Quelleninterpretation Kennan - Lise-Meitner

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Georg Uehlein
Quelleninterpretation
Kennan: Memoiren eines Diplomaten
Analyse:
Autor:
George F. Kennan war amerikanischer Diplomat und zur Zeit des dargestellten Sachverhalts
Geschäftsträger der amerikanischen Botschaft in Moskau. Später wird er Planungschef des USAußenministeriums. Es ist also davon auszugehen, dass er sowohl über Kenntnisse der Hintergründe
und Ziele der US-Politik verfügt als auch Erfahrungen mit der Sowjetdiplomatie hat.
Quelle:
Die Quelle ist zunächst eine Sekundärquelle, wohl aus dem Jahr 1967-68, in die allerdings im
vorliegenden Textausschnitt vom Autor eine Primärquelle von ihm selbst eingefügt ist, die aus dem
Sommer 1945 stammt. Bei der Quellenart handelt es sich um Memoiren. D.h. eine Darstellung von
Sachverhalten, die geprägt ist von der Sicht des Autors und nicht von der nüchternen, sachlichen
neutralen Distanz. Er wird i.d.R. bemüht sein, sein eigenes Handeln in eher positiver Weise
darzustellen und seine Haltungen und Meinungen einfließen zu lassen.
Adressaten:
Entsprechend dem Doppelcharakter der Quelle ist seine Stellungnahme vom Sommer 1945 sicherlich
nicht wie seine Memoiren an eine interessierte Öffentlichkeit, sondern an die US-Regierung
gerichtet. Es ist davon auszugehen, dass sie nicht an die damalige Öffentlichkeit gegangen ist, sonder
intern bei den Entscheidungen der Regierung eine Rolle spielte.
Inhaltsanalyse:
Hier bleibt deine Meinung unberücksichtigt, du sollst die Quelle verstehen und das Verständnis
geordnet und klar darlegen)
Position / Intention:
Kennans Intention ist es, die US-Regierung davon zu überzeugen, dass es unumgänglich ist, die
Westzonen zu einem unabhängigen Staat zu formen, der der Ostzone überlegen ist (Z. 5-8). Dies
bedeute, nach Kennan, die bewusste Teilung Deutschlands (12).
Argumentation:
Kennan stellt bereits am Anfang seine Grundposition unmissverständlich vor. Eine gemeinsame
Regierung Deutschlands mit den Russen sei ebenso wenig möglich wie ein Rückzug aller
Siegermächte, der ein neutrales und unabhängiges Gesamtdeutschland bedeuten würde. Letzteres
würde nicht zu einem friedlichen, stabilen und freundlichen Deutschland führen, sondern zu einem
Vakuum. In beiden Fällen bestehe Anlass zu der Befürchtung, so der Autor später (15-17), dass „die
Kräfte des Totalitarismus“, womit er eine evtl. eine Restauration des Nationalsozialismus oder v.a.
eine Vorherrschaft des kommunistischen Totalitarismus meint, der entweder über die Beteiligung
der UdSSR bei einer gemeinsamen Verwaltung oder aufgrund des politischen „Vakuums“ ganz
Deutschland überrollen könnte. Ein unter der Förderung und Kontrolle der USA und Großbritanniens
erfolgreicher deutscher Weststaat könne gegen diese Gefahr zum „Prellbock“ werden. Er weist
weiter darauf hin, dass Deutschland als Ganzes nicht mehr existiere, da es bereits „zerstückelt“ sei
durch die faktische Abtrennung der Ostgebiete an Polen und die UdSSR (nördliches Ostpreußen).
Deshalb sei die zusätzliche Abtrennung der Sowjetzone zu verschmerzen. Offensichtlich auf die
grundlegenden ideologischen und Systemunterschiede anspielend, fordert er das Akzeptieren einer
Systemkonkurrenz in Deutschland. Daraus lässt sich folgern, dass er davon ausgeht, dass in den
Zonen auch das jeweilige Gesellschaftssystem durchgesetzt werden soll. Als praktische Konsequenz
empfiehlt er zunächst nicht den Abbruch der Dreimächtekontrolle, sondern eine illusionslose
Loyalität und Erfüllung der Verpflichtungen, aber keinerlei substantiellen Zugeständnisse an die
UdSSR, was die eigene Zone betrifft, d.h. keine Einmischungen bzw. Beschlüsse, die die Durchsetzung
des eigenen Systems und den Aufbau in den Westzonen betreffen.
Rückblickend bekräftigt der Autor seine damalige Haltung mit weiteren Argumenten. So seien die
Verhandlungen und Ergebnisse der Potsdamer Konferenz nicht etwa ein Zeichen für die
Möglichkeiten einer gemeinsamen Verwaltung der Siegermächte, sondern im Gegenteil „wirr und
verwirrend“ gewesen. Die Gemeinsamkeiten seien nur deshalb erreicht worden, weil auf eine
Präzisierung auch im begrifflichen Bereich verzichtet worden sei. Der Interpretationsspielraum z.B.
bei Vorgaben wie Demokratisierung sei für die jeweiligen Unterzeichner dementsprechend groß. Zu
groß, wie Kennan meint. Er verweist dazu auf seine langjährigen Erfahrungen in Russland, wo er
anscheinend gelernt hat, auf Genauigkeit und Präzision der Termini zu achten.
Interpretation:
Einordnung in den historischen Kontext
Hier geht es darum, dass du sachlich die Hintergründe der Quellenaussagen oder des angesprochenen
Sachverhalts erklärst. Versuche also aus deinem riesigen Faktenwissen auszuwählen, was zur
Erklärung wichtig ist.
Kennan bezieht sich in seinen Ausführungen auf das Verhältnis der Westmächte zur UdSSR und
dessen deutschlandpolitische Auswirkungen, die im Sommer 1945 mit der Potsdamer Konferenz zur
Debatte standen. Die bisherigen Partner der Anti-Hitler-Koalition mussten nach dem Sieg und dem
Ende des Krieges ihr Verhältnis und ihre Politik im besetzten und zerstörten Nachkriegsdeutschland
neu ordnen. Gewisse Verabredungen waren bereits auf den alliierten Kriegskonferenzen v.a. in
Teheran 1943 und Jalta im Februar 1945 getroffen. So war bereits festgelegt, Deutschland in
Besatzungszonen aufzuteilen, zu entmilitarisieren und zu entnazifizieren, die Kriegsverbrecher zu
bestrafen und Deutschland Gebietsabtretungen abzuverlangen. Die Zusammenarbeit sollte nicht nur
in der zu gründenden UNO, sondern auch in periodischen Außenministerkonferenzen
institutionalisiert werden. Weitere Fragen wie die Reparationen und die Festlegung der Grenzen
sowie präzise Festlegungen sollten einer Nachkriegskonferenz vorbehalten werden.
Zu dieser Konferenz trafen sich im Juli/August 1945 nun die großen Drei. Allerdings waren auf Seiten
der Westmächte neue Politiker verantwortlich: Roosevelt war im April 1945 verstorben, für ihn kam
sein noch recht unerfahrener Vizepräsident Truman, Churchill wurde während der Konferenz nach
einer Wahlniederlage durch seinen Nachfolger Attlee ersetzt. So blieb der langjährige Diktator Stalin
die erfahrenste Person des Gipfels. Das dürfte dazu beigetragen haben, dass die von Kennan mit
„Entsetzen“ aufgenommenen Beschlüsse und Verhandlungen evtl. so „verwirrend“ gewesen waren.
Im Prinzip bestätigten sie die bisherige Haltung, ohne sie allerdings in einigen Fragen zu
konkretisieren.
Unstrittig waren die Beschlüsse zur Entnazifizierung und Entmilitarisierung Deutschlands.
Entnazifizierung sollte nicht nur die Bestrafung der Kriegsverbrecher, und die Entfernung der Nazis
aus den Ämtern der Exekutive und Judikative bedeuten, sondern auch die Abschaffung aller NSGesetze und die demokratische Umerziehung der Deutschen. Die Entmilitarisierung beinhaltete die
Auflösung des Militärs und der Kriegsindustrie. Zudem sollte die staatliche Verwaltung dezentralisiert
werden, d.h. Stärkung der lokalen und föderalen staatlichen Organe und größere Selbstverwaltung.
Auch die Wirtschaft betraf dies durch Entflechtung der Großkonzerne. Das gesamte politische Leben
sollte demokratisiert werden. Hier setzt Kennans Kritik an, der dies für einen „dehnbaren“ Begriff
hält. In der Tat wurde dazu nur die Zulassung mehrerer Parteien und Gewerkschaften als
Interessenvertretungen erwähnt. Präziser wurden die Reparationen geregelt, indem den
Besatzungsmächten die Entnahme aus ihren jeweiligen Zonen zugebilligt wurde und die UdSSR
zusätzlich Lieferungen aus den Westzonen sowie Tausch von Industriegütern des Westens gegen
Agrarprodukte der Sowjetzone erhielt. Dies schien gerechtfertigt auf Grund der gewaltigen
Zerstörungen durch die Deutschen in der UdSSR. Diese Aufteilung der Reparationsgebiete
widersprach der Festlegung, Deutschland weiterhin als wirtschaftliche und politische Einheit zu
behandeln. Die politische Einheit sollte durch eine gemeinsame Regierung der Siegermächte im
„Alliierten Kontrollrat“ durch die Oberbefehlshaber der Truppen repräsentiert werden. Dessen Sitz
war in Berlin, das – obwohl zunächst von den Sowjets alleine erobert und besetzt - im Austausch
gegen Thüringen nun auch in vier Besatzungszonen der Alliierten geteilt wurde. Die vier
Besatzungszonen Deutschlands (Frankreich erhielt erst im Juli 1945 aus Gebieten Großbritanniens
und der USA eine eigene Zone, weshalb es nicht erwähnt wird von Kennan) erstreckten sich auf die
Gebiete westlich von Oder und Neiße. Die Sowjetunion und Polen hatten östlich davon bereits
Fakten geschaffen. Nicht nur waren im Zuge des sowjetischen Vormarsches Millionen Deutsche
bereits geflohen, im Zeitraum der Konferenz und danach wurden auch noch Millionen vertrieben.
Dies hing mit der Westverschiebung Polens zusammen. Die UdSSR beanspruchte ihre territorialen
Gewinne in Ostpolen auf Grund des Hitler-Stalin-Paktes, wofür Polen mit deutschen Gebieten
entschädigt werden sollte. Der „Formelkompromiss“ im Potsdamer Abkommen, dass die deutschen
Ostgebiete bis zur endgültigen Friedenskonferenz vorläufig unter polnischer Verwaltung stehen
sollten, war deshalb nur eine unsinnige Formulierung, da die Vorgänge nicht mehr reversibel waren.
Darauf bezieht sich Kennan, wenn er von der bereits erfolgten Zerstückelung spricht.
Kritische Stellungnahme
Nun sollst du deine Arbeits- und Analyseergebnisse in einen größeren Zusammenhang stellen,
sozusagen von außen auf die Ausführungen sehen. D.h. du kannst hier etwa Folgendes beurteilen:

Position/Intention des Autors: Welche Konsequenzen ergeben sich aus der Intention des
Autors? Sind diese oder die Konsequenzen daraus gerechtfertigt?

Argumentation: Sind die Argumente stichhaltig, logisch, stützen sie die Position?

Kontext: Entsprechen oder widersprechen die historischen Fakten seiner Darstellung? Lässt er
wichtige Aspekte weg, die seine Aussagen zweifelhaft werden lassen? Ist die Einschätzung
selbst fehlerhaft bzw. einseitig?

Bedeutung: Welche Bedeutung hat die Quelle und die Position des Autors im geschichtlichen
Zusammenhang? Zeigt sie ein besonderes Problem des dargestellten Sachverhalts? Wirkt sie
auch verändernd auf diesen Sachverhalt (hier z.B. die US-Deutschlandpolitik)?

Alternativen: Gab es Alternativen zur dargestellten Haltung oder Politik?
Du kannst nun mehrere Aspekte umreißen oder einen Aspekt vertiefend darstellen. In jedem Fall wird
nicht deine Meinung bewertet, sondern ausschließlich die Differenziertheit und Angemessenheit
deiner Begründungen. Unbegründete Behauptungen bleiben unberücksichtigt. Ist eine Erörterung
verlangt, solltest du trotzdem zu einer Stellungnahme kommen. Ist nur eine Stellungnahme verlangt,
solltest du trotzdem mögliche Einwände gegen dein Urteil einbeziehen.
Hier einige Beispiele für Argumentationsstrategien bezüglich der obigen Fragen:

Konsequenzen sind die forcierte Schaffung eines westdeutschen Staates, dessen
wirtschaftliche und politische Stabilität als Prellbock gegen den Kommunismus fungiert und
damit wohl auch eine Attraktivität gegenüber einem sowjetzonalen Teilstaat entwickelt.
Damit würde in diesen beiden Staaten auch die Systemkonkurrenz der politischen Ideologien
ausgetragen. Es bedeutet gleichzeitig auch die Überlassung der sowjetzonalen Bevölkerung
an die russische Hegemonie. Der Preis könnte also zu hoch ein.

Die Argumentation ist in sich logisch. Allerdings scheint zunächst sein unhinterfragtes Urteil,
eine gemeinsame Regierung mit den Russen sei unmöglich und werde nur zu einem weiteren
Vordringen des Kommunismus führen, wenig begründet. Außerdem betrachtet er die
Situation nur in Bezug auf die Westzonen. D.h. könnte über ein gemeinsames Regieren evtl.
auch Einfluss auf Gestaltung der Sowjetzone von Seiten der Westmächte genommen
werden?

Seiner Einschätzung der Potsdamer Konferenz ist wohl zuzustimmen. Die unsinnigen
Vorbehalte gegenüber den real abgetrennten deutschen Ostgebieten durch die Beschlüsse
kaschierten nur die bereits vollzogene „Zerstückelung“ und die „dehnbaren“ Begriffe führten
zu völlig verschiedenen Systemen. Auch dürfte die Sowjetisierung der osteuropäischen
Staaten, v.a. Polens, seine Argumentation stützen, dass bei Zugeständnissen der
Kommunismus weiter vordringt. Allerdings vernachlässigt er, dass die UdSSR weniger aus
ideologischen als aus sicherheitspolitischen Gründen, diese Sowjetisierung vorantrieb, d.h.
einen Gürtel von abhängigen Staaten um sich herum schaffen wollte.

Kennan stand im Sommer 1945 mit seiner Haltung gegen die damalige US-Politik, die voll auf
die Zusammenarbeit mit der UdSSR setzte. Nach vielen Erfahrungen in den Verhandlungen
mit den Sowjets und v.a. deren Politik der systematischen Schaffung von Fakten mit dem Ziel
der Sowjetisierung Osteuropas gemäß dem Stalin-Wort, jede Regierung werde den einmal
eroberten Gebieten jeweils ihr politisches System aufzwingen, schloss sich die US-Regierung
allerdings ab 1946/47 Kennans Haltung an. Dies floss in die Formulierung der sog. TrumanDoktrin ein, die eine „Eindämmung“ des kommunistischen Einflusses zum Ziel hatte. Im
Gegenzug formulierte die UdSSR die sog. Zwei-Lager-Theorie, die von der Unversöhnlichkeit
und dem Kampf der Weltsysteme ausging. Kennan kann also für sich beanspruchen, dass er
die reale Entwicklung des „Kalten Krieges“ bereits im Sommer 1945 voraussah. Nicht zuletzt
deswegen zitiert er diese interne Stellungnahme später in seinen Memoiren. Wäre die
Entwicklung anders verlaufen, hätte er dies sicher eher verschwiegen. Dass die US- Regierung
nun seiner Position eher folgte, zeigt sich auch darin, dass er zum Chef des Planungsstabes
im Außenministerium ernannt wurde und die folgende Politik entscheidend mitgestaltete.
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