Exzerpt 1 Kapitel 7

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Carver & Scheier, Kapitel 7
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Carver & Scheier (1996). Chapter 7 (“Biological Processes”), Pp. 161-191
Es geht wieder um die biologische Perspektive, diesmal allerdings nicht unter dem Aspekt der
Evolution usw., sondern um die Wirkungsweise der Hormone und die biologischen Korrelate
einiger Persönlichkeitsmerkmale.
Extraversion, Neuroticism, and Brain Functions:
Hans Exsenck hatte zwei Supertraits angenommen: Emotionale Stabilität (Neurotizismus)
und Extraversion.
Introvertierte sind eher ruhig und zurückgezogen, Extravertierte dagegen dominant und
expreesiv. Nach Eysenck (1967) könnte das an Unterschieden im ARAS (Aufsteigendes
Retikuläres Aktivierungssystem) liegen. Dieses ist für den Wachheits- und Aufmerksamkeitspegel verantwortlich.
Der grundlegende Pegel des ARAS ist bei Introvertierten nun (vermeintlich) höher, d.h. Introvertierte sind generell aufmerksamer (und wacher). Die Konsequenz daraus ist, daß
Introvertierte “stimulus-schüchtern” (“stimulus-vermeidend”) sind, Extravertierte dagegen
“stimulus-hungrig” (oder “-suchend”). Ein Zuviel oder zu wenig an Stimuli bzw. Erregung ist
nämlich unangenehm, aber da die neue Erregung zum alten
Erregungsniveau addiert wird, wird es Introvertierten schnell
zu viel. Das alles spiegelt sich in folgender Graphik wider,
die hier rechts zu sehen ist, und die man irgendwie auch schon
aus dem Heckhausen kennt (vgl. dort Kapitel 4, Ss. 107-112).
Introvertierte sollten also Situationen mit eher niedrigem Aktivierungspotential suchen (aber nicht zu niedrig), Extravertierte
eher Situationen mit höherem Erregungspotential.
Evidence of Cortical Differences:
Bei Tierversuchen konnte gezeigt werden, daß das ARAS tatsächlich für den Wachheitsgrad
verantwortlich ist.
U:(Geen, 1984): Angeblich wurde die Wirkung von Lärm auf Lernleistungen untersucht.
Einige Vpn sollten ihren Geräuschpegel selbst einstellen, andere bekamen ihn vorgesetzt. Drei
wichtige Ergebnisse:
(1) Extravertierte wählten höhere Lautstärken.
(2) Bei selbstgewählter Lautstärke war die Herzrate bei Intro- und Extravertierten gleich.
Wenn Introvertierte einen von anderen Introvertierten eingestelten Geräuschpegel hatten, war
das genauso Ok, wenn sie dagegen einen von Extravertierten eingestellten Pegel hörten, stieg
ihre Herzrate an. Umgekehrt sank die Herzrate bei Extravertierten, die den vin Introvertierten
gewählten Geräuschpegel dargeboten bekamen.
(3) Introvertierte schließlich waren in den Aufgaben besser, wenn sie einen von Introvertierten eingestellten Pegel hörten, Extravertierte waren am besten bei extravertier eingestellten
Geräuschen (p. 166).
Nach Claridge (1967) sind Introvertierte bei Vigilanzaufgaben besser wegen des höheren
Aktivierungsniveaus. Nach Eysenck (1983) reagieren Extravertierte stärker auf Alkohol (p.
166 - nochmal lesen und überdenken).
Biological Basis of Emotionality:
Auch für seinen zweiten Traits (Emotionale Stabilität/ Neurotizismus) hat Eysenck eine
biologische Basis postuliert, nämlich die Erregun an den “Emotionszentren” des Gehirns [also
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am Limbischen System, oder wo?]. Diese emotionale Erregung/Aktivierung kann auch die
coricale Aktivierung beeinflussen.
Zwei weitere Konsequenzen: (1) Die Reaktionen von Intro- und Extravertierten kann
beeinflußt werden.
(2) Die emotionale Erregbarkeit beeinflußt die Konditionierbarkeit.
Introvertierte werden wegen ihrer höheren Aktiviertheit leichter konditioniert als Extravertierte. Wann immer eine emotionale Reaktion möglich ist, ist auch Konditionierung möglich.
Weil Konditionieren allerdings häufig über negative Assoziationen verläuft (d.h.
Unterdrückung von Verhalten, Vermeidungslernen(?)), sollten Introvertierte anfälliger sein für
Depressionen und Ängste.
Wie ist es nun, wenn Extraversion kombiniert ist mit leichter emotionaler Erregbarkeit. Weil
der Aktivierungsgrad nicht hoch ist, werden Extravertierte nicht so leicht konditioniert.
Dagegen sind sie impulsiver (p. 168) und zeigen “poorly socialized behavior”. Psychopathie,
Soziopathie und Antisoziale Persönlichkeiten sind die vorzüglich extravertierten Krankheitsbilder.
Kombinationen von Extra- und Introversion und Emotionalität und Stabilität ergeben die vier
Tempermantstypen.
A different view of Brain Functions: Approach and Inhibition:
Gray (1970, 1987) schlug zwei Systeme vor, die für Annäherung und Vermeidung zuständig
sind: BAS und BIS.
BAS (Behavioral Approach System oder Behavioral Activation System): Suche nach
Belohnung, Vorfreude, generell positive Emotionen.
BIS (Behavioral Inhibition System): Verhindert betimmte Aktionen, Angst, Gefahr,
Bestrafung, Unterdrückung.
Diese beiden bilden das Fundament für die Persönlichkeit. Menschen mit einem ausgepräg-ten
BAS sind sehr sensibel gegenüber Hinweisen auf Persönlichkeit. Der Terminus ist hier
“Impulsivität” (p. 170), der die Variation im BAS beschreibt.
Menschen mit einem ausgeprägten BIS sind sehr vorsichtig gegenüber Hinweisen auf Mißerfolg oder Bestrafung. Diese Skala wird “Ängstlichkeit” (“Anxity”) genannt.
Eine Kombination der Ausprägungen von BIS und BAS ergibt die verschiedenen Persönlichkeiten.
Comparison with Eysenck’s Theory:
Gray nimmt an, daß Extraversion und Emotionalität nicht Qualitäten an sich sind, sondern
sich aus Ängstlichkeit und Implusivität ergeben, gerade so, wie rechts
in der Graphik dargestellt (Figure 7.3, p. 171).
Belegt wurden diese Thesen durch zahlreiche
empirische Untersuchungen: Introvertierte
sagten z.B., daß sie ein anstehendes Wettspiel
als eher unangenehm empfänden, während sich
Extravertierte eher darauf freuten.
Desweiteren schenken Introvertierte negativen
Stimuli mehr und leichter Aufmerksamkeit.
Insgesamt scheinen Introvertierte eher auf negative Stimuli zu reagieren als Extravertierte.
Nach Gray lassen sich auch einige Befunde Eysencks besser mit seinem Modell erklären. Bei
Eysenck ergab sich angstbasierte Störungen aus einer Kombination von hoher Emotionalität
und Introversion. Dabei ist es aber leichter, solche Störungen auf ein ausgeprägtes BIS
zurückzuführen.
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Es gibt viele Unterschiede zwischen Gray und Eysenck. Eysencks Emotionalität bezieht sich
vor allem auf negative Emotionen, wohingegen Grays Konzept sich sowohl auf positive als
auch negative Emotionen bezieht.
Wie wird Emotionalität gemessen? Grays Extraversion ist nicht die gleiche wie Eysencks
Extraversion. Man kann auf jeden Fall nicht die Ausprägung des BAS durch Extraversion
messen. Carver & White (1994) haben eine neue Skala konstruiert, mit der man das BAS
messen kann.
Gray ignoriert dagegen vollkommen den Aspekt der Soziabilität. Die ist in seinem
Extraversionskonzept nicht vertreten. Man könnte vielleicht Impulsivität als Reaktivität ggü.
sozialen Stimuli betrachten, aber so war es wohl ursprünglich nicht gemeint.
Approach, Avoidance, and Affective Experience:
BIS und BAS sind eher auf subcorticalen Ebenen lokalisiert. Dennoch meinen Davidson et al.
(1992), daß auch die Frontallappen hier eine Rolle spielen können. Furcht und andere Vermeidungsgefühle sind vielleicht in einem System im rechten frontalen Cortex untergebracht,
Freude und Annäherungstendenzen dagegen in einem System im linken Frontalcortex.
Tellegen und Watson schlagen vor, daß es Positive und Negative Affektivität geben könnte,
d.h. die Disposition, eher positive oder eher negative Gefühle zu haben.
Beim direkten Vergleich gibt es einen “slight advantage” zur Theorie Eysencks (p. 173).
Sensation Seeking (Zuckerman, 1971, 1994):
Nach Marvin Zuckerman et al. sind Leute, die stark sensationssuchend sind, Menschen, die
immer auf der Suche sind nach neuen, komplexen und aufregenden Erfahrungen. Sie sind
schnellere Autofahrer, nehmen eher Drogen und Alkohol, treiben Extremsportarten und
zeigen auch antisoziales, riskantes Verhalten. In der Army sind sie eher die Freiwilligen für
Kampfeinsätze. Außerdem mögen sie eher expressionistsische Kunst. Gleichzeitig sind sie
aber auch offener gegenüber neuen Erfahrungen, wie z.B. Meditation. Es sind also v.a. neue,
ungewöhnliche Erfahrungen, und nicht so sehr unbedingt immer der Kick.
Nach Zuckerman gibt es eine starke Verbindung zu Eysencks “Psychotizismus”, welcher aber
eher “Psychopathie” oder “Soziopathie” genannt werden sollte (wg. des Verstoßes gegen
soziale Konventionen bei der Sensationssuche).
Biological Functions of Sensation Seeking:
Leute mit ausgeprägtem Drang nach “sensation seeking” öffnen sich eher neuen Erfahrungen.
Diese Leute zeigen eher eine Orientierungsreaktion (OR) und keine “Defense Response”
(DR). Beide Reaktionen haben ein eigenes physiologisches Erregungsmuster.
“High Sensation Seekers” sind “Augmenters” [“to augment” - vergrößern, zunehmen], die auf
eine Reihe zunehmender Stimuli mit erhöhter Corticaler Aktivitä reagieren. Umgekehrt sind
“Low Sensation Seekers” eher “Reducers”, die auf solche Stimuli mit niedrigeren Hirnaktivitäten reagieren (p. 175). Insgesamt versuchen sich die “Low Sensation Seekers” immer
gegen eine Überstimulation zu schützen.
Beides hat übrigens Vorteile. “High Sensation Seekers” funktionieren in Extremsituationen
besser (z.B. im Kampf - der Terminator war also bestimmt ein Sensation Seeker...), zeigen
aber auch häufiger antisoziales Verhalten.
Brain Functions and Behavior: What do we know?
Alles, was wir bisher behandelt haben, war nur Stückwerk. An einer biologischen Persönlichkeitstheorie mangelt es bisher noch. Eysencks Theorie ist am weitesten ausgearbeitet.
Wichtig sind auf jeden Fall Annäherungs- und Vermeidungstendenzen in biologischen
Theorien.
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Hormones and Personality:
Die männlichen Sexualhormone sind bes. Testosteron. Die weiblichen Östrogene und
Progesteron.
Bei der embryonalen Entwicklung der physischen Geschlechtsmerkmale spielen die Hormone
das erste Mal eine wichtige Rolle. Unter Einfluß von Testosteron bildet ein Embryo
männliche Merkmale (auch im Nervensystem) aus. Es gibt sogar Effekte auf die Neurone usw.
Weibliche Gehirne sind offenbar stärker vernetzt zwischen den beiden Hirnhälften. Auch die
Gehirhe von Homosexuellen sollen von ihrer Struktur her einem weiblichen Gehirn ähnlicher
sein.
Early Hormonal Differences and Behavior:
U:(Reinisch, 1981): Vergleich von Kindern, deren Mütter während der Schwangerschaft
synthetische Hormone bekommen hatten. Die Kinder sollten auf fiktive Situationen reagieren.
Die “Hormon-Gruppe” (Mädchen und Jungen) wählte häufiger die Aggression als fiktive
Reaktion. Außerdem wählten mehr Jungen diese Antworten als Mädchen.
U:(Berenbaum & Hines, 1992): Kinder mit einem genetischen Defekt und deshalb ständig
erhöhtem Androgenspiegel bis kruz nach der Geburt. Mädchen wählten häufiger Jungenspielzeug. Bei Jungen kein Unterschied.
Testosterone and Adult Personality:
Besonders viele Untersuchungen von Dabbs und Mitarbeitern: Mehr Gefängnisinsassen mit
hohem Testosteronspiegel verstießen gegen die Regeln innerhalb des Gefängnisses.
Außerdem waren unter den 11 Insassen mit dem höchsten Testosteronspiegel 10 mit einer
Körperverletzung (“violent crime”), dagegen unter den 11 mit den niedrigsten nur 2 mit einer
Körperverletzung als Straftat.
Unter US Veteranen mit hohem Testosterongehalt im Blut waren mehr, die “gone AWOL”
während ihrer Zeit dort, mit mehr Sexualpartnern und höherem Drogen- und Alkoholmißbrauch. Schon in der Jugendzeit mehr Streß mit Lehrern und Eltern.
Insgesamt waren mehr Leute mit niedrigem SES (Sozioökonomischem Status) darunter.
Sozialer Abstieg also bei erhöhter Gefahr antisozialen Verhaltens und schlechtere Bildung.
Mit höherem Testosteronspiegel weniger verheiratet, schneller geschieden, mehr außerehelicher Sex und mehr heimischer Mißbrauch (“domestic abuse”).
Cycles of Hormones and Action:
Nach positiven Erfahrungen, nach “sexual intercourse” (für Männer und Frauen) und nach
“success at a competive event” ein höherer Testosteronspiegel als Reaktion. Insgesamt ein
“Spiraleffekt” (d.h. Testosteron steigert die Intensität des Erlebten..).
Die Verbindung zur Evolution: Männer hatten wohl einen Selektionsvorteil bei aggressiverem
Verhalten. Ironischerweise ist der einstmalige Vorteil mittlerweile zum Nachteil avanciert
(erinnere Dich an die höhere Scheidungsrate, den geringeren SES usw.).
Assessment:
EEG mit alpha-, beta-, delta- und theta-Wellenmustern. Theta-Wellen nur bei Kindern und
Erwachsenen mit Soziopathie. Unterschiedliche psychische Erfahrungen ergeben unterschiedliche Muster im EEG.
DST (dexamethasone suppression test): Dexamethason unterdrückt die Porduktion von
Cortisol im Cortex.
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Nach Eysenck sind Introvertierte eher depressiv und ängstlich, Extravertierte dagegen eher
soziopathisch. Die Tatsache, daß Soziopathen durch Bestrafung nicht so gut lernen, wurde
empirisch bestätigt.
Medication in Therapy: Behandlung von Persönlichkeitsstörungen durch Medikamente? Zum
Teil recht vielversprechende Befunde, aber schlimme Nebenwirkungen. Prozac, ein neues
Antidepressivum, scheint gleichzeitig die Persönlichkeit zu ändern (die Leute sind weniger
ängstlich, belastungsfähiger, entscheidungsfreudiger, dominanter...).
Die Grenzen zwischen Behandlung einer Störung und Veränderung der Persönlichkeit sind
fließend geworden.
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