86 88 90 92 94 96 98 00 02
5
Aktuelle Themen
Stagnierender Kapitalstock
Der entscheidendste Beitrag zur Kostensenkung erbrachte die
Verringerung der Anlageinvestitionen, die momentan um JPY 6 Bill. (40%)
pro Quartal unter dem Niveau der Bubble-Hochphase 1991 liegen. Ende
2002 waren die Nettoinvestitionen zum ersten Mal in der
Nachkriegsgeschichte niedriger als die Abschreibungen, was sich negativ
auf das Wachstumspotential Japans auswirkt. Die Investitionen der
Unternehmen liegen jetzt auch deutlich unter dem Cash Flow.
Entscheidend für einen nachhaltigen Aufschwung ist das Erschließen
neuer Geschäftschancen mit guten Ertragserwartungen. Dazu sind
Strukturreformen weiterhin von großer Bedeutung. Aufgrund des
stagnierenden Kapitalstocks ist es nicht überraschend, dass die
Kapazitätsauslastung seit dem Tiefstand zu Beginn des Jahres 2002
zunimmt. Insgesamt scheint die Investitionstätigkeit nominal einen
langfristigen Tiefpunkt erreicht zu haben. In der Volkswirtschaftlichen
Gesamtrechnung haben sich die Realinvestitionen im letzten Jahr deutlich
erhöht, was vor allem auf den starken Rückgang der Preise von
Kapitalgütern zurückzuführen ist.
28. Oktober 2003
Japan: Investitionen
und Abschreibungen
Cashflow
Ausrüstungsinvestitionen
16
14
12
10
8
Abschreibungen
6
4
Bio. JPY, 4Q gleit. Durchsch.
2
80 82 84 86 88 90 92 94 96 98 00 02
Weiterer Abbau von Arbeitsplätzen wahrscheinlich
In den nächsten Jahren sind weitere Anpassungen der Beschäftigung zu
erwarten. Viele Unternehmen sind weiterhin über die Höhe der
Personalkosten im Verhältnis zur Ertragssituation unzufrieden. Wie der
Tankan-Bericht zeigt, halten die meisten Unternehmen ihren
Personalbestand weiterhin für überhöht. Das Verhältnis der Lohnkosten
zu den Unternehmenseinnahmen ist immer noch ungefähr so hoch wie
1994 und liegt weit über dem Tiefstand während der Bubble Economy
Anfang der 90er Jahre. Da die Arbeitsproduktivität Japans im
internationalen Vergleich weiterhin sehr gering ist, ist ein weiterer Abbau
von Arbeitsplatzen notwendig.
Dies deutet darauf hin, dass die Arbeitseinkommen weiter unter Druck
bleiben dürften: die Arbeitslosenquote wird sich in den nächsten Jahren
wohl kaum verringern. Die monatlichen Löhne pro Arbeitnehmer haben
sich allerdings nach einem fünfjährigen Rückgang zu Beginn 2003
stabilisiert, wobei ein weiterer starker Anstieg jedoch unwahrscheinlich
ist. Mit Hilfe fallender Preise und einer rückläufigen Sparquote konnten
die privaten Haushalte einen Anstieg des privaten Verbrauchs von 1%
pro Jahr aufrechterhalten.
Japan: Frühindikatoren
110
105
Shoko Chukin Kleinunternehmen-Index (rechts)
60
55
100
50
95
45
90
40
85
Gesamt (links)
80
35
88 90 92 94 96 98 00 02
Europäische Unternehmen: Sparen für Investitionen
Während die Investitionsausgaben in den Jahren 1999 und 2000 über
1 %-Punkt zum BIP-Wachstum der EWU-Länder beitrugen, dämpften
sie 2002 das Wirtschaftswachstum um 0,6 %-Punkte. Neben der starken
Abschwächung des privaten Verbrauchs war die Reduzierung der
Investitionen der Hauptgrund für die starke Verlangsamung des BIPWachstums in Euroland. Nachdem die Euphorie im Zusammenhang mit
der New Economy verflogen war, wurde klar, dass die außerordentlich
hohen, 1999/2000 getätigten Investitionen nicht die erwarteten Erträge
nach sich ziehen würden und zudem die Unternehmensbilanzen in
riskantes Territorium gebracht hatten. Der Wirtschaftstheorie
entsprechend hat die finanzielle Situation eines Unternehmens starke
Auswirkungen auf seine Investitionsbereitschaft. Außerdem ist sie ein
wichtiges Kriterium für die Bereitschaft potentieller Kreditgeber, dem
Unternehmen Kapital zur Verfügung zu stellen. Deshalb könnte ein
anhaltender Konsolidierungsbedarf des Unternehmenssektors ein
Hemmnis für einen Anstieg der Investitionsausgaben darstellen. Aufgrund
ihrer Multiplikatoreffekte sind die Investitionen die wichtigste treibende
6
Economics
EWU: Investitionen und
Gewinnproxi
3,5
Gewinnproxi*
2,5 (links)
8,0
% gg. Vj.
6,0
4,0
1,5
2,0
0,5
0,0
-0,5
-2,0
-1,5
-2,5
-4,0
Investitionen
(rechts)
-6,0
-8,0
-3,5
92 93 94 95 96 97 98 99 00 01 02 03
* BIP-Deflator - Lohnstückkosten
28. Oktober 2003
Aktuelle Themen
Kraft im Konjunkturzyklus. Wenn eine Erholung der Investitionsausgaben
im 2. Hj. und 2004 ausbliebe, könnte sogar die aktuelle Prognose eines
nur moderaten Wirtschaftswachstums nicht länger aufrechterhalten
werden.
Unternehmensgewinne: langsame Erholung
Die Bruttoersparnisse der Unternehmen im Nicht-Finanz-Bereich – ein
Indikator für die Unternehmensgewinne – erreichten 1998 bei praktisch
unveränderten Lohnstückkosten ihren Höhepunkt (siehe Chart).
Anschließend führten steigende Löhne und ein starker
Produktivitätsrückgang in den Jahren 2000 und 2001 zu einem Anstieg
der Lohnstückkosten und einem Rückgang der Bruttoersparnisse der
Unternehmen auf 9% des BIP. Im Verlauf von 2002 verbesserte sich die
Situation, da sich der Produktivitätszuwachs von -0,3% im 1. Quartal auf
1% gg. Vj. im 4. Quartal erhöhte, während sich die Lohnsteigerungen
leicht abschwächten. Außerdem profitierten die Unternehmensgewinne
von einer geringeren Zinslast, die auf den starken Rückgang der
Kreditzinsen zurückzuführen war. Während die Kreditzinsen im 1. Quartal
2003 weiter zurückgingen, stiegen die Lohnstückkosten erneut an und
lagen um 1,8% über dem Vorjahresniveau. Da im 2. Quartal keine größeren
Veränderungen eingetreten sein dürften, ist die Erholung der
Unternehmensgewinne im 1. Hj. wahrscheinlich zum Stillstand
gekommen. Im 2. Hj. dürfte die erwartete, leichte konjunkturelle
Aufwärtsbewegung zu Produktivitätssteigerungen und einem höheren
Gewinnwachstum beitragen.
Finanzsituation durch Sünden der Vergangenheit in Mitleidenschaft
gezogen
Obwohl die tatsächlichen Gewinne 1998 ihren Höhepunkt erreichten,
stiegen die Gewinnerwartungen aufgrund der Hoffnung, dass ein neues
ökonomisches Paradigma eingetreten sei, weiter stark an. Analysten
prognostizierten mehrere Jahre lang einen jährlichen Gewinnanstieg der
DAX-Unternehmen um 15% (ungefähr doppelt so hoch wie der historische
Durchschnitt). Der steigende Marktwert führte zu einem Anstieg von
Tobin’s q (Verhältnis des Marktwertes zum Wert des Kapitalstocks),
was zu starken Investitionsanreizen führte und die Unternehmen dazu
veranlasste, die notwendigen, durch die tatsächliche Gewinnentwicklung
indizierten Anpassungsmaßnahmen zu verschieben. Insbesondere die
Investitionen der Unternehmen in Finanzanlagen explodierten förmlich.
Die jährlichen Akquisitionen von Finanzanlagen haben sich von 1997 bis
2000 um 240% erhöht, wobei sich die Käufe von Aktien und anderen
Wertpapieranlagen – trotz der bereits starken Überbewertungen – mehr
als vervierfacht haben. Dagegen sind die Bruttoanlageinvestitionen „nur“
um 25% gestiegen. Aufgrund des Rückgangs interner Mittel mussten
Investitionen extern finanziert werden. Die jährliche Kreditaufnahme der
Unternehmen hat sich von 1997 bis 2000 um 262% erhöht, während die
Emission von Aktien und anderen Wertpapieren um 278% zunahm. Die
interne Finanzierungsquote der Unternehmen (d.h. das Verhältnis der
Bruttoersparnis zu den Anlageinvestitionen und den Nettoakquisitionen
von Finanzanlagen) fiel im Jahr 2000 unter 40%. Da die Bruttoersparnis
danach wieder anstieg und die Investitionen (insbesondere in
Finanzanlagen) verringert wurden, hat sich die interne Finanzierungsquote
deutlich erholt. Deshalb scheint die Verfügbarkeit interner Mittel kein
großes Hindernis für zukünftige Unternehmensinvestitionen darzustellen.
EWU: Bruttoersparnisse
und Lohnstückkosten
10,2
Lohnstückkosten,
10,0 % BIP
invert., % gg. Vj.
9,8
(rechts)
9,6
9,4
9,2
9,0
8,8
Bruttoersparnisse
8,6
(links)
8,4
8,2
96 97 98 99 00 01 02
0,0
0,5
1,0
1,5
2,0
2,5
3,0
EWU: Tobin's q
und Investitionen
2,2
2,0 Investitionen
1,8 (rechts)
6
5
4
% gg. Vj.
Tobin's q
(links)
1,6
1,4
1,2
1,0
3
2
1
0
-1
-2
-3
0,8
0,6
0,4
95 96 97 98 99 00 01 02 03
Tobin's q = Marktwert des Unternehmens
Wiederbeschaffungswert
EWU: Nettoakquisitionen
900
Mrd. EUR 800
Anlageinvestitionen
Finanzanlagen
700
600
500
400
300
Verschuldung hat sich stabilisiert
200
Der Verschuldungsgrad der Unternehmen ergibt ein weniger günstiges
Bild. Das Verhältnis der Gesamtverschuldung zu den internen Mitteln
hat sich von 6,2% im Jahr 1997 auf 8,4% im Jahr 2001 erhöht und hat
100
Economics
0
95
96
97
98
99
00
01
02
7
Aktuelle Themen
sich im letzten Jahr nur leicht verringert. Die Schuldenquote der
Unternehmen in Relation zum BIP ist zwischen 1997 und 2001 um volle
10 %-Punkte gestiegen. Erst 2002 hat sie sich bei 62% stabilisiert.
Wenn die Unternehmen ihre Verschuldung auf das vor den Bubble-Jahren
herrschende Niveau zurückführen wollen, erfordert dies weiterhin
Investitionszurückhaltung, wenn nicht Verkäufe von Anlagen vorgenommen
werden, die nicht zum Kernbereich des Unternehmens gehören.
Die Bemühungen der Unternehmen, ihre Bilanzen anzupassen,
konzentrierten sich im wesentlichen auf die Kürzung von Investitionen,
wobei das Ausmaß des Rückgangs in Euroland vergleichbar mit den
USA war. Während in den USA jedoch seit 2001 zusätzlich 2,7 Mio.
Stellen abgebaut worden sind (-2%), ist die Anzahl der Beschäftigten in
Euroland bis zum 1. Quartal 2003 um 850.000 gestiegen. Die
vergleichsweise robuste Entwicklung des europäischen Arbeitsmarktes
könnte z. T. auf zunehmende Teilzeitarbeit zurückzuführen sein. Die
Hortung von Arbeitskräften in den europäischen Ländern ist aber trotzdem
ein wesentlicher Grund für die Abschwächung des Produktivitätswachstums und die bisher deutlich geringere Erholung der Unternehmensgewinne im Vergleich zu den USA.
28. Oktober 2003
EWU: Unternehmensverschuldung
65
% des BIP
60
55
50
97
98
99
00
01
02
EWU: Interne Finanzierungsquote
70
60
50
Umstrukturierungen in Deutschland weiter fortgeschritten
In Deutschland begann der Abbau von Arbeitsplätzen bereits ein Jahr
früher als in den anderen EU-Ländern. Die Zahl der Beschäftigten hat
sich im Vergleich zum 1. Quartal 2001 um 800.000 verringert (2. Quartal
2003). Deshalb sind die Lohnstückkosten im 1. Hj. im Vorjahresvergleich
unverändert geblieben, was darauf hindeutet, dass die Unternehmensgewinne in Deutschland rascher ansteigen könnten als in den anderen
Ländern Europas. Während die Nettogeldvermögensbildung der
Unternehmen in Euroland insgesamt weiterhin negativ war, erzielten die
deutschen Unternehmen im Fiskaljahr 2002 einen leichten Überschuss.
40
Bruttoersparnisse/(Bruttoausrüstungsinvestitionen +
Nettoakquisitionen von
Finanzanlagen)
Das wachsende US-Leistungsbilanzdefizit, Spiegelbild der
unterschiedlichen geld- und fiskalpolitischen Ausrichtung in der Welt,
hat in jüngster Zeit die Verunsicherung von Investoren und Politiker merklich
erhöht. Die Abwertung des USD auf handelsgewichteter Basis um gut
10% hatte Hoffnungen genährt, dass in den USA der außenwirtschaftliche
Anpassungsprozess in Gang kommt. Schätzungen zufolge verbessert
eine 10%-ige Abwertung des USD die Leistungsbilanz um USD 50 Mrd.,
Optimisten gehen sogar von USD 100 Mrd. aus. Die Ausweitung des
US-Leistungsbilanzdefizits im 1. Halbjahr 2003 um fast USD 50 Mrd.
sorgte für Ernüchterung und intensivierte die Diskussion, wie stark der
USD weiter fallen müsste, damit das US-Leistungsbilanzdefizit auf ein
langfristig tragbares Niveau zurückkehrt. Der jüngste Anstieg des
8
97 98
99 00
Economics
10
01 02
EWU: Konsolidierung im Vergleich
102
EWU Beschäftigung
3. US-Leistungsbilanzdefizit: Damoklesschwert für
die Weltwirtschaft?
20
0
95 96
Investitionen in Europa: leichter Anstieg
In den letzten zwölf Monaten haben die europäischen Unternehmen jedoch
ebenfalls mit Stellenstreichungen begonnen, und die weitere
Verschlechterung der Beschäftigungserwartungen der Unternehmen
deutet darauf hin, dass sich der Arbeitsplatzabbau fortsetzen wird. Wie
die Beschäftigungserwartungen der Unternehmen in der EU zeigen, sind
die Unternehmer trotz der in den nächsten Monaten erwarteten
allgemeinen Verbesserung der Konjunktursituation der Auffassung, die
höhere Nachfrage mit den bestehenden Produktionskapazitäten erfüllen
zu können. Deshalb dürften die Investitionsausgaben (einschließlich
Bausektor) im 2. Hj. bestenfalls leicht ansteigen. Im Jahr 2004 ist ein
Investitionsanstieg von 3 ½% zu erwarten (2003: 1%).
30
2001= 100
101
100
US Beschäftigung
99
98
EWU Investitionen
97
USAusrüstungsinvestitionen
96
95
94
93
2001
2002
2003
USA: Leistungsbilanz
20
0
-20
-40
-60
-80
-100
-120
Mrd. USD
-140
-160
90
92
94
96
98
00
02
28. Oktober 2003
Aktuelle Themen
Leistungsbilanzdefizits dürfte teilweise auf den sogenannten J-KurvenEffekt zurückzuführen sein. Danach passen sich Preise weitaus schneller
an Wechselkursänderungen an als die Volumina, so dass sich eine
Verbesserung der Leistungsbilanz verzögert.
Zwillingsdefizite wie in den 80er Jahren
Die Verschlechterung der außenwirtschaftlichen Position ist bei nahezu
ausgeglichenem finanziellen Saldo des privaten Sektors (Investitionen
minus Ersparnis) Spiegelbild der steigenden US-Budgetdefizite. Damit
ist die aktuelle Entwicklung der Situation der „Zwillingsdefizite“ in den
80er Jahren vergleichbar. Allerdings hat das US-Leistungsbilanzdefizit
schon lange sein damals erreichtes Rekordniveau (1987: -3,4% des BIP)
überschritten.
Hypothesen zur langfristigen Tragbarkeit des US-Leistungsbilanzdefizits
US Finanzsalden
8
Finanzsaldo des Privatsektors
Leis(Ersparnisse minus
tungsInvestitionen)
bilanz
6
4
2
0
-2
Finanzsaldo
des öffentl.
Sektors
-4
-6
% des BIP
60
68
76
84
92
-8
00
5% des BIP - Bestimmungsfaktor: Wachstumsdifferenz
Eine Studie der Fed kommt zu dem Ergebnis, dass Leistungsbilanzanpassungen üblicherweise bei einem Defizit von 5% des BIP
beginnen und mit einem nachlassenden Wirtschaftswachstum und einer
realen Abwertung um 10 bis 20% in einem Zeitraum von rund 3 Jahren
einhergehen. Die Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass in den
Industrieländern Leistungsbilanzanpassungen großteils eine Funktion der
Wachstumszyklen sind. In den USA wird der kritische Wert für die
Leistungsbilanz im laufenden Jahr zwar erreicht. Die US-Wirtschaft befindet
sich allerdings alles andere als in einem die Leistungsbilanz
verbessernden Abschwung. Im Gegenteil, die US-Wirtschaft dürfte in H2
2003 vor allem aufgrund fiskalischer Stimulierungen sowie der extrem
lockeren Geldpolitik mit einer Jahresrate von rund 5% wachsen und auch
im kommenden Jahr weiter um gut 3 ¾% expandieren. Das USWachstum übertrifft damit weiter das seiner Handelspartner. Da auch
der Importsog pro Prozentpunkt des Wirtschaftswachstums in den USA
stärker ist als im Rest der Welt, steigt der außenwirtschaftliche Fehlbetrag
weiter an.
Reales BIP, % gg. Vj.
USA EWU Ja- Asien Lat. Ost- Welt
pan
Am. eur.
6,3
2000 3,8 3,5 2,8 7,2 4,1
4,0
2,4
2001 0,3 1,6 0,4 4,0 0,1
1,3
5,7
-1,3
4,2
2002 2,4 0,8 0,2
2,0
2003 2,7 0,6 2,3 5,4
2004 3,8 2,0 1,8 6,1
1,4
3,8
2,3
3,1
4,1
3,2
3-3 ½% des BIP - Bestimmungsfaktor: Nettoauslandsposition
Andere Untersuchungen (beispielsweise von Fred C. Bergsten) setzen
ein langfristig tragbares Leistungsbilanzdefizit mit dem Niveau gleich,
bei dem die Nettoauslandsverschuldung nicht weiter steigt. Dies wäre
bei einem Leistungsbilanzdefizit von 3 bis 3 ½% des BIP der Fall. Ob
dies allerdings ein für die USA maßgebliches Kriterium ist, ist fraglich.
Die Nettoauslandsposition der USA ist zwar als Folge der Leistungsbilanzdefizite seit 1989 negativ und die Nettoauslandsverschuldung bis
2002 auf 25% des BIP gestiegen. Sie liegt damit jedoch weit von den
Niveaus (50-60%) entfernt, die andere Länder mit hohen Leistungsbilanzdefiziten, beispielsweise Australien, Portugal und Griechenland,
aufweisen. Die Nettoauslandsverschuldung Neuseelands beträgt sogar
90% des BIP.
US-Nettoschuldendienst äußerst gering
USA: Nettoauslandsposition
und Nettozinszahlungen
10
5
0
1,2
Nettoauslandsposition
(links)
1,0
0,8
-5
Überdies haben die USA - trotz der merklich gestiegenen Nettoauslandsverschuldung - bis 2002 mehr Zinsen und Dividenden erhalten, als sie an
das Ausland überwiesen haben; erst im laufenden Jahr ist hier mit einem
Swing zu rechnen. Vor diesem Hintergrund sind die Finanzierungskosten
der amerikanischen Auslandsverschuldung bei weitem noch nicht in der
Größenordnung, die Anpassungen bei den inländischen Ausgaben und
damit eine Verbesserung der US-Leistungsbilanz nach sich ziehen
würden. Selbst wenn die Nettozinszahlungen bis 2004 auf etwa USD 30
Economics
-10
0,6
-15
0,4
-20
0,2
-25
0,0
Nettozinszahlungen
-0,2
-35
% des BIP (rechts) % des BIP
-40
-0,4
80 82 84 8688 90 92 94 9698 00 02 04
-30
9
Aktuelle Themen
28. Oktober 2003
Mrd. ansteigen würden, wären dies immer noch nur ¼% des BIP. Im
Vergleich dazu: die amerikanischen Konsumausgaben belaufen sich auf
fast USD 7 300 Mrd., die Investitionen auf USD 1 600 Mrd.
2-6% des BIP - Bestimmungsfaktor: Portfolioallokation
Ein weiteres Konzept zur Bestimmung der langfristigen Tragbarkeit
(beispielsweise von Catherine L. Mann) stellt auf die Nettokapitalzuflüsse
und damit auf die Portfolioentscheidungen internationaler Investoren ab.
Um den derzeitigen US-Kapitalbedarf zu decken und die umfangreichen
Kapitalzuflüsse in die USA aufrecht zu erhalten, müssen internationale
Investoren bereit sein, US Vermögenswerte zu den aktuellen Preisen zu
kaufen. Sollte dies nicht der Fall sein, müssen die Preise sinken bzw.
die Renditen steigen. Damit bestimmen die Portfolioallokation und vor
allem die Portfolioentscheidungen internationaler Investoren über den
USD-Kurs das langfristig tragbare Leistungsbilanzdefizit.
Nach den Ergebnissen von Befragungen von Portfoliomanagern durch
die Zeitschrift Economist lag der Anteil von US-Aktien am gesamten
Aktienportfolio von 1993 bis 1995 relativ konstant bei 30% (dies entspricht
in etwa dem Anteil der US-Wirtschaft am Welt-BIP) und ist dann zwischen
1995 und 1997 dramatisch auf rund 50% gestiegen (was etwa dem Anteil
des US-Aktienmarktes an der globalen Marktkapitalisierung entspricht).
Derzeit liegt er bei rund 55%. Um den USD stabil zu halten, müssten
internationale Investoren weiter wie von 1998 bis 2001 etwa 80% ihrer
Portfolioneuanlagen in US-Vermögen anlegen, was historisch gesehen
relativ hoch ist. Die Finanzierung der US-Leistungsbilanz wäre unter
dieser Voraussetzung auf lange Sicht kein Problem und ein Fehlbetrag
in der Größenordnung von 5-6% des BIP somit langfristig tragbar. Würde
der Anteil der Neuanlagen jedoch auf 55% (Anteil der Aktienmarktkapitalisierung) sinken, wäre Modellrechnungen zufolge nur noch ein
Defizit von 3 ½ bis 4% langfristig tragbar; würde der Anteil sogar auf 30%
(Anteil am Welt-BIP) fallen, wären schon Leistungsbilanzfehlbeträge von
mehr als 2% des BIP kritisch.
Allerdings sind Risiko- und Renditebetrachtungen genauso wichtig, wenn
nicht sogar wichtigere Motive für die Portfolioentscheidungen
internationaler Investoren als die der obigen Betrachtung zugrunde
liegenden Benchmarküberlegungen. Das merklich höhere Wachstumspotenzial der US-Wirtschaft und damit tendenziell höhere Renditen auf
US-Anlagen lassen eher das obere Drittel des aufgezeigten Bandes für
das langfristig tragbare US-Leistungsbilanzdefizit als wahrscheinlich
erscheinen.
Fazit: Keine Klarheit über Niveau und Dauer der Anpassung
Eindeutige Kriterien zur Bestimmung eines langfristig tragbaren USLeistungsbilanzdefizits gibt es nicht. Sie sind bestenfalls grobe
Anhaltspunkte und mit Blick auf die Empirie teilweise willkürliche
Festlegungen. So eignet sich die Argumentation über die
Nettoauslandsposition kaum, die USD-Abwertung zu erklären. Der
Portfolioansatz erscheint zwar auf den ersten Blick einleuchtend, hat
aber den Nachteil, dass zur Festlegung, was langfristig tragbar ist, die
Kenntnis über das künftige Verhalten der Portfoliomanager notwendig
ist. Dies ist somit mehr ein tautologischer Zusammenhang. Zudem gibt
es kein schlüssiges Konzept darüber, wie schnell das USLeistungsbilanzdefizit auf ein tragbares Niveau abgebaut werden muss
bzw. soll. Der oftmals diskutierte Zeitraum von 2 Jahren scheint zu kurz,
zumal die Anpassungen nicht nur für die USA schmerzhaft sein werden.
Angesichts der Größe der amerikanischen Volkswirtschaft würde ein
10
Economics
Anteil von US-Aktien am
globalen Portfolio
60
55
50
45
40
35
30
%
25
93 94 95 96 97 98 99 00 01 02 03
Portfolionneuanlagen in
US-Vermögen
100
%
80
60
40
20
0
1993-95
1996-97
1998-01
28. Oktober 2003
Aktuelle Themen
Anpassungsprozess auch die Weltwirtschaft erheblich in Mitleidenschaft
ziehen – und dies gerade in einer Zeit, in der Europa und Japan die Kraft
der US-Konjunkturlokomotive dringend brauchen.
Szenarien für die US-Leistungsbilanz: Wie stark
muss der USD noch fallen?
USA: Leistungsbilanz
100
Die meisten Vorschläge zum Abbau des US-Leistungsbilanzdefizit
konzentrieren sich auf den Wechselkurs. Dabei reicht die Spanne für die
notwendige Abwertung der amerikanischen Währung auf handelsgewichteter Basis je nachdem, welches Niveau als langfristig tragbar
angesehen wird, von 25 bis 50%.
Als Faustformel gilt, dass eine 10%-ige Abwertung des handelsgewichteten USD-Wechselkurses die US-Leistungsbilanz c.p. um etwa
USD 50 Mrd. verbessert. Die Schätzungen von DB Research liegen damit
in etwa in der Größenordnung, die der IWF ermittelte (gut USD 60 Mrd.),
jedoch merklich unter der Einschätzung von Fred C. Bergsten, Leiter
des Institute for International Economics, der von einer Verbesserung
um USD 100 Mrd. in 2 bis 3 Jahren ausgeht. Letztere Schätzung erscheint
uns zu optimistisch.
Status Quo: US-Leistungsbilanzdefizit 2008 bei 6 ¾% des BIP
Um die möglichen Entwicklungen der US-Leistungsbilanz zu analysieren,
haben wir verschiedene Modellrechnungen durchgeführt. Dabei wird die
Entwicklung der US-Importe durch das US-Wirtschaftswachstum sowie
den handelsgewichteten Wechselkurs bestimmt, während die
amerikanischen Exporte eine Funktion der ausländischen Nachfrage und
der Wechselkurse sind. Nebenstehende Graphik zeigt, dass unser Modell
die Entwicklung seit 1980 recht gut abbildet.
Bei einem konstanten USD/EUR-Kurs von 1,20 und unter unseren
Wachstumsannahmen würde sich das US-Leistungsbilanzdefizit im
laufenden Jahr auf rund USD 550 Mrd. oder 5% des BIP (2002: USD -481
Mrd. oder 4,6% des BIP) und im kommenden auf über USD 600 Mrd.
oder 5 ½% des BIP ausweiten. Wachsen danach die USA und der Rest
der Welt im gleichen Tempo, steigt das Defizit der Leistungsbilanz bis
2008 auf über USD 950 Mrd. oder 6 ¾% des BIP
0
Tatsächlich
-100
-300
-400
-500
Mrd. USD
-600
80
85
90
95
00
Vorgehensweise:
Ausgangspunkt: Exporte und Importe
(Güter,Dienste, Zinsen/Dividenden,
Einkommen) 1980,
Fortschreibung mit den Preis- u.
Einkommenselastizitäten aufgrund USWachstum, Wachstum im Rest der Welt
sowie der Entwicklung des nominalen
handelsgewichteten USD + Transferbilanz
Asien-10: Devisenreserven
1200
1100
Mrd. USD
Mrd. USD
Veränderung
gg. Vj. (rechts)
1000
200
160
900
120
800
Reduzierung bis 2008 auf 3% des BIP erfordert USD-Abwertung
um 30% …
700
Will man den US-Fehlbetrag in den kommenden 5 Jahren auf 3% des
BIP verringern (auch wenn dies wie oben beschrieben kein objektives
Kriterium für ein langfristig tragbares Niveau ist), wäre bis 2008 eine
Abwertung des USD auf handelsgwichteter Basis um insgesamt rund
30% notwendig. In 2008 würde der USD/EUR-Kurs bei 1,62 und damit
nur leicht über seinen früheren Höchstständen liegen. Dies erscheint auf
den ersten Blick durchaus machbar. In unserer Modellrechnung ist jedoch
unterstellt, dass auch die Währungen der asiatischen Länder
(beispielsweise auch China) im gleichen Tempo wie der EUR gegenüber
dem USD aufwerten, da hier die größten Leistungsbilanzüberschüsse
und damit Gegenposten zum US-Leistungsbilanzdefizit bestehen. Diese
Annahme erscheint angesichts der fehlgeschlagenen Versuche der USRegierung, asiatische Ländern zu einer flexibleren Wechselkurspolitik
zu bewegen, zu optimistisch. So sind die Devisenreserven vor allem
asiatischer Emerging Markets zuletzt drastisch gestiegen. Die
Veränderung der Devisenreserven ist nahezu so groß wie die
Leistungsbilanzüberschüsse dieser Länder gegenüber den USA. Damit
wird der Großteil der Überschüsse heute durch die Zentralbanken
„receyceld“, während dies in früheren Jahren vor allem durch den privaten
Sektor selbst geschah.
500
Economics
-200
Modell
Volumen (links)
80
600
40
400
0
1997
1999
2001
2003
H1
Asien-10: Devisenreserven
und Leistungsbilanz
Leistungsbilanzsaldo
vs. USA
250
Mrd. USD
Devisenreserven,
Veränderung
gg. Vj.
200
150
100
50
0
1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003
H1
11
Aktuelle Themen
… und verringert Wachstum in Europa um knapp 1%-Punkt p.a.
28. Oktober 2003
Nominal effektiver USD-Wechselkurs
Zudem muss die Verbesserung der US-Leistungsbilanz mit Wachstumseinbußen in Europa und Japan in der Größenordnung von knapp 1% p.a.
erkauft werden. Fällt die Aufwertung der asiatischen Währungen
schwächer aus, wären die Anpassungslasten und damit die Wachstumseinbußen in Europa sogar noch deutlich höher. Aber gerade das Gegenteil
wäre wünschenswert: So sollte der Anpassungsprozess der USLeistungsbilanz vor allem über ein höheres Wachstum in Europa
vonstatten gehen.
140
130
120
110
100
Wechselkursänderungen alleine reichen nicht aus
90
Wechselkursänderungen alleine können die US-Leistungsbilanz nicht
nachhaltig stabilisieren. Da die Importe in den USA stärker auf Änderungen
der Binnennachfrage reagieren als im Rest der Welt, verschlechtert sich
die US-Leistungsbilanz selbst dann, wenn die USA und der Rest der
Welt im Gleichgang wachsen würden. Daher sind kontinuierliche
Abwertungen des USD um 5-8% p.a. notwendig, um die Wirkungen der
unterschiedlichen Einkommenselastizitäten der Importnachfrage
auszugleichen. Eine solche permanente Abwertung des USD ist
allerdings keine realistische Option. Daher ist es dringend nötig, die
Wachstumskräfte außerhalb der USA zu stärken. Eine solche Strategie
hätte jedoch alleine ebenfalls kaum Aussicht auf Erfolg: Bei einem
unveränderten USD-Kurs von 1,20 und einem US-Wirtschaftswachstum
von knapp 2% p.a. müsste unseren Modellrechnungen zufolge der Rest
der Welt um rund 6 ½% p.a. expandieren, um das US-Leistungsbilanzdefizit bis 2008 allein über die Wachstumsdifferenz auf 3% des
BIP zu reduzieren.
Stefan Bergheim, +49 69 910-31727 ([email protected])
Bernhard Gräf, +49 69 910-31738 ([email protected])
Stefan Schneider, +49 69 910-31790 ([email protected])
1997=100
80
95 96 97 98 99 00 01 02 03
Leistungsbilanzsalden
200
EM Asien Japan
Mrd. USD
100
0
EWU
Lat.
Amerika
-100
-200
-300
USA
-400
2000
-500
2001
-600
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Economics
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