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Ansprache – Gründonnerstag 2015
„Gott liebt diese Welt…“. So haben wir zu Beginn dieses Gottesdienstes gesungen. Seine Liebe zeigt sich in Taten und Haltungen, die uns die Schrifttexte zum
heutigen Tag aufzeigen.
Gott zeigt, dass er diese Welt liebt, weil er Menschen, die in Gefangenschaft leben, in die Freiheit führt. Im Gegensatz zum jüdischen Volk leben wir nicht in äußerer Knechtschaft. Wir fühlen uns frei. Selbst die letzten moralischen, sozialen,
gesetzlichen oder menschlichen Zwänge und Tabus versuchen wir abzuschütteln,
um so gut wie möglich unser Recht auf Selbstbestimmung wahrzunehmen. Doch
wird dieses Recht auf Selbstbestimmung, unsere Freiheit dort eingeschränkt, wo
menschliche Unvollkommenheit zum Durchbruch kommt. Das Recht auf Selbstbestimmung von 149 Menschen endete, als ein Pilot ein vollbesetztes Flugzeug
mit in den Tod reißt. Unser Recht auf Selbstbestimmung endet dort, wo eine
Krankheit unsere Freiheit auf Lebensgestaltung einschränkt und uns aufs Sterbebett zwingt. Das Recht auf Selbstbestimmung endet, wenn Terroristen und organisierte Verbrecherbanden durch Angsteinflößung und Gewalt ganze Volksgruppen
und Stadtteile beherrschen und die Gesellschaft destabilisieren. Unser Recht auf
Selbstbestimmung endet dann, wenn uns die finanziellen Mittel fehlen, um berechtigte Wünsche wahr zu machen. Unsere Freiheit steht auf sehr wackligen Beinen, und wenn wir genau hinschauen, dann erkennen wir, dass wir in vielem gar
nicht so frei sind, wie wir meinen frei zu sein.
Nein, in äußerer Gefangenschaft leben wir nicht. Dafür erleben wir zu Genüge innere Knechtschaft, aus denen wir nicht ausbrechen können: Süchte, Krankheiten,
mangelnder Weit- und Durchblick, unbewegliche Intelligenz, Präpotenz und Inkompetenz, Hass, Streit, Bosheit, Gier, Stolz sind allgegenwärtige Zeichen
menschlichen Verhaltens, die nicht nur jene einengt, die darunter „leiden“, sondern ebenso jene, die mit diesen Menschen leben. Und es wäre ein großer Irrtum,
ja vielmehr Dummheit, zu meinen, dass unter all dem Gesagten nur andere leiden.
Gott liebt diese Welt, weil er in die Freiheit führt. Gott zeigt, dass er diese Welt
liebt, weil er Erleuchtung und Weitsicht schenkt, weil er Wege weist, die aus dieser Gefangenschaft hinausführen. Dazu hören wir in jedem Gottesdienst Texte aus
der Bibel. Wir hören sie, damit wir darüber nachdenken. Nachdenken schärft unseren Intellekt. Nachdenken stärkt unsere Selbstwahrnehmung. Nachdenken vermindert Kurzschlussreaktionen, Nachdenken öffnet uns Wege, die wir auf Anhieb
nicht sehen. Durchs Nachdenken entdecken wir, dass durch diese Worte Gott
selbst zu uns spricht. Wir hören in unseren Gottesdiensten die biblischen Texte,
damit wir uns von ihnen herausfordern lassen, über sie nachdenken und sie so unser Leben bereichern. Freiheit ohne geistliche Nahrung durch herausfordernde
Texte wie jene aus der Bibel endet bald in Fremdbestimmung und in einer Kette
schlecht überlegter Entscheidungen, weil wir uns im Hin und Her der vielfältigen
Meinungen nicht mehr orientieren können.
In Zeiten der Überforderung und Orientierungslosigkeit brauchen wir Gemeinschaft mit Menschen, die uns Kraft und Hilfe schenken. Gott zeigt, dass er diese
Welt liebt, weil er Menschen zu einer Gemeinschaft versammelt. Gemeinschaft
braucht einen Mittelpunkt und ein gemeinsames Ziel. Gott ist dieser Mittelpunkt
und er gibt uns ein Ziel vor. Wenn wir uns zur Eucharistiefeier versammeln, dann
richten wir uns aus auf den Altar. Dadurch wird klar: Wir versammeln uns nicht
um uns selbst, sondern um jenen, der uns zu einer Gemeinschaft zusammenführt.
Diese Gemeinschaft nennt sich selbst Kirche, ein Wort, das vom griechischen
„kyriake“ abstammt und bedeutet „zum Herrn gehörend“. Unsere Gemeinschaft
gründet auf der Überzeugung, dass wir zum Herrn gehören, zum Herrn, der unsere
Dunkelheiten erhellt und der uns Kraft gibt, damit wir das Leben und seine Herausforderungen nicht nur bestehen, sondern mit Verantwortung und Ausrichtung
auf ihn hin gestalten. Kirchesein, zum Herrn gehören, hat seine Quelle in der Eucharistiefeier, in der der Herr selbst mit seinem Fleisch und Blut gegenwärtig ist.
So stärkt er uns als Einzelne wie als Gemeinschaft, um die Welt und die Menschen in ihr in seinem Sinne zu wandeln, also innere und äußere Knechtschaft zu
überwinden. Das ist nämlich sein Ziel, das Ziel, das wir auch „Erlösung von den
Sünden“ nennen.
Die Befreiung aus innerer Knechtschaft kann nicht mit Gewalt herbeigeführt werden. Der Tod Jesu ist auf die Unvollkommenheit der Menschen zurückzuführen,
eine Unvollkommenheit, die Jesus sagen lässt: Herr, vergib ihnen, denn sie wissen
nicht, was sie tun (vgl. Lk 23,34). Mangelnder Durchblick, Machterhalt, Bosheit,
also menschliche Unvollkommenheit sind oft stärker als Jesu Botschaft. Doch davon lässt sich Gott nicht abschrecken. So zeigt er seine Liebe zur Welt, in dem er
auf die Knie geht, um auch das zu reinigen, was noch der Reinigung bedarf. Er
geht freiwillig auf Knie vor denen, die ihm nachfolgen und mit ihm Mahl halten.
Das gilt auch uns, die wir heute mit ihm Mahl halten und ihm folgen. Denn mögen wir uns noch so stark um äußere und innere Sauberkeit, also um Weitblick,
um Klugheit und um Heiligkeit bemühen: Weil die Welt unvollkommen ist, weil
wir begrenzt sind, stehen wir mit unseren Füßen immer irgendwie im Schmutz der
Sünde. Die Fußwaschung zeigt, dass Gott alles abwaschen will, was den Weg zu
ihm hindert, was uns begrenzt und unvollkommen macht. Im kurzen Wortwechsel
von Petrus und Jesus erfahren wir, wie unsere Gemeinschaft mit Gott bestehen
bleibt. Jesus reinigt Petrus und den Aposteln nur die Füße. Für den Kopf und die
Hände sind die Jünger selbst verantwortlich. Jesus verweist damit auf die Eigenverantwortung jedes Menschen. Für die Sauberkeit des Kopfes und dessen, was er
symbolisiert, nämlich das Nachdenken, das Hören, das Sehen, das Sprechen, sind
wir selber zuständig. Das gleiche gilt für die Reinheit der Hände und für das, was
durch unsere Hände geschieht, nämlich das Handeln, das Umarmen, das Anpacken, das Beistehen, das Abweisen. Jesus reinigt die Füße, nicht aber den ganzen
Körper. Damit er deutlich, dass wir verantwortlich dafür sind, wie wir unsere Zugehörigkeit zum Herrn zeigen und ernst nehmen. Und um diese Selbstverantwortung für das „Anteil haben am Herrn“ (vgl. Joh 13,8) wahrnehmen zu können,
schenkt er uns sein Wort als Orientierung und die stärkende Gemeinschaft im
Mahl.
Gott liebt diese Welt. Er zeigt seine Liebe, in dem er uns in seinem Wort Wege
anbietet, aus der Knechtschaft der Unvollkommenheit aufzubrechen. Er zeigt seine Liebe, in dem er uns Gemeinschaft anbietet hier am Altar. Er zeigt seine Liebe,
weil er freiwillig auf die Knie geht, um uns Anteil zu geben an seinem kommenden Reich und ein Beispiel zu geben, wie wir Zeugen von Gottes Liebe für diese
Welt bleiben. Gott liebt diese Welt. Diese Liebe ist unser Glück. Und sie allein
führt schlussendlich zur Seligkeit.
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