Hendrik Huelz / Michael Eichinger

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29.11.02 - Eichinger/Hülz
5. Der ökumenische Beitrag der einzelnen Kirchen 2 (S. 95-134)
Ganz im Gegensatz zur Kirchenspaltung zwischen Ost und West kann die Trennung der
Kirche in Folge der Reformation an konkreten Namen und Daten festgemacht werden.
Ausgangspunkt sind die Missstände innerhalb der Kirche, aber auch die kulturellen
Umbrüche. Aus den Reformen, die sich notwendig daraus ergaben, wurde durch ein scharfes
Vorgehen eine Reformation, die dann zur Kirchenspaltung führte. An dieser Stelle schließt
sich die Anfrage an, inwieweit haben die Reformatoren über ihr Ziel hinausgeschossen,
inwieweit war ihnen eine solche Reaktion auch nur möglich? Wenn heute die Kirchen der
Reformation und die katholische Kirche in einen ökumenischen Dialog eintreten, darf man –
bei aller Berücksichtigung des heutigen Selbstverständnisses – die Situation (Forderungen der
Reformatoren, Missstände) der Reformationszeit und die „gemeinsame“ Zeit davor nicht
übersehen. Hier ist zu bedenken, dass etwa Luther eine Abspaltung der Kirche nicht
beabsichtigt hat, dass offene Aussagen seinerseits bis heute gegensätzliche Interpretationen
hervorgerufen haben. Müssten sich die Kirchen der Reformation heute nicht bewusst sein,
dass ihr gegenüber von damals nicht mehr das gegenüber von heute ist? Interessant ist etwa,
dass Forderungen Luthers heute in der „alten Kirche“ nicht mehr wegzudenken sind oder aber
dass es im Augsburger Bekenntnis von 1530 „in der Lehre von Gott, von der Erbsünde, vom
Sohn Gottes, in der Lehre von der Rechtfertigung, vom Predigtamt, von der Kirche, vom
heiligen Abendmahl, von Beichte und Buße, vom Glauben und den guten Werken, vom
Dienst der Heiligen“ (Neuner 103) Übereinstimmungen zwischen Reformatoren und
„Altgläubigen“ gab, die erst in späterer Zeit aufgehoben und als kontrovers und
kirchentrennend empfunden wurden. Zu bedenken ist auch, dass Aspekte wie Verweigerung
des Laienkelches, die Geringachtung von Messe und Beichte, die Bedeutung der Speise- und
Fastenvorschriften oder die weltliche Macht der Bischöfe, die in der Cofessio Augustana als
Missstände genannt werden, heute in der katholischen Kirche nicht mehr festzustellen sind.
Andererseits darf man aber auch die Anfrage an die katholische Kirche stellen, inwieweit sie
mit den „Reformatoren“ von heute umgeht und inwieweit sie bereit ist, diese ernst zu nehmen
und zu integrieren.
Die lutherischen Kirchen
In Bezug auf Ökumene verhalten sich die lutherischen Kirchen eher zurückhaltend, da für sie
die wahre Einheit der Kirche als unsichtbare Größe verstanden wird. Bleibt man bei diesem
Verständnis von Ökumene, wird deutlich, dass die lutherischen Kirchen andere
Organisationsformen neben sich akzeptieren. Es reicht ihnen, wenn diese das Evangelium in
rechter Weise predigen und die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß spenden (vgl. S. 105).
Aus diesem Grund schlossen sich die lutherischen Kirchen auch erst spät (1947) zum
Lutherischen Weltbund zusammen. Nicht unbedeutend ist die Gründung des Institutes für
Ökumenische Forschung in Straßburg (1965), an der die lutherischen Kirchen wesentlich
beteiligt waren, was sich in dem Verständnis „Einheit als versöhnte Verschiedenheit“
ausdrückt. In Beziehung zu den anderen reformatorischen Kirchen besteht untereinander eine
Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft und eine gegenseitige Anerkennung als Glieder der
einen Kirche Christi. Des weiteren gibt es eine Interkommunion mit der anglikanischen
Kirche, den Altkatholiken, den Methodisten und Mennoniten. Die lutherische Kirche steht im
ökumenischen Gespräch mit der Orthodoxie, wobei überwiegend ekklesiologische Themen
eine Rolle spielen. Dass gerade die Ekklesiologie Mittelpunkt der Gespräche ist, erstaunt, da
die Orthodoxie sich nicht wie bei den meisten protestantischen Kirchen als Konfession neben
anderen, sondern als die Kirche Christi versteht und die Orthodoxen auf der Tradition
beharren. Wären dann nicht auch Gespräche in dieser Hinsicht zwischen protestantischen
Kirchen und Katholiken erforderlich und möglich, zumal Protestantismus und Katholizismus
eine engere Verbindung zueinander haben (geschichtlich, geographisch). Über einen Dialog
zur katholischen Kirche schreibt Peter Neuner in seinem Buch nicht einen Satz. Warum?
Der reformierte Protestantismus
Zwischen den reformierten Kirche besteht eine Einheit untereinander, wobei die
verschiedenen Bekenntnisse gewahrt bleiben. Die wahre Kirche ist unsichtbar, zu ihr gehören
alle Christen mit einer evangelischen Gesinnung und der Treue zum Evangelium. Durch die
große Selbstständigkeit und Freiheit der Ortsgemeinde, die ihr Bekenntnis und ihre
Kirchenstruktur selbst wählen kann, konnten sich mehrere voneinander unabhängigen
Kirchen entwickeln, ohne dass man darin eine Gefährdung sah. Der Gedanke der Einheit, die
sich am Ort vollzieht, und die Idee einer konziliaren Begegnung der Ortskirchen
untereinander war wegweisend für die moderne ökumenische Bewegung. Der Reformierte
Weltbund als erster konfessioneller Weltbund bildet auf dem Weg des ökumenischen
Gesprächs einen wichtigen Meilenstein innerhalb der reformierten Kirchen. Sie haben eine
offene Haltung gegenüber anderen Kirchen und Gemeinschaften mit anderen Bekenntnissen.
Abendmahlsgemeinschaft besteht mit den Altkatholiken und den Anglikanern. Zwar gibt es
auch einen offiziellen Dialog mit Rom, der sich aber als schwierig erweist. Warum?
Ebenso werden deren Ämter und Sakramente anerkannt. Die reformierten Kirchen waren sich
von Anfang an ihrer Zugehörigkeit und eines notwendigen Austausches bewusst unter
Beibehaltung der großen Vielfalt. Ingesamt erscheint diese Einstellung - bei aller
Anerkennung ihrer ökumenischen Aktivitäten bis zum ÖRK - für die heutige Zeit nicht mehr
sehr ausreichend.
Die anglikanische Kirchengemeinschaft
Erste ökumenische Bestrebungen von Seiten der Anglikaner lassen sich auf den Erzbischof
von Canterbury Thomas Cranmer (16. Jhd.) zurückführen, der um eine Einigung der
protestantischen Kirchen bemüht war. Seitdem ist die ökumenische Ausrichtung der
anglikanischen Kirche lebendig. Sie versteht sich selbst als „via media“ zwischen
Protestantismus und Katholizismus und nimmt somit eine Brückenfunktion zwischen beiden
Kirchen ein. Denn ihre Lehre ist überwiegend protestantisch geprägt, ihr Amtsverständnis und
ihre Liturgie hat sie jedoch von der alten Kirche beibehalten. Im Festhalten an der
apostolischen Sukzession stimmt sie mit Orthodoxie und Katholizismus überein. Innerhalb
des Anglikanismus gibt es verschiedene Ausrichtungen, wie etwa anglokatholisch,
evangelikal, Oxfordbewegung. Durch ihre Vielgestaltigkeit verstehen sich die Anglikaner als
eine Gemeinschaft (anglican communion), in der alleine Einheit vollzogen wird. Aber auch
mit Kirchen anderer Traditionen sind sie bereit ins Gespräch zu kommen. Bei der 3. LambethKonferenz 1888 wurden vier Punkte (Lambeth-Quadrilateral) formuliert, die einerseits für die
Einheit der Kirche vonnöten sind, aber andrerseits auch eine Basis für Unionsverhandlungen
darstellen können (vgl. S. 125). Diese sind Anerkennung der Schrift, des
Glaubensbekenntnisses von Nizäa, von Taufe und Abendmahl sowie die apostolische
Sukzession. Wo diese Bedingungen erfüllt sind, ist eine Union für die Anglikaner möglich.
Bereits seit 1931 besteht eine Interkommunion mit der altkatholischen Kirche, die 1961 in
eine volle Gemeinschaft beider mündete. Gespräche mit den Orthodoxen reichen bis ins 17.
Jh. zurück, die jedoch durch die Frauenordination und die Interkommunion mit der
evangelischen Kirche einen schweren Rückschlag erlitten. Der ökumenische Dialog mit den
Katholiken ist erst nach dem II. Vatikanum fruchtbar geworden und eine weitreichende
Einigung in Fragen Eucharistie, Amt, Autorität in der Kirche, Ekklesiologie und
Rechtfertigungslehre konnte erzielt werden. So gibt es doch einige Punkte, die eine Basis für
das ökumenische Gespräch bilden und die weitere Meilensteine auf dem Weg zur Einheit
sind. Ich kann mich noch gut an die Bilder in Zeitungen und Fernsehen von der ökumenischen
Feier zur Öffnung der Heiligen Pforte in St. Paul vor den Mauern erinnern, wo gemeinsam
Papst Johannes Paul II., der orthodoxe Metropolit Athanasios und Erzbischof Carey von
Canterbury an der Schwelle knien, ein Evangeliar in alle vier Himmelsrichtungen erheben und
sich einander den Friedensgruß geben. Ich denke, dass gerade solche Gesten zeigen, wie
wichtig doch die Einheit der Kirche ist und wie sehr doch viele bemüht sind, diese zu
erreichen.
Die Freikirchen
Die Freikirchen sehen sich selber als wahre Erben der Reformation (vgl. S. 128).
Charakteristisch ist eine bewusste freie Entscheidung zum Glauben. So wird demnach auch
etwa die Kindertaufe abgelehnt. Denn nicht durch Geburt gehört man einer Freikirche an,
sondern durch eigene Überzeugung, durch diese tritt man ihr bei. Aus ihrem Verständnis
heraus sind sie logischerweise nicht an dogmatische Lehren oder Bekenntnisschriften
gebunden, vielmehr spielen individuelle Erlebnisfrömmigkeit und geisterfülltes Zeugnis in
der Öffentlichkeit eine große Rolle. Scheinbar ist es nicht erforderlich den Glauben
intellektuell zu durchdringen, sondern der Glaube soll vor allem das Herz erfassen und es
erfüllen. Dem steht „Fides et Ratio“ von Johannes Paul II. von 1997 entgegen, wo gerade eine
intellektuelle Durchdringung des Glaubens als wichtig angesehen wird und sich Glaube und
Vernunft keinesfalls widersprechen. Unter den Freikirchen gibt es unterschiedliche Gruppen,
die jeweils unterschiedlich ökumenisch ausgerichtet sind, wobei die meisten eher
aufgeschlossen sind. Sie kennen auch Angehörige anderer Gemeinden als Glieder der Kirche
Christi an, jedoch nur in ihrem Sinne „wahrhaft Glaubende“. Die Ablehnung der
Volkskirchen mit ihren Strukturen macht meines Erachtens die ökumenische Arbeit zwischen
Freikirchen und den großen Kirchen schwer, dies schildert auch Peter Neuner. Neben
ekklesiologischen Problemen nimmt natürlich die persönliche Freiheit eine höhere Stellung
ein. Sie sind grundsätzlich radikaler als die Volkskirchen, dahingehend, dass sie strikt
Eidesleistung und Wehrdienst ablehnen und die völlige Trennung von Staat und Kirche
fordern. Aus eigenen Beobachtungen fällt mir auf, dass die Freikirchen an den Glauben und
an seine Ausbreitung in der Welt oft mit mehr Enthusiasmus heran gehen als etwa die großen
Kirchen hierzulande. Sie gehen auf die Straßen und berichten den Leuten aus ihrem Innersten
heraus von Christus. Vielleicht können wir auch etwas davon lernen, da doch Christus uns
dies selbst geboten hat (vgl. Sendungsauftrag). Oft trauen sich die Menschen nicht einmal
mehr öffentlich zu sagen, dass sie an Gott glauben, geschweige denn sprechen sie andere auf
ihren Glauben an oder erzählen von Christus als unseren Lehrer und Retter. In dieser Hinsicht
ist es auch meiner Ansicht nach Teil der Ökumene, von anderen Kirchen zu lernen.
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