Westeurop_Doppelrev Skript 3

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Prof. Dr. Hans-Werner Hahn
Vorlesung WS 2011/12 Mi 8-10
Revolutionen und Reformen: Europa 1780/89-1815
Skripte zur 3. und 4. Vorlesung: Die Französische Revolution I: Ursachen und Anlässe
Literatur:
F. FURET/D. RICHET, Die Französische Revolution, Paris 1965/66, Frankfurt a. M. 1968 (und
weitere Ausgaben).
C. GANTET/B. STRUCK, Revolution, Krieg und Verflechtung 1789 bis 1815 (Deutschfranzösische Geschichte Bd. 5), Darmstadt 2008.
W. KRUSE, Die Französische Revolution, Paderborn 2005.
R. E. REICHARDT, Das Blut der Freiheit. Französische Revolution und demokratische Kultur,
3. Aufl. Frankfurt a. M. 2002.
DERS. (Hrsg.), Ploetz. Die Französische Revolution, Freiburg 1988.
E. SCHULIN, Die Französische Revolution, München 1988.
A. SOBOUL, Die große Französische Revolution. Ein Abriß ihrer Geschichte 1789-1799,
Frankfurt a. M. 1982.
H.-U. THAMER, Die Französische Revolution, München 2004.
M. VOVELLE, Die Französische Revolution, Frankfurt a. M. 1985.
I. Der neuzeitliche Revolutionsbegriff:
Revolutionen sind besondere Verlaufsformen des historischen Prozesses, die seit langem eine
besondere Beachtung in der historischen Forschung gefunden haben. Revolution im modernen
Sinne meint eine "politisch-soziale Totalumwälzung". Dieser moderne Revolutionsbegriff ist,
wie vor allem der frühere Jenaer Historiker Karl Griewank herausgearbeitet hat, erst das
Produkt der Neuzeit. Seine entscheidende politische Aufladung erhielt dieser Begriff durch
die Französische Revolution von 1789. Sie wurde nicht nur als große und zielgerichtete
Umgestaltung der französischen Verhältnisse empfunden, sondern auch als Beginn einer
neuen dynamischen Entwicklungsgeschichte der ganzen Menschheit, die einem
unumkehrbaren Fortschritt Bahn zu brechen schien. Die neue Wortbedeutung stand nicht
mehr nur für eine besondere Form von Geschehen, sie stand zugleich für die Machbarkeit von
Fortschritt. Revolution: das war nun eine Sache der Erkenntnis (Notwendigkeit einer
Revolution), der wohldurchdachten Organisation, der bewussten und begründeten Absicht zur
Umgestaltung der Welt. Während das Bürgertum schon in der ersten Hälfte des 19.
Jahrhunderts - vor allem in Deutschland - eher auf Revolutionsvermeidung und den Weg der
Reformen setzte, wurde die sozialistische Bewegung seit den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts zum wichtigsten Träger des Revolutionsgedankens. Für Karl Marx waren die vom
sozialökonomischen Wandel vorbereiteten Revolutionen die "Lokomotiven" des historischen
Prozesses.
Ausführlich zum Revolutionsbegriff:
K. GRIEWANK, Der neuzeitliche Revolutionsbegriff. Entstehung und Geschichte, Weimar
1955, Frankfurt am Main 1969.
II. Die Französische Revolution in der politischen Kultur Frankreichs:
Die "Identität" der modernen französischen Nation beruht auf der großen Revolution von
1789. Im politischen Bewusstsein Frankreichs nimmt sie daher bis heute einen dominierenden
Platz ein. Die 3. Republik hat 1880 den 14. Juli, den Tag des Sturmes auf die Bastille, zum
Nationalfeiertag erklärt. Die Devise der Revolution "Liberté, Egalité, Fraternité" ziert
öffentliche Gebäude Frankreichs. Das Revolutionslied, die "Marseillaise" ist Nationalhymne.
Das Bekenntnis zur Revolution war und ist innerhalb Frankreichs allerdings bis heute nicht
völlig unumstritten. Die Frontstellung der Jahre 1789 bis 1799 - hier die Gegner, dort die
Anhänger der Revolution - schlägt sich bis heute in bestimmten politischen
Auseinandersetzungen nieder. So hat die katholische Kirche lange die Einführung des 14. Juli
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als Staatsfeiertag bekämpft. Auch die 200-Jahr-Feiern 1989 und der 200. Todestag des
hingerichteten Ludwigs XVI. im Januar 1993 haben nochmals gezeigt, dass eine Minderheit
der Franzosen diese Revolution nach wie vor für ein Unglück hält (P. Chaunu 1989:
Revolution als Anfangspunkt eines modernen Typs von Völkermord, eines ideologisch
begründeten Genozids).
III. Wichtigste Richtungen der Revolutionsforschung:
Der politische Streit um die Revolution hat sich auch in der wissenschaftlichen Aufarbeitung
der Vorgänge niedergeschlagen. Die außerordentlich umfangreiche
Revolutionshistoriographie war lange geprägt von drei Grundrichtungen: der konservativen,
der liberal-bürgerlichen und der sozialistischen Richtung, einschließlich ihres
sowjetmarxistischen Ablegers.
A) Die KONSERVATIVE REVOLUTIONSKRITIK setzte ein mit den 1790 geschriebenen
"Reflections on the Revolution in France" des liberal-konservativen englischen Publizisten
Edmund Burke. Er warnte schon zu diesem Zeitpunkt vor einem Abgleiten der Revolution
und stellte die "gewachsenen englischen Freiheitsrechte" der neuen, nach abstrakten
Prinzipien aufgebauten Ordnung Frankreichs gegenüber. Burke und später auch Tocqueville
zeichneten zudem ein positiveres Bild vom Ancien Régime. Eine wichtige Rolle spielten
ferner die französischen Emigranten mit ihrer Konspirations- und Komplotterklärung, nach
der die Revolution das Werk von Freimaurern, Juden und anderen gewesen sei. Bis heute
wird die Revolution in bestimmten Kreisen als große antikatholische Verschwörung
dargestellt, die auf die Zerstörung der Kirche und der sie schützenden Monarchie abgezielt
habe. Von konservativer Seite (H. Taine) ist ferner kritisiert worden, dass die Revolution und
die von ihr ausgehenden inneren Erschütterungen für den Niedergang der französischen
Machtstellung in Europa verantwortlich gewesen seien. Die wichtigste Gesamtdarstellung der
Revolution aus konservativer Sicht stammt von P. Gaxotte (1. dt. Ausgabe 1929).
B) Die LIBERALE, BÜRGERLICHE INTERPRETATION:
Sie wurde maßgeblich geprägt von A. Thiers, der 1823 aus der Sicht des liberalen
Großbürgertums ein positives Gegenbild zu den nach 1815 gängigen konservativen
Deutungen entwarf. Es dominiert das Lob der liberalen Errungenschaften wie Menschen- und
Bürgerrechte, Abschaffung des Feudalsystems und Verfassung von 1791, während der
Zustand des Ancien Régimes heftig kritisiert wird. Ein wichtiger Vertreter der liberalen
Interpretation war dann Jules Michelet (geb. 1798) mit seiner idealisierenden Darstellung vom
guten französischen Volk, das 1789 seine Ketten zerbrochen habe. Die Herrschaft der
Jakobiner fand in der bürgerlich-liberalen Deutung durchaus Anerkennung, wobei
Robespierre die volle Verantwortung für die Schreckensherrschaft aufgebürdet wurde,
während sein jakobinischer Gegenspieler Danton zum Vorbild eines pragmatischen
Republikaners hochstilisiert wurde. Die bürgerlich-idealisierende Deutung fand in den ersten
Jahrzehnten der dritten Republik (nach 1870) ihren Höhepunkt. Aufbrechende Gegensätze in
der Interpretation, die Unterscheidung zwischen dem guten und dem schlechten Teil der
Revolution, wurden schließlich durch den Ausspruch des linken Republikaners Clémenceau
überdeckt: "La révolution est un bloc" (Blockthese).
C) Die SOZIALISTISCHE INTERPRETATION:
Diese Richtung hat sich große Verdienste bei der Aufarbeitung der von den bürgerlichen
Historikern lange unterbelichteten sozialen Aspekte erworben und dominierte im 20.
Jahrhundert lange Zeit die Diskussion über die Französische Revolution. Wichtigster Autor
war zunächst einmal Jean Jaurés, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine erste
Revolutionsgeschichte aus sozialistischer Sicht vorlegte. Zu den großen
Revolutionshistorikern der Französischen Linken zählen dann vor allem Albert Mathiez,
Georges Lefebvre und Albert Soboul, die alle den Lehrstuhl für die Geschichte der
Französischen Revolution in Paris inne hatten. Innerhalb der sozialistischen
Revolutionshistorie gab und gibt es zwar eine Fülle wissenschaftlicher Kontroversen und im
Übrigen auch keine einheitliche politische Ausrichtung. Dennoch kann man gewisse
Grundannahmen festhalten: Die Revolution ist für die sozialistischen Historiker die Folge
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eines Klassenkampfes zwischen der erstarkenden Bourgeoisie und dem Feudaladel, in dem
erst das Bündnis mit den Massen, mit den Bauern und den städtischen Unterschichten, dem
Bürgertum zum Sieg verholfen hat. 1794 zerbrach diese Allianz. Das Bürgertum erhob sich
nun klar zur herrschenden Klasse. Die Revolution markiert also in dieser Sicht die
entscheidende Stufe beim Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus und damit in der
kontinuierlichen Aufwärtsentwicklung der Gesellschaft hin zum sozialistischen Endziel.
D) MODERNE STRUKTURANALYTISCHE FORSCHUNG:
Diese Richtung ist vor allem mit den Namen Francois Furet verbunden. Seine gemeinsam mit
Richet verfasste Revolutionsdarstellung gab in den sechziger Jahren des 20. Jh. ein
differenzierteres Bild vom Zustand des Ancien Régime. Die Revolution erschien nicht mehr
als der große Bruch in der französischen Geschichte, sondern als eine bewegtere Phase einer
langfristigen Umbruchszeit. Auch das "Besondere" der Französischen Revolution wurde
relativiert, indem auf Zusammenhänge zwischen den französischen Vorgängen einerseits und
der amerikanischen Revolution sowie politischen Entwicklungen im übrigen Europa
andererseits verwiesen wurde. Zurückgewiesen wurde aber vor allem das marxistische
Klassenkampfschema. Für Furet war die Revolution ein komplexer Prozess, der vorwärts- wie
rückwärtsgewandte Züge trug und verschiedenste politische, soziale und wirtschaftliche
Zielsetzungen in sich vereinte. Nach Furet war die Revolution kein Block, sondern sie zerfiel
zunächst einmal in drei ganz unterschiedliche Bewegungen: eine bürgerlich-politische, eine
bäuerliche Revolution und eine Revolution der städtischen Unterschichten. Das engere
Zusammenwirken der drei Strömungen während der Jakobinerherrschaft sieht Furet nicht als
Höhepunkt der Revolution an, sondern als Abgleiten in eine falsche Richtung.
E) NEUE TENDENZEN DER LETZTEN 40 JAHRE:
In den letzten Jahrzehnten hat es eine gewisse Annäherung der wichtigsten Richtungen
gegeben, die vor allem durch neue Forschungsergebnisse, aber auch durch die politischen
Ereignisse seit 1989 (kritischere Sicht auf die großen Revolutionen, Abkehr vom
Revolutionsmythos) bewirkt wurde. Vertreter der sozialistischen Revolutionshistorie wie
Michel Vovelle haben bestimmte Dogmen aufgegeben, und auch Furet hat sich in
verschiedenen Punkten korrigiert. So hat er gegenüber seinen linken Kritikern eingeräumt,
dass man die Brüche von 1789 doch stärker betonen muss, und zwar im Hinblick auf das
politische Bewusstsein. Hier habe die Revolution für die Franzosen mit der neuen
demokratischen Kultur etwas Neues entstehen lassen. Dazu trug vor allem die jakobinische
Phase bei. Dieser Umbruch der Mentalitäten hat die Forschung der letzten Jahre stark
beschäftigt. Zahlreiche Arbeiten haben sich mit den Veränderungen beschäftigt, die die
Französische Revolution für die Politische Kultur Frankreichs brachte. In diesem
Zusammenhang wurde auch der Symbolgeschichte der Revolution eine immer größere
Beachtung geschenkt. Symbolische Sinnstiftungen im Rahmen einer neuen politischen
Öffentlichkeit (Jakobinermütze, Freiheitsbäume, Embleme, Bilder, Spiele, Feste usw.)
spielten eine große Rolle für die politische Mobilisierung und die Festigung der neuen
Vorstellungen (die Forschung gut zusammenfassen REICHARDT, Blut der Freiheit; ferner L.
HUNT, Symbole der Macht. Die Macht der Symbole. Die Französische Revolution und der
Entwurf einer politischen Kultur, Frankfurt a. M. 1989). Die neue Kulturgeschichte hat
ebenso wie die breitere regionalhistorische Erforschung der Revolution (Abkehr von der
Orientierung auf Paris) dazu beigetragen, dass sich die lange Zeit tief greifenden Gegensätze
zwischen den einzelnen Schulen gemildert haben. Dennoch werden Fragen nach Ursachen,
Verlauf und Folgen dieser Revolution weiterhin kontrovers diskutiert.
IV. Ursachen und Vorgeschichte der Französischen Revolution:
Literatur:
- H. BERDING/E. FRANCOIS/H.-P. ULLMANN (Hrsg.), Deutschland und Frankreich im Zeitalter
der Französischen Revolution, Frankfurt a. M. 1989.
- R. CHARTIER, Die kulturellen Ursprünge der Französischen Revolution, Frankfurt a. M.
1995.
- W. DOYLE, Origins of the French Revolution, Oxford 31999.
- H. U. GUMBRECHT u. a. (Hrsg.), Sozialgeschichte der Aufklärung in Frankreich, 2 Bde.,
München 1981.
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- D. K. VAN KLEY, The Religious Origins of the French Revolution. From Calvin to the Civil
Constitution 1560-1791, New Haven 1996.
- E. SCHMITT (Hrsg.), Die Französische Revolution. Anlässe und langfristige Ursachen,
Darmstadt 1973 (mit wichtigen älteren Aufsätzen).
A. WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE FAKTOREN.
WIRTSCHAFTLICHER AUFSTIEG UND KRISEN: Die Revolution war nicht das Ergebnis quasi
gesetzmäßiger ökonomischer und sozialer Entwicklungen, dennoch spielen wirtschaftliche
und soziale Faktoren im Ursachengeflecht eine wichtige Rolle. Frankreich erlebte im 18.
Jahrhundert zunächst einen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Bevölkerung stieg von 22 auf
26 Millionen. Die Landwirtschaft, von der noch 75% der Franzosen lebten, steigerte durch die
Modernisierung ihrer Strukturen die Agrarproduktion. Auch Handel und Gewerbe
expandierten. Dennoch blieb das Land in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hinter den
wirtschaftlichen Fortschritten Englands zurück. Seit den siebziger Jahren häuften sich in der
französischen Wirtschaft die Krisen- und Stagnationserscheinungen. Es kam zu Missernten,
Lebensmittelverteuerung und Hungerkrisen (Mehlkrieg 1775). Im Vorfeld der Revolution hat
sich die Versorgungskrise weiter zugespitzt. Der Brotpreis erreichte im Sommer 1789 seinen
bis dahin höchsten Stand. Begünstigt wurde dies durch die Liberalisierung des
Getreidehandels und einen 1787 mit England abgeschlossenen Freihandelsvertrag. Auch das
französische Gewerbe litt teilweise unter der stagnierenden Binnennachfrage (zu hohe
Ausgaben für Lebensmittel), teilweise unter den Konkurrenz englischer Erzeugnisse. Hinzu
kam eine Überproduktionskrise bei den für Frankreich wichtigen Weinbauern. Langfristige
und kurzfristige wirtschaftliche Krisenfaktoren spielten daher für den Ausbruch der
städtischen wie ländlichen Unruhen eine wichtige Rolle.
LAGE DER BAUERN: Der ökonomische Strukturwandel auf dem Lande trug maßgeblich zur
Unzufriedenheit der Bauern bei. Zum einen war der Anteil des bäuerlichen Besitzes an Land
(33%) deutlich geringer als etwa in Deutschland. Zum anderen trugen steigende
Pachtzahlungen und ein wachsender Abgabendruck der Grundherren zur bäuerlichen
Unzufriedenheit bei. Marxistische Historiker haben von einer "feudalen Reaktion" im Vorfeld
der Revolution gesprochen. Der wachsende Druck, den die Bauern empfanden, resultierte
aber nicht nur aus dem Verhältnis adliger Grundherr-Bauer. Ein Drittel des Bodens war
bereits in den Händen bürgerlicher Eigentümer, die sich wie der Adel der grundherrlichen
Abgaben bedienten, diese nun sogar mit noch rationelleren Methoden eintrieben. Man hat
deshalb von einer Verbürgerlichung der Grundherrschaft (Seigneurie) gesprochen. Adlige und
bürgerliche Grundbesitzer trieben die Modernisierung der Landwirtschaft auf Kosten der
bäuerlichen Bevölkerung voran, deren Widerstand sich gerade gegen den ökonomischen
Fortschritt richtete. Auch Handwerk und Kleinhandel wehrten sich gegen die neuen
Kommerzialisierungsprozesse und plädierten für ein Festhalten an vorkapitalistischen
Wirtschaftsformen (Moralische Ökonomie gegen Marktmacht).
ELITENKONFLIKTE: Das Verhältnis Adel und Bürgertum kann in wirtschaftlicher Hinsicht
nicht auf den Gegensatz traditional-modern reduziert werden. Auch Teile des Adels förderten
die Modernisierung der französischen Landwirtschaft und im Übrigen auch die
Aufklärungsbewegung. Der französische Adel (0,5 und 1,4% der Bev.) setzte sich aus sehr
heterogenen Gruppen zusammen: Hofadel, begüterter und verarmter Provinzadel, Amtsadel
mit vielen nobilitierten Bürgerlichen. Im französischen Bürgertum war das Streben nach
adeligem Rang und adeligem Leben stark ausgeprägt. Die Spitze des Bürgertums teilte
vielfach die Abneigung des Adels gegen Handels- und Geschäftsberufe. Sie war keine
Bourgeoisie im modernen kapitalistischen Sinne, sondern eine Rentnerbourgeoisie oder eine
Bourgeoisie d'ancien Régime, die vor allem von Bodenrenten, Ämtereinkünften und Zinsen
aus Staatsanleihen lebte und in den Adel aufzusteigen bestrebt war. Diese
Aufstiegsmöglichkeiten waren aber in doppelter Hinsicht konfliktreich. Einmal wegen der
Abwehrreaktionen des Altadels, zum anderen, weil die Zahl der bürgerlichen
Aufstiegswilligen durch den wachsenden Wohlstand einfach zu groß geworden war. Die
Folge war ein Elitenkonflikt, ein System konkurrierender Eliten. Dieser Konflikt kam in der
politischen Revolution des Jahres 1789 dann voll zum Ausbruch.
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BÜRGERTUM: Ebenso wenig wie der Adel waren Klerus und 3. Stand homogen. Der Klerus,
dem etwa 0,5% der Bevölkerung angehörten, war in einen adligen und einen bürgerlichen Teil
gespalten. Noch heterogener war der so genannte dritte Stand, auf den 98% der Bevölkerung
entfielen. Nicht einmal das Bürgertum als Spitze des Dritten Standes war als Gruppe klar
einzugrenzen. Die Masse dieses Bürgertums (Stadtbürgertum) waren Kleingewerbetreibende
und Händler. Daneben gab es die Gruppen des Besitz- und Bildungsbürgertums, die etwa 10%
der französischen Gesellschaft stellten. An der Spitze standen die Rentiers, die von
Grundeigentum oder Staatspapieren lebten. Dann kamen 2. Mitglieder der königlichen
Verwaltung, 3. Juristen, 4. Freiberufler wie Ärzte, Schriftsteller oder Künstler und 5. die in
den Bereichen Handel, Finanzen, Unternehmen tätigen Bürger. Die letztgenannte Gruppe hielt
sich ebenso wie Rentiers und Verwaltungsbeamte in der Revolution eher zurück. Dagegen
spielten die Juristen und Freiberufler eine wichtige Rolle. Das Bürgertum war aufgrund
unterschiedlicher Interessen und Lebenslagen keine Klasse im Marxschen Sinne. Sein Anteil
am Ausbruch der Revolution sollte daher nicht überschätzt werden.
FAZIT: Die kurz- und langfristigen wirtschaftlichen Krisenfaktoren und die zweifellos
vorhandenen gesellschaftlichen Spannungen waren für den Ausbruch der Französischen
Revolution von großer Bedeutung, gestalteten sich aber außerordentlich kompliziert. Für die
Einordnung der Revolution und des Revolutionsgeschehens waren die Gegensätze innerhalb
der einzelnen Stände, zwischen privilegierteren und weniger privilegierten, zwischen armen
und reichen Teilen, zwischen politisch fortschrittlicheren und konservativeren Teilen
wichtiger als die großen Gegensätze zwischen klar abgrenzbaren sozialen Gruppen oder
Klassen. Die Revolution von 1789 ist nicht auf den einen großen Gegensatz (AdelBürgertum) zurückzuführen, sondern auf die Bündelung einer Fülle von Ursachen, auf die
verschiedenen ökonomischen und sozialen Wandlungsprozesse, auf die damit verbundene
Unzufriedenheit in allen Schichten der französischen Gesellschaft, die dann zu einer
Revolution mit ganz unterschiedlichen Zielsetzungen führte.
B. Aufklärung und Umbruch der Mentalitäten:
Geistige und kulturelle Ursprünge der Revolution.
Die mit der Aufklärung einhergehenden geistesgeschichtlichen Umbrüche spielten im
Ursachengeflecht der Französischen Revolution zweifellos eine wichtige Rolle. Der
Revolution ging ein jahrelanger Kampf um die kulturelle Hegemonie voraus, in dessen
Verlauf die Attraktivität der alten Institutionen - Monarchie und Kirche - sank, während
aufklärerisches Gedankengut an Boden gewann. In diesem Zusammenhang sind nicht nur die
großen Denker der französischen Aufklärung zu beachten, sondern vor allem die in den
letzten Jahren intensiv erforschten sozialen Träger und Verbreitungswege dieser Ideen
(Sozialgeschichte der Aufklärung).
Die Blütezeit der französischen Aufklärung, die sich schon in der ersten Jahrhunderthälfte
mehr und mehr bemerkbar machte, lag in den Jahren zwischen 1750 und 1770. Die
wichtigsten, vor und in der Revolution wirksam werdenden Leitideen kamen von VOLTAIRE
(1694-1778: Ideal des aufgeklärten Monarchen), MONTESQUIEU (1689-1755: Kräftigung von
Zwischengewalten, Gewaltenteilung, Aristokratie als ausgleichendes Moment zwischen
Monarch und aufstrebendem Bürgertum), ROUSSEAU (1712-1788: Gesellschaftsvertrag,
Volksherrschaft, direkte Demokratie) und den Enzyklopädisten (DIDEROT, d`ALEMBERT).
Alle großen Denker der französischen Aufklärung haben die Revolution selbst nicht mehr
erlebt.
In den Jahren zwischen 1770 und 1789 verstärkte sich die Rezeption aufklärerischer Ideen.
Eine wichtige Rolle spielten dabei zunächst aufgeklärte Assoziationen wie Freimaurerlogen,
Lesegesellschaften, Salons, Akademien und erste politische Klubs. Hier diskutierte eine
bürgerlich-adelige Bildungselite (hoher Anteil von Adeligen) die neuen Ideen und beförderte
somit ihre weitere Verbreitung. Eine immer größere Bedeutung erlangten aber auch die
Druckmedien. So wurde die von Diderot herausgegebene Enzyklopädie ein wichtiges
Instrument zur Verbreitung der Aufklärungsideen (bis 1789 etwa 15 000 Exemplare).
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Massenwirksamer waren aber die an Zahl rasch zunehmenden Zeitschriften, Zeitungen und
Pamphlete. Im Zuge dieser "Medienrevolution" wurden in immer breiterer Form politische
Lesestoffe unter das Volk gebracht, die Ideen der Aufklärung popularisiert und die
Institutionen des alten Systems allmählich sturmreif geschossen. Eine wichtige Rolle spielte
dabei eine jüngere Generation von Schriftstellern, deren fundamentale Kritik an den
Zuständen des Ancien Régimes die spätere Radikalisierung bereits vorbereitete. Im Zuge
dieser Auseinandersetzungen bediente sich aber auch die Gegenseite zunehmend der
modernen Mittel. Anhänger von Aufklärung und Gegenaufklärung bekämpften sich mit den
gleichen Methoden und trieben so den Prozess der Politisierung voran. Die Radikalisierung
des Meinungsstreites trug dazu bei, in breiten Bevölkerungsschichten die Autorität der alten
Mächte zu untergraben. Missstände am Hofe Ludwigs XVI. und im Adel wurden immer
offener angeprangert und vielfach in Form von Skandalchroniken auch bewusst verzerrend
dargestellt.
Neben der Monarchie geriet auch die eng mit ihr verbundene Kirche immer stärker unter
Beschuss. Die Ergebnisse der sozialgeschichtlichen Erforschung der Aufklärung (Chartier,
Vovelle, Roche) zeigen, dass vor allem seit 1770 auch in breiteren Schichten der
französischen Bevölkerung die Gleichgültigkeit gegenüber der Religion (Dechristianisierung)
zunahm. Hierzu trugen auch die heftigen theologischen Grabenkämpfe bei, die der Revolution
vorausgingen. Der orthodoxe Katholizismus stand gegen den Jansenismus, eine
innerkatholische Reformbewegung, die gerade in Frankreich unter den Gebildeteten
zunehmend Anhänger fand: Die Lehre der Jansenisten förderte sowohl die Entzauberung der
alten, sakralen Monarchie als auch die Diskussionen um zeitgemäße Reformen der
Staatsverfassung. Jansenistisch orientierte Juristen und Pfarrer spielten in den politischen
Debatten des Jahres 1789 eine große Rolle.
Der Politisierungsprozess in Frankreich und die Kritik an den alten Institutionen wurde
schließlich auch durch die amerikanische Revolution und die Unruhen in europäischen
Nachbargebieten (Niederlande, österreichische Niederlande, Schweiz) befördert.
C. Die Krise des absolutistischen Herrschaftssystems.
Strukturen des Staates: Trotz der weit vorangeschrittenen Zentralisierungstendenzen war
das absolutistische Frankreich noch kein hierarchisch durchorganisierter moderner Staat. Die
Verwaltung war noch nicht vollständig in den Händen einer fachlich geschulten, hierarchisch
strukturierten Bürokratie, vielmehr gab es das sogar noch ausgeweitete System der
Ämterkäuflichkeit. Das Staatswesen wies eine komplizierte Verwaltungsgliederung in
unterschiedliche Steuer-, Militär und Gerichtsbezirke auf. Es gab Sonderrechte für einige
Provinzen. In einzelnen Teilen existierten die Provinzialstände weiter. Vor allem aber waren
die Parlamente (die obersten Gerichtshöfe) bestrebt, ihre eigenen Befugnisse auf Kosten der
Krone auszuweiten. Alte ständische Zwischengewalten waren zumindest noch so stark, dass
sie Reformversuche blockieren konnten.
Finanzkrise und Reformdruck: Reformen hatte der französische Staat aber dringend nötig,
weil er in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch eine kostspielige Außenpolitik, hohe
Ausgaben des Hofes und ein ineffizientes Steuersystem immer tiefer in die Finanzkrise geriet.
1788 mussten etwa 50% der Staatseinnahmen für die Schuldentilgung ausgegeben werden.
Die Steuerprivilegien von Adel und Klerus standen einer grundlegenden Reform des
Steuerwesens entgegen. Über die Parlamente versuchten die privilegierten Stände, alle
Ansätze zu einer Steuerreform zu blockieren. 1771 hatte der Kanzler MAUPEOU die Auflösung
der Parlamente durchgesetzt. 1774 setzte sie der neue König Ludwig XVI. anlässlich seines
Regierungsantritts wieder ein. Auch die neuen Reformversuche unter TURGOT, dem neuen
Generalkontrolleur der Finanzen, scheiterten am Widerstand von Privilegierten und an der
Kritik gegen den wirtschaftsliberalen Kurs Turgots. 1776 wurde Turgot entlassen. Seit 1777
unternahm der Genfer Bankier NECKER als Generaldirektor der Finanzen neue
Reformversuche. 1781 legte er den Staatshaushalt offen, was einerseits die Kritik am alten
System verstärkte (hohe Ausgaben des Hofes) und andererseits die Kritik der Privilegierten
stärkte und am Ende auch zur Entlassung Neckers führte. Der Nachfolger Calonne schaffte es
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ebenso wenig, Ordnung in das Finanzchaos zu bringen. Angesichts des drohenden
Staatsbankrotts ging er wie Necker an die Öffentlichkeit, wurde aber auf Betreiben von
Hofkreisen und der Königin Marie Antoinette ("Madame Defizit") 1787 gestürzt.
Beginn der Adelsrevolution von 1787: Auch sein Nachfolger Loménie de Brienne
(Erzbischof von Toulouse) stand schnell vor denselben Problemen. Als auch er die
Steuerreform und den Abbau von Privilegien vorantrieb, begann 1787 die so genannte
Vorrevolution oder auch "Adelsrevolution". Die Parlamente widersetzten sich den neuen
Plänen und versuchten die wachsende Unzufriedenheit im Lande zu nutzen, um in der
Öffentlichkeit die eigenen Privilegien gegen den König zu verteidigen. Der unschlüssige
König, der den entschiedenen Widerstand gegen die Parlamente ebenso scheute wie ein
Zusammengehen mit dem dritten Stand, geriet durch die "Revolution" der Privilegierten noch
stärker unter Druck. Hinzu kam wachsender Unmut über die Königin (Halsbandaffäre von
1786, Intrige gegen die Königin).
Rückkehr Neckers: Im August 1788 wurde dann Necker zurückberufen, um die Finanzen
zu ordnen. Gleichzeitig wurden erstmals seit 1614 die Generalstände zum 1. Mai 1789
einberufen, um die Steuerfrage anzugehen.
Formierung des Dritten Standes: Im Vorfeld des Zusammentretens der Generalstände
formierte sich mit der nationalen oder Patriotenpartei eine neue, vom Bürgertum dominierte
politische Kraft. Diese Patriotenpartei führte den Kampf sowohl gegen den König als auch
gegen dessen Widersacher aus dem Lager der privilegierten Stände. Sie stützte sich auf den
Bildungsgrad und die ökonomische Macht des Bürgertums und auf die immer wichtiger
werdende öffentliche Meinung. Das neue Selbstbewusstsein des dritten Standes wurde in der
berühmten Schrift des Abbé Emmanuel Sieyès: "Was ist der Dritte Stand" untermauert, die im
Januar 1789 erschien. Die wichtigste Stelle lautete: "Der Plan dieser Schrift ist ganz einfach.
Wir haben uns drei Fragen vorzulegen. 1. Was ist der Dritte Stand? ALLES. 2. Was ist er bis
jetzt in der staatlichen Ordnung gewesen? Nichts. 3. Was verlangt er? Etwas darin zu
werden."
Sieyès und die anderen Wortführer des Dritten Standes forderten nach dem Vorbild der
inzwischen vorliegenden amerikanischen Verfassung die Mitsprache des dritten Standes an
der Gestaltung der staatlichen Ordnung, konkret hieß das VOLKSSOUVERÄNITÄT. Die Wahl
der Generalstände und die dabei verfassten Beschwerdehefte des Volkes trieben den
Politisierungsprozess im Winter 1788/89 weiter voran. Die "Cahiers de doléances", von denen
etwa 60 000 verfasst wurden, enthielten noch viele traditionale Forderungen, zeigten aber
auch zugleich, wie weit der Politisierungsprozess mit seinen modernen politischen
Forderungen innerhalb der französischen Bevölkerung vorangeschritten war. Die Monarchie
wurde allerdings noch nicht in Frage gestellt. Ludwig XVI. hätte vor Beginn der Revolution
mit einer energischen Reformpolitik also durchaus noch Chancen gehabt, die politischen
Dinge zu bestimmen. Am 5. Mai 1789 begann mit der Eröffnung der Generalstände in
Versailles ein neuer Abschnitt in der politischen Geschichte Frankreichs
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