Titularul disciplinei: Asist. univ. dr. Andreea Ghiţă

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Programa analitică
Denumirea disciplinei
Codul disciplinei
Literatura germană, Anul III
Semestrul
Facultatea
Litere
Profilul
Filologie
Specializarea
Română - Italiană
I, II
Numărul de credite
Numărul orelor pe
an / activităţi
Total
SI TC AT
Categoria formativă a disciplinei: DF - fundamentală, DG - generală,
DS - de specialitate, DE - economică/managerială, DU - umanistă
Categoria de opţionalitate a disciplinei: DI - impusă, DO - opţională,
DL - liber aleasă (facultativă)
Discipline
anterioare
Obiective
Conţinut
(descriptori)
Obligatorii
(condiţionate)
Recomandate
AA
DF
DI
-
1. Intelegerea si aprofundarea fenomenelor istorice, sociale, politice,
culturale si literare specifice diferitelor perioade si epoci din evolutia
limbii si literaturii germane.
2. Insusirea conceptelor si a terminologiei literare specifice fiecarei epoci
istorice si literare.
3. Cunoasterea celor mai importante creatii literare si a celor mai
importanti autori ai epocii.
Zwischen Romantik und Realismus
(1815-1848)
Die Dichtung des Biedermeier. Peter Hebel. Franz Grillparzer. Adalbert
Stifter. Der Schwäbische Dichterkreis. Ludwig Uhland. Eduard Mörike. Die
Dichtung des Jungen Deutschland. Heinrich Heine. Ludwig Börne. Georg
Büchner und C.D. Grabbe: die politischen Revolutionäre unter den Dichtern
des Vormärz
Der poetische Realismus (1850 – 1900)
Allgemeines. Die Industrialisierung und ihre Folgen. Realismus-ein Begriff
und seine Interpeten. Abbildung der Wirklichkeit. Kulturpessimismus. Zu
den Erzählern. Gottfried Keller: „Der grüne Heinrich“, „Die Leute von
Seldwyla“. Conrad Ferdinard Meyrer: „Huttens letzte Tage“, „Die
Versuchung des Pescara“, „Das Amulett“. Theodor Storm: „Immensee“,
„Der Schimmelreiter“.Wilhelm Raabe: „Die Chronik der Sperlinsgasse“.
Theodor
Fontane:
Zeitkritische
Gesellschaftsromane:
„Irrungen,
Wirrungen“, „Effi Briest“, „Frau Jenny Treibel“, „Der Stechlin“. Zu den
Dramatikern: Friedrich Hebbel. Ideendrama: „Judith“, „Maria Magdalena“,
„Agnes Bernhauer“, „Die Nibelungen“. Lyrik im ausgehenden 19.
Jahrhundert: Gedichte und Balladen: Th. Fontane, Fr. Hebbel, G. Keller,
C.F. Meyer, W. Raabe, Th. Storm.
Die Epoche der Moderne
Der Naturalismus. Literatur und epirische Wissenschaften. Aufnahme
sozialwissenschaftlicher Theorien in der Literatur; Determiniertheit des
Menschen. Kunstgesetz; Theatervereine; Soziale Dramen; Die Überwindung
des Naturalismus. Die Autoren und ihre Werke. Gerhart Hauptmann.
Dramen: „Die Weber“, „Der Biberpelz“, „Die Ratten“. Traum und
Märchendichtung: „Hanneles Himmelfahrt“, „Die versunkene Glocke“.
Rückkehr zu Mythos und Tragödie: „Atriden-Trilogie“. Erzählprosa:
„Bahnwärter Thiel“. Arno Holz. Johannes Schlaf: „Papa Hamlet“, „Die
Familie Selike. Der Impressionismus. Detlev von Liliencron. Richard
Dehmel. Arthur Schnitzler. Der Symbolismus. Vorbemerkungen. Stefan
George. Hugo von Hofmannsthal. Rainer Maria Rilke. Frank Wedekind,
Stefan Zweig, Ricarda Huch.Der Expressionismus. Vorbemerkungen. Die
Lyrik des Expressionismus. Zur Dramatik des Expressionismus. Zur Prosa
des Expressionismus.
Forma de evaluare (E - examen, C - colocviu / test final, LP - lucrări de control)
E
Stalibirea
- răspunsurile la examen / colocviu / lucrări practice
50%
notei
- activităţi aplicative atestate / laborator / lucrări practice/ proiect etc.
finale
- teste pe parcursul semestrului
25%
(procentaje)
- teme de control
25%
Bibliografia
1.
Grosse, W./ Grenzmann, L. : Klassik/Romantik, E. Klett SchulbuchVerlag, 1993
2.
Hinderer W. : Geschichte der deutschen Lyrik. Von Mittelalter bis zur
Gegenwart, Philipp Reclam jun. Stuttgart, 1983
3.
Hoffmeister, G.: Deutsche und europäische Romantik, J.B.
Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, 1989
4.
Müller- Seidel, W.: Die Geschichtlichkeit der deutschen Klassik, 1983
5.
Schutte, J.: Einfuhrung in die Literaturinterpretation, 1993
6.
Wellek, R./ Warren, A.: Theorie der Literatur, 1959
7.
Kluges, H. – Geschichte der deutschen Literatur, Carl Hauser Verlag,
Berlin 1992
8.
Baumann, B. / Oberle, B.: Deutsche Literatur in Epochen, Verlag C.H.
Beck, 1997
9.
Rötzer, H.G.: Geschichte der deutschen Literatur, Bamberg, 1977
10. Van Rinsum: Eine Geschichte der deutschen Literatur in Beispielen,
Verlag C.H.Beck, München, 1992
Lista materialelor
didactice
necesare
Suport de curs ID
Coordonator de disciplină
Gradul didactic, titlul
Andreea Ghiţă
Asist. univ. dr.
Semnătura
Legenda: SI - studiu individual, TC - teme de control, AT - activităţi tutoriale, AA - activităţi
aplicative aplicate
SUPORT DE CURS
Disciplina: LITERATURA GERMANĂ
(Secolele al 19-lea – al 20-lea)
Anul III ID, Semestrul I
Titularul disciplinei: Asist. univ. dr. Andreea Ghiţă
Prezentul suport de curs este realizat pe baza volumelor: Kluges, H., Geschichte der deutschen
Literatur, Carl Hauser Verlag, Berlin 1992, Baumann, B. / Oberle, B.: Deutsche Literatur in
Epochen, Verlag C.H. Beck, 1997, Rötzer, H.G.: Geschichte der deutschen Literatur, Bamberg,
1977, Van Rinsum: Eine Geschichte der deutschen Literatur in Beispielen, Verlag C.H.Beck,
München, 1992, Bark, Joachim: Geschichte der deutschen Literatur, Neuausgabe, Bd.3 :
Biedermeier und Vormärz, Bürgerlicher Realismus, Bark, Joachim: Geschichte der deutschen
Literatur, Neuausgabe, Bd.4 : Vom Naturalismus zum Expressionismus, Literatur des Kaiserreichs,
Klett Verlag, 2002, Wucherpfenning, Wolf, Geschichte der deutschen Literatur. Von den Anfängen
bis zur Gegenwart. Stuttgart: Klett 1986 şi a materialelor accesibile online.
I. Biedermeier (1815 - 1848)
Begriff
Der Begriff Biedermeier wurde zunächst von den Realisten abwertend zur Kritik der
Literatur der Restaurationszeit verwendet. Zuerst erschien das Wort in Ludwig Eichrodts und Adolf
Kußmauls Gedichten des schwäbischen Schullehrers Gottlieb Biedermeier und seines Freundes
Horatius Treuherz (1850, in: Fliegende Blätter; 1865, in Biedermeiers Liederlust). Diese Gedichte
waren eine Parodie auf die "biederen" Reimversuche des dilettantischen Dichters Samuel Friedrich
Sauter. In der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert wandte sich die Bedeutung des
Begriffs ins Positive. Man verband damit Vorstellungen von der "guten alten Zeit", jenseits aller
politischen Wirren, sowie Häuslichkeit, Geselligkeit im kleinen Kreis und die Zurückgezogenheit
ins Private. Biedermeier als Stilbezeichnung wurde von der Literatur auch auf die Innenarchitektur
und die Malerei (Spitzweg, Schwind, Richter, Waldmüller) der Restaurationszeit bezogen.
Eine rein positive Bedeutung des Biedermeier-Begriffs trifft jedoch nicht auf die Autoren
und die entstandene Literatur dieser Zeit zu. Die biedermeierlichen Autoren waren, wie die Dichter
des Vormärz und Jungen Deutschlands, nicht zufrieden mit ihrer damaligen Situation. Daher ist
Zerrissenheit ein typisches Merkmal für den biedermeierlichen Schriftsteller.
II. Historischer Hintergrund
1815 wurde der Wiener Kongreß eingeleitet, bei dem die Neuordnung Europas geregelt
wurde. Es entstand die "Heilige Allianz" zwischen Preußen, Österreich und Rußland zur Sicherung
der Prinzipien der Neuordnung, zur Verteidigung des christlichen Glaubens, zur Erhaltung der
Herrschaftshäuser und zur Wiederherstellung der vorrevolutionären Ordnung. Die Zeit zwischen
1815 und 1848 war geprägt von dem Interessenskonflikt zwischen den deutschen Fürsten, welche
sich für eine Restauration einsetzten, und dem "Jungen Deutschland" (Studenten und Professoren),
das nach Freiheit und einer politischen Einheit strebte. 1815 wurde der Deutsche Bund aus 39
Einzelstaaten gegründet. Burschenschaften entstanden, zuerst in Jena, später auch in anderen
deutschen Städten. 1817 fand das Wartburgfest statt. 1819 wurden die Karlsbader Beschlüsse
gefaßt, welche die Burschenschaften verboten, die Überwachung von Universitäten einleiteten, eine
Buch- und Pressezensur einführten und den Einsatz von Spitzeln erlaubten. Die Folge war der
Rückzug vieler Deutscher ins Privatleben. 1832 fand das Hambacher Fest statt. 1834 kam es zur
Gründung des Deutschen Zollvereins, der die innerdeutschen Zollschranken beseitigte und somit
eine wirtschaftliche Einheit herstellte. Aufgrund schlechter sozialer und wirtschaftlicher
Verhältnisse der schlesischen Weser kam es 1844 zu einem Aufstand. Die Enttäuschung über die
unerfüllten Hoffnungen des "Jungen Deutschlands" und das Festhalten an der alten Ordnung
deutscher Fürsten führte 1848 schließlich zur Märzrevolution.
III. Philosophischer Hintergrund
Der philosophische Hintergrund der Restaurationszeit war v.a. von der Philosophie
Friedrich Hegels (1770-1831) und seinen Schriften Phänomenologie des Geistes (1806),
Wissenschaft der Logik (1812/16), Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften (1817) und
Grundlinien der Philosophie des Rechts (1831) geprägt.
1. Literatur des Biedermeier
Die Biedermeierdichtung versuchte dem Konflikt zwischen Wirklichkeit und Ideal sowie
den politischen Spannungen eine heile poetische Welt mit dem Ziel der Harmonisierung
entgegenzusetzen. Der Entstehung biedermeierlicher Literatur ging kein theoretisches Programm,
wie in anderen Strömungen, voraus. Daher traten häufig verschiedene Formen der Darstellung und
die Neigung zur Vermischung der Gattungen auf. Bevorzugt wurden kleine literarische Formen. Die
wichtigste
literarische
Leistung
erreichte
das
Biedermeier
im
Volkslustspiel.
In
der
biedermeierlichen Literatur wurde das sittliche Ideal der Zeit - genügsame Selbstbescheidung,
Zähmung der Leidenschaften, Unterordnung unter das Schicksal, politische Haltung des
Mittelwegs, Schätzung des inneren Friedens und kleinen Glücks, Bedacht auf Ordnung, Hang zum
Pietismus, Interesse für Natur und Geschichte - dargestellt. Dabei kamen oft die biedermeierlichen
Lebensgefühle, wie Resignation, Weltschmerz, Schwermut, Stille, Verzweiflung und Entsagung
zum Ausdruck, die nicht selten zu Hypochondrie und Selbstmord führten. Grillparzer, Lenau und
Mörike z.B., litten in ihren letzten Lebensjahren an Hypochondrie, Stifter und Raimund dagegen
gingen
in
den
Freitod.
Sprachliche Kennzeichen biedermeierlicher Literatur sind besonders die Schlichtheit in Form und
Sprache, Volkstümlichkeit, Detailgenauigkeit und Bildlichkeit.
Lyrik im Biedermeier
Die biedermeierliche Lyrik zeichnet sich sowohl in ihrer Form, als auch in ihrem Inhalt vor
allem durch Einfachheit und Volksliedhaftigkeit aus. Wichtige Themen waren: Liebe, Religion,
Vergänglichkeit, Entsagung und häusliches Glück. Wie schon in der Romantik, traten auch im
Biedermeier häufig Gedichtzyklen auf, z.B. bei Droste-Hülshoff (Heidebilder (1841/42)),
Grillparzer,
Lenau
und
Mörike.
Annette von Droste-Hülshoffs Gedichte zeigen typische Merkmale für biedermeierliche Literatur:
die Gebundenheit an ihre Heimat (Westfalen) und ein mythisches Moment, das die Geborgenheit
der Heimat bedroht. Diese Merkmale zeigen sich z.B. in ihren Heidebildern (1841/42), besonders in
ihrer Ballade Der Knabe im Moor. Dort steht die Natur nicht für Geborgenheit oder eine
Rückzugsmöglichkeit, sondern für Bedrohlichkeit und Gefahr.
Ballade
Anstelle des Irrealismus des Sturm und Drangs oder des ideellen Gehaltes der Klassik, tritt
im Biedermeier eine abgemilderte Rationalität der Aufklärung hervor. Rational sind die Balladen
des Biedermeier dadurch, weil sie keine Sprünge darstellen, oder durch Rhetorik und Pathos wirken
wollen. Deshalb kommt im Biedermeier auch eine Tendenz zur Episierung anstelle von Dramatik in
den Balladen zum Ausdruck. Auffallend ist auch, daß Naturgeister und Dämonen vermenschlicht
werden. Die Balladen des Biedermeier unterteilt man allgemein in zwei Gruppen: die eine, die zur
Rührung anregen soll, und die andere, die einen Schauer auslösen soll. Ein typisches Beispiel für
eine Schauerballade ist Droste-Hülshoffs Der Knabe im Moor. Weitere bekannte Balladen sind
Mörikes Der Feuerreiter und Die Geister am Mummelsee.
Epik im Biedermeier
In der Epik waren im Biedermeier kurze Erzählformen, wie z.B. Novelle und
Kurzgeschichte, beliebt.
Novelle
Die wichtigste epische Kleinform in der Biedermeierzeit war die Novelle. Die Judenbuche
Annette von Droste-Hülshoffs, Die schwarze Spinne Jeremias Gotthelfs und Der arme Spielmann
Franz Grillparzers gelten als die bekanntesten Beispiele von ihr.
Droste-Hülshoff: Die Judenbuche (1842)
Die Judenbuche. Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen beruht auf einer
wahren Begebenheit, von der Droste-Hülshoff durch ihren Onkel erfahren hatte. Dieser, August von
Haxthausen, veröffentlichte 1818 sein Wissen darüber in der Geschichte eines Algierer Sklaven. Die
Handlung in Droste-Hülshoffs Erzählung spielt in einem abgelegenen westfälischen Dorf im 18.
Jahrhundert, deren Hauptperson Friedrich Mergel ist. Mergel, Mitschuldiger am Mord eines
Försters, bringt aus verletztem Ehrgefühl und wegen Geldschulden den Juden Aaron um. Mergel
flieht und kann daher nicht des Mordes angeklagt werden. Nach 28 Jahren kehrt Mergel aus
türkischer Gefangenschaft unter falschem Namen in seine Heimat zurück. Obwohl der Mord an
Aaron längst verjährt ist, begeht Mergel Selbstmord, indem er sich an der Judenbuche aufhängt,
unter
welcher
er
einst
Aaron
ermordete.
In der Judenbuche bringt Droste-Hülshoff die ständige Bedrohung des Menschen in seiner
scheinbar gesicherten Realität zum Ausdruck. Der Natur kommt in diesem Werk eine besondere
Funktion zu: sie übernimmt die Rolle des Zeugen und Richters und ist nicht nur Kulisse.
Studie/ Skizze
Die wichtigsten Werke dieses Genres stammen von Adalbert Stifters Erzählsammlungen
Studien und Bunte Steine. Die bekanntesten Studien der Studien sind Brigitta und Der Hochwald.
Eines der wichtigsten Werke der Bunten Steine ist die Erzählung Bergkrystall.
Verserzählung
Bei den biedermeierlichen Dichtern war das Genre der Verserzählung sehr beliebt. Einige
versuchten auch eigenständige Formen zu entwickeln. Die bekanntesten Verserzählungen stammen
von Lenau (Die Albigenser, Don Juan, Savonarola), Immermann (Tulifäntchen (1830)) und DrosteHülshoff (Das Hospiz auf dem Großen St. Bernhard (1823/24), Die Schlacht im Loener Bruch
(1837/38)).
Roman
Trotz der Tendenz zu kleinen Formen in der Biedermeierzeit, entstanden auch größere
epische Dichtungen, die ebenso einflußreich waren. Die von Karl Immermann verfaßten Romane
Die Epigonien. Familienmemoiren in neun Büchern (1836) und Münchhausen. Eine Geschichte in
Arabesken (1838/39), Mörikes Maler Nolten (1832) und Stifters Der Nachsommer (1857) gelten als
die wichtigsten ihres Genres.
Biedermeierliches Drama
Die drei bedeutendsten Dramatiker des Biedermeier stammen aus Österreich: Grillparzer,
der in der Tradition des Wiener Burgtheaters stand, und die beiden Volksbühnenautoren Nestroy
und Raimund. Eine melancholische und pessimistische Einstellung zur Welt prägt die Werke aller
drei
Autoren.
Franz Grillparzer erlangte schon früh im Gebiet des Dramas großen Ruhm mit seinem Trauerspiel
Die Ahnfrau (1817). Weitere bekannte Stücke von ihm sind die Komödie Weh dem, der lügt (1838)
und
das
Geschichtsdrama
Ein
Bruderzwist
in
Habsburg
(1848).
Johann Nestroy schrieb zahlreiche Volkspossen und Komödien. Seine Komödien tragen oft
groteske Züge, und üben so eine verstärkte Zeitkritik. Als typisch biedermeierlich gilt die Komödie
Der Zerrissene (1844). Viele Stücke Nestroys tragen Doppelbezeichnungen, wie die am meisten
aufgeführte Komödie Der böse Geist Lumpazivagabundus oder Das liederliche Kleeblatt (1832).
Literarische Formen

Balladen

Novellen

Kurzgeschichten

Studien/ Skizzen (bes. Stimmungsbilder)

Verserzählungen

Volkslustspiele, wie Possen, Komödien und Zauberstücke
Skizze/ Studie: Ein Skizze/ Studie ist ein selbständiger, jedoch formal und stilistisch bewußt
unausgestalteter Prosatext. Diese Erzählform überschneidet sich häufig mit anderen, z.B. der
Erzählung, der Kurzgeschichte oder dem Bericht.
Zauberstück: Ein Zauberstück ist eine Spielvorlage, die übernatürliche Requisiten und
Personal beinhaltet. Man unterscheidet zwischen Zauberspiel (z.B. Raimund: Die gefesselte
Phantasie), Zaubermärchen (z.B. Raimund: Der Verschwender), Zauberposse (z.B. Nestroy: Der
böse Geist Lumpazivagabundus; Raimund: Der Barometermacher auf der Zauberinsel) und
Zauberoper (z.B. Schikaneder: Die Zauberflöte).
Vertreter

Annette Freiin von Droste-Hülshoff (1797-1848)

Franz Grillparzer (1791-1872)

Nikolaus Lenau (1802-1850)

Eduard Mörike (1804-1875)

Johann Nestroy (1801-1862)

Adalbert Stifter (1805-1868)
II. Vormärz und Junges Deutschland
Begriff
Der Begriff Vormärz als Epochenbezeichnung bezeichnet den Zeitraum zwischen 1815 und
1848. Die Literatur des Vormärz wird unterteilt in Junges Deutschland und den eigentlichen
Vormärz.
Die Bezeichnung Junges Deutschland wurde zuerst 1834 in Ludolf Wienbargs Ästhetischen
Feldzügen verwendet. Als "literarische Schule" wurden das Junge Deutschland erst 1835 in einem
Beschluß des Bundestages angesehen, der dessen Schriften verboten hatte. In Wirklichkeit bildeten
die Vertreter des Jungen Deutschlands keine Schule. Sie verband aber die Ablehnung der
Restauration und des Adels und das Einsetzen für Presse- und Meinungsfreiheit. Die literarische
Bewegung des Jungen Deutschlands hatte ihren Höhepunkt zwischen 1830 bis 1835. Mit dem
Verbot der Schriften am 10. Dezember 1835 endete sie schließlich, da die meisten jungdeutschen
Autoren ihre gesellschaftspolitisch-kritische Arbeit einstellten. Folgende Autoren wurden im
Bundestagsbeschluß vom 10.12.1835 namentlich genannt: Heinrich Heine, Karl Gutzkow, Heinrich
Laube, Ludolf Wienbarg und Theodor Mundt.
Die literarische Strömung des eigentlichen Vormärz setzte 1840 ein und endete 1848 mit
der gescheiterten Märzrevolution. Mit der Rheinkrise und der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms
von Preußen 1840 kam ein neues Nationalgefühl auf. Es traten zahlreiche neue Autoren hervor, wie
Georg Herwegh, Ferdinand Freiligrath, August Heinrich Hoffmann von Fallersleben und Georg
Weerth. Die Autoren des Vormärz verband, daß sie eine bestimmte Zeit im Exil verbrachten bzw.
nur im Exil publizieren konnten.
II. Historischer Hintergrund
1815 wurde der Wiener Kongreß eingeleitet, bei dem die Neuordnung Europas geregelt
wurde. Es entstand die "Heilige Allianz" zwischen Preußen, Österreich und Rußland zur Sicherung
der Prinzipien der Neuordnung, zur Verteidigung des christlichen Glaubens, zur Erhaltung der
Herrschaftshäuser und zur Wiederherstellung der vorrevolutionären Ordnung. Die Zeit zwischen
1815 und 1848 war geprägt von dem Interessenskonflikt zwischen den deutschen Fürsten, welche
sich für eine Restauration einsetzten, und den "Jungem Deutschland" (Studenten und Professoren),
das nach Freiheit und einer politischen Einheit strebte. 1815 kam es zur Gründung des Deutschen
Bundes zwischen 39 Einzelstaaten. Es kam außerdem zur Gründung von Burschenschaften, zuerst
in Jena, später auch in anderen deutschen Städten. 1817 fand das Wartburgfest statt. 1819 wurden
die Karlsbader Beschlüsse gefaßt, welche die Burschenschaften verboten, die Überwachung von
Universitäten einleiteten, eine Buch- und Pressezensur einführten und den Einsatz von Spitzeln
erlaubten. Die Folge war der Rückzug vieler Deutscher ins Privatleben. 1832 fand das Hambacher
Fest statt. 1834 kam es zur Gründung des Deutschen Zollvereins, der die innerdeutschen
Zollschranken beseitigte und somit eine wirtschaftliche Einheit herstellte. Aufgrund schlechter
sozialer und wirtschaftlicher Verhältnisse der schlesischen Weser kam es 1844 zu einem Aufstand.
Die Enttäuschung über die unerfüllten Hoffnungen des "Jungen Deutschlands" und das Festhalten
an der alten Ordnung deutscher Fürsten führte 1848 schließlich zur Märzrevolution.
III. Philosophischer Hintergrund
Der philosophische Hintergrund der Restaurationszeit war v.a. von der Philosophie
Friedrich Hegels (1770-1831) und seinen Schriften Phänomenologie des Geistes (1806),
Wissenschaft der Logik (1812/16), Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften (1817) und
Grundlinien der Philosophie des Rechts (1831) geprägt.
Literatur des Jungen Deutschlands
Zensur
1819 wurde für alle Staaten des Deutschen Bundes eine Vorzensur eingeführt. Sie betraf
alle Texte unter 20 Bogen (entspricht 320 Seiten). Damit fielen alle Schriften darunter, die für ein
breites Publikum zugänglich waren, wie Zeitungen, Zeitschriften und viele Bücher.´
Ab 1830 versuchten immer mehr Schriftsteller und Verleger die Zensurmaßnahmen zu
umgehen, indem sie ihre Werke entweder im Ausland drucken ließen oder ihren Umfang auf 21
Bogen ausweiteten. Dieser Widerstand führte unweigerlich zu einer Verschärfung der Zensur. Zur
Vorzensur kamen jetzt auch die Ausweitung der Zensur auf alle Werke, das Verbot einzelner
Autoren und Verlage und die Zerschlagung von Vereinen hinzu.
Verboten war vor allem die Kritik an den herrschenden politischen Verhältnissen, wie an
der Regierung oder an dem Adel. Ein Werk konnte auf zwei verschiedene Weisen zensiert werden:
die betreffenden Textstellen wurden entweder durch die Zensoren korrigiert oder gestrichen. Die
Streichungen waren anfangs noch als Zensurstriche sichtbar, später wurden auch diese verboten.
Im 12. Kapitel von Ideen. Das Buch Le Grande parodierte Heine die deutschen Zensoren.
Lyrik des Jungen Deutschlands
1827 erschien Heines Buch der Lieder, in dem seine frühen Gedichte zusammengefaßt
sind. Es besteht aus fünf Zyklen: Junge Leiden, Lyrisches Intermezzo, Die Heimkehr, Aus der
Harzreise und Die Nordsee. Besonders die Gedichte der Zyklen Lyrisches Intermezzo und Die
Heimkehr prägten Heines literarischen Ruhm. Sie zeichneten sich durch Liedhaftigkeit und
metrische Einfachheit aus und trugen keine Überschriften. Die am häufigsten anzutreffende
Strophenform ist die Volksliedstrophe. Das Thema dieser Gedichte war meist eine unerfüllte oder
unerreichbare Liebe.
Epik des Jungen Deutschlands
Die Epik erschien den jungdeutschen Schriftstellern als die geeignetste Gattung für ihre
Werke, da sie durch ihre Regelfreiheit sich am besten ihren verschiedenen Inhalten anpassen
konnte.
Reiseberichte/ Reisebilder
Die Reiseliteratur hatte mit Heinrich Heine einen Höhepunkt im 19. Jahrhundert. Neben
ihrer informierenden und unterhaltenden Funktion, kam ihr mit Heine vor allem eine politisch
aufklärende Funktion zu. Seine Reisebilder-Sammlung erschien in vier Teilen zwischen 1826 und
1831. Band I (1826) enthielt Die Heimkehr, Die Harzreise und Die Nordsee, 1. und 2. Abteilung;
Band II (1827) Die Nordsee, 3. Abteilung, Ideen. Das Buch Le Grand und Neuer Frühling; Band III
(1830) Italien 1828. I. Reise von München nach Genua, II. Die Bäder von Lucca; Band IV (1831)
Italien 1828. III. Die Stadt Lucca. - Englische Fragmente.
Der wohl bedeutendste Reisebericht dieser Sammlung war Die Harzreise (1826), die nach
Heines Wanderung durch den Harz im Sommer 1824 entstand und 1826 veröffentlicht wurde. In
diesem Reisebild verarbeitete Heine durch satirisch-witzige Elemente die aktuellen politischen
Verhältnisse in Deutschland. Die Gesellschaft steht in einer Polarität zur Natur. Durch die Hingabe
an die Natur tritt zugleich eine Befreiung vom Studentenleben und Philistertum ein. Als Gegenbild
zu den entfremdeten Stadtmenschen werden mit der Natur im Einklang lebende Menschen, wie
Bergleute oder ein Hirtenknabe gezeigt. Die Komik in der Harzreise wird vor allem durch Kontraste
von Einfachem und Erhabenem erreicht. Neben Satire, runden realistische und schwärmerische
Naturbeschreibungen, sowie die Einbindung lyrischer Passagen, die Harzreise als Reisebild ab.
Flugschriften
1834 erschien die wohl bekannteste Flugschrift des Jungen Deutschlands, Der Hessische
Landbote von Georg Büchner und Friedrich Ludwig Weidig, auf ca. 1000 Exemplaren anonym und
unter einer fingierten Ortsangabe. Im Hessischen Landboten werden die hessischen Bauern zur
Revolution gegen die Obrigkeit aufgerufen. Büchner und Weidig schildern sehr detailliert die
Ausbeutung und Unterdrückung der Bauern. Die Zahlenbelege basieren auf einer Statistik des
Großherzogtums Hessen von G. W. J. Wagner aus dem Jahre 1831.
Romane
Der wohl wichtigste Roman des Jungen Deutschlands, Gutzkows Wally, die Zweiflerin
(1835), war einer der Gründe, weshalb sein Werk, neben den von anderen Autoren, durch den
Bundestagsbeschluß 1835 verboten wurde. Außerdem brachte der Roman Gutzkow 1836 eine
einmonatige Gefängnisstrafe ein. Das zentrale Thema des Romans ist der Zweifel am religiösen
Glauben, der die Ursache für den Untergang Wallys und ihren Freitod ist.
Dramatik des Jungen Deutschlands
Als einer der wichtigsten Dramatiker trat Christian Dietrich Grabbe hervor, der v.a. das
Geschichtsdrama bevorzugte. Bereits als Gymnasiast entstand seine erste Tragödie Herzog Theodor
von Gothland, die allerdings erst 1827 veröffentlicht wurde. In seinem bekanntestem Werk
Napoleon oder Die hundert Tage, das 1831 erschien, legte Grabbe wichtige Grundsteine für die
Entwicklung des epischen Dramas. Seine Dramen sind von Pessimismus bestimmt, enden aber nicht
im Weltschmerz sondern kritisieren stark das Wirklichkeitsverständnis seiner Zeit.
Georg Büchner wurde von seinen Zeitgenossen kaum beachtet, mit Ausnahme Karl
Gutzkows, der sich für die Veröffentlichung seiner Werke einsetzte. Die literarische Qualität seines
Werkes wurde erst nach seinem Tode anerkannt. 1835 erschien das in nur fünf Wochen
geschriebene Drama Dantons Tod, das aber erst 1902 uraufgeführt wurde. Das Drama schildert die
letzten Wochen vor der Hinrichtung Dantons in Paris. Es hat, im Vergleich zu anderen Dramen,
einen modernen Aufbau. Die Handlungen der einzelnen Figuren tritt hinter deren Reden und
Reflexionen zurück. Das herkömmliche System zum Aufbau der Spannung durch Willkür und
Zufall wird nicht verwendet. Statt dessen sind die Ereignisse durch den Zwang der Verhältnisse
bestimmt.
1836 entstand das erste soziale Drama der deutschen Literatur, Büchners Woyzeck. Darin wird zum
ersten Mal einer aus der untersten gesellschaftlichen Schicht stammender Mensch zum Helden einer
Tragödie. Dieser war durch den Druck seiner sozialen Stellung gezwungen, seine Geliebte zu töten.
Das Fragment gebliebene Drama ist in vier nur schwer lesbaren Handschriften überliefert und
erschien 1878 und wurde erst 1913 in München uraufgeführt. Es hatte einen wesentlichen Einfluß
auf die Entwicklung des Dramas in Deutschland, besonders auf die Dramen des Naturalismus, in
denen die Unterdrückung sozial niederer Schichten im Mittelpunkt stand. Die Quellen für Büchners
Woyzeck waren ein Gutachten über den realen Mordfall Woyzeck, der seine Geliebte aus Eifersucht
umbrachte und dafür später hingerichtet wurde, und Beiträge aus der Zeitschrift für
Staatsarzneikunde, die sich mit dem Gemütszustand des Mörders befaßten.
Woyzeck entspricht seinem Aufbau nach einem offenen Drama. Die einzelnen Szenen sind
aneinandergereiht, für sich inhaltlich abgeschlossen und miteinander austauschbar. Woyzeck, ein
armer und besitzloser Soldat, ist verliebt in Marie, mit der er ein uneheliches Kind hat. Da sein
geringer Sold für das Überleben der Familie nicht ausreicht, arbeitet er als Barbier und stellt sich für
medizinische Experimente zur Verfügung. Diese sind die Ursache für seinen schwachen
körperlichen und seelischen Zustand, da er z.B. sich eine Zeit lang nur von Erbsen ernähren muß.
Die sozialen Ungerechtigkeiten, wie die ständigen Demütigungen und die Behandlung als
Versuchstier, erträgt Woyzeck nur durch seine Beziehung zu Marie. Als diese jedoch eines Tages
von einem Tambourmajor verführt wird, sieht sich Woyzeck seiner tragenden Stütze im Leben
beraubt. Er kauft sich ein Messer, lädt Marie zu einem Waldspaziergang ein und ersticht sie. Ob
Woyzeck am Ende selbst stirbt, bleibt jedoch offen.
Mit dem Beginn der 40er Jahre spitzte sich die Politisierung der Literatur radikal zu und
fand ihre Rechtfertigung erstmals auch in der Programmatik, in welcher der Versuch einer
Begründung der Politik als Gegenstand der Literatur unternommen wurde.
Lyrik des Vormärz
Die Lyrik war für die Autoren des Vormärz die wichtigste Gattung, in der sie ihre
politischen Absichten ausdrücken konnten. Mit der Veröffentlichung der Sammlung Gedichte eines
Lebendigen (1841) wurde Georg Herwegh trotz Zensurverbots zu einem weit bekanntem Dichter. In
seiner politischen Lyrik ging er mit der Politisierung der Literatur sogar soweit, die
Überparteilichkeit des Dichters aufzugeben und für ein Parteinehmen einzutreten (Herwegh: Die
Partei, 1842).
Der Gebrauch der Lyrik als politisches Instrument, wie sie z.B. von Herwegh, Freiligrath
und Fallersleben eingesetzt wurde, fand jedoch nicht bei allen Schriftstellern Zustimmung und
führte zu heftigen Diskussionen. Eine besonders heftige Kritik und Distanzierung davon kam von
Heinrich Heine, der an einer langen Wirkung politischer Lyrik zweifelte, da er die angewandten
Techniken der politischen Lyriker auf die Realität nicht für angemessen hielt (Heine: An Georg
Herwegh, 1841; An einen politischen Dichter, 1841; Die Tendenz, 1842). Die politische Lyrik des
Vormärz wurde daher oft als Tendenz- bzw. Gelegenheitsdichtung kritisiert. Jedoch stand dazu die
Veröffentlichung von Heines Gedicht Die schlesischen Weber 1844, in welchem die sozialen
Mißstände der Weber angeklagt wurden, in einem Gegensatz.
Epik
Das Versepos Deutschland. Ein Wintermärchen entstand nach Heines Deutschlandreise im
Jahr 1843 von Paris nach Hamburg. In dem 27 Kapitel umfassenden versifizierten Reisebilden
beschrieb und parodierte Heine die aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland, wie
z.B. das Zoll-, Zensur- oder Militärwesen oder die Monarchie. Die Motive für die Reise sind
Heimweh
und
Wiedersehen
mit
der
Mutter.
Im ersten Kapitel schildert das lyrische Ich seine Eindrücke, Gefühle und Gedanken beim Betreten
Deutschlands nach langer Abwesenheit. Mit dem Entsagungslied wird Kritik am Alten und an der
Kirche geübt. Im neuen Lied wird eine Vision vom zukünftigen Deutschland hergestellt. Den
dichterischen Höhepunkt des Werkes bildet die Auseinandersetzung mit der Barbarossa-Sage in den
Kapiteln 14 bis 17. In dem fiktiven Gespräch des lyrischen Ichs mit der Barbarossa-Gestalt findet
eine Konfrontation des Barbarossas mit der aktuellen politischen Realität statt. Das Ergebnis des
Gesprächs ist eine Absage an den volkstümlichen Barbarossa-Mythos.
Dramatik des Vormärz
Karl Gutzkow schrieb in der Zeit des Vormärz eine Vielzahl von Tragödien, die aber kaum
Nachwirkungen hinterließen und rasch auf den Spielplänen wieder verschwanden. Seine Lustspiele
jedoch gehörten auf vielen Bühnen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zum festen Repertoire. Sein
wohl bekanntestes Lustspiel, Das Urbild des Tartüffe wurde 1844 in Oldenburg uraufgeführt und
erschien 1847. Anhand der Intrigen, die zur Verschiebung der Uraufführung von Molieres Tartuffe
führte, stelle er die Zensurmaßnahmen seiner Zeit satirisch dar.
Beginn der sozialistischen Literatur
In der Revolution von 1848 war das Bürgertum die führende Kraft. Doch in dieser Zeit kam
es auch zur Herausbildung der Arbeiterklasse als eigenständige politische Kraft. Zu den ersten
Theoretikern gehörte Wilhelm Weitling (1808-1871) mit seinen Schriften Die Menschheit, wie sie
ist und wie sie sein sollte (1838/39) und Garantien der Harmonie und Freiheit (1842). Die
wichtigsten Theoretiker waren jedoch Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895)
mit ihren gemeinsamen Werken Die deutsche Ideologie (1845/46), Das Elend der Philosophie
(1847) und Manifest der Kommunistischen Partei (1848), in denen sie die Theorie vom historischen
Materialismus entwickelten.
Bedeutende sozialkritische Autoren des Vormärz waren Karl Beck (Lieder vom armen
Mann, 1846), Ernst Dronke (Berlin, 1846; Polizeigeschichten, 1846), Ernst Willkomm (Eisen, Gold
und Geist, 1843; Weiße Sklaven, 1845) und Wilhelm Wolff (Die Kasematten, 1843). Der wichtigste
Vertreter war Georg Weerth mit seinen Studien und Skizzen über die sozialen Verhältnisse in
England, wie das englische Arbeiterleben (Das Blumenfest der englischen Arbeiter, 1845/46) und
den Liedern aus Lancashire (1845/46). Formen der sozialkritischen Literatur waren Arbeiter- und
Industrieromane, Reportagen, Skizzen und Berichte.
Literarische Formen

politische Lyrik

Reisebericht/ Reisebild

Skizze

Zeit- und Gesellschaftsroman

Geschichtsdrama

soziales Drama

Novelle
III. Der Realismus
Ausgehend von Frankreich hat sich der Realismus im 19. Jahrhundert als Reaktion auf die
Romantik herausgebildet. Das Ziel des realistischen Autors ist die ungeschminkte Wiedergabe der
Wirklichkeit. Das Interesse des Künstlers im Realismus richtet sich vor allem auf die Gesellschaft
und den (elenden) Platz, den der Mensch darin einnimmt. Ideale Beispiele dafür finden sich bei den
Arbeitern, Bürgern und den Menschen vom Lande. Der prosaische Charakter des Romans bietet
dem Autor die Möglichkeit seine Figuren nicht nur in einer genau umrissenen sozialen Struktur zu
situieren, er kann auch ihre psychologische Entwicklung bis ins kleinste Detail beschreiben.
Der Realismus im deutschen Sprachraum
Der Begriff "bürgerlicher" oder auch "poetischer Realismus" bezeichnet die Hauptströmung
deutschsprachiger Literatur in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts. Wie die Begriffe „Klassik“
und „Romantik“ wird auch der Begriff „Realismus“ nicht nur als Epochenbezeichnung, sondern
auch als stiltypologische Bezeichnung verwendet. Schon in der Antike versuchten Platon und
Aristoteles durch die „Mimesis“ zu einer höheren Wahrheitserkenntnis zu kommen und im 18.
Jahrhundert wird von der Literatur eine Übereinstimmung von Erzähltem mit dem Lauf der Natur
verlangt. Erst im 19. Jahrhundert wird der von Otto Ludwig (1813-1865) geprägte Begriff
„poetischer Realismus“ zur allgemeinen kunsttheoretischen Bezeichnung für die zwischen
Romantik und Naturalismus stehende neue Literatur und für die Periode 1850-1880, in der diese
Literatur entsteht. Während die französischen Schriftsteller schon 1830 vom Glauben durchdrungen
sind, alle Bereiche des Lebens so beschreiben zu können, wie sie wirklich sind, bekennen sich die
deutschen Schriftsteller erst ab 1848 zu der von Leopold von Ranke (1795-1886) als „realistische
Neutralität“ bezeichneten Schreibweise, die durch die unparteiische Beobachtung und Schilderung
der von den Sinnen fassbaren Welt unter Ausschaltung der Gefühle des Dichters und jeder Art von
Wertung gekennzeichnet ist.
Die Philosophie der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts war stark geprägt vom Positivismus und
dem historischen Materialismus. Positivisten vertraten die Meinung, daß Erkenntnis nur aus
empirischer Beobachtung der Natur und aus Erfahrung abgeleitet werden könne. Die Hauptvertreter
dieser Richtung waren Auguste Comte (1798-1857) und Hippolyte Taine (1828-1893). 1848 wurde
das Kommunistische Manifest von Marx und Engels veröffentlicht. Der historische Materialismus,
z.B. von K. Marx (1818-1883) oder L. Feuerbach (1804-1872) vertreten, betrachtet die
gesellschaftliche Entwicklung des Menschen materialistisch. Wichtig ist dabei, daß das Sein über
das Bewußtsein dominiert.
Wirtschaftliches Kennzeichen der Zeit des Realismus ist die rasch fortschreitende
Industrialisierung
auf
der
Grundlage
eines
rapide
anwachsenden
technischen
und
naturwissenschaftlichen Wissens. Der Realismus macht also die gesellschaftlichen Verhältnisse, in
denen der Mensch lebt, zum zentralen Gegenstand seiner Darstellung. Allerdings waren es der
bürgerliche Mensch und seine Lebensverhältnisse, die zum Thema des Realismus wurden. Zudem
ging es einer wichtigen Gruppe von frühen Realisten bevorzugt um die Darstellung der
wirtschaftlichen Verhältnisse des Bürgertums. Der deutsche Realismus zeichnet sich durch
distanzierenden Humor (Raabe), eine zur Idylle neigende Resignation (Keller) und auch durch eine
starke landschaftliche oder provinzielle Bindung der Menschen (Storm, Keller, Raabe) aus. Wie
ihre Kollegen im Ausland bevorzugen auch die deutschen Realisten die Form der Novelle und vor
allem des Romans, die ihnen nicht nur erlaubt, den Einzelnen innerhalb seines sozialen Kontextes
darzustellen, sondern auch seine psychologische Entwicklung bis ins kleinste Detail zu beschreiben.
Ähnliches gilt für die Dorfgeschichte, die eine gesellschaftliche Realität im Kleinformat schildert
und dabei die Problematik sozialer Konflikte darstellen kann – allerdings um den Preis, daß sie eine
Gesellschaftsform schildert, der in der Realität des 19. Jahrhunderts immer weniger Bedeutung
zukam. Zu den Vertretern des poetischen Realismus gehören u.a. Gottfried Keller, Theodor Storm,
Theodor Fontane, Adalbert Stifter, Conrad Ferdinand Meyer, Wilhelm Raabe und Friedrich Hebbel,
Gustav Freytag, Paul Heyse, Friedrich Spielhagen.
Theodor Fontane (1819-1898), dessen Romanwerk (u. a. Schach von Wuthenow, 1883,
Irrungen Wirrungen, 1888, Frau Jenny Treibel, 1892, Effi Briest, 1895) zum überwiegenden Teil
durch den Begriff »Berliner Gesellschaftsroman« gekennzeichnet werden kann, stellt Figuren in den
Vordergrund, die eine Ausnahmestellung in der dargestellten Gesellschaft innehaben, und zwar
aufgrund ihrer Abweichung von den Normen der Gesellschaft. Der dominante Grundkonflikt bei
Fontane resultiert aus dem Wunsch nach erotischer Selbstverwirklichung (zumeist bei der
weiblichen Heldin) und der – auf die eine oder andere Weise – dadurch bewirkten Kränkung der
Würde des jeweiligen (meist männlichen) Partners, die häufig zum Selbstmord führt.
In Effi Briest (1895) übte Fontane, wenn auch verhalten, Kritik an den Konventionen und
Normen der preußischen Gesellschaft und ihrem Ehrenkodex und zeigt die Unfähigkeit des Adels
ihr zu entkommen. Der Roman basiert auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 1886, bei der
sich ein preußischer Offizier mit einem Amtsrichter um eine Liebesaffäre dessen mit seiner Frau
duellierte. Der Roman trägt den Titel seiner Hauptfigur, Effi Briest, deren Eltern Vertreter des
reichen Landadels sind. Sie heiratet den über 20 Jahre älteren Baron von Instetten auf Rat ihrer
Eltern, ohne zu wissen, was auf sie zukommt. Von ihrem Mann oft allein gelassen, wird sie von
ihrem bisherigen Leben zunehmend gelangweilt. Auch die Geburt ihrer Tochter kann nicht viel an
der Situation ändern. Einzig die kurze Liebesbeziehung mit dem Bezirkskommandanten Crampas
bringt ihr etwas Abwechslung. Als Instetten versetzt wird, findet die Liebesbeziehung ein Ende.
Nach einigen Jahren findet Instetten aber die Briefe von Crampas, die er an Effi schrieb. Um die
Verletzung seiner Ehre zu bereinigen und sein Ansehen wiederherzustellen, fordert er Crampas zu
einem Duell, wobei dieser stirbt. Danach kommt es zur Scheidung von Effi, die Tochter bleibt beim
Vater. Nach einem Wiedersehen Effis mit ihrer Tochter, die sie nicht mehr als ihre Mutter erkannte,
bricht Effi zusammen. Ihre Eltern nehmen die im Sterben liegende Effi bei sich wieder auf, die nach
kurzer Zeit schließlich stirbt. Die Handlung des Romans wird ruhig und kritiklos erzählt. Die Frage
nach der Schuld am Tode Effis wird nicht direkt gestellt.
Gottfried Keller (1819-1890) Die bekanntesten Novellen Kellers erschienen im
Novellenzyklus Die Leute von Seldwyla. Romeo und Julia auf dem Dorfe erschien im ersten Band
1856, Kleider machen Leute im zweiten Band 1874.
Der grüne Heinrich ist ein teilweise autobiographischer Roman, der neben Goethes
Wilhelm Meister und Stifters Nachsommer als einer der bedeutendsten Bildungsromane der
deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts gilt. Das Werk schildert den Werdegang des jungen
Kunstmalers Heinrich Lee, der seiner stets gleichfarbigen Kleidung wegen der grüne Heinrich
genannt wird, und gliedert sich in zwei Teile, da es eine abgeschlossene, als autobiographisches
Manuskript des Helden fingierte Jugendgeschichte in sich aufnimmt, die über die Hälfte des
Romans ausmacht. Im 1. Teil schildert der Ich-Erzähler der Jugendgeschichte, wie er als Kind eines
früh verstorbenen Handwerkermeisters in einfachen Verhältnissen unter der Obhut seiner
treusorgenden Mutter aufwächst. Wegen eines Schülerstreiches von der Schule verwiesen, versucht
Heinrich, sich als Landschaftsmaler auszubilden. Von entscheidender Bedeutung sind für ihn
mehrere Aufenthalte bei Verwandten auf dem Lande, wo sich zwischen ihm und der ätherischen
Kusine Anna eine zarte Jugendliebe entwickelt, gleichzeitig aber die reife und lebensvolle Judith in
sein Leben tritt, die die erwachende Sinnlichkeit des Jünglings herausfordert.
Der handlungsärmere, dafür an weltanschaulichen Reflexionen reichere zweite Teil
bestätigt den Modellcharakter der Jugendgeschichte durch zahlreiche Motiventsprechungen, die
beide Hälften kompositorisch verbinden. Der zweite Teil führt den Helden in eine große deutsche
Kunststadt (gemeint ist München), wo er seine Malerausbildung zu vollenden und eine Existenz als
Künstler zu begründen hofft. Der Teil schildert im wesentlichen Heinrichs vergebliche
Bemühungen, sein Talent aus dem träumerischen, phantastischen Stil der jugendlichen Versuche
herauszuentwickeln und einem an der Wirklichkeit und am Lebendigen orientierten Kunstideal
anzunähern, zugleich aber auch sich materiell auf eigene Füße zu stellen. Seine endliche Heimkehr
fällt mit dem Tod der Mutter zusammen, deren Lebenskräfte von Armut und Gram um den verloren
geglaubten Sohn aufgezehrt waren. In der Urfassung bleibt Heinrich einer trostlosen inneren Leere
überlassen, bis ihn nach kurzer Zeit eine tödliche Krankheit ereilt. In der Spätfassung findet er
hingegen eine selbstgenügsame, dem öffentlichen Wohl gewidmete Existenz als Oberamtmann.
Das Werk darf insofern als negativer Entwicklungsroman bezeichnet werden, als es nicht
von der Verwirklichung eines Persönlichkeitsideals, sondern vorn Lebensgang eines am Ende
gescheiterten und gebrochenen Helden berichtet, auch wenn die Spätfassung diese Konzeption
mildert, indem sie Verzweiflung und Tod in tätige Entsagung verwandelt.
Als Schriftsteller repräsentierte Theodor Storm (1817-1888) einen poetischen Realismus
mit einer lyrischen, schwermütigen Grundstimmung. Er ist in seinem Frühwerk (u. a. Immensee,
1849) der Erzähler einer harmonischen Welt. Mehr und mehr tritt in Storms späteren Werk ein
düsterer Pessimismus hervor, der seine Helden tragisch scheitern läßt (Aquis submersus, 1875, Zur
Chronik von Grieshuus, 1884, Der Schimmelreiter, 1888).
Seine berühmteste Novelle Der Schimmelreiter zeichnet sich durch eine Vermischung von
Mystischem, Unerklärbarem mit dem technischen Verständnissen des Deichbaus aus und verweist
auf die Gefahren des Fortschritts. Sie stellt auch ein typisches Beispiel für die Rahmenerzählung,
die im 19. Jh sehr beliebt war. Hauke Haien, ein technisch-begabter Knecht eines Deichgrafen,
widmete seine Arbeit und Zeit dem Deichbau. Nach dem Tod des Grafen, heiratete er dessen
Tochter und wurde selber zum Deichgrafen. Gegenüber den anderen Dorfbewohnern faßte er den
Plan, einen neuen Deich zu bauen, in dem er alle seine Kräfte steckte und dabei seine Familie
vernachlässigte. Doch nach einiger Zeit ließen seine Arbeitsbemühungen nach. Eine schwere
Sturmflut brachte den Deich zum Einsturz und riß Haukes Familie und ihn selbst in den Tod.
Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898) ist ein Schweizer Dichter des Realismus, der
insbesondere historische Novellen, Romane und Lyrik verfasst hat. Conrad Ferdinand Meyers Welt
ist nicht, wie die der meisten anderen Schriftsteller seiner Zeit, die des zeitgenössischen
Bürgertums; Schauplatz seiner Texte sind längst vergangene historische Epochen; seine Figuren, oft
herausragende Persönlichkeiten von bedeutenden historischen und politischen Dimensionen, haben
die Größe und Tragik Shakespearescher Gestalten. Auch bei Meyer geht es um die zentralen
Probleme dieser Epoche, nämlich um das Problem der Wirklichkeit und ihrer adäquaten Darstellung
sowie um dem Konflikt zwischen dem Individuum und den gesellschaftlichen Konventionen.
Bereits in Meyers erster Prosaerzählung Das Amulett werden diese Fragestellungen behandelt.
Vordergründig wird ein Thema aufgegriffen, das zur Zeit der Abfassung des Textes in dieser Form
längst nicht mehr virulent war, nämlich das Problem der fanatischen religiösen Intoleranz unter
Christen verschiedener Konfessionen. Doch auf einer tieferen Ebene geht es um ein allgemeineres
Problem: das der Erkenntnis und der fanatischen Verblendung, die sie verhindert. Auf dem
Schauplatz des Paris der Hugenottenverfolgungen stehen sich zwei Parteien gegenüber, die unfähig
sind, ihren jeweiligen beschränkten Standpunkt zu transzendieren und zu einem Weltbild zu
gelangen, in dem eine Koexistenz der Standpunkte möglich wäre.
Gustav Freytag (1816-1895)
Im Roman Soll und Haben entwickelt Freytag sein Ideal des Bürgertums im Helden Anton
Wohlfahrt, der sich, trotz Fehler und Rückschläge, gegenüber dem Adel und Judentum durchsetzen
kann. Adel und Judentum werden als Gegenbilder des Bürgertums gezeigt, die sich in der Welt
nicht durchsetzen können. Damit wurde aber nicht die Wirklichkeit des Bürgertums dargestellt,
sondern eine Idealisierung vorgenommen, die einen optimistischen Ausblick gibt. Das Motto des
Romans, das Freytag von dem zeitgenössischen Literaturkritiker Julian Schmidt übernommen hat,
sagt es bereits: »Der Roman soll das deutsche Volk dort suchen, wo es in seiner Tüchtigkeit zu
finden ist, nämlich bei seiner Arbeit.«
Das Drama trat im Realismus weit hinter Epik und Lyrik zurück. Von den Dramatikern
dieser Zeit sind lediglich Hebbel, Grillparzer und Anzengruber besonders hervorgetreten und
populär geworden.
Für Friedrich Hebbel (1813-1863) sollte die Auflösung der Konflikte auch in den
Individuen zum Ausgleich gebracht werden. Seine Vorbilder waren Kleist, Lessing und Schiller,
mit denen er sich häufig auseinander setzte. Hebbel hatte mit seinen Werken zwar große Erfolge
erzielt, doch wurde er öfters missverstanden. Hebbels Dramen weisen nur wenig Individualismus
auf, da er sich vor allem beim Sprechstil seiner Stücke an die Tradition des Wiener Burgtheaters
hielt. Dramatische Spannung wurde vor allem durch den Gegensatz Individuum - Gesellschaft
erzeugt. Hebbel wollte auf der Bühne keinen Realitätsausschnitt zeigen, sondern eine künstlerisch
geformte Welt darstellen. Bedeutende, noch heute gespielte, Dramen Hebbels sind Judith (1843),
Maria Magdalene (1843) und Agnes Bernauer (1851).
IV. Naturalismus
I. Begriff
Naturalismus allgemein bezeichnet eine Stilrichtung, bei der die Wirklichkeit exakt
abgebildet
wird,
ohne
jegliche
Ausschmückungen
oder
subjektive
Ansichten.
Als gesamteuropäische, literarische Strömung wird der Naturalismus als erste Phase innerhalb der
europäischen Literaturrevolution, der Moderne, angesehen. Der Naturalismus gilt auch als
Radikalisierung des Realismus.
II. Historischer Hintergrund
Zu Beginn der 1880er Jahre kam es zu großen Fortschritten und Weiterentwicklungen in
den Wissenschaften. Z.B. 1884 wurde die Dampfturbine, 1887 die Schallplatte und 1893 der
Dieselmotor
erfunden.
Bestimmend für die innen- und außenpolitische Entwicklung war Reichskanzler Bismarck. 1878
schuf der das Sozialistengesetz. 1879 ging er den Zweibund mit Österreich ein, 1882 wurde dieser
mit der Mitgliedschaft Italiens zum Dreibund erweitert. 1887 wurde der Rückversicherungsvertrag
mit Rußland geschlossen. Im Deutschen Reich und in Europa wurde dadurch eine gewisse Stabilität
geschaffen, die erst wieder abnahm, als Bismarck 1890, wegen politischen Differenzen mit dem
neuen Kaiser Willhelm II., zurücktreten mußte. Seit 1891 begann die deutsche Aufrüstung des
Heeres und der Flotte, damit die Grundlage für den Erwerb von Kolonien geschaffen. 1905/06 kam
es schließlich zur ersten Marokkokrise.
III. Grundlagen des Naturalismus
Der Naturalismus beruhte nicht allein auf den Erkenntnissen der Naturwissenschaften, z.B.
Charles Darwins Evolutionstheorien, er wurde auch stark von der Philosophie des Positivismus
beeinflußt. Die wichtigste Bedeutung hatte aber die Milieutheorie Taines. Er faßte den Menschen
als ein von Milieu und Rasse (Erbanlagen und soziale Verhältnisse) abhängiges Wesen auf.
1. Literatur des Naturalismus
Wie in meist jeder anderen Epoche, sind auch im Naturalismus alle Gattungsarten vertreten:
Lyrik, Epik und Dramatik. Jedoch unterscheiden sich deren Anteile literarischer Schöpfungen in
verschiedenen Zeitperioden. Zwischen 1880 bis 1885 dominierten neben Theorien und
Proklamationen vor allem die Lyrik, von 1885 bis 1890 v.a. Prosatexte und seit den 90er Jahren
Dramen und Romane.
1.1 Herausbildung des Naturalismus
Die Strömung des Naturalismus läßt sich in drei wesentliche Abschnitte gliedern: den
Frühnaturalismus (1880-1889), den Hochnaturalismus (1889-1895) und den Zerfall des
Naturalismus (1895-?). Es ist jedoch zu beachten, daß die Perioden ineinander überfließen und die
Strömung
insgesamt
schließlich
ganz
zerfließt.
Im Deutschland bildeten sich zwei Zentren heraus: München und Berlin. Zwei Jahre geben in der
Entwicklung des Naturalismus einen entscheidenden Einschnitt: 1885 und 1889. 1885 wurde die
Münchener Zeitung Die Gesellschaft gegründet, Arno Holz veröffentlichte seine Gedichtsammlung
Buch der Zeit und die Lieder eines Modernen, außerdem wurde die Lyrikanthologie Moderne
Dichter-Charaktere, ein Projekt vieler naturalistischer Autoren, veröffentlicht.. 1889 wurde in
Berlin die "Freie Bühne" gegründet, Hauptmanns Vor Sonnenaufgang hatte Premiere und Anfang
1890 wurde die Berliner Zeitschrift "Freie Bühne für modernes Leben" gegründet. Beide Zentren,
München und Berlin, gerieten mit ihren Vorstellungen aneinander, ein Hinweis, daß auch der
Naturalismus keine einheitliche Gesamtbewegung darstellt.
Seit den 1890er Jahren kam es zu einer Überlagerung von naturalistischen und
gegennaturalistischen Tendenzen. Ein genauer Abschluß der Epoche läßt sich somit nicht mehr klar
feststellen.
In den Zentren Berlin und München bildeten sich bestimmte Gruppierungen von
naturalistischen Schriftstellern heraus. In Berlin sammelten sich um die Zeitschrift "Kritische
Waffengänge" von den Brüdern Hart, Bölsche, Holz und Schlaf. In München bildete sich 1885 eine
Gruppe um die Zeitschrift Die Gesellschaft von Conrads, der auch Hermann Conradi angehörte.
Zwischen beiden Gruppierungen gab es starke Kontraste. 1886 entstand in Berlin der Verein
"Durch!". Neben den großen Gruppierungen änderte sich auch die Verwendung der Gattungen.
Konzentrierte man sich zunächst am Anfang der 80er Jahre auf Lyrik, so wendete man sich später
der Prosa zu. In den neunziger Jahren dominierte schließlich das Drama.
Die Herausbildung des Naturalismus wurde durch viele Theoretische Schriften begünstigt:
da wären Zolas Experimentalroman, Bölsches' Naturwissenschaftliche Grundlagen der Poesie,
Holz' Revolution der Lyrik sowie verschiedene Einzeltexte aus Moderne Dichter-Charaktere. Die
Selbstbezeichnung der Epoche besaß eine große Vielfalt: so sahen sich die Anhänger der Strömung
als "jüngere Stürmer und Dränger", "jüngstes Deutschland", Realismus, Naturalismus und Moderne.
Die Bezeichnung Naturalismus gilt erst in unserer Zeit, als die Bezeichnung für die Strömung.
Naturalismus als "die Moderne" verstanden sich die Mitglieder des Literaturverein "Durch!". Dieser
Name wurde von ihnen in ihren 1886 veröffentlichen Thesen zum ersten Mal gebraucht. Damit
einher geht die Abwendung des klassischen Kunstideals der Antike, und die Hinwendung zum
Modernen.
Für die Entwicklung des Naturalismus trugen außerdem Auguste Comte und Hyppolite
Taine einen entscheidenden Anteil. Comte kam mit Beobachtungen und Experimenten zu einer
"positiven" Methode der Analyse, anstatt auf Spekulationen zu vertrauen. Taine sah als Basis für
positivistische Experimente die Einheit aus Rasse, Milieu und Moment, d.h. biologische Herkunft,
ethnologische Zusammenhänge und die jeweilige Zeitumstände. Er formulierte diese Aspekte in
seiner Milieutheorie. Inhaltlich kommen in naturalistischen Werken Themen wie Vererbungslehre,
Kampf ums Dasein oder Auslese zum Ausdruck.
Arno Holz fand 1891 in seinem Werk Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze. eine
Gesetzmäßigkeit in allen Ereignissen. Von ihm stammt die mathematische Formel "Kunst = Natur x". Das "x", die Differenz aus Natur und Kunst, müsse dabei so klein wie möglich sein, damit die
Literatur die Realität möglichst exakt abbildet.
Lyrik des Naturalismus
Bereits die Brüder Hart kritisierten in ihren Schriften, die um 1880 entstandene Vielzahl
von lyrischen Werken seien ohne Inhalt, verlogen und eine Überschwemmung des Marktes. Gegen
diese Art von Lyrik richteten sich die Naturalisten mit ihrer "Revolution der Lyrik". Dabei ging es
lediglich um die Erneuerung dieser Gattung. Dies konnte z.B. 1885 teilweise mit der Anthologie
Moderne Dichter-Charaktere erreicht werden. Mit dem Bruch der traditionellen Lyrikauffassung
sollte
jedoch
auch
ein
Verfall
der
gesamten
Gattung
verhindert
werden.
Die wesentlichsten Probleme, die von der naturalistischen Lyrik behandelt wurden, lauten "Soziale
Frage" und Großstadt. Obwohl die Großstadtlyrik z.B. schon zur Hälfte des 19. Jahrhunderts in
Paris (mit Baudelaire) auftrat, wurde das Sujet erst von den Naturalisten lyrisch erfaßt. Viele
Dichter erlebten das Großstadtleben hautnah, als sie von der Provinz in größere Metropolen zogen.
Die Probleme der urbanen Lebensweise drücken sich in einer Reizüberflutung aus, die bis weit in
den Expressionismus hineinreicht. Dabei wird die Großstadt meist als Ort des Elends und
Schmutzes wahrgenommen, ein Ort, an dem alle Aspekte der Natur verloren gegangen sind. Dies
zeigt sich z.B. im Großstadtmorgen (1886) von Arno Holz. In der Großstadt liegt eine Spannung
zwischen Anreiz und Fluch. Die Erfassung von Modernem und Technik in der Großstadt bleibt im
Naturalismus im großen und ganzen aus. Erst später wird das komplexe Großstadtbild, z.B. durch
Montage, als Ganzes bewußt. Anonymität und Tempo ließen sich mit den naturalistischen Mitteln
nur schwer darstellen. Die soziale Lyrik tauchte meist gemeinsam mit der Großstadtlyrik auf. Ihr
Inhalt war meist mit scharfer Sozialkritik geprägt.
Als bedeutendster Lyriker des Naturalismus zählt Arno Holz, mit seinem Buch der Zeit
(1886). Wichtige Merkmale seiner Lyrik sind Mittelachsenzentrierung, Verzicht auf Reim und
Metrik, die den Rhythmus eines literarischen Werkes entscheidend beeinflussen. Holz zeigt uns das
an einem Beispiel: "Ich schreibe als Prosaiker einen ausgezeichneten Satz nieder, wenn ich
schreibe: 'Der Mond steigt hinter blühenden Apfelbaumzweigen auf.' Aber ich würde über ihn
stolpern, wenn man ihn mir für den Anfang eines Gedichtes ausgäbe. Er wird zu einem solchen erst,
wenn ich ihn forme: 'Hinter blühenden Apfelbaumzweigen steigt der Mond auf.' Der erste Satz
referiert nur, der zweite stellt dar. Erst jetzt fühle ich, ist der Klang eines mit dem Inhalt. Und um
diese Einheit bereits deutlich nach außen zu geben, schreibe ich: 'Hinter blühenden
Apfelbaumzweigen
steigt
der Mond auf.
Dies ist meine ganze 'Revolution der Lyrik'."
Naturalistische Prosa
Die Hinwendung zu Romanen ging mit einer gravierenden Veränderung des literarischen
Marktes einher. So erreichten die Romane von Emile Zola eine sehr hohe Auflage im Jahr. Doch
der große naturalistische Roman blieb meist nur ein Schatten realistischer Romane von Fontane, H.
und Th. Mann. Jedoch in den epischen Kleinformen, wie Skizze, Studie, Novelle, Kurzerzählung,
usw. konnten sich die Naturalisten durchsetzen.
Thema der Prosaformen waren u.a. Auseinandersetzungen mit der Beziehung zwischen
Dichter und Proletariat, Großstadt und Industrialisierung.
Eine vollkommen neue Erzähltechnik, die erstmals von den Naturalisten verwendet wurde,
ist der Sekundenstil. Mit Hilfe dieser Technik wurde Sekunde für Sekunde Raum und Zeit
geschildert, mit dem Ziel der Wiederspiegelung der Realität. Begünstigt wurde der Sekundenstil
durch Erfindung des Phonographen und die Entwicklung in der Photographie. Die Bezeichnung
Sekundenstil wurde 1900 von Hanstein erfunden. Er erläutert ihn anhand eines Beispiels eines
fallenden Blattes:
"Die alte Kunst hat von einem fallenden Blatt weiter nicht zu melden gewußt, als daß es im
Wirbel sich drehend zu Boden sinkt. Die neue Kunst schildert diesen Vorgang von Sekunde zu
Sekunde; sie schildert, wie das Blatt jetzt auf dieser Stelle, vom Lichte beglänzt, rötlich aufleuchtet,
auf der anderen Seite schattengrau erscheint, in der nächsten Sekunde ist die Sache umgekehrt; sie
schildert, wie das Blatt erst senkrecht fällt, dann zur Seite getrieben wird [...]. Eine Kette von
einzelnen, ausgeführten, minuziösen Zustandsschilderungen, geschildert in einer Prosasprache, die
unter Verzicht auf jede rhythmische oder stilistische Wirkung der Wirklichkeit sich fest
anzuschmiegen sucht, in treuer Wiedergabe jeden Lauts, jeden Hauchs, jeder Pause - das war es,
worauf die neue Technik abzielte."
Die Technik des Sekundenstils fand z.B. bei Bahnwärter Thiel von Hauptmann, oder Papa
Hamlet von Holz/Schlaf Anwendung.
Gestaltungsmittel des Sekundenstils:

photographische und phonographische exakte Wiedergabe der Wirklichkeit

kaum auktoriale Erzählweise, vorwiegend personale Erzählweise und Dialoge

exakte Darstellung der Dialoge mit allen Wörtern, Wortfetzen, Pausen, Dialekt.

annähernd zeitdeckende Erzählung (Erzählzeit = erzählte Zeit) bis hin zum Zeitlupeneffekt
(Erzählzeit länger als erzählte Zeit).
Eine weitere Technik, die man häufig in naturalistischer Prosa antrifft, ist der innere
Monolog, der häufig mit den Gestaltungsmitteln des Sekundenstils übereinstimmt. Der innere
Monolog wurde z.B. bei Dujardin Geschnittener Lorbeer 1888 oder Schnitzler Leutnant Gustl
(1900) angewendet.
Naturalistisches Drama
In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde das Drama zum wichtigsten Mittel
literarischer Schöpfungen. Die schon in naturalistischer Prosa eingesetzten Techniken, wie Dialekt,
Jargon, Milieuschilderung und Sekundenstil, kamen auch im Drama zum Ausdruck. Dialekt,
Soziolekt und idiomatische Wendungen fanden häufig Gebrauch, auf dramatische Kunstsprache
verzichtete man hingegen. Jenes findet man z.B. bei Hauptmanns De Waber, der Urfassung der
Weber im schlesischen Dialekt.
Das Drama im Naturalismus wurde von vielen Seiten zur damaligen Zeit kritisiert.
Hauptmanns Vor Sonnenaufgang, z.B., sah man als Vermischung von Epik und Dramatik an,
ebenso die Berliner Studie (1890) von Holz/Schlaf. Im letzteren wurden die Gattungsgrenzen sogar
ganz überschritten: Erzählpassagen standen kleingedruckt als Regieanweisung zum normal
gesetzten Dialog.
Auch auf der Bühne versuchte man Taines menschenbeeinflussende Faktoren, Rasse,
Milieu und Moment, umzusetzen. Die Handlung im naturalistischen Drama wurde reduziert, im
Zentrum stand die Darstellung der Charaktere. Dies zeigt sich in der Familie Selicke von
Holz/Schlaf besonders deutlich.
Im Drama des Naturalismus ist die Einheit von Ort, Handlung und Zeit der einzelnen Akte
eingehalten. Sie soll die Authentizität des Dargestellten verwirklichen. Die meisten Bühnenstücke
haben einen offenen Anfang und offenen Ausgang.
Der Zurückgang des Dramatischen, die Reduzierung der Handlung, die Konzentration auf
bestimmte Objekte war er Ausgangspunkt für die Entwicklung des epischen Theaters für Brecht.
Das Epische war notwendig, um das Soziale darzustellen. Jedoch gibt es eine klare Trennung
zwischen naturalistischen Drama und dem epischen Theater Brechts. Die Naturalisten wollten keine
Desillusionierung und Verfremdung, im Gegenteil sie verstärkten die Wirkung der Illusionierung
noch. Das soziale Drama des Naturalismus bleibt aber auch für andere Theaterformen des 20.
Jahrhunderts als Grundlage.
In den konsequenten Formen naturalistischer Dramen herrscht oft Unveränderlichkeit und
Unveränderbarkeit des exakt abgebildeten Milieus. Die Helden können an ihrer Situation nichts
ändern,
sondern
müssen
sie
so
hinnehmen,
wie
sie
ist.
Eine große Popularität genossen auch die Dramen von Ibsen in Deutschland.
Literarische Formen:
experimentelle Prosa: Dialekt und Alltagssprache, Zeitdeckung, Sekundenstil, genaue
Darstellung kleinster Bewegungen und des Mienenspiels
im Drama: ausführliche Regieanweisungen
"Revolution" der Lyrik: geprägt von Arno Holz, äußerlich Zentrierung der Verse auf eine
gedachte Mittelachse, z.B. Phantasus (Holz)
V. Die Literatur um die Jahrhundertwende
Wie ein in tausend Farbnuancen schillerndes Jugendstil-Mosaik stellt sich die literarische
Landschaft der Jahrhundertwende dar. Mehr noch: so eklatant klaffen die Gegensätze zwischen der
Lyrik Stefan Georges und Christian Morgensterns, den Dramen Frank Wedekinds und Hugo von
Hofmannthals, der Prosa Robert Musils und Paul Scheerbarts, daß die Zusammenfassung dieser
Literaten auf reiner Zeitgenossenschaft zu beruhen scheint. So fragwürdig literaturgeschichtliche
Periodisierungsansätze oft sein mögen – im Fall der etwa vier Jahrzehnte, die das Jahr 1900
umrahmen, kann durchaus von einer Epoche die Rede sein, wenn man bereit ist, unter der
Oberfläche auseinanderstrebender Strömungen und Einzelerscheinungen eine gemeinsame
Tiefenstruktur zu entdecken, die allerdings nicht auf programmatischen und ästhetischen
Übereinstimmungen beruht, sondern Reflex des historischen Bewußtseins jener Jahre ist: 'Zeitgeist'
im völlig wertfreien Sinne.
Wie ein Paukenschlag signalisierte das Erscheinen von Friedrich Nietzsches Also sprach
Zarathustra (1885) einen generellen Neubeginn. Das Wort von der »Umwertung aller Werte« traf
das allgemeine Bewußtsein, in einer Zeit des Umbruchs zu leben; die nahende Jahrhundertwende,
die massiven Veränderungen auf sozialem, wissenschaftlichem und technischem Gebiet erzeugten
ein neues Lebensgefühl: die Zukunft schien angebrochen. Gestalten wie Friedrich Nietzsche,
Sigmund Freud und Max Planck mit ihren umwälzenden, alle Lebensbereiche tangierenden
Erkenntnissen prägten die Epoche, die ganz unter dem Zeichen der Neuerung stand.
I. Entstehung der Moderne
In den neunziger Jahren wurde der Naturalismus allmählich abgelöst. An seine Stelle traten
viele gegen- und nachnaturalistische Strömungen bzw. Ismen: Ästhetizismus, Impressionismus,
Jugendstil, Symbolismus und Neuromantik. Dieser Stilpluralismus setzte zunächst in Österreich ein,
weitete sich aber schnell auf Deutschland aus. Die naturalistische Objektivität wurde verdrängt,
stattdessen besann man sich wieder auf das "Ich", Individualität und Subjektivität. Damit war die
naturalistische
Moderne
überwunden.
Die Entwicklung der Ismen wurde durch die zunehmende Nietzsche- und Stirner-Rezeption weiter
voran getrieben. Davon entfernten sich wieder ab 1910 die Expressionisten. Neue Errungenschaften
in den Naturwissenschaften, z.B. Einsteins Relativitätstheorie, führen die Physik zu Beginn des 20.
Jahrhunderts in eine Krise. Darin wird ein Verlust traditioneller Werte gesehen. Ein weiterer
wichtiger Punkt in der Entwicklung der Moderne war die Sprachkrise der Jahrhundertwende, in
welcher die Möglichkeiten und Grenzen von Sprache diskutiert wurden (z.B. im Brief des Lord
Chandos von H. v. Hofmannsthal). Die Relativierung von Wahrnehmung und Erkenntnis jedoch
führte zu einer "Ichlosigkeit" in der Moderne. So sagte Bahr: "'Das Ich ist unrettbar.' Es ist nur ein
Name. Es ist nur eine Illusion. Es ist ein Behelf, den wir praktisch brauchen, um unsere
Vorstellungen zu ordnen. Es gibt nichts als Verbindungen von Farben, Tönen, Wärmen, Drücken,
Räumen, Zeiten."
1. Literatur der Moderne
Ismen der Jahrhundertwende
Bei den zahlreichen Stilrichtungen der Jahrhundertwende ist es schwer, alle untereinander
begrifflich exakt zu erläutern und voneinander zu trennen. Hinzu kommt noch, daß die Autoren
dieser Zeit, sich zu vielen Strömungen zuordnen lassen. Deshalb ist es besser, die einzelnen Ismen
zusammenzufassen, um diesen Dilemma zu entgehen. Man greift deshalb auf den Begriff "die
Moderne" zurück, den schon die antinaturalistischen Schriftsteller zu ihrer Zeit auf sich bezogen.
Impressionismus
Der Begriff Impressionismus entstammt aus den Bildenden Künsten und meint
'Eindruckskunst'. Dazu lassen sich Liliencron, Arthur Schnitzler, Marcel Proust, Maurice
Maeterlinck und der junge Rilke zählen. Der Impressionismus ist aber mehr als eine Stilrichtung. Er
charakterisiert auch eine Lebenshaltung, und zwar eine solche, in der ein Mensch zu irgendeiner Art
von Bindung nicht mehr fähig ist. Diese Haltung zeigt sich z.B. besonders deutlich in den
Theaterstücken von Schnitzler.
Detlev von Liliencrons impressionistische Lyrik (Heidegänger,
1891, Nebel und Sonne, 1900, Bunte Beute, 1903) kann ebenfalls als eine Art Verweigerung
angesehen werden. Metaphysische Gedanken ließ er in ihr ebenso außen vor wie seelische
Erschütterung: mit in der Tat an den Pointillismus erinnernder Technik beschränkte er sich auf das
präzise Skizzieren von Landschaften, Szenen und Stimmungen (Die Musik kommt) und auf das –
oft frivole – Lob des Genusses (Bruder Liederlich).
Jugendstil
Der Begriff Jugendstil entstammt aus der Bildenden Kunst. Auf die Literatur übertragen,
bezieht sich Jugendstil vor allem auf die Lyrik. Merkmale des Jugendstils sind Verwendung
mythologischer Elemente, Sagenhaft-Mittelalterliches, Feierlich-Symbolisches, Ungewöhnliches,
Skandalöses, Bewegungsmotive, Naturschwärmerei, Blumenmotive und Dionysisches. Werke von
folgendem Autoren lassen sich dem Jugendstil zuordnen: Wolzogen, Dehmel, Hart, Mombert,
Stucken, Stadler, z.T. Rilke, George und Hofmannsthal, Wilde und Maeterlinck.
Symbolismus
Der Symbolismus ging von Frankreich aus und beeinflußte alle europäischen Literaturen.
Der Begriff wurde von J. Moreas geprägt und bezeichnet die seit 1860 entstandene europäische
Lyrik. Der Symbolismus lehnt die gesellschaftsbezogene Wirklichkeit, den Imperialismus,
Kapitalismus und den Positivismus ab. Damit nimmt er eine antinaturalistische Haltung ein, denn
eine getreue Wiedergabe der Wirklichkeit wird abgelehnt. Die Elemente der realen Welt werden in
Symbolen wiedergegeben. Symbolistische Werke weisen Abstraktion, Entdinglichung und
Sprachmagie (Alliterationen, Assonanzen, Lautmalereien, Synästhesien) auf, die den Werken eine
gewisse Musikalität verleiht.
Der Franzose Charles Baudelaire beeinflußte mit seiner Lyrik George und Hofmannsthal.
Weitere Vertreter sind Maeterlinck, Wilde, Rilke und Trakl.
George strebte, beeinflußt von den französischen Symbolisten, eine neue Poesie an, »kunst
für die kunst«. Schon äußerlich ist sein Werk vom Willen zur Form bestimmt: mit konsequenter
Kleinschreibung, eigener Interpunktion und typographischen Neuerungen gestaltete er in seinen als
Zyklen angelegten Gedichtbänden – darunter algabal (1892), das jahr der seele, (1897), der siebente
ring (1907), der stern des bundes (1914) – ein durch innere Geschlossenheit und formale Strenge
gekennzeichnetes Gesamtwerk, dessen elitärer Anspruch von George selbst programmatisch
festgelegt wurde.
Nicht minder radikal, aber mit einem völlig anderen Gestus unternahm Rilke den Versuch,
in seinen Gedichten die Welt zu erfassen. Vom Band Das Stundenbuch (1905) über Das Buch der
Bilder (1902/06), Neue Gedichte (1907/08) – die seinen Ruhm begründeten – bis zu den Duineser
Elegien (1923) und Sonette an Orpheus (1923) ist seine emotionale, bilder- und klangreiche Lyrik
eine dauernde Suche nach dem Wesen der Dinge (sogenannte »Dinggedichte«) und eine Reise in
die tiefsten Seelenregionen. Er schuf – hier ist eine Analogie zu Georges 'neuer Form' durchaus zu
sehen – eine eigene, neue Mythologie, mit deren Hilfe er die existentiellen Ur-Erfahrungen von
Angst und Verzweiflung auslotete und ihre Überwindung als einen Prozeß des Reifens, der
Aufhebung individueller Begrenztheit poetisch vorzeichnete.
Neuromantik
In der Neuromantik finden sich thematische Rückgriffe auf die Romantik: z.B. Märchen,
Mythen, Träume, historische und religiöse Stoffe. Dieser Stilrichtung lassen sich z.B. Hauptmanns
Hanneles Himmelfahrt (1893) und Versunkene Glocke (1897) zuordnen. Um die Jahrhundertwende
entstand eine Vielzahl von Kunstmärchen, die auf die Orientierung an der Romantik zurückgeht.
Fin de siècle
Mehr als kein anderer Begriff drückt Fin de siècle das Lebensgefühl und die Epoche um die
Jahrhundertwende aus. Es unterscheidet sich stark von Stimmungen anderer Strömungen, wie dem
Naturalismus, und drückt eine Niedergangs- und Endstimmung aus, "ein Gefühl des Fertigseins, des
Zu-Ende-Gehens" (aus dem Essay "Fin-de-siècle" von Marie Herzfeld). Wörtlich ins Deutsche
übertragen, bedeutet Fin de siècle 'Ende des Jahrhunderts'.
Dekadenz
Der Begriff Dekadenz steht für eine Radikalisierung des Fin des siècle. Er drückt eine
Niedergangs- und Verfallsstimmung aus. Jedoch lassen sich zwischen den Begriffen keine klaren
Grenzen ziehen. In einigen Teilen der Dekadenz findet man auch Unterschiede: ein selbstreflexives
und selbstkritisches Bewußtsein. Einen entscheidenden Einfluß auf den Begriff hatte auch
Nietzsche mit Fall Wagner, in welchem wichtige Merkmale der Dekadenz zum Ausdruck kommen:
Verlust des Ich und des Daseins, Schaffung einer künstlichen Welt und die Herrschaft der Kunst
über die Natur. Auch Bahr prägte den Begriff der Dekadenz entscheidend mit: "Hang nach dem
Künstlichen" und "Entfernung vom Natürlichen", "Hingabe an das Nervöse" und "Fiebrische Sucht
nach dem Mystischen".
Zur Dekadenzdichtung lassen sich Oscar Wilde, Maurice Maeterlinck und Th. Mann
zuordnen. Vor allem Thomas Mann griff das Problem des Kulturverfalls immer wieder in seinen
Werken auf.
Ästhetizismus
Der Begriff Ästhetizismus entstammt nicht der Jahrhundertwende. Er wird vielmehr als
Oberbegriff für die antinaturalistischen Strömungen dieser Zeit gesehen. Dem Ästhetizismus liegt
eine "ästhetische Weltanschauung", d.h. eine zweckfreie Kunstauffassung und eine Autonomie der
Kunst zugrunde.
2. Sprache - Sprachlosigkeit - Sprachkrise
Die Dichtungen der Jahrhundertwende waren, wie kaum zuvor, sprachgewaltig: Metaphern,
Symbole, Bilder, Alliterationen, Assonanzen, Synästhesien durchzogen sie in großem Maße. Den
Ästhetizisten ging es dabei nicht um einen Realitätsbezug, wie bei den Naturalisten, sondern einer
Loslösung davon. Die Kunst war niemandem anders mehr verpflichtet als sich selbst. Einige
Autoren plädierten sogar für eine Geheimsprache, die nur Eingeweihte kennen sollten.
Mit der Jahrhundertwende kam es zu einer zunehmenden Selbstkritik der modernen
Autoren. Am deutlichsten zeigst sich diese im Chandos-Brief von Hugo von Hofmannsthal, der ihn
im Alter von 19 Jahren verfaßte. In diesem fiktiven Brief an Francis Bacon bedauert Lord Chandos
den "gänzlichen Verzicht auf literarische Betätigung". Chandos ist "die Fähigkeit abhanden
gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken und zu sprechen". "Es zerfiel mir alles
in Teile, die Teile wieder in Teile, und nichts mehr ließ sich mit einem Begriff umspannen." Doch
es gibt ein neues Denken "in einem Material, das unmittelbarer, glühender ist als Worte". Für Lord
Chandos ist Denken und Sprechen nur noch in einer Sprache möglich, die es so noch nicht gibt, und
"in welcher ich vielleicht einst im Grabe vor einem unbekannten Richter mich verantworten werde".
Dieser Brief ist nur Fiktion, auch wenn er die Sprachkrise der damaligen Zeit behandelt.
Hofmannsthal selbst, wendete sich von der Dichtung nicht ab, der Brief ist also nicht als
persönliche Sprachkrise zu sehen. Der Chandos-Brief ist zum einen Sprachkritik, da er sich gegen
die konventionellen Sprachgewohnheiten stellt. Zum anderen ist er ein grundsätzlicher Zweifel
daran, in wiefern sich die Realität mit Sprache wiedergeben läßt. Hofmannsthals Sprachkritik hat
einen weitreichenden Einfluß gehabt: so auf den jungen Wittgenstein in seinem Tractatus logico
philosophicus, in dem es heißt: "Die Gegenstände kann ich nur nennen. Zeichen vertreten sie. Ich
kann nur von ihnen sprechen, sie aussprechen kann ich nicht. Ein Satz kann nur sagen, wie ein Ding
ist, nicht was es ist." (3.221); "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt."
(5.6); "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen." (7.).
VI. Der Expressionismus
I. Begriff
Der Begriff Expressionismus stammt vom lat. Wort expressio (=Ausdruck) und bedeutet
'Ausdruckskunst'. Er wurde bereits 1911 von Kurt Hiller von der Bildenden Kunst, in der er schon
am Ende des 19. Jahrhunderts existierte, auf die Literatur übertragen. In der Bildenden Kunst wurde
der Begriff hauptsächlich verwendet, um gegenimpressionistische Strömungen abzugrenzen. Viele
Autoren gebrauchten den Begriff Expressionismus als Selbstbezeichnung.
Der Expressionismus läßt sich in drei Phasen einteilen: den Frühexpressionismus 1910-14,
den
Kriegsexpressionismus
1914-18
und
den
Spätexpressionismus
1918-25.
Der
Frühexpressionismus, der Anfang expressionistischer Schreibpraxis, endete mit dem Beginn des
Ersten Weltkriegs 1914, der mit einer Verschärfung der Zensur verbunden war und auch die
Literaturrezeption im Allgemeinen erschwerte. Der Kriegsexpressionismus wurde 1918 mit der
Novemberrevolution abgelöst. Der Expressionismus ging dann in seine Spätphase über und läuft
um die Mitte der zwanziger Jahre allmählich aus.
II. Historischer Hintergrund
Das wichtigste historische Ereignis während des Expressionismus war der Erste Weltkrieg.
Sein Auslösen hatte vielfältige Ursachen. Mit dem Rücktritt Bismarcks 1890 und der
Machterlangung Kaiser Wilhelms II. änderte sich die europäische Politik schlagartig. Im
Konkurrenzkampf um die noch freien Gebiete der Welt griff nun auch das Deutsche Reich ein, um
sich Kolonien für einen "Platz an der Sonne" zu sichern. Dieser Imperialismus führte zum
gegenseitigen Wettrüsten der Großmächte. Mit der Abkehr von Bismarcks Bündnispolitik kam es
zu einer Destabilisierung des europäischen Kräftegleichgewichts. England, Frankreich und Rußland
verbündeten sich, während das Deutsche Reich neben seinen Bündnispartner Österreich-Ungarn
isoliert wurde. Das Deutsche Reich mischte sich außerdem in mehrere Krisen ein, z.B. die
Marokkokrisen
1905/06
und
1911
oder
die
Balkankriege
1912
und
1913.
Der Anlaß des Ersten Weltkriegs war die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz
Ferdinand und seiner Gemahlin am 28. Juni 1914 in Sarajewo. Die Kriegsschauplätze lagen vor
allem im Osten und Westen Deutschlands, an denen die Fronten jedoch bald erstarrten und es zum
Stellungskrieg kam. Aber auch in den Kolonien wurde Krieg geführt. Besonders die
Kriegsschauplätze im Westen waren von Materialschlachten bestimmt. Die erfolglosen Offensiven
führten 1918 zu verstärkten Friedensbemühungen. Am 11. November 1918 wurde ein
Waffenstillstand vereinbart, am 22. Juni 1919 der Friedensvertrag von Versailles angenommen.
Die Novemberrevolution 1918 in Deutschland beseitigte die Monarchie und führte zur Errichtung
einer parlamentarischen Republik. Am 9. November 1918 rief Philipp Scheidemann vor dem
Reichstagsgebäude in Berlin die Deutsche Republik, zwei Stunden später Karl Liebknecht vom
Balkon des Berliner Schlosses die Freie Sozialistische Republik aus. Bei den Wahlen zur
Nationalversammlung am 19. Januar 1919 ging Friedrich Ebert als erster Präsident der Weimarer
Republik hervor. Am 11. August 1919 wurde von der Mehrheit der Nationalversammlung die
Weimarer Verfassung angenommen.
III. Ideologischer Hintergrund
Auf die expressionistischen Schriftsteller wirkten drei wichtige Einflüsse: der Darwinismus,
der Kulturpessimismus Nietzsches und die Psychoanalyse Freuds.
1. Expressionistische Literatur
Die Expressionisten lehnten alle Arten des Denkens ab, die auf Logik und Erklärbarkeit
basierten. Die Betrachtung des menschlichen Individuums rückte hinter die Erfassung des Wesens
der Dinge. In der Sprache hoben sich die Expressionisten deutlich von anderen Stilrichtungen und
Epochen ab. Die expressionistische Sprache war extrem subjektiv und durch Ekstase und Pathos
gekennzeichnet, grammatische Normen wurden dabei oft gebrochen. Alle Gattungen des
Expressionismus weisen zudem einen hohen Metapherngebrauch und eine große Farbsymbolik auf.
1.1 Programm, Vereine, Zeitschriften
Der Expressionismus verfügte kein einheitliches Programm, statt dessen entstanden viele
einzelne Grundsatzerklärungen. Die erste expressionistische Literaturvereinigung, der Neue Club,
wurde 1909 von Kurt Hiller und Erwin Loewenson gegründet. 1911 spaltete sich davon das
Literarische Cabaret Gnu ab. Viele junge Autoren nutzten diese öffentlichen Foren für eine erste
Veröffentlichung
ihrer
Werke.
Die expressionistische Literatur wurde meist in expressionistischen Zeitungen veröffentlicht, wie
Der Sturm (1910-32), Die Aktion (1911-32), Das neue Pathos (1913-20), Die weißen Blätter (191321) und Der Orkan (1917-20). Einen großen Einfluß hatten vor allem die in Berlin erschienen
Zeitschriften Der Sturm, gegründet von Herwart Waldens, und Die Aktion, herausgegeben von
Franz Pfemfert.
1.2 Lyrik im Expressionismus
Am Anfang des Expressionismus war die Lyrik die dominierende Gattung. Die ersten
expressionistischen Gedichte waren Weltende (1905) von Else Lasker-Schüler und Weltende (1910)
von Jakob van Hoddis. Die Anthologie Menschheitsdämmerung, Symphonie jüngster Dichtung
(1920),
herausgegeben
von
Kurt
Pinthus,
stellte
eine
der
wichtigsten
Sammlungen
expressionistischer Lyrik von 23 Autoren dar.
Die expressionistische Lyrik ist gemischt von Traditionsbruch und der Beibehaltung
traditioneller lyrischer Formen. Außerdem betrieben viele Expressionisten Experimente in der
Form. So entstanden z.B. sich über mehrere Zeilen erstreckende Verse, oder Verse, die nur aus
einem oder zwei Wörtern bestanden und sich dadurch zu hohen Säulen auftürmten. Der
grammatische Satzbau der Verse wurde oft gebrochen. Viele expressionistische Gedichte waren von
einer großen Metaphorik, Bildlichkeit und Farbsymbolik gekennzeichnet. Häufig fanden auch
hässliche oder schockierende Elemente in ihnen ihren Platz, wie z.B. in den Gedichten Gottfried
Benns. Die ästhetische Ausgrenzung des Hässlichen, wie in anderen Strömungen, wurde
aufgegeben.
Manche
Autoren
verwendeten
oft
Neologismen.
(Wortneuschöpfungen).
Die expressionistische Lyrik war durch zwei Strömungen geprägt: den Messianismus und die
Simultaneität. Messianische Lyrik löste die äußere Form von Gedichten auf, um das Wesen der
Dinge erfassen zu können. Thematisch war diese Lyrik v.a. von einer Aufbruchstimmung, von
einem Wandlungsprozeß oder dem Bild eines "neuen Menschen" bestimmt. Vertreter dieser Lyrik
waren z.B. Johannes Becher und Franz Werfel. Die Lyrik der Simultaneität wahrte hingegen die
äußere Form und löste die innere Form auf. Sie versuchte verschiedene Sinneseindrücke
gleichzeitig nebeneinander darzustellen, wie es bei der Wahrnehmung in einer Großstadt der Fall
ist. Dies gelang ihr v.a. durch den Gebrauch von Zeilenstil und Parataxe. Die Thematisierung der
Großstadt stand bei dieser Lyrik daher häufig im Mittelpunkt. Die ambivalente Wahrnehmung der
Großstadt, sowohl positiv als auch negativ, unterschied die expressionistischen Lyriker von den
italienischen Futuristen, welche die positiven Seiten der Großstadt verherrlichten. Die simultane
Darstellungsweise in der Lyrik wurde z.B. von Alfred Lichtenstein und Jakob van Hoddis
gebraucht.
Die wichtigsten expressionistischen Lyriker waren Else Lasker-Schüler, Jakob van Hoddis, Franz
Werfel, Alfred Lichtenstein, Gottfried Benn, Johannes Becher, Ernst Stadtler, August Stramm
sowie Georg Trakl.
Jakob van Hoddis - Weltende (1910)
Dem
Bürger
fliegt
In
allen
Lüften
vom
spitzen
hallt
Kopf
es
der
wie
Hut,
Geschrei.
Dachdecker
Und
stürzen
an
den
Der
Sturm
An
Land,
Die
ab
Küsten
ist
-
meisten
liest
da,
um
und
man
die
dicke
gehn
steigt
wilden
Dämme
Menschen
-
haben
entzwei.
die
Meere
Flut.
hupfen
zu
zerdrücken.
einen
Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.
1.3 Expressionistisches Drama
Im Spätexpressionismus wurde das Drama zur dominierenden Gattung. Den Beginn des
expressionistischen Dramas datiert man auf 1912, mit dem Erscheinen Reinhard Sorges' Der
Bettler. Der Typus des Stationendramas eignete sich hervorragend, um die traditionelle
Dramenform aufzubrechen. Der Gang der Handlung verläuft nicht in einer geordneten Reihenfolge,
sondern setzt sich aus einzelnen, meist unverbundenen Elmenten, Stationen oder Bildern
zusammen. Damit wurde das Simultanitätsprinzip der Lyrik auf das Drama übertragen. Es gab nur
wenige Ausnahmen, welche an der Einheit von Handlung, Ort und Zeit festhielten. Charakteristisch
für die Thematik vieler Dramen war ein Wandlungsprozeß des Protagonisten, wie er
programmatisch in Tollers Die Wandlung (1919) gezeigt wird. Nach der freiwilligen
Kriegsbeteiligung des Protagonisten findet dieser bald die wahren Hintergründe des Krieges heraus.
Er wandte sich von ihm ab und der Revolution zu, die er zu verbreiten versucht. Dramen mit
messianischem
Charakter
wurden
auch
als
Verkündigungsdramen
bezeichnet.
Das
expressionistische Drama richtete sich jedoch am Illusionstheater aus, das den Spieler vom
Publikum strikt trennte.
Weitere wichtige Dramatiker des Expressionismus neben Ernst Toller (Masse Mensch,
1920) waren Georg Kaiser (Von morgens bis mitternachts, 1916), Carl Sternheim (Die Hose, 1911),
Reinhard Sorge (Der Bettler , 1912) sowie Walter Hasenclever (Der Sohn, 1914). Brechts
dramatisches Frühwerk, Baal (1919) und Trommeln in der Nacht (1922), sind ebenso in die Zeit des
Expressionismus einzuordnen.
1.4 Epik im Expressionismus
Das epische Werk des Expressionismus fand bei der Nachwelt nur wenig Beachtung, trotz
des Vorhandenseins zahlreicher und umfangreicher epischer Texte. Zu den wichtigsten
Prosaautoren gehörten Alfred Döblin (Die Ermordung einer Butterblume, 1910) und Carl Einstein
(Bebuquin, 1912), sowie Autoren, deren Zuordnung umstritten ist, wie Heinrich Mann, Robert
Walser und Franz Kafka. Ein Teil der expressionistischen Prosa, deren Erzählen auf Reflexion und
Selbstreflexion gerichtet ist, wird als Reflexionsprosa zusammengefaßt. Dazu gehört z.B. Carl
Einsteins Bebuquin oder Gottfried Benns Gehirne (1915). Ein anderer Teil der Prosa stand im
Zeichen des Messianismus und versuchte eine aktive Weltverbesserung zu erreichen. Die Romane
Heinrich Manns, wie z.B. Der Untertan (1918), waren geprägt von Kritik am wilhelminischem
Bürgertum.
Ein exemplarisches Beispiel für expressionistische Prosa ist die 1910 erschienene
Erzählung Die Ermordung einer Butterblume von Alfred Döblin. Die sinnlose Ermordung einer
Butterblume des Protagonisten während eines Spaziergangs, zwingt ihn zur Buße und ändert sein
Verhältnis zur Natur. Die Buße reichte von der Eröffnung eines Kontos bis hin zur Einpflanzung
einer jungen Butterblume in einem goldenen Blumentopf. Döblins Ermordung einer Butterblume
war eine Satire auf das Bürgertum, daß an eine harmonische Mensch-Natur-Beziehung glaubte. Die
Erzählung zeichnete sich v.a. durch Zerstörung der realistischen Wahrnehmung, fehlende
Psychologisierung des Helden und Darstellung neurotischer Verhaltensweisen aus.
2. Literarische Formen

traditionelle Formen und Traditionsbruch in der Lyrik

Stationendrama, Verkündigungsdrama

Prosa (Roman, Erzählung, Novelle, u.a.)
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