Somatoforme Störungen - Universität Duisburg

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LVR-Klinikum Essen
Kliniken und Institut der Universität Duisburg-Essen
Somatoforme Störungen
Dominique Zehnpfennig
Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
LVR-Klinikum Essen
Leitung Prof. Dr. Friederich
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Übersicht
• Definition
• Klassifikation
• Ätiologische Modelle
• Handlungsempfehlungen/The
rapie
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Psychosomatische Differentialdiagnose
Körpersymptom
Körperliche Erkrankung
Psychische Erkrankung
... mit adäquater
Krankheitsbewältigung
... mit inadäquater
Krankheitsbewältigung
Körperliche Erkrankung und
psychische Erkrankung
Psychische Erkrankung
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Psychosomatische Differentialdiagnose
Körpersymptom
Körperliche Erkrankung
... mit adäquater
Krankheitsbewältigung
... mit inadäquater
Krankheitsbewältigung
Psychische Erkrankung
•
Somatoforme Störungen
•
•
•
•
•
Angst, Depression
PTSD
Neurasthenie
(Zoenästhetische Psychose
Hypochondrischer Wahn)
Körperliche Erkrankung und
psychische Erkrankung
Psychische Erkrankung
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Körperbeschwerden in der
Ambulanz
Häufigkeit körpl. Beschwerden
Rückenschmerzen
Schmerzen im
Bauch
Druckgefühl
Müdigkeit
Kopfschmerzen
Patientengrp.
Allg. Bevölk.
Übelkeit
Völlegefühl
Schweiß ausbrüche
Herzrasen
Sex.
Gleichgültigkeit
0%
10% 20% 30% 40% 50% 60%
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Somatoforme Störungen
• 25% aller Patienten in der
Primärversorgung
• In der ambulanten Fachversorgung z.B.
• < 5% (z.B. Dermatologie)
• > 30% (z.B.Neurologie)
• bis zu 50% (z.B. Gastroenterologie)
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Was sind somatoforme
Störungen?
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Somatoformen Störungen
• Manifestation psychogener Störungen in Form
von Körpersymptomen und Befindensstörungen
• Missempfindungen und Funktionsstörungen in
path.-anatomisch intakten Organen
• Häufig! 10% der Bevölkerung
• Fließende Übergänge zu psychischen Störungen,
v.a. Depressionen und Angststörungen
• Häufigste Symptome: Erschöpfung, Schmerzen,
Schlafstörungen, Herz-Kreislauf, Magen-Darm
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„typische“ Patienten mit
somatoformen Störungen……
präsentieren körperliche statt psychische
Probleme
• …berichten von organisch unerklärten
Körperbeschwerden
•
…haben multiple Beschwerden und eine
hartnäckige organische Ursachenüberzeugung
• …nehmen vermehrt das Gesundheitssystem in
Anspruch
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Charakteristika somatoformer
Störungen
• Anhaltende oder wiederholte Klage über
körperliche Beschwerden
• Symptomatik ist verbunden mit oft hartnäckigen
Forderungen nach weiterer medizinischer
Diagnostik trotz wiederholter Versicherungen der
Ärzte, dass die Beschwerden nicht ausreichend
medizinisch begründbar seien
• Beginn und Fortdauer der Symptomatik weisen
eine enge Beziehung zu belastenden
Lebensereignissen / Konflikten auf
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• In den somatischen Fachdisziplinen
parallele, am organbezogenen Leitsymptom
orientierte Klassifikationsmöglichkeit:
• „funktionelle Syndrome“
• z.B. Reizdarmsyndrom, Fibromyalgie,
Schwindelsyndrom, Spannunskopfschmerz,
Rückenschmerzen
• Vorteil: fehlende Stigmatisierung als
„Psychokrankheit“
• Nachteil: diagnostischer Scheuklappenblick
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Somatoforme Störungen:
Klassifikation
ICD-10
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Somatoforme Störungen: Klassifikation
Somatisierungsstörung (F45.0)
•multiple Symptome (≥6 ) jedweder
Art/Lokalisation aus ≥2 Bereichen („buntes Bild“)
•wiederholt auftretend und häufig wechselnd
•mindestens 2 Jahre bestehend; chronisch
fluktuierend
•ausgeprägte Beeinträchtigung sozialer
Funktionen
•in „Reinform“ eher selten (Prävalenz in
Bevölkerung ca. 1%)
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Somatoforme Störungen: Klassifikation
Undifferenzierte Somatisierungsstörung
(F45.1)
•viel häufigere „kleine Schwester“
•Zahlreiche, hartnäckige und unterschiedliche
körperliche Beschwerden
•Das typische klinische Vollbild einer
Somatisierungsstörung ist aber nicht erfüllt
(z.B. keine 2 Jahre, weniger Beschwerden u.a.)
•Häufig (Prävalenz in der Bevölkerung >10%)
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Somatoforme Störungen: Klassifikation
Somatoforme autonome Funktionsstörung
(F45.3)
•Symptome bezüglich eines Organs oder Systems, das
weitgehend vegetativ innerviert und kontrolliert ist
•2 Symptomgruppen, beide nicht auf eine körperliche
Krankheit des betreffenden Organs/Systems hinweisend
 Objektivierbare Symptome der vegetativen
Stimulation als Ausdruck der Angst
 Subjektive, unspezifische, wechselnde Symptome
 F45.30 kardiovaskuläres System („Herzneurose“)
 F45.31 oberer Gastrointestinaltrakt (z.B. funktionelle
Dyspepsie, Reizmagen)
 F45.32 unterer Gastrointestinaltrakt (z.B. Reizdarmsyndrom)
 F45.33 respiratorisches System (z.B. psychogene
Hyperventilation)
 F45.34 urogenitales System (z.B. Dysurie)
 F45.38 sonstige
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Somatoforme Störungen: Klassifikation
Anhaltende somatoforme Schmerzstörung
(F45.4)
•andauernder, schwerer, quälender Schmerz
•Mindestdauer 6 Monate
•durch einen physiologischen Prozess oder eine
körperliche Störung nicht oder nicht vollständig
erklärbar
•Auftreten in Verbindung mit emotionalem Konflikt
oder psychosozialer Belastung
•Meist beträchtlich gesteigerte persönliche oder
medizinische Hilfe/Unterstützung
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Somatoforme Störungen: Klassifikation
Chronische Schmerzstörung mit
somatischen und psychischen Faktoren
(F45.41)
•andauernde Schmerzen ≥6 Monate
•Ausgangspunkt in einem physiologischen Prozess
oder körperlicher Störung
•Psychische Probleme wichtige Rolle für
Schweregrad, Exazerbation, Aufrechterhaltung aber
NICHT ursächlich für Beginn der Schmerzen
•Leiden und Beeinträchtigung in wichtigen sozialen
Funktionsbereichen
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Somatoforme Störungen: Klassifikation
Hypochondrische Störung (F45.20)
•Anhaltende Überzeugung vom Vorhandensein
wenigstens einer ernsthaften körperlichen
Krankheit als Ursache für vorhandene
körperliche Symptome
•Angststörung?
Dysmorphophobie (F45.21)
•Anhaltende Beschäftigung mit einer
vermuteten Entstellung / Befürchtung eine
gestörte Gestalt zu haben Selbstbeobachtung
aus Sorge um den Körper im Vordergrund.
•Angststörung?
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Somatoforme Störungen: Klassifikation
Sonstige somatoforme Störungen F45.8
•Störungen der Wahrnehmung, der Körperfunktion und
des Krankheitsverhaltens, die nicht durch das
vegetative Nervensystem vermittelt werden
•Auf spezifische Teile oder Systeme des Körpers
begrenzt
•Verbindung zu belastenden Ereignissen und Problemen
•z.B. Globus hystericus, psychogener Pruritus,
psychogene Dysmenorrhoe, Zähneknirschen
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Verwandte Störungen
Dissoziative Störungen der
Willkürmotorik, Sinnesorgane und Sensorik (F44.4-7)
•Große Ähnlichkeit mit fast jeder Form der Ataxie, Apraxie,
Akinesie, Aphonie, Dysarthrie, Dyskinesie, Anfällen oder
Lähmungen Pseudoneurologische Symptomatik
(Konversionsstörungen)
•Am häufigsten Lähmungen
• folgen oft „subjektiver Anatomie“
•auslösender Konflikt muss erkennbar sein und drückt sich
im Symptom im Sinne einer Kompromisslösung aus
•in der amerikanischen Klassifikation DSM Teil der
somatoformen Störungen
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Verwandte Störungen
Neurasthenie (F48.0)
•gesteigerte Ermüdbarkeit/Erschöpfung nach nur
geringer Anstrengung
•weitere Körperbeschwerden (Schwindel, Schmerzen)
•Unfähigkeit zu entspannen
•entspricht weitgehend dem „Chronic Fatigue
Syndrom“
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DSM V
„Somatic Symptom Disorders“
•soll alle bisherigen Unterformen somatoformer Störungen
ersetzen
•gegenüber somatoformen Störungen zwei wesentliche
Veränderungen:
1. Kriterium der organischen Unerklärbarkeit entfällt
2. psychobehaviorale Merkmale als verbindliche
diagnostische Positivkriterien
anhaltende Überzeugung von medizinischer
Ernsthaftigkeit
starke Beschäftigung mit den Beschwerden
hohe Gesundheitsangst wegen der
Beschwerden
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Störungsbild
Kurzcharakterisierung
Somatisierungsstörung
F45.0
Seltene Extremform; „buntes Bild“; multiple Körperbeschwerden;
Dauer >2 Jahre; Prävalenz 1%
Undifferenzierte Somatisierungsstörung
F45.1
Viel häufigere Minusvariante; weniger Beschwerden, kürzere
Dauer; Prävalenz >10%
Hypochondrische Störung
F45.2
Organische Ursachenüberzeugung dominiert, nicht Beschwerden
selbst
Somatoforme autonome
Funktionsstörung
F45.3
Nach vegetativ innervierten Organen unterteilt. Zeichen der
vegetativen Stimulation und organische Ursachenüberzeugung
Anhaltende somatoforme
Schmerzstörung
F45.4
Anhaltender schwerer Schmerz dominiert
Dissoziative Störungen der Bewegung
/Empfindungen
F44.4-F44.7
„pseudoneurologische“ Störung der Willkürmotorik und Sensorik;
!)
Auslösender Konflikt muss erkennbar sein
Neurasthenie F48.0
Leitsymptom erhöhte Erschöpfbarkeit
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Beschreibungsdimensionen
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Beschreibungsdimensionen
Zahl und Dauer organisch nicht
ausreichend erklärter
Körperbeschwerden
• Zahl der ätiologisch unklaren
Beschwerden als Schweregradindikator
• Zeitverlauf, Chronifizierung,
Beschwerdewechsel als
Schweregradindikator
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Beschreibungsdimensionen
Ursachenüberzeugung/Krankheitsbefürchtung
•
Grad der Überzeugung an organischer
Erkrankung zu leiden. Ursachenüberzeugung
sollte aktiv erfragt werden („was glauben Sie, ist
die Ursache Ihrer Beschwerden?“, „spielen auch
Stress oder die Nerven eine Rolle?“)
•
ängstliche Beschäftigung mit
Krankheitsmöglichkeit
•
bei Überwiegen dieser Dimension gegenüber
Beschwerdeerleben: hypochondrische Störung
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Beschreibungsdimensionen
Emotionaler Distress
•
•
•
Ausmaß, in dem negative Affekte in Zusammenhang
mit den entsprechenden Auslösern erlebt und
ausgedrückt werden
Bei somatoformen Störungen häufig komorbid Angst
und Depression
Belastende Lebensereignisse werden häufig negiert
oder ohne emotionales Belastungserleben berichtet
(Ausblenden emotionaler Belastung)
• Screening: nach Niedergeschlagenheit,
Freundlosigkeit, Interessenverlust,
Antriebsminderung, Nervosität und Angst fragen
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Beschreibungsdimensionen
• Krankheitsverhalten
• Oft quantitativ gesteigertes und qualitativ
dysfunktionales Krankheitsverhalten:
• Patienten wenden sich wiederholt mit großer
Hoffnung an neue Behandler, sind enttäuscht,
wenn keine „Heilung“ erfolgt
• „doctor hopping“ m. vermehrter Inanspruchnahme
medizinischer Leistungen (oft mit
selbstdestruktivem Ausmaß), vermehrten
Therapieabbrüchen, inkompatiblen
Parallelbehandlungen
• Patient und Arzt erleben sich als ohnmächtig,
hilflos, enttäuscht „Beziehungsstörung im
Gesundheitswesen“
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Beschreibungsdimensionen
• Physiologische Normabweichung
 Auch bei Patienten mit somatoformen
Störungen
 Oft initial wichtige Rolle bei der Auslösung
somatoformer Beschwerden bestärkt
Pat. in organischer Ursachenüberzeugung
 Bewährte Haltung: „Sowohl als auch“
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Ätiopathogenetische Konzepte
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•Wie verstehen?
Verschiedene Modelle
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Ätiopathogenetische Konzepte
•Entstehung somatoformer Störungen
komplexer multifaktorieller Prozess
•Bio-psycho-soziales Modell:
Psychodynamische, lerntheoretische,
familiendynamische, systemische,
soziologische, psychophysiologische,
neurobiologische und genetische Aspekte
greifen ineinander
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Ätiopathogenetische Konzepte
•Anhand von vier basalen
Krankheitskonzepten lässt sich die Vielfalt
psychosomatischer Erkrankungen sowie
deren Ätiopathogenese psychodynamisch
verstehen und einordnen:
•Konversionsstörung
•Somatisierungsstörung
•Somato-Psychosomatose
•Somatopsychische Erkrankung
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Psychosomatosen
•
•
•
Organische Erkrankungen mit fassbaren
morphologischen Veränderungen,
auf deren Entstehung und/ oder Verlauf
psychische Faktoren einen starken Einfluss
haben.
Bsp.: Asthma bronchiale, chronisch
entzündliche Darmerkrankungen u.a.
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somatopsychische Störungen
• Seelische Reaktionen auf körperliche
Erkrankungen
• Primär liegt eine Erkrankung aus dem
somatischen Bereich vor
• Sekundär wird mit einer psychischen Störung
reagiert
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Sprung vom Seelischen ins
Körperliche
• Prozess der Verkörperlichung seelischer
Belastungen und Konflikte
• Psychodynamische Konzepte:
 Konversion
 Somatisierung
 Alexithymie
Analytische Begriffe / Modelle
Beim Gesunden: Affektives Erleben
körperliche Wahrnehmungen begleiten die
emotionale Wahrnehmung =Affektkorrelate
Somatisierung: Wahrnehmung des
Körpersymptoms steht im Vordergrund
oder ersetzt Affekt = somatisches
Affektäquivalent (Überführung von Affekten
in Körperbeschwerden/ Störung der
Affektwahrnehmung)
Analytische Begriffe / Modelle
• Konversion:
• Umwandlung eines unbewussten Konfliktes in ein
Körpersymptom mit Ausdruckscharakter
• Funktionen der Sensorik / Motorik beeinträchtigt
• „Symbolisierung“
• Der Konfliktinhalt wird „in Körpersprache
übersetzt“
• = Körpersprachlicher Ausdruck
• (Bsp.: Wunsch aus Beziehung zu fliehen –
bedrohlich – Gangstörung)
Gestörte Affektwahrnehmung
Modell der De- und Resomatisierung
• Frühe Entwicklungsstadien: Affekte kommen körperlich (als
somatische Affektäquivalente) zum Ausdruck. Einheit psychischer
und körperlicher Vorgänge
• Gesunde Entwicklung: fortlaufender Prozess der Differenzierung
psychischer und körperlicher Zustände = Desomatisierung
• Unter krisenhaften Belastungen kann es zu einer
Resomatisierung von Affekten kommen
• Verschiebung des Erlebens von Affekten hin zu ausschließlich
körperlichem Erleben von Affekten
•Beeinträchtigung der Affektwahrnehmung zentrale
Komponente der Somatisierung
•Patienten nehmen Affekte weniger wahr als
Vergleichsgruppen
Gestörte Affektwahrnehmung
Modell der De- und Resomatisierung
„Ausreichend gute“ frühe Beziehungserfahrungen führen zu...
.... Erfahrungen des Verstandenwerdens / Sich-verstehen-könnens
.... Erfahrungen des Beruhigt-werdens / Sich-beruhigen-könnens
bezüglich körperlicher und emotionaler Abläufe, für die es
• Erklärungen, Worte (= Narrative)
Mentalisierung
• geeignete Maßnahmen (Selbstwirksamkeit) gibt
Gestörte Affektwahrnehmung
Modell der De- und Resomatisierung
Folgen gestörter früher Beziehungserfahrungen:
Körperliche/emotionale Abläufe...
- können nicht in der Wahrnehmung differenziert werden:
(Was ist primär körperliche Missempfindung?
Was ist primär affektiver Spannungszustand?)
 Desomatisierung nicht möglich
- können nicht durch eigenes adäquates Handeln
bewältigt / beruhigt werden (
Hilflosigkeit)
Multifaktorielle ätiologische Konzepte:
•
•
Physiologische Faktoren:
erhöhte physiologische Reaktionsbereitschaft/
individuelle psychovegetative Reaktionsmuster
•
Genetische/ biographische Faktoren:
Krankheiten von Fam.-Mitgliedern,
eigene körperliche Vorschädigungen / Erkrankungen
(Bahnung),
Erfahrungen im Umgang mit Erkrankungen in der
Familie
Multifaktorielle ätiologische Konzepte:
• Kognitive Faktoren:
Fokussierung der Aufmerksamkeit auf körperliche Vorgänge,
verstärkte Wahrnehmung von Körpermissempfindungen
(interozeptive Wahrnehmung),
Fehlbewertungen körperl. Wahrnehmungen
(Katastrophisieren), fehlerhafte Grundannahmen:
Gesundsein bedeutet völlige Abwesenheit von körperlichen
Missempfindungen,
negative Denkschemata, negatives Selbstbild (schwach,
anfällig sein)
• Traumatisierungen (körperlich gespeicherte negative
Erfahrungen))
Multifaktorielle ätiologische Konzepte
Iatrogene Faktoren
• Fehlinterpretation von Bagatell- und Zufallsbefunden
• Vorschnelle Mitteilung neuer organischer
Verdachtsdiagnosen
• ausschließlich negative Erklärung der Beschwerden („Sie
haben nichts“) bzw. Verwechslung mit Simulation
oder Aggravation
• Fortsetzung der Diagnostik zur Beruhigung des Pat.
• Verschreibung von Medikation trotz zweifelhafter
Diagnose
• mangelnde Kommunikation mit anderen Behandlern
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Multifaktorielle ätiologische Konzepte
Kognitive Fehlbewertung
•Somatische Beschwerdeattribution
•Fehlbewertung körperlicher Empfindungen
•Unrealistischer Gesundheitsbegriff mit
geringer Toleranz für normale Beschwerden
•Übertriebene Erwartungen an die
medizinische Behandlung
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Multifaktorielle ätiologische Konzepte
Erhöhte physiologische Reaktionsbereitschaft
und somatosensorische Amplifizierung
•Erhöhte physiologische Reaktionsbereitschaft
körperliches Substrat der Symptombildung
•Fehlbewertung körperlicher Signale 
somatosensorische Amplifizierung
•Durch interozeptive Wahrnehmung werden normale
körperliche Empfindungen intensiver wahrgenommen
und als Symptome einer Krankheit fehlinterpretiert
•Vor allem bei somatoformen autonomen Störungen
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Multifaktorielle ätiologische Konzepte
Biographische Vulnerabilität
•V.a. bei somatoformen Schmerzsyndromen
häufig Kindheitsbelastungsfaktoren
•Misshandlung, sexueller Missbrauch, emotionale
Vernachlässigung
•unsicher vermeidendes Bindungsverhalten,
gestörte Affektwahrnehmung
•chronische Krankheit der Eltern oder
Geschwister beeinflussen modellhaft
Symptomwahl
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Multifaktorielle ätiologische Konzepte
Bahnung durch körperliche Vorschädigung
•Kortikale Engrammierung früherer Erfahrungen
•Für Schmerz belegt
•Klinische Erfahrung sprechen dafür, dass auch
andere somatoforme Symptome durch
körperliche Vorschädigung im entsprechenden
Organsystem gebahnt werden können
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Multifaktorielle ätiologische Konzepte
Soziale und gesellschaftliche Faktoren
•Körperliche Erkrankung führt zu Änderung
sozialer Rollen
•Oft Entlastung von sozialen Anforderungen
•Möglichkeit, Anspruch auf soziale Entlastung zu
erheben  sekundärer Krankheitsgewinn
•„Zielkonflikt“ limitierender Faktor einer
Psychotherapie
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Komorbidität
•Häufig komorbid affektive Störungen
(Depression !)
•Gleichartigkeit der zugrundeliegenden
psychodynamischen Entstehungsprozesse:
überkompensatorische
Selbstüberforderung zur Abwehr von
Gefühlen der Leere und des Verlustes
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Komorbide Störungen eher die
Regel als die Ausnahme
Major
Depression
47%
Dysthymie
40%
Alkoholabusus
20%
Panikstörung
13%
Agoraphobie
17%
Zwangsstörung
10%
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Therapie
Therapieleitlinien in der
Primärversorgung
• Ausschluß organischer Ursachen!
• aber …..
• Vermeiden nicht streng indizierter
apparativer und invasiver Prozeduren
• kritische Bewertung von Zufallsbefunden
• zeitkontingente statt
beschwerdekontingente Termine
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Behandlungsschritte in Primärmedizin
•Erfragen der Krankheitsvorstellungen des
Patienten
•Aufgreifen von Hinweisen auf emotionale
Belastungen
•Induzieren realistischer
Behandlungserwartungen  initial Enttäuschung
aushalten ermöglicht oft stabilere
Arbeitsbeziehung
•Organmedizinische Diagnostik zur Abklärung
geplant, zeitlich gerafft und nicht redundant
•Bagatell- und Zufallsbefunde kritisch bewerten
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Behandlungsschritte in Primärmedizin
•Bei V.a. somatoforme Störung frühzeitig
über das Leitsymptom hinaus erweitern:
psychische Beeinträchtigung, psychosoziale
Belastungen, bisheriger Verlauf der
Beschwerden, Auslösesituation, bisheriger
Behandlungsverlauf etc.
•Erfragen psychosozialer Zusammenhänge
wird besser akzeptiert, wenn es nicht erst
am Ende einer langen Kette organischer
Abklärungen steht
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Behandlungsschritte in Primärmedizin
•Ärztliche Haltung: Entgegennahme der Klage signalisiert
dem Patienten, dass er ernst genommen wird
•Regelmäßige Einbestellung entlastend, da Patient keine
Steigerung der Beschwerdeintensität als Grund für
Arztbesuch „braucht“
•Vermittlung eines interaktives Erklärungsmodells der
Beschwerden
•Frühzeitige Konfrontation „Sie haben nichts, alles psychisch“
ungünstig.
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Behandlungsschritte in Primärmedizin
•Gestufte Aktivierung
•Überweisung an Fachpsychotherapie vorund nachbereiten
•Medikamentöse Therapie im Einzelfall
sinnvoll: trizyklische Antidepressiva in
analgetischer Indikation
•Kontraindiziert: Tranquilizer und
Neuroleptika
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Kriterien für Überweisung in
Fachpsychohtherapie
• Keine Besserung der Beschwerden über 3
Monate
• Krankschreibung > 4 Wochen
• Psychische Komorbidität
• Hinweise auf schwere psychische
Belastungsfaktoren
• Psychotherapeutischer Behandlungswunsch des
Patienten
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Therapeutische Ansätze
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Ausgangssituation in der
Psychotherapie
Das körperliche Symptom ...
•
steht in Zusammenhang mit einer
psychischen Belastungssituation
•
hat in diesem Zusammenhang kommunikative
Bedeutung (nach „innen“ und „außen“)
•
ist Ausdruck einer gestörten Affektregulation,
die auf eine (früh entstandene)
Beziehungsproblematik zurückzuführen ist
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Therapeutische Haltung
• Rahmenbedingungen schaffen, in denen der Patient
sich und seine Beschwerden verbal und non-verbal
darstellen kann (Setting, Beziehungsgestaltung)
• Geduldig-interessiert, begleitend-unterstützend, nicht
psychologisierend
•
•
•
hohe Ansprüche relativieren (z.B. rasche und völlige
Symptombeseitigung)
kleine Schritte propagieren
aktiv Informationen geben über psychosomatische
Zusammenhänge
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Erarbeiten eines plausiblen
Störungsmodells
• Normalerweise sucht der Patient eine
Erklärung, die auf eine körperliche Erkrankung
hindeutet
• Aufgabe des Therapeuten ist es, mit ihm
gemeinsam alternative
Erklärungsmöglichkeiten zu suchen.
Aber: nicht zu früh mit psychologischen
Erklärungsmöglichkeiten konfrontieren!
• „Sowohl als auch“- Haltung
• Das Störungsmodell sollte prädisponierende,
auslösende und aufrechterhaltende
Bedingungen mitbeinhalten. Hilfreich sind
Informationen aus dem Symptomtagebuch
Therapeutische Arbeit an Selbst- u.
Affektwahrnehmung
Unklare Affektlage:
- mit Affekten in Kontakt kommen
- Affektdifferenzierung üben
- Bedürftigkeit kennen lernen
Erloschene Körperlichkeit:
- Körpererleben lebendig werden
lassen
Unklare Selbstwahrnehmung:
- sich mit Selbstreflexion vertraut
machen
- Aspekte des Selbstbildes kennen
lernen
- Kontinuität und Kohärenz der
eigenen Person auffinden
Übungen zur Selbststeuerung:
Affektregulation und innere Sicherheit
Erregungsspannung reduzieren
- Entspannungstechniken
- Meditative Techniken
Körperwahrnehmung
- Übungen zum Körperbewußtsein
- Innere Achtsamkeit
Gefühl von Sicherheit herstellen
- Imaginative Übungen
(z.B. der sichere Ort)
Arbeit an Beziehungen
Die schwer verstehbaren,
- die Objekte realistisch sehen lernen
enttäuschenden,
bedrohlichen Anderen
- sich über die eigenen Erwartungen gegenüber
den Objekten klar werden (Nähebedürfnisse,
Autonomieansprüche, Versorgungswünsche...)
- den eigenen Anteil an der Interaktion sehen
lernen
- die emotionalen Mitteilungen der Objekte
klären und verstehen lernen
Therapieverlauf
Motivationsarbeit
Symptomwahrnehmung
Introspektion
Selbstkonfrontation
Therapieverlauf
Motivationsarbeit
Symptomwahrnehmung
Introspektion
Selbstkonfrontation
Psychosomatisches
subjektives
Erklärungsmodell
„Desomatisierung“
Verändertes
Krankheitsverhalten
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Aufmerksamkeit
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