Dramenanalyse: Brecht, Beckett, Sartre

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Dramenanalyse: Brecht, Beckett, Sartre
- drei „Kränkungen“ des abendländischen Subjekts: Marx,
Nietzsche, Freud
- Marx: das Subjekt ist von den gesellschaftlichen Bedingungen
abhängig
- Nietzsche: nicht die Ratio beherrscht den Menschen, sondern die
Energie und Kraft („Wille zur Macht“)
- Freud: „Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus“ (die Bedeutung
des Unbewussten)
- Konsequenzen für das moderne Drama: der Charakter als ein
einheitliches Subjekt wird in Frage gestellt (Beispiel: Antigone –
Tragik vermittelt durch einen klar definierten Charakter)
- Brecht: Das moralische Verhalten des Menschen beeinflusst das
Geschehen nicht („Der gute Mensch von Sezuan“); der Versuch
des Einzelnen, seinen individuellen Vorteil durchzusetzen, ist
zum Scheitern verurteilt; das Handeln des Menschen ist
gesellschaftlich vermittelt
- Beckett: Die Handlungen der Menschen sind unbestimmt im
Blick auf die Frage, ob den Absichten des Handelnden eine
konkrete Tat entspricht; der mögliche Sinn des Handelns
erscheint fraglich; Bedeutung der Körperlichkeit; Tragisches
geht in Komisches über; gesellschaftliche Beeinflussung des
Handelns fraglich
- Sartre: Es gibt keine Regel und keine Morallehre, die das
Handeln des Menschen bestimmt; der Mensch hat keinen
festgelegten Charakter; was der Mensch ist, entscheidet sich in
dem konkreten Lebensentwurf, der in der Krise entsteht; das
Theater zeigt den dramatischen Moment der individuellen
Entscheidung
Peter Weiss: Marat/Sade
Momente des Theaters der Grausamkeit:
- die Kranken artikulieren ihre triebhaften Energien, Wünsche und
Obsessionen;
- „die Gefängnisse des Innern“ (Sade) sollen gesprengt werden;
- wirkungsästhetische Perspektive: Die Zuschauer identifizieren
sich mit dem Geschehen und überwinden ihre moralischen
Gebote (das Unbewusste überwindet das Über-Ich);
- Sade ist der Arrangeur der emotionalen und körperlichen
Befreiung, die aber von den staatlichen Instanzen unterbunden
wird;
- Auch Marat zeigt sich von seiner Körperlichkeit geprägt
(Hautjucken); die politische Revolution als Verdrängung der
triebhaften Wünsche?
Momente des epischen Theaters:
- die Positionen Marats und Sades werden einander gegenüber
gestellt, ohne dass eine definitive Bewertung vorgenommen wird
(„in den Dialogen Antithesen auszuproben“);
- gegenüber dem Modell Brechts eine größere Offenheit, weil ein
echter Widerspruch gestaltet wird
- starke Stellung Sades als Regisseur des Stücks im Stück (Marat
als Figur)
Peter Weiss: Marat/Sade (2)
Einflüsse des Nihilismus:
„Jeder Tod <...> ertrinkt in der grausamen Gleichgültigkeit der
Natur“ (35)
Einflüsse der ästhetischen Avantgarde (in der Figur des Sade):
- „ich hasse die Natur/ will sie überwinden“
- Gewalt als Fest: „ich ersinne die ungeheuerlichsten Torturen“
(45)
- „mein Leben ist die Imagination“ (48)
- „daß dies eine Welt von Leibern ist“ (123)
Einflüsse des Existentialismus:
- „Gegen das Schweigen der Natur stelle ich eine Tätigkeit“
- „In der großen Gleichgültigkeit erfinde ich einen Sinn“
- „Anstatt reglos zuzusehn/ greife ich ein/ und ernenne gewisse
Dinge für falsch/ und arbeite daran sie zu verändern und zu
verbessern“ (alles Marat 38f.)
- „Es kommt darauf an <...> alles mit neuen Augen zu sehn“
(Verbindung Marat/Sade, Politik/Avantgarde)
Aktualität des Stücks 1963
- nach 1945: restaurative gesellschaftliche Verhältnisse,
„Spießertum“
- Weiss als Migrant: Rückgriff auf die Traditionen der Avantgarde
(Surrealismus)
- Notwendigkeit einer politischen Veränderung, gleichzeitig Frage
nach den Grenzen der Politik (aus der Perspektive der Figur de
Sade, vgl. Büchner: „Dantons Tod“)
Müller: Philoktet
Einflüsse: das antike Theater, das epische Theater, das Theater der
Avantgarde
Einflüsse des antiken Theaters und der Mythologie:
- Sophokles/Euripides: psychologische Differenzierung der
Figuren (Neoptolemos), Auflösung des Konflikts durch den
‚deus ex machina’ Herakles, letztlich Unterordnung des
Einzelnen unter das Kollektiv;
- „Dialektik der Aufklärung“ (Horkheimer/Adorno): Odysseus ist
der erste Bürger, der seine Triebe diszipliniert und ganz dem
instrumentellen Denken verpflichtet ist (Zweck-Mittel-Relation).
Einflüsse des epischen Theaters
- „Die Maßnahme“ (Brecht): Der junge Genosse muss getötet
werden, weil er der Partei geschadet hat; ihm wird sogar das
Einverständnis mit dem eigenen Tod abverlangt; Überwindung
des bürgerlichen Individualismus, Annäherung an den
stalinistischen Kollektivismus;
- „Der Jasager und der Neinsager“ (Brecht): Das Kollektiv ist
wichtiger als der einzelne; es sind aber Situationen denkbar, in
denen das Opfer des Einzelnen als sinnlos erscheint.
Einflüsse des „Theaters der Grausamkeit“
„Artaud, die Sprache der Qual – Artaud ist der Ernstfall. Unter der
Sonne der Folter, die alle Kontinente dieses Planeten gleichzeitig
bescheint, blühen seine Texte. Auf den Trümmern Europas gelesen,
werden sie klassisch sein.“
Personenkonstellation
- Philoktet: der Einzelne auf seine Körperlichkeit reduziert;
- Neoptolemos: der Intellektuelle, der ein Gewissen hat, es besser
weiß und dennoch der Macht unterworfen bleibt (der
Kollaborateur);
- Odysseus, der Stratege und Taktiker der Macht.
Formale und wirkungsästhetische Aspekte
- die Sprache des Stücks: komplex. „altmodisch“ (metrischen
Vorschriften entsprechend);
- Verfremdung: durch die Mühe, die das verstehen bereitet; durch
den Widerspruch, dass das kreatürliche Leiden diskursiv
dargestellt wird;
- Widerspruch zwischen Form und Inhalt: der klassizistisch
erscheinenden Sprache entspricht keine inhaltliche Harmonie.
Inhaltliche Aspekte
- der Zweckrationalismus, der die Figur des Odysseus
kennzeichnet, bestimmt den Kapitalismus ebenso wie den real
existierenden Sozialismus;
- der Widerstand der Kunst beharrt auf der irreduziblen Erfahrung
des Einzelnen;
- Theatralität: das Pathos des Schmerzes
Zitate Müllers:
- „Widerstand der Körper gegen die Notzucht durch den
Sachzwang der Ideen“
- „Der erste Schritt zur Aufhebung des Individuums in diesem
Kollektiv ist seine Zerreißung, Tod oder Kaiserschnitt die
Alternative des NEUEN MENSCHEN. Das Theater simuliert
den Schnitt, Lusthaus und Schreckenskammer der
Verwandlung.“
- „Der Fuß bezeichnet das Loch im Netz, die Lücke im System,
den immer neu bedrohten und neu zu erobernden Freiraum
zwischen Tier und Maschine, in dem die Utopie einer
menschlichen Gemeinschaft aufscheint.“
Ionesco: Die Nashörner
- „absurdes Theater“?
- Formale Perspektiven: drei Akte, Wechsel der Schauplätze,
Simultanszenen
- Vergleich mit Beckett??
- Nashörner als Allegorie: Aufgabe von Moral und Humanität,
Genießen des Lebens , der Herde
- Opportunismus, Aufgabe der Vernunft
- Prozess der Mehrheitsbildung und Machtergreifung
- Gefährdung der verschiedenen Menschentypen (Hans, der
Logiker, Wisser, Daisy)
- Behringer: ein
Mensch
gewöhnlicher, scheinbar willensschwacher
- Hans: der von Prinzipien beherrschte Mensch
- Der Logiker: Wissenschaftlichkeit als praktisch irrelevante
Größe (gegen einen abstrakten Rationalismus)
- Wisser: der „Progressive“, vom Ressentiment Beherrschte
- Daisy: die Gute, die sich letztlich der Mehrheit beugt
- Möglichkeiten des Widerstands
Leitfragen zur Dramenanalyse
1) Erläutern Sie die Begriffe „Drama“, „Katharsis“, „Charakter“,
„Ständeklausel“!
2) Was versteht man unter offener und geschlossener Form des
Dramas?
3) Erläutern Sie die Begriffe „Tragödie“ und „Komödie“!
4) Aristoteles und Lessing zur Katharsis
5) Bürgerliches
„Woyzeck“
Trauerspiel und
soziales Drama:
Büchners
6) Der Naturalismus und das Drama der Moderne
7) Die Themen „Triebe“, „Geschlechter“, „Natur“ in Strindbergs
„Fräulein Julie“ und im Naturalismus
8) Die Dramaturgie und die Bühne im Naturalismus
9) Freiheit und Determination im klassischen Drama und im
Naturalismus
10)
Einfühlung, Verfremdung
Brechts episches Theater
11)
und
Verfremdungseffekte:
Marx, Nietzsche und Freud und das moderne Drama
12)
Das traditionelle Modell des Charakters und das Theater
Brechts, Becketts, Sartres
13)
Aporien des Handelns und Körperlichkeit bei Beckett
14)
Tragisches und Komisches in Becketts „Warten auf Godot“
Leitfragen zur Dramenanalyse (2)
15)
Der Charakter, die Freiheit, die Wahl und die Anderen im
Theater Sartres
16)
Der Körper und die Triebe in der Theaterkonzeption
Artauds
17)
Die politische Revolution und die „Gefängnisse des
Innern“: die Opposition Marat/Sade in Peter Weiss’ Drama
18)
Philoktet, Odysseus und Neoptolemos: der Körper, der
Stratege und der Mitläufer in Müllers „Philoktet“
19)
Ionescos „Nashörner“ als Parabelstück
20)
Das Absurde und das Groteske in Ionescos „Nashörnern“
21)
Aspekte des postdramatischen Theaters
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