7 Altern aus psychologischer Sicht

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Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1
Definition zum Entwicklungsbegriff
2 Die zweite Lebenshälfte
1
2
2
2.1 Das mittlere Erwachsenenalter
3
2.2 Das späte Erwachsenenalter
7
3 Altern aus psychologischer Sicht
10
3.1 Entwicklungsveränderungen im kognitiven Bereich
11
3.2 Entwicklungsveränderungen im emotionalen Bereich
13
3.3 Persönlichkeitsentwicklung
14
4 Zentrale Themen im Alternsprozeß
15
4.1 Liebe und Sexualität
15
4.2 Sinngebung und Zufriedenheit
17
5 Chancen und Hindernisse
5.1 Kritische Lebensereignisse
19
19
5.2 Bewältigung
6
22
Schlußbetrachtung
25
Literaturverzeichnis
27
Erklärung
29
Einleitung
Älterwerden gehört zu den elementaren Erfahrungen des Menschen und wird im Zu-
sammenhang mit dem damit verbundenen Reifungsprozeß in der Regel positiv bewertet.
Alt-sein hingegen ist in unserer schnellebigen und am Jugendwahn orientierten Gesellschaft schwer zu akzeptieren. Wird doch Alter in erster Linie mit Abbau und Abhängigkeit assoziiert. Das gesellschaftliche Bild vom Alter ist vorwiegend negativ und trägt
wenig dazu bei, der zweiten Lebenshälfte positiv entgegenzutreten.
Dieses Bild geht jedoch an der Realität und neueren wissenschaftlichen Forschungsergebnissen vorbei. Seit Ende der sechziger Jahre werden in entwicklungspsychologischen
Studien Veränderungsprozesse unter dem Aspekt der gesamten Lebensspanne untersucht.
Die moderne Entwicklungspsychologie hat dadurch aufgezeigt, daß Entwicklung
über die gesamte Lebensspanne gleichzeitig die Aspekte Wachstum oder Gewinn und
Abbau oder Verlust enthält (vgl.Oerter/ Montada, 1995, 13).
Ohne Zweifel bringt der Alternsprozeß Einbußen der Leistungsfähigkeit auf körperlicher Ebene mit sich; auf psychischer Ebene sind jedoch durchaus Wachstumsprozesse
möglich. Die vorliegende Arbeit bezieht sich auf die entwicklungspsychologischen
Prozesse der zweiten Lebenshälfte im Hinblick auf emotionale und kognitive Veränderungen und deren Bewältigung. Dabei sollen insbesondere die Faktoren für ein erfolgreiches Altern erörtert werden.
Bei der Bearbeitung des Themas wird wie folgt vorgegangen:
zunächst wird in Abschnitt 1 eine Definition zum Entwicklungsbegriff gegeben, im
Anschluß daran folgt in Abschnitt 2 eine Übersicht über die Entwicklung im mittleren und
späten Erwachsenenalter, welche als Grundlage für die folgenden Abschnitte zu
sehen ist. Im Abschnitt 3 werden Entwicklungsveränderungen im emotionalen und
kognitiven Bereich beschrieben, sowie Veränderungen in der Persönlichkeitsentwicklung.
Die Auseinandersetzung mit zentralen Themen des Alterns folgt im Abschnitt 4, bevor in
Abschnitt 5 auf Chancen und Hindernisse im Alternsprozeß hingewiesen wird und die
Auswirkungen von kritischen Lebensereignissen auf die Bewältigung aufgezeigt werden.
1 Definition zum Entwicklungsbegriff
Der Begriff der Entwicklung wird in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet, wobei er
sich im engeren Sinne auf Veränderungen beschränkt, die sich mit dem Lebensalter vollziehen (vgl. Nolting/ Paulus 1999, 66).
Es gibt aber auch Veränderungen, die unabhängig vom Alternsprozeß eintreten, z.B. durch
bedeutsame Ereignisse in beruflicher oder familiärer Hinsicht o.ä. Diese Veränderungen
können sehr individuell und in relativ kurzen Zeitabständen eintreten. Nolting u. Paulus
sprechen in diesem Zusammenhang von Dispositionsveränderungen.
Die moderne Entwicklungspsychologie untersucht heute Veränderungsprozesse über die
gesamte Lebensspanne. Dabei wird von einem Entwicklungsbegriff ausgegangen, der auch
Weiterentwicklung, Zukunftsbezug impliziert (vgl. Mayring/ Saup 1990, 9).
Demnach sind auch noch in hohem Alter Chancen für eine Fortentwicklung gegeben.
Menschen entwickeln sich ständig weiter, wenn auch individuell in sehr unterschiedlichem
Ausmaß und Zeitraum. Der Entwicklungsbegriff umfaßt also alle Dispositionsveränderungen in der gesamten Lebensspanne.
2 Die zweite Lebenshälfte
Der Beginn der zweiten Lebenshälfte oder auch der Übergang zur Lebensmitte wird in der
Regel für das Alter von 40 bis 45 Jahren markiert. Diese Lebensphase wird von einer Reihe
neuer Fragestellungen begleitet: was habe ich bisher erreicht? Bin ich in meiner Partnerschaft zufrieden? Welche Ziele möchte ich mir stecken? Was ist mir wirklich wichtig?
Vor allem geht es jetzt darum, sich selbst neu zu definieren. In der Lebensmitte sind wir nicht
mehr ganz jung, aber auch noch nicht alt. Das Hinterfragen von Lebenszielen und die Auseinandersetzung mit dem Selbst müssen allerdings nicht zwangsläufig zu einer psychischen
Krise führen, wie in den 70er Jahren durch die Postulierung einer "midlife crisis" angenommen wurde. Neuere Untersuchungen haben eine universelle, jeden Menschen betreffende
Krise nicht bestätigt (vgl. Faltermaier/ Mayring/ Saup/ Strehmel, 2002, 136). Da die Forschungen zur "midlife crisis" zu einem Kristallisationspunkt der Entwicklungspsychologie des
mittleren Erwachsenenalters geworden sind, wird darauf in Abschnitt 2.1 noch näher eingegangen.
Im folgenden soll auf die Theorie der subjektiven Strukturierung der Lebensspanne
aufmerksam gemacht werden, die das gesellschaftliche Bild der Lebensphase "Alter"
zum Ausdruck bringt. Bezeichnend dafür findet Staudinger die Tatsache, daß "es in
unserer Sprache für eine Phase von mindestens 30 Jahren und oft noch mehr nur einen
Begriff gibt, nämlich Alter". Würden wir das auf die Zeit von der Geburt über die Kindheit und Jugend bis zum Alter von 30 übertragen, könnte dies der Vielfalt dieser 30 J.
nicht gerecht werden, so Staudinger (vgl. Staudinger in: Pettersson, Beilage Frankfurter
Rundschau v. 4. Sept. 2002, 4).
Wann die Lebensphase "Alter" beginnt oder ab wann die Bezeichnung "älterer Mensch"
angemessen erscheint, wird u.a. durch das Geschlecht der befragten Person bestimmt.
Nach einer Untersuchung in der Bundesrepublik Deutschland wird der Begriff "älterer
Mensch" bei einer Frau ab ca. 50 Jahren, bei einem Mann ab ca. 54 Jahren markiert (Piel,
1989 in: Oerter/ Montada 1998, 447). Dies zeigt eine zeitlich relativ frühe Festlegung, die
genaugenommen das Alter mit der Lebensmitte gleichsetzt.
Der vorliegenden Arbeit liegt eine Strukturierung der zweiten Lebenshälfte zugrunde, die
in Abschnitt 2.1 das mittlere Erwachsenenalter (40 - 60 J.) zum Inhalt hat, in Abschnitt 2.2
das späte Erwachsenenalter (ab 60 J.).
2.1 Das mittlere Erwachsenenalter
Über lange Zeit war das mittlere Erwachsenenalter , die Zeit zwischen dem 40sten und 60sten
Lebensjahr, relativ unerforscht und ein vernachlässigtes Gebiet in der Psychologie.
Das Erwachsenwerden wurde als abgeschlossen betrachtet und die Annahme, der Mensch
durchlebe jetzt eine Phase der Konstanz, schien gefestigt. Erst der Übergang in das Alter würde
wieder bedeutende Veränderungen mit sich bringen. Diese Annahme wurde allerdings
in den 70er Jahren durch neue Forschungen zur "midlife crisis" (vgl. Kap. 2) gründlich
revidiert. Diese Forschungen unterstützten den Aspekt der lebenslangen Entwicklung (vgl.
Faltermaier/ Mayring/ Saup/ Strehmel 2002, 136). Sie haben aufgezeigt, daß auch im
mittleren Erwachsenenalter Entwicklungsprozesse stattfinden und dadurch ein neues
Forschungsfeld eröffnet.
Auf die genannten Studien soll jedoch nicht näher eingegangen werden, da inzwischen
aktuellere Untersuchungen vorliegen, die beispielsweise keine universelle "midlife crisis"
nachweisen und ein differenzierteres Bild dieser Lebensphase aufzeigen. Danach kann das
mittlere Erwachsenenalter nicht grundsätzlich als krisenhaft bezeichnet werden. Es gilt vielmehr herauszufinden, bei welchen Personen es unter welchen Umständen zu einer Krise kommt.
Die neueren Untersuchungen zeigen auf, "daß Entwicklungsprozesse im mittleren
Erwachsenenalter nur kohortenspezifisch, geschlechtsspezifisch und lebensbereichspezifisch
beschreibbar sind, daß von interindividuell unterschiedlichen Wegen der Entwicklung auszugehen ist" (ebd., 142).
Nach der Studie von Boylan und Hawkes 1988 waren z.B. nur 39 Prozent der befragten
Männer zwischen 38 und 49 Jahren mit ihrer Berufslaufbahn unzufrieden und äußerten
Merkmale einer midlife crisis.
Eine weitere Studie mit fast 1000 Frauen zwischen 35 und 55 Jahren (Jacobson, 1995) zeigte
keine krisenhaften Veränderungen. Das bedeutet, daß die Annahme einer universellen
midlife crisis nicht nachweisbar ist und außerdem eine erweiterte differenzielle Analyse im
Hinblick auf den gesamten Lebenszyklus notwendig ist.
"Genetisch und durch Umweltbedingungen sind Vorgaben aus den jeweils früheren Lebensabschnitten für die späteren immer wirksam"(Rosenmayr, 1996, 49).
Im folgenden soll ein kurzer Überblick über die Entwicklungsthemen und Veränderungen
im mittleren Erwachsenenalter gegeben werden.
Veränderungen im familiären Bereich:
a. Schulabschluß der Kinder
b. Auszug der Kinder aus dem Elternhaus
c. Großelternschaft
d. Pflege der hochbetagten Eltern
Während der Schulabschluß der Kinder durchaus als positive Veränderung in der Eltern-KindBeziehung wahrgenommen wird, kann der Auszug der Kinder aus dem Elternhaus
sowohl positive als auch negative Empfindungen auslösen.. Entscheidend dafür sind nach
Fahrenberg die zentralen Variablen, die das Erleben beim Auszug der Kinder beeinflussen.
Je nach Situation der Mutter (z.B. soziales Netzwerk, Beruf, Partnerschaft, Lebenszufriedenheit) und Situation des Kindes (z.B. Selbständigkeit, Geschwisterreihe, Zeitpunkt des Auszugs)
können Probleme oder ambivalente Gefühle auftreten (vgl. Fahrenberg in:
Faltermayer/ Mayring/ Saup/ Strehmel, 2002, 155).
Ein bedeutendes Lebensereignis im mittleren Erwachsenenalter stellt das Großeltern Werden dar, welches vielfältige Veränderungen mit sich bringt. "Die Großelternschaft
kann auch Prozesse der Weiterentwicklung, des konstruktiven Alterns auslösen"(Saup,
1991 in: Faltermaier/ Mayring/ Saup/ Strehmel, 2002, 147).
Besonders entscheidend für die Entwicklung sind hier die gegenseitigen Erwartungen
der Generationen und der bisherige Interaktionsstil in der Familie. Gehen die
Erziehungsvorstellungen der Großeltern und ihrer Kinder weit auseinander, kann es
zu erheblichen Konflikten und Abgrenzungen kommen.
Als sehr große Belastung im mittleren Erwachsenenalter kann sich die Pflege hochbetagter oder kranker Familienmitglieder entwickeln. Das gilt insbesondere für die Frau,
z.B. durch gleichzeitige Berufstätigkeit und der daraus resultierenden Doppelbelastung.
Durch die hohen Anforderungen und reduzierten Zeitressourcen kann es zu Spannungen
in der Partnerschaft und Einschränkungen der außerfamiliären Sozialkontakte kommen.
Die gesamte Lebensplanung der Frau ist von der Pflegeverpflichtung abhängig; betroffen
davon sind aber auch die anderen Familienmitglieder.
Veränderungen im gesundheitlichen Bereich
a. Menopause
b. Gesundheitseinschränkungen durch Belastungen im Beruf
Die hormonellen Umstellungen und körperlichen Veränderungen in den Wechseljahren
(in der Regel im Alter zwischen 45 und 55 Jahren) sind als entscheidender Abschnitt im
mittleren Erwachsenenalter der Frau zu sehen; signalisieren sie doch das Ende der
Gebärfähigkeit. Zudem sind diese Jahre mit klimakterischen Beschwerden verbunden
wie z.B. Hitzewallungen, Schwindelgefühle, Schlafstörungen, Haut- und Schleimhautveränderungen. Es ist allerdings davon auszugehen, daß diese Beschwerden und Ver-
änderungen nicht zwangsläufig zu krisenhaften Phasen oder psychosomatischen Symptomen führen, wie Arnim-Baas (1995) in ihrer Studie an Frauen im Klimakterium
zeigte. Entscheidend ist vielmehr, wie diese körperlichen Veränderungen erlebt und
bewertet werden und wie der allgemeine Gesundheitszustand der Frau ist (vgl.Arnim-Baas
in: Faltermayer/ Mayring/ Saup/ Strehmel, 2002,161).
Auch bei Männern werden klimakterische Symptome beobachtet, die auf einen Abfall
des Testosteronspiegels zurückzuführen sind. In einer Studie an 240 klinisch unauf- fälligen
Männern zwischen 35 und 65 Jahren fand Degenhardt heraus, daß mehr als
50 Prozent der befragten von klimakterischen Beschwerden berichtete (vgl. Degenhardt
1993 in: Faltermayer/ Mayring/ Saup/ Strehmel, 2002, 162).
Das mittlere Erwachsenenalter erweist sich insgesamt gesehen zwar nicht als Lebensabschnitt mit besonderen gesundheitlichen Einschränkungen; nach dem Gesundheitsbericht für Deutschland (Stat. Bundesamt, 1998) sind allerdings zwei Merkmale
hervorzuheben:
-
Nur etwa die Hälfte aller Personen schätzt die eigene Gesundheit als gut bis sehr gut
ein
-
Belastungen im Berufsleben spielen in dieser Lebensphase als Ursache von Gesundheitseinschränkungen eine besondere Rolle, vor allem psychische Belastungen
treten vermehrt auf (vgl. ebd., 160)
An dieser Stelle muß auch auf die aktuelle Arbeitslosenquote hingewiesen werden, die
als Gesundheitsgefährdung zu werten ist.
Die Auseinandersetzung mit dem Thema Gesundheit nimmt in der Lebensmitte tendenziell
zu, da das eigene Altern und die damit verbundenen Grenzen körperlicher
und psychischer Leistungsfähigkeit bewußter wahrgenommen werden.
Veränderungen im beruflichen Bereich
a. Beruflicher Wiedereinstieg von Frauen
b. Die letzten Berufsjahre
Frauen, die während der Familienphase ihren Beruf nicht mehr ausgeübt hatten, streben
nach der Zeit der Kindererziehung in der Regel wieder einen Einstieg in das Berufsleben
an. Neuere Studien zeigen auf, daß berufstätige Frauen im mittleren Erwachsenenalter ein höheres Selbstwertgefühl, weniger Angstgefühle, eine bessere physische
Gesundheit, eine höhere Ehezufriedenheit, mehr Glück und allgemeine Lebenszufriedenheit aufweisen als reine Hausfrauen (vgl. Coleman u. Antonucci, 1983 in:
Faltermayer/ Mayring/ Saup/ Strehmel, 2002, 159). Danach ist der berufliche Wiedereinstieg als besonders positive Veränderung zu bewerten.
Es ist jedoch zu bedenken, daß für Frauen mit niedriger Qualifikation, wenig Berufserfahrung und längerer Familienpause die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt heute
nicht sehr günstig sind.
Für Männer gilt ebenfalls eine differenzierte Sichtweise. Während ältere Studien das
mittlere Erwachsenenalter als beruflichen Höhepunkt und Glanzzeit darstellten, ist
heute zu beobachten, daß die Arbeitsplatzstruktur vorwiegend auf das frühe Erwachsenenalter ausgerichtet ist. Zudem muß berücksichtigt werden, welcher Berufsgruppe der Mann angehört. Für einfache Arbeiter und Angestellte bedeuten die
letzten Berufsjahre eher Stagnation oder Abstieg. Auch sind die Chancen auf dem
Arbeitsmarkt für ältere Arbeitslose gering. So kann es in der Lebensmitte zu
einer kritischen Phase der beruflichen Laufbahn kommen, die von einer Auseinandersetzung mit eigenen Grenzen und möglichen Abbauprozessen begleitet wird.
Beide Geschlechter durchlaufen das mittlere Erwachsenenalter auf individuell sehr
unterschiedlichen Entwicklungswegen, wobei der Verlauf sowohl von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen als auch von individuellen Ressourcen, sozialer und
familiärer Situation abhängig ist.
2.2 Das späte Erwachsenenalter
Der Übergang vom mittleren zum späten Erwachsenenalter und damit in die Altersphase ist nicht eindeutig zu bestimmen. Die Frage nach dem Beginn des "Alters"
kann zwar aus biologisch-medizinischer oder sozialwissenschaftlicher Perspektive
erörtert werden, jedoch liefern weder Sozial- und Verhaltenswissenschaften noch
Biologie und Medizin eindeutige Kriterien für eine Markierung der Altersphase.
"Altern verläuft nicht nur nach genetischen, sondern auch nach sozialen und
ökonomischen Vorbedingungen variabel"(Rosenmayr, 1996, 50).
Insofern stellt also selbst die gesetzliche Altersgrenze, die zwischen dem Alter von
60 bis 65 Jahren liegt, kein ausreichendes Kriterium dar. Durch den Austritt aus dem
Berufsleben und den Bezug von Altersruhegeld wird zwar eine Markierung der
Altersphase gegeben, das bedeutet jedoch nicht, daß in dieser Phase ein universeller
Abbau in physischer oder psychischer Hinsicht stattfindet. Vielmehr ist nachgewiesen,
daß Altersveränderungen auf verschiedenen Ebenen unterschiedlich ausgeprägt sind dies auch bei derselben Person. Diese Veränderungen können zudem unterschiedlich
ausgerichtet sein, etwa im Sinne von "Entwicklungsgewinnen" oder "Entwicklungsverlusten" (vgl. Kruse/ Schmitz-Scherzer, 1995, 176).
Das späte Erwachsenenalter stellt kalendarisch gesehen eine relativ lange Phase dar,
deshalb werden inzwischen für verschiedene Altersgruppen entsprechende Bezeichnungen eingeführt wie: junge Alte, jüngere Senioren, alte Senioren, Hochbetagte oder
Höchstbetagte. Auch der körperliche und psychische Gesundheitszustand gilt als
zentrales Merkmal zur Beschreibung älterer Menschen. Beispielsweise wird unterschieden zwischen körperlich und geistig Rüstigen und Pflegebedürftigen oder
chronisch Kranken.
Die Altersphase oder das späte Erwachsenenalter kann nicht als Phase der Stagnation
gesehen werden. Entwicklungsbedeutsame Veränderungen kommen auch im Alter vor
und beschränken sich nicht auf spezifische Funktionsbereiche, sondern müssen multidimensional betrachtet werden.
(in Kap. 3 wird darauf näher eingegangen)
Eine wesentliche Veränderung im späten Erwachsenenalter betrifft die Wahrnehmung.
Schon im mittleren Erwachsenenalter vollziehen sich Veränderungen in den Leistungen
der Sinnesorgane, wovon besonders Auge und Ohr betroffen sind. Eine verminderte
Sehfähigkeit kann bereits zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr festgestellt werden, die
Hörfähigkeit verschlechtert sich ebenfalls in diesem Jahrzehnt. Diese Veränderungen
vollziehen sich allmählich, und werden daher auch nicht sofort bemerkt. Sie beginnen
aber nicht erst in der Altersphase und verlaufen auch nicht nach einem für alle Personen
gleichen Schema oder Zeitraum; vielmehr gibt es hier große individuelle Unterschiede
im Außmaß der Leistungsveränderungen (vgl. Faltermaier/ Mayring/ Saup/ Strehmel,
2002, 184). Starke Einbußen in Wahrnehmungsleistungen können zu Hilfe- und
Pflegebedürfigkeit im späten Erwachsenenalter führen.
Auch die psychomotorischen Leistungen können in der Altersphase nachlassen; auf
Reize ihrer Umwelt reagieren ältere Menschen z.B. nicht mehr so schnell wie in
jüngeren Jahren. Mit zunehmendem Alter ist eine Verlangsamung der Reaktionsgeschwindigkeit zu erwarten. Der Hauptgrund scheint hierbei in der unterschiedlichen
Art und Weise, mit der das zentrale Nervensystem mit zunehmendem Alter eingehende
Informationen verarbeitet, zu liegen. Auch scheinen bestimmte Verhaltenstendenzen
im Alter dabei eine Rolle zu spielen; die Motivation bei der Durchführung einer Aufgabe, Intelligenzgrad usw. tragen zu interindividuellen Unterschieden der Leistungen
im psychomotorischen Bereich bei (vgl.Faltermaier/ Mayring/ Saup/ Strehmel, 2002,
185).
Im folgenden soll ein kurzer Überblick über bedeutsame Ereignisse im späten
Erwachsenenalter gegeben werden.
Eintritt in den Ruhestand
Der Übergang in den Ruhestand ist mit Veränderungen der Alltagsgestaltung, der Neuorientierung oder Umgestaltung sozialer Kontakte, Rollen- und Funktionsveränderungen etc. verbunden. Wie die Betroffenen diesen Übergang erleben, hängt von
Faktoren wie berufsbiographischer Verlauf, finanzielle Situation, gesundheitliche Verfassung, Qualifikation und Berufsbezug ab; aber auch von familiären und anderen
sozialen Faktoren (vgl. Clemens 1997 in: Backes/ Clemens, 1998, 60). Geschlechtsspezifische Unterschiede sind nach Clemens nicht zu verzeichnen, je nach individuellen
Voraussetzungen gibt es bei Frauen wie Männern leichte und krisenhafte Verläufe.
Der Austritt aus dem Berufsleben kann, neben Folgeerscheinungen wie Sinnverlust, Einsamkeit, Langeweile usw. , auch die Chance zur persönlichen Weiterent-
wicklung beinhalten. Es müssen z.B. keine Dienstleistungen mehr erbracht werden, um
dafür eine Bezahlung oder gesellschaftliche Anerkennung zu bekommen. Nun besteht
die Möglichkeit, das zu tun, was man möchte, Dinge um ihrer selbst willen auszuführen.
Verwitwung
Der Verlust des Lebenspartners bedeutet eine Neuorientierung in vielfältiger Hinsicht,
z.B.: Haushaltsführung, finanzielle Lage, evtl. Wohnungswechsel etc.
Die emotionale Auseinandersetzung mit dem Tod des Partners kann von Komponenten
wie Schock, Angst, Aggression, Nichtwahrhabenwollen, Kontrollverlust und Schuldgefühlen begleitet sein. Die Bewältigungsform und -dauer wird immer durch die
individuellen Erfahrungen und die jeweiligen biographischen Lebensumstände bestimmt. (vgl. Kap. 5)
Krankheit und Pflegebedürftigkeit
Ältere Menschen erkranken in der Regel häufiger als jüngere, wobei vor allem
chronische und degenerative Erkrankungen zunehmen. Die Erkrankungen im Alter
wirken sich außerdem gravierender auf die Selbständigkeit aus als in jüngeren
Jahren. So können beispielsweise Herzkrankheiten, Sehstörungen, Hirngefäß- und
Stoffwechselerkrankungen oder degenerative Erkrankungen des Bewegungsapparates die Alltagsbewältigung einschränken (vgl. Faltermaier/ Mayring/ Saup/
Strehmel, 2002, 204). Zudem treten in hohem Alter Akuterkrankungen wie der
Schlaganfall gehäuft auf und können zur Pflegebedürftigkeit führen. Die intensive
Pflege eines älteren Menschen stellt durch die hohen körperlichen und psychosozialen
Belastungen ein erhöhtes Gesundheitsrisiko für die Pflegeperson dar, insbesondere
dann, wenn sich die betreffende Person selbst schon in der Altersphase befindet.
7
Altern aus psychologischer Sicht
In alltagspsychologischen Vorstellungen wird neben dem körperlichen Abbau dem
Alter besonders auch eine Abnahme kognitiver Funktionen zugeschrieben. Alte Menschen
werden z.B. als "vergeßlich" oder "verwirrt" etikettiert, wie Studien zu
Altersstereotypen verdeutlicht haben (vgl. Oerter/ Montada, 1998, 452). Diese Vorstellung hat lange Zeit auch das wissenschaftliche Denken beeinflußt.
Inzwischen hat sich die psychologische Alternsforschung den im Alter oft ungenutzten
Kapazitäts- und Handlungsreserven gewidmet, und es gibt Hinweise auf eine neue
Qualität des Verhaltens und Erlebens im Alter (vgl. Filipp/ Mayer, 1999, 30).
Das bedeutet z.B. für die kognitive Entwicklung im höheren Alter, daß es hier nicht
um reduzierte Leistungsfähigkeit geht, sondern daß durch Weisheit eine neue Form des
Denkens erkennbar wird, welche eine andere Qualität besitzt als die kognitiven Leistungen
in früheren Jahren.
Ein bedeutender Nachweis der Alternsforschung betrifft den Prozeß des Alterns, der nach
diesen Erkenntnissen nicht gleichförmig verläuft. Es gibt sehr unterschiedliche
Verläufe nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb einzelner Individuen. Geistiger
und psychischer Abbau bei guter körperlicher Verfassung sind ebenso zu finden wie
hohe geistige Leistungsfähigkeit bei körperlichem Verfall. Der Vorgang des Alterns
ist somit mehr als nur Abbau oder Wachstum, er umfaßt Gewinne und Verluste,
Stabilität und Abbau (vgl. ebd., 1999).
3.1 Entwicklungsveränderungen im kognitiven Bereich
Kognitive Entwicklung in der zweiten Lebenshälfte kann in sehr unterschiedlichen
Aspekten charakterisiert werden. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit sollen nur
einige spezifische Bereiche näher analysiert werden. Dazu zählen in erster Linie Veränderungen der Gedächtnisleistungen und Intelligenzentwicklung.
Die meisten Studien zu Gedächtnisleistungen im Alter beruhen auf querschnittlichen
Vergleichen von Probanden im frühen Erwachsenenalter mit älteren Menschen ab
60 Jahren. Hier stehen also mehr die Altersunterschiede im Vordergrund, weniger
die Altersveränderungen (vgl. Faltermaier/ Mayring/ Saup/ Strehmel, 2002, 186).
Folgende Leistungsveränderungen lassen sich u.a. nach empirischen Untersuchungen
feststellen: um Reize aus der Umwelt wahrzunehmen, ist eine größere Anstrengung
nötig (bedingt durch Leistungsveränderungen der Sinnesorgane), ältere Menschen
sind anfälliger für Störungen von außen, was Konzentrationsstörungen zur Folge
haben kann, Informationen werden im Gedächtnis langsamer aufgenommen und verarbeitet, d.h. ältere Menschen benötigen mehr Zeit zum Verarbeiten und Wiederfinden von Informationen, das gedächtnisbezogene Wissen scheint weniger genutzt
zu werden. Forschungsergebnisse zum Vergessen von Gedächtnisinhalten deuten auf
einen lebenslangen Vergessensprozeß hin. Die maximalen Gedächtnisleistungen
älterer Erwachsener liegen nach Instruktion und Training in einer Gedächtnistechnik
deutlich unter den Leistungen junger Erwachsener (vgl. Baltes & Kliegl, 1992 in:
Oerter/ Montada, 2002, 352).
Um die Intelligenzentwicklung im Alter differenziert zu beschreiben, ist eine
Unterscheidung zwischen bestimmten Dimensionen notwendig.
Nach Kruse deuten Untersuchungen darauf hin, daß die Leistungskapazität in der
fluiden Intelligenz mit wachsendem Alter abnimmt; in der kristallinen Intelligenz
bleibt die Leistung jedoch erhalten oder kann sogar weiter wachsen.1
1
Die Intelligenzforschung unterscheidet zwischen der
fluiden
= auf Lösung neuartiger Probleme bezogenen Intelligenz und der
kristallinen
= erfahrungsgebundenen Intelligenz
In mehreren Studien konnte nachgewiesen werden, daß ältere Menschen in alltagsbezogenen kognitiven Testaufgaben im Durchschnitt bessere Leistungen zeigten als
jüngere Menschen. Auch Studien zu kognitiven Strategien und Handlungsstrategien
bei der Bearbeitung beruflicher Aufgaben zeigten im Durchschnitt eine höhere
Leistungsfähigkeit bei älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern (vgl. Kruse in:
Borscheid, 1995, 69). Es gibt außerdem eindeutige Befunde über den Zusammenhang
von sozialem Umfeld und intellektueller Leistungsfähigkeit, so daß "gerade im hohen
Alter von einer komplexen Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Einflußfaktoren der Umwelt und der Entwicklung der Leistungsfähigkeit auszugehen ist"
(Mayring/ Saup, 1990, 115).
Zusammenfassend ist nach dem jetzigen Forschungsstand nachgewiesen, daß
intellektuelle Leistungen sich über die gesamte Lebensspanne positiv verändern
lassen.
3.2 Veränderungen im emotionalen Bereich
Auch im emotionalen Bereich ist davon auszugehen, daß es einen generellen altersbedingten Abbau emotionaler Fähigkeiten nicht gibt. Beispielsweise zeigt der Austausch emotionaler Unterstützung keine nennenswerten Veränderungen über die
Lebensspanne (vgl.Oerter/ Montada, 2002, 974).
Soziale Beziehungen stellen eine wichtige Quelle dar für Wohlbefinden und Zufriedenheit. Weiss spricht von emotionaler Einsamkeit, wenn keine oder nur unzureichende
Beziehungen zu Mitmenschen bestehen, mit denen man vertrauliche Gespräche führen
kann. Viele Partnerschaften würden z.B. nicht lange bestehen, wenn sich zwischen
den Partnern kein Verhältnis gegenseitiger Vertraulichkeit entwickeln könnte (vgl.
Mietzel, 1997, 154). Im Alter wird die Bedeutung sozialer Beziehungen noch verstärkt,
da viele Sozialpartner/innen durch Tod oder Einschränkung des Aktionsradius wegfallen. Eingeschränkte Beweglichkeit, Abhängigkeit und Pflegebedürftigkeit können
zu Überforderung und zum Zusammenbruch psychischer Ressourcen alter Menschen
führen. Nur bei Unterstützung durch die soziale Umwelt kann vorhandenes Verarbeitungspotential der Betroffenen aktiviert werden. Im Alter zeigt sich eine intensive
Verbindung zwischen Körper und Psyche; Einschränkungen und Erkrankungen bringen
eine erhöhte seelische Verletzlichkeit mit sich (vgl.Backes/ Clemens, 1998, 97).
In der Fähigkeit, mit belastenden Situationen umzugehen und zu einem neuen
psychischen Gleichgewicht zu finden, unterscheiden sich ältere Menschen erheblich.
Dabei sind folgende Einflußfaktoren von Bedeutung:
-
Persönlichkeit des Menschen
-
bisherige Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit Belastungen und Konflikten
-
Grad sozialer Unterstützung
-
Ausmaß fördernder und einschränkender Lebensbedingungen
Kruse weist auf den bedeutenden Einfluß sozialer Unterstützung, insbesondere emotionaler
Unterstützung bei der Verarbeitung bestehender Belastungen hin.
Demnach nehmen Niedergeschlagenheit und Aggression als Reaktion auf Belastungen
erheblich zu, wenn eine objektiv bestehende Isolation und subjektiv erlebte Einsamkeit erkennbar sind (vgl. Kruse in: Borscheid, 1995, 74).
3.3 Persönlichkeitsentwicklung
Frühere Studien zu Persönlichkeitsveränderungen in der zweiten Lebenshälfte
zeigten eine Tendenz zu einer gesteigerten Verinnerlichung (z.B. Neugarten& McDonald, 1995 in: Faltermaier/Mayring/ Saup/ Strehmel, 2002, 151), eine Verschiebung von
aktiver zu passiver Lebensführung, zu mehr Beschäftigung mit sich selbst und
weniger starken emotionalen Bindungen, zu weniger Risikobereitschaft.
Neuere Studien weisen eher Konstanz der Persönlichkeit als Veränderung nach;
und viele Studien beschreiben große interindividuelle Unterschiede in der Persönlichkeitsentwicklung (vgl. ebd., 151).
Eine universelle, also alle Menschen betreffende Umstrukturierung der Persönlichkeit scheint es nicht zu geben. Persönlichkeitsmerkmale stabilisieren oder verändern
sich im Kontext der individuellen Biographie durch die Auseinandersetzung mit der
sich verändernden Lebenssituation.
Ein wichtiger Aspekt in der Persönlichkeitsentwicklung stellt der Umgang mit Herausforderungen (Entwicklungsaufgaben) dar, die bewältigt werden müssen.
Als geglücktes Bewältigungsverhalten und als Voraussetzung für erfolgreiches Altern
ist z.B. die Modifikation oder Aufgabe nicht erreichter Ziele anzusehen.
"Aus entwicklungspsychologischer Sicht bezeichnet Bewältigungsverhalten demnach
den Versuch, in wechselnden Lebenslagen die angemessene Balance zwischen dem
zähen Festhalten an Zielen und der flexiblen Zielanpassung zu finden" (Oerter/Montada,
2002, 390). Das Bewältigungsverhalten im Übergang vom mittleren zum späten
Erwachsenenalter steht im Zeichen abnehmender biologischer Ressourcen. Unter
diesen Bedingungen können wichtige Ziele zu früh oder unwichtige Ziele zu spät
aufgegeben werden. Bei angemessenem Gebrauch der Ressourcen können Menschen
an wichtigen Zielen festhalten, weil sie unwichtige aufgeben.
Bewältigung im Hinblick auf Chancen und Hindernisse im Alternsprozeß wird in
Kap. 5.2 eingehender erörtert.
4
Zentrale Themen im Alternsprozeß
Auf den bedeutsamen Einfluß sozialer Beziehungen im Hinblick auf emotionale
Stabilität, Zufriedenheit und Wohlbefinden wurde in Kap.3.2 bereits hingewiesen.
In diesem Kontext sollen insbesondere die Partnerschaft oder Ehe und das Bedürfnis
nach Zärtlichkeit und Sexualität erwähnt werden. Da Liebe als wichtiger Faktor
zu einem erfüllten Altern beitragen kann, wird der Bereich Liebe und Sexualität als
Beispiel für zentrale Themen im Alternsprozeß hier eingehender beschrieben.
Im folgenden soll dann als weiteres zentrales Thema Sinngebung und Zufriedenheit im Alter dargestellt werden.
4.1 Liebe und Sexualität
Das Thema Liebe wird in der wissenschaftlichen Literatur weitaus weniger beachtet
als alle anderen Bereiche in der Entwicklungspsychologie des Erwachsenenalters.
Aus der Sicht von Olbrich wird "hier eine Kraft außer acht gelassen, die stärker als
viele andere zu einem erfüllten Altern beitragen kann" (Olbrich in: Karl/ Friedrich,
1991, 31). Durch Liebe wird z.B. auch Anerkennung vermittelt, die u.a. das Wohlbefinden in der Liebe ausmacht. Selbst bei Zurücktreten erotischer Reize in langfristigen Paarbeziehungen vermag Liebe als verbleibende Anerkennung weiterhin zu
stützen und zu ermutigen (vgl. Rosenmayr, 1996, 92).
Bezug nehmend auf eine Studie von Wickert 1983-1989 sollen einige besondere
Merkmale von Partnerschaften im späteren Lebensalter heraus gearbeitet werden.
In dieser angeführten Untersuchung geht es um Fallstudien über ältere Menschen,
die eine späte Ehe eingegangen sind. Das Ergebnis zeigt fast durchweg glückliche,
verliebte Paare, die ein anspruchsvolles und vielseitiges Eheleben führen (vgl.Wickert
in: Mayring/Saup, 1990, 15). Von den Alterseheleuten sind 88,3% sexuell aktiv, wobei ältere Paare mit einem Altersunterschied von 10-20 Jahren die höchste Aktivitätsrate aufweisen, fast vergleichbar mit der von jungen Eheleuten. In dem Interview
kommt klar zum Ausdruck, daß Sexualität ein "Quell der Freude" sei und daß Zärtlichkeit und Sexualität einen positiven Teil des Ehelebens ausmachen.
Ein interessantes Merkmal der Alterseheleute im Vergleich zu jüngeren Paaren sieht
Wickert auch darin: je älter die Paare sind, desto jünger fühlen sie sich und desto
häufiger können sie eine Reihe positiver Partnerschaftsmerkmale aufweisen.
Ein weiterer Unterschied besteht nach den Ergebnissen der Studie darin, daß Alterseheleute zu ihren Zukunftswünschen erklären, daß sie sich vor allem Partner sein
wollen, sich gegenseitig helfen und Gemeinsames unternehmen. Dagegen steht bei
jüngeren Paaren der Wunsch, eine Existenz aufzubauen und Kinder zu haben im
Vordergrund. "Die älteren Paare leben im Hier und Jetzt, während sich jüngere eher
am Später orientieren"(Wickert in: Mayring/ Saup, 1990, 33). Dieser intensive Gegenwartsbezug scheint dem alltäglichen Eheleben besonders zuträglich zu sein.
Bei den in der Studie untersuchten Altersehepaaren stellte sich heraus, daß die positiven
Erwartungen, die an das Eheleben im Alter gestellt wurden, sich nach fünf Jahren weitgehend erfüllt hatten. Besondere Merkmale dieser Paare sind auch die positive
psychische Grundstimmung und die sozialen Fähigkeiten, beispielsweise im Konfliktlösungsbereich. Sie räumen der Liebe, dem gemeinsamen Tun und der Bereitschaft
zu teilen einen hohen Stellenwert ein (vgl. ebd., 35).
Bei der Erklärung von Unterschieden im Verhalten und Erleben von Sexualität verliert
das chronologische Alter im Vergleich zu anderen Variablen wie Gesundheit, Beruf,
Bildungsstand etc. immer mehr an Bedeutung. Neuere Studien zeigen z.B. auf, daß
die Einstellungen zur Sexualität der heute über 60jährigen zunehmend den Einstellungen
der um 25 Jahre jüngeren Personen vor 25 Jahren ähneln (vgl. Rosenmayr,
1996, 94). Sexuell ist das höhere Alter demnach eine viel bewegtere Zeit als bisher angenommen wurde. Aus Krisen sind potentiell Erfüllungschancen zu gewinnen. So können
durch mehr Erkenntnis über sich selbst und den Partner im Alter enorme
Gewinne von Gefühlen der Nähe und wechselseitiger Lusterfüllung entstehen (vgl. ebd.,
100). Genauso wie das Altern überhaupt, ist auch die Sexualität im Alternsprozeß
beeinflußbar und gestaltbar. Von der gelebten Sexualität ist auch eine Steigerung des
produktiven Lebens im Alter zu erwarten. Eine neuere Studie weist nach, daß sexuell
aktive ältere Menschen wesentlich weniger depressiv sind und sozial stärker aktiv
bleiben und werden (vgl. Rosenmayr, 1996, 106).
Es bleibt zu hoffen, daß sich zukünftig die immer noch bestehende gesellschaftliche
Abwertung von Alterssexualität allmählich auflöst und beispielsweise auch den in
in Altersheimen lebenden älteren Menschen genügend Privatsphäre eingeräumt wird.
4.2 Sinngebung und Zufriedenheit
Die zweite Lebenshälfte ist stärker als die erste geprägt von wachsendem Bewußtsein,
was die Konsequenzen der Alltagsgeschehnisse und des weiteren Aufbrauchens von
Lebenszeit sind und sein werden. Mit fortschreitendem Alter wird die Zukunft immer
kürzer und unsicherer, d.h. die Zukunft erhält subjektiv eine nicht mehr so wichtige
Rolle für die Selbstdefinition (vgl. Mayring/ Saup, 1990, 151).
In einer Interviewstudie zur Wahrnehmung und Bewältigung von Entwicklungsproblemen im höheren Alter zeigt Schmitz auf, daß der Anstieg relativierter Zufriedenheit vor allem auf die rückblickende Bewertung der persönlichen Biographie zurückgeht, d.h. die Identifikation mit der eigenen Lebensgeschichte wird mit zunehmendem
Alter stärker betont. Was die Äußerungen von Hoffnungen und Befürchtungen für die
Zukunft betrifft, wird in dieser Studie sichtbar, daß es mit zunehmendem Alter zur Abnahme positiver Zukunftseinschätzungen kommt (vgl. Schmitz, 1998, 158).
Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch Staudinger. Die Erwartungen an die Zukunft,
und Idealvorstellungen werden mit zunehmendem Alter weniger positiv, bzw.
realistischer. Dagegen verbessert sich die relative Einschätzung der Vergangenheit
und die der Gegenwart bleibt unverändert (vgl. Staudinger in: Baltes/ Montada, 1996,
364). Für das subjektive Wohlbefinden (Lebenszufriedenheit) sagen die angeführten
Untersuchungen aus, daß trotz abnehmender körperlicher Leistungsfähigkeit das subjektive Wohlbefinden gleich bleibt. Dies wird mit der kontinuierlichen Selbstregulation des Menschen erklärt, die zu einer erstaunlichen Anpassungsfähigkeit
führt. So paßt sich der Mensch z.B. an den veränderten Gesundheitszustand an, indem
er das Anspruchsniveau "unmerklich" verändert, bzw. sich nur Ziele setzt, die durch
die Einschränkungen oder Veränderungen nicht beeinträchtigt werden.
Dadurch werden negative Erlebnisse und Gefühle von Sinnlosigkeit reduziert oder
verhindert. Die Reduktion von Ansprüchen führt dazu, daß das Gegebene höher geschätzt und als wertvoller erlebt wird. "Das Lebendig-sein zu genießen und dankbar
zu sein für das, was gegeben ist, anstelle mehr haben zu wollen als das, was man hat,
ist eine typische Denkfigur aus dem Sinnsystem der Älteren" (Dittmann-Kohli in:
Mayring/ Saup, 1990, 159).
Ein Bereich der Sinngebung, der in vielen Befragungen als einer der wichtigsten für ein
erfülltes Leben und einen positiven Lebenssinn genannt wird, soll an dieser Stelle erwähnt
werden, nämlich die Beziehungen zu anderen Menschen. Mayring verweist auf
einige Studien, die spezifische Faktoren im Hinblick auf Glück, Lebenszufriedenheit und
Wohlbefinden im Alter herausgearbeitet haben. In diesen Studien kommt der hohe
Stellenwert der positiven primären Sozialbeziehungen klar zum Ausdruck. Als weitere
bedeutende Faktoren werden u.a. der subjektive Gesundheitszustand und eine sinnvolle,
erfüllende Tätigkeit auch in der nachberuflichen und nachfamiliären Lebensphase genannt (vgl. Mayring, 1991, 44).
Auch Staudinger u. Schindler unterstreichen den Wert der sozialen Beziehungen als
wichtige Quelle für Zufriedenheit und Wohlbefinden und sehen darin eine Quelle für
eine Ausdrucksform von psychologischer Produktivität 2. Im Alter ist es deshalb ebenso wichtig wie in jüngeren Jahren, aktiv an der Gestaltung und dem Erhalt der sozialen
Beziehungen zu arbeiten (vgl. Staudinger/ Schindler in: Oerter/ Montada, 2002, 974).
Sinnvolle bzw. sinngebende Tätigkeitsfelder, die im Alter eine wichtige Rolle spielen,
sind u.a. das Ehrenamt, die Betreuung von Kindern, geleistete Pflege und die Erwerbstätigkeit.
2
"Unter psychologischer Produktivität sind all jene materiellen, geistigen, emotionalen und motivationalen
Wirkungen zu verstehen, die eine Person durch ihr Handeln, Denken, Fühlen und Wollen bei sich selbst oder
in einem bestimmten gesellschaftlichen Umfeld intendiert oder nicht-intendiert hervorruft, und die ihr selbst,
anderen oder der Gesellschaft nützlich sind"(Staudinger in: Oerter/ Montada, 2002, 955).
5 Chancen und Hindernisse
In den vorherigen Kapiteln wurde ein Überblick über Entwicklungsveränderungen
im mittleren bis späten Erwachsenenalter gegeben, sowie zentrale Themen angesprochen, denen eine besondere Bedeutung im Alternsprozeß zukommt.
Zusammenfassend muß beim Alternsprozeß von einem sehr individuellen Prozeß
ausgegangen werden, der von einer Reihe unterschiedlicher Faktoren beeinflußt
wird. Das Alter gibt es ebenso wenig wie die Alten.
Im folgenden sollen, im Hinblick auf Chancen zur Weiterentwicklung im Alter und
Hindernisse auf dem Weg zu einem erfolgreichen Altern, die Themenschwerpunkte
Kritische Lebensereignisse und Bewältigung erörtert werden.
5.1 Kritische Lebensereignisse
Als kritische Lebensereignisse werden nach Fooken solche Ereignisse im Lebenslauf
verstanden, die zentrale Veränderungen hervorrufen und psychosoziale Anpassungs-
und Bewältigungsleistungen erforderlich machen (vgl. Fooken in: Backes/ Clemens,
1998, 162).
Kritische Lebensereignisse erzeugen Stress und stellen eine Herausforderung an die
Entwicklungsfähigkeit psychischer Kompetenzen und Ressourcen dar. Diese Ereignisse
müssen aber nicht zwangsläufig Entwicklungsgelegenheiten im Alter darstellen. Es können
sich z.B. physische und soziale Veränderungen ergeben, auf die nicht mehr mit
den routinisierten Verhaltensabläufen reagiert werden kann (vgl. Faltermaier/ Mayring/
Saup/ Strehmel, 2002, 195). Dadurch wird im positiven Sinne ermöglicht, neue Verhaltens- und Denkweisen in der Auseinandersetzung mit derartigen Veränderungen zu
entwickeln. In diesem Fall könnte man von einer Chance zur persönlichen Weiterentwicklung sprechen. Andererseits können kritische Lebensereignisse aber auch zu Störreizen für die Entwicklung einer Person werden, wenn nämlich die persönlichen
Ressourcen nicht ausreichen und somit die betreffende Person überfordert ist.
Die Frage, ob ein Lebensereignis zur Krise führt oder eher zu einer Chance der Weiterentwicklung wird, hängt u.a. von folgenden Bedingungen ab:
-
physische und psychische Verfassung (Gesundheitszustand)
-
physische und soziale Gegebenheiten des Kontextes, z.B. familiäre Situation
-
von den Attributen des Ereignisses, wie plötzlicher Tod des Partners oder längere
Erkrankung
-
von der Art und Weise, wie das Ereignis wahrgenommen wird, z.B. als erwünscht
-
von der individuellen Anstrengung der Person zur Bewältigung
(vgl. Faltermaier/ Mayring/ Saup/ Strehmel, 2002, 195).
Die durch das kritische Lebensereignis gestörte Balance der Lebensbezüge muß wieder
hergestellt werden. In diesem Zusammenhang spricht Amann von "Balance-Arbeit"
im Hinblick auf Pensionierung, welche zur Neuorientierung der sozialen Beziehungen
nach dem Verlust der Erwerbsarbeit erforderlich wird (vgl. Amann in: Backes/ Clemens,
1998, 162).
Über die psychischen Folgen des Eintritts in den Ruhestand gibt es Schlagworte wie
Pensionierungstod u.ä., die allerdings keine zutreffende Kennzeichnung der psychophysischen Befindlichkeit darstellen. Neuere Befunde weisen nur bei einem Drittel der
Betroffenen auf Probleme hin wie Einsamkeit, Langeweile oder Sinnverlust etc.
Insbesondere Personen, für die der Beruf Möglichkeiten zu Sozialkontakten brachte,
deren familiäre Situation weniger befriedigend erlebt wurde (vor allem Ledige, Verwitwete, Getrennt lebende) und in Partnerschaften, in denen ein dauerndes Zusammensein zum Problem wird, sind nach Lehr davon betroffen (vgl. Lehr in: Faltermaier/
Mayring/ Saup/ Strehmel, 2002, 197).
Der Austritt aus dem Berufsleben beinhaltet aber auch die Möglichkeit zu einer persönlichen Weiterentwicklung und die Entdeckung neuer Lebensinhalte (vgl. Kap. 2.2).
Ein kritisches Lebensereignis von besonderer Bedeutung ist der Partnerverlust im Alter.
Der Stellenwert dieses Ereignisses wird durch jeweilige biographische Lebensumstände
und die individuellen Erfahrungen bestimmt. Die Gruppe verwitweter Personen zeichnet
eine hohe interindividuelle Variabilität aus, was auch für die Art und Weise
individueller Verlaufsformen des Trauer- und Bewältigungsprozesses gilt (vgl. Mayring/
Saup, 1990, 61). D.h., subjektive Wahrnehmung, sowie emotionale und
kognitive Auseinandersetzung mit dem Tod des Partners verlaufen bei verschiedenen
Personen sehr unterschiedlich.
Es ist davon auszugehen, daß eine Verlusterfahrung wie die des Partnerverlustes die
gesamte psychophysische und psychosoziale Existenz berührt. Inwieweit sich längerfristige individuelle Auswirkungen des Verlustes zeigen wie Einsamkeit, Depression
oder Lebensunzufriedenheit, sowie erhöhter Krankheitsstand, ist nicht eindeutig zu
beantworten. Eine Reihe unterschiedlicher Faktoren scheint hierbei eine Rolle zu
spielen, beispielsweise die soziale und emotionale Unterstützung durch Freunde und
Angehörige, zusätzlich mit der Verwitwung auftretende andere belastende Ereignisse,
konfliktarme oder konfliktreiche zurückliegende Partnerschaft, die Auswirkungen
individueller Sozialistionserfahrungen und erworbener Lebensstile auf die Lebensweise
nach dem Verlust.
Längerfristig stellt sich das Ereignis Partnerverlust als Chance dar, neue Kompetenzen
zu entwickeln oder vorhandene weiterzuentwickeln, was zu einer größeren Selbständigkeit, Freiheit und Unabhängigkeit führen kann (vgl. Mayring/ Saup, 1990, 69).
Das Entwicklungspotential alter Menschen sollte keinesfalls unterschätzt werden, auch
wenn es eine Risikogruppe verwitweter Personen im höheren Erwachsenenalter gibt.
Als weiteres kritisches Lebensereignis im Alter ist der Übergang zum Wohnen und
Leben im Altersheim zu nennen. Der Umzug in ein Heim stellt einen gravierenden
Einschnitt im Leben der Betroffenen dar; vor allem, weil er selten langfristig geplant
geschieht, sondern durch nachlassende und eingeschränkte Kompetenz zur selbständgen
Lebensführung ausgelöst wird. Die psychische Bewältigungskapazität der Betroffenen
wird durch dieses Ereignis stark herausgefordert, zumal die Lebensbedingungen im
Heim durch die wohnlichen Voraussetzungen bestimmt werden. Als negatives Beispiel
soll hier nur das Mehrbettzimmer genannt werden, das jegliche Chance zur Nutzung
der Privatsphäre verhindert.
Im günstigen Fall, unter entsprechenden Bedingungen, kann sich der Einzug ins Heim
jedoch auch entlastend und entwicklungsfödernd auswirken, weil z.B. Erschwernisse
im Alltag wie Einkaufen, Kochen oder Hausputz wegfallen und außerdem die Chance
zur Aufnahme neuer Sozialkontakte besteht. Des weiteren können sich Anreize bieten
zum Aktivwerden bzw. bleiben, z.B. durch Teilnahme an kulturellen und kreativen
Angeboten, sowie durch Mitgestaltung von Festen oder anderen Veranstaltungen.
5.2 Bewältigung
Gegenstand vieler Untersuchungen ist die Frage nach Altersveränderungen im
Bewältigungsverhalten. Nachweislich sind bis ins hohe Alter keine vermehrten Anzeichen für mißglücktes Bewältigungsverhalten wie z.B. Unzufriedenheit oder
Depressivität zu finden (vgl. Brandtstätter/ Rothermund in: Oerter/ Montada, 2002,
390). Ein geglücktes Bewältigungsverhalten wäre demnach die Modifikation oder
Aufgabe nicht erreichbarer Ziele, was als Voraussetzung für erfolgreiches Altern angsehen wird.
Wie gelingt es älteren Menschen, mit den Einbußen und Einschränkungen des Alters
produktiv umzugehen ? Zu dieser Frage soll noch einmal auf den Begriff der
psychologischen Produktivität hingewiesen werden (vgl. Kap. 4.2).
Staudinger beschreibt psychologische Produktivität in verschiedenen Ausdrucksformen,
z.B. manuell - Herstellung von Dingen, Verrichtung von manuellen Arbeiten, geistig Ideen entwickeln, Ratschläge geben, Probleme lösen, emotional - positive Ausstrahlung durch eigene emotionale Verfassung, z.B. Zufriedenheit, Anteil an der Entstehung positiver Emotionen bei anderen Menschen, positive Auswirkungen auf das
eigene Denken und Wollen, motivational - Vorbild sein für Ziele und Werte anderer,
Produktivität schon durch die eigenen Ziele und Werte, nicht nur durch Handlungsergebnisse (vgl. Staudinger in: Oerter/ Montada, 2002, 955).
Im höheren und sehr hohen Alter treten die manuelle und schließlich auch die geistige
Ausdrucksform in ihrer Bedeutung hinter der emotionalen und motivationalen zurück.
Sicherlich wird nicht jeder Versuch, den Aufgaben des Alters gerecht zu werden, gelingen.
Gelingt aber die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben des Alters, sind
die psychologischen Produkte Weisheit und Lebenserfahrung, Gelassenheit, sowie
Besonnenheit und Selbstvergessenheit. "Solche Gelassenheit im Angesicht der nachlassenden körperlichen und sozialen Kräfte ist dabei nicht als unrealistisches Zudecken
und als Schönfärberei zu verstehen; vielmehr ist es die Fähigkeit, sich angesichts von
Verlusten weiterzuentwickeln"(Staudinger in: Oerter/ Montada, 2002, 960).
Staudinger weist auch darauf hin, daß Bewältigungsmechanismen zum Erhalt einer
positiven Wohlbefindensbilanz beitragen. Beispielsweise hat sich gezeigt, daß die
Erinnerung an frühere Erfolge oder überstandene Schwierigkeiten hilfreich ist bei der
Bewältigung von Schwierigkeiten im Alter.
Auch trägt das bewußte Wahrnehmen und Akzeptieren von auslaufender Lebenszeit
dazu bei, eine Bescheidenheit und Zufriedenheit zu entwickeln, die in früheren Lebensphasen in der Regel nicht erlebt wird.
Hinweise auf erfolgreiches oder weniger erfolgreiches Altern gibt es aus verschiedenen
Studien. Eine Umfrage von Infratest 1991 hat z.B. ergeben, daß bei den jungen Alten
(55 bis 70 Jahre) die beiden größten von vier Gruppen zufrieden leben.3 Die kleinste
Gruppe bildet die der resignierten Älteren mit 15%. Eine weitere Gruppe stellt mit 25%
die der aktiven "Neuen Alten" dar.
3
Hierfür wurden vier Gruppen nach verschiedenen Typen des Alterns identifiziert: a. Das Alter genießen
b. Zurückgezogen, aber zufrieden c. Die aktiven "Neuen Alten" d. Die resignierten Älteren
Bei den alten Alten (75 bis 105 Jahre) ist aus Erhebungen der Berliner Altersstudie
sichtbar, daß die Entwicklungsaufgabe zunehmend schwieriger wird. Die Gruppe, die
das Leben genießt, ist zwar weiterhin umfangreich, aber genauso groß ist jetzt auch die
Gruppe, die sich als unzufrieden und gelangweilt beschreibt (vgl. Staudinger in: Oerter/
Montada, 2002, 961).
Entscheidend ist bei der Auseinandersetzung mit den Entwicklungsaufgaben des Alters,
dass diese Auseinandersetzung immer im sozialen und zwischenmenschlichen Kontext
stattfinden, ebenso wie in früheren Lebensabschnitten auch. D.h., die Umwelt spielt für
die Selbstentfaltung im Alter und die Bewältigung eine wesentliche Rolle. Denn die
psychologische Produktivität des Alters ist nicht nur das, was an älteren Menschen zu
beobachten ist, sondern auch das, wozu der alte Mensch bei entsprechender Unterstützung
durch die Umwelt fähig ist (vgl. ebd., 963).
Baltes/ Baltes gehen davon aus, daß die zentrale Lebensproblematik des Alterns in der
Bewältigung der zunehmend negativen Bilanzierung des Verhältnisses zwischen Entwicklungsgewinnen und Entwicklungsverlusten besteht (vgl. Baltes/ Baltes in: Backes/
Clemens, 1998, 169). Mit Hilfe verschiedener sozial-kognitiver Mechanismen, sowie
der Umverteilung und Konzentration von Kräften versteht es das alternde Selbst,
letztlich zu einer subjektiv positiven Bilanz zu kommen. Diese positive Grundstimmung
wirkt sich wiederum positiv auf den alten Menschen und seine Kontaktpersonen aus.
Staudinger führt als wesentliche Erfüllungsgestalt für das Alter die Generativität an, die
Weitergabe von Erfahrung an nachfolgende Generationen. "Wenn es uns gelingt,
weiterzudenken in nachfolgende Generationen hinein, verlängern wir uns über unsere
eigene körperliche Existenz hinaus, wir hinterlassen etwas", so Staudinger, die Endlichkeit des Lebens verliert so ihre Bedrohung (vgl. Staudinger in: Pettersson, Beilage
Frankfurter Rundschau v. 4. Sept. 2002, 4).
Vor allem Offenheit für neue Erfahrungen und bereits Gelebtes mit der aktuellen Welt
zusammenzubringen, sind dabei ausschlaggebend. Ein positives Annehmen der Lebens-
phase Alter kann mit der Entdeckung neuer Freiheiten verbunden sein, beispielsweise
durch die Reduzierung oder Veränderung von Verantwortlichkeiten. Nach dem Austritt
aus dem Erwerbsleben können durchaus noch berufliche Veränderungen in anderer
Form stattfinden, die Partnerschaft kann mehr in den Vordergrund rücken oder ehrenamtliche Beiträge unterschiedlicher Art können einen höheren Stellenwert bekommen.
Schließlich stehen Attribute wie motiviert, flexibel, kompetent oder offen für neue
Herausforderungen nicht nur für das junge Erwachsenenalter, sondern durchaus auch für
die zweite Lebenshälfte.
6 Schlußbetrachtung
Entwicklungsprozesse verlaufen interindividuell sehr unterschiedlich und müssen
immer im Kontext mit dem Gesamtlebenslauf betrachtet werden.
Das Bild des körperlich und geistig gesunden alten Menschen existiert ebenso wie das Bild
des gebrechlichen und verwirrten alten Menschen.
Altern ist individuell gestaltbar und beeinflußbar. Jedoch sollte durch die Möglichkeit
der individuellen Gestaltungskraft des Einzelnen nicht überdeckt werden, daß vermehrt
nach gesellschaftlichen Angeboten und Gestaltungsmöglichkeiten gesucht wird, die es
jedem älteren Menschen ermöglichen, eine ihm entsprechende Form des Alterns zu
finden.
Auch wenn viele Untersuchungen belegen, daß einige Bereiche wie z.B. die Intelligenzentwicklung auch im hohen Alter noch positiv beeinflußbar sind, darf nicht vergessen
werden, daß dafür die notwendigen Bedingungen vorhanden sein bzw. geschaffen werden
müssen (Wohnsituation, Anreize, Programme etc.). Die gesellschaftlichen
Bedingungen werden in der Altersforschung oft nur am Rande gestreift und nicht genügend berücksichtigt.
Ein großer Teil der Menschen lebt heute, zumindest phasenweise, als Single. Inwieweit
diese Tendenz der Individualisierung den Alternsprozeß positiv oder negativ verändert
oder beeinflußt, scheint bisher von geringem Interesse zu sein. Ganz sicher haben aber
die gesellschaftlichen Strukturen eine große Bedeutung, da sie für ein erfolgreiches
Altern sowohl förderlich als auch hinderlich sein können. An dieser Stelle muß noch
einmal auf das immer noch vorherrschende gesellschaftliche Bild vom Alter hingewiesen werden, das überwiegend negativ besetzt ist.
Zentrale Themen im Alternsprozeß wie Sinngebung oder Liebe und Sexualität zeigen
in den genannten Studien Ansätze zu einer höheren Qualität und Zufriedenheit, vgl.
Kapitel 4, und bieten auch in hohem Alter Chancen zur Weiterentwicklung.
Es ist davon auszugehen, daß in jedem Lebensabschnitt ein Entwicklungspotential
vorhanden ist, so auch im späten Erwachsenenalter.
"Wer im Alter - außer Oma und Opa zu sein - sich selbst neu verstehen und definieren
will, muß den schwierigen Such- und Lernprozeß auf sich nehmen, jenseits gesellschaftlich vorgeprägter Muster ein neues Selbstverständnis, eine neue Identität zu gewinnen.
Für dieses Abenteuer der Selbstsuche und Selbstbestimmung sind wir im Berufs- und
Erwachsenenleben kaum vorbereitet" (Pfaff in: Stadelhofer, 1996, 241).
In diesem Zitat spricht Pfaff die beiden Ebenen an, die für ein erfolgreiches Altern
hier zusammenfassend genannt werden sollen: einmal die individuelle Gestaltungskraft
und Persönlichkeitsstruktur, auf der anderen Seite die gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür.
Besonders im Bereich der gesellschaftlichen Strukturen sind Veränderungen und
Weiterentwicklungen notwendig, damit das Entwicklungspotential im Alter auch
ausgeschöpft werden kann. Das geht aus den Untersuchungen eindeutig hervor.
Was zukünftige Forschungen anbelangt, sowie Beispiele und Modelle für eine
produktive Altersphase, sollte das realisiert werden, was auch Staudinger sich wünscht:
" daß Alter in der Gesellschaft die gleiche Aufmerksamkeit bekommt wie über Jahr-
hunderte die Kindheit und Jugend"(Staudinger in: Pettersson, Beilage Frankfurter
Rundschau v. 4. Sept. 2002, 4).
Literaturverzeichnis
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Baltes/ Montada (Hg.): Produktives Leben im Alter, Campus Verlag, 1996
Borscheid, Peter (Hg.): Alter und Gesellschaft, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft
Stuttgart, 1995
Faltermaier/ Mayring/ Saup/ Strehmel: Entwicklungspsychologie des Erwachsenenalters, 2.Auflage 2002, Kohlhammer GmbH Stuttgart
Filipp/ Mayer: Bilder des Alters, 1999, Kohlhammer GmbH
Kruse/ Schmitz-Scherzer (Hg.): Psychologie der Lebensalter, Darmstadt: Steinkopff,
1995
Mayring, Philipp: Psychologie des Glücks, Kohlhammer GmbH Stuttgart, 1991
Mayring/ Saup: Entwicklungsprozesse im Alter, Kohlhammer GmbH, 1990
Nolting/ Paulus: Psychologie lernen, 3. Auflage 1999, Beltz Verlag Weinheim u. Basel
Oerter/Montada: Entwicklungspsychologie, 4. Auflage 1998, Psychologie Verlags Union,
Weinheim
Oerter/ Montada: Entwicklungspsychologie, 5., vollständig überarbeitete Auflage 2002,
Beltz Verlage Weinheim, Basel, Berlin
Pettersson, Gisela: Die besten Jahre; Beilage Frankfurter Rundschau v. 4. Sept. 2002
Rosenmayr, Leopold: Altern im Lebenslauf, 1996, Vandenhoeck u. Ruprecht, Göttingen
Saup, Winfried: Konstruktives Altern, Verlag für Psychologie Göttingen, 1991
Schmitz, Ulrich: Entwicklungserleben älterer Menschen: eine Interviewstudie zu Wahrnehmung und Bewältigung von Entwicklungsproblemen im höheren Alter, Roderer Verlag
Regensburg 1998
Schwarzer (Hg.): Gesundheitspsychologie - ein Lehrbuch, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage; Göttingen, Bern, Toronto, Seattle: Hogrefe, Verlag für Psychologie,
1997
Stadelhofer, Carmen (Hg.): Kompetenz und Produktivität im dritten Lebensalter: der Beitrag
der wissenschaftlichen Weiterbildung zur Vorbereitung von Menschen im dritten Lebensalter
auf neue Tätigkeitsfelder und neue Rollen in Gesellschaft, Wirtschaft und Bildung; ein
europäischer Vergleich und Austausch, 1996 Kleine Verlag, Bielefeld
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