Ausschreibungstext für interssierte Theaterleute, Institutionen und

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Ausschreibungstext
für interessierte Theatermacher, Institutionen und Multiplikatoren.
(Männer und Frauen sind gleichermaßen angesprochen, dieser Text enthält der Einfachheit halber
männliche Bezeichnungen.)
Berliner Festspiele
Internationales Forum
Theatertreffen 2008
Das Internationale Forum ist ein zweiwöchiges, international ausgeschriebenes
Programm für professionelle Theatermacher, die künstlerisch im Bereich
Schauspiel arbeiten. In Kooperation mit dem Goethe-Institut München und der
Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Unterstützt durch den Deutschen
Bühnenverein und durch Kulturministerien der deutschen Bundesländer.
Projektleitung: Uwe Gössel
Das Internationale Forum ist Teil von tt Talente, der Plattform, auf der das
Theatertreffen den künstlerischen Nachwuchs umfassend fördert: Rund 80
Theater-Talente aus der ganzen Welt folgen der Einladung nach Berlin innerhalb
des Stückemarktes, dem Internationalen Forum und der Festivalzeitung. Neu
hinzugekommen seit 2006 ist das Talentetreffen mit Impulsen, Messe und
Diskussionen.
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Internationales Forum
Ziel des Internationalen Forums ist die gezielte Förderung junger Theatermacher
durch ein eigenständiges Programm beim Theatertreffen der Berliner Festspiele:




Praktische Weiterbildung in Workshops
Besuch der zum Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen
Seminare, Lectures, Diskussionen
Talentetreffen und Theatermachermesse
Das Workshop-Programm 2008 steht unter dem Motto „Gesellschaftsspiele:
Theater als kollektive Kunst“ und dreht sich um Methoden, Arbeitsmodelle und
Spielweisen einer gegenwärtigen Theaterarbeit, die aus dem Kollektiv heraus
forscht, spielt und praktiziert. Die Auseinandersetzung mit diesem Schwerpunkt
verbindet die praktische Weiterbildung in den Workshops mit den theoretischen
Veranstaltungen.
1. Zeiten
Das Theatertreffen findet statt vom 2. – 18. Mai 2008.
Das Internationale Forum eröffnet am Sonntag, 4. Mai 2008 gegen 14.00 Uhr und
endet am Sonntag, 18. Mai 2008 (Abreisetag 19. Mai 2008).
2. Teilnehmer
Das Programm wird weltweit ausgeschrieben. Theatermacher bewerben sich um
die Teilnahme. Die ausgewählten Teilnehmer erhalten ein Stipendium. Insgesamt
werden 43 Stipendien vergeben.
3. Programm
- Teilnahme an einem der vier parallel angebotenen Workshops, täglich vier
Stunden (siehe Anlage 2).
- Der Besuch aller zum Theatertreffen eingeladenen Aufführungen, die vom 4. bis
zum 18. Mai gezeigt werden sowie die Veranstaltungen des Stückemarktes.
- Vorträge der Teilnehmer, Diskussionen mit Künstlern, die zum Theatertreffen
eingeladen sind, Juroren des Theatertreffens sowie Gespräche mit Experten zu
gezielten Fragestellungen.
- Teilnehme am Talentetreffen
- Partys, Premierenfeiern und Publikumsgespräche im Rahmen des
Theatertreffens.
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Workshops
„Gesellschaftsspiele: Theater als kollektive Kunst“ so lautet das Motto mit
dem sich alle vier Workshops auseinandersetzten. Dabei verfolgen die Künstler
mit ihrem jeweiligen Workshop unterschiedliche methodische Ansätze und
Perspektiven. Alle Workshops richten sich an Künstler aus allen Bereichen, seien
es Regisseure, Bühnen- oder Kostümbildner, Schauspieler, Dramaturgen, Autoren
oder weitere künstlerisch Tätigen.
Zum Motto „Gesellschaftsspiele: Theater als kollektive Kunst“ siehe Anlage 1

Workshop 1 - Theater, Text, Diskurs: „René Pollesch als René
Pollesch“ (AT). Geleitet von René Pollesch
Der Theatermacher René Pollesch verbindet Texte, Ereigenisse und
die Beteiligten zu einem theatralen Hier und Jetzt: Berlin im Mai 08.

Workshop 2 – Theater, Diskurs, Konzept: „Das offene Kollektiv.
Theater als sozialer Forschungsprozess“. Geleitet von Sibylle Peters
& Matthias Anton in Zusammenarbeit mit der geheimagentur
Die PerfomancekünstlerInnen und WissenschaftlerInnen Sibylle
Peters und Matthias Anton untersuchen theoretisch und praktisch
gegenwärtige Performances zwischen Kollaboration, Intervention
und Partizipation (in Zusammenarbeit mit der geheimagentur).

Workshop 3 – Körper, Kunst, Kontext: „Verwandte Gesten. Sich neben
Antigone bewegen“. Geleitet von deufert + plischke
Die Choreografen und Konzeptkünstler Kattrin Deufert und Thomas
Plischke entwickeln körpersprachliche Muster, Gesten und Abläufe
durch die Übersetzung von Materialien. In einem gemeinsamen
Prozess mit den Beteiligten entsteht eine kollektive Autorenschaft.

Workshop 4 - Spiel: “Theater als Chaos-Factory”. Geleitet von Bruno
Cathomas
Der Schweizer Schauspieler und Regisseur Bruno Cathomas
entwickelt, erprobt und erschließt Spielweisen aus dem kreativen
Chaos der Gruppe genauso wie aus abseitigen Ideen jedes
Einzelnen, einerlei ob Schauspieler, ob Regisseur oder ob …
Hinweis zur Teilnahme an den Workshops:
Jeder Teilnehmer belegt einen Workshop über den gesamten Zeitraum. Ein
Wechsel ist nicht möglich. Bitte nennen Sie die Workshops, an denen Sie
bevorzugt teilnehmen möchten. Die Projektleitung versucht, ihre Wünsche zu
berücksichtigen. Gegen Ende des Internationalen Forums findet eine Präsentation
der Arbeitsweisen der einzelnen Workshops statt (nicht öffentlich).
Einzelheiten zu den Workshops siehe Anlage 2
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4. Leistungen
Die ausgewählten Teilnehmer erhalten ein Stipendium. Es umfasst in der Regel (!)
 die Reisekosten (günstigste Reisemöglichkeit - Herkunftslandabhängig)
 die Unterkunft im Hotel mit Frühstück (in Doppelzimmern)
 sämtliche Kosten für die Teilnahme an den Workshops und am
Teilnehmerprogramm
 die Eintrittskarten für die Theatervorstellungen
 ein Tagegeld in Höhe von cirka 20,- Euro (abhängig vom Herkunftsland)
5. Bedingungen
Theatermacher, die sich bewerben, sollten
 nicht älter als 35 Jahre sein,
 dauerhaft professionell künstlerisch im Schauspielbereich arbeiten und
 über den gesamten Zeitraum vom 4. – 18. Mai 2008 teilnehmen können.
 ausreichende Kenntnisse in der deutschen Sprache
6. Bewerbung
Künstler in festen Engangements
Theater und Institutionen schlagen Kandidaten zur Teilnahme vor. Die inhaltlich
begründeten Vorschläge enthalten alle relevanten Daten des Künstlers:
 Künstlerischer Lebenslauf, Kritiken, Berichte u.ä., Alter, Beruf, Anschriften
(auch email), Telefonnummern
 einen Text über die Motivation des Bewerbers am Internationalen Forum
teilzunehmen (nicht länger als eine DINA 4 Seite).
 Der Bewerber gibt außerdem an, welchen Workshop er belegen möchte
(einschließlich der drei Alternativen).
Der Vorschlag durch die Leitung des Theaters besagt auch, dass der Bewerber für
die Teilnahme über den gesamten Zeitraum des Internationalen Forums
freigestellt wird.
Freischaffende Künstler
Theatermacher ohne festes Engagement bewerben sich mit allen
aussagekräftigen Unterlagen initiativ:
 Künstlerischer Lebenslauf, Kritiken, Berichte u.ä., Alter, Beruf, Anschriften
(auch email), Telefonnummern
 einen Text über die Motivation des Bewerbers am Internationalen Forum
teilzunehmen (nicht länger als eine DINA 4 Seite).
 Der Bewerber gibt außerdem an, welchen Workshop er belegen möchte
(einschließlich der drei Alternativen).
 Empfehlungsschreiben
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Bewerber aus Deutschland und Österreich
Bewerbungsunterlagen von Bewerbern, Theatern und Institutionen aus
Deutschland und Österreich sollten bis spätestens Freitag, 29. Feburar 2008
eingegangen sein bei: Uwe Gössel, Internationales Forum, Berliner Festspiele,
Schaperstraße 24, 10719 Berlin.
Bewerber aus der Schweiz
Bewerber aus der Schweiz schicken ihre Bewerbungsunterlagen bis 30. Januar
2008 an Kirsten Barkey, Pro Helvetia, Hirschengraben 22, CH 8024 Zürich.
Weitere Informationenen unter www.prohelvetia.ch.
Bewerber aus allen übrigen, nicht deutschsprachigen Ländern
Bewerber aus allen nicht deutschsprachigen Ländern schicken ihre Unterlagen bis
14. Januar 2008 an die Goethe-Institute ihres Herkunftslandes. Weitere
Informationen unter www.goethe.de/internationalesforum.
Eine digitale Version des Lebenslaufs, der Motivation und des Fotos senden Sie
zusätzlich an: [email protected]
7. Informationen und Kontakt:
Internationales Forum
Leitung: Uwe Gössel
Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH
Geschäftsbereich Berliner Festspiele
Theatertreffen
Schaperstraße 24
10719 Berlin
Deutschland
email: [email protected]
www.berlinerfestspiele.de
www.theatertreffen-berlin.de
www.internationales-forum.de
Tel. +49 (0) 30 25 489 128
Fax +49 (0) 30 25 489 245
Berlin, November 2007
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Anlage 1: Zum Motto „Gesellschaftsspiele: Theater als kollektive Kunst“
Gesellschaftsspiele
Theater als kollektive Kunst
Kollektive Projekte haben Konjunktur. Von Hollywood bis Wikipedia. Für alle
Lebensbereiche lassen sich Beispiele finden, in denen der Einzelne zugunsten der
Gemeinschaft zurücktritt. Kein erfolgreicher Film aus Amerika wird noch von
einem einzelnen Drehbuchautor geschrieben und Großprojekte, wie das kollektive
Internet-Lexikon Wikipedia werden durch die Kollaboration einer Masse überhaupt
erst möglich. Auch in der Wirtschaft kommt dem so genannten Peer-to-PeerZusammenschluss von Einzelnen auf Augenhöhe immer mehr Bedeutung zu.
Dieser sich immer schneller verbreitende Kollektivismus hat weder mit einem
besonders demokratischen Menschenbild zu tun, noch mit einer sozialen
Ideologie. Vielmehr sind immer mehr Unternehmen davon überzeugt, dass sie in
Zukunft mit Mitarbeitern, die in der Lage sind, innerhalb eines amorphes
Netzwerkes ihren individuellen Mehrwert beizusteuern, den herkömmlichen
hierarchischen Methoden des Industriezeitalters viele Nasenlängen voraus sind
und sich damit schlichtweg die bessere Rendite erzielen lässt. Auch die
Naturwissenschaft setzt auf den Geist der Gemeinschaft. Immer mehr
Publikationen werden von mehreren Autoren verfasst und Solisten gelten dort
zunehmend als aussterbende Spezies. Nicht zuletzt die Politik, allen voran der
Schwarm von Europaabgeordneten in Brüssel, beschwört die Potenz der Vielheit.
Und welche Bedeutung hat die kollektive Kreativität im Theater? Ist es doch die
Kunstform, die ausschließlich aus der Zusammenarbeit mehrer Künstler entsteht.
Gleichzeitig ist das Theater der Ort, an dem gesellschaftliche Rollenmuster
reflektiert werden, wo Formen der Gesellschaft erprobt und durchgespielt werden
können: Theater als kollektives Gesellschaftsspiel. Klingt simpel, ist es aber nicht.
Regisseure, Schauspieler und alle übrigen arbeiten zwar gemeinsam am
Kunstwerk Theater. Doch erhält sich innerhalb und außerhalb des Theaters die
romantische Idee vom Genie des einzelnen Künstlers weiter und wird am
stärksten am Begriff des sogenannten Regietheaters deutlich. Der Regisseur oder
die Regisseurin verwirklicht dabei einen konzeptionellen Zugriff und alle anderen
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sind Zuarbeiter, heißt es. Aber selbst wenn die regieführende Persönlichkeit an
diesem Image überhaupt kein Interesse hat, in der Öffentlichkeit werden meist
einzelne Namen gehandelt und Regiehandschriften in den Mittelpunkt gestellt.
Doch das Interesse an der Kollaboration wächst und findet in den
unterschiedlichsten Ausformungen seinen Niederschlag bis hin zur aktiven
Partizipation des Publikums, das seine angestammten Plätze verlassen darf und
aufgerufen ist, sich ins kollektive Spiel einzumischen.
Das Internationale Forum 2007 stand unter dem Motto „politische Dimensionen
gegenwärtiger Theaterarbeit“. Die Diskussionen zielten dabei immer wieder auf
die Frage ab, welche Bedeutung Arbeitsweisen für das Produzieren haben. Ja, die
politische Dimension einer Theaterarbeit zeige sich zu vorderst in den Formen des
Produzierens hieß es. Die politische Relevanz liege in den Strukturen und zwar
unabhängig davon, ob die Inhalte dezidiert politischen Inhalts sind. Am Beispiel
der Shakespeare-Komödie „Viel Lärm um nichts“ wurde das anschaulich. Die
Beteiligten der Produktion betonten zwar im Gespräch, dass die Darsteller
ausgesprochen selbstständig an ihren Rollen gearbeitet hätten, aber wirklich
nachvollziehbar wurde diese Behauptung für die Zuschauer erst, als sie
beispielsweise die Figur der Beatrice auf der Bühne erlebt hatten: als wahrhaft
glaubhaft emanzipiert. Weiter verfolgt wurden die Fragen nach der erfolgreichen
Zusammenarbeit von Regie, Dramaturgie und Ensemble. Welche Möglichkeiten
bietet das traditionelle, deutschsprachige Stadttheater, um von den die Kreativität
hemmenden Produktionsformen abzuweichen? In welchem Verhältnis stehen
inhaltliche Aussagen auf der Bühne zu den Enstehungsbedingungen? So könnte
der Begriff des Regietheaters auch bedeuten, dass die überzeugende Kraft des
Theaters durch die Bündelungen verschiedenster einzelner Künstler überhaupt
erst zustande kommt. Das gilt besonders für Regisseure, die das Miteinander nicht
als Mangel an Autorität sehen. Kann man das als Zuschauer erkennen? Und wenn
ja, wie schlagen sich die jeweiligen Arbeitsweisen formal und inhaltlich auf der
Bühne nieder?
Das Internationale Forum 2008 steht unter dem Motto „Gesellschaftsspiele.
Theater als kollektive Kunst“. Es wird verschiedene Formen der kollektiven
Kreativität in den Mittelpunkt stellen. So werden in den vier Workshops völlig
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unterschiedliche Zugriffe praktisch erprobt, trainiert oder untersucht. In allen
Gruppen wird es um Methoden gehen, wie künstlerische, zivile oder
produzierende Gemeinschaften funktionieren. Wie gehen Gesellschaften
miteinander um, welche Gesellschaftsspiele werden betrieben und wie organisiert
sich das moderne Miteinander?
Workshop 1 - Theater, Text, Diskurs:
„René Pollesch als René Pollesch“ (AT). Geleitet von René Pollesch
René Pollesch könnte als sein eigenes Kollektiv gelten, denn als Regisseur
inszeniert er fast ausschließlich eigene Stücke. Doch der Kreis seiner Mitstreiter
ist wesentlich größer. Seit Jahren arbeitet er kontinuierlich mit den selben
Schauspielern, selbst wenn diese an verschiedenen deutschen Stadttheatern
engagiert sind. Gemeinsam mit ihnen hat er Spielweisen entwickelt, um die Texte
zu transportieren. Als Autor richtet René Pollesch dabei immer wieder den Fokus
auf das Spannungsverhältnis zwischen Subjekt und Kollektiv und betont die
offenen Fragen: Wie kann das private Leben in einer modernen Gesellschaft
gelingen, die droht, die Privatheit auszubeuten? Welchen Zwängen unterliegt der
Einzelne in der Gemeinschaft? Wenn überhaupt, wie sind die Widersprüche
zwischen Selbstverwirklichung und gesellschaftlichen Anforderungen zu
überwinden? Wie können die zum Teil gegensätzlichen Bedürfnisse der Gruppe
und des Individuums produktiv gemacht werden? Als künstlerischer Leiter des
Praters, einer Nebenspielstätte der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in
Berlin, macht René Pollesch gleichzeitig neugierig auf die Produktionsprozesse
hinter der Bühne. Spiegeln sich die inhaltlichen Fragen, die auf der Bühne
verhandelt werden in der Kollektivität der Theaterarbeit wieder? Wie gelingt es der
um Pollesch assoziierten künstlerischen Gemeinschaft den hierarchischen
Theaterbetrieb für ihre Arbeitsweisen nutzbar zu machen?
Workshop 2 – Theater, Diskurs, Konzept: „Das offene Kollektiv. Theater als
sozialer Forschungsprozess“.
Geleitet von Sibylle Peters & Matthias Anton in Zusammenarbeit mit der
Geheimagentur
Die Performerin und Theaterwissenschaftlerin Sibylle Peters nutzt das Theater als
Ausgangspunkt und Drehscheibe für künstlerische Projekte zwischen Diskurs,
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Happening, Performance und versteckter Kollaboration bis hin zur politischen
Performance. Zusammen mit Matthias Anton und einer Reihe von weiteren
assoziierten Künstlern sind sie Mitglieder der geheimagentur. In theatraler
Anspielung auf die Welt von Geheimdienst und Agenten bildet eine unbekannte
Zahl von Künstlern diese Geheimgesellschaft mit dem Ziel, die Kunst vom Zwang
zur persönlichen Identifikation zu befreien und der eindeutigen Zuschreibung zu
bestimmten Künstlern zu entziehen. Obwohl Einzelpersonen bei ihrer kollektiven,
künstlerischen Arbeit nicht hervorgehoben werden, agiert die geheimagentur
dennoch mitten im gegenwärtigen Kunstbetrieb, in den Theatern und Festivals.
Gleichzeitig unterwandern die Beteiligten den Kommerzialisierungszwang indem
sie immer wieder lustvoll ihre Gage mit aufs Spiel setzen: Am Hamburger
Schauspielhaus konnte das Publikum rituell und kollektiv echte Geldscheine
verbrennen und erfuhr so den Mehrwert des Geldes in dem sie es vernichteten.
Die performativ theatralen Veranstaltungen von Sibylle Peters und Matthias Anton
sind subversiv, konspirativ und interaktiv und begreifen die Institution Theater als
Raum der praktischen gesellschaftlichen Forschung. Unter dem Titel „Das offene
Kollektiv. Theater als sozialer Forschungsprozess“ setzen sie ihre Arbeit mit den
Teilnehmern fort.
Workshop 3 – Körper, Kunst, Kontext: „Verwandte Gesten. Sich neben
Antigone bewegen“.
Geleitet von deufert + plischke
Eine völlig andere Formation der Zusammenarbeit ist der sogenannte
Künstlerzwilling deufert + plischke. Die beiden Konzeptkünstler und Choreografen
Kattrin Deufert und Thomas Plischke haben sich für ihre künstlerische
Zusammenarbeit das besondere Verwandtschaftsverhältnis der Zwillinge als Idee
für ihre Lebens- und Arbeitsgemeinschaft zu Grunde gelegt. Seit 2001 nutzen sie
das Konstrukt Zwilling als Metapher der engstmöglichen Beziehung für ihre
künstlerische Symbiose. Deufert und Plischke erkunden ihre Verwandtschaft,
projizieren sich aufeinander und erzeugen dabei Performances, die versuchen,
jene Anpassungsbereitschaft, die in der Kunst so geschätzt wird, zu hinterfragen.
In ihrem Workshop unter dem Titel „Verwandte Gesten“ werden sie
körpersprachliche Muster, Gesten und Abläufe untersuchen, die dann in einem
gemeinsamen Prozess mit den Teilnehmern weiter entwickelt werden. Kern ihrer
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Arbeit ist ein körperliches Training, in dem sie die Aufmerksamkeit auf die nicht zu
unterdrückende, spezifische Lust und Unlust des eigenen Körpers lenken.
Gegenstand sind häufig alltägliche Situationen des Alltags eines Einzelnen, die
von anderen fortgesetzt werden können, um so zu kollektiven Formen der
Darstellung zu führen. Mit ihrem körperlichen Arbeitsprozess gelten sie, „nicht
zuletzt aus einem politischen Blickwinkel, als die wichtigsten Tanz-Künstler in
Europa“ (Pieter T´Jonck im Jahrbuch ballettanz 2006).
Workshop 4. Spiel: “Theater als Chaos-Factory”.
Geleitet von Bruno Cathomas
Der Schweizer Schauspieler Bruno Cathomas arbeitet seit Jahren immer wieder
mit Regisseuren, die das Miteinander-Spielen in den Vordergrund ihrer
Inszenierungen stellen und damit die Ensembleleistung betonen. Christoph
Marthalers choreografische Inszenierung „Murx der Europäer, murx ihn ...“ gilt
dafür als herausragendes Beispiel in der Bruno Cathomas über dreizehn Jahre
mitgespielt hat. Auch in der Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Luk Perceval
oder Sebastian Nübling wird das Arbeiten im Kollektiv unterstrichen. Als
Schauspieler fragt Cathomas danach, welche Probenarbeit zu welcher Spielweise
führt. Wie kann gemeinschaftlich sinnstiftend probiert werden? Können die
Ergebnisse auch gemeinsam ausgewertet werden? Welche Bedeutung hat das
Federballspiel für die Textarbeit? Als Regisseur entwickelte er Methoden des
Spielens weiter und radikalisierte dieses Zusammenspiel aller in dem Projekt „Die
Bibel“. Über fünf Monate hinweg wurde das Studio des Maxim Gorki Theaters
Berlin eine Theaterfabrik. Alle am Projekt Beteiligten probten, spielten und feierten
dort gemeinsam, auch mit dem Publikum, das selbst zu den Proben nicht gänzlich
ausgeschlossen wurde. Die Ordnung des Theaters geriet ebenso durcheinander
wie die Grenzen zwischen Bar und Rampe undeutlich wurde. Davon inspiriert
nennt Bruno Cathomas seinen Workshop „Theater als Chaos-Factory“.
Es geht beim Internationalen Forum 2008 um Methoden, Arbeitsmodelle und
Spielweisen einer gegenwärtigen Theaterarbeit, die aus dem Kollektiv heraus
forscht, spielt und praktiziert. Es geht um die Suche nach Gesellschaftsspielen in
der Kunst, die mit ihrem utopischen Ansatz experimentierten. Der Philosoph Vilém
Flusser unterstrich in diesem Zusammenhang den Unterschied zwischen
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Nullsummenspielen und Plussummenspielen. Ein Nullsummenspiel ist eins, worin
ein Spieler gewinnt, der andere verliert und dabei die Gesamtsumme gleich bleibt.
Ein Plussummenspiel ist eins, in dem alle Spieler gewinnen können. Damit rief er
auf: „Künstlergruppen und Gesellschaftsspiele sollen Plussummenspiele werden“.
Uwe Gössel
Leiter Internationales Forum
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Anlage 2: Einzelheiten zu den Workshops
Workshop 1 - Theater, Text, Diskurs: „René Pollesch als René Pollesch“
(AT). Geleitet von René Pollesch
Über fünfzig Stücke schrieb und inszenierte der Theatermacher René Pollesch
seit 1999. Zuvor hatte er Angewandte Theaterwissenschaften an der Universität in
Giessen studiert und mit einem eigenen Ensemble im hessischen Frankenthal
erste Stücke entwickelt, die er am TAT, einer experimentellen Spielstätte in
Frankfurt am Main, inszenierte.
Seine Stücke erzählen seither von Menschen, die sich in ihren modernen
Lebensverhältnissen gewollt oder ungewollt wiederfinden. Sie kämpfen, lieben und
suchen in all den Auseinandersetzungen den Sinn ihres Tuns. Pollesch verbindet
seine in der Welt zusammen gesammelten Geschichten mit theoretischen Texten
aus Philosophie oder Sozialwissenschaft, lehnt sie mitunter an bekannte Filme an
und gibt sie als Theaterabende getarnte Aufklärung seinem großstädtischen
Publikum zurück. Einem Markenzeichen glichen die von den Schauspielerinnen
herausgeschleuderten und geschrieenen Tiraden im Stil von Fachtexten aus
wissenschaftlichen Magazinen. Sie verhinderten fast jegliche Form der
Psychologisierung der Figuren und unterstrichen lustvoll die Differenz zwischen
Sprechenden und Besprochenen. Die Darstellerinnen wurden leidenschaftliche
Diskursträger der Pollesch-Theater-Maschine, die ausgeklügelte Zitatcollagen
produzierte. Häufig sind die Namen der DarstellerInnen identisch mit den Namen
der Figuren. In den jüngsten Arbeiten wie „Diktatorgattinnen I“ sieht der Zuschauer
neuerdings ein traditionelles Rollenspiel mit Figuren wie in nacherzählbaren
Handlungen, was bislang in Polleschs Arbeiten nicht möglich schien. Der Autor
Pollesch fungiert weiter als Durchlauferhitzer für die Themen, die ihn umtreiben:
Das Ausgeliefertsein des Einzelnen in einer normierenden Welt, Sexismus,
Rassismus, Kapitalismus, Ausbeutung und Ungerechtigkeit. Das Personal seiner
Stücke umfasst die schrille Bandbreite zwischen Filmhelden und Politikschurken
sowie die vom urbanen Leben gestressten und ausgebeuteten Angestellten über
Schauspieler bis hin zu Sexsklaven. Sie sind entwurzelt, paranoid, hysterisch und
immer auf der Suche nach der sinnstiftenden Reflexion des Ganzen wovon die
Liste der Stücktitel einen ersten Eindruck geben kann:
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Java in a box 1-10. Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr. JavaTM zeigt Gefühle.
www-slums 1-7. Frau unter Einfluss. Heidi Hoh 3 - Die Interessen der Firma
können nicht die Interessen sein, die Heidi Hoh hat. Stadt als Beute. Insourcing
des Zuhause. Menschen in Scheisshotels. smarthouse. 24 Stunden sind kein Tag.
freedom, beauty, truth & love - Das revolutionäre Unternehmen. Människor på
skithotell (Stockholm). Sex (Sao Paulo). Svetlana in a Favela. Pablo in der
Plusfiliale. Hallo Hotel...! Prater-Saga. Stadt ohne Eigenschaften. Der okkulte
Charme der Bourgeoisie bei der Erzeugung von Reichtum. Häuser gegen Etuis.
Cappuccetto Rosso. Schändet eure neoliberalen Biographien! Notti senza cuore Life is the new hard! Soylent green is money (Tokyo). Wann kann ich endlich in
einen Supermarkt gehn und kaufen was ich brauche allein mit meinem guten
Aussehen? L'affaire Martin! Das purpurne Muttermal. Tod eines Praktikanten.
Solidarität ist Selbstmord. Ragazzo dell'Europa (Warszawa). РРШ/RRS (Sofia).
Liebe ist kälter als das Kapital. Diktatorgattinnen I.
René Pollesch betreibt zusammen mit den Schauspielern, Ausstattern,
Dramaturgen und allen übrigen ein durch die zahlreichen gemeinsam erarbeiteten
Produktionen an Erfahrungen reiches Theaterkombinat zur Umsetzung der mit
dem Autor Pollesch gemeinsam entwickelten Texte.
Zu seinem Workshop notiert René Pollesch:
„Mich interessiert Theater, das spontan auf das reagiert, was um uns herum
passiert, sei es hier in der Stadt oder sonst irgendwo. Mich interessieren die Leute
um mich herum, was sie denken, machen oder fühlen. Mich interessiert, wie
beides zusammen gehen kann: die Menschen und die Gegenwart. Und dann
fragen wir uns, wie wir daraus Theater machen können, ein Theater, das mit uns,
mit dem hier und jetzt zu tun hat. Wie dieses Theater aussehen kann? Wenn wir
im Mai 2008 in Berlin zusammen kommen, werden wir sehen, was uns interessiert
und was wir miteinander anfangen wollen.“
René Pollesch ist seit 2001 künstlerischer Leiter des Praters, der Nebenspielstätte
der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin. Die dort in einer Wohnbühne
von Bert Neumann eingerichteten Produktionen „Stadt als Beute“, Insourcing
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zuhause – Menschen in Scheißhotels“ und „Sex“ wurden zum Theatertreffen
eingeladen. 2001 und 2006 erhielt er den Mülheimer Dramatikerpreis. Neben
seiner Theaterhomebase Prater inszeniert er als Theaternomade seine Stücke
auch in Wien, Warschau, Tokio, Santiago de Chile, Sao Paulo oder Sofia.
Workshop 2 – Theater, Diskurs, Konzept: „Das offene Kollektiv. Theater als
sozialer Forschungsprozess“. Geleitet von Sibylle Peters & Matthias Anton
in Zusammenarbeit mit der geheimagentur
In ihrem Projekt "Respekt: geben was man nicht hat" (im Rahmen der
Veranstaltungsreihe „Go create resistance“ am Hamburger Schauspielhaus 2003)
kaufte die geheimagentur sämtliche Eintrittskarten zu ihrer eigenen Vorstellung auf
und verteilte sie kostenlos an die Zuschauer. Aus Zuschauern wurden Beteiligte,
die sich im Laufe des Abends gegenseitig ihren Respekt aussprachen. Seitdem
geht es der geheimagentur immer wieder darum, Kollektive mit ihrem Publikum zu
bilden: Im Rahmen der RuhrTrienale wuchs ein Kollektiv aus Wundersuchern und
Wundersamen ("Die Wunder von Bochum", 2005). In Kroatien bildete sich ein
Kollektiv der Trickster im "Casino of Tricks" (Urbanfestival Zagreb 2007).
Gegenwärtig entsteht in Hamburg ein Kollektiv der Zukunftsforscher in einem
Orakel-Projekt (Kampnagel Spielzeit 2007/2008) und parallel das Kollektiv derer,
die sich ein Alibi geben wie in "Alibi: wir sind nicht da.“ am Thalia Theater
Hamburg 2008.
Zu ihrem Workshop schreiben Sibylle Peters und Matthias Anton:
„Wir werden Projekte untersuchen, die die Institution Theater als Forum für soziale
Prozesse mit künstlerischen Mitteln neu entdecken: Mit den sozialen Strukturen
auf und hinter der Bühne ist immer wieder experimentiert worden. Manchmal
waren es aufregende Experimente zu sozialen Dynamiken und zu Fragen der
Hierarchie. Heute wird das Publikum häufiger noch mehr in die szenischen
Forschungsprozessen einbezogen wodurch die sozialen Strukturen auf, hinter und
vor der Bühne ineinander geschoben werden und eins verwandelt sich in das
andere. Dadurch wird sich das 'Publikum' auf neue Weise selbst zum Schauspiel,
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und das Experiment mit den sozialen Strukturen, in denen Theater entsteht, erhält
neue Impulse. Theatermachen wird zu einer Probe auf neue Formen des
Kollektiven und damit zu einer Probe auf die Konstitution von Öffentlichkeiten und
ihre Wirkungsmacht.
Auch die deutschsprachigen Stadt- und Staatstheater beziehen ihr Publikum
verstärkt in szenische Prozesse mit ein. Die Formen dieser Partizipation sind sehr
unterschiedlich. Sie reichen von der Beteiligung theaterfremder Darsteller in
Inszenierungen (Rimini Protokoll) über die Kollektiv-Performances wie „King Kong
Club“ der Gruppe Gob Squad, (www.gobsquad.com ) bis hin zu den
Radioballetten der Gruppe LIGNA. Gleichzeitig verschwimmen bei diesen
Interventionen und Perfomances die Grenzen zwischen (politischer) Kunstform,
die die Beziehung zwischen Zuschauen und Agieren neu definiert, und
zeitgenössischen Methoden der kulturellen Bildung.
Was ermöglicht partizipatorische Arbeit? Wie verbindet sich Partizipation mit
Professionalität? Welche Interessen stehen dahinter? Wie fügen sich
partizipatorische Projekte in die gegebenen Produktionsstrukturen von Theatern
ein? Wo erzeugen sie Reibung und Probleme, wo führen sie vielleicht zu
Veränderungen? Wie können Kollektive entstehen? Und gibt es so etwas wie eine
"Virtuosität des Kollektiven"? Um Antworten zu finden, untersuchen wir verschiede
Projekte. Willkommen sind auch Erfahrungen, Beispiele und Projektskizzen der
TeilnehmerInnen.
Im weiteren Verlauf des Workshops wird die geheimagentur die TeilnehmerInnen
in praktische Recherchen zu ihrem aktuellen Orakel-Projekt mit einbeziehen, das
sich um kollektive Formen der Zukunftsvorhersage dreht. Präsentiert wird das
Projekt wenige Wochen nach Ende des Workshops auf dem internationalen
Kongress "Prognosen über Bewegungen" (künstlerische Leitung: Sibylle Peters).
Während des Workshops richtet sich die Aufmerksamkeit auf das Theatertreffen
selbst. Worum geht es bei diesem Festival? Welche aktuellen Strömungen lassen
sich in den Inszenierungen, Gesprächen und Partys erkennen? Was lässt sich
über ihren weiteren Verlauf prognostizieren? Inwieweit ist man selbst Teil des
Ganzen?
Unter dem Motto "as if these were the early days of a better society" werden wir
daher inmitten des Theatertreffens nach Vorzeichen suchen – und zwar nicht nur
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auf der Bühne: Welche neuen Kollektive machen das Theater der Zukunft?
Zwischen Wunsch und Wirklichkeit interessieren uns vor allem die inoffiziellen
Auftritte, die Geheimnisse, die Komplizenschaften, die Unentscheidbarkeiten, die
Details am Rande. Denn durch sie erkennen wir, was wir zu hoffen wagen.
Vielleicht entsteht aus den von den TeilnehmerInnen zusammengetragenen
Vorzeichen am Ende eine Art Orakel, das sich auch öffentlich befragen lässt?“
Dr. Sibylle Peters, Projektemacherin und Performerin zwischen Theater und
Wissenschaft, ist künstlerische Leiterin des Forschungsprojekts "Prognosen über
Bewegungen" (in Kooperation mit dem Hebbel am Ufer (HAU) in Berlin, der Freien
Universität Berlin und der Kulturstiftung des Bundes). Ihr Forschungstheater im
Fundus Theater Hamburg (www.fundus-theater.de) widmet sich der Erprobung
neuer Formen von Performance und Partizipation im Kindertheater. Gegenwärtig
habilitiert sie sich zum Thema "Der Vortrag als Performance". Sie hat zum
Gebrauch der Zeit, zur Theorie des Unwahrscheinlichkeitsdrives und zur
Figuration von Evidenz publiziert und ist mit Lecture Performances auf Bühnen in
Deutschland, Großbritannien, Kroatien und der Schweiz zu sehen.
Matthias Anton war Einparker, Sexshop-Verkäufer, Übersetzer und Sinologe
bevor er freier Künstler und Performer wurde. China nicht zu verstehen, ist ein
wichtiges Anliegen seiner Arbeiten. In Zusammenarbeit mit der geheimagentur hat
er zahlreiche partizipatorische Projekte entworfen und realisiert. Heute ist er als
Wundersucher, autonomer Astronaut, Zauberer, Casino-Betreiber und
Zukunftsforscher tätig.
Die geheimagentur führt Forschungen im Bereich des Irregulären,
Außergewöhnlichen oder strikt Absonderlichen durch: in Bochum suchte sie nach
Wundern ("Die Wunder von Bochum", RuhrTrienale 2005), auf der Erde nach dem
Weltraum („Club der Autonomen Astronauten“, Fundus Theater Hamburg 2006), in
Zagreb nach Trickstern (TRICK-CASINO OF ZAGREB, UrbanFestival Zagreb,
Kroatien 2007 sowie auf Kampnagel, Hamburg 2007), in Zürich nach einem Alibi
für den Abend ihres Auftritts („Alibi“ im Rahmen des Projekts „Komplizenschaft –
Arbeit in Zukunft“, Hochschule für Gestaltung und Kunst, 2007). Und überhaupt
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nach Passagen von einer Wirklichkeit zur anderen. Situationen und Techniken, die
wie Fiktionen erscheinen und dann überraschenderweise doch die
Realitätsprüfung bestehen – das sind die Momente, nach denen die
geheimagentur sucht. Politische Performance ist für die geheimagentur dann
interessant, wenn sie die Grenzen von Aufklärung und symbolischer Politik in
Richtung auf 'instant pleasure' überschreitet. Ihre Strategien wollen eine andere
Realität im Kleinen entstehen lassen und nicht in kritischer Geste die alte Welt
bestätigen.
www.geheimagentur.net
Workshop 3 – Körper, Kunst, Kontext: „Verwandte Gesten. Sich neben
Antigone bewegen“. Geleitet von deufert + plischke
Zwillinge setzen sich von Geburt an miteinander auseinander. Nähe, Distanz und
die Grenzen der Individualität müssen geklärt, erstritten und verteidigt werden. In
ihrer Gemeinsamkeit sind sie mehr als zwei. Die beiden Konzeptkünstler und
Choreografen Kattrin Deufert und Thomas Plischke haben sich für ihre
künstlerische Zusammenarbeit das besondere Verwandtschaftsverhältnis der
Zwillinge als Idee für ihre Lebens- und Arbeitsgemeinschaft zu Grunde gelegt. Seit
2001 nutzen sie das Konstrukt Zwilling als Metapher der engst möglichen
Beziehung für ihre künstlerische Symbiose. Sie unterlaufen mit ihrem Modell die
gängige Normierung heterosexueller Paare, um diese ausdrücklich für ihre
Arbeiten zu nutzen. Durch diese besondere Form der Zusammenarbeit als
„Zwilling“ entwickelten sie seither sowohl eine klare Bewegungssprache, als auch
eine experimentelle choreographische Praxis, die ihnen Übersetzungen von
inhaltlichen Themen und visuellen Medien in Bewegung ermöglicht. Ihre
Performances integrieren Körper ebenso wie Klang, Raum, Kunstfilm und
dokumentarisches Material und kreisen inhaltlich um biografische Prägungen wie
besondere Erfahrungen, Verlust und Vergangenheit. Choreographie fängt für sie
deshalb nicht erst im Probenraum an, sondern jedes ihrer Projekte ist geprägt
durch einen jeweils ganz eigenen Forschungsprozess, dessen Gegenstand die
Dauer der Auseinandersetzung formuliert. Er erfolgt in verschiedenen sozialen
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Räumen und seine künstlerische Umsetzung findet in den unterschiedlichsten
Medien seinen Niederschlag.
„Kattrin Deufert und Thomas Plischke gelten, nicht zu letzt aus einem politischen
Blickwinkel, als die wichtigsten Tanzkünstler in Europa“ (Pieter T’Jonck im
Jahrbuch balletanz 2006) und Helmut Ploebst sieht im Künstlerzwilling deufert +
plischke „heute eine der wichtigsten Positionen der deutschsprachigen
Choreografie repräsentiert“ (Jahrbuch ballettanz 2007).
Parallel zu ihren künstlerischen Projekten sind Workshops, Seminare und Training
zentraler Bestandteil ihrer Arbeit. Im Mittelpunkt stehen dabei Techniken der Aufund Weitergabe von Ideen und Interessen. Die Teilnehmer erfahren durch die
Aufgabe ihrer alleinigen Autorenschaft – und damit die Zurücknahme der eigenen
Person – zugunsten einer gemeinsam geteilten Projektskizze die Dynamik von
kollektiven ästhetischen Prozessen. Kern ihrer Arbeit ist ein körperliches Training,
das sie eigens für diese Auseinandersetzung entwickelt haben. Sie lenken darin
die Aufmerksamkeit auf die körperlich nicht zu unterdrückende, spezifische
körpereigene Lust und Unlust. Alltägliche Situationen können so als Material zur
Grundlage der Frage nach dem Unterschied zwischen „etwas tun“ und dem „so
tun, als ob“ werden.
Zu ihrem Workshop „Verwandte Gesten. Sich neben Antigone bewegen“
schreiben Kattrin Deufert und Thomas Plischke:
„Ausgangspunkt ist Antigone aus der Tragödie von Sophokles. Schon der Name
Antigone steht für die Grenzen des Verstehbaren, das an den Grenzen der
Verwandtschaft sichtbar wird: Antigone ist im Griechischen konstruiert als AntiGeneration / Anti-Geschlecht / Anti-Geschlechtlichkeit. Das "Antigoneische
Subjekt" (Marcus Steinweg) ist ein Subjekt der Entscheidung, ein Subjekt der
Kunst, ein Subjekt der Selbstbeschleunigung, ein Subjekt der Übertreibung und
der Verwundbarkeit. Ihr "ich sage, ich habe es getan und leugne es nicht" zeugt
von einer möglichen Sprache der Kunst, die sich selbst an den Rändern eines
Rückzugs von der Aktion formuliert und politisch bleibt, indem sie resistent ihr
Todesbegehren lebt.
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Die Lektüre der Antigone erlaubt es, sich ihr individuell anzunähern. Antigone
spricht sowohl die Sprache der Verwandtschaft, der des Staates als auch die der
Konfrontation mit Liebe und Moral. Hartnäckig verkörpert sie ein
Selbstbewusstsein, das sich immer an der Grenze von Dualismen (Familie-Staat,
Kultur-Religion, Mann-Frau, Leben-Tod, Frieden-Krieg) formuliert. Damit entblößt
sie binäre Modelle selbst als Monster.
Um sich den verschiedenen Aspekten des Antigone-Stoffes zu nähern und dabei
die unterschiedlichen Hintergründe der Teilnehmer mit einbeziehen zu können,
arbeiten wir unter dem Motto "Formulierung/Reformulierung": Mit dieser
Schreibmethode entstehen kurze Texte, die sich nach und nach zu einem
gemeinsam erarbeiteten Schriftstück formen. Elementarer Bestandteil des
Workshops ist ein körperliches Training. Wichtiger Aspekt unserer
Bewegungsarbeit sind dabei die eigenen Bewegungsmöglichkeiten sowie die
persönliche Präsenz jedes Einzelnen. Wir arbeiten mit der Unmöglichkeit, mit sich
im eigenen Körper identisch zu sein – vor allem auf der Bühne. Dieses Paradox
des Körpers nimmt heute eine zentrale Fragestellung ein. Erst im Verlauf wird sich
die Frage nach dem künstlerischen Medium stellen, in das die Gedanken, Worte
und Texte einfließen können. Wird das, was wir vielleicht als Textkorpus am Ende
in Händen halten, ein Buch, ein Film, ein Bild, eine Musik oder eine Choreografie
sein? Diese Methode bietet die Möglichkeit, die Suche nach künstlerischen
Methoden, das Denken der anderen, den Aufbau des erstens Gedankens und
seiner Kontextualisierung und Strukturierung kennen zu lernen. Jeder Teilnehmer
stiftet mit seiner Art sich zu bewegen, mit seiner Sprechweise und seinem
Vokabular einen Teil am gemeinsamen Textkörper, der wiederum als Material
dient. Es entstehen so völlig eigenständige Gesten, die durch den gemeinsamen
Prozess einander verwandt zu sein scheinen.
Für den Workshop sind alle möglichen Vorkenntnisse nützlich aber keine werden
zwingend vorausgesetzt. Im Gegenteil. Entscheidend ist das Interesse, sich auch
jenseits der Grenze des reinen Sprechtheaters bewegen zu wollen. Eine kindliche
Bewegungsneugierde und Lust am Schreiben sowie bequeme Kleidung sind
erwünscht.“
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Kattrin Deufert (*1973) ist Gründungsmitglied von Breakthrough, der Diskursiven
Poliklinik (DPK) Berlin sowie der frankfurter küche. In dieser arbeitet Kattrin Deufert
seit 2003 mit Thomas Plischke als Künstlerzwilling "deufert + plischke" an
verschiedenen Theaterprojekten, Dia- und Video-Installationen, sowie Text- und
Video-Publikationen. Im Jahr 2000 promovierte sie sich an der FU Berlin mit ihrer
Dissertationschrift „John Cages Theater der Präsenz“. In den 90ern studierte sie
Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Frankfurt, London und Brüssel,
erarbeitete zahlreiche Live-Sendeaktionen am Hessischen Rundfunk im Bereich
Neue Musik sowie musikalische und poetische Aktionen im öffentlichen Raum.
Thomas Plischke (*1971) Gründungsmitglied von B.D.C. sowie der frankfurter
küche. In dieser arbeitet Thomas Plischke seit 2003 mit Kattrin Deufert als
Künstlerzwilling "deufert + plischke" an verschiedenen Theaterprojekten, Dia- und
Video-Installationen, sowie Text- und Video-Publikationen. Thomas Plischke
erhielt im Jahr 1998 die Phillip Morris Scholarship als "most outstanding
Performer" und 2000 den Tanz Förderpreis der Stadt München. In den 90ern
choreographierte Thomas Plischke die drei Solostücke "Fleur", "Demgegenüber
Borniertheit" und "l'homme A SORTIR AVEC son corps" sowie u.a. das
Gruppenstück "Events for Television (again)".
deufert + plischke leben und arbeiten in Hamburg. Im Herbst 2007 gründeten sie
gemeinsam die „Gemeinschaftspraxis e.V.“. Seit 2001 entstanden die Bühnenstücke
"inexhaustible (RW)" (2003), "Sofia Sp – science is fiction" (2004), "As if (it was
beautiful)" (2004), „Ich lebe selbst in (diese Stadt)“ (2007), die Trilogie "Directories"
(2003-6) sowie „Reportable Portraits“ (2007). Als Künstlerzwilling unterrichten sie
regelmäßig Komposition, Ästhetik und Dramaturgie an der Universität Hamburg
sowie an europäischen Kunsthochschulen. Im Jahr 2006 waren sie Gastprofessoren
im Studiengang Performance Studies (Universität Hamburg), im Jahr 2008
übernehmen sie die Gastprofessur am Institut für angewandte Theaterwissenschaft
der Universität Gießen.
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Workshop 4 - Spiel: “Theater als Chaos-Factory”. Geleitet von Bruno
Cathomas
Seit über fünfzehn Jahren ist der in der Schweiz geborene Schauspieler in großen
Rollen auf deutschsprachigen Bühnen zu sehen. Er spielte Richard III an der
Berliner Volksbühne (Regie Martin Kusej), König Artus am Theater Basel (Regie
Stefan Bachmann), Franz Moor ebenfalls in Basel (Regie Lars Ole Walburg),
Woyzeck an der Berliner Schaubühne (Regie Thomas Ostermeier) oder Edward II
bei den Salzburger Festspielen (Regie Sebastian Nübling). Daneben ist er in
Inszenierungen zu entdecken, in denen das Ensemble im Vordergrund steht wie
beispielsweise in der legendären Aufführung „Murx den Europäer, murx ihn ...“ an
der Berliner Volksbühne (Regie Christoph Marthaler), in „Shoppen und Ficken“ an
der Baracke des Deutschen Theaters in Berlin (Regie Thomas Ostermeier) oder in
„Turista“ an der Berliner Schaubühne (Regie Luk Perceval). Als Schauspieler
interssiert ihn das gemeinsame Entwickeln der Spielweisen, wie es Regisseure
wie Sebastian Nübling, Christoph Marthaler oder Luk Perceval pflegen. Die
spielerisch angelegten Arbeitsweisen bieten ihm die Freiheit für Improvisationen
ohne vorher festgelegtes Ziel. Im Spiel – das kann auch das Federballspielen sein
- nach gemeinsam entwickelten Regeln ergeben sich ihm Wege und Erfindungen
für die Rollenarbeit, die mit einem psychologischen Zugang zur Figur nicht zu
finden wären. Luc Perceval versucht dabei das psychologische Rollendenken
hinter sich zu lassen und betont in diesem Zusammenhang: „Wir sind durch die
Stanislaswki-Methode deformiert. Die Erotik der Kunst liegt im Geheimnis. Das
Leben ist nicht konsequent und logisch. Im Gegenteil, es ist widersprüchlich und
komplex. Wir leben aus der Intuition und entscheiden instinktiv. Aber obwohl in der
instinktiven Arbeit eine wahnsinnige Kraft steckt, sind wir als Schauspieler nicht
darauf trainiert, damit zu arbeiten, das ist sehr schade.“ Bruno Cathomas findet
Wege, um genau diese Kraft aus Improvisationen heraus zu entwickeln. Über die
Jahre ist so eine umfangreiche Spiele-Sammlung entstanden, die er in seinen
eigenen Regiearbeiten erweitert. Am Berliner Maxim Gorki Theater sind seit 2004
auf diese Weise insgesamt drei Inszenierungen entstanden. Die radikalste
Umsetzung seiner Spielideen vollzog sich im Projekt „Die Bibel“: Für die Dauer
von fünf Monaten verwandelte er zusammen mit seinen Schauspielern das Studio
in eine Spielfabrik. Geprobt wurde zum Teil öffentlich, alle zwei Wochen fanden
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Premieren statt und die sonst übliche Trennung zwischen Publikum und
Schauspielern wurde ebenso häufig aufgelöst wie die Trennung zwischen
Probebühne und Bar. Es wurde zusammen gekocht, es wurden Partys gefeiert
und es wurde intensiv am Stoff gearbeitet. Sämtliche Texte der insgesamt fünf
Stücke wurden mit den Schauspielern in Improvisationen entwickelt. Sein
Regiekonzept, das er während der Proben weiter entwickelte, war geprägt von
seiner Sicht als Schauspieler was auch von der Kritik hervorgehoben wurde: „Man
erkennt Cathomas´ exaltierte, körperbetonte Spielweise, dieses Bis-an-dieGrenze-Gehen, auch bei der Regie, die stark auf das Ensemble setzt.“
Bruno Cathomas notiert zu seinem Workshop:
„Macbeth“ von Shakespeare wird unsere Textgrundlage und Spielvorlage sein.
Beginnen werden wir zunächst mit einfachen, bekannten Spielen, Kinderspielen
beispielsweise, Ballspielen oder Gesellschaftsspielen, die die Teilnehmer aus ihrer
Heimat mitbringen. Das mag harmlos klingen, ist es auch, doch genau darin liegt
der Reiz. Aus diesen Spielen entsteht ein Rhythmus, Musik wird dazu kommen,
dann Töne, Stimme und Klänge wie nackte Füße auf dem Boden. Einzelne Wörter
werden hinzu formuliert und Sätze entstehen. Möglicherweise noch völlig ohne
erkennbaren Zusammenhang: Chaos? Unbedingt. Wie aber kann daraus eine
Szene werden? Eine gute Szene. Großer Ehrgeiz allein nützt nichts, im Gegenteil,
daran scheitert selbst Macbeth. Womit sonst? Was ist überhaupt eine gute
Szene? Shakespears Drama um die sich selbst bewahrheitende Prophezeiung
bietet unterschiedlichste Lesarten an und ebenso viele Spielideen können daraus
entstehen. Letztlich entscheidend ist die Frage, wohin man mit einer Szene
kommen möchte. Doch zuvor stellt sich eine andere Frage: Wo beginnt Theater,
noch in der Pause, beim Essen? Braucht Theater zwingend Schauspieler,
Publikum oder nur eine gemeinsame Verabredung? Das werden wir versuchen,
heraus zu finden. Und zwar spielend im wahrsten, doppelten Wortsinn. Ideal für
diese Chaos-Fabrik zwischen Wahn und Wirklichkeit sind Theatermacher mit und
ohne Spielerfahrung, einerlei ob Regisseur, Bühnenbildner oder Dramaturg,
natürlich auch Schauspieler.“
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Bruno Cathomas, 1965 in Graubünden, Schweiz geboren, studierte Schauspiel
an der Hochschule für Musik und Theater in Zürich, Schweiz. Engagement an der
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin von 1992 - 1997, am Theater
Basel in der Schweiz sowie an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin seit
2004. Darüber hinaus arbeitete er am Deutschen Theater / Baracke in Berlin, den
Münchner Kammerspielen sowie beim Festival Steirischer Herbst in Graz und bei
den Salzburger Festspielen, beide Österreich. Als Schauspieler Zusammenarbeit
u.a. mit folgenden Regisseuren: Stefan Bachmann, Frank Castorf, Johann
Kresnik, Andreas Kriegenburg, Tom Kühnel, Martin Kusej, Christoph Marthaler,
Sebastian Nübling, Thomas Ostermeier, Luk Perceval, Falk Richter, Rafael
Sanchez und Lars Ole Walburg. Darüber hinaus war er in zahlreichen Kino- und
TV-Produktionen zu sehen. Als Regisseur inszenierte er am Theater Basel und
am Maxim Gorki Theater in Berlin. Lehraufträge führten ihn an die Hochschule für
Musik und Theater, Zürich sowie an die Universität der Künste in Berlin.
Stand November 2007
www.internationales-forum.de
Seite 23
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