3. Theoretische Erkenntnisse über Nachbarschaft

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13.12. Nachbarschaft: Das Dorf in der Stadt – Teil 1
Veranstaltung: Einführung in die Stadtsoziologie
Dozent: Dr. N. Gestring
Datum: 13.12.2004
Kurzreferat: „Einführung in das Thema: ‚Nachbarschaft, das Dorf in der Stadt’ “
Literatur: Hamm, Bernd 1998: Nachbarschaft. In: Häußermann, Hartmut (Hg.):
Großstadt Soziologische Stichworte. Opladen: Leske + Budrich, 172-181
Referentin: Brigitta Prömpeler
1. Das Problem
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Dem Begriff der Nachbarschaft wird nur wenig Aufmerksamkeit in der
sozialwissenschaftlichen Literatur zu Teil, obwohl kaum ein anderer Beziehungstypus den
wechselseitigen Zusammenhang zwischen sozialer und räumlicher Organisation von
Gesellschaft so konkret, so elementar und so unmittelbar erfahrbar macht wie die
Nachbarschaft. Dafür mag ihre Alltäglichkeit und Banalität verantwortlich sein.
Die öffentliche Diskussion ist bei der Frage nach der Bedeutung von Nachbarschaft
ambivalent
 wird durch die Vorstellung geprägt, dass in Großstädten keine Nachbarschaft mehr existiert
 es gibt eine neue Euphorie, die große Hoffnungen in die Nachbarschaft gerade dort setzt,
wo es gilt die Defizite des politischen und wirtschaftlichen Systems auf lokaler Ebene
auszugleichen
2. Definition von Nachbarschaft
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Nachbarschaft ist eine soziale Gruppe, die primär wegen der Gemeinsamkeit des Wohnorts
interagiert.
Unterschied zu anderen Primärgruppen: Bindung an den Ort der Wohnung
Wohnung als Extension des Selbst (soziale Einheit Haushalt) trägt alle Merkmale eines
Territoriums:
 Mitglieder verbringen dort erheblichen Teil ihrer Zeit
 ist der Ort der Reproduktion
 wird als Besitz betrachtet
 rechtlich geschützt
 nach außen markiert
 notfalls verteidigt
Nachbarschaft als Extension des Haushalts ist ein erweitertes Territorium
3. Theoretische Erkenntnisse über Nachbarschaft
a) Nachbarschaftliche Beziehungen gehen von Wohnungen aus.
 Personen sind auswechselbar.
 Nachbarposition wird einem zugeschrieben.
 Nachbar ist man ob man will oder nicht.
 Es bleibt einem weitgehend überlassen wie man diese Rolle ausfüllt.
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b) Räumliche Nähe ist das Kriterium für die Auswahl der möglichen, der überhaupt zur
Verfügung stehenden Interaktionspartner.
 Gemeinsamkeiten entscheiden über die faktische Interaktionsdichte.
 Nachbarbeziehungen werden als umso befriedigender beurteilt (Interaktionsdichte steigt),
je größer die Zahl der gemeinsamen Bezugsgruppen ist.
 In sozial homogenen Nachbargruppen kann die Interaktionsdichte als Funktion der
Entfernung der Wohnungen voneinander beschrieben werden
c) Nachbarschaft ist eine soziale Bezugsgruppe, an deren Normen sich das Verhalten der
Menschen orientiert.
 Gesamtzahl der Bezugsgruppen (außerhalb der Nachbarschaft) und Werthierarchie, mit
der eine Gesellschaft diese belegt, entscheiden über die faktische Bedeutung der
Nachbargruppe für die Orientierung sozialen Verhaltens.
 In unserer Gesellschaft: Positionen, die mit dem Erwerb von Einkommen verbunden sind,
werden tendenziell am höchsten bewertet.
 Soziale Status der Nachbarposition ist daher im Durchschnitt relativ gering.
d) Die Zahl der Bezugsgruppen, denen jemand angehört unterscheidet sich nach Schicht,
Lebensphase und Position in der Familie.
 steigt bei zunehmendem Einkommen, zunehmender Bildung und höherer beruflicher
Stellung
 ändert sich im Lebenslauf: steigt > Kulminationspunkt >sinkt
 abhängig von familiärer Position: erwerbslose Hausfrau,Hausmann und alte Menschen
(Nachbarschaft wichtige verhaltensprägende Bedeutung) / berufstätige Mann, Frau
 für Kinder ist die Nachbarschaft neben der Familie die dominierende Bezugsgruppe
e) Nachbarliches Verhalten richtet sich nach Normen, die unterschiedlich verpflichtenden
Charakter haben.
 Muss- und Soll-Erwartungen sind formal fixiert und gelten als Minimalerwartungen
(Verletzungen solcher Normen führen häufig zu Rechtsstreitigkeiten).
 Verbindlichkeit der Kann-Erwartungen (wichtigste: Distanznorm) nimmt mit dem Status
der Nachbarposition zu und mit der Zahl der Bezugsgruppen, denen einE NachbarIn
angehört, ab.
f) Es gibt bestimmte Verhaltenserwartungen an Nachbarn.
 Nothilfe
 Sozialisation
 Kommunikation
 Soziale Kontrolle
 Die von Nachbarn erbrachte Leistungen sollen gegenseitig und gleichwertig sein.
 Nachbarschaft hat eine größere Bedeutung in Situationen, in denen öffentliche
Infrastrukturen oder privat-kommerzielle Dienstleistungen nicht ausreichend zur
Verfügung stehen (Vergangenheit, ländlicher Bereich außereuropäische Gesellschaften).
 In Europa (obrigkeitsstaatliche Vergangenheit, Staat will alles kontrollieren) kommt ihr
relativ geringe Bedeutung zu.
 Wenn bestimmte Dinge vom Staat nicht mehr zu leisten sind, wird die Nachbarschaft
wichtig.
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g) Je intensiver die Nachbarschaft, desto intensiver ist die soziale Kontrolle (formell und
informell)
 Besuche von Nachbarn in deren Wohnungen sind eher die Ausnahme (Fehlplanung bei
Architekten, die große Nähe provoziert haben).
 Reiche Haushalte nehmen Dienstleistungen außerhalb der Nachbarschaft wahr,
nachbarschaftlicher Austausch beschränkt sich auf das Grüßen
 Man sollte Leistungsfähigkeit von Nachbarschaft nicht überschätzen
 Intensität von Nachbarschaft und sozialer Kontrolle steigt mit der Homogenität der
Wohnbevölkerung in einem Quartier und nimmt in dem Maße zu, in dem Menschen auf sie
angewiesen sind.
h) Die Größe des Wohnortes scheint wenig erklärungskräftig zu sein
 Die Größe des Wohnorte fügt den oben entwickelten Zusammenhängen keine eigene
Dimension mehr hinzu (gegen landläufige Überzeugung)
 Menschen leben in der Großstadt nicht in der ganzen Stadt oder im Zentrum, sonder in
einzelnen Quartieren (Vierteln).
 Es gibt die Nachbarschaft in der Großstadt.
i) Die Bevölkerung städtischer Wohngebiete ist relativ homogen zusammengesetzt.
 Als Folge solcher Segregation lassen sich aus der Kenntnis der wesentlichen Merkmale der
Quartiersbevölkerung leicht plausible Hypothesen über den wahrscheinlichen Charakter
nachbarlicher Beziehungen ableiten.
 Alle Wohnquartiere sind von einer gewissen sozialen Heterogenität geprägt (bis auf z.B.
Kasernen oder Wohnheime), diese ist aber begrenzt.
 Eigene Geschichte der Quartiere > gleicher Preis, gleiche Größe
k) Standortqualitäten, Größe, Qualität und Preis der Wohnungen wirken als Filter.
 es bleiben drei Bündel von Variablen, deren Entwicklung den Charakter nachbarlicher
Beziehungen in Wohnquartieren bestimmt:
- Zusammensetzung der Wohnbevölkerung
- Die jeweils vorhandenen Wohnungen
- Spielräume städtischen Handelns
 sie haben alle lokale und überlokale Determinanten
 jenseits dieser theorieorientierten Fragen lassen sich zahlreiche Probleme von hoher
praktischer Aktualität nennen:
4. Praxisrelevante Fragen
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Kann Nachbarschaft an die Stelle von öffentlich finanzierten Infrastrukturen treten?
Kann sie Basis gesellschaftlicher, evtl. politischer Organisation sein, und unter welchen
Bedingungen?
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